Piero Rossi. Vortragsmanuskript 2002.
Zum Thema von heute: “Das ADHS-Kind wird erwachsen”. Je länger ich über diesen Titel nachgedacht habe, umso mehr fragte ich mich: Werden denn Kinder mit einer ADHS überhaupt jemals erwachsen? Klar, sie werden volljährig, bekommen einen Bart, versuchen, sich angemessen auszubilden, fahren Auto, bekommen Kinder, haben irgendwann graue Haare und werden vielleicht Grosseltern. Aber: Werden Kinder mit einer ADHS auch seelisch erwachsen? Werden sie wirklich beziehungsfähig? Können sie sich beruflich ihren Begabungen und Interessen entsprechend entwickeln? Können sich ihr Selbstbewusstsein, ihre Selbsteinschätzung, ihre Selbstbeherrschung und ihre Selbststeuerung tatsächlich zu einem persönlich befriedigenden Lebensvollzug und zu reifem Denken und Handeln entwickeln? Und vor allem: Wie kann man dazu beitragen, dass ADHS-Kinder zu gesunden und glücklichen Erwachsenen heranwachsen? Je länger ich über diese Fragen nachdachte, um so unwohler wurde mir vor allem beim Gedanken, wie lange ich wohl diesmal an dem Vortragsmanuskript sitzen würde.
ADHS bei Männern
Zuerst zu den Männern: Um nicht missverstanden zu werden will ich betonen, dass die folgenden Beispiele dem entsprechen, was ich persönlich in meiner Arbeit höre. Sicher, es gibt immer mehr Männer, Väter und Ehepartner, welche gelernt haben, mit ihrer ADHS konstruktiv umzugehen. Das gilt im Speziellen für diejenigen Knaben und jungen Männer, deren ADHS behandelt wurde oder wird. Wenn ich jedoch höre, was mir Ehefrauen und Kinder mit einer ADHS in der Abklärung so alles über ihre ADHS-betroffenen Männer und Väter erzählen, aber auch, was sie mir selber während ihrer Untersuchung berichten, dann zweifle ich manchmal, wie es mit dem Erwachsenwerden der ADHS-Männer so steht.
Also, ich höre von diesen Männern,
- dass sie immer auf dem Sprung sind, ständig Neues anzetteln und am liebsten drei Mal im Jahr ein neues Auto oder eine neue Kamera kaufen würden, weil ihnen das Alte schnell langweilig wird und sie immer etwas Neues haben müssen
- dass sie generell an neuen Dingen wie Hobbys, Sport- oder Computerartikeln meist nur kurz Interesse haben, häufig Nachschub brauchen und sich fast süchtig nach immer wieder neuen Sachen zuwenden
- dass sie meist gleichzeitig mehr Projekte am Laufen haben, als sie vertragen können und vieles anfangen – und vieles nicht zu Ende bringen
- dass sie es im Beruf viel weiter bringen müssten, aber aus Langeweile, wegen Flüchtigkeitsfehlern oder aus Ärger mit dem Chef zu schnell und zu häufig die Stellen wechselten
- dass sie immer wieder daran erinnert werden müssen, dass die Wohnzimmerlampe endlich höher gehängt werden und das Rasenmähermesser endlich geschliffen werden muss
- dass das Finanzamt wegen der fehlenden Steuererklärung schon wieder nachfragte und die Männer diese und viele andere Aufgaben vor sich herschieben mit der Begründung, dass jetzt gerade Wichtigeres zu tun sei
- dass sie impulsiv sind und vor allem auch bei Kleinigkeiten schnell in Wut geraten
- dass sie dauernd mit den Fingern trommeln oder im Sitzen mit den Füssen wippen und eigentlich fast immer unruhig sind
- dass sie Fingernägel kauen und ständig an den Barthaaren zupfen, einfach nicht wirklich geniessen können und Mühe haben, sich zu entspannen
- dass sie immer wieder Bussen wegen Geschwindigkeitsübertretungen einfahren oder einen Strafzettel heimbringen, weil sie beim Parkplatzsuchen wie immer keine Geduld hatten und die nächst beste Lücke besetzten
- dass sie es immer eilig haben und im Stress sind, häufig zu spät aus dem Haus gehen, zu spät ankommen und überhaupt ein sehr schlechtes Zeitgefühl haben
- dass sie gesellschaftlichen und familiären Anlässen wenn immer möglich ausweichen, weil sie das “Blabla” und den Smalltalk hassen und weil sie anderen nur zuhören können, wenn es total interessant ist
- oder sich in Gesellschaften gern produzieren, so dass es gar nicht mehr auffällt, dass sie anderen gar nicht in Ruhe zuhören können
- dass sie beim gemeinsamen Frühstücken mit der Partnerin gleichzeitig Zeitung lesen, Radio hören, dazwischen dauernd kurz aufstehen, durch den Vorhang sehen und kommentieren, dass der Nachbar jetzt heimkommt und trotzdem steif und fest behaupten, sie würden ihnen wirklich zuhören
- dass sie häufig auf Achse sind oder oftmals handeln, als wären sie wie getrieben
- dass sie gerne das Risiko suchen und am “Adrenalin-Junkie-Syndrom” leiden
- dass sie häufig mit Antworten herausplatzen, bevor die Frage zu Ende gestellt ist oder in Gespräche anderer hinein platzen oder andere häufig unterbrechen.
- Und: Ich höre über Männer, dass sie wie Kinder nicht warten können
Sie merken es schon: Viele Männer mit einer ADHS zeigen in ihrem Verhalten erstaunlich viele Ähnlichkeiten mit hyperaktiven ADHS-Kindern …
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