Piero Rossi. Erschienen ADD-Online 2001.
Menschen benötigen zur erfolgreichen Bewältigung der sich im Verlaufe ihres Lebens stellenden Aufgaben und Hürden neben anderen Voraussetzungen in erster Linie eine gesunde Portion Selbstwert- und Identitätsgefühl. Erfolgserlebnisse in verschiedenen Lebensbereichen sowie mehrheitlich kohärente Erfahrungen mit der sozialen Umwelt und mit sich selbst, ermöglichen beim heranwachsenden Menschen die Entstehung eines relativ stabilen Selbstbildes sowie eines runden und in sich mehrheitlich schlüssigen Ich-Gefühls. Sie gewährleisten eine innere Konstanz, emotionale Resistenz sowie psychische Gesundheit, Beziehungsfähigkeit, Selbstzufriedenheit und Genussfähigkeit.
Das psychisch gesunde und lebenstüchtige Kind kann sich im Verlauf seiner Lern- und Lebensgeschichte mehrheitlich als Individuum, also als einheitliches und unteilbares Subjekt erfahren (Individuum = das Unteilbare): Es hat ein Gesicht, einen Ruf, einen Charakter und ein Temperament. Es zeigt ein mehr oder weniger durchgängiges und stimmiges Leistungsprofil in der Schule, hat seine persönlichen Präferenzen und seine Leidenschaften, Geheimnisse und Hobbys.
Alle diese Aspekte des Daseins, welche sich im Verlaufe der Kindheit und der Jugendzeit herausbilden, verbinden sich beim psychisch mehrheitlich stabilen Heranwachsenden zu einem gefestigten Identitätsgefüge, zu einem Selbstkonzept und zu einem mehrheitlich intakten Ich-Gefühl. Dies ermöglicht es, auch widersprüchliche Erfahrungen in seinen Beziehungen und der Interaktion mit der Umwelt in das Selbstbild zu integrieren. So können Probleme und Schwierigkeiten im Leben meistens mehr oder weniger angemessen bewältigt werden.
Bei vielen Menschen mit einer ADHS sind die Erfahrungen, welche sie als Kinder und Heranwachsende mit sich und ihrer Umwelt gewonnen haben, alles andere als identitätsstiftend: Nicht primär Erfolge, sondern Misserfolge in der Bewältigung der Anforderungen des Lebens kennzeichnen ihren Weg. Als Kinder schon erlebten sie Blossstellungen, Strafen, Kränkungen und Blamagen. Sie wurden verkannt und nicht verstanden und reagierten mit Scham, Wut oder Selbsthass. Viele dieser Betroffenen wurden infolge der ADHS-bedingten Lernstörungen irrtümlicherweise in Sonderschulen versetzt und nicht mehr ihrem Potenzial entsprechend gefördert.
So erfahren sich diese Kinder gegenüber anderen Menschen und Aufgaben oftmals als fremd, als Versager, als dumm, als beziehungsunfähig, als hysterisch, als chaotisch, ungerecht oder aggressiv. Sie spüren ihr Anderssein, reagieren aggressiv oder ziehen sich zum Selbstschutz von zwischenmenschlichen Kontakten zurück. Viele soziale Kompetenzen können so nicht entwickelt werden und es können Schüchternheit und Ängstlichkeit daraus erwachsen. Einige Betroffene entwickeln sich zu regelrechten Eigenbrötlern.
Steht die Hyperaktivität im Vordergrund der ADHS, so entwickeln diese Kinder viel Trotz und Rebellion. Viele dieser Kinder leiden unter ihrem Energieüberschuss und schämen sich, wenn sie impulsiv Dinge tun, die sie eigentlich gar nicht wollen. Wie die Legasthenie oder beispielsweise die nonverbale Lernstörung, kann auch die ADHS zu reaktiven Verhaltensstörungen führen. Scheiternserfahrungen und Versagensängste können das Selbstwertgefühl der Betroffenen – sofern es sich überhaupt ausbilden konnte – tief verletzen. Auswirkungen auf das spätere Leben sind unausweichlich: Die Angst, zu versagen oder als Hochstapler aufzufliegen, kann zum ständigen Begleiter werden. Die nicht gefestigte Identität, das Nichterreichen des eigenen Leistungspotenzials, unbefriedigende Beziehungen, psychosomatische Reaktionen und teilweise handfeste reaktive psychische Störungen können für die Betroffenen eine schwere Bürde darstellen.
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