Archiv des Autors: Piero Rossi

Wahrnehmungsstörung?

Wie kann ich die Wahrnehmungsstörung von meinem Sohn (10, ADHS diagnostiziert mit 6 Jahren) trainieren? Wie bekomme ich das Kind dazu, auf mich und die Umwelt zu reagieren? Was kann ich dazu beitragen? Welche Tricks gibt es für die Schule? Danke! M.G.

Antwort
Bevor Sie mit Ihrem Kind etwas trainieren oder es behandeln lassen, sollte eine Diagnostik erfolgen. Es müsste geklärt werden, ob tatsächlich um Wahrnehmungsstörungen bestehen. Bei Kindern mit einer ADHS ist nämlich eher davon auszugehen, dass es sich um syndrombedingte Aufmerksamkeitsstörungen handelt. Es müsste zudem geprüft werden, ob die ADHS-Therapie ausreichend gut wirkt. Mit einer Anpassung der Therapie (Medikation, Verhaltenstherapie, Erziehungsberatung) kann das Aufmerksamkeitsverhalten in der Regel positiv beeinflusst werden.

 

Dieser Text wurde letztmals 02/2017 aktualisiert.
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© 2017 Piero Rossi

 

Jährliche Gesundheits-Kontrollen

Guten Tag! Ist es empfehlenswert als Erwachsene, nach langjähriger Methylphenidat-Einnahme, jährliche Gesundheits-Kontrollen durchführen zu lassen? Wenn ja: was genau soll der Arzt kontrollieren? Danke und freundlichen Gruss! C.K.

Antwort
Ja, jährliche Kontrollen sind empfehlenswert. Ein Routinelabor mit Blutbild und Leberwerten ist ausreichend. Wichtig ist auch, dass überprüft wird, ob es die Therapie mit Stimulanzien überhaupt noch braucht und – falls ja – ob die Dosierung noch passt.

 

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Faust in das Gesicht geschlagen

Sehr geehrte Damen und Herren! Wir haben in der 3. Klasse Volksschule einen Schüler mit ADHS und Wahrnehmungsstörungen, leider wurden wir Eltern nicht darüber informiert.
Meine Frage nun, es ist zu einem tragischen Unfall gekommen. Der Schüler mit ADHS hat völlig grundlos vor Unterrichtsbeginn meinem Sohn mit voller Wucht seine Faust in das Gesicht geschlagen, sodass mein Sohn einen Zahn verloren hat. Was nunmehr mit diesem Zahn, der Gott sei Dank ein Milchzahn war, passiert, dass heisst mit dem nachkommenden Zahn und den Nachbarzähen, kann man noch nicht sagen. Sterben die Wurzeln ab oder bleiben sie erhalten? Es ist eine große Klasse mit 24 Kindern. Welches sind meine Möglichkeiten, ich kann und will das nicht einfach so hinnehmen. Der Schüler ist letztes Jahr zu uns in die Klasse gekommen, zuvor besuchte er eine Sonderschule.

Antwort
Es ist bedauerlich, dass Ihr Sohn verletzt wurde. Ob sich negative Folgen für den herausgeschlagenen Milchzahn ergeben werden, bleibt abzuwarten. Ich halte es eher für unwahrscheinlich. Ich gehe davon aus, dass die Eltern des Jungen bzw. deren Versicherung für die zahnärztliche Behandlung aufkommt.

Ich verstehe, dass Sie wütend sind. Bedenken Sie aber grundsätzlich Folgendes: Wo Kinder herumtoben oder sich auch einmal prügeln, kann es immer einmal zu Verletzungen kommen. Eltern sollten das grundsätzlich akzeptieren. Damit meine ich nicht, dass dieses Verhalten gutgeheissen werden soll. Aber unsere Welt ist nun einmal nicht perfekt. 

Wenn Kinder mit einer ADHS aggressives Verhalten zeigen, weist das meistens darauf hin, dass keine oder eine unbefriedigend verlaufende spezifische Therapie erfolgt. Vielleicht könnte der Klassenlehrer die Eltern einmal darauf ansprechen.

Das Verhalten dieses Jungen ist zweifelsohne nicht korrekt. Es ist aber auch zu bedenken, dass der Knabe an einer psychischen Störung leidet. Eine Störung der Impulskontrolle ist ein Kernsymptom der ADHS. Das ist keine Entschuldigung für sein Fehlverhalten, aber möglicherweise eine Erklärung. Wenn Sie wirklich etwas unternehmen wollen, dann sollten Sie sich in einem ersten Schritt sachkundig machen, was ADHS bei einem Kind bedeutet. Und zwar weil ich immer wieder beobachten konnte, dass Kinder dann aggressiv werden, wenn sie sich nicht verstanden fühlen. Lesen Sie hierzu vielleicht einmal diesen Text.

 

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Supermädchen mit ADHS-Verhalten

Grüezi! Meine Tochter ist jetzt fast 9 Jahren alt. Sie wurde vor 2 Jahren schon auf ADHS getestet und der Befund war: Keine ADHS. Jedoch ihre Verhalten zu Hause, in die Schule, in den Freizeit deutet klar auf ADHS. Was soll ich mit sie machen? Sie ist sonst ein Supermädchen. Danke!

Antwort
Holen Sie sich eine Zweitmeinung. Mit sieben Jahren müssen sich nicht zwingend alle Symptome einer ADHS zeigen. Besonders bei Mädchen kann es in Einzelfällen vorkommen, dass sich die Symptomatik erst mit 12 Jahren (oder sogar noch später) manifestiert.

Hier haben wir beschrieben, wie eine Abklärung auf ADHS konkret ablaufen sollte. 

 

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Abklärung sinnvoll?

Sehr geehrte Damen und Herren! Welche Bedeutung hat eine ADHS Abklärung bei einem Jugendlichen, der eine einseitige Hörstörung und seit dem 4. Lebensjahr eine Verdachtsdiagnose ADHS Diagnose hat und nun Verhaltensstörungen zeigt.
Er ist ein Minderleister trotz getesteten überdurchschnittlichen intellektuellen Leistungen.
Freundliche Grüsse N.P.

Antwort
Es ist naheliegend, dass in diesem Fall eine Abklärung angezeigt ist. Wie bei Verdacht auf Vorliegen eine Untersuchung ablaufen kann (oder sollte), haben wir hier beschreiben.

 

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Das Auge sieht es, aber das Gehirn nimmt es nicht wahr

Grüezi, hab versucht, ein Phänomen zu recherchieren, welches mir an mir selber oft auffällt. Bin als AD(H?)S ‚diagnostiziert‘, H wohl schon auch, da so reizbar und nervös.

Mein Problem: Ich „sehe“ Dinge nicht! Das heisst: das Organ „Auge“ sieht es wohl, aber es scheint nicht bis ins Gehirn vorzudringen. Beispiel: Meine Schwester hat den ebenerdigen Fenstersims meines Badezimmers neu dekoriert. Ich „sehe“ das nicht! Erst wenn sie mich darauf aufmerksam macht, geht es ins Gehirn rein. Erst dann „sehe“ ich es.  Konnte ein derartiges Phänomen beim Recherchieren im Netz nicht finden. Könnten Sie mir bitte Links mailen, wo das auch erlebt/beschrieben wurde? Danke! MfG I.P.

Antwort
Tatsächlich ist es so, dass selbst Menschen ohne ADHS und auch Menschen ohne andere neurologischen Störungen dazu neigen, Dinge nicht zu sehen. Kurzum: Ich schlage Ihnen daher vor, dieses Phänomen nicht überzubewerten und es zu akzeptieren.

Falls das Übersehen von Dingen mit negativen Folgen verbunden ist – zum Beispiel am Arbeitsplatz oder im Verkehr – sollte eine neuropsychologische Abklärung erfolgen.

 

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Auch ich hätte da eine Frage zum Thema ADHS!

Piero Rossi beantwortet auf dieser Seite Fragen der Leserinnen und Leser. Mit dem Absenden Ihrer Frage bestätigen Sie, dass Sie die Nutzungsbedingungen kennen und mit diesen in allen Punkten einverstanden sind. Je kürzer Ihre Frage ausfällt, umso schneller kann ich diese bearbeiten. Fassen Sie sich also bitte kurz. Danke!

Ihre Frage zum Thema ADHS?

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Wann hört mir Alexander endlich mal zu? Zuhören?

Frage:

Manuela S.: Wie schaffe ich es, von Alexander (10, ADHS diagnostiziert mit 7 Jahren) bewusstes Gehör und Aufmerksamkeit zu erlangen?

AntwortAufmerksamkeitsstörungen gehören zu den zentralen Merkmalen einer ADHS. Verständlicherweise fällt es diesen Kindern mit ADHS ausgesprochen schwer, zuzuhören. Nachvollziehbar daher auch die Frage der Eltern, wie sie sich bei ihren Kindern Gehör verschaffen können. Das Nicht-Zuhören können erschwert es nicht nur, Anweisungen der Eltern und der LehrerInnen aufzunehmen und umzusetzen, sondern führt leider auch dazu, dass diese Kinder auch Komplimente und Zuspruch überhören.

Was aber heisst nun „Aufmerksamkeit“ genau? Dazu zuerst ein kurzer Ausflug in die Theorie:

  • Aufmerksamkeit ist eine der elementaren Voraussetzungen für menschliches Handeln schlechthin.
  • Wir Menschen reagieren nur auf einige von vielen Signalen, welche uns erreichen. Reize, welche uns als wichtig erscheinen, besonders stark sind oder mit unseren aktuellen Interessen verbunden sind, haben normalerweise Vorrang. Von der unendlich grossen Anzahl äusserer und innerer Reize, wählen Menschen normalerweise nur die wenigen aus, welche der aktuellen Herausforderungen entsprechen und geeignet sind, das geplante Handeln geordnet umzusetzen.
  • Bewusste Aufmerksamkeit meint also die Fähigkeit, trotz Reizflut nicht zu übermüden und aus einer unendlichen Vielzahl von inneren und äusseren Reizen, denen wir Menschen ständig ausgesetzt sind, diejenigen auszuwählen, welche eine geplante Handlung organisieren, vollziehen und kontrollieren können.
  • Um sich in einer komplexen Umwelt orientieren zu können und um einen bestimmten und aktuell relevanten Reiz selektiv wahrnehmen zu können, muss das menschliche Gehirn in der Lage sein, Reaktionen auf irrelevante und somit überflüssige Reize zu hemmen. Dieser Hemm- oder Filter-Vorgang wird Inhibition genannt.
  • Diese aktive Leistung des Gehirns zur Aufrechterhaltung von Aufmerksamkeit, Orientierung und planmässigem Handeln wird an der Schaltstelle des sogenannten Nucleus caudatus sowie in der Stirnhirnregion geleistet. Die Hemmvorgänge bewirken, dass nicht jeder frisch eintreffende Reiz als neu und interessant eingestuft wird.
  • Die Inhibition (Filterung, Hemmung) ermöglicht in diesem Zusammenhang also auch, dass sich das Gehirn an diese (unwichtigen) Reize gewöhnen kann und nicht jedes Mal gezwungen wird, die Aufmerksamkeit auf ein Neues und immer und immer wieder den gleichen und unwichtigen Reizen zuzuwenden.
  • Die Selektion von wichtigen und unwichtigen Reizen kann also nur dann erfolgen, wenn das Gehirn durch die Inhibition in die Lage versetzt wird, zu „lernen“.
  • Ohne ausreichendes Funktionieren dieser Filter- und Hemmvorgänge im Gehirn wären wir Menschen völlig orientierungs- und handlungsunfähig. Unwichtige Reize würden sofort in den Gedankenfluss aufgenommen, zielgerichtetes Handeln würde enorm erschwert, die Ablenkbarkeit wäre massiv erhöht und das ganze Denken wäre chaotisch und wirr ob der vielen gleichzeitig eintreffenden Sinneseindrücke.

