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ADHS – Auf einen Blick

Die Bezeichnung ADHS (Aufmerksamkeitsdefizit-/Hyperaktivitätsstörung) ist die Abkürzung für eine psychiatrische Diagnose, welche im Kern durch folgende Merkmale gekennzeichnet ist:

  • Unaufmerksamkeit, Zerstreutheit, Vergesslichkeit
    (obligatorisch für die Diagnose)
  • Hyperaktivität und Impulsivität
    (fakultativ für die Diagnose)

Kernmerkmale Unaufmerksamkeit

  • Übersieht Details, macht viele Flüchtigkeitsfehler
  • Grosse Probleme mit der Daueraufmerksamkeit
  • Hört häufig nicht zu
  • Bringt oft Sachen nicht zu Ende
  • Häufige Probleme mit der Selbstorganisation
  • Grosse Abneigung beziehungsweise Widerwillen, sich länger geistig anzustrengen
  • Häufiges Verlieren und Verlegen von Gegenständen
  • Ist oft leicht ablenkbar
  • Übermässige Vergesslichkeit

Kernmerkmale Hyperaktivität und Impulsivität

  • Ständige Unruhe, Zappeln mit Händen, Füssen
  • Häufiges Aufstehen; Unfähigkeit, sitzen zu bleiben
  • Häufiges, unangepasstes Umhergehen
  • Grosse Schwierigkeit, ruhig zu spielen
  • Innerlich wie “von einem Motor angetrieben”
  • Übermässiges Reden
  • Antwortet oft, bevor die Frage vollständig gestellt wurde
  • Kann nur schwer warten, bis er/sie an der Reihe ist
  • Häufiges Stören und Unterbrechen anderer

Die Merkmale der ADHS müssen beeinträchtigend stark ausgeprägt sein, das Kind in seiner Entwicklung massgeblich ausbremsen, über einen längeren Zeitraum anhalten, in verschiedenen Lebensbereichen auftreten und dürfen nicht eine Folge anderer Erkrankungen oder sonstiger Probleme darstellen.

ADHS ohne Hyperaktivität
Auch ohne Hyperaktivität kann eine ADHS vorliegen. Im Vordergrund stehen dann Konzentrationsschwächen, Ablenkbarkeit, Zerstreutheit, Vergesslichkeit, Unordnung, Langsamkeit und ein schlechtes Zeitgefühl.

Häufigkeit
Von der ADHS sind fünf bis sechs Prozent aller Kinder und rund drei Prozent aller Erwachsenen betroffen.

Verlauf
Oft schon im Kindergarten, meistens aber ab der ersten oder zweiten Klasse zeigen sich ernste Probleme in der Entwicklung von zwischenmenschlichen und schulischen Kompetenzen. Bei einigen Mädchen sowie überdurchschnittlich intelligenten Kindern können sich ADHS-Symptome auch erst später manifestieren. Die Symptome der ADHS sind sehr einschränkend. Sie behindern die persönliche Entwicklung des Kindes in allen Lebensbereichen nachhaltig. Für das betroffene Kind und dessen Familie geht eine ADHS mit Leidensdruck, Schuldgefühlen und Verzweiflung einher. Etwa fünfzig Prozent aller betroffenen Kinder leiden auch als Erwachsene unter den Folgen dieser Störung. Die hyperaktive Symptomatik – sofern vorhanden – verschwindet zwar häufig, die Aufmerksamkeitsprobleme (Zerstreutheit, Planungsprobleme, Ungeduld, schlechtes Zeitgefühl usw.), die emotionalen Störungen (Stimmungsschwankungen, innere Unruhe) und die Impulsivität hingegen halten an.

Folgen der ADHS
Eine unbehandelte ADHS geht durch die Symptomatik selbst sowie deren Folgen (Selbstwertprobleme, Frustration, Aggressionen etc.) immer mit Problemverhalten in Schule, Familie und Freizeit einher. Sie führt zu Lernstörungen, erwartungswidrigen schulischen Minderleistungen, Minderwertigkeitsgefühlen und mündet in einigen Fällen auch in delinquentes Verhalten. Im weiteren Verlauf kann eine ADHS Suchterkrankungen, Depressionen, Angststörungen und andere Beziehungs- und Verhaltensstörungen hervorrufen.

ADHS – Modediagnose?
ADHS-Verhaltensweisen wurden bereits im vorletzten Jahrhundert vom Frankfurter Arzt Dr. H. Hofmann im berühmten “Struwwelpeter” dargestellt. Der englische Kinderarzt G. Still hat zu Beginn des letzten Jahrhunderts dieses Störungsbild erstmals wissenschaftlich beschrieben: Nicht eine schlechte Erziehung oder ungünstige Umweltbedingungen sind für diese Störung verantwortlich, sondern eine angeborene neurobiologische Konstitution, postulierte er. Bei der ADHS handelt es sich um ein seit Jahrzehnten weltweit und intensiv erforschtes Störungsbild. Sie gilt heute als eine der häufigsten Ursachen von Verhaltensstörungen und schulischen Leistungsproblemen.

