Online ADHS-Test | Selbsttest: Nein danke!

Einleitung

Suchen Sie einen Online ADHS-Test oder einen Selbsttest, um sich auf ADHS testen zu lassen?

Lassen Sie es besser. Warum? Lesen Sie weiter!

http://www.adhs.ch/ueber-mich/Verlockend sind die zahlreichen online ADHS-Tests im Web ja schon. Ratsuchende erhoffen sich mehr Klarheit oder wenigstens eine erste Orientierung. Doch weit gefehlt. Die Nachteile dieser Online-„Tests“ überwiegen deren gelegentlichen Nutzen um ein Vielfaches. Wieso das so ist, erkläre ich im Folgenden:

Im Web finden sich zwei Kategorien von ADHS-Online-Tests:

A: Wissenschaftlich abgestüzte Online-Tests

Diese orientieren sich an den diagnostischen Leitlinien des DSM (Diagnostic and Statistical Manual of Mental Disorders) oder dem Screening-Test der WHO (Link öffnet ein PDF-Dokument) orientieren. Die erfragten Merkmale und das Auswerteschema beruhen auf einer mehr oder weniger soliden wissenschaftlichen Basis. Aber Achtung: Dies heisst nicht, dass diese „Tests“ empfehlenswert sind. Dazu später mehr.

Beispiele für (mehr oder weniger gut) evidenzbasierte ADHS-Tests im Web sind:

B: Handgestrickte Online-Tests

Den Items (Fragen) und Auswerte-Algorithmen dieser „Tests“ liegt keinerlei wissenschaftliche Evidenz zugrunde. Mit anderen Worten: „Testfragen“ und „Auswertung“ sind weitgehend frei erfunden und beruhen nicht auf statistischen Daten (oder diese wurden nicht ausgewiesen). Beispiele sind:

Online ADHS-Test als Lockvogel?

ADHS-Selbsttests sind oftmals Bestandteile von Werbekampagnen der Pharmaindustrie und von anderen Dienstleistern. Sie dienen also nicht nur der reinen Information. Beispiel für einen ADHS-Onlinetest der pharmazeutischen Industrie: Siehe hier. Auch ADHS-Organisationen versuchen, mit Online-ADHS-Tests Besucher auf ihre Websites zu bringen. Wer kann bei einem Gratis-Test schon nein sagen? Und erst recht dann, wenn man sich mies fühlt?

 

Man könnte nun aus dieser Gegenüberstellung die Schlussfolgerung ziehen, dass die erstgenannten Selbsttests seriöser und deshalb eher zu empfehlen sind. Leider nein: Selbst bei den wissenschaftlich abgestützten Selbsttests handelt es sich um sogenannte Screenings. Ein Screening als Selbsttest zu bezeichnen, ist falsch und irreführend.

Was ist ein Screening?

Ein Screening bezeichnet (im medizinischen Kontext) ein systematisches Testverfahren, um bestimmte Merkmale herauszufiltern. Es dient unter anderem der Früherkennung von Krankheiten. Ziel jedes Screenings ist es, möglichst alle Personen zu erfassen, bei welchen die Krankheit XY vorliegen könnte. Damit wird zwingend in Kauf genommen, dass es zu sehr vielen falsch-positiven (und leider auch zu einigen falsch-negativen) Resultaten kommen muss. In einem Screening geht es nicht um die „Feinarbeit“. Im Gegenteil: „Lieber einer zu viel, als einen verpassen!“ Screening-Tests sind somit sehr sensitiv. Liegt die Krankheit tatsächlich vor, wird diese von einem guten Screening-Test mit einer sehr hohen Trefferquote als solche erkannt. Im Gegensatz dazu ist ein Screening wenig spezifisch. Die Spezifität eines Tests gibt die Wahrscheinlichkeit an, dass Gesunde, die nicht an der betreffenden Erkrankung leiden, im Test dann auch als gesund erkannt werden. Daraus folgt, dass auch die wissenschaftlich abgestützten ADHS-Online-Tests viel zu oft zu falsch-positiven Resultaten führen müssen. Des Weiteren lässt sich aus positiven Resultaten nicht schliessen, ob den bejahten Symptomen andere Krankheiten zugrunde liegen.