Die Beschreibung der Folgen der mangelhaften Inhibition entsprechen in weiten Teilen den Problemen von aufmerksamkeitsgestörten Kindern.

Kinder (aber auch Erwachsene) mit einer ADHS werden oft überflutet von Reizen, wenden sich sofort allem Neuen und Seltsamen zu (während „Normales“ übersehen wird), „sehen“ und „hören“ zu viel, sind in der Folge durch jedes Geräusch, jeden (interessanten) Gedanken und jedes Gefühl ablenkbar und oft nicht recht bei der Sache.

Viele der sekundär auftretenden emotionalen Probleme – inklusive einer Disposition zu einer depressiven, hypochondrischen und ängstlichen Grundhaltung – basieren auf dieser elementaren Reizoffenheit bzw. auf der biologisch determinierten Unfähigkeit, Reize in ausreichender Stärke selektiv verarbeiten zu können. In der Tat ist es so, dass man in der Wissenschaft heute davon ausgeht, dass eine gestörte Inhibition die wesentliche neurobiologische Ursache der ADHS darstellt. Wie oben dargelegt, handelt es sich bei der Hemmung oder Filterung der auf das Gehirn eintreffenden vielfältigen Reize und Signale um einen aktiven Vorgang des menschlichen Gehirns.

Allan J. Zametkin fand bereits 1990 heraus, dass bei Erwachsenen mit einer ADHS im linksseitigen Frontallappen eine auffällige Reduktion des Zuckerumsatzes vorliegt, was bedeutet, dass die Gehirnregion, welche für die Inhibition zuständig ist, hinsichtlich ihrer Energieversorgung unterversorgt ist. Glukose bzw. Zucker ist für das Funktionieren des Gehirns ebenso wichtig, wie der Wind für ein Segelschiff. Man geht heute davon aus, dass der ADHS eine komplexe Dysregulation von Neurotransmittern (Botenstoffe im Nervensystem) im limbischen System und im Frontallappen zu Grunde liegt und dass in der Folge auch die Reizverarbeitung gestört ist.

Wenn nun in Folgendem der Frage nachgegangen wird, wie sich Eltern und Lehrer bei aufmerksamkeitsgestörten Kindern Gehör verschaffen können, so muss als erstes klar sein, dass weder Faulheit noch mangelnder Wille die Gründe für die Aufnahme-Probleme diese Kinder darstellen: Kinder mit ADHS bedürfen infolge ihrer Erkrankung einer speziellen Förderung ihrer Aufmerksamkeitskompetenzen.

Unter der Voraussetzung, dass eine ADHS-Basistherapie erfolgt (multimodale Therapie mit Medikamenten, Verhaltens- und Elternberatung, schulische Fördermassnahmen), hat sich folgendes Vorgehen bei der Aufgabenerteilung sich sowohl bei Eltern, als auch bei LehrerInnen bewährt:

  1. Als erstes versuchen Sie, sich die Aufmerksamkeit des Kindes zu sichern. Dies geschieht am besten mit folgenden Satz, welchen Sie konsequent und jedes Mal vor einer Aufforderung formulieren: „Stopp, schau mich an und hör mir zu!“. Oder: „Achtung! Jetzt kommt etwas Wichtiges!“. Unterstreichen Sie diese Aufforderung bei Bedarf durch eine Signalkarte. Hundertmal Rufen wirkt weniger als eine einzige farbige Symbolkarte.
  2. Geben Sie dann kurze, präzise und einfache Anweisungen.
  3. Vergewissern Sie sich jedes Mal, dass die Anforderung auch richtig verstanden wurde: „Weisst du, was ich meine?“. Das Kind soll die (kurze) Aufforderung mit seinen eigenen Worten wiederholen.
    Es ist wichtig, dass alle Beteiligten sich immer wieder darüber Rechenschaft ablegen, dass Kinder (und Erwachsene) mit ADHS meist grosse Mühe haben im Erfassen von verbal gestellten komplexen Aufgaben. Vielschichtige Aufgaben können sie nur schlecht im Arbeitsgedächtnis behalten. Zögern Sie daher nicht, ihre Anweisung jedes Mal auf eine Notizkarte zu schreiben und diese dann dem Kind zu übergeben. Erledigte Aufträge können auf diesen Karten vermerkt werden, um sie dann in das (an anderer Stelle beschriebene) Belohnungssystem zu integrieren. Es lohnt sich ausserdem, nicht über jede Einzelheit und über jede einzelne Sache zu verhandeln.
  4. Überprüfen Sie abschliessend, ob das Kind der Aufforderung auch tatsächlich Folge geleistet hat und loben Sie es für all seine Versuche, die gestellte Aufgabe zu erledigen.
  5. Es braucht viel Geduld, wenn diesen Kindern beigebracht werden will, aufmerksamer zu werden. Denken Sie daran: Kinder mit ADHS brauchen infolge ihrer Lernstörungen starke und plakative (also wenn möglich visuelle) Hinweisreize und bis zu 10x länger, um einen Ablauf zu verinnerlichen und zu verautomatisieren.
  6. Wie lautet Ihr Tipp? Melden Sie sich hier.

 

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Zu Bett gehen heisst in unserer Familie Streit und Stress pur!

Frage:

Unser 11-jähriger Sohn Nico (ADHS vom unaufmerksamen Typus) zeigt seit dem fünften Lebensjahr zunehmend Probleme beim zu Bett gehen. Er will abends partout nicht ins Bett und wir haben deswegen fast täglich grosse Streitereien. Was tun?

AntwortWenn Kinder ungern zu Bett gehen, ist das an sich nicht aussergewöhnlich. Sind die Probleme indes ausgeprägt oder liegt die Diagnose ADHS vor, so lohnt es sich für Eltern in jedem Fall, sich über die Hintergründe dieser Probleme Rechenschaft abzulegen und nach Lösungen zu suchen.

Merke: Stress und Einschlafen vertragen sich gar nicht! 

Viele Kinder mit ADHS gehen ungern zu Bett, weil sie das Wachliegen in einem reizarmen Umfeld unerträglich finden. Sie zögern diesen Zustand heraus, solange es nur geht. Auch erwachsene Menschen mit ADHS berichten, sie wären erst in todmüdem Zustand willens und in der Lage, ins Bett zu gehen.

Reizarmes Umfeld beim Zubettgehen heisst:

  • Ruhe (also die Abwesenheit von Geräuschen)
  • Dunkelheit (also die Abwesenheit von visuellen Reizen)
  • Stillliegen (also die Abwesenheit von taktilen Reizen)

Menschen mit ADHS bekunden grosse Mühe beim Aushalten von Situationen, welche reizarm und rar an stimulierenden Ausseneindrücken sind. Das Gehirn dieser Menschen kann quasi keine Ruhe geben und ist ständig auf der Suche nach einem Fokus. Es denkt ständig. Daher kommt es, dass sowohl Kinder, wie auch Erwachsene mit ADHS leicht überflutet werden von inneren Impulsen (Erinnerungen an positive und negative Erlebnisse des vergangenen Tages).

Diese inneren Reize haben häufig auf das vegetative Nervensystem eine anregende Wirkung, welche das Einschlafen zusätzlich erschwert. Dies ist vor allem dann der Fall, wenn es sich um ängstliche Gedanken handelt, welche die betroffene Person überfluten. So kann es vorkommen, dass im Grunde genommen Einschlafstörungen die eigentlichen Ursachen der Probleme beim Zubettgehen von Kindern darstellen. Es mag seltsam klingen, aber viele dieser von ADHS betroffenen Kinder und Erwachsenen haben Mühe, sich auf das Einschlafen zu konzentrieren. Oftmals sind sie regelrecht abgelenkt durch tausend andere interessante und vor allem anregende Gedanken, welche ein Einschlafen unsinnig machen. Bricht die Aussenstimulation zusammen (Licht aus, Ruhe im Zimmer), kann immer wieder beobachtet werden, dass Kinder mit ADHS grosse Ängste bekommen. Einerseits haben diese wiederum einen stimulierenden Effekt für das Gehirn (lieber Angst als das „grosse Nichts“), andererseits halten diese Kinder in diesen reizarmen Situationen das Alleinsein einfach oft nicht aus.

Auch wenn der Mensch schläft, bleibt sein Gehirn wach: Es steuert unter anderem das ordnungsgemässe Funktionieren des vegetativen Nervensystems (Atmung, Verdauung, Blutdruck usw.). Wenn das Gehirn träumt, werden vielfältige und komplexe Erlebnisse der Vergangenheit sowie Gefühle und Visionen hinsichtlich der Zukunft verarbeitet. Einige Menschen mit ADHS leiden auch an Durchschlafstörungen: Beim kleinsten Geräusch, bei der kleinsten körperlichen Missempfindung (z.B.: Jucken) und bei belastenden Träumen wachen sie auf. Ihr Schlaf ist leicht irritierbar. Kinder können dann nachts schreiend aufwachen und sich komplett verloren und verlassen vorkommen. Diese Erlebnisse sind alles andere als dazu geeignet, dass Kinder mit ADHS gerne zu Bett gehen. Es ist also völlig kontraproduktiv, eine totale reizarme Situation herzustellen. Diese Kinder haben nicht zu wenig Ruhe, um einschlafen zu können, sondern zu viel!

Gegenmassnahmen
Das nähere Verständnis der Hintergründe, weshalb Kinder (und Erwachsene) Mühe haben beim Zubettgehen und mit dem Ein- und Durchschlafen ermöglicht es, Wege und Mittel zu finden, um diesen Problemen zu begegnen. Bewährt haben sich folgende Massnahmen: Finden Sie gemeinsam mit Ihrem Kind heraus, welche Methoden dazu beitragen, dass es besser einschlafen kann.

