Informationen zur Aufmerksamkeitsdefizit-/Hyperaktivitätsstörung (ADHS)

 

Differentialdiagnosen bei ADHS
im Kindes- und Jugendalter 
 

Letzte Aktualisierung dieser Seite: 02.12.2008

von Edward Hallowell
Übersetzung: M. Winkler (2002)

Vorbemerkung: Beim folgenden Text handelt es sich um eine autorisierte Übersetzung aus einem Buch von Edward Hallowell, dem Autor von "Zwanghaft zerstreut". Leider ist bisher noch keine deutsche Ausgabe des Buches erhältlich. Wer ein wenig Englisch versteht, dem sei das gut lesbare Buch im Original aber sehr empfohlen. Für diese Übersetzung - wie auch für alle anderen Internetseiten von ADD-Online - besteht ein Copyright. 


Kapitel 1 

Behandelbare Syndrome - Wie man lernt, sie zu erkennen und was man dafür tun kann

Manchmal kann das, was man nicht versteht, für Eltern und für das Kind schmerzvoll sein. Kinder können viele Symptome aufweisen, die wir aus Unkenntnis heraus zunächst als Einstellungsprobleme oder Beweis einer geringen Intelligenz interpretieren, die aber nach heutigem wissenschaftlichem Kenntnisstand auch auf eine behandelbare medizinische oder psychiatrische Störung zurückgeführt werden können, ausgelöst durch eine biologische Ursache des Gehirns, also nicht durch fehlende Moral oder schlechte Charaktereigenschaften.

Diese biologischen Eigenheiten sind nicht einfach ein Fehler von Irgendwem. Sie sind nicht das Resultat einer schlechten Erziehung oder von schlechtem Schulunterricht oder von fehlendem Charakter seitens des Kindes. Es sind medizinische Probleme, die eine genaue Diagnose und rationale Behandlung erfordern. Die gute Nachricht dabei ist, dass die Behandlung üblicherweise hilft. Die schlechte Nachricht, dass viele Eltern, Lehrer und sogar Ärzte noch nie von diesen Diagnosen (wie dem Asperger Syndrom zum Beispiel) oder deren Behandlungsmöglichkeiten gehört haben.

Selbst wenn sie vielleicht schon einmal davon gehört haben, wissen sie möglicherweise nicht, dass diese Syndrome auch bei Kindern auftreten können, wie etwa das manisch-depressive Syndrom (auch bipolare Störung genannt). Und manchmal - wenn sie sogar bereits davon gehört haben und wissen, dass das Syndrom bei Kindern auftreten kann - denken sie nicht daran, wie etwa an Hörstörungen oder schlechtes Sehvermögen. 

Im folgenden soll eine Sammlung von einigen häufigeren Symptomen bei Kindern dargestellt werden, die häufig als moralisches Versagen oder Beweis geringer Intelligenz des Kindes angesehen werden. Jede Zusammenstellung von Symptomen wird durch ein Beispiel ergänzt, einem "Blitzlicht" eines realen Kindes. Anschliessend wird eine mögliche medizinische bzw. psychiatrische Erklärungsmöglichkeit dargestellt, die auf einer biologischen Ursache basiert, nicht einer Charaktereigenschaft, Versagen oder Fehler. Es folgt dann eine kurze Anleitung von Tipps, die man zu Haus zur Lösung probieren kann sowie professionelle Behandlungsmöglichkeiten für jede der beschriebenen Auffälligkeiten.

Die meisten der erwähnten Diagnosen werden dann im weiteren Buch ausführlicher dargestellt, so dass ich jeweils am Ende darauf hinweise, wo im Buch mehr Informationen zu erhalten ist. Wenn Sie sich durch die Beispiele lesen, kann es sein, dass Sie darin Ihr Kind (oder vielleicht sogar sich selbst in der Kindheit) wieder erkennen. Wenn es so sein sollte, finden Sie mehr Informationen in den folgenden Kapiteln des angesprochenen Buches. Zusätzlich sollten Sie darüber nachdenken, sich weitere Hilfe durch einen Fachmann /eine Fachfrau zu suchen.

