Archiv der Kategorie: Schule

Faust in das Gesicht geschlagen

Sehr geehrte Damen und Herren! Wir haben in der 3. Klasse Volksschule einen Schüler mit ADHS und Wahrnehmungsstörungen, leider wurden wir Eltern nicht darüber informiert.
Meine Frage nun, es ist zu einem tragischen Unfall gekommen. Der Schüler mit ADHS hat völlig grundlos vor Unterrichtsbeginn meinem Sohn mit voller Wucht seine Faust in das Gesicht geschlagen, sodass mein Sohn einen Zahn verloren hat. Was nunmehr mit diesem Zahn, der Gott sei Dank ein Milchzahn war, passiert, dass heisst mit dem nachkommenden Zahn und den Nachbarzähen, kann man noch nicht sagen. Sterben die Wurzeln ab oder bleiben sie erhalten? Es ist eine große Klasse mit 24 Kindern. Welches sind meine Möglichkeiten, ich kann und will das nicht einfach so hinnehmen. Der Schüler ist letztes Jahr zu uns in die Klasse gekommen, zuvor besuchte er eine Sonderschule.

Antwort
Es ist bedauerlich, dass Ihr Sohn verletzt wurde. Ob sich negative Folgen für den herausgeschlagenen Milchzahn ergeben werden, bleibt abzuwarten. Ich halte es eher für unwahrscheinlich. Ich gehe davon aus, dass die Eltern des Jungen bzw. deren Versicherung für die zahnärztliche Behandlung aufkommt.

Ich verstehe, dass Sie wütend sind. Bedenken Sie aber grundsätzlich Folgendes: Wo Kinder herumtoben oder sich auch einmal prügeln, kann es immer einmal zu Verletzungen kommen. Eltern sollten das grundsätzlich akzeptieren. Damit meine ich nicht, dass dieses Verhalten gutgeheissen werden soll. Aber unsere Welt ist nun einmal nicht perfekt. 

Wenn Kinder mit einer ADHS aggressives Verhalten zeigen, weist das meistens darauf hin, dass keine oder eine unbefriedigend verlaufende spezifische Therapie erfolgt. Vielleicht könnte der Klassenlehrer die Eltern einmal darauf ansprechen.

Das Verhalten dieses Jungen ist zweifelsohne nicht korrekt. Es ist aber auch zu bedenken, dass der Knabe an einer psychischen Störung leidet. Eine Störung der Impulskontrolle ist ein Kernsymptom der ADHS. Das ist keine Entschuldigung für sein Fehlverhalten, aber möglicherweise eine Erklärung. Wenn Sie wirklich etwas unternehmen wollen, dann sollten Sie sich in einem ersten Schritt sachkundig machen, was ADHS bei einem Kind bedeutet. Und zwar weil ich immer wieder beobachten konnte, dass Kinder dann aggressiv werden, wenn sie sich nicht verstanden fühlen. Lesen Sie hierzu vielleicht einmal diesen Text.

 

Dieser Text wurde letztmals 02/2017 aktualisiert.
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© 2017 Piero Rossi

Hausaufgaben? Stress! Terror! Tränen! Hilfe! Was tun bei ADHS?

FrageWie können wir unseren hyperaktiven Sohn Marius (11) bloss dazu bringen, endlich einmal und bitte, bitte ohne grosses Getöse seine Hausaufgaben zu machen?

AntwortHausaufgaben gehören bei vielen unbehandelten ADHS-Kindern zu den meist gehassten und nach Möglichkeit zu vermeidenden Tätigkeiten. Sie drücken sich, verschieben das Erledigen der Hausaufgaben auf später, stehen – sofern sie sich überhaupt hinsetzen – ständig wieder auf und zeigen oft grösste Mühe, bei der Sache zu bleiben.

Mädchen mit einer ADHS können gelegentlich ein gegenteiliges Verhalten zeigen: Sie lernen mit übergrossem Eifer und übertriebenem zeitlichem Einsatz. Auf ihr fast zwanghaft anmutendes Lernverhalten hin befragt, berichten einige dieser Kinder auf genaues Nachfragen hin, dass sie grosse Angst haben, das Gelernte schnell wieder zu vergessen und sich nur durch das viele Lernen in der Lage sehen würden, sich während des Schulunterrichtes einigermassen an den Lernstoff erinnern zu können. Die Angst, am kommenden Schultag schon wieder blamiert an der Tafel zu stehen, und (was bei ADHS infolge des verkürzten Arbeitsgedächtnisses sehr häufig vorkommt) einfachste Dinge einmal mehr nicht aus dem Kopf abrufen zu können, treibt diese Kinder zu übertriebenem Lernverhalten. Oft helfe – dies berichten übrigens auch Erwachsene mit einer ADHS – nur ein reines Auswendiglernen, also ein Ablegen der Lerninhalte als hintereinander ablaufende und möglichst mit visuellen Signalen verbundene „Geschichte“ im Langzeitgedächtnis.