Merke: Das Gehirn aller Menschen mit ADHS benötigt mehr Stimulation, um korrekt zu arbeiten (und dazu gehört auch das sich Konzentrieren und sich in den Schlaf fallen lassen). Es ist also ein gewisses Ausmass an Stimulation erforderlich. Allerdings darf es auch nicht zu einer Überreizung kommen. Also: Nicht zu wenig, aber auch nicht zu viel.

Bewährt haben sich Versuche mit mehr oder weniger laut tickenden Weckern, leiser (!) Musik oder anderen Geräuschen (z.B.: leicht plätschernde Zimmerbrunnen). Auch ein Nachtlicht leistet oftmals gute Dienste. Selbstverständlich sollte diesen Kindern nicht untersagt werden, vor dem Einschlafen zu lesen oder Radio/Walkman zuhören. Wer das von seinem Kind verlangt, hat nicht verstanden, was ADHS bedeutet.

Einige dieser (ein-) schlafgestörten Kinder brauchen allerdings genau das Gegenteil: Nämlich die „totale Ruhe“. Ihnen kann häufig mit Ohrenstöpseln recht wirksam geholfen werden. Bei hartnäckigen Problemen rund um das Thema Zubettgehen und Einschlafen, empfiehlt es sich, konsequent, täglich und bei jedem Wetter einen halbstündigen Spaziergang vor dem Zubettgehen zu unternehmen.

Ferner kann – sofern von Seiten des Arztes bzw. der Ärztin eine Diagnose und eine Indikation vorliegt – auch versucht werden, eine halbe Stunde vor der Einschlafzeit eine kleine (!) Dosis Ritalin zu verabreichen. Es gilt übrigens als wissenschaftlich bestätigt, dass Ritalin-Abgaben nach 16 Uhr nicht automatisch zu Schlafstörungen führen müssen. Die damit verbundene diskrete Stimulation ermöglicht es diesen Kindern (und übrigens auch erwachsenen ADHS-Betroffenen), sich auf den Schlaf zu konzentrieren.

Selbst wenn eine ADHS diagnostiziert wurde, ist nicht auszuschliessen, dass auch andere emotionale Probleme (Angststörungen, sexuelle Ausbeutung, Angst vor dem Bettnässen usw.) für die Schlafstörungen diese Kinder verantwortlich sein können. Bei hartnäckigen Schlafstörungen sollte in jedem Fall eine fachliche Abklärung erfolgen.

Das Einschlafen wird natürlich nicht gerade gefördert, wenn man ausgerechnet abends noch ein spannendes Playstation-Spiel „reinwirft“ oder aufregende Videos anschaut. Zwei bis drei Stunden vor der vorgesehenen Einschlafzeit sollte auf den Konsum von Bildschirmmedien ganz  verzichtet werden. 

 

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Alarm! ADHS & Cannabis? Alkohol, Kiffen, Valium, Temesta, Rohypnol?

Frage:

Lea (13, ADHS vom unaufmerksamen Typus) raucht seit kurzem Hasch. Was tun?

AntwortLeider führt eine unbehandelte ADHS in zahlreichen Fällen zum Konsum von Drogen. In amerikanischen Untersuchungen geht man sogar davon aus, dass bis 50% aller Drogenkonsumenten in ihrer Krankengeschichte eine (in den meisten Fällen unbehandelte) ADHS aufweisen. Warum aber zeigen Jugendliche mit ADHS eine Neigung zum Drogenkonsum?

Wie an anderer Stelle dargelegt, geht ADHS mit einem starken Neugierverhalten einher: Neue Reize haben einen starken Aufforderungscharakter. Dem entgegen steht die grosse Intoleranz gegenüber monotonen, langweiligen und ‚abgegriffenen‘ Situationen. Menschen mit ADHS brauchen den ‚Kick‘, um sich spüren. Sie suchen deswegen Gefahrensituationen und betreiben nicht selten so genannte Risikosportarten.

Der Konsum von Drogen bietet sich bei Menschen mit ADHS an, weil einerseits die Illegalität des praktizierten Verhaltens schon etwas Besonderes und Spezielles darstellt und weil andererseits die pharmakologische Wirkung vieler Drogen im Frontalhirn der Betroffenen eine stimulierende Wirkung entfaltet. Das gilt nicht nur für Kokain, sonder auch für viele Designerdrogen wie beispielsweise Ecstasy. Dämpfende Drogen, wie z. B. Heroin oder andere Opiate, aber auch Beruhigungsmittel, welche als Wirkstoff Benzodiazepine enthalten (Valium, Temesta, Rohypnol usw.) können den schmerzenden Frustrierungen eines Alltages mit ADHS entgegenwirken. Da ADHS-Betroffene meistens zwischen extremen Gefühlslagen hin und her pendeln und infolge ihrer Hypersensibilität leicht verletzbar sind, kann es nicht wundern, das nicht wenige von ihnen im Sinne von Selbst-Medikation zu Drogen greifen.

Der Konsum von Cannabis an sich darf nicht dramatisiert werden. Fast alle Jugendliche – mit oder ohne ADHS – haben heute zeitweise Kontakt mit dieser Substanz. Wissenschaftliche Untersuchungen haben gezeigt, das Cannabis keine Einstiegsdroge für Heroin oder Kokain darstellt. Auch sind die gesundheitlichen Folgen des Konsums von Cannabis weit weniger dramatisch, als lange angenommen. Der mit dem Konsum von Cannabis meistens verknüpfte Tabakkonsum stellt das Hauptproblem dar.

An Cannabis ist meines Wissens noch niemand gesorben. An den Folgen des Tabakkonsums  hingegen sterben in der Schweiz jedes Jahr fast 10’000 Personen.  

Alkohol, die heute auch bei Jugendlichen verbreitetste Droge, ist sowohl bezüglich des Suchtrisikos, als auch der gesundheitlichen Folgeschäden, um ein Vielfaches gefährlicher als Cannabis.

Damit will ich nicht sagen, dass Cannabis in jedem Fall eine harmlose Droge darstellt. Es ist bekannt, dass Cannabis zu Psychosen und zu ernsten Gedächtnisstörungen führen kann. 

Jugendliche mit ADHS sind aber auch deswegen suchtgefährdet, weil viele von ihnen sehr beeinflussbar sind. Sie suchen inneren Halt und Identifikation bei Gleichaltrigen in viel stärkerem Ausmass, als dies bei Pubertierenden eh schon der Fall ist. Wenn Eltern feststellen, dass ihre Kinder Cannabis konsumieren, empfiehlt es sich, nicht mit Panik, sondern mit dem bedachten Einholen von Fachinformationen zu reagieren.

Eine allzu stark unsachlich-negative Reaktion der Eltern kann Trotzreaktionen hervorrufen und die verbotene Substanz noch interessanter machen. Die neutrale Haltung der Eltern soll bewirken, dass der Gesprächsfaden mit dem Cannabis konsumierenden Kind nicht (noch mehr) abbricht. In einem ruhigen Gespräch soll dem betroffenen Kind durchaus unmissverständlich zu verstehen gegeben werden, dass der Konsum von Cannabis ungesund ist und – abgesehen von einer Probe – langfristig nicht toleriert wird. Selbstverständlich haben die Eltern ihr eigenes Suchtverhalten (Nikotin, Alkohol) im Griff. Wenn nicht, sind sie natürlich sehr unglaubwürdig und ihre Interventionen sind von Anfang an auf Sand gebaut.

In vielen Fällen sind es Konflikte rund um den Drogenkonsum, welche bei Jugendlichen zu einer Abklärung führen und nicht selten wird erst dann eine ADHS diagnostiziert. Je nach Ausprägung der Störung (Lernstörungen? Entwicklungsstörungen? Auswirkungen auf soziale Beziehungen? Ruhelosigkeit?) kann auch der Einsatz von Stimulanzien in Erwägung gezogen werden.

J. Biedermann, einer der führenden ADHS-Forscher aus Boston, hat in einer prospektiven Studie zeigen können, dass mit Stimulanzien behandelte ADHS-Jugendliche ein um 85% weniger hohes Risiko für Drogenmissbrauch zeigen als solche, die nicht behandelt werden.  Eine grosse Untersuchung in Deutschland konnte diese Zahlen bestätigen.

Also: Bei Vorliegen der Diagnose ADHS und bei gegebener Indikation für eine Therapie mit Stimulanzien, ist nach dem heutigen Stand der Forschung der ärztlich verordnete und kontrollierte Einsatz dieser Medikamente gut geeignet, um eine Entwicklung in eine Drogensucht zu verhindern. Die Jugendlichen müssen sich aber zwischen ADHS-Medikamenten oder Cannabis bzw. anderen Drogen entscheiden. Beides zusammen geht nicht. 

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Strafe? Sinnvolle Strafen? Erwünschtes Verhalten belohnen!

Frage:

Andreas (12, ADHS) gehorcht quasi nie und es kommt deswegen immer wieder zu bösen Streitereien – teilweise auch Handgreiflichkeiten. Gibt es sinnvolle Strafen?

AntwortGerade impulsive und oppositionelle auffällige Kinder produzieren während des Unterrichtes, aber auch zu Hause oder im Einkaufszentrum, viele Provokationen. Sie sind deswegen täglich Sanktionen und Strafen der Eltern, der Lehrer oder anderer Bezugspersonen ausgesetzt.

Nicht selten findet eine regelrechte Konditionierung auf Strafe statt. Diese Kinder kommen dann sich oftmals selbst nur noch „im Gestraft werden“ vor und bauen sich darum herum ihre „Negativ-Identität“ auf: Wollen sie sich spüren, müssen sie quasi „Mist bauen“. Die Folgen können fatal sein. Viele Jugendliche mit delinquentem Verhalten haben diesen Konditionierungsprozess hinter sich.

Der Streit fängt in der Regel dann an, wenn diese Kinder einer Aufforderung der Eltern bzw. der Lehrer nicht Folge leisten. Diese wiederholen dann ihre Anweisungen oder ihre Aufforderung meist mehrfach. Das Problem eskaliert in der Regel dann, wenn das betroffene Kind auch die wiederholte Aufforderung ignoriert. Falls das Kind der Anweisung Folge leistet, wird dieses Verhalten von den Eltern nicht speziell beachtet, da es als selbstverständlich angesehen wird. Das zeigt, dass das Nichtgehorchen mehr Aufmerksamkeit der Eltern zur Folge hat, als folgsames Verhalten.

