Archiv der Kategorie: ADHS

Wahrnehmungsstörung?

Wie kann ich die Wahrnehmungsstörung von meinem Sohn (10, ADHS diagnostiziert mit 6 Jahren) trainieren? Wie bekomme ich das Kind dazu, auf mich und die Umwelt zu reagieren? Was kann ich dazu beitragen? Welche Tricks gibt es für die Schule? Danke! M.G.

Antwort
Bevor Sie mit Ihrem Kind etwas trainieren oder es behandeln lassen, sollte eine Diagnostik erfolgen. Es müsste geklärt werden, ob tatsächlich um Wahrnehmungsstörungen bestehen. Bei Kindern mit einer ADHS ist nämlich eher davon auszugehen, dass es sich um syndrombedingte Aufmerksamkeitsstörungen handelt. Es müsste zudem geprüft werden, ob die ADHS-Therapie ausreichend gut wirkt. Mit einer Anpassung der Therapie (Medikation, Verhaltenstherapie, Erziehungsberatung) kann das Aufmerksamkeitsverhalten in der Regel positiv beeinflusst werden.

 

Dieser Text wurde letztmals 02/2017 aktualisiert.
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© 2017 Piero Rossi

 

Jährliche Gesundheits-Kontrollen

Guten Tag! Ist es empfehlenswert als Erwachsene, nach langjähriger Methylphenidat-Einnahme, jährliche Gesundheits-Kontrollen durchführen zu lassen? Wenn ja: was genau soll der Arzt kontrollieren? Danke und freundlichen Gruss! C.K.

Antwort
Ja, jährliche Kontrollen sind empfehlenswert. Ein Routinelabor mit Blutbild und Leberwerten ist ausreichend. Wichtig ist auch, dass überprüft wird, ob es die Therapie mit Stimulanzien überhaupt noch braucht und – falls ja – ob die Dosierung noch passt.

 

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Faust in das Gesicht geschlagen

Sehr geehrte Damen und Herren! Wir haben in der 3. Klasse Volksschule einen Schüler mit ADHS und Wahrnehmungsstörungen, leider wurden wir Eltern nicht darüber informiert.
Meine Frage nun, es ist zu einem tragischen Unfall gekommen. Der Schüler mit ADHS hat völlig grundlos vor Unterrichtsbeginn meinem Sohn mit voller Wucht seine Faust in das Gesicht geschlagen, sodass mein Sohn einen Zahn verloren hat. Was nunmehr mit diesem Zahn, der Gott sei Dank ein Milchzahn war, passiert, dass heisst mit dem nachkommenden Zahn und den Nachbarzähen, kann man noch nicht sagen. Sterben die Wurzeln ab oder bleiben sie erhalten? Es ist eine große Klasse mit 24 Kindern. Welches sind meine Möglichkeiten, ich kann und will das nicht einfach so hinnehmen. Der Schüler ist letztes Jahr zu uns in die Klasse gekommen, zuvor besuchte er eine Sonderschule.

Antwort
Es ist bedauerlich, dass Ihr Sohn verletzt wurde. Ob sich negative Folgen für den herausgeschlagenen Milchzahn ergeben werden, bleibt abzuwarten. Ich halte es eher für unwahrscheinlich. Ich gehe davon aus, dass die Eltern des Jungen bzw. deren Versicherung für die zahnärztliche Behandlung aufkommt.

Ich verstehe, dass Sie wütend sind. Bedenken Sie aber grundsätzlich Folgendes: Wo Kinder herumtoben oder sich auch einmal prügeln, kann es immer einmal zu Verletzungen kommen. Eltern sollten das grundsätzlich akzeptieren. Damit meine ich nicht, dass dieses Verhalten gutgeheissen werden soll. Aber unsere Welt ist nun einmal nicht perfekt. 

Wenn Kinder mit einer ADHS aggressives Verhalten zeigen, weist das meistens darauf hin, dass keine oder eine unbefriedigend verlaufende spezifische Therapie erfolgt. Vielleicht könnte der Klassenlehrer die Eltern einmal darauf ansprechen.

Das Verhalten dieses Jungen ist zweifelsohne nicht korrekt. Es ist aber auch zu bedenken, dass der Knabe an einer psychischen Störung leidet. Eine Störung der Impulskontrolle ist ein Kernsymptom der ADHS. Das ist keine Entschuldigung für sein Fehlverhalten, aber möglicherweise eine Erklärung. Wenn Sie wirklich etwas unternehmen wollen, dann sollten Sie sich in einem ersten Schritt sachkundig machen, was ADHS bei einem Kind bedeutet. Und zwar weil ich immer wieder beobachten konnte, dass Kinder dann aggressiv werden, wenn sie sich nicht verstanden fühlen. Lesen Sie hierzu vielleicht einmal diesen Text.