Viele Kinderärzte können eine orientierende Diagnose für Verhaltensstörungen, Lernstörungen oder emotionale Probleme durchführen. Sie müssen dazu nicht unbedingt gleich einen Kinderpsychiater aufsuchen; vielmehr können Sie unbesorgt bei der Person beginnen, der Sie vermutlich am meisten vertrauen: Ihrem Hausarzt oder Kinderarzt. Zusätzlich sollten Sie sich mit den Bedingungen vertraut machen, die Kinder zu Hochrisikokindern werden lassen. Das sind vor allem Kinder mit einer Familiengeschichte von emotionalen Störungen oder Lernproblemen, Kinder mit aktuellen Schulproblemen, Kinder mit chronischem Stress (z.B. im Rahmen von extremen Streitereien der Eltern, Trennungen oder Scheidung), häufige Krankenhausbehandlungen oder Opfer von Missbrauch oder Vernachlässigung. Frühes Eingreifen - oder idealer, Prävention, ist der Schlüssel zum Erfolg. Gute vorgeburtliche Vorsorge kann Schäden des zentralen Nervensystems verhindern; Schäden, die sich sonst zunächst vielleicht als Lernstörungen oder emotionale Probleme zeigen würden. Ein Beispiel ist der Alkoholmissbrauch in der Schwangerschaft, der zu einer Entwicklungsstörung des Gehirns führen kann. Ausreichender Impfschutz kann Infektionen verhindern, die ebenfalls das sich entwickelnde Gehirn schädigen können, entweder noch im Uterus oder in den ersten Lebensjahren des Kindes. Zusätzlich sollten Sie sicher gehen, dass Ihr Kind nicht Umgebungsgefahren ausgesetzt ist, die zu einer erheblichen Schädigung des Nervensystems führen. So kann bleihaltige Farbe eine erhebliche Gefährdung für Säuglinge darstellen. Wissen bietet also den besten Schutz von allem. 

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Symptome: Das Kind hält sich an keine Regeln, hänselt andere Kinder ständig, gerät in körperliche Auseinandersetzungen, stiehlt in letzter Zeit wiederholt und schwänzt regelmässig die Schule. 

Blitzlicht: Eddie, ein zwölf Jahre alter Junge, würde auch für 16 durchgehen. "Er entwickelt sich zum Gauner", sagt seine Mutter verzweifelt, "ich weiss nicht mehr, was ich machen soll". Eddis Verhalten wird zunehmend schwerer kontrollierbar. Er hat keinen Respekt vor Regeln oder Autoritäten und seine Eltern befürchten schon, er könne sich einer Jugendbande anschliessen. 

Mögliche Diagnose: Störung des Sozialverhaltens (engl.: conduct disorder). Das ist nicht bloss der neueste Ausdruck für einen "bösen" Buben (oder ein "verzogenes" Mädchen). Es ist ein klinisches Syndrom, das man diagnostizieren und behandeln kann. Zusätzlich ist es sogar eine der Erkrankungen im Kindesalter, bei der es starke Hinweise auf eine genetische Grundlage gibt. So lange jedoch Eltern und Kind am falschen Paradigma des "bösen Jungen" festhalten, können keine wesentlichen Fortschritte erzielt werden. 

Die Diagnose und nachfolgende Behandlung der Störung des Sozialverhaltens, die zugegeben in aller Regel nie leicht und ohne Probleme verläuft, führt aber meistens zu einer deutlichen Verbesserung. Der Schlüssel ist hierbei, Eltern und Kind aus dem Angriff und Schamgefühlen heraus auf einen Weg von Diagnose und rationaler Behandlung zu bringen 

Tipps: Setzen Sie klare Strukturen! Was ist mit Struktur gemeint? Regeln, Absprachen, Tagespläne und Beratung durch Aussenstehende (Supervision); vorhersehbare, durchgängige Belohnungen und Konsequenzen. Wenn ein Kind Regeln verletzt, setzen Sie Konsequenzen und Kontingenzpläne (d.h. Belohnungen, für Befolgen von Regeln und Absprachen) fest, um auf das Verhalten zu reagieren. Solche Kontingenzpläne können neben einer gestuften Sammlung von Belohnungen und Bestrafungen, an die sich die gesamte Familie strikt gebunden fühlt, bis zu Familientherapie oder intensive Sozialberatung und Erziehungsberatung, bis hin zu einer stationären Behandlung oder Heimunterbringung führen. Verwenden Sie Verträge und Verabredungen, statt aus dem Moment des Zorns und der Verzweiflung entstehende Kriseninterventionen. 

Professionelle Behandlung: Die Behandlung kann eine Kombination von Elterninformationen, Kinderberatung, Unterstützung der Familie, medikamentöser Behandlung oder auch zeitweiliger Krankenhausbehandlung sein. Je eher diese Kinder Hilfe erhalten, desto besser ist es für alle - und umso besser ist auch die Prognose. Mehr zum Thema Störung des Sozialverhaltens in Kapitel 6. * 

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Symptome: Ungehorsam, ständiges Widersprechen, fehlender Respekt und Streitsüchtigkeit 

Blitzlicht: Andy ist ein 7 jähriges "Terrorkind". Er kämpft ständig mit anderen Kindern, ist gegenüber seinen Lehrern und Eltern ständig ungezogen, wirkt jedoch auf jegliche Art von Bestrafung gleichsam unbeteiligt und ist insgesamt "starrköpfiger als eine Herde Esel", so seine Mutter, die auch mit ihrer Weisheit am Ende ist. "Er ist in einem ständigen Kampf mit mir", sagt sie resignierend, " und er gewinnt".

