ADHS & Kreativität | Warum Menschen mit ADHS sehr kreativ sein könnten, es aber meistens nicht sind

Einleitung
Wer sich mit dem Thema ADHS & Kreativität auseinandersetzen will, steht vor grossen Herausforderungen. Wir wissen heute mit guter wissenschaftlicher Evidenz, was ADHS ist und was nicht. Ganz anders aber verhält es sich mit der Kreativität. Diese wird mal so, mal anders verstanden. Der durchaus lesenswerte Wikipedia-Eintrag über Kreativität gibt Interessierten einen ersten Überblick über die verschiedenen Ansätze und Theorien.

Mager schaut es aus bezüglich Wissensstand und Publikationen zum Zusammenhang von ADHS & Kreativität: Texte mit wissenschaftlichem Anspruch und empirische Untersuchungen hierzu liegen meines Wissens nur eine Hand voll vor. Und dies erst noch mit sehr widersprüchlichen Resultaten.

Wohl kann man in der ADHS-Ratgeberliteratur oder in ADHS-Internetforen immer wieder lesen, dass viele Menschen mit ADHS besonders kreativ sein sollen. Um dies zu illustrieren, werden immer wieder Albert Einstein, Amadeus Mozart und andere berühmte (Künstler-) Persönlichkeiten ins Feld geführt. Bei diesen habe eine ADHS vorgelegen, heisst es. Nachvollziehbare Begründungen bleiben uns die Autoren indes schuldig.

Wenig erhellend sind auch die mir bekannten Fachartikel über die ADHS von bekannten Persönlichkeiten. Wie zum Beispiel über Heinrich Hoffmann, dem Autor von „Struwwelpeter“. Wir erfahren vom renommierten ADHS-Spezialistenpaar Klaus-Henning und Johanna Krause zwar überzeugend dargelegt, dass Hoffmann wahrscheinlich unter einer ADHS litt. Hinweise zur Anatomie eines möglichen Zusammenhangs von ADHS und Kreativität bleiben uns Fachautoren aber ebenfalls schuldig.

Was heisst Kreativität?
Wir wissen also mehr oder weniger, was ADHS heisst und was sie für die von dieser Störung Betroffenen bedeutet (Zusammenfassung siehe hier). Was aber wissen wir über Kreativität? Alles und nichts? Ich denke, es liegt in der Natur der Kreativität, dass das Spektrum von Definitionen so riesig ist. Dem ist wohl auch gut so. Es wäre wohl das Ende jeglicher Kreativität, wenn diese sich messen liesse.


In diesem Artikel wird Kreativität folgendermassen verstanden:

Originelles, unkonventionelles, schöpferisches und produktives Denken und Handeln, welches zu neuen und zeitüberdauernden Objekten führt, von welchen sich Menschen emotional positiv angesprochen fühlen und welche als sinnstiftend erlebt werden. Kreativität schlägt sich nicht nur Kunst oder bei Erfindungen nieder: Sie unterstützt uns im Ausbildungs-, Berufs- und Familienalltag ganz wesentlich bei der Lösung von alltäglichen Problemen.