 

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Supermädchen mit ADHS-Verhalten

Grüezi! Meine Tochter ist jetzt fast 9 Jahren alt. Sie wurde vor 2 Jahren schon auf ADHS getestet und der Befund war: Keine ADHS. Jedoch ihre Verhalten zu Hause, in die Schule, in den Freizeit deutet klar auf ADHS. Was soll ich mit sie machen? Sie ist sonst ein Supermädchen. Danke!

Antwort
Holen Sie sich eine Zweitmeinung. Mit sieben Jahren müssen sich nicht zwingend alle Symptome einer ADHS zeigen. Besonders bei Mädchen kann es in Einzelfällen vorkommen, dass sich die Symptomatik erst mit 12 Jahren (oder sogar noch später) manifestiert.

Hier haben wir beschrieben, wie eine Abklärung auf ADHS konkret ablaufen sollte. 

 

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Abklärung sinnvoll?

Sehr geehrte Damen und Herren! Welche Bedeutung hat eine ADHS Abklärung bei einem Jugendlichen, der eine einseitige Hörstörung und seit dem 4. Lebensjahr eine Verdachtsdiagnose ADHS Diagnose hat und nun Verhaltensstörungen zeigt.
Er ist ein Minderleister trotz getesteten überdurchschnittlichen intellektuellen Leistungen.
Freundliche Grüsse N.P.

Antwort
Es ist naheliegend, dass in diesem Fall eine Abklärung angezeigt ist. Wie bei Verdacht auf Vorliegen eine Untersuchung ablaufen kann (oder sollte), haben wir hier beschreiben.

 

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Das Auge sieht es, aber das Gehirn nimmt es nicht wahr

Grüezi, hab versucht, ein Phänomen zu recherchieren, welches mir an mir selber oft auffällt. Bin als AD(H?)S ‚diagnostiziert‘, H wohl schon auch, da so reizbar und nervös.

Mein Problem: Ich „sehe“ Dinge nicht! Das heisst: das Organ „Auge“ sieht es wohl, aber es scheint nicht bis ins Gehirn vorzudringen. Beispiel: Meine Schwester hat den ebenerdigen Fenstersims meines Badezimmers neu dekoriert. Ich „sehe“ das nicht! Erst wenn sie mich darauf aufmerksam macht, geht es ins Gehirn rein. Erst dann „sehe“ ich es.  Konnte ein derartiges Phänomen beim Recherchieren im Netz nicht finden. Könnten Sie mir bitte Links mailen, wo das auch erlebt/beschrieben wurde? Danke! MfG I.P.

Antwort
Tatsächlich ist es so, dass selbst Menschen ohne ADHS und auch Menschen ohne andere neurologischen Störungen dazu neigen, Dinge nicht zu sehen. Kurzum: Ich schlage Ihnen daher vor, dieses Phänomen nicht überzubewerten und es zu akzeptieren.

Falls das Übersehen von Dingen mit negativen Folgen verbunden ist – zum Beispiel am Arbeitsplatz oder im Verkehr – sollte eine neuropsychologische Abklärung erfolgen.

 

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Auch ich hätte da eine Frage zum Thema ADHS!

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Ihre Frage zum Thema ADHS?

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Alarm! ADHS & Cannabis? Alkohol, Kiffen, Valium, Temesta, Rohypnol?

Frage:

Lea (13, ADHS vom unaufmerksamen Typus) raucht seit kurzem Hasch. Was tun?

AntwortLeider führt eine unbehandelte ADHS in zahlreichen Fällen zum Konsum von Drogen. In amerikanischen Untersuchungen geht man sogar davon aus, dass bis 50% aller Drogenkonsumenten in ihrer Krankengeschichte eine (in den meisten Fällen unbehandelte) ADHS aufweisen. Warum aber zeigen Jugendliche mit ADHS eine Neigung zum Drogenkonsum?

Wie an anderer Stelle dargelegt, geht ADHS mit einem starken Neugierverhalten einher: Neue Reize haben einen starken Aufforderungscharakter. Dem entgegen steht die grosse Intoleranz gegenüber monotonen, langweiligen und ‚abgegriffenen‘ Situationen. Menschen mit ADHS brauchen den ‚Kick‘, um sich spüren. Sie suchen deswegen Gefahrensituationen und betreiben nicht selten so genannte Risikosportarten.

