Flipperkugeln und Störgeräusche | Persönlicher Bericht von Katrin Andrist

Ein persönlicher Erfahrungsbericht über ADHS & Kreativität

Zuerst möchte ich mich kurz vorstellen. Ich bin Katrin Andrist, Mutter zweier Kinder, Lehrerin und Autorin.

Um es kurz zu machen, das bin ich:

 

Katrin Andrist ohne Therapie, sprich ohne Medikation

Mit bin ich kein anderer Mensch. Ich stehe nicht plötzlich geduldig an der Supermarktkasse, werde lethargisch und antriebslos. Aber die Lunte ist länger und den Energiestecker kann ich auch mal herausziehen am Abend.

Was ADHS ist, darauf muss und möchte ich nicht mehr im Detail eingehen, nur wo es mir im Zusammenhang mit der Kreativität nötig erscheint. Aber genauer darlegen muss ich, was ich unter Kreativität verstehe.

Kreativität ist nicht nur ein Funken

Kreativität ist für mich die Fähigkeit, ungewohnte Gedanken so miteinander zu verknüpfen, dass etwas Neues entsteht.

Kreativ bin ich, wenn ich den ausgetrampelten Pfad verlasse, mir selbst einen Weg durchs Dickicht suche. Dazu muss ich mögliche Durchgänge erkennen, sehen, dass man sich zwischen den beiden Dornenbüschen durchhangeln kann oder dass unter der Laubdecke ein Matschloch ist und ich lieber nicht darauf treten sollte.

Ich verlasse den gewohnten Weg auch auf die Gefahr hin, mich zu exponieren, nicht mit der Masse zu schwimmen. Aber massentauglich bin ich als ADHSler sowieso eher selten, da zu laut, zu schnell, zu ungeduldig zu, zu, zu….

Kreativität ist für mich weiter die Fähigkeit, wenn mir ein Fluss den Weg abschneidet, aus dem Schwemmholz am Ufer eine Brücke zu bauen. Eine kreative Lösung suchen. Schauen was da ist und damit etwas zu machen.

Kreativität zeigt sich nicht nur im künstlerischen Schaffen. Auch der Alltag mit einem ADHS-Kind verlangt neben den klaren Strukturen und Vorgaben dauernd nach kreativen Lösungen. Die Regeln genügend zu adaptieren, damit sie greifen, aber nicht zu viel, um Unruhe zu vermeiden.




Nicht nur mir, sondern vielen ADHSlern ist eine gewisse Abneigung gegen „leere Regeln“ gemeinsam. Unter „leeren Regeln“ verstehe ich Einschränkungen, die für mich nicht nachvollziehbar sind. Die Hauptbegründung lautet jeweils: Weil man es so macht. Dieses Infragestellen gesetzter Regeln und Normen ist die Grundvoraussetzung zum Verlassen des Trampelpfades. Solange ich überzeugt bin, dass das Dickicht gefährlich ist und ich mich nur auf dem Pfad bewegen darf, sehe ich auch nichts Neues.

Und als letzter Punkt ist Kreativität für mich, nicht nur tausend Ideen zu haben, die mir im Kopf explodieren, sondern auch etwas daraus zu machen. Wer tausend Ideen für ein Buch im Kopf hat, der wird nie eines schreiben und so sehr er sich wünscht, Autor zu sein, nie dazu kommen. Irrelevant hingegen ist, ob das Buch dann verlegt wird, das Bild ausgestellt, das Werk bewundert. Nicht für den Künstler, aber für die Kreativität.

Kreativer Prozess

Für mich persönlich gliedert sich ein kreativer Prozess also in:

  1. neugierige Wahrnehmung jenseits von Interpretationsmustern
  2. ungewohnte Verknüpfungen und Lösungen
  3. den ausgetrampelten Pfad verlassen / evt. gegen Regeln verstossen
  4. eine Idee soweit verfolgen, dass sie sich materialisiert

Meine POS-Diagnose

Diese erhielt ich mit 6 Jahren und bin wohl die einzige aus meiner Heilpädagogischen Sonderschule, in der ich die erste bis dritte Klasse verbracht habe, die einen Hochschulabschluss hat. Ich bekam während der ersten Schuljahre Ritalin, bis ich in die öffentliche Schule eingeschult wurde, machte dann als Jugendliche die sogenannte „Phosphat“-Diät. Daneben und dazwischen habe ich so alles Mögliche gemacht, was man so macht, bevor man das schlimme Medikament nimmt.

Von allen Arten von Therapien über Tai Chi bis zu Pulver und Duftölen hangelte ich mich durch. Ich liess mich dann als erwachsene Mutter mit 37 Jahren noch einmal diagnostizieren und nehme seit dieser Zeit Medikamente.