Ein weiterer Haken von wissenschaftlich abgestützten ADHS-Selbsttests, welche auf den DSM-Kriterien beruhen, liegt darin, dass in den Online-Tests lediglich die ADHS-typischen Symptome, nicht aber die anderen für eine ADHS obligatorischen diagnostischen Voraussetzungen abgefragt werden (Schweregrad und Dauer der Beeinträchtigung, Alter bei Erstmanifestation, Ausschluss von anderen möglichen Ursachen, welche zur gleichen Symptomatik führen könnten sowie andere). Kein Wunder, dass diese wichtigen Kriterien nicht abgefragt werden, denn vor allem die sehr wichtige Frage nach möglichen Differenzialdiagnosen, also Krankheiten mit ähnlichen Symptomen, kann man selbst gar nicht beantworten. Dies obliegt einer auf ADHS-spezialisierten Fachperson. Damit schrumpfen Sinn und Wert eines ADHS-Screenings fast ganz zusammen. Weil in den Selbsttests also nicht alle relevanten diagnostischen Kriterien abgefragt werden, sind Vermerke wie „Gestützt auf die diagnostischen Kriterien der DSM-IV“ unvollständig und irreführend.

ADHS-Partnerfragebogen

Auch auf ADHS.ch findet sich ein ADHS-Fragebogen (Partnerfragebogen). Im Gegensatz zu allen mir bekannten ADHS-Online-Selbsttests bezeichne ich diesen Fragebogen als Fragebogen. Und nicht als Selbsttest. Oder als Online-ADHS-Test. Und ich lege dar, auf welchen Grundlagen der Fragebogen beruht (nämlich auf Erfahrungswissen).

Warum ADHS-Online Tests fragwürdig sind

Als sehr problematisch sind somit die handgestrickten ADHS-Selbsttests einzustufen. Sie weisen weder auf, aus welcher Quelle die „Test-Fragen“ stammen, noch äusseren sie sich zum Auswerte-Algorithmus.

Als fragwürdig erachte ich aber auch die mir bekannten ADHS-Selbsttests, welche sich auf einen wissenschaftlichen Background berufen. Und zwar einmal deswegen, weil die angebotenen Online-Selbsttests einfach keinen Sinn machen: Heute sind im Internet sehr viele Informationen zur ADHS auffindbar. Wenn jemand nach der Lektüre derselben merkt, dass er/sie oder sein/ihr Kind von einer ADHS betroffen sein könnte, bedarf es keines zusätzlichen ADHS-Selbsttests, um eine spezialisierte Fachperson zu konsultieren.

Merke: Online – „ADHS-Tests“ liefern weniger Klarheit als jeder einigermassen vernünftige Text über die ADHS, welcher im Internet zu finden ist.

Ausserdem können ADHS-Selbsttests, welche unvermeidbar viel zu viele Fehlalarme auslösen, unnötigerweise zu grossen und belastenden Sorgen bei den Ratsuchenden und zu einer ebenfalls oftmals unnötigen Beanspruchung von medizinischen und psychologischen Diensten führen. Hinzu kommt, dass ein Screening-Test auch zu falsch-negativen Resultaten führen kann. Für tatsächlich ADHS-Betroffene ist das dann fatal. Somit sind ADHS-Selbsttests aus diagnostischen, ethischen und wirtschaftlichen Gründen abzulehnen.

Besonders krass ist meinem Empfinden nach der bereits erwähnte Screening-Test der WHO (Link öffnet ein PDF-Dokument). Man bedenke: Dieser „Test“ beruht auf ganzen sechs (!) Fragen, welche – je nach Beantwortung – bei Ratsuchenden zu einem Vorentscheid „Abklären“ oder „Nicht abklären“ führen sollen. Ich frage mich schon, ob die Institutionen und Organisationen, welche diesen (oder einen auf diesen Kriterien basierenden) „Test“ im Internet offerieren, sich der damit verbundenen Verantwortung bewusst sind.

Was folgt daraus?

Erstens: Finger weg von handgestrickten Selbsttests und deren Anbietern. Finger weg aber auch von ADHS-Tests, welche auf professionellen Websites zu finden sind. Suchen Sie sich lieber eine ADHS-Fachperson, welche Sie oder Ihr Kind seriös abklären kann. Wie eine Abklärung bei Kindern ablaufen kann, haben wir hier beschrieben. Informationen über die Abklärung von Erwachsenen siehe hier.

Vielleicht kennt jemand einen seriösen ADHS-Selbsttest im Web. Infos nehme ich gerne hier entgegen.


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Er wurde letztmals aktualisiert am 11.10.2017.
© Piero Rossi