Der Konsum von Drogen bietet sich bei Menschen mit ADHS an, weil einerseits die Illegalität des praktizierten Verhaltens schon etwas Besonderes und Spezielles darstellt und weil andererseits die pharmakologische Wirkung vieler Drogen im Frontalhirn der Betroffenen eine stimulierende Wirkung entfaltet. Das gilt nicht nur für Kokain, sonder auch für viele Designerdrogen wie beispielsweise Ecstasy. Dämpfende Drogen, wie z. B. Heroin oder andere Opiate, aber auch Beruhigungsmittel, welche als Wirkstoff Benzodiazepine enthalten (Valium, Temesta, Rohypnol usw.) können den schmerzenden Frustrierungen eines Alltages mit ADHS entgegenwirken. Da ADHS-Betroffene meistens zwischen extremen Gefühlslagen hin und her pendeln und infolge ihrer Hypersensibilität leicht verletzbar sind, kann es nicht wundern, das nicht wenige von ihnen im Sinne von Selbst-Medikation zu Drogen greifen.

Der Konsum von Cannabis an sich darf nicht dramatisiert werden. Fast alle Jugendliche – mit oder ohne ADHS – haben heute zeitweise Kontakt mit dieser Substanz. Wissenschaftliche Untersuchungen haben gezeigt, das Cannabis keine Einstiegsdroge für Heroin oder Kokain darstellt. Auch sind die gesundheitlichen Folgen des Konsums von Cannabis weit weniger dramatisch, als lange angenommen. Der mit dem Konsum von Cannabis meistens verknüpfte Tabakkonsum stellt das Hauptproblem dar.

An Cannabis ist meines Wissens noch niemand gesorben. An den Folgen des Tabakkonsums  hingegen sterben in der Schweiz jedes Jahr fast 10’000 Personen.  

Alkohol, die heute auch bei Jugendlichen verbreitetste Droge, ist sowohl bezüglich des Suchtrisikos, als auch der gesundheitlichen Folgeschäden, um ein Vielfaches gefährlicher als Cannabis.

Damit will ich nicht sagen, dass Cannabis in jedem Fall eine harmlose Droge darstellt. Es ist bekannt, dass Cannabis zu Psychosen und zu ernsten Gedächtnisstörungen führen kann. 

Jugendliche mit ADHS sind aber auch deswegen suchtgefährdet, weil viele von ihnen sehr beeinflussbar sind. Sie suchen inneren Halt und Identifikation bei Gleichaltrigen in viel stärkerem Ausmass, als dies bei Pubertierenden eh schon der Fall ist. Wenn Eltern feststellen, dass ihre Kinder Cannabis konsumieren, empfiehlt es sich, nicht mit Panik, sondern mit dem bedachten Einholen von Fachinformationen zu reagieren.

Eine allzu stark unsachlich-negative Reaktion der Eltern kann Trotzreaktionen hervorrufen und die verbotene Substanz noch interessanter machen. Die neutrale Haltung der Eltern soll bewirken, dass der Gesprächsfaden mit dem Cannabis konsumierenden Kind nicht (noch mehr) abbricht. In einem ruhigen Gespräch soll dem betroffenen Kind durchaus unmissverständlich zu verstehen gegeben werden, dass der Konsum von Cannabis ungesund ist und – abgesehen von einer Probe – langfristig nicht toleriert wird. Selbstverständlich haben die Eltern ihr eigenes Suchtverhalten (Nikotin, Alkohol) im Griff. Wenn nicht, sind sie natürlich sehr unglaubwürdig und ihre Interventionen sind von Anfang an auf Sand gebaut.

In vielen Fällen sind es Konflikte rund um den Drogenkonsum, welche bei Jugendlichen zu einer Abklärung führen und nicht selten wird erst dann eine ADHS diagnostiziert. Je nach Ausprägung der Störung (Lernstörungen? Entwicklungsstörungen? Auswirkungen auf soziale Beziehungen? Ruhelosigkeit?) kann auch der Einsatz von Stimulanzien in Erwägung gezogen werden.

J. Biedermann, einer der führenden ADHS-Forscher aus Boston, hat in einer prospektiven Studie zeigen können, dass mit Stimulanzien behandelte ADHS-Jugendliche ein um 85% weniger hohes Risiko für Drogenmissbrauch zeigen als solche, die nicht behandelt werden.  Eine grosse Untersuchung in Deutschland konnte diese Zahlen bestätigen.