Die Eltern beginnen – spätestens nach der dritten Aufforderung – laut zu schimpfen und zu drohen und werden manchmal auch selbst sehr aggressiv. Das oppositionelle und aggressive Verhalten des Kindes nimmt dadurch in den meisten Fällen eher noch zu. Schliesslich geben die ratlosen Eltern in ihrer Verzweiflung irgend einmal nach. Resultat ist, dass das Kind durch dieses Nachgeben der Eltern in seinem Verhalten schlussendlich belohnt wird. Das negative Verhalten wird verstärkt. Ausserdem lernt das Kind, dass aggressives Verhalten schlussendlich zum Ziel führt und ein geeignetes Mittel darstellt, eigene Vorstellungen durchzusetzen. Dieser Mechanismus funktioniert wie ein Teufelskreis und spielt sich nicht nur zu Hause, sondern auch in der Schule und bei anderen Gelegenheiten ab. Oft mit fatalen Folgen für den Betroffenen, aber auch für das Schul- bzw. Familienklima.

Ist dieser Interaktions-Mechanismus sehr eingeschliffen, kommt die betroffene Familie meist nicht ohne fachliche Hilfe aus diesem Teufelskreis heraus. Stichwortartig können folgende Empfehlungen abgegeben werden:

Versuchen Sie – wo immer nur möglich – dem positivem Verhalten des betroffenen Kindes mehr Aufmerksamkeit zuzuwenden als den unerwünschten Verhaltensweisen. Loben und belohnen Sie konsequent kooperatives und freundliches Verhalten! Loben Sie auch, wenn das betroffene Kind überhaupt zuhört (dies ist bei Kinder mit ADHS alles andere als selbstverständlich).

Belohnungssystem
Eltern können sich ein Belohnungssystem erarbeiten. Zu diesem Zweck werden auf einer Liste die vier oder fünf am meisten erwünschten Verhaltensweisen (z.B.: „Elterliche Anweisungen in Ruhe anhören und in eigenen Worten wiederholen“, „Zuerst denken und dann handeln“, „Spannungszustände in Worte kleiden, statt auszuagieren“ usw.) in einfachen und altersgerechten Worten beschrieben. Ferner wird von den Eltern definiert, wie das erwünschte Verhalten belohnt werden kann. Mittels eines Punktesystems können Kinder diese positiven Erfahrungen „sammeln“ und – bei Erreichen einer vorher durch die Eltern festgelegten Limite – in konkrete Belohnungen eingetauscht werden (z. B.: Taschengelderhöhung, eine Stunde mehr TV usw.). Eltern müssen sich über das unerwünschte Verhalten und deren Konsequenzen (Sanktionen) einig sein. Das Kind muss ganz genau wissen, welches Verhalten erwünscht bzw. unerwünscht ist!

Sinnvollerweise wird etwa anlässlich einer „Familienkonferenz“ – und wenn möglich in aller Ruhe – eine Liste mit den vier oder fünf am meisten störenden Verhaltensweisen erstellt. Zu jedem dieser Punkte wird – gemeinsam mit dem betroffenen Kind – in einfachen Worten ein Satz formuliert, welcher das erwünschte Verhalten präzise umschreibt. Jedem dieser positiven Umschreibungen wird ein Symbol als Erinnerungsstütze beigefügt.

Analog dem oben beschriebenen Punktesystem definieren die Eltern schliesslich, welches Verhalten zu welchem Punkteabzug führt. Selbstverständlich können auch die oben beschriebenen elterlichen Einstellungen und Belohnungs- bzw. Strafmassnahmen nicht dazu führen, dass hyperaktive Kinder zu Engeln werden. Nur wenn es den Eltern wirklich gelingt, zu akzeptieren, dass die Störungen der Impulskontrolle zu den Grundsymptomen der ADHS gehören und es darum geht, zu lernen, mit diesen Ausbrüchen besser umzugehen, anstatt sie zu bekämpfen, nur dann besteht Aussicht, positiven Einfluss auf diese schwierigen Kinder zu gewinnen.

Hervorgehoben werden soll abschliessend die Wichtigkeit der elterlichen Kommunikation untereinander. Wenn diese sich selbst nicht einig sind über das erwünschte und das unerwünschte Verhalten, die Belohnungen und Sanktionen, dann ist es nahe zu unmöglich, aggressive und impulsive Kinder mit trotzigem und oppositionellem Verhalten „unter Kontrolle“ zu bringen. Dem Kind (und seinen Eltern) sollte klar sein, dass bestimmte Verhaltensweisen des Kindes das Zentrum der Probleme darstellt, und nicht das Kind als ganze Person.

Die oben genannten Massnahmen können bei Kindern und Jugendlichen eine medikamentöse Therapie nicht ersetzen, können diese aber hochwirksam ergänzen.

 

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Fehlender Respekt | Aggressionen | Wut | Hilflosigkeit

Frage:

Unser Sohn Julian (9), ADHS-Diagnose seit der ersten Schulklasse, zeigt sowohl dem Lehrer, den Grosseltern, uns selbst, aber auch beispielsweise Verkäuferinnen in einem Geschäft gegenüber ein oft dermassen respektloses Verhalten, dass wir uns dann meistens total hilflos und überfordert fühlen und wie gelähmt sind. Wie können wir ulian in diesen Situationen „heruntertemperieren“?

AntwortADHS-Kinder arrangieren und provozieren fatalerweise oftmals genau jene Situationen, die ihnen nicht gut tun: Nämlich chaotische Verhältnisse und – als Reaktion auf das eigene aggressive Verhalten – feindseliges Verhalten der Bezugspersonen.

Reduzierte Impulskontrolle
Bekanntlich gehören Störungen der Impulskontrolle zu den Leitsymptomen bei ADHS. Wutanfälle und andere verbale oder körperliche aggressive Akte gehören bei Kindern mit ADHS folglich zum Kapitel: Impulskontrollstörungen. Wie schon an anderen Stellen in ADHS.ch dargelegt, hat die Reizfilterschwäche nicht nur Bedeutung bezüglich der von aussen eintreffenden Reize und Signale: Auch innere Impulse können oftmals nicht ausreichend ausgefiltert und gebremst werden. Dann kann es zu den genannten Störungen der Impulskontrolle kommen.

Diese Kinder sind diesen Ausbrüchen in der Regel hilflos ausgeliefert und schämen sich anschliessend oftmals zutiefst über ihr eigenes Verhalten und die seelischen (oder körperlichen) Verletzungen, welches sie anderen zugefügt haben. Durch die Reizoffenheit und die mit ihr verbundene „Mehrkanaligkeit der Sinneswahrnehmungen“ ist in der Regel auch die Empfindsamkeit dieser Menschen hoch. Kinder aber auch Erwachsene mit ADHS sind daher häufig „in der Krise“. Grund ist die ausgesprochen starke „Umweltabhängigkeit“ dieser Menschen. Sie leben immer im Hier und Jetzt und sind in ihrer Befindlichkeit ganz extrem von dem jeweils aktuellen Stimulus abhängig. Dies führt zu starken Schwankungen der Stimmung und zu Reizbarkeit. Menschen mit ADHS sind oft wie Gefangene des Augenblicks. Sie sind deswegen verletzbar für Dinge, welche andere Menschen viel leichter wegzustecken vermögen. Viel zu vieles beziehen sie auf sich selbst. Sie sind schnell beleidigt und eingeschnappt.

Fatal ist, dass Streit- und Stresssituationen für das Gehirn unbehandelter ADHS-Betroffener zu einer willkommenen Stimulation führt. Die neuronale Aktvierung führt dazu, dass sie im Streit plötzlich wach, konzentriert und handlungsfähig sind. Dadurch spüren sie sich endlich einmal so richtig. Im Standby-Modus hingegen ist auch ihre Selbstaufmerksamkeit stark reduziert. Das alles bedeutet, dass Streit- und Stresssituationen für die Betroffenen negativ und positiv sein können. Dumm, wenn sie dann daraus lernen, dass ihnen Stress mehr bringt als die innere Leere, die Monotonie und die Langeweile des Familien- und Schulalltags. 

Was aber tun?

    1. Nerven behalten und selbst ruhig bleiben.
    2. Akzeptieren Sie, dass das Kind an einer Schwäche der Impulssteuerung leidet. Es ist wenig zielführend, dagegen anzukämpfen. Das wiederum heisst aber nicht, dass das Verhalten dieser Kinder akzeptiert werden muss. Die Eltern, die Geschwister, die Lehrer, die anderen Bezugspersonen, aber auch das betroffene Kind selbst müssen lernen, mit diesen Ausbrüchen besser umgehen zu können. Wenn ein unerwünschtes Verhalten nur mit Vorwürfen, Scham und Verständnislosigkeit quittiert wird, fällt es allen Beteiligten schwer, in einen konstruktiven Lernprozess einzusteigen.
    3. Belohnen Sie Ihr Kind in Situationen, in denen es sonst wütend wird, diesmal aber keinen Wutanfall bekommen, immer.
    4. Die Diagnose ADHS und eine Behandlungsindikation vorausgesetzt, bildet eine Therapie mit Stimulanzien (z.B. Ritalin) oftmals die Voraussetzung, um das aggressive und impulsive Verhalten einigermassen abzumildern. Begleitend sind psychotherapeutische Stützmassnahmen erforderlich.
    5. Lesen Sie das Buch: „Wackelpeter und Trotzkopf“ von Manfred Döpfner. Es enthält viele praktische und konkrete Hilfen zur Selbsthilfe im Umgang mit aggressiven und stark störenden Kindern mit ADHS.
    6. Vorsorge ist die beste Medizin. Üben Sie sich daher in Problem-Früherkennung: Je früher und je besser die Vorzeichen einer „Explosion“ erkannt werden, umso einfacher ist es für alle Beteiligten, mit der spannungsgeladenen Situation und den Aggressionen fertig zu werden. Dies setzt aber voraus, dass das störende Verhalten von allen Beteiligten als Zeichen einer Krankheit und nicht als eine Charaktereigenschaft, für welche sich alle schämen müssen, akzeptiert werden muss (siehe Pkt. 1).
    7. Wenn ein Kind mit ADHS ‚ausrastet‘, macht es absolut keinen Sinn, es verbal beschwichtigen zu wollen. Auch Strafandrohungen sind kontraproduktiv und verschärfen den Konflikt. Greifen Sie auch selbst nicht zur Gewalt, schlagen Sie das Kind nicht. Aber handeln Sie!
    8. Kleinere Kinder werden kurzerhand aus der Kampfsituation entfernt und ins eigene oder ein anderes Zimmer verfrachtet – und zwar ruhig, bestimmt und konsequent und ohne Schreien und Schimpfen der handelnden Person.
    9. Nützt alles nichts, müsste von einer Fachperson geklärt werden, ob der Wutproblematik gegebenenfalls andere Ursachen zugrunde liegen und ob andere oder ergänzende Therapien angezeigt sind. 