Mein Bezug zum Thema ADHS & Kreativität

    1. Bis Ende 2015 habe ich als Psychotherapeut mit Schwerpunkt ADHS gearbeitet. Ich habe in den letzten 20 Jahren ungefähr 2000 Kinder, Jugendliche und Erwachsene mit einer ADHS kennengelernt. Fast täglich habe ich erfahren, was eine unerkannte, eine falsch oder unbehandelte ADHS bei den Betroffenen und ihren Angehörigen Verheerendes anrichten kann. Und immerfort erlebte ich, wie die ADHS das kreative Potential der Betroffenen zu lähmen vermochte.
      In meiner über dreissigjährigen Tätigkeit als Psychologe und Psychotherapeut und insbesondere in den letzten zwanzig Jahren, stiess ich mit den im je konkreten Fall individuell angezeigten Psychotherapiemethoden immer wieder an Grenzen: Zwar liessen sich die ADHS-Symptome meiner Patientinnen und Patienten in der Regel reduzieren, was für die Betroffenen und ihre Angehörigen zweifellos viel Entlastung bedeutete. Andererseits stellte ich immer wieder fest, dass die anerkannten Psychotherapiemethoden (und nur diese, also wissenschaftlich auf ihre Wirksamkeit überprüfte Behandlungstechniken, darf man in der Psychotherapie anwenden) immer noch zu sehr auf Symptome und Defizite fokussiert sind.
      Die Stärken der Persönlichkeit fördern wurde und wird in der Psychotherapie zwar immer wieder postuliert, gehört aber noch nicht zum standardisierten Repertoire anerkannter psychotherapeutischer Methoden (und auch nicht zur Behandlung der ADHS).
      Meinen Patientinnen und Patienten ging es in den meisten Fällen zwar deutlich besser. So richtig befreit und glücklich wirkten bei Behandlungsabschuss indes nur wenige. Ich realisierte, dass insbesondere bei ADHS-Betroffenen, welche auf die Therapien nur unbefriedigend ansprechen, ressourcenorientierte Förderansätze eine bedeutsame, ja heilsame Rolle zukommt. Sie können ein therapeutisch sehr wertvolles Gegengewicht schaffen.
      Aber auch bei einer erfolgreichen Behandlung können in einem gewissen Ausmass ADHS-assoziierte Probleme fortbestehen. Eine ADHS lässt sich nicht heilen wie ein Beinbruch. So halten bei Jugendlichen und Erwachsenen oftmals Identitäts- und Selbstwertprobleme  an. Diesen kann mit einem gezielten Aufbau eigener (und meistens ausserschulischer) Ressourcen wie zum Beispiel in sportlichen oder musischen Bereichen wirkungsvoll begegnet werden. Idealerweise würde dieser Aufbau bereits im Rahmen der ADHS-Basistherapie erfolgen. Dazu kommt es bis heute aber nur punktuell. Einmal, weil experimentelle therapeutische Ansätze, welche in diese Richtung gehen, meines Wissens bisher nicht wissenschaftlich begleitet und evaluiert wurden, andererseits aber auch, weil die Krankenkassen ganz strikt nur die Honorare von Heilbehandlungen erstatten, nicht aber jene, welche dem Zweck der Stärkung der Persönlichkeit dienen ( = keine Heilbehandlung).
    2. Auch psychotherapeutisches Handeln ist ein kreativer Prozess. Nicht umsonst heisst es, Psychotherapie ist eine Kunst. Das Handwerk, psychopathologische Symptome zu erkennen, Diagnosen zuzuordnen, zu wissen, welche Therapien sich bei welchen Störungsbildern bewährt haben sowie das gekonnte Anwenden von Psychotherapietechniken, kann man an der Universität und in der Psychotherapieausbildung lernen.
      Um dieses Know-how im Umgang mit Patienten erfolgreich anwenden zu können, bedarf es zusätzlich an Berufserfahrung und vor allem eines „gewissen Etwas“. Nämlich der Kreativität. Psychische Probleme sind ihrem Wesen nach hochkomplex. Wissenschaftliche Algorithmen können es zwar erleichtern, menschliches Fühlen, Denken und Verhalten besser zu verstehen. Sie ersetzen aber nicht den schöpferischen Psychotherapeuten, welcher – will er Menschen und ihre Probleme wirklich verstehen und erfolgreich behandeln – die Elemente von Diagnostik und Behandlung geschickt wie ein Künstler zu einem heilenden Prozess zusammenstricken muss. Das gilt auch für die Lehrerin und für Menschen in viele anderen Berufen. Erst der kreative Umgang mit dem Gelernten und Erlebten und dessen schöpferische Anwendung macht uns zu richtig guten Berufsleuten.
    3. Ein zweites persönliches Standbein für mich ist seit meiner Jugend die Fotografie. Auch in diesem Bereich verhalte ich mich bisweilen kreativ. Ab und zu gelingen mir richtig gute Arbeiten.
    4. Seit Anfang 2016 arbeite ich nicht mehr als Psychotherapeut, sondern als Mentor für ADHS-Betroffene und für Menschen mit Störungen aus dem autistischen Spektrum sowie im Bereich der Begabtenförderung. Medium ist die Fotografie. Mein neues Projekt ist innovativ. Es entstand aus der kreativen Weiterentwicklung meiner Tätigkeit als Psychotherapeut mit ADHS-Betroffenen.