Kinder mit ADHS zeigen dieses Verhalten aber nicht etwa, weil sie faul oder bezüglich ihrer Intelligenz überfordert sind, sondern weil das erwartete Stillsitzen im Unterricht die ADHS-typische Reizoffenheit noch weiter vergrössert. Sie werden dann überflutet mit Reizen, welche mit dem Lernen meist gar nichts mehr zu tun haben und werden dadurch abgelenkt. Und dies zeigt sich dann in Form von Lernstörungen, an denen die Kinder „keine Schuld“ haben. Im Gegenteil: Die meisten dieser ADHS-Kinder leiden unter diesen Lernstörungen: Sie schämen sich, weil sie merken, dass sie es eigentlich kapieren müssten – aber es nicht tun.

Lernen heisst leider häufig: Monotones Repetieren von Vokabeln, wiederholtes Üben von Rechenoperationen in verschiedenen Varianten und Schreiben von langatmigen Diktaten. Dazu ist Daueraufmerksamkeit erforderlich. Ausserdem müssen andere Impulse ausreichend unterdrückt werden können. Beides Eigenschaften, welche bei ADHS-Kindern schwach ausgeprägt sind. Üben ist für Kinder mit ADHS grundsätzlich schwierig. Sie suchen immer Neues und Interessantes und registrieren oft Nebensächlichkeiten. Gleichzeitig bekunden sie grosse Mühe, das Gelernte zu einem Ganzen zusammenzufassen. An Details vermögen sie sich zu erinnern, nicht aber an den Gesamtzusammenhang.

Was tun?

Ganz grundsätzlich brauchen Kinder mit ADHS Hilfen beim Lernen. Es macht keinen Sinn, einzufordern, dass die Hausaufgaben alleine gemacht werden. Alle Appelle an die Selbstständigkeit führen zu einer Überforderung und den entsprechenden Reaktionen. Wie auch in anderen Lebenszusammenhängen brauchen Kinder mit ADHS klare und transparente Verhältnisse: Kinder mit ADHS müssen genau wissen, was wann von ihnen erwartet wird. Dabei ist es ausserordentlich wichtig, dass die Eltern bzw. diejenige Person, welche das Kind bei den Hausarbeiten betreut, sich vergewissern, dass das Kind auch wirklich verstanden hat, was von ihm erwartet wird.

Diese Kinder sind oftmals so zerstreut und haben so viele andere Dinge gleichzeitig im Kopf, dass ihnen das Zuhören, bzw. das sich Einprägen der Aufgabenstellung schwer fällt. Hausaufgaben sollten – und das gilt nicht nur für Kinder mit ADHS – grundsätzlich an dem Tag gemacht werden, an welchem die Kinder die Aufgaben fassen. Elementar ist zudem, dass unmissverständlich klar sein muss, um welche Zeit die Aufgaben zu erledigen sind. Im Rahmen eines Wochenplanes kann der Zeitpunkt den Erfordernissen des Unterrichtsplanes angepasst werden.

Da Kinder mit ADHS nicht lange stillsitzen können, macht es wenig Sinn, von diesen Kindern zu erwarten, dass sie sich stundenlang mit den Hausaufgaben herumquälen. Es empfiehlt sich, die Kinder in einem Rhythmus von maximal 20 Minuten lernen zu lassen. Eine Küchen- oder Eieruhr leistet hierzu grosse Dienste. Je nach Ausprägung der Lernstörung soll die Bezugsperson spätestens alle 20 Minuten wieder nach dem Rechten sehen und den Schüler bzw. die Schülerin loben und ermutigen, auch den Rest der anstehenden Aufgaben zu erledigen.

Viele Kinder mit ADHS verweigern die Hausaufgaben völlig, wenn von ihnen erwartet wird, alleine in einem Zimmer zu lernen. Sie halten dies schlichtweg nicht aus. Die Ruhe und der Mangel an stimulierenden Reizen führt oftmals zu einer unerträglichen Situation, zu einer emotionalen Anspannung und einem gänzlichen Zusammenbruch der Filterung von irrelevanten Reizen. Das Lernen wird dann vollends unmöglich. Abhilfe schafft gelegentlich ein leise im Hintergrund laufendes Radio. Die Musik kann dann einen Teil des ‚Rauschens im Gehirn‘ übertönen. Paradoxerweise berichten Kinder mit ADHS immer wieder, dass sie mit Musik im Hintergrund besser lernen können und aufnahmefähiger sind. Man sollte sie gewähren lassen. Bei einem starken hyperaktiven Syndrom und der damit verbundenen Unfähigkeit, sich überhaupt hinsetzen zu können, kann diesen Kindern auch erlaubt werden, mit dem Buch in der Hand, im Zimmer auf und abzugehen. Auch ein Stehpult leistet gute Dienste.