Mögliche Diagnose: Störung mit oppositionellem Trotzverhalten (engl. Oppositional defiant disorder ODD).

Dies ist häufig ein Vorläufer der Störung des Sozialverhaltens. Also ähnlich der Störung des Sozialverhaltens, nur milder ausgeprägt. Die Störung mit oppositionellem Trotzverhalten beinhaltet Symptome des Ungehorsams, Wutausbrüche, ungezogenes Verhalten und Einstellung, die aber geringer als bei einer Störung des Sozialverhaltens bestehen und nicht gewalttätiges Missachten von Gesetzen und Regeln oder Gewalt gegen andere Menschen oder Tiere aufweist. Da alle Kinder mal mehr oder weniger Zeichen von Trotzverhalten zeigen, erfordert die Diagnosestellung, dass das Kind ein solches Verhalten für eine dauerhafte Periode von mindestens 6 Monaten oder mehr und einer deutlich stärkeren Ausprägung als gleichaltrige Freunde aufweist.

Tipps: Die Behandlung ist ähnlich wie bei der Störung des Sozialverhaltens. Die Familie sollte sich zusammensetzen und einen Plan für ein abgesprochenes und klares Vorgehen entwickeln, Supervision, Regeln und Kontingenzpläne mit Belohnung und Bestrafungen. Dieser Plan muss dann durchgehend und ohne Ausnahmen über einen längeren Zeitraum konsequent von allen Familienmitgliedern eingehalten werden. Oppositionelles Trotzverhalten verschwindet nicht über Nacht. Das Kind muss spüren, dass eine autoritäre Präsenz und Struktur vorhanden ist, eine Autorität, die er/sie respektiert und schliesslich verinnerlicht. Man erreicht dieses Ziel jedoch nicht über psychische Gewalt oder Schläge, sondern über konsistente und faires Vermitteln von Regeln, Grenzen und Anerkennungen. 

Professionelle Behandlung: Familienaufklärung und Vermitteln von Techniken zur Arbeit mit Verträgen, individuelle Beratung, Familientherapie, Sozialarbeit bzw. Unterstützung der Familie, Gruppenbehandlungen sowie manchmal auch Medikamente können sinnvoll eingesetzt werden. Mehr Informationen zur Störung des Sozialverhaltens werden in Kapitel 6 zusammengefasst. * 

 

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Symptom: Wutausbrüche 

Blitzlicht: Penny, ein achtjähriges Mädchen, ist die überwiegende Zeit des Tages kooperativ und gilt überall als gut erzogen. Manchmal gerät sie jedoch ohne erkennbare Gründe in einen heftigen Wutzustand, in dem sie Freunde, Eltern oder Besucher attackiert, egal wer gerade in ihrer Reichweite ist. Sie kann dafür keine Erklärung geben, ausser, dass sie darüber "traurig" sei. 

Mögliche Diagnose: Solche Wutausbrüche können manchmal Symptom einer speziellen Form von epileptischen Krampfanfällen, der sog. Temporallappenepilepsie sein. Manchmal ist der Herd dieser Anfälle so tief im Gehirn, dass er mit Oberflächen-EEG (Messung von Hirnstromkurven) nicht immer erkannt werden kann. 

Tipps: Hier ist unbedingt eine professionelle Diagnose und Behandlung erforderlich. 

Professionelle Behandlung: Wenn Ihr Kind wiederkehrende Wutattacken ohne erkennbare Auslöser hat, sollten Sie einen Neurologen aufsuchen und ausschliessen, dass ein unerkanntes Krampfleiden die Ursache ist. Auch wenn im EEG keine Epilepsie auffällt, kann der Neurologe (bzw. der Psychiater) ggf. Antiepileptika (mit dem Wirkstoff Carbamazepin oder ggf. Valproinsäure) verschreiben. Solche Medikamente können (auch ohne Vorhandensein einer Epilepsie) dramatische Verbesserungen erzielen. Mehr zu Krampfanfällen und Wutausbrüchen in Kapitel 6.     * 

 

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Symptome: In der Schule platzt Ihr Kind mit Bemerkungen in den Unterricht ohne sich vorher zu melden oder abwarten zu können, unterbricht ständig, kann nicht stillsitzen, ändert seine Tätigkeiten andauernd und ist leicht ablenkbar. 

Blitzlicht: Timmy ist ein Zweitklässler, der immer für reichlich Arbeit bei seinen Eltern sorgte. Seine erste Babysitterin klagte schon ihr Leid, als sie den Eltern sagte: "Sie haben wirklich ein sehr arbeitsintensives Balg". Da war Timmy gerade 6 Monate alt; die Arbeit wurde immer mehr, je älter ihr Sohn wurde. Typisch, dass er unfähig war, auch nur kurze Zeit stillzusitzen oder in einer Warteschlage zu bleiben, ständig andere beim Reden zu unterbrechen oder völlig unpassende Bemerkungen loszulassen. Timmy hält fast jeden in und ausserhalb der Schule ständig auf Trab. 