Also: Bei Vorliegen der Diagnose ADHS und bei gegebener Indikation für eine Therapie mit Stimulanzien, ist nach dem heutigen Stand der Forschung der ärztlich verordnete und kontrollierte Einsatz dieser Medikamente gut geeignet, um eine Entwicklung in eine Drogensucht zu verhindern. Die Jugendlichen müssen sich aber zwischen ADHS-Medikamenten oder Cannabis bzw. anderen Drogen entscheiden. Beides zusammen geht nicht. 

Dieser Text wurde letztmals 09/2016 aktualisiert.
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© 2016 Piero Rossi

Hypersensibilität bei ADHS / Empfindlichkeit

Frage

Laura (9, ADHS-Diagnose vom unaufmerksamen Typus) ist körperlich und seelisch extrem empfindlich. Sie ist die geborene Prinzessin auf der Erbse. Sie leidet selbst sehr darunter. Wie können wir ihr helfen?

AntwortHypersensibilität ist eines der wesentlichen Kennzeichen von Menschen mit ADHS, also nicht nur von Kindern. Die Reizoffenheit bzw. das Ausgeliefertsein gegenüber vielen inneren und äusseren Reizen (Störung der Inhibition = mangelhafte Hemmung von irrelevanten Reizen im Gehirn) bringt es mit sich, dass diese Menschen im wahrsten Sinne des Wortes oft „gereizt“ sind und darauf auch sehr „allergisch“ reagieren können. Einige Untersuchungen wollen gar tatsächlich einen ursächlichen Zusammenhang von ADHS und allergischen Reaktionen ausgemacht haben.

Kinder und Erwachsene mit ADHS meinen oft, sie selbst seien gemeint, auch wenn es um ganz andere Dinge oder Personen geht. Viel zu schnell beziehen sie alles Mögliche und Unmögliche auf sich selbst. Sie sind in diesem Sinne egozentrisch. Oft reagieren diese Kinder (und auch die Erwachsenen) dann auch dementsprechend aggressiv. In extremen Fällen kann dies sogar fast paranoide oder sozialphobische Züge (massive Angst vor negativer Bewertung Dritter, verbunden mit aktivem Vermeiden von sozialen Kontakten) annehmen.

Wie angetönt, kann auch körperliches Missempfinden sehr ausgeprägt vorhanden sein bei Vorliegen einer ADHS. Je nach Lebensverlauf, Erziehung und anderen sozialen Einflüssen kann sich auch eine grosse Ängstlichkeit und damit verbunden eine grosse Aufmerksamkeit zu bzw. gegenüber dem eigenen Körper entwickeln. Hypochondrische Störungen, aber auch Essstörungen (z.B. Magersucht) können in ADHS eine der Ursachen haben.

Bei stark ausgeprägter Hypersensibilität, sowie bei Vorliegen einer ärztlichen Diagnose ADHS und einer Indikation für eine Stimulanzien-Therapie, kann versucht werden, den Reizschutz medikamentös mit Ritalin zu verbessern. Für viele stark hypersensiblen Kinder und Erwachsene stellt diese Therapie eine grosse Erleichterung dar, denn das ständige Ausgeliefertsein an alle möglichen und unmöglichen inneren körperlichen und seelischen Impulse und äusseren Reize kostet sie ungeheuer viel Energie, kann Depressionen erzeugen und lenkt meist stark ab von der zielgerichteten Erfüllung der Lebensaufgaben.

 

Dieser Text wurde letztmals 09/2016 aktualisiert.
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Kann bei ADHS eine Familientherapie helfen?

Frage: Kann bei ADHS eine Familientherapie helfen?

Ich bin Psychologin und betreue den elfjährigen Jungen Tim. Er besucht die erste Oberstufenklasse (7. Schuljahr). Tim hat eine ADHS und bekommt Ritalin seit der 2. Klasse. Zurzeit gibt es zuhause ganz grosse Probleme. Tim ist sehr dominant und impulsiv. Die alleinerziehende Mutter ist mit ihren Nerven am Ende und wünscht, dass Tim in ein Heim kommt. Der Vater scheint ausserstande, Verantwortung zu übernehmen. Eine therapeutische Erziehungsberatung fruchtete nicht. Könnte eine Familientherapie helfen?