Warum ADHS-Betroffene sehr kreativ sein könnten
Viele ADHS-Betroffene, die ich kennengelernt habe, haben ein auffallend gutes bis sehr gutes kreatives Potenzial. Daraus lässt sich aber nicht verallgemeinern, dass Menschen mit einer ADHS generell kreativer sind (oder von ihrem Potenzial her sein könnten) als andere Menschen. Der Grund liegt darin, dass ich es in meiner Privatpraxis vorwiegend mit Menschen aus den mittleren und oberen Bildungsschichten zu tun hatte. Viele meiner jungen Patienten wurden bereits daheim schon kulturell gefördert. Aufgrund dieser Selektion darf ich nicht die Schlussfolgerung ziehen, dass Menschen mit einer ADHS per se mehr kreatives Potential als andere haben. Meines Wissen liegen zurzeit auch keine Forschungsbefunde vor, welche diesen Zusammenhang nahelegen würden.

Wer Menschen mit einer ADHS näher kennt, weiss nur zu gut um ihre Begeisterungsfähigkeit und ihre Zerstreutheit, um ihre Reizoffenheit und ihre riesige Empfänglichkeit für Neues. Aber auch um ihre Phantasie, ihren Ideenreichtum sowie um ihre Loyalität in Beziehungen zu Menschen, von denen sie sich ernst genommen fühlen.

Gleichzeitig wissen wir aber auch um die meistens ebenso stark ausgeprägte Unfähigkeit von ADHS-Betroffenen, ihre Wahrnehmungen und Empfindungen produktiv und sinnstiftend zu selektieren, mental zu organisieren und im realen Leben zielführend umzusetzen.

Menschen mit einer ADHS zeichnen sich aus durch eine störend starke Zerstreutheit und Vergesslichkeit. Aber vor allem auch durch die Unfähigkeit, lange genug an einer Sache dranbleiben und ihre Projekte realisieren zu können. Zu schnell langweilen sie sich. Ihr Hirn lechzt immerfort nach neuen Reizen und Kicks. Das lenkt sie ab, führt sie von einem Nebengeleise zum nächsten Nebenkriegsschauplatz. Auf diese hyperfokussieren sie eine Weile, gelegentlich auch in exzessiver Manier. Der Kick verblasst in der Regel viel zu schnell, um ein Projekt durchziehen zu können und damit zu positiven und identitätsstiftenden Resultaten zu kommen.

Die Gründe für die zu grosse Reizoffenheit und die gravierenden Umsetzungsprobleme von Menschen mit einer ADHS liegen in der besonderen Art, wie ihr Gehirn arbeitet. Soweit wir heute wissen, sind im Gehirn von Menschen mit einer ADHS aus genetischen Gründen jene neuronalen Netzwerke, welche die Reizselektion, die Impulsregulation, das motivationale System sowie die Umsetzungsfunktionen regulieren, unteraktiviert. ADHS-Forscher erklären sich diesen Mangel folgendermassen: Der Neurotransmitter (= Nervenbotenstoff) Dopamin wird zu schnell zur nächsten Nervenzelle transportiert, verbleibt damit zu kurz im synaptischen Spalt und kann daher seine Wirkung nicht richtig entfalten.

