Archiv der Kategorie: Therapie

Jährliche Gesundheits-Kontrollen

Guten Tag! Ist es empfehlenswert als Erwachsene, nach langjähriger Methylphenidat-Einnahme, jährliche Gesundheits-Kontrollen durchführen zu lassen? Wenn ja: was genau soll der Arzt kontrollieren? Danke und freundlichen Gruss! C.K.

Antwort
Ja, jährliche Kontrollen sind empfehlenswert. Ein Routinelabor mit Blutbild und Leberwerten ist ausreichend. Wichtig ist auch, dass überprüft wird, ob es die Therapie mit Stimulanzien überhaupt noch braucht und – falls ja – ob die Dosierung noch passt.

 

Dieser Text wurde letztmals 02/2017 aktualisiert.
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© 2017 Piero Rossi

Faust in das Gesicht geschlagen

Sehr geehrte Damen und Herren! Wir haben in der 3. Klasse Volksschule einen Schüler mit ADHS und Wahrnehmungsstörungen, leider wurden wir Eltern nicht darüber informiert.
Meine Frage nun, es ist zu einem tragischen Unfall gekommen. Der Schüler mit ADHS hat völlig grundlos vor Unterrichtsbeginn meinem Sohn mit voller Wucht seine Faust in das Gesicht geschlagen, sodass mein Sohn einen Zahn verloren hat. Was nunmehr mit diesem Zahn, der Gott sei Dank ein Milchzahn war, passiert, dass heisst mit dem nachkommenden Zahn und den Nachbarzähen, kann man noch nicht sagen. Sterben die Wurzeln ab oder bleiben sie erhalten? Es ist eine große Klasse mit 24 Kindern. Welches sind meine Möglichkeiten, ich kann und will das nicht einfach so hinnehmen. Der Schüler ist letztes Jahr zu uns in die Klasse gekommen, zuvor besuchte er eine Sonderschule.

Antwort
Es ist bedauerlich, dass Ihr Sohn verletzt wurde. Ob sich negative Folgen für den herausgeschlagenen Milchzahn ergeben werden, bleibt abzuwarten. Ich halte es eher für unwahrscheinlich. Ich gehe davon aus, dass die Eltern des Jungen bzw. deren Versicherung für die zahnärztliche Behandlung aufkommt.

Ich verstehe, dass Sie wütend sind. Bedenken Sie aber grundsätzlich Folgendes: Wo Kinder herumtoben oder sich auch einmal prügeln, kann es immer einmal zu Verletzungen kommen. Eltern sollten das grundsätzlich akzeptieren. Damit meine ich nicht, dass dieses Verhalten gutgeheissen werden soll. Aber unsere Welt ist nun einmal nicht perfekt. 

Wenn Kinder mit einer ADHS aggressives Verhalten zeigen, weist das meistens darauf hin, dass keine oder eine unbefriedigend verlaufende spezifische Therapie erfolgt. Vielleicht könnte der Klassenlehrer die Eltern einmal darauf ansprechen.

Das Verhalten dieses Jungen ist zweifelsohne nicht korrekt. Es ist aber auch zu bedenken, dass der Knabe an einer psychischen Störung leidet. Eine Störung der Impulskontrolle ist ein Kernsymptom der ADHS. Das ist keine Entschuldigung für sein Fehlverhalten, aber möglicherweise eine Erklärung. Wenn Sie wirklich etwas unternehmen wollen, dann sollten Sie sich in einem ersten Schritt sachkundig machen, was ADHS bei einem Kind bedeutet. Und zwar weil ich immer wieder beobachten konnte, dass Kinder dann aggressiv werden, wenn sie sich nicht verstanden fühlen. Lesen Sie hierzu vielleicht einmal diesen Text.

 

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© 2017 Piero Rossi

Kann bei ADHS eine Familientherapie helfen?

Frage: Kann bei ADHS eine Familientherapie helfen?

Ich bin Psychologin und betreue den elfjährigen Jungen Tim. Er besucht die erste Oberstufenklasse (7. Schuljahr). Tim hat eine ADHS und bekommt Ritalin seit der 2. Klasse. Zurzeit gibt es zuhause ganz grosse Probleme. Tim ist sehr dominant und impulsiv. Die alleinerziehende Mutter ist mit ihren Nerven am Ende und wünscht, dass Tim in ein Heim kommt. Der Vater scheint ausserstande, Verantwortung zu übernehmen. Eine therapeutische Erziehungsberatung fruchtete nicht. Könnte eine Familientherapie helfen?

Antwort: Wenn bei einem Kind mit einer ADHS syndromtypische Verhaltensprobleme fortbestehen (dazu zählen hauptsächlich Konzentrations- und Lernprobleme, Impulsivität und Überaktivität) müsste zuerst einmal geprüft werden, ob die grundlegenden therapeutischen Möglichkeiten zur Behandlung der ADHS ausgeschöpft wurden. Erst wenn die Kernsymptome der ADHS therapeutisch optimiert werden konnten, sind die Voraussetzungen dafür gegeben, dass ein Kind lernfähig ist. Dies wiederum ist eine grundlegende Voraussetzung dafür, dass ein Kind mit einer ADHS aus den positiven und negativem Erfahrungen, die es im Unterricht, im Familienleben und auch in einer Therapie macht, auch lernen kann.

In einem ersten Schritt ist also nicht eine Familientherapie angezeigt, sondern vielmehr eine Standortbestimmung. Diese aktuelle diagnostische Beurteilung soll durch eine ADHS-Fachperson erfolgen und Entscheidungsgrundlagen für weitere therapeutischen Massnahmen liefern.

Eine Standortbestimmung soll bei Tim folgende Fragen beantworten können:

  • Ist die vor vier Jahren gestellte Diagnose heute noch gültig?
  • Falls ja: Liegen begleitend zur ADHS andere therapierelevante Kernprobleme vor (zum Beispiel Teilleistungsstörungen, Tics, Angststörungen)? Liegen intrafamiliäre Konflikte vor, welche die Aufrechterhaltung der Probleme begünstigen? Die häufigsten komorbiden Störungen, welche bei der ADHS vorkommen können, haben wir hier beschrieben.
  • Ist die medikamentöse Therapie noch (genügend) wirksam? Geprüft werden kann das unter anderem mit computergestützten neuropsychologischen Testverfahren (ohne und mit Medikamente).

Die behandelnde Psychologin  oder der Kinderpsychiater verfügt dann über die erforderlichen Facts und Entscheidungsgrundlagen, um mit den Eltern das weitere therapeutische Vorgehen besprechen zu können. Ansprechperson für eine aktuelle Beurteilung ist im Idealfall diejenige Fachperson, welche bei Tim die Diagnose der ADHS stellte, beziehungsweise diejenige medizinische Fachperson, welche die medikamentöse Behandlung des Knaben durchführt. 

Merke: Eine früher gestellte Diagnose einer ADHS darf also „nicht aus den Augen verloren“ werden.

Familientherapie gehört bei Vorliegen einer ADHS nicht zu den Therapiemethoden der ersten Wahl. Je nach Familienkonstellation kann sie aber durchaus sinnvoll sein und Teil der multimodalen ADHS-Therapie darstellen. Wichtig ist, dass der Familientherapeut mit der ADHS-Thematik gut vertraut ist. Das sollte vorgängig geklärt werden.

Dieser Text wurde letztmals 09/2016 aktualisiert.
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© 2016 Piero Rossi