Selbstverständlich werden sich Kinder mit ADHS nur an diese Regelungen halten können, wenn auch in anderen Bereichen des Alltags klare Strukturen und Vorgaben herrschen. Dabei macht es wenig Sinn, Wochenpläne und andere Regelungen aufzustellen, wenn deren Durchsetzung nicht konsequent eingefordert wird. Bezüglich der Hausaufgaben bedeutet dies, dass die Durchführung der Hausaufgaben täglich kontrolliert werden muss.

Kinder, aber auch Erwachsene mit ADHS, bekunden immer wieder, Mühe mit dem „In-Fahrt-kommen“. Es ist, als könnten sie nur schwer starten. Und wenn sie einmal an einer Sache dran sind, dann fehlt ihnen oftmals die Bremse. In diesem Zusammenhang benötigen sie hin und wieder auch Druck und Starthilfe. Eine Belohnung in Aussicht zu stellen ist meist eben so wirkungslos, wie das Androhen von Strafe oder anderen Sanktionen, falls die Hausaufgaben nicht oder nicht ordentlich erledigt werden. Kinder mit ADHS sind nicht in der Lage, einen Belohnungsreiz solange innerlich aufrechtzuerhalten. Auch Strafandrohungen geraten in Vergessenheit. Das Zeitfenster ist bei Menschen mit ADHS zu klein, um sich eine in Aussicht gestellte Belohnung merken zu können. Sie leben im hier und jetzt. Strategisch sinnvoll ist es, bereits unmittelbar vor dem Beginn der Hausaufgaben dem Kind einen attraktiven Reiz zu bieten (Schokoriegel, kleines Geschenk, andere Überraschung). Wird das Frontalhirn bereits zu Beginn der Hausaufgaben – etwa durch eine Überraschung – stimuliert, sind diese Kinder oftmals besser in der Lage, die Hausaufgaben mehr oder weniger ordentlich auszuführen.

Dabei gilt der Grundsatz: Attraktive Reize erleichtern das Lernen. Falls diese Kinder sich dann tatsächlich hinsetzen und versuchen, sich den Hausaufgaben zu widmen, sollten sie gelobt werden. Das Lob soll also nicht nur für das erfolgreiche Durchführen der Hausaufgaben erfolgen, sondern bereits für den Versuch. Die Anstrengungsbereitschaft ist an sich schon lobenswert – und nicht nur und erst das Resultat.

Grundsätzlich sollte die Lernsituation positiv gestaltet werden: Der Schreibtisch des Kindes darf nicht überladen und zu chaotisch sein. Unbedingt sollten Farben zum Einsatz kommen (auch diese bedeuten eine Stimulation für das Gehirn und können mit dazu beitragen, die aktuelle Lernfähigkeit zu erhöhen). Schreibunterlage, Stifte, Schulhefte, Bucheinschläge sollten in plakativen Farben gehalten werden. Es empfiehlt sich ausserdem, pro Schulfach ein Ablagefach in Griffnähe bereitzustellen. Selbstverständlich haben Ablagefach, Schulhefte und Buchumschläge pro Schulfach die gleiche Farbe.

Eltern, und/oder die für die Betreuung der Hausaufgaben zuständige Person, müssen täglich den Schulranzen checken. Es soll darauf geachtet werden, dass nach Abschluss der Hausaufgaben der Schulranzen wieder ordentlich bepackt wird. Es soll sich darin nur das für die Schule notwendige Material befinden (und ev. ein Talisman). Auch Sporttaschen, welche für den Sportunterricht des folgenden Tages gebraucht werden, sollen im Anschluss an die Hausaufgaben gepackt werden und bevor die Kinder mit Spielen beginnen. Auch wenn es banal tönen mag: Kinder mit ADHS brauchen feste und klare Rituale, welche flexibel und mit gesundem Menschenverstand gehandhabt werden. Erst dann sind sie in der Lage, die an sie gestellten Anforderungen mehr oder weniger zu bestehen.