Wir wissen, dass sich diese daraus folgende neuronale Unteraktivierung vor allem bei monotonen, reizarmen und subjektiv uninteressanten oder als sinnlos erlebten Anforderungen störend bemerkbar macht. Eine Folge dieser Unteraktivierung  ist, dass Reize nahezu ungefiltert auf die Betroffenen einstürzen und viele Assoziationen auslösen. Der Dopaminmangel hat aber auch zur Folge, dass die Reaktionen der Betroffenen auf diese Stimuli nicht angemessen reguliert und abgebremst werden können. Das erklärt die grosse Neigung zu unüberlegten, impulsiven Handlungen. Menschen mit einer ADHS nehmen also nicht nur viel zu viel auf, sondern reagieren meistens viel zu schnell und viel zu heftig auf das Wahrgenommene mit oft fatalen Folgen.

Wir wissen, dass sich diese neuronale Unteraktivierung vor allem bei monotonen, reizarmen und subjektiv uninteressanten oder als sinnlosen erlebten Anforderungen störend bemerkbar macht. Ist hingegen die je aktuelle Situation für die Betroffenen interessant und wird die gerade ausgeübte Tätigkeit als sinnvoll empfunden, so zeigen sich keine Auffälligkeiten im Empfinden oder Verhalten der Betroffenen. Leider halten diese positiven Zustände bei ADHS-Betroffenen inormalerweise zu kurz an.

Eine Folge dieser Unteraktivierung  ist, dass Reize nahezu ungefiltert auf die Betroffenen einstürzen und viele Assoziationen auslösen. Der Dopaminmangel hat aber auch zur Folge, dass die Reaktionen der Betroffenen auf diese Stimuli nicht angemessen reguliert und abgebremst werden können. Dies erklärt die grosse Neigung zu impulsiven Handlungen. Menschen mit einer ADHS nehmen nicht nur viel zu viel auf, sondern reagieren meistens viel zu schnell und viel zu heftig auf das Wahrgenommene. Jeder, der ADHS-Betroffenen kennt die oft fatalen Folgen dieses impulsiven Verhaltens.

Die Neurobiologie der ADHS liefert uns somit eine erste und wichtige Antwort auf die Frage, warum ADHS-Betroffene im Grunde genommen sehr kreativ sein könnten.

a) Verrückte Ideen
Die ADHS-typische Disposition zur Impulsivität und Spontaneität, quasi die Kehrseite ihrer reduzierten Hemmprozesse, sind – ein kreatives Grundpotential vorausgesetzt – ideale Voraussetzungen für „verrückte“ Ideen und „wild“ assoziatives Gestalten derselben..

b) Hyperfokus & Flow
Kreativität erfordert unter anderem eine grosse Empfänglichkeit auch für Unkonventionelles, für Neues, für Details und für Besonderes, welches andere nicht auf den ersten Blick erkennen. Darin sind viele ADHS-Betroffene stark. Kreativität setzt Loslassen- und Sich-vergessen-können voraus. Erst wenn die inneren Bremsen und Hemmungen (im Sinne von zu gut wirksamen Filtern) fallen, können sich kreative Impulse entfalten

Bei Menschen mit einer ADHS ist es bekanntlich nicht so, dass sie meistens nicht in der Lage sind, sich angemessen konzentrieren zu können. Interessiert sie aber etwas wirklich, geraten sie leicht in einen Hyperfokus und können sich problemlos und teilweise auch mit riesengrossen Ausdauer in eine Tätigkeit vertiefen. Gestützt auf Schilderungen von ehemaligen Patienten sowie auf theoretische Überlegungen gehe ich davon aus, dass das ADHS-typische hyperfokussierte Vertieftsein verwandt ist mit dem so genannten Flow-Zustand. Flow bezeichnet das völlige Aufgehen in einer Tätigkeit. Wie in einer Trance läuft alles ohne Anstrengung und wie von selbst. Das Zeitgefühl schwindet, man ist hoch konzentriert, ist oft hochproduktiv und schwebt gleichzeitig auf Wolke 7.