Auf ältere, sehr erregte und aggressive Kinder wird reagiert, indem erstens der direkte Blickkontakt vermieden wird und zweitens indem die eigene Stimme in der Höhenlage gesenkt wird. Mit kurzen (nonverbalen) Stoppsignalen und – wenn möglich – unter kurzem Verweis auf die ADHS-Basisproblematik wird – falls möglich – das ausrastende Kind aus der Situation entfernt oder – falls dies nicht möglich ist – wird dafür gesorgt, dass die Anwesenden den Raum verlassen. Keine Beschwichtigung, keine Diskussion (diese kann einige Stunden später oder am Folgetag stattfinden) – sondern handeln!

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Hypersensibilität bei ADHS / Empfindlichkeit

Frage

Laura (9, ADHS-Diagnose vom unaufmerksamen Typus) ist körperlich und seelisch extrem empfindlich. Sie ist die geborene Prinzessin auf der Erbse. Sie leidet selbst sehr darunter. Wie können wir ihr helfen?

AntwortHypersensibilität ist eines der wesentlichen Kennzeichen von Menschen mit ADHS, also nicht nur von Kindern. Die Reizoffenheit bzw. das Ausgeliefertsein gegenüber vielen inneren und äusseren Reizen (Störung der Inhibition = mangelhafte Hemmung von irrelevanten Reizen im Gehirn) bringt es mit sich, dass diese Menschen im wahrsten Sinne des Wortes oft „gereizt“ sind und darauf auch sehr „allergisch“ reagieren können. Einige Untersuchungen wollen gar tatsächlich einen ursächlichen Zusammenhang von ADHS und allergischen Reaktionen ausgemacht haben.

Kinder und Erwachsene mit ADHS meinen oft, sie selbst seien gemeint, auch wenn es um ganz andere Dinge oder Personen geht. Viel zu schnell beziehen sie alles Mögliche und Unmögliche auf sich selbst. Sie sind in diesem Sinne egozentrisch. Oft reagieren diese Kinder (und auch die Erwachsenen) dann auch dementsprechend aggressiv. In extremen Fällen kann dies sogar fast paranoide oder sozialphobische Züge (massive Angst vor negativer Bewertung Dritter, verbunden mit aktivem Vermeiden von sozialen Kontakten) annehmen.

Wie angetönt, kann auch körperliches Missempfinden sehr ausgeprägt vorhanden sein bei Vorliegen einer ADHS. Je nach Lebensverlauf, Erziehung und anderen sozialen Einflüssen kann sich auch eine grosse Ängstlichkeit und damit verbunden eine grosse Aufmerksamkeit zu bzw. gegenüber dem eigenen Körper entwickeln. Hypochondrische Störungen, aber auch Essstörungen (z.B. Magersucht) können in ADHS eine der Ursachen haben.

Bei stark ausgeprägter Hypersensibilität, sowie bei Vorliegen einer ärztlichen Diagnose ADHS und einer Indikation für eine Stimulanzien-Therapie, kann versucht werden, den Reizschutz medikamentös mit Ritalin zu verbessern. Für viele stark hypersensiblen Kinder und Erwachsene stellt diese Therapie eine grosse Erleichterung dar, denn das ständige Ausgeliefertsein an alle möglichen und unmöglichen inneren körperlichen und seelischen Impulse und äusseren Reize kostet sie ungeheuer viel Energie, kann Depressionen erzeugen und lenkt meist stark ab von der zielgerichteten Erfüllung der Lebensaufgaben.

 

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ADHS Selbsthilfegruppe

Frage:

Was können wir als Eltern selbst dazu beitragen, um unsere ADHS-Kids zu unterstützen?

AntwortGlücklicherweise viel mehr, als manche verzweifelte Eltern annehmen. Längst nämlich ist nicht allen Eltern von Kindern mit ADHS bekannt, dass diese neurobiologische Störung mit grosser Wahrscheinlichkeit genetisch bedingt ist und ursächlich nichts mit Erziehungsfehlern zu tun. Dies bedeutet, dass ADHS in vielen Fällen familiär gehäuft auftritt (Geschwister, Eltern, Grosseltern usw.). Viele wissenschaftliche Untersuchungen – darunter insbesondere auch Zwillingsstudien – ergaben, dass den Grundsymptomen der ADHS nämlich weder kulturelle, familiäre noch erzieherische Faktoren zugrunde liegen.

Viele wissen zudem nicht, dass ADHS in ca. 50% aller Fälle auch im Erwachsenenalter eine bestimmende Rolle im Leben und Erleben spielen kann, dass sich also ADHS nicht immer „auswächst“. In diesem Zusammenhang kann es für einen konstruktiven Umgang mit ADHS-Kindern entscheidend sein, dass Eltern sich selbst mit der Frage auseinandersetzen, inwieweit sie selbst (und/oder ihr Partner) von ADHS betroffen sind.

Dazu kann es erforderlich sein, sich abklären zu lassen und/oder sich einer ADHS-Selbsthilfegruppe anzuschliessen. Hinter manchen hilflosen Reaktionen der verzweifelten Mütter und hinter manchem „coolen Zumachen“ der Väter stehen eigene Erfahrungen als Betroffene. Falls bei einem oder bei beiden Elternteilen ADHS diagnostiziert wird, ist es naheliegend, dass dieser Befund auch für die betroffenen Eltern therapeutische Konsequenzen hat. Bleiben diese Konsequenzen aus, bleiben Chancen für einen konstruktiven erzieherischen Umgang mit ADHS-Kindern ungenutzt.

ADHS Selbsthilfegruppe
Eine Teilnahme bei einer Selbsthilfegruppe empfiehlt sich auch dann, wenn die Eltern selbst nicht von ADHS betroffen sind. Mit der Unterstützung einer Selbsthilfegruppe können Eltern lernen, auf eine neue und konstruktivere Art mit den Auffälligkeiten ihrer ADHS-Kinder umzugehen.

Standen lange Zeit Hilflosigkeit, Scham, Verzweiflung, schlechtes Gewissen („Erziehungsfehler“), eigene aggressive Reaktionen und sozialer Rückzug im Vordergrund, so kann eine Auseinandersetzung mit der „eigenen“ ADHS für die Eltern bedeuten, ein Coming-Out mit positiven Folgen für sich selbst, für die Ehe und die eigenen betroffenen und nicht betroffenen Kindern einzuleiten. In diesem Prozess der offensiven Auseinandersetzung (als Gegenteil zum sich schamvoll Verstecken), kann eine grundlegende Einstellungsänderung eingeleitet werden:

Nicht mehr gegen die ADHS-Symptome (der Kinder oder der eigenen) kämpfen, sondern lernen, damit umzugehen. Das heisst u.a., lernen, zu akzeptieren und lernen, von Vorstellungen loszulassen, unbedingt eine „normale“ Familie sein zu müssen.

In diesem Prozess gelingt es auch vielen Eltern zu sehen, dass ADHS nicht nur mit negativen Aspekten behaftet ist. Indem sie in einem Elterntraining lernen, mehr ressourcenorientiert zu denken und zu handeln („Was macht Sie stärker?“), lernen sie ihre Kinder teilweise auch neu kennen.

Probleme lösen in der Familie
Ferner muss versucht werden, „Ruhe“ in den Familienverband zu bringen. Wenn ADHS-Eltern versuchen, „Ordnung“ zu schaffen, artet es nicht selten selbst in Chaos aus. Was ihnen oftmals fehlt, ist ein System zur Rationalisierung, d.h.:

  1. Beschreiben des Problems: Was ist eigentlich los, wie sehen es die verschiedenen Familienmitglieder möglichst mit einer Art „objektivem“ externen Schiedsrichter. Dabei werden die hyperaktiven Kinder womöglich eben gerade wegen dem starken Gerechtigkeitssinn ja ganz andere Dinge wahrnehmen und beschreiben können, andere Aspekte sehen und bewerten als ihre Eltern. Wenn man die unterschiedliche Wahrnehmung nicht kennt, kann man aber auch die heftigen Reaktionen der Kids nicht nachvollziehen und interpretiert sie als Widerstand, Verweigerung oder Inkompetenz.
  2. Was ist das Problem? Wer leidet darunter und in welcher Form?
  3. Welche Lösungsmöglichkeiten könnte es geben?
  4. Welche Lösung wählen wir aus?
  5. Ausprobieren und
  6. Bewerten und ggf. andere Strategien erwägen und damit wieder zu Punkt 1….

In „hartnäckigen“ Fällen werden Eltern nicht umhin kommen, sich psychologische Hilfe von einer ADHS-Fachperson zu holen.

Merke: Leider drohen ob der vielen dramatischen Ereignisse die Wahrnehmung der vielen positiven Eigenschaften von ADHS-Kindern oft regelrecht unterzugehen: Wie steht es denn mit der spontanen Hilfsbereitschaft vieler Kinder mit ADHS, ihrem ausgeprägten Gerechtigkeitssinn, ihrer starken Tier- und Naturliebe, der Fähigkeit, beiläufig Schönes wahrzunehmen, ihrer Begeisterungsfähigkeit, ihrer Intuition, ihrem Feingefühl für Zwischenmenschliches, ihrer Kreativität und ihrer Fähigkeit, Fehler anderer zu vergeben? Wer Probleme seiner Kinder lösen will, muss vor allem auch um ihre Stärken wissen. Diese Kompetenzen sind die Grundlage, um darauf aufbauend auch „Schwachstellen“ aufarbeiten zu können. Wichtig ist, dass alle Beteiligten aber auch ein Bewusstsein dieser Kompetenzen der Kinder mit ADHS entwickeln. Dann entsteht auch wieder ein Glaube an diese Kinder – und das haben viele von ihnen bitter nötig, nämlich dass wieder jemand an sie und ihre Fähigkeiten glaubt.

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Total verträumt! Trödeln bis zum Abwinken! Was tun?

Frage:

Meine elfjährige Tochter Nina ist ein intelligentes, aber total verträumtes Kind. Sie hat eine „lange Leitung“ und ist Weltmeisterin im Trödeln. Sie schafft es, mich ab und zu zur Weissglut zu treiben. Gibt es eine Methode, um das Trödel-Syndrom abzustellen?

AntwortIn erster Linie muss abgeklärt werden, wieso Barbara so trödelt. ADHS kann – muss aber nicht – eine Ursache für Barbaras Trödeln darstellen. Im Zweifelsfall – vor allem bei Vorliegen von Teilleistungsstörungen wie beispielsweise Legasthenie oder bei anderen Auffälligkeiten (Bettnässen, Tics, unerklärlichen Ängsten, schnelles Ermüden usw.) – ist eine psychologische Abklärung bei einer Fachperson für ADHS angezeigt. Viele Symptome der ADHS kommen nämlich auch bei (und/oder mit) anderen psychischen Erkrankungen und Reaktionen vor und müssen deshalb von einem Fachmann bzw. einer Fachfrau genau untersucht werden. Siehe dazu auch hier.

