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Süchtig nach Stimulation – Zur Suchtgefahr von Kindern mit einer ADHS

Piero Rossi. Vortragsmanuskript 2003.

Einleitung
Sind ADHS-Kinder verstärkt suchtgefährdet? – so lautet der Titel der heutigen Tagung. “Na klar!”, werden die Meisten von Ihnen spontan gedacht haben, als sie im Tagungsprospekt diese Überschrift lasen.

Als ich begann, mir Gedanken darüber zu machen, was ich Ihnen heute vortragen soll, wurde mir bald klar, dass hinter dieser Tagungsüberschrift viel mehr steckt, als nur sachliche Fragen nach möglichen Suchtrisiken, denen Kinder mit einer ADHS in unserer Gesellschaft ausgesetzt sind oder Fragen etwa nach Möglichkeiten für eine möglichst wirksame Sucht-Prävention. Nein, dieser fragende und fast sorgenvoll anmutende Tagungstitel steckt voller Emotionen: Er birgt in sich zehrende Gefühle und bohrende innere Fragen unzähliger Mütter und Väter, die sich ob der aktuellen oder zukünftigen Entwicklung ihrer Kinder sorgen und ängstigen.

Auch wenn es nicht immer offen ausgesprochen wird, weiss ich doch durch meine Arbeit mit ADHS-Familien, dass vor allem Mütter von Kindern mit einer ADHS immer wieder von erschreckenden Vorstellungen und Fantasien heimgesucht werden. Ihr schwieriges, unvorsichtiges, vorschnelles und so leicht beeinflussbares Kind könnte dereinst in schlechte Gesellschaft geraten, mit Drogen in Kontakt kommen, an einer Sucht erkranken, durch die Beschaffungskriminalität in die Illegalität abrutschen und vielleicht sogar einmal verwahrlosen. Oder aber ihre schon in die Oberstufe übergetretenen ADHS-Kids befinden sich schon in schlechter Gesellschaft, rauchen und kiffen bereits und machen sowieso schon was sie wollen, was die Ängste und Ohnmachtgefühle dieser Mütter dann noch weiter in die Höhe treibt.

Irgendeinmal realisierte ich, dass hinter diesen aufwühlenden und gleichzeitig lähmenden Gefühlen tiefsitzende Ängste verborgen sind, das eigene Kind zu verlieren. Wenn Eltern von ADHS-Kindern schliesslich noch durch die Medien erfahren, dass Stimulanzien (also Medikamente zur Behandlung der ADHS) süchtig machen sollen, wenn sie am Fernsehen einen Bericht über angeblich Amok laufende “Ritalin-Kinder” sehen oder wenn sie – wie kürzlich der Fall – in renommierten Tageszeitungen lesen konnten, dass mit der Einnahme von Stimulanzien das Risiko steige, später an Parkinson zu erkranken, ja dann können Zweifel, Sorgen und Ängste, Hilf- und Orientierungslosigkeit in eine lähmende Ohnmacht und Passivität führen. Die Angst um das Kind vermischt sich dann auf eine unheilvolle Art mit einer tiefen Verunsicherung über die ADHS-Therapien.

Diese Irritationen und Zweifel können dann einen ihrer Höhepunkte erreichen, wenn Mütter – wie vor einigen Wochen geschehen– im “Zischtigsclub” des Schweizer Fernsehens von einem Zürcher Psychiater erfahren, dass die ADHS als Krankheit gar nicht existieren soll. Nein, so führte der Psychiater aus, es handle sich bei der ADHS um ein unbewiesenes gesellschaftliches Konstrukt.

Und wenn in diesen Moment dann noch das Telefon klingelt und die entnervte Lehrerin der besagten Mutter gereizt und in einem sie anschuldigenden Ton klarzumachen versucht, dass Luca in der Pause wieder gekifft habe, sein störendes Verhalten auch während des Unterrichts nun wirklich nicht mehr tragbar sei, er einfach ständig sich selbst und andere ablenke, und dass sie ja schon immer gesagt habe, dass das Ritalin mehr schade als nütze und es jetzt kurzfristig zu einer erneuten Sitzung mit der Schulpflege kommen werde…

Was meinen Sie, was passiert dann einmal mehr mit der Seele der Mutter dieses ADHS-Knaben? Wie Blitze schießen Ängste, Verzweiflung, Scham und Ohnmachtgefühle durch Lucas Mutter. Diese zweifelt dann – wie viele andere mir aus meiner Arbeit bekannten Mütter – nicht nur an der Therapie oder an der Zukunft ihres Sohnes. Nein, vor allem zweifelt sie an sich selbst, an ihren Fähigkeiten als Mutter.