Im Flow können Menschen sehr kreativ und leistungsfähig sein. Viele Künstlerinnen, Sportler oder beispielsweise Schriftstellerinnen kennen diesen Zustand bestens. Und lieben ihn. Und Danke für diese Infos!zwar weil das Gehirn in diesem Zustand Dopamin ausschüttet und Glücksgefühle auslöst. Diese guten Gefühle setzen Erinnerungsreize: Es war super und ich will mehr davon. Das ermöglicht es ihnen, noch weiter „abzutauchen“ und immer wieder Tätigkeiten und Situationen anzusteuern, welche ihn einen Flow ermöglichen. In diesem Zustand sind Menschen deswegen „voll bei sich“, kreativ und leistungsfähig, weil die Aktivität jener Hirnareale und neuronalen Netzwerke, welche die überkritische Selbstreflexion, Angst oder -Versagensgefühle und die negative Selbstkontrolle steuern, reduziert werden. Das Kompetenzgefühl und die positive Selbstkontrolle hingehen bleiben im Flow bestens in Form. Auch sollen jene neuronalen Funktionskreise, welche für die Verarbeitung von sinnlichen Wahrnehmungen zuständig sind, im Flow gut aktiviert sein. ideale Voraussetzungen also für kreatives und produktives Handeln.

Merke: ADHS-Betroffene verfügen aus neurobiologischen Gründen über sehr gute Voraussetzungen, ihr kreatives Potential entfalten zu können.

Warum ADHS-Betroffene kreativ sein könnten, es aber meistens nicht sind
Bei den meisten Menschen mit einer un- oder nicht wirkungsvoll behandelten ADHS sind auch zahlreiche andere für kreatives Handeln elementare wichtige kognitive Prozesse dereguliert. Unter ADHS-Forschern besteht heute weltweit Einigkeit darüber, dass eine Unteraktivierung auch bei jenen neuronalen Netzwerken vorliegt, welche die zielführende Weiterverarbeitung des Wahrgenommenen, also das Umsetzen, reguliert.

Vor ungefähr fünfzehn Jahren rief mich an einem Samstagnachmittag ein Kollege an. Ich soll unbedingt den Fernseher einschalten und RTL schauen. In einer Talkshow finde ein Interview mit einer ADHS-betroffenen und bekannten jungen Grafikerin statt. Leider habe ich nur noch den Schluss der Talk-Runde mitbekommen. Die Grafikerin sagte:

„Um die wirklich guten Ideen zu kreieren, benötige ich kein Ritalin. Diese aber auch umzusetzen gelingt nur mit dem Medikament“.

Merke: ADHS manifestiert sich im Alltag in erster Linie als Umsetzungsproblem. Man will, kann aber nicht.

Umsetzen, also zielgerichtetes Planen und Handeln, besteht unter anderem aus zahlreichen sich ergänzenden kognitiven Funktionen. Diese werden in der Neuropsychologie als Exekutivfunktionen bezeichnet. Es handelt sich um verschiedene, miteinander verknüpfte kognitive Basisprozesse. Ohne diese bleibt die weitere Verarbeitung des „kreativen Basismaterials“ in der Regel hilflos liegen oder stecken.

Um kreatives Potenzial nicht nur einmalig, sondern nachhaltig freisetzen und entwickeln zu können, sollten unter anderem folgende exekutive Funktionen intakt sein:

    • Aufmerksamkeitskontrolle: Fokussierte Aufmerksamkeit beziehungsweise Widerstandskraft gegen Ablenkungen; Aufrechterhaltung der Aufmerksamkeit bei monotonen, reizarmen und subjektiv uninteressanten Rahmenbedingungen; simultane Aufmerksamkeitsverarbeitung.
    • Kognitive Flexibilität: Gemeint ist unter anderem die Fähigkeit, sich automatisch auf Neues einlassen zu können, ohne am Alten zu haften und dadurch blockiert oder ausgebremst zu bleiben.
    • Arbeitsgedächtnis: Diese bezeichnet das aktive Kurzzeitgedächtnis, also Halten und gleichzeitiges Bearbeiten von Informationen im Kurzzeitgedächtnis. Arbeitsgedächtnisdefizite oder -störungen führen zu vielseitigen Problemen, unter anderem beim Lernen, Schlussfolgern, bei der Strategiebildung, Planen und behindern in der Folge das zielführende Handeln.




