Piero Rossi. Erschienen in: Deutsche Gesellschaft für das hochbegabte Kind e.V. (Hrsg.): Im Labyrinth. Hochbegabte Kinder in Schule und Gesellschaft. Münster: Lit Verlag 2001.
Zusammenfassung
Eine der Ursachen erwartungswidriger Minderleistungen von Hochbegabten (so genanntes Underachievement) ist die Aufmerksamkeitsdefizit-/Hyperaktivitätsstörung (ADHS). ADHS steht für ein Störungsbild, welches primär durch erhebliche Beeinträchtigungen der Konzentration und Daueraufmerksamkeit, Störungen der Impulskontrolle, der emotionalen Regulation sowie fakultativ motorischer Hyperaktivität bestimmt ist. Ähnlich einer Legasthenie, einer anderen Teilleistungsstörung oder einer Entwicklungsstörung, vermag auch eine ADHS die Entfaltung der Persönlichkeit und der Begabungen von Hochbegabten nachhaltig zu behindern. Eine unbehandelte ADHS kann zu Hyperaktivität, zu starker Verträumtheit, zu Entwicklungs- und Lernstörungen, zu störendem Verhalten in Schule, Familie und Freizeit und in einigen Fällen auch delinquentem Verhalten, zu Suchterkrankungen, Depressionen, Angststörungen und anderen psychischen Erkrankungen führen. Die primär medikamentöse Therapie der ADHS ermöglicht in vielen Fällen, dass auch Hochbegabte mit einer ADHS sich und ihre Potenziale entfalten und die soziale Integration leichter vollziehen können.
Ausschnitt
[...]
In der aktuellen Literatur zum Thema Hochbegabung finden sich Listen mit Merkmalen und Verhaltensweisen von hochbegabten Kindern, welche einerseits deren Stärken und positiven Eigenschaften, andererseits mögliche daraus entstehende negative Verhaltensauffälligkeiten beschreiben. Diese Kinder haben demnach nicht nur einen IQ über 130, sie sind auch einfach anders, sehr sensibel und verletzlich, sollen einen grossen Gerechtigkeitssinn zeigen, viel Aufmerksamkeit verlangen, Routine und Leerlauf meiden, unverschämte Fragen stellen, dickköpfig, impertinent und undiszipliniert sein, wenig Schlaf benötigen, über ein hohes Mass an Energie verfügen, übersteigerten Aktivitätsdrang und bisweilen hyperaktives Verhalten zeigen, Details für unwichtig halten, an mangelnder Akzeptanz leiden und sich durch eine beschleunigte und vielfach unkonventionelle Denkweise auszeichnen.
Viele dieser Merkmals- und Eigenschaftslisten lesen sich auf den ersten Blick und über grosse Strecken wie Beschreibungen von Eigenschaften und Verhaltensweisen, welche typisch auch für Menschen mit einer ADHS sind. Autorinnen und Autoren, die sich mit Hochbegabung befassen, weisen denn auch darauf hin, dass hyperaktives und ruheloses Verhalten von unterforderten Hochbegabten fälschlicherweise als Symptome einer ADHS identifiziert werden. Sie betonen, die mit der ADHS assoziierten Verhaltensweisen könnten eine Hochbegabung maskieren, zu Fehldiagnosen führen und in der Folge zu falschen therapeutischen Interventionen verleiten.
Andererseits lehrt die klinische Erfahrung, dass viele Eigenschaften von Hochbegabten (inklusive des hohen IQ) auch bei Kindern und Erwachsenen mit einer ADHS beobachtet werden können. Wie häufig die ADHS bei Personen mit einem IQ über 130 vorkommt, ist allerdings nicht bekannt. Die ADHS soll sich in allen sozialen Schichten zeigen und in der Auftretenshäufigkeit nicht von Bildung oder Intelligenz abhängig sein. Erfahrungen lassen aber vermuten, dass die ADHS bezüglich des IQ nicht normalverteilt ist: Zu häufig stellt man bei Kindern, Jugendlichen und Erwachsenen mit einer ADHS eine überdurchschnittlich gute Intelligenz fest.
Diese Beobachtungen sowie die Feststellung einer auffallend grossen Übereinstimmung von Eigenschaften von Hochbegabten und ADHS-Betroffenen provozieren nicht nur in Laienkreisen immer wieder Fragen nach allfällig vorhandenen strukturellen (genetischen?) Gemeinsamkeiten: Sind Hochbegabte diejenigen, deren ADHS-Disposition sich störungsfrei entfalten konnte? Haben alle ADHS-Patientinnen und -Patienten hohe Intelligenz-Potenziale? Neigen alle Hochbegabten tendenziell zu Problemen, welche gemeinhin mit der ADHS assoziiert werden? Stellen etwa die “Overexcitabilities” (Reizoffenheit, hohe Sensibilität der Sinne) – gemäss der Theorie der positiven Desintegration von K. Dabrowski die Voraussetzung für die Entwicklung einer Hochbegabung (Dabrowski 1964) – den gemeinsamen Nenner von Hochbegabung und ADHS dar?
Die Feststellungen einer grossen Übereinstimmung von grundlegenden Merkmalen und Eigenschaften von Hochbegabten und ADHS-Betroffenen ist unseres Erachtens allerdings mehr von anekdotischer denn von empirischer Evidenz. Unseres Wissens existieren bisher noch keine Studien zu diesen (interessanten) Fragestellungen. Kinder mit besonderen Fähigkeiten und ADHS-Betroffene zeigen in der Tat eine Reihe von Gemeinsamkeiten in ihren Erlebens- und Verhaltensweisen. Nur können nicht einfach Äpfel mit Birnen verglichen werden: Schon die Terminologie zeigt, dass Hochbegabung eine Begabung, eine ADHS hingegen eine Entwicklungsstörung beziehungsweise eine Behinderung darstellt. Während eine Hochbegabung eine Entwicklung zu etwas Besonderem ermöglicht, verhindert die ADHS, dass die Betroffenen ihre Potenziale entfalten können. Beispiel: Einige Kinder mit einer ADHS sind bedingt durch ihre oftmals gute visuelle Merkfähigkeit kleine Genies im Erstellen von grossen Puzzles: Die neue Aufgabe packt sie und sie geben häufig nicht auf, bis das Puzzle fertig ausgelegt ist. Die meisten dieser Kinder sind indes ausserstande, grosse Puzzles ein zweites Mal zu legen. Selbst wenn sie anfangs wollen, sehen sie nach kurzer Zeit die Puzzleteile und das Ganze nicht mehr vor ihren Augen, können nicht mehr kombinieren, ermüden, werden unruhig, verlieren die Spiellust und wenden sich Interessanterem zu.
[...]
Weiterlesen?
Download des vollständigen Artikels:
ADHS – auch bei Hochbegabten? (PDF)
ADHS – auch bei Hochbegabten? (ePub)
ADHS – auch bei Hochbegabten? (mobi)