Wenn es um ADHS und Kreativität geht, kenne ich also den Unterschied, mit Medikation und ohne Medikation kreativ tätig zu sein. Und genau darauf möchte ich weiter eingehen. Oft wird Ritalin ja als Kreativitäts-Killer beschrieben. Ein Argument das ich bis zu einem gewissen Grad nachvollziehen kann. Etwa bis 45° Grad, was nicht viel ist, da es für das ganze Panorama immer noch 360° Grad braucht.




Von der Idee zum Werk

Am Anfang steht die Wahrnehmung. Damit ich etwas Ungewohntes verknüpfen kann, muss ich die Umwelt zuerst wahrnehmen.

Da ich als ADHSler viel reizoffener bin als andere, nehme ich automatisch mehr wahr, bzw. stürzen mehr Eindrücke auf mich ein. Ich nehme gleichzeitig den draussen vorbeirauschenden Verkehr, den übers Papier kratzende Stift, ein Räuspern, die Reflexion des Sonnenlichts auf dem Metallvorsprung am Büchergestell und den muffigen Gestank meiner Laufschuhe, das Gezwitscher des Vogels wahr.




Aber nicht nur die Wahrnehmung dessen, was von aussen auf mich zustürmt ist erschlagend, auch innen stürmen gleichzeitig alle Eindrücke auf mich ein.

Dazu gehört auch, dass tausend Ideen gleichzeitig wichtig sind. Wie ich mich gerade jetzt beim schreiben dieses Textes entscheiden muss, ob ich das Symptompiktogramm so stehen lasse oder vielleicht doch noch ein anders Bild für die überbordende Ideenflut niederschreiben sollte. Wie wär es mit dem Vergleich mit der unkontrolliert rumspickenden Flipper-Kugel? Oder vielleicht den Unterschied zwischen Kugelmikrophon und Richtmikrophon?


W. Beerwerth: Das kreative Chaos


Wühltisch

Der Wühltisch beim Ausverkauf oder doch eher die explodierenden 1-August-Heuler? Oder der Stein, der in den Teich fällt und Wellenkreise zieht, die die Kiesel am Rand überrollen, einen Forsch erschrecken, der sich doch grad eine Fliege schnappen wollte und den Boden aufwühlt, so dass die Sicht trübe wird.  Ach, hat mir nicht heute ein Schüler erzählt, dass Garnelen sich im Wasser auflösen können? Blubbert das dann? Wie eine Badebombe. So Ideen-Geblubber. Luftblasen-Einfälle. Ich glaube, ich habe mich grad im Dickicht verirrt. Können sie mir noch folgen?

Ohne Medikament existieren alle Einfälle gleichzeitig und gleichwertig nebeneinander. Alle haben unbedingt Priorität, alle sind originell, wichtig, gar einzigartig. Den Unterschied der Ideenfindung mit und ohne Medikation sieht man in nebenstehendem Piktogramm.

Ich kann entschieden, welchen Einfall ich verfolge. Ich kann Einfälle ausblenden, die mir nicht passend scheinen und auf einzelne fokussieren, ohne dass sich die anderen zu Wort melden und mich ablenken. Ich bin handlungsfähig. Und zwar ziemlich unangestrengt. Ohne 1000 Post-Its, Mindmaps mit Farben und viele andere Hilfen (gleichzeitig versteht sich, und nie ganz zu Ende angewandt).

Natürlich kann man hier sagen, die Kreativität ist gekillt, weil nicht alle 1000 Ideen, die mir durch den Kopf wirbeln, auch aufs Papier kommen. Aber ein wesentlicher Prozess in der Arbeit von der Idee zu einem Werk ist das Auswählen und Gewichten. Und das Verharren im ungefilterten Brainstorm-Modus lähmt ungemein.

Und Achtung! Hier kommt der Mikrophon-Vergleich: Ein Druckmikrophon in Form einer Kugel nimmt alle Geräusche auf, die es umgeben. Ein Richtmikrophon kann man auf eine gewisse Geräuschquelle richten. Man trifft also eine Auswahl. Nur weil das Druckmikrophon mehr Geräusche aufnimmt, gibt das noch lange nicht die schönere Symphonie.




Ich muss mich also zwingend für eine Richtung entscheiden, die ich verfolgen will. Lande ich in einer Sackgasse, kann ich eine andere wählen. Ich muss mich für eine Himmelsrichtung entschieden, wenn ich den Trampelpfad verlassen will.

Wenn von ADHS-Medikamenten gesprochen wird, wird oft von der Filterfunktion gesprochen, den diese Medikamente ausführen. Sie helfen mir zu Filtern, mich für eine Idee zu entscheiden. Sie helfen mir aber auch davor, mich vor Eindrücken zu schützen. Seien das die Kleider, die ich sonst dauernd den ganzen Tag an der Haut schabend spüre, sei es Kritik von aussen.

Ich kann so unbeirrter meinen Weg fortsetzen und ritze ich mir im Dickicht den Arm an einem Dornengestrüpp auf, so weiss ich trotzdem, dass ich weitergehen will und dass ich mich nicht aufgeritzt habe, weil hinter mir jemand vom Pfad ruft: Siehst du? Geh doch nicht! Ist viel zu gefährlich! Das macht man nicht!