Im Rahmen dieser Untersuchungen wird u.a. abgeklärt, ob emotionale familiäre Konflikte, allgemeine intellektuelle Überforderung oder allenfalls auch sexuelle Ausbeutung als Ursache des Problemverhaltens infrage kommen kann. Trödeln bei ADHS wird wie gesagt sehr häufig beobachtet. Und zwar bei Kindern, Jugendlichen und Erwachsenen. Nicht selten stellt dieses störende Verhalten den Anlass dar, welcher schliesslich zur Abklärung führt.

Wie kann Trödeln mit ADHS zusammenhängen?
Der bekannte ADHS-Forscher Barkley formulierte 1997, dass die bei ADHS ungenügend arbeitende zerebrale Inhibition (Filterung von überschüssigen inneren und äusseren Reizen, Hemmung der Reaktion auf diese Reize) dazu führen kann, dass das Verzögern und Abstoppen von Reaktionen nicht oder nicht ausreichend funktioniert. Es ist, als könnten die betroffenen Kinder (und Erwachsenen) nicht recht „abbremsen“. Dabei spielt es keine Rolle, ob es sich um gefühlsmässige, gedankliche, körperliche oder verhaltensbezogene Reaktionen auf einen Stimulus (Reiz) handelt. Der Stimulus kann wiederum ein Ereignis, Gedächtnis bzw. innere Bilder, Gefühle oder physiologische Veränderungen sein.

Das Nicht-abstoppen-können, welches wie gesagt auf verschiedenen inneren und äusseren Ebenen stattfinden kann, hat Folgen: Ärger hört nicht auf, das Nägelkauen kann nicht gestoppt werden, über negative Ereignisse wird gegrübelt „bis zum geht nicht mehr“, schöne Fantasien entführen den/die Träumer/-in in andere Welten usw.

Dieses Nicht-abbremsen-können fördert u.a. auch das Träumen und das Trödeln. Trödeln heisst (im Zusammenhang mit dem Vorliegen einer ADHS) häufig, dass zu viele Reize gleichzeitig auf das Gehirn des betroffenen Kindes einströmen. Reize, welche nicht ausreichend sortiert und in eine sinnvolle Reihenfolge gebracht werden können. Das führt zu mehr oder weniger bewussten Entscheidungsproblemen: „Welchem Impuls soll es nun nachgeben? Tut es A, vernachlässigt es B und könnte C verpassen. Am liebsten alles auf ein Mal. Aber wo bloss beginnen…?“. Schliesslich macht sich lähmende Langeweile breit, welche u.a. zur Folge hat, dass die neuronale Aktivität in denjenigen Teilen des Gehirns, welche für die Inhibition (Hemmung überflüssiger Reize) zuständig ist, noch weiter abnimmt. Es kommt folglich zu einem Teufelskreis, welcher die Betroffenen gegebenenfalls auch motorisch immer unruhiger werden lässt.

Damit einhergehend zeigen die meisten ADHS-Betroffenen ein „gestörtes“ Zeitgefühl: Sie können im Einkaufsgeschäft eine halbe Stunde vor einem Regal stehen und verträumt die Inhaltsdeklarationen jedes Produktes studieren und sich selbst und die Zeit total vergessen. Um nicht in diesen „zeitlosen“ Zustand zu geraten, gehen einige ADHS-Patienten nur noch mit Einkaufszetteln ins Kaufhaus und versuchen, so schnell wie nur möglich ihre Einkäufe zu tätigen.

Ähnliches spielt sich auch bei Kindern ab. Beim Aufräumen etwa können sich auch ältere Kinder mit einer ADHS total verlieren. Jeder neue Gegenstand, welcher eigentlich an seinen Platz geräumt werden sollte, packt die Aufmerksamkeit das Kind von Neuem und veranlasst dieses, die mit diesem Gegenstand verbundenen Spiel- und Erlebnismöglichkeiten auszuloten. Die Aufgabe, nämlich das Zimmer aufzuräumen, vergessen diese Kinder. Dieses Vergessen geschieht jedoch nicht aus Faulheit oder Nachlässigkeit, sondern ist Folge der zu wenig stark arbeitenden Filterfunktionen des Gehirns.

Durch das „Verhaftetsein“ in den Augenblick, bzw. die überaus starke Stimulusgebundenheit (also die „Sucht“ nach starken äusseren oder inneren Reizen) von Menschen mit ADHS, leiden natürlich auch die Fähigkeiten des Vorausplanens. Gleichzeitig ist aber auch das rückwärtsgerichtete Zeitempfinden nur sehr mangelhaft ausgeprägt. Dies bringt es mit sich, dass Kinder und Erwachsene mit ADHS sich vor allem auf schwierige Situationen immer wieder neu einstellen müssen. Aus alten Erfahrungen zu lernen, ist für sie sehr schwierig. Auch Erfolgserlebnisse bleiben leider nicht „hängen“. Infolge dieses „Defektes“ des Zeitgefühls brauchen diese Kinder (aber auch viele Erwachsene mit ADHS) deutliche Zeitablaufshinweise.

Was tun?
Beim Lernen, beim Hausaufgaben erledigen sowie bei der Durchführung anderer Tätigkeiten leisten Uhren, welche so programmiert werden können, dass sie alle 15 Minuten einen Signalton von sich geben, herausragende Dienste. Wesentlich erscheint ferner, dass Eltern von Ihren Kindern nie zu früh ein selbständiges Erledigen der übertragenen Aufgaben einfordern. Diese Kinder müssen oft lange und mit viel Geduld gecoacht und begleitet werden. Zu leicht verlieren sie das Wesentliche aus den Augen und zu schnell vergessen sie, was sie eigentlich vor hatten.

Bei Vorliegen der Diagnose ADHS und bei Indikation für eine Therapie mit Stimulanzien, kann eine medikamentöse Therapie viel mit dazu beitragen, dass sich diese Kinder weniger zerstreut und zielgerichteter an ihre Arbeiten machen. Für die Persönlichkeitsentwicklung dieser Kinder ist es evident, dass sie ihre Intelligenz auch „ausleben“ können. Ritalin oder andere Stimulanzien können dazu beitragen, dass diese Kinder lern- und entwicklungsfähiger werden.

 

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Hausaufgaben? Stress! Terror! Tränen! Hilfe! Was tun bei ADHS?

FrageWie können wir unseren hyperaktiven Sohn Marius (11) bloss dazu bringen, endlich einmal und bitte, bitte ohne grosses Getöse seine Hausaufgaben zu machen?

AntwortHausaufgaben gehören bei vielen unbehandelten ADHS-Kindern zu den meist gehassten und nach Möglichkeit zu vermeidenden Tätigkeiten. Sie drücken sich, verschieben das Erledigen der Hausaufgaben auf später, stehen – sofern sie sich überhaupt hinsetzen – ständig wieder auf und zeigen oft grösste Mühe, bei der Sache zu bleiben.

Mädchen mit einer ADHS können gelegentlich ein gegenteiliges Verhalten zeigen: Sie lernen mit übergrossem Eifer und übertriebenem zeitlichem Einsatz. Auf ihr fast zwanghaft anmutendes Lernverhalten hin befragt, berichten einige dieser Kinder auf genaues Nachfragen hin, dass sie grosse Angst haben, das Gelernte schnell wieder zu vergessen und sich nur durch das viele Lernen in der Lage sehen würden, sich während des Schulunterrichtes einigermassen an den Lernstoff erinnern zu können. Die Angst, am kommenden Schultag schon wieder blamiert an der Tafel zu stehen, und (was bei ADHS infolge des verkürzten Arbeitsgedächtnisses sehr häufig vorkommt) einfachste Dinge einmal mehr nicht aus dem Kopf abrufen zu können, treibt diese Kinder zu übertriebenem Lernverhalten. Oft helfe – dies berichten übrigens auch Erwachsene mit einer ADHS – nur ein reines Auswendiglernen, also ein Ablegen der Lerninhalte als hintereinander ablaufende und möglichst mit visuellen Signalen verbundene „Geschichte“ im Langzeitgedächtnis.

Kinder mit ADHS zeigen dieses Verhalten aber nicht etwa, weil sie faul oder bezüglich ihrer Intelligenz überfordert sind, sondern weil das erwartete Stillsitzen im Unterricht die ADHS-typische Reizoffenheit noch weiter vergrössert. Sie werden dann überflutet mit Reizen, welche mit dem Lernen meist gar nichts mehr zu tun haben und werden dadurch abgelenkt. Und dies zeigt sich dann in Form von Lernstörungen, an denen die Kinder „keine Schuld“ haben. Im Gegenteil: Die meisten dieser ADHS-Kinder leiden unter diesen Lernstörungen: Sie schämen sich, weil sie merken, dass sie es eigentlich kapieren müssten – aber es nicht tun.

Lernen heisst leider häufig: Monotones Repetieren von Vokabeln, wiederholtes Üben von Rechenoperationen in verschiedenen Varianten und Schreiben von langatmigen Diktaten. Dazu ist Daueraufmerksamkeit erforderlich. Ausserdem müssen andere Impulse ausreichend unterdrückt werden können. Beides Eigenschaften, welche bei ADHS-Kindern schwach ausgeprägt sind. Üben ist für Kinder mit ADHS grundsätzlich schwierig. Sie suchen immer Neues und Interessantes und registrieren oft Nebensächlichkeiten. Gleichzeitig bekunden sie grosse Mühe, das Gelernte zu einem Ganzen zusammenzufassen. An Details vermögen sie sich zu erinnern, nicht aber an den Gesamtzusammenhang.

Was tun?

Ganz grundsätzlich brauchen Kinder mit ADHS Hilfen beim Lernen. Es macht keinen Sinn, einzufordern, dass die Hausaufgaben alleine gemacht werden. Alle Appelle an die Selbstständigkeit führen zu einer Überforderung und den entsprechenden Reaktionen. Wie auch in anderen Lebenszusammenhängen brauchen Kinder mit ADHS klare und transparente Verhältnisse: Kinder mit ADHS müssen genau wissen, was wann von ihnen erwartet wird. Dabei ist es ausserordentlich wichtig, dass die Eltern bzw. diejenige Person, welche das Kind bei den Hausarbeiten betreut, sich vergewissern, dass das Kind auch wirklich verstanden hat, was von ihm erwartet wird.