  • Kognitive Flüssigkeit: Es geht dabei a) um die Fähigkeit, auf eine Problemstellung möglichst viele verschiedene Lösungen zu kreieren und b) dabei nach Möglichkeit automatisch und spontan zielführende Strategien anzuwenden. Ersteres kann man auch als divergentes Denken bezeichnen. Das Gegenteil ist das konvergente Denken. Letzteres kommt dann zum Zug, wenn als Resultat einer Problemstellung nur eine einzige richtige Lösung in Frage kommt. Dies ist beispielsweise bei einer Rechnungsaufgabe der Fall (1+1=2 und nur 2).  Divergentes Denken erfolgt immer dann, wenn zu einer Problemstellung möglichst viele verschiedene Lösungen generiert werden müssen. Ein klassisches Beispiel dafür ist ein Aufsatz, aber auch generell das kreative Suchen des richtigen Weges, um beispielsweise eine schwierige mathematische Aufgabe lösen zu können. Divergentes Denken ist aber auch angesagt bei allen möglichen und unmöglichen Herausforderungen, welche sich uns im Leben stellen können. Ohne divergentes Denken kann ein Mensch seine Intelligenz nicht umsetzen. Man kann das divergente Denken auch kreatives oder fantasievolles Denken oder Ideenproduktion nennen. Ein mehr oder weniger intaktes divergentes, also kreatives und fantasievolles Denken ist eine zentrale Voraussetzung dafür, dass ein Mensch seine Intelligenz umsetzen kann.
    Bei Menschen mit einer unbehandelten ADHS ist es so, dass sie von guten Ideen nicht selten regelrecht überflutet werden können. Der Arbeitsgedächtnisschwäche wegen können sie diese leider meistens nicht sinnvoll verknüpfen und zusammenfügen. Ihr syndrombedingt oftmals gutes laterales Denkvermögen (= Quer- und Paralleldenken) nützt ihnen daher wenig bis nichts.

Neben diesen Exekutivfunktionen, welche bei Vorliegen einer ADHS mehr oder weniger geschwächt sind, sind es zusätzlich auch die ADHS-typische Impulsivität und die Ungeduld, welche das nachhaltige Umsetzen kreativer Impulse behindert

Kreativität & Manie
Der Vollständigkeit halber möchte ich Sie etwas verwirren. Denn es ist eine Tatsache, dass auch Menschen mit grossen Defiziten im Bereich der exekutiven Funktionen sehr kreativ sein können. Das betrifft etwa Künstler mit schweren psychischen Störungen. Oder Menschen mit einer leichten geistigen Behinderung. So weiss man, dass zahlreiche weltbekannte Kunstwerke in der hypomanen Phase von Bipolaren Störungen entstanden sind.

Ritalin als Kreativitätskiller?
Sollen ADHS-Betroffene eine Chance haben, ihr allfällig vorhandenes kreatives Potential zielführend auszuschöpfen zu können, ist in vielen Fällen eine ADHS-Behandlung erforderlich. Gemäss heutigem Wissenstand (12/2016) bedarf es dazu in der Regel einer medikamentösen Basistherapie in Kombination mit weiteren psychotherapeutischen und pädagogischen Interventionen (Multimodale Therapie). Dieser Behandlung muss in jedem Fall eine gründliche Abklärung und eine sorgfältige Indikationsstellung vorausgehen.