Antwort: Wenn bei einem Kind mit einer ADHS syndromtypische Verhaltensprobleme fortbestehen (dazu zählen hauptsächlich Konzentrations- und Lernprobleme, Impulsivität und Überaktivität) müsste zuerst einmal geprüft werden, ob die grundlegenden therapeutischen Möglichkeiten zur Behandlung der ADHS ausgeschöpft wurden. Erst wenn die Kernsymptome der ADHS therapeutisch optimiert werden konnten, sind die Voraussetzungen dafür gegeben, dass ein Kind lernfähig ist. Dies wiederum ist eine grundlegende Voraussetzung dafür, dass ein Kind mit einer ADHS aus den positiven und negativem Erfahrungen, die es im Unterricht, im Familienleben und auch in einer Therapie macht, auch lernen kann.

In einem ersten Schritt ist also nicht eine Familientherapie angezeigt, sondern vielmehr eine Standortbestimmung. Diese aktuelle diagnostische Beurteilung soll durch eine ADHS-Fachperson erfolgen und Entscheidungsgrundlagen für weitere therapeutischen Massnahmen liefern.

Eine Standortbestimmung soll bei Tim folgende Fragen beantworten können:

  • Ist die vor vier Jahren gestellte Diagnose heute noch gültig?
  • Falls ja: Liegen begleitend zur ADHS andere therapierelevante Kernprobleme vor (zum Beispiel Teilleistungsstörungen, Tics, Angststörungen)? Liegen intrafamiliäre Konflikte vor, welche die Aufrechterhaltung der Probleme begünstigen? Die häufigsten komorbiden Störungen, welche bei der ADHS vorkommen können, haben wir hier beschrieben.
  • Ist die medikamentöse Therapie noch (genügend) wirksam? Geprüft werden kann das unter anderem mit computergestützten neuropsychologischen Testverfahren (ohne und mit Medikamente).

Die behandelnde Psychologin  oder der Kinderpsychiater verfügt dann über die erforderlichen Facts und Entscheidungsgrundlagen, um mit den Eltern das weitere therapeutische Vorgehen besprechen zu können. Ansprechperson für eine aktuelle Beurteilung ist im Idealfall diejenige Fachperson, welche bei Tim die Diagnose der ADHS stellte, beziehungsweise diejenige medizinische Fachperson, welche die medikamentöse Behandlung des Knaben durchführt. 

Merke: Eine früher gestellte Diagnose einer ADHS darf also „nicht aus den Augen verloren“ werden.

Familientherapie gehört bei Vorliegen einer ADHS nicht zu den Therapiemethoden der ersten Wahl. Je nach Familienkonstellation kann sie aber durchaus sinnvoll sein und Teil der multimodalen ADHS-Therapie darstellen. Wichtig ist, dass der Familientherapeut mit der ADHS-Thematik gut vertraut ist. Das sollte vorgängig geklärt werden.

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© 2016 Piero Rossi

Manipulierte Studien über Ritalin und andere ADHS Medikamente?

Frage: Könnten auch Studien zu Wirkung und Nebenwirkungen von Ritalin manipuliert worden sein?

Antwort: Ich weiss es nicht. Ganz ausschliessen will ich es nicht. Man muss sich bei dieser nicht ganz unberechtigten Frage immer Folgendes vor Augen halten: Das Medikament Ritalin ist seit über 60 Jahren weltweit auf dem Markt. Es ist sehr verbreitet und zählt zu den am besten untersuchten Medikamenten für Kinder überhaupt. Würde der Wirkstoff Methylphenidat bei den Patienten zu ernsten Beeinträchtigungen oder zu Schäden führen, liesse sich das gar nicht verschweigen. Jede Woche werden weltweit mehrere Studien über ADHS, Therapieoptionen, unerwünschte Arzneimittelwirkungen und vieles mehr rund um die ADHS publiziert. Es ist sehr, sehr unwahrscheinlich, dass Forschergruppen auf der ganzen Welt die betreffenden Pharmafirmen decken und Unstimmigkeiten verheimlichen würden.

Hinzu kommt, dass ich und – soweit mir bekannt – alle mir bekannten Berufskollegen bis heute bei keinen Patienten, welche mit Stimulanzien wie Ritalin behandelt wurden, Schädigungen feststellen konnten, welche auf das Medikament zurückzuführen waren. Selbstverständlich können auch ADHS-Medikamente mit unerwünschten Arzneimittelwirkungen einher gehen. Das ist bei allen Medikamenten der Fall. Auch diesbezüglich habe ich nie Patienten kennengelernt, welche mit Stimulanzien behandelt wurden und an gravierenden und bleibenden Nebenwirkungen litten.

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© 2016 Piero Rossi