Naturromatisch

Es wird gern behauptet, ADHS würde sich als Diagnose erübrigen, wenn die Umwelt, die Gesellschaft anders wären. Gewisse Experten postulieren in einer naturromantischen Art, dass einzig ein Aufenthalt auf einer Alp mit viel frischer Luft die Symptome zum Verschwinden bringen könnte. Ich finde das fast anrührend, wäre es nicht so gefährlich. Natürlich beeinflusst die Umwelt die Symptomatik. Genauso wie ein cholerischer Patient mit erhöhtem Blutdruck keinen Chef haben sollte, der ihn enorm unter Druck setzt.

Aber auf der Alp hat er immer noch erhöhten Blutdruck und Stress kommt nicht nur von aussen. Ein ADHSler auf der Alp ist zwar weniger den äusseren Ablenkungen ausgesetzt, die innere Unruhe besteht aber weiter. Unterstützende Massnahmen, die meistens besonders in den ersten drei Wochen wirken, sollten nicht mit einer umfassenden Therapie verwechselt werden. Generell bin ich skeptisch bei einfachen Lösungen auf komplexe Probleme.

Sich mit meinem kreativen Werk oder auch mit diesem Artikel hier einer gewissen Kritik auszusetzen ist einfacher, wenn ich die Reaktionen, die Eindrücke, die auf mich zu kommen, sortieren kann.

Natürlich könnte ich es auch einfach lassen, diesen Artikel zu schreiben. Sollte man vielleicht nicht, so persönlich. Wobei…

Nein. Kann ich nicht. Ich pass mich ja nicht so gern an.




Eine Idee soweit zu verfolgen, dass sie sich materialisiert, kann sehr mühsam sein.  Bei einem Gedicht nicht so sehr. Bei einem Piktogramm inzwischen auch nicht, da ich meine Bildsprache bereits gefunden habe. Bei einem Roman ist ein langer Atem unabdingbar. Ein Gedicht ist ein Sprint, ein Roman ein Marathon. Auf kurzer Strecke verirre ich mich weniger, da reicht ein Funke, eine Initialzündung und eine kleine Flamme und das Resultat ist da.

Auf langer Strecke muss ich auch gegen mich selbst kämpfen und wenn mir da dauernd ungefiltert die Einwände anderer und meine eigenen Zweifel und Ideen dazwischenfunken, wird es sehr anstrengend. Dann sind 40% meiner Energie davon absorbiert, mich aufs Wesentliche zu konzentrieren.  Und es wird fast unmöglich, etwas zu Ende zu führen. All diese Zweifel gehören natürlich dazu, die Frage ist nur das Ausmass. Lähmen sie eine Woche, einen Monat oder für immer?

Ideen umsetzen

Ich kenne so viele, die gute Ideen haben, aber an der Umsetzung scheitern. Ich bezeichnete mich selbst auch immer als „Ideenpinkler“ und bin froh, inzwischen nicht nur Ideen zu pinkeln, sondern auch etwas daraus entstehen lassen zu können. Etwas grösseres als eine Karikatur, ein Sprachspiel oder eine Szene.

Denn nach dem Ideenwurf kommt die Überarbeitung, der Feinschliff und das ist nicht immer gross befriedigend, beinhaltet nötige Routinearbeit.

Natürlich könnte ich auch ohne Medikamente kreativ sein. Natürlich bin ich auch ohne Medikamente kreativ, genauso wie ich es mit bin. Sie machen mich nicht zu einem anderen Menschen. Wie ich auch ohne Medikament auch im Supermarkt einkaufen konnte. Weil ich die Lage der Produkte, die ich brauchte, auswendig gelernt habe. Ich sah sie in dem Farben-, Geräusch- und Geruchsdurcheinander nie.

Ohne Medikamente kann ich auch überleben. Sie geben mir keine Superkräfte. Ich schreibe nicht plötzlich Bestseller und mache eine steile Karriere. Aber sie erleichtern mir die Arbeit. Insbesondere die kreative Arbeit.

Dieser Artikel erschien erstmals in „elpost“ Nr. 61, Frühling 2017.


Katrin Andrist

ist Autorin des Romans „Kinderspiele„, erschienen 2016 im Verlag Muskat media, Romanshorn, 2016. ISBN: 978-3-216926-02-7; 243 Seiten, Hardcover, 29.50CHF/24€.
Dieses fadengerade geschriebene und mit schlanken und schönen Wortbildern gespickte Buch bedarf ziemlich starker Nerven. Vor allem dann, wenn es fertig gelesen ist. Also definitiv nichts für Kinder! Ich bin offenbar nicht der Einzige, welcher diesen Roman in einem Zug gelesen hat. Was mir schon lange nicht mehr passiert ist. PR