Vorwort

Eltern, Berufskolleginnen, Berufskollegen und ADHS-betroffene Erwachsene haben in den letzten Jahren wiederholt den Wunsch an mich herangetragen, ein Buch über die ADHS zu schreiben. Dazu ist es bisher nicht gekommen. Mein Interesse galt und gilt in erster Linie der therapeutischen Arbeit mit Menschen mit einer ADHS, mit Patientinnen und Patienten mit Störungen aus dem autistischen Spektrum und anderen neurobiologisch bedingten Entwicklungsstörungen sowie mit deren Angehörigen.

Die Arbeit in meiner psychologischen Praxis erfordert meine ganze Aufmerksamkeit. Seit 1995 habe ich – unterstützt von meinen Praxis-Mitarbeiterinnen – rund 1700 Menschen vorwiegend mit ADHS, aber auch mit Störungen aus dem autistischen Formenkreis, mit nonverbalen Lernstörungen und anderen Entwicklungsstörungen untersucht. Etwa die Hälfte dieser Patientinnen und Patienten habe ich im Anschluss an die Abklärung psychotherapeutisch behandelt.

Je mehr Erfahrungen ich in der Diagnostik und Therapie der ADHS gewinnen konnte, umso klarer wurde mir, wie wenig ich über dieses komplexe und heterogene Störungsbild weiss. Denken wir nur einmal daran, wie stark sich in Schule und Familienalltag der sogenannt unaufmerksame vom hyperaktiven Typus der ADHS unterscheiden und wie verschieden sich die ADHS bei Mädchen und Buben, bei Männern und Frauen entwickeln kann:

Hier das stille, übermässig verträumte, vergessliche, hypoaktive und ängstliche Mädchen mit der „langen Leitung“. Dort der laute, hyperaktive, provozierende, motorisch ungeschickte und überall aneckende ADHS-Knabe. Und da schliesslich der erwachsene ADHS-Betroffene, der chronische Temposünder und Adrenalin-Junkie mit ständigem Stellen- und Partnerwechsel, welcher immer Neues anreisst, allen vieles verspricht, kaum etwas zu Ende bringt, sich chronisch verspätet und unter seinem Ruf der Unzuverlässigkeit seelisch zerbricht.

Bei der ADHS haben wir es nicht mit einem Syndrom zu tun, welches durch ein weitgehend identisches Muster von Symptomen gekennzeichnet ist. Im Gegenteil: Sie ist charakterisiert durch eine grosse Kombinationsmöglichkeit verschiedenster Symptome. Auch hinsichtlich des Krankheitsverlaufes zeichnet sich die ADHS als nicht besonders charakteristisch aus: Einen überschaubaren Krankheitsverlauf, wie er etwa bei Angststörungen, Depressionen oder Störungen aus dem autistischen Spektrum bekannt ist, kennen wir bei der AHDS nicht.

Auch wenn es die typische ADHS nicht gibt und sich in meiner Arbeit bezüglich Diagnostik, Differenzialdiagnostik und Therapie der ADHS je länger je mehr unbeantwortete Fragen häuften, war für mich – ausgehend von meinen Erfahrungen in der klinischen Praxis – immer evident, dass es viele Menschen gibt, welche durch chronische Aufmerksamkeits- und Impulskontrollschwächen sowie durch Planungs- und Umsetzungsprobleme massgeblich daran gehindert werden, ihre Persönlichkeit, ihre Beziehungsfähigkeit, ihre Kreativität und Intelligenz zu entfalten. Die psychischen und psychosozialen Folgen dieses Ausgebremstwerdens können verheerend sein.

Da „die“ ADHS nicht existiert, war es für mich auch nicht möglich, ein Buch über die ADHS zu schreiben, welches die Problematik der ADHS schlüssig und umfassend darlegt. Für eine Zusammenstellung charakteristischer Falldarstellungen fehlte mit die Zeit. Die folgenden Seiten enthalten daher vielmehr eine Zusammenstellung verschiedener Publikationen aus den letzten zwölf Jahren rund um die ADHS-Thematik.

Die in diesem Buch zusammengetragenen Texte richten sich an Eltern betroffener Kinder mit einer ADHS, an betroffene Erwachsene, an Angehörige, an Psychotherapeutinnen, Psychologen, Lehrerinnen, Heilpädagogen, Kinderärztinnen und Psychiater sowie an andere Interessierte. Vielleicht ermöglichen es die folgenden ADHS-Puzzlesteine, besser zu verstehen, was die ADHS ist, was sie nicht ist und vor allem, wie ADHS-Betroffene wirksam unterstützt werden können.

