Piero Rossi. Ergänztes Vortragsmanuskript, 2002.
Zum Thema von heute Abend: Das Problem einer wirklich krankhaften Geschwisterrivalität spielt eigentlich nur in wenigen Familien unserer jungen Patienten mit ADHS eine zentrale und vorherrschende Rolle. Aber auch wenn Streit unter Geschwistern bei unseren Patienten nicht Thema Nr. Eins ist: Davon betroffen, damit belastet und durch die Streitereien genervt sind so gut wie alle in einer ADHS-Familie. Sie wissen es: Eifersucht und Streit zwischen Geschwistern kommt in nahezu allen Familien vor. Hat hingegen eines oder mehrere Familienmitglieder eine ADHS, so können nicht nur Hausaufgaben, Zubettgehen oder das Thema Essen, sondern auch Geschwisterstreit für alle Beteiligten zu einem echt belastenden Problem werden.
In einigen ADHS-Familien wird nicht einfach nur heftig gestritten. Nein, was mir Eltern berichten, macht mich noch heute betroffen. Ich erspare Ihnen das Aussprechen von Beispielen. Vor allem die Hartnäckigkeit, dass Sich-Verbeissen, die Heftigkeit, die oft geäusserten schlimmsten Drohungen oder gar die tätlichen aggressiven Ausbrüche erschrecken mich. Immer wieder musste ich zur Kenntnis nehmen, dass diese Probleme oftmals selbst dann bestehen bleiben, wenn Eltern Erziehungsratgeber zum Thema Eifersucht und Geschwisterrivalität gelesen haben oder Kurse besucht haben. Wieso aber haben ADHS-Kinder mehr Probleme im sozialen Umgang mit anderen? Wieso entsteht mehr Streit mit den Geschwistern? Wie und warum kann eine ADHS den Streit unter Geschwistern verschärfen? Und vor allem: Was bitte hilft dagegen?
Ich habe mir für heute Abend eigentlich vorgenommen, die Krankengeschichten meiner jungen ADHS-Patienten der letzten Jahre durchzugehen und nachzusehen, bei welchen Patienten die Problematik einer übermässigen Geschwisterrivalität sehr ausgeprägt vorhanden war. Und ich hatte mir vorgenommen, zusammenzutragen, welches die zentralen Gründe dafür waren und dann aufzulisten, was genau dann grundlegend geholfen hat, dass Ruhe in die Familie einkehrte und diese Probleme gelindert werden konnten. Ich habe dann bald eingesehen, dass ich meine Praxis einen Monat hätte schliessen müssen, um mit diesem Projekt fertig zu werden. Aber auch wenn ich nur einen Teil meiner Krankengeschichten habe durchgehen können, bin ich doch zu Ergebnissen gekommen, die mich in ihrer Eindeutigkeit und Klarheit selbst haben aufhorchen lassen. In meiner Arbeit staune ich aber immer wieder darüber, wie gut es viele Mütter von ADHS-Kindern schaffen, neben allem Ungemach auch noch mit übermässigem Geschwisterstreit souverän umzugehen. Eigentlich sollten Mütter von ADHS-Kindern über dieses Thema referieren und nicht ich. Sie wissen aus der tagtäglichen Erfahrung am besten, was hilft und was nicht. Mit meinen Beobachtungen und Schlussfolgerungen kann ich ihre Erfahrungen vielleicht ergänzen, aber sicher nicht ersetzen.
Ich ging also bei meinen Vorbereitungen für heute Abend der Frage nach, unter welchen Bedingungen in den mir bekannten ADHS-Familien Geschwisterstreit eine besonders belastende Rolle spielte. Wann traten die Probleme besonders gehäuft auf? Und was half? Ich habe sechs Kernpunkte ausgemacht.
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