Diese Kinder sind oftmals so zerstreut und haben so viele andere Dinge gleichzeitig im Kopf, dass ihnen das Zuhören, bzw. das sich Einprägen der Aufgabenstellung schwer fällt. Hausaufgaben sollten – und das gilt nicht nur für Kinder mit ADHS – grundsätzlich an dem Tag gemacht werden, an welchem die Kinder die Aufgaben fassen. Elementar ist zudem, dass unmissverständlich klar sein muss, um welche Zeit die Aufgaben zu erledigen sind. Im Rahmen eines Wochenplanes kann der Zeitpunkt den Erfordernissen des Unterrichtsplanes angepasst werden.

Da Kinder mit ADHS nicht lange stillsitzen können, macht es wenig Sinn, von diesen Kindern zu erwarten, dass sie sich stundenlang mit den Hausaufgaben herumquälen. Es empfiehlt sich, die Kinder in einem Rhythmus von maximal 20 Minuten lernen zu lassen. Eine Küchen- oder Eieruhr leistet hierzu grosse Dienste. Je nach Ausprägung der Lernstörung soll die Bezugsperson spätestens alle 20 Minuten wieder nach dem Rechten sehen und den Schüler bzw. die Schülerin loben und ermutigen, auch den Rest der anstehenden Aufgaben zu erledigen.

Viele Kinder mit ADHS verweigern die Hausaufgaben völlig, wenn von ihnen erwartet wird, alleine in einem Zimmer zu lernen. Sie halten dies schlichtweg nicht aus. Die Ruhe und der Mangel an stimulierenden Reizen führt oftmals zu einer unerträglichen Situation, zu einer emotionalen Anspannung und einem gänzlichen Zusammenbruch der Filterung von irrelevanten Reizen. Das Lernen wird dann vollends unmöglich. Abhilfe schafft gelegentlich ein leise im Hintergrund laufendes Radio. Die Musik kann dann einen Teil des ‚Rauschens im Gehirn‘ übertönen. Paradoxerweise berichten Kinder mit ADHS immer wieder, dass sie mit Musik im Hintergrund besser lernen können und aufnahmefähiger sind. Man sollte sie gewähren lassen. Bei einem starken hyperaktiven Syndrom und der damit verbundenen Unfähigkeit, sich überhaupt hinsetzen zu können, kann diesen Kindern auch erlaubt werden, mit dem Buch in der Hand, im Zimmer auf und abzugehen. Auch ein Stehpult leistet gute Dienste.

Selbstverständlich werden sich Kinder mit ADHS nur an diese Regelungen halten können, wenn auch in anderen Bereichen des Alltags klare Strukturen und Vorgaben herrschen. Dabei macht es wenig Sinn, Wochenpläne und andere Regelungen aufzustellen, wenn deren Durchsetzung nicht konsequent eingefordert wird. Bezüglich der Hausaufgaben bedeutet dies, dass die Durchführung der Hausaufgaben täglich kontrolliert werden muss.

Kinder, aber auch Erwachsene mit ADHS, bekunden immer wieder, Mühe mit dem „In-Fahrt-kommen“. Es ist, als könnten sie nur schwer starten. Und wenn sie einmal an einer Sache dran sind, dann fehlt ihnen oftmals die Bremse. In diesem Zusammenhang benötigen sie hin und wieder auch Druck und Starthilfe. Eine Belohnung in Aussicht zu stellen ist meist eben so wirkungslos, wie das Androhen von Strafe oder anderen Sanktionen, falls die Hausaufgaben nicht oder nicht ordentlich erledigt werden. Kinder mit ADHS sind nicht in der Lage, einen Belohnungsreiz solange innerlich aufrechtzuerhalten. Auch Strafandrohungen geraten in Vergessenheit. Das Zeitfenster ist bei Menschen mit ADHS zu klein, um sich eine in Aussicht gestellte Belohnung merken zu können. Sie leben im hier und jetzt. Strategisch sinnvoll ist es, bereits unmittelbar vor dem Beginn der Hausaufgaben dem Kind einen attraktiven Reiz zu bieten (Schokoriegel, kleines Geschenk, andere Überraschung). Wird das Frontalhirn bereits zu Beginn der Hausaufgaben – etwa durch eine Überraschung – stimuliert, sind diese Kinder oftmals besser in der Lage, die Hausaufgaben mehr oder weniger ordentlich auszuführen.

Dabei gilt der Grundsatz: Attraktive Reize erleichtern das Lernen. Falls diese Kinder sich dann tatsächlich hinsetzen und versuchen, sich den Hausaufgaben zu widmen, sollten sie gelobt werden. Das Lob soll also nicht nur für das erfolgreiche Durchführen der Hausaufgaben erfolgen, sondern bereits für den Versuch. Die Anstrengungsbereitschaft ist an sich schon lobenswert – und nicht nur und erst das Resultat.

Grundsätzlich sollte die Lernsituation positiv gestaltet werden: Der Schreibtisch des Kindes darf nicht überladen und zu chaotisch sein. Unbedingt sollten Farben zum Einsatz kommen (auch diese bedeuten eine Stimulation für das Gehirn und können mit dazu beitragen, die aktuelle Lernfähigkeit zu erhöhen). Schreibunterlage, Stifte, Schulhefte, Bucheinschläge sollten in plakativen Farben gehalten werden. Es empfiehlt sich ausserdem, pro Schulfach ein Ablagefach in Griffnähe bereitzustellen. Selbstverständlich haben Ablagefach, Schulhefte und Buchumschläge pro Schulfach die gleiche Farbe.

Eltern, und/oder die für die Betreuung der Hausaufgaben zuständige Person, müssen täglich den Schulranzen checken. Es soll darauf geachtet werden, dass nach Abschluss der Hausaufgaben der Schulranzen wieder ordentlich bepackt wird. Es soll sich darin nur das für die Schule notwendige Material befinden (und ev. ein Talisman). Auch Sporttaschen, welche für den Sportunterricht des folgenden Tages gebraucht werden, sollen im Anschluss an die Hausaufgaben gepackt werden und bevor die Kinder mit Spielen beginnen. Auch wenn es banal tönen mag: Kinder mit ADHS brauchen feste und klare Rituale, welche flexibel und mit gesundem Menschenverstand gehandhabt werden. Erst dann sind sie in der Lage, die an sie gestellten Anforderungen mehr oder weniger zu bestehen.

Wird einem Kind beim Lösen von Aufgaben geholfen, so muss unbedingt darauf geachtet werden, ob es die Erläuterungen auch verstanden hat. Das Kind soll die Aufgaben laut vorlesen und dadurch Synthese und Gestalterfassung trainieren. In sehr vielen Fällen können Kinder die ihnen gestellten Aufgaben nicht lösen, weil sie die Fragestellung regelrecht überfliegen. Sie schreiten zur Antwort, bevor sie die Fragestellung in Ruhe gelesen haben. Daher ist es unumgänglich, die Lernenden anzuhalten, solange bei der Aufgabenstellung zu verweilen, bis diese wirklich klar ist. Konkret heisst dies, etwa bei Textrechenaufgaben solange die Fragestellung zu bearbeiten, bis das Kind wirklich verstanden hat, was eigentlich gefragt ist.

Das Kurzzeitgedächtnis kann Fragestellungen viel besser verarbeiten, wenn zum Beispiel bei einer Rechenaufgabe die meist mehreren relevanten Ebenen einer Rechenaufgabe auch visuell präsentiert werden. Die Kinder müssen sich die Aufgabe regelrecht ‚vorstellen‘ können, um den Sinn der Frage zu sehen. Erst dann können sie diese begreifen. Kindern mit ADHS fehlt es bekanntlich nicht an Intelligenz. Schaffen sie es, die Fragestellung zu begreifen und innerlich – dank Bildern – eine Zeit lang aufrechtzuerhalten, vermögen sie in den meisten Fällen, die gestellten Aufgaben zu lösen.

Wie der ADHS-Forscher Barkley und früher schon andere bekannte Entwicklungspsychologen festgestellt haben, spielt für ein mehr oder weniger gutes Funktionieren des Kurzzeitgedächtnisses, der sozialen Kommunikation und der Planung von Handlungen das innere Sprechen (Selbstverbalisation) eine grosse Rolle. (Verinnerlichte) Sprache gilt auch als das entscheidende Verbindungsglied zwischen dem Kurzzeit- und dem Langzeitgedächtnis. Menschen mit ADHS zeigen bezüglich der Selbstverbalisation oft Schwächen: So fällt es ihnen schwer, einen geordneten Dialog mit sich selbst zu führen. Die ’springenden Gedanken‘ (als Folge des hüpfenden und unsystematischen Wahrnehmungsstils) verhindern oft ruhige Selbstgespräche. Die Fähigkeit zur Selbstverbalisation ist aber eine der entscheidenden Voraussetzungen, um beispielsweise eine Textrechenaufgabe zu lösen: Erst ein ruhiges inneres Gespräch, bei welchem die unterschiedlichen Ebenen der Fragestellungen reflektiert werden, ermöglichen es, auf Lösungsideen zu kommen. Es ist von daher einleuchtend, dass Kinder mit ADHS lernen müssen, Selbstgespräche zu führen. Speziell Kinder mit ADHS sind also nicht ausschliesslich für das Beantworten einer Aufgabenstellung zu belohnen, sondern in erster Linie für das Verstehen der Frage.

Wer kennt nicht das leidige Thema: Flüchtigkeitsfehler. Gerade bei schriftlichen Aufgaben (Abschriften, Diktaten usw.) können sich oft Dutzende dieser Fehler einschleichen. Kinder mit ADHS sind auch im Kopf hyperaktiv: Geschriebenes verliert sofort den Reiz und die Aufmerksamkeit wendet sich dem Neuen zu. Ausserdem denken viele Kinder mit ADHS sehr schnell. Geht es hingegen langsam vor sich – und das bringt das Überprüfen des Geschriebenen mit sich – wird es diesen Kindern langweilig und die Aufmerksamkeit verschlechtert sich zusätzlich. Nur wenn es interessant ist, oder ungewohnt, vermögen diese Kinder genügend Aufmerksamkeit zu entwickeln und aufrechtzuerhalten, um auch kleine Fehler zu erkennen. In diesem Zusammenhang hat sich bei schriftlichen Texten folgendes Vorgehen zur Fehlererkennung und gut bewährt: Zwecks Erkennung von Flüchtigkeitsfehlern lese man ein Diktat oder einen anderen Text nicht wie gewohnt von vorne nach hinten, sondern – Satz für Satz – von hinten nach vorne durch.

Dieses, den Lesegewohnheiten widersprechende Vorgehen ermöglicht es, das Geschriebene in einer fremden und damit interessanten Perspektive durchzulesen. Dadurch verbessert sich die Aufmerksamkeit und Flüchtigkeitsfehler werden viel leichter erkannt.