Ich kenne aus meiner Praxis drei Mütter von vormals schwer verhaltensgestörten ADHS-Buben, bei denen trotz erfolgreicher Therapie noch mehrere Jahre lang jedes Klingeln des Telefons eine Panikattacke mit blitzartig einschiessenden Ängsten, Herzrasen und plötzlichem Schwitzen auszulösen vermochte. Erst mit einer Verhaltenstherapie konnte diesen Frauen geholfen werden, ihre traumatisierenden Erlebnisse zu überwinden.

Rolle der Erziehung
Sie teilen sicher meine Ansicht, dass gerade das Erziehungsmanagement von schwierigen Kindern – und dazu gehören auch unsere Kinder mit einer ADHS – von den Eltern besonders viel Verantwortung und erzieherische, ja manchmal sogar therapeutische Kompetenzen abverlangen. Für jede der eingeleiteten Therapien müssen Sie als Eltern schliesslich eine Mitverantwortung übernehmen. Übermässige Ängste, Sorgen, Hilflosigkeit sowie Scham-, Versagens- und Ohnmachtgefühle sind dabei aber denkbar schlechte Begleiter. Sie schwächen, lähmen oder verhindern erzieherisches Handeln. Diese emotionalen Belastungen schwächen die Fähigkeiten der Eltern, mehr oder weniger sachlich begründet über die von den Fachleuten vorgeschlagenen Therapien für ihr Kind nachzudenken, zu reagieren und darüber zu entscheiden.

Wissensbasis
Der wohl wesentlichste Beitrag, den Eltern von ADHS-Kindern leisten können, um Sucht-, Unfall- und andere Risiken zu reduzieren, besteht wahrscheinlich darin, dass sie sich eine Wissensbasis und damit Entscheidungsgrundlagen erarbeiten, um die ihnen obliegende Verantwortung für erzieherische und therapeutische Entscheidungen übernehmen zu können. Wissen ist eines der besten Heilmittel gegen Zweifel, Unsicherheiten und Hilflosigkeit. Hinterfragen Sie kritisch alle Ihnen zugetragenen Informationen Behandlungsempfehlungen – meine Ausführungen eingeschlossen.

Facts
Die ADHS gehört nachweislich zu den folgenschweren Erkrankungen des Kindes- und Jugendalters: Klinische Verlaufsstudien, die seit den 70er Jahren durchgeführt werden, zeigen, dass in der Gruppe der ADHS-Kinder ein erhöhtes Risiko vorlag,

  • an einer antisozialen Verhaltensstörung zu leiden
  • vorzeitig die Schule abzubrechen
  • mindestens einmal die Klasse zu wiederholen
  • an Ängsten und/oder Depressionen zu leiden
  • wenige oder keine Freunde zu haben
  • bis zum Alter von 19 an einer Schwangerschaft beteiligt zu sein
  • auch als Erwachsene an einer ADHS zu leiden
  • als Erwachsene an Depressionen zu leiden
  • und als Mädchen eine Bulimie zu entwickeln (wissenschaftlich noch nicht gesichert)

Zudem besteht im Vergleich zu den Gesunden ein höheres Risiko, zusätzlich zur ADHS an Lernstörungen zu leiden und schliesslich ein rund neunfach höheres relatives Risiko in Verkehrsunfälle verwickelt zu werden.

Ein erhöhtes Risiko, eine Suchtstörung zu entwickeln, haben gemäss empirischen Untersuchungen nur diejenigen ADHS-Betroffenen, welche zusätzlich an einer Störung des Sozialverhaltens leiden. Die obige Aufstellung zeigt, dass in der Öffentlichkeit das Suchtrisiko wahrscheinlich über-, dass Unfallrisiko hingegen drastisch unterschätzt wird.

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