Wie schon aus dem Beispiel mit der Grafikerin hervorgeht, stellt sich die Frage, inwieweit eine medikamentöse Behandlung mit Stimulanzien (zum Beispiel Ritalin) Kreativität ausbremsen könnte. Mir selbst sind nur ganz wenige Einzelfälle bekannt, bei welchen dieser bremsende Effekt zu beobachten war. Dabei spielte eine zu hohe Dosierung der ADHS-Medikamente die Hauptrolle. Eine Frau mit ADHS berichtete mir zu diesem Thema, sie habe auch ohne Ritalin 1000 Ideen, setze aber keine um, weil da schon die nächsten 1000 anstehen. Mit Ritalin sei sie in der Lage, vorher Ideen auszusortieren. Sie habe dann vielleicht noch 300 und zum Schluss vielleicht noch fünf Ideen, die sie dafür dann aber weiterentwickeln könne.



Im Rahmen von Verlaufskontrollen habe ich mit meinen ADHS-Patienten, welche von ihrem Arzt medikamentös behandelt wurden, unter der Wirkung von Stimulanzien nach drei und dann sechs Monaten neuropsychologische Verlaufskontrollen durchgeführt. Dabei stellte ich in nahezu allen Fällen fest, dass sich bei Ansprechen auf die Therapien die Testleistungen bei Anforderungen an verschiedene exekutive Funktionen massgeblich verbessert haben. Das gilt auch für Test, welche Aussagen über das kreative Denken erlauben. Die Testresultate entsprachen unter der Wirkung der medikamentösen Therapie in der Regel dem Niveau, Danke für diese Infos!welches von der Intelligenz her zu erwarten war. Auch aus dem Schul-, Arbeits- oder Familienalltag erhielt ich nur sehr selten Rückmeldungen, wonach die medikamentöse Behandlung die Kreativität der Betroffenen ausbremste. Immer wieder hörte ich dagegen, dass betroffene Kinder unter der Wirkung von Stimulanzien endlich mit dem Zeichnen beginnen, dass sie fantastische Lego-Konstruktionen erfinden, bessere Aufsätze schreiben, Lieder komponieren oder auch, dass sie in Konflikten erstaunlich gute Lösungsvorschläge einbringen. Wenn Probleme fortbestanden, lag eine zentrale Ursache darin, dass die medikamentöse Therapie eine unbefriedigende Wirkung zeigte.

Trotzdem: Das Beispiel der Grafikerin, welche zur Ideenproduktion das Ritalin absetzte, sowie theoretische Überlegungen, legen nahe, dass bei ADHS betroffenen und kreativ begabten Kindern im Auge behalten werden sollte, ob die medikamentöse Behandlung allenfalls doch mit einer zu ausgeprägten Hemmung kreativer Prozesse einhergehen könnte. In diesem Fall muss die Therapie durch den behandelnden Arzt angepasst werden (zum Beispiel andere Dosierung, anderes Medikament).

Zusammenfassung
ADHS-Betroffene verfügen aus neurobiologischen Gründen über gute Voraussetzungen zur Entfaltung ihres kreativen Potentials. Gleichzeitig behindert eine unbehandelte ADHS die Entfaltung und Umsetzung von Kreativität.

Speziell bei ADHS-Betroffenen kann sich die Förderung von Kreativität als therapeutisch sehr wirksam erweisen. Damit diese Fördermassnahmen greifen können, ist es von grossem Vorteil, wenn bereits eine wirksame ADHS-Basistherapie erfolgt.

 

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© 2016 Piero Rossi

Dieser Text wurde letztmals 12/2016 aktualisiert.

 

Siehe auch:

Tippfehler entdeckt!

Wie man einen Satz oder einen Abschnitt aus diesem Text zitiert
Rossi, Piero: „ADHS & Kreativität – Warum Menschen mit ADHS sehr kreativ sein könnten, es aber meistens nicht sind“. In: Internetseite: www.adhs.ch. Stand: [Datum der letzten Aktualisierung]. Abgerufen am: [Datum der Textentnahme]. Online im Internet URL: http://www.adhs.ch/?page_id=19948