Ursachen
Als Ursache für die ADHS wird gegenwärtig eine genetisch bedingte neurobiologische Funktionsstörung postuliert (Wissensstand 11/2011). Betroffen sind diejenigen Hirnabschnitte, welche übergeordnete Steuerungs- und Koordinationsaufgaben übernehmen. Das Gehirn kann unwichtige innere und äussere Reize und Impulse schlecht ausfiltern sowie hemmen. Dies führt zu den bekannten Symptomen wie Ablenkbarkeit, Impulsivität und Zappeligkeit. Vor allem in monotonen und subjektiv langweiligen Situationen machen sich die Schwächen der Impulshemmung und der Reizfilterung bemerkbar. Bei subjektiv interessanten Tätigkeiten (oder Themen in der Schule) können sich betroffene Kinder hingegen oftmals erstaunlich gut konzentrieren. Auch das Belohnungssystem ist bei ADHS-Betroffenen nicht altersentsprechend entwickelt. Kinder ohne ADHS können, wenn sie wollen, auch bei Unlust Hausaufgaben erledigen. Die Aussicht auf ein gutes Gefühl oder die Erleichterung nach dem Erledigen der Hausaufgaben setzt in ihnen genügend neuronale Energie frei, um auch ohne sofortige Belohnung und Bestätigung mehr oder weniger motiviert und konzentriert an den Aufgaben dran zu bleiben. Ein unbehandeltes ADHS-Kind hingegen kann – selbst wenn es wirklich will – ohne kurzfristige Bestätigungen und Belohnungen oder engmaschige Begleitung und Kontrolle nicht an den Hausaufgaben dran bleiben. Ausserdem: Ein hoher Konsum von Bildschirmmedien kann ADHS-ähnliche Lern- und Verhaltensstörungen führen oder eine ADHS-Problematik verstärken.

Familiär gehäuftes Auftreten
Überzufällig viele Geschwister, Väter oder Mütter von ADHS betroffenen Kindern leiden ebenfalls unter dieser Problematik. Dies bestätigt, dass es sich bei der ADHS im Kern um eine genetisch bedingte Störung handelt. Erziehungsfehler können ADHS-Probleme verstärken, aber niemals eine ADHS verursachen.

Diagnose
Die Diagnose wird durch die Erhebung der Problematik in allen Lebensbereichen sowie der persönlichen und familiären Lebensgeschichte vor allem klinisch gestellt. Einen “ADHS-Test” gibt es nicht. Nicht nur die ADHS, sondern auch viele andere Entwicklungsstörungen, körperliche und psychische Erkrankungen sowie psychosoziale Belastungsfaktoren können mit Konzentrationsstörungen und Hyperaktivität einhergehen. Eine ärztliche Untersuchung muss das Vorliegen von anderen Erkrankungen, welche für das Störungsbild verantwortlich sein könnten, ausschliessen (zum Beispiel Mangelsyndrome oder Funktionsstörungen der Schilddrüse). Zusätzlich ist eine neuropsychologische Untersuchung erforderlich, da Aufmerksamkeitsstörungen Anzeichen verschiedenster Hirnfunktionsstörungen sein können.

Wenn nicht konsequent auf andere mögliche Ursachen von ADHS-typischen Beschwerden geachtet wird, erhalten Patientinnen und Patienten fälschlicherweise eine ADHS-Diagnose. Oder es werden behandlungsbedürftige Begleitprobleme übersehen, unter welchen vier von fünf ADHS-Betroffenen zusätzlich leiden (zum Beispiel Angstprobleme, Minderwertigkeitsgefühle oder Teilleistungsstörungen wie etwa die Legasthenie).

Eine Abklärung bei Verdacht auf eine ADHS erfolgt durch spezialisierte klinische Psychologinnen und Psychologen, Kinderpsychiater/-innen oder erfahrene Pädiater/-innen.

Multimodale Therapie
Verständnis und Wohlwollen von Seiten der Eltern und der Lehrkräfte sind die wichtigsten Faktoren für einen Behandlungserfolg. Meistens ist eine Medikation mit Stimulanzien erforderlich, begleitet von einer Psychotherapie (bewährt hat sich vor allem die Verhaltenstherapie). Die medikamentöse Therapie kann im Kindes- und im Erwachsenenalter eingesetzt werden. Bei Kindern wird diese Therapie durch eine Beratung der Eltern ergänzt. Die ADHS-Medikamente normalisieren die neuronale Aktivität in den betroffenen Hirnregionen und verbessern dadurch die Filter- und Hemmfunktionen des Gehirns. Die medikamentöse Behandlung ist bei Kindern in circa fünfundsiebzig, bei Erwachsenen in rund fünfzig Prozent der Fälle erfolgreich. Sie verbessert die fokussierte Aufmerksamkeit, die Selbststeuerung und die Regulation der Emotionen. Die medikamentöse Behandlung der ADHS hat sehr individuell abgestimmt zu erfolgen, muss regelmässig auf ihre Wirksamkeit überprüft und gegebenenfalls angepasst werden. Sie kann sich über mehrere Jahre erstrecken.

Alternative Therapien
Bis heute existiert keine bewährte, alternative Basistherapie der ADHS, deren Wirksamkeit und Verträglichkeit in wissenschaftlichen Untersuchungen nachgewiesen werden konnte. Einige ADHS-Betroffene vom unaufmerksamen Typus profitieren von einer Therapie mit Neurofeedback. Neue Studien weisen zudem darauf hin, dass bei Kindern spezielle Diäten zu einer Reduktion der ADHS-Symptomatik führen können.

Schulische Fördermassnahmen
Die ADHS führt immer zu erwartungswidrigen schulischen Minderleistungen und ist häufig mit Teilleistungsstörungen verknüpft. Daher sind schulische und teilweise auch heilpädagogische Fördermassnahmen unerlässlich. Dies erfordert eine Zusammenarbeit zwischen den behandelnden Therapeutinnen und Therapeuten mit den zuständigen Lehrkräften, den Eltern, den schulischen Heilpädagoginnen und Heilpädagogen und anderen involvierten Fachpersonen.

Diese Informationen wurden letztmals aktualisiert am 17.11.2011.

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