Wird einem Kind beim Lösen von Aufgaben geholfen, so muss unbedingt darauf geachtet werden, ob es die Erläuterungen auch verstanden hat. Das Kind soll die Aufgaben laut vorlesen und dadurch Synthese und Gestalterfassung trainieren. In sehr vielen Fällen können Kinder die ihnen gestellten Aufgaben nicht lösen, weil sie die Fragestellung regelrecht überfliegen. Sie schreiten zur Antwort, bevor sie die Fragestellung in Ruhe gelesen haben. Daher ist es unumgänglich, die Lernenden anzuhalten, solange bei der Aufgabenstellung zu verweilen, bis diese wirklich klar ist. Konkret heisst dies, etwa bei Textrechenaufgaben solange die Fragestellung zu bearbeiten, bis das Kind wirklich verstanden hat, was eigentlich gefragt ist.

Das Kurzzeitgedächtnis kann Fragestellungen viel besser verarbeiten, wenn zum Beispiel bei einer Rechenaufgabe die meist mehreren relevanten Ebenen einer Rechenaufgabe auch visuell präsentiert werden. Die Kinder müssen sich die Aufgabe regelrecht ‚vorstellen‘ können, um den Sinn der Frage zu sehen. Erst dann können sie diese begreifen. Kindern mit ADHS fehlt es bekanntlich nicht an Intelligenz. Schaffen sie es, die Fragestellung zu begreifen und innerlich – dank Bildern – eine Zeit lang aufrechtzuerhalten, vermögen sie in den meisten Fällen, die gestellten Aufgaben zu lösen.

Wie der ADHS-Forscher Barkley und früher schon andere bekannte Entwicklungspsychologen festgestellt haben, spielt für ein mehr oder weniger gutes Funktionieren des Kurzzeitgedächtnisses, der sozialen Kommunikation und der Planung von Handlungen das innere Sprechen (Selbstverbalisation) eine grosse Rolle. (Verinnerlichte) Sprache gilt auch als das entscheidende Verbindungsglied zwischen dem Kurzzeit- und dem Langzeitgedächtnis. Menschen mit ADHS zeigen bezüglich der Selbstverbalisation oft Schwächen: So fällt es ihnen schwer, einen geordneten Dialog mit sich selbst zu führen. Die ’springenden Gedanken‘ (als Folge des hüpfenden und unsystematischen Wahrnehmungsstils) verhindern oft ruhige Selbstgespräche. Die Fähigkeit zur Selbstverbalisation ist aber eine der entscheidenden Voraussetzungen, um beispielsweise eine Textrechenaufgabe zu lösen: Erst ein ruhiges inneres Gespräch, bei welchem die unterschiedlichen Ebenen der Fragestellungen reflektiert werden, ermöglichen es, auf Lösungsideen zu kommen. Es ist von daher einleuchtend, dass Kinder mit ADHS lernen müssen, Selbstgespräche zu führen. Speziell Kinder mit ADHS sind also nicht ausschliesslich für das Beantworten einer Aufgabenstellung zu belohnen, sondern in erster Linie für das Verstehen der Frage.

Wer kennt nicht das leidige Thema: Flüchtigkeitsfehler. Gerade bei schriftlichen Aufgaben (Abschriften, Diktaten usw.) können sich oft Dutzende dieser Fehler einschleichen. Kinder mit ADHS sind auch im Kopf hyperaktiv: Geschriebenes verliert sofort den Reiz und die Aufmerksamkeit wendet sich dem Neuen zu. Ausserdem denken viele Kinder mit ADHS sehr schnell. Geht es hingegen langsam vor sich – und das bringt das Überprüfen des Geschriebenen mit sich – wird es diesen Kindern langweilig und die Aufmerksamkeit verschlechtert sich zusätzlich. Nur wenn es interessant ist, oder ungewohnt, vermögen diese Kinder genügend Aufmerksamkeit zu entwickeln und aufrechtzuerhalten, um auch kleine Fehler zu erkennen. In diesem Zusammenhang hat sich bei schriftlichen Texten folgendes Vorgehen zur Fehlererkennung und gut bewährt: Zwecks Erkennung von Flüchtigkeitsfehlern lese man ein Diktat oder einen anderen Text nicht wie gewohnt von vorne nach hinten, sondern – Satz für Satz – von hinten nach vorne durch.

Dieses, den Lesegewohnheiten widersprechende Vorgehen ermöglicht es, das Geschriebene in einer fremden und damit interessanten Perspektive durchzulesen. Dadurch verbessert sich die Aufmerksamkeit und Flüchtigkeitsfehler werden viel leichter erkannt.

Merke: Eine ADHS-Diagnose und eine Behandlungsindikation vorausgesetzt bildet eine Therapie mit Stimulanzien oftmals die elementare Voraussetzung dafür, dass diese Kinder sich überhaupt hinsetzen und lernen können.

 

Dieser Text wurde letztmals 09/2016 aktualisiert.
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© 2016 Piero Rossi