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Therapie statt Ideologie – Eine praxisrelevante Bestandesaufnahme zur ADHS bei Erwachsenen

Piero Rossi mit Susanne Bürgi. Erschienen in Psychoscope 11/2009.

In zahlreichen aktuellen Medienberichten wird die Aufmerksamkeitsdefizit-/Hyperaktivitätsstörung als unheilvolle Modeerscheinung dargestellt. Sie sei die Folge gesellschaftlicher Reizüberflutung und erzieherischer Defizite. Immer lauter wird die medikamentöse ADHS-Therapie diskreditierend in einen Zusammenhang mit Hirndoping und Neuro-Enhancement gebracht. Speziell befremdend klingen die Positionen der anonym operierenden Organisation “ADHS-Schweiz”, welche der ADHS jegliche Evidenz absprechen.

Betroffene, Angehörige und Fachpersonen sind ob der zahlreichen unsachlichen Medienberichte zur ADHS verunsichert: Sind ADHS-Verhaltensstörungen in Wahrheit Ausdruck und Folge komplexer, frühkind­licher Bindungsprobleme? Oder ist die ADHS ein typisches Produkt des “Neurokapitalismus”? Wurden wir Opfer raffinierter Marketingstrategien der Pharmaindustrie? Ist Ritalin gar ein “Verbrechen”? Was soll man glauben?

Evidenz der ADHS
Wer ADHS-betroffene Menschen persönlich kennt und ihnen psychotherapeutischen Beistand leistet, dem erscheinen die ideo­logischen und fundamentalistisch anmutenden Glaubenskämpfe über die Ursachen und gesellschaftlichen Hinter­gründe der ADHS obsolet und fern jeglicher praktisch-therapeutischer Relevanz. Im klinischen Alltag stehen wir vor ganz anderen Herausforderungen. Diese gelten in erster Linie einer möglichst optimalen Behandlung der betroffenen Patientinnen und Patienten: Ob die ADHS nun die Krankheit der Postmoderne darstellt oder ob die Gewinne der Pharmaindustrie infolge steigenden Absatzes von Stimulanzien noch höher ausfallen als sonst, interessiert im klinischen Alltag angesichts der vielfach guten therapeutischen Wirkung dieser Medikamente nicht. Für die Betroffenen und deren Angehörige sowie für Fachpersonen, welche mit ADHS-Patientinnen und -Patienten arbeiten, kommt der ADHS dieselbe Evidenz zu wie Angststörungen und anderen psychischen Er­krankungen.

Eine unbehandelte ADHS ist eine sich in verschiedenen Lebensbereichen manifestierende, chronisch verlaufende und ernste psychische Störung. Sie hat weitreichende Konsequenzen für die Patientinnen und Patienten sowie deren Angehörige und verursacht hohe volkswirtschaftliche Kosten. Betroffen sind neben Kindern und Jugendlichen 3,7 Prozent aller Erwachsenen beiden Geschlechts (1:1).

Leben mit einer ADHS
Menschen mit einer ADHS werden seit Kindheit durch einen – gemäss aktuellem Wissensstand primär neurobiologisch bedingten – chronischen Mangel an Selbstbeherrschung und Konzentration in ihrer Entwicklung und Lebensbewältigung behindert. Infolge ihres Unvermögens, Impulse angemessen zu hemmen und ihre Affekte situationsgemäss zu regulieren, stehen sie meist ein Leben lang im Konflikt mit Eltern, Lehrkräften und Vorgesetzten, mit den eigenen Kindern, Partner/-innen, mit sich selbst und manchmal auch mit dem Gesetz. Ihrer Zerstreutheit und Vergesslichkeit wegen wirken viele ADHS-Betroffene unzuverlässig, was zu chronischen Scham- und Schuldgefühlen führt. Ihr Stimulationshunger lässt sie immer neue Projekte anreissen, was bei vielen in Erschöpfungsdepressionen oder ein Burnout mündet.

Erwartungswidrige schulische Minderleistungen und deren Folgen, berufliches Versagen, Sucht und Delinquenz, Verkehrsunfälle, Scheidungen und Verschuldung stellen einige der schmerzhaften Lebensstationen vieler ADHS-Betroffenen dar. Bis in die tiefsten Schichten ihrer Seele halten sie sich meist ein Leben lang für unfähig und dumm. Diese und andere negative Grundannahmen, ständig genährt durch alltägliche Auswirkungen fortbestehender neurokognitiver Funktionsstörungen, fördern eine unheilvolle Misserfolgserwartung und führen immer wieder in einen Teufelskreis, aus dem die meisten ADHS-Betroffenen ohne psychotherapeutische Hilfe nicht mehr herausfinden.

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