Merke: Eine ADHS-Diagnose und eine Behandlungsindikation vorausgesetzt bildet eine Therapie mit Stimulanzien oftmals die elementare Voraussetzung dafür, dass diese Kinder sich überhaupt hinsetzen und lernen können.

 

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Simones Zimmer gleicht einem Schlachtfeld!

Frage: Das Zimmer von Simone gleicht einem Schlachtfeld …

Simone (16) ist trotz ADHS und unberechenbaren Launen in der Schule gut. Ihr Zimmer hingegen sieht schon zehn Minuten nach dem Aufräumen aus, wie ein Schlachtfeld. Im Badezimmer lässt sie sogar die gebrauchten Binden umherliegen. Was können wir bloss tun?

Antwort: Kinder, Jugendliche aber auch Erwachsene mit ADHS haben bekanntlich Schwierigkeiten mit der Selbstorganisation. Sie sind schlechte Planer (Ausnahme, sie sind von einem Vorhaben total fasziniert). Ihr Wahrnehmungsstil ist gekennzeichnet von (zu) grosser Reizoffenheit: Im Grunde genommen sehen sie viel zu viel auf einmal. Das Chaos auf dem Schreibtisch (und oft auch unter dem Bett) entspricht der Optik und der ‚breiten‘ Wahrnehmung bei der ADHS: Da Kinder (und Erwachsene) mit einer ADHS meistens viele Gedanken gleichzeitig im Kopf herumtragen, sind sie zerstreut und ablenkbar.

Leider sind die Gedanken dieser Kinder auch im Badezimmer hyperaktiv. Mental sind sie mit dem Kopf meist ganz woanders. Durch die starke Stimulusgebundenheit ist dann einer dieser vielen neuen (und interessanten) Gedanken handlungsleitend:

‚Kleinigkeiten‘, wie etwa gebrauchtes Geschirr, getragene Wäsche, leere Joghurtbecher und Cola-Dosen usw., werden schlichtweg vergessen und werden – im eigentlichen Sinn des Wortes – nicht mehr gesehen.

Unordnung – etwa auf dem Schreibtisch – ist aber auch ein Versuch, alles im Blick behalten zu können. Aufgeräumt und in Schubladen und Schränken verstaut, heisst oft, dass Kinder (und Erwachsene) mit ADHS ihre Sachen nicht mehr finden (ganz nach dem Motto: „Aus den Augen, aus dem Sinn“). Aufräumen muss also heissen, eine sichtbare bzw. einsehbare Ordnung zu erstellen, welchen es den Kindern ermöglicht, Ordnung und gleichzeitig Überblick zu behalten. Geschlossene Bücherregale oder Schränke sind also ungeeignet. Die verstaute Ware muss jederzeit gesehen werden können.

Die meisten Kinder mit ADHS können keine Ordnung halten (wobei einige wenige dieser Kinder zwanghaft ordentlich sein können). Das liegt aber nicht an ihrem „Chaotencharakter“, sondern ist Teil der neurobiologischen Störung, unter welcher sie leiden. Auch Erwachsene mit einer ADHS fühlen sich in Sachen Aufräumen oftmals komplett überfordert. Vielmals verlieren sie sich regelrecht beim Aufräumen. Es macht also keinen Sinn, diesen Kindern ihre Unordnung vorzuhalten oder sie gar für ihre Schlampigkeit zu bestrafen. Vielmehr brauchen ADHS-Betroffene Organisationshilfen:

  • Klares Regelwerk (wer räumt was wann und wo auf). So muss es unter anderem unmissverständlich klar sein, wer an welchen Wochentagen was aufzuräumen hat. Ferner muss – beispielsweise auf einer Checkliste – in Stichworten und/oder noch besser mit Fotos vermerkt sein, wie der Standard (was genau und wie muss es gemacht werden) beschaffen ist.
  • Praktische Hilfestellungen, indem die Kinder dazu angehalten werden, in lauten Selbstgesprächen (Selbstverbalisierungen) ihr Handeln und ihre Pläne zu verbalisieren (z.B. „Zuerst trage ich die Wäsche in den Keller und anschliessend bringe ich Vaters CDs zurück.“).
  • Konsequentes (und nicht nur gelegentliches) Einfordern dieser Abmachungen.
  • Kontrolle der Durchführung und unbedingtes und deutliches Lob, falls beispielsweise die täglichen zehn Aufräumminuten durchgehalten werden. Und auch, wenn es nur sieben Minuten sind. 
  • Eltern müssen akzeptieren, dass diese Schwierigkeiten einen Teil der neurobiologischen Störung namens ADHS darstellen. Es macht überhaupt keinen Sinn, gegen die Schlampigkeit pauschal anzukämpfen zu wollen. Es gilt, diese Defizite zu akzeptieren und gemeinsam einen Weg zu finden, wie diese betroffenen Kinder es ansatzweise lernen können, sich selbst besser zu organisieren. In diesem Sinne macht es auch keinen Sinn, von diesen Kindern eine grosse Ordnung zu erwarten. Sie sind dazu oft einfach nicht in der Lage. Dafür zeigen diese Kinder viele andere Stärken. Und diese gilt es zu fördern.

Merke: Die wirksamste Massnahme heisst Belohnen: Jedes Mal, wenn das Kind sein Zimmer etwas besser aufräumt oder etwas aufgeräumter hinterlässt, soll dies von den Eltern positiv quittiert werden. Entscheidend ist es dabei, dass dem Kind ganz konkret gesagt wird, was genau es besser gemacht hat als letztes Mal.

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Kann bei ADHS eine Familientherapie helfen?

Frage: Kann bei ADHS eine Familientherapie helfen?

Ich bin Psychologin und betreue den elfjährigen Jungen Tim. Er besucht die erste Oberstufenklasse (7. Schuljahr). Tim hat eine ADHS und bekommt Ritalin seit der 2. Klasse. Zurzeit gibt es zuhause ganz grosse Probleme. Tim ist sehr dominant und impulsiv. Die alleinerziehende Mutter ist mit ihren Nerven am Ende und wünscht, dass Tim in ein Heim kommt. Der Vater scheint ausserstande, Verantwortung zu übernehmen. Eine therapeutische Erziehungsberatung fruchtete nicht. Könnte eine Familientherapie helfen?

Antwort: Wenn bei einem Kind mit einer ADHS syndromtypische Verhaltensprobleme fortbestehen (dazu zählen hauptsächlich Konzentrations- und Lernprobleme, Impulsivität und Überaktivität) müsste zuerst einmal geprüft werden, ob die grundlegenden therapeutischen Möglichkeiten zur Behandlung der ADHS ausgeschöpft wurden. Erst wenn die Kernsymptome der ADHS therapeutisch optimiert werden konnten, sind die Voraussetzungen dafür gegeben, dass ein Kind lernfähig ist. Dies wiederum ist eine grundlegende Voraussetzung dafür, dass ein Kind mit einer ADHS aus den positiven und negativem Erfahrungen, die es im Unterricht, im Familienleben und auch in einer Therapie macht, auch lernen kann.

In einem ersten Schritt ist also nicht eine Familientherapie angezeigt, sondern vielmehr eine Standortbestimmung. Diese aktuelle diagnostische Beurteilung soll durch eine ADHS-Fachperson erfolgen und Entscheidungsgrundlagen für weitere therapeutischen Massnahmen liefern.

Eine Standortbestimmung soll bei Tim folgende Fragen beantworten können:

  • Ist die vor vier Jahren gestellte Diagnose heute noch gültig?
  • Falls ja: Liegen begleitend zur ADHS andere therapierelevante Kernprobleme vor (zum Beispiel Teilleistungsstörungen, Tics, Angststörungen)? Liegen intrafamiliäre Konflikte vor, welche die Aufrechterhaltung der Probleme begünstigen? Die häufigsten komorbiden Störungen, welche bei der ADHS vorkommen können, haben wir hier beschrieben.
  • Ist die medikamentöse Therapie noch (genügend) wirksam? Geprüft werden kann das unter anderem mit computergestützten neuropsychologischen Testverfahren (ohne und mit Medikamente).

Die behandelnde Psychologin  oder der Kinderpsychiater verfügt dann über die erforderlichen Facts und Entscheidungsgrundlagen, um mit den Eltern das weitere therapeutische Vorgehen besprechen zu können. Ansprechperson für eine aktuelle Beurteilung ist im Idealfall diejenige Fachperson, welche bei Tim die Diagnose der ADHS stellte, beziehungsweise diejenige medizinische Fachperson, welche die medikamentöse Behandlung des Knaben durchführt. 

Merke: Eine früher gestellte Diagnose einer ADHS darf also „nicht aus den Augen verloren“ werden.

Familientherapie gehört bei Vorliegen einer ADHS nicht zu den Therapiemethoden der ersten Wahl. Je nach Familienkonstellation kann sie aber durchaus sinnvoll sein und Teil der multimodalen ADHS-Therapie darstellen. Wichtig ist, dass der Familientherapeut mit der ADHS-Thematik gut vertraut ist. Das sollte vorgängig geklärt werden.

Dieser Text wurde letztmals 09/2016 aktualisiert.
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© 2016 Piero Rossi

Manipulierte Studien über Ritalin und andere ADHS Medikamente?

Frage: Könnten auch Studien zu Wirkung und Nebenwirkungen von Ritalin manipuliert worden sein?

Antwort: Ich weiss es nicht. Ganz ausschliessen will ich es nicht. Man muss sich bei dieser nicht ganz unberechtigten Frage immer Folgendes vor Augen halten: Das Medikament Ritalin ist seit über 60 Jahren weltweit auf dem Markt. Es ist sehr verbreitet und zählt zu den am besten untersuchten Medikamenten für Kinder überhaupt. Würde der Wirkstoff Methylphenidat bei den Patienten zu ernsten Beeinträchtigungen oder zu Schäden führen, liesse sich das gar nicht verschweigen. Jede Woche werden weltweit mehrere Studien über ADHS, Therapieoptionen, unerwünschte Arzneimittelwirkungen und vieles mehr rund um die ADHS publiziert. Es ist sehr, sehr unwahrscheinlich, dass Forschergruppen auf der ganzen Welt die betreffenden Pharmafirmen decken und Unstimmigkeiten verheimlichen würden.

Hinzu kommt, dass ich und – soweit mir bekannt – alle mir bekannten Berufskollegen bis heute bei keinen Patienten, welche mit Stimulanzien wie Ritalin behandelt wurden, Schädigungen feststellen konnten, welche auf das Medikament zurückzuführen waren. Selbstverständlich können auch ADHS-Medikamente mit unerwünschten Arzneimittelwirkungen einher gehen. Das ist bei allen Medikamenten der Fall. Auch diesbezüglich habe ich nie Patienten kennengelernt, welche mit Stimulanzien behandelt wurden und an gravierenden und bleibenden Nebenwirkungen litten.

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