Einen Anspruch auf Vollständigkeit und Aktualität erhebt die vorliegende Publikation nicht. Berücksichtigung erfahren sollte die Tatsache, dass einige der in diesem Buch enthaltenden Kapitel erstmals schon vor über zehn Jahren veröffentlicht wurden. Ich weise ausdrücklich darauf hin, dass Forschung und klinische Erfahrung in den psychologischen Wissenschaften und der Medizin laufend zu neuen Erkenntnissen führen. Ich mache aufmerksam insbesondere auch auf die fünfte Auflage des Diagnostic and Statistical Manual of Mental Disorders (DSM-V), welche im Mai 2013 erscheinen wird und unter anderem auch mit einer Anpassung der diagnostischen Kriterien für die ADHS einher gehen wird.

Meinen Berufskolleginnen und Berufskollegen wird schnell ins Auge springen, dass ich in meiner Arbeit auf die sonst übliche Trennung der Kinder- und Erwachsenenpsychiatrie verzichte. Der Grund ist ein ganz praktischer: Kinder mit einer ADHS haben meist Geschwister und/oder Eltern, bei welchen ebenfalls eine ADHS vorliegt. Das familiär gehäufte Auftreten der ADHS ist hinlänglich bekannt. Dass die ADHS auch im Erwachsenenalter fortbestehen kann, war vor fünfzehn Jahren im deutschsprachigen Raum nur wenigen Fachpersonen bekannt. Es blieb mir damals nichts anderes übrig, als mich den ADHS-betroffenen Kindern, ihren Eltern und zum Teil auch Grosseltern, welche ein Leben lang an einer ADHS litten, anzunehmen. Im Kern ist die Symptomatik der ADHS bei Kindern, Jugendlichen und Erwachsenen sehr, sehr ähnlich. Dasselbe gilt auch für die Basistherapie dieses Störungsbildes.

Heute bin ich sehr froh, immer schon Kinder und Erwachsene untersucht und behandelt zu haben. Wer erwachsene ADHS-Betroffene verstehen will, muss genau wissen, was es im Kindesalter bedeutet, durch eine ADHS in seiner Entwicklung ausgebremst zu werden. Müsste ich heute ein Curriculum für einen Lehrgang „Diagnostik und Therapie der ADHS bei Erwachsenen“ schreiben, enthielte dieses auch ein mehrmonatiges Praktikum in einer ADHS-Ambulanz für Kinder. Man bedenke: Die Diagnostik der ADHS im Erwachsenenalter setzt eine ausführliche Erhebung der frühen Krankengeschichte voraus. Je besser verstanden wird, wie sich die ADHS bei Jungen und Mädchen manifestiert und wie verschieden und doch spezifisch die Krankheitsverläufe ausfallen können, umso leichter gelingt es, bei Erwachsenen mit Verdacht auf eine ADHS zu beurteilen, ob diese Störung schon in der Kindheit vorlag (eine ADHS beginnt zwingend in der Kindheit, sie kann im Erwachsenenalter fortbestehen).

Wer die folgenden Kapitel von A bis Z durchliest, wird der zahlreichen Wiederholungen wegen möglicherweise enttäuscht sein. Es bietet sich daher an, sich die Informationen über die ADHS ausgehend von einzelnen, subjektiv interessant erscheinenden Kapiteln zu erlesen. Dieser Hypertext-Modus entspricht übrigens dem Lesestil vieler ADHS-Betroffenen (sofern sie überhaupt lesen): Eine interessante Kapitelüberschrift, ein die Neugier weckendes Stichwort im Sachverzeichnis oder ein spontaner Einstieg mitten hinein stellen für viele eine dankbare Abkürzung dar, um möglich schnell und ohne Umwege zum Wesentlichen und Interessanten vorstossen zu können. Ein langsames und sich über viele Seiten hinweg hinziehendes Heranlesen an vielleicht einmal Interessantes ist ADHS-Betroffenen nicht möglich. Wenn es für sie nicht schnell sehr interessant wird, klappen Buch- oder Notebookdeckel kurzerhand zu …

Danken möchte ich Frau Christiane Grossmann für das Korrektorat und die zahlreichen Hinweise sowie meinem Kollegen Dr. med. Martin Winkler, mit welchem ich mich seit 14 Jahren auch zum Thema ADHS rege austauschen kann.

Staufen, Dezember 2012

Piero Rossi

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