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Mach endlich! – Baustellen und ihre Umfahrungsmöglichkeiten in ADHS-Familien

Piero Rossi. Erschienen in ELPOST Nr. 44/2011.

In vielen Familien mit ADHS-betroffenen Kindern prägen negative Stimmungen, Gereiztheit und zwischenmenschliche Spannungen den Alltag. Der Tagesablauf ist geprägt von Streitereien zwischen den Geschwistern, der Ungewissheit, in welcher Laune das Kind wohl von der Schule heimkommt, den Sorgen um den nächsten Fahrradunfall, um den heimlichen Zigarettenkonsum oder um die schulische und berufliche Zukunft des Kindes. Ruhige Momente sind rar. Oft beginnt der Stress schon am Vorabend: “Hoffentlich wird Debora morgen früh nicht wieder dermassen Trödeln, dass sie dauernd mit ‚Mach endlich!‘ ermahnt werden muss. Wir können diesen Ausspruch nicht mehr hören!” Oder: “Mag Till wenigstens heute einmal am Mittagstisch genügend essen?” Und: “Hoffentlich wird uns Leas Lehrerin heute Abend beim Elterngespräch nicht wieder berichten, dass das Mädchen schon mehr leisten könnte, wenn sie sich nur mehr anstrengen würde – und uns damit nicht wieder zu verstehen geben, wir müssten noch mehr mit Lea lernen. Dabei sitzt sie doch schon stundenlang an den Hausaufgaben!”

Eltern von ADHS-betroffenen Kindern berichten uns von unzähligen, hartnäckigen und immer wiederkehrenden Alltagsproblemen, welche den Stresslevel in der Familie auf einem viel zu hohen Niveau verharren lässt. Dies wiederum verschärft das angespannte Klima in vielen Familien und damit auch das gereizte aufeinander Reagieren. Die Summe aller Einzelbelastungen ergibt eine Dauerbelastung, welcher vor allem die Mütter der betroffenen Kinder immer wieder an die Grenze ihrer Belastbarkeit führt.

Im Folgenden werden – ausgehend von meinen Erfahrungen in der psychologischen Praxis – exemplarisch einige häufig vorkommende Konflikte und deren Lösungsmöglichkeiten vorgestellt.

Baustelle Nr. 1: Will sie nicht oder kann sie nicht?
“Zum Glück geht es seit Beginn der medikamentösen Therapie in der Schule immer besser. Der Klassenlehrer bestätigte uns dies letzte Woche beim Elterngespräch. Trotzdem provoziert Aline beim Mittagessen immer wieder ihren jüngeren Brüder Kevin mit spitzen Bemerkungen, provozierenden Berührungen unter dem Tisch oder blitzartigem Wegziehen von Kevins Besteck. Sie ist kaum zu stoppen. Das Mädchen steigert sich jeweils total in diese Rolle hinein. Die ganze Familie ‚kocht’ dann buchstäblich – anstatt in Ruhe zu essen. Kaum kehrt Aline nachmittags von der Schule heim, geht das Theater wieder von neuem los. Weder Belohnungspunkte noch Handy-Entzug nützten bisher. Wir können es uns kaum vorstellen, dass es im Unterricht wirklich ohne Probleme geht. Aline scheint es manchmal regelrecht zu geniessen, ihren Bruder zu plagen und die Familie zu stressen. Ist es vielleicht doch Alines aggressiver Charakter, der sich mit zunehmendem Alter immer mehr zeigt? Zum Glück entschuldigt sich Aline jeweils im Verlauf des Nachmittags für ihr Verhalten.”

Umfahrungsmöglichkeit: Wenn es Aline dank der Therapie im Unterricht besser läuft, am Mittag aber trotzdem der Teufel los ist, müsste in einem ersten Schritt geprüft werden, ob es sich bei diesen Problemverhaltensweisen nicht um wieder aufflackernde ADHS-Symptome handelt, welche durch ein Nachlassen der Wirkung des Medikaments bedingt sind. Auch an einen so genannten Rebound-Effekt ist zu denken. Gemeint ist damit ein übermässig starkes Wiederauftreten der Symptome beim Nachlassen der Wirkung der ADHS-Medikamente. Nicht immer wird berücksichtigt, dass die am häufigsten eingesetzten Stimulanzien eine Wirkdauer von nur etwa drei Stunden aufweisen. Kein Wunder also, wenn gegen die Mittagszeit und dann wieder gegen ca. 16:00 Uhr ADHS-Symptome erneut auftreten. Die/der behandelnde Ärztin/Arzt wird in diesen Fällen den Einsatz von länger wirkenden Stimulanzien erwägen. Sollten die Verhaltensprobleme trotz ausreichender medikamentöser Versorgung anhalten, ist das Problem mit der zuständigen psychologischen Fachperson zu lösen.

Bei Kindern mit einer ADHS, welche sich für ihr missliches Verhalten entschuldigen und welche ein mehrheitlich intaktes Sozialverhalten zeigen, ist es eher unwahrscheinlich, dass die Verhaltensstörungen Ausdruck einer charakterlichen Disposition oder einer Psychopathologie sind. Verhaltensstörungen, wie Aline sie zeigt, sowie ähnliche Probleme, weisen vielmehr darauf hin, dass es sich um ADHS-spezifische Verhaltensstörungen handelt, welchen therapeutisch noch nicht optimal begegnet werden konnte.

Baustelle Nr. 2: Anhaltende Schwierigkeiten trotz Therapien
“Wir sind verzweifelt. Andrin wird von der Kinderärztin und einem Psychologen optimal betreut. Trotzdem ist er immer noch sehr leicht ablenkbar. Auch sind die schulischen Leistungen immer noch knapp. Der Oberstufenübertritt steht vor der Tür und es ist zu befürchten, dass Andrin nicht wie vorgesehen in die Sekundar-, sondern in die Realschule versetzt wird.”

Baustellen Nr. 3 bis 6…

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