Mögliche Diagnose: Vor nicht all zu langer Zeit wäre die einzige hier erwogene "Diagnose" ein "garstiges Kind" gewesen. Heute weiss man, dass solche Auffälligkeiten, zusammen mit einigen weiteren möglichen Symptomen, die in Kapitel 5 dargestellt werden, zu einem Syndrom gehören können, das wir Aufmerksamkeits-Defizit-Syndrom mit Hyperaktivität (ADHS) nennen. Nicht jedes Kind, das solche Symptome zeigt, hat auch ein ADHS, aber es sollte auf jeden Fall bei einem Spezialisten einmal vorgestellt werden. Versäumt man die Diagnose des Aufmerksamkeits-Defizit-Syndroms und nimmt einfach nur an, das Kind habe ein Problem mit Disziplin und Ordnung, kann dies mindestens so folgenschwer sein, wie wenn man eine Kurzsichtigkeit übersieht. 

Tipps: Es gibt zahlreiche Verhaltensempfehlungen für zu Hause und die Schule für Kinder mit ADHS. Sport bzw. körperliche Aktivitäten können extrem wichtig sein. Diese Kinder (aber auch betroffene Erwachsene) sollten möglichst viel trainieren bzw. Ausdauersport machen, zweimal am Tag am Besten. Ein regelmässiges Schlafverhalten kann viel bewirken. Grosse Aufgaben in kleine Abschnitte unterteilen, so dass man nicht überwältigt wird. Jegliche Form von Struktur, Listen, Erinnerungshilfen, Pläne, vorhersehbare Konsequenzen für spezielle Handlungen, helfen in einer tägliche "Routine" zu bleiben. Diese Kinder brauchen unmittelbare und häufige Rückmeldungen über ihr Verhalten um bei einer Aufgabe zu bleiben. Sie brauchen eine Menge Aufmunterungen und positive Verstärkung, da sie gewöhnlich viele negative Rückmeldungen im Verlauf des Tages erhalten. 

Professionelle Behandlung: Zunächst brauchen Sie erst mal einen erfahrenen Arzt bzw. Therapeuten, der eine genaue Diagnose stellt. Das kann ein Kinderpsychiater, Psychologe oder Kinderarzt sein, ggf. auch der Hausarzt, Neurologe oder ein anderer Experte aus dem Bereich von Lernstörungen und ADHS. Sie sollten dabei sicher gehen, dass dieser Therapeut auch mögliche Begleitstörungen wie Dyslexie, Depression, Post-traumatische Belastungsstörung, Manisch-Depressive Störung, Angststörungen oder Substanzmittelmissbrauch berücksichtigen könnte. ADHS tritt häufig zusammen mit noch irgendeiner anderen Störung auf.

Wenn erst mal die Diagnose ADHS gestellt ist, wird der Arzt einen Behandlungsplan aufstellen, der neben Informationsvermittlung, Struktur, Psychotherapie und/oder Coaching, auch häufig Medikamente beinhaltet. Mehr dazu in Kapitel 5. * 

 

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Symptome: Ihr Kind ist ständig in Tagträumereien, wirkt sehr ruhig, sitzt in der Ecke der Klasse in Gedanken versunken, hat eine blühende Phantasie und erreicht nicht sein erwartetes Leistungsvermögen in der Schule. 

Blitzlicht: Laura ist ein kluges Mädchen der 6. Klasse, bei der ihre Eltern immer noch darauf warten, dass sie "endlich motivierter" werde und in der Schule die Zensuren erzielt, die sie nach ihrer offensichtlich hohen Intelligenz eigentlich erreichen können müsste. Laura sagt, sie sei schon motiviert, dass sie aber häufig grosse Probleme habe, aufmerksam in der Schule zu bleiben und überhaupt sei Schule "langweilig". 

Mögliche Diagnose: Aufmerksamkeits-Defizit-Syndrom ohne Hyperaktivität. Viele Eltern, Lehrer und auch Ärzte wissen häufig noch nicht, dass solch ein Kind eben auch die Diagnose eines "Hyperkinetischen Syndroms" bzw. ADHS erfüllt, auch wenn sich keine Zeichen der motorischen Hyperaktivität zeigen und es hoch intelligent ist. Tatsächlich können Kinder mit ADHS ohne Hyperaktivität ungewöhnlich unauffällig in ihrem Verhalten sein und in Standard-IQ-Tests sehr hoch abschneiden (Verbindung zur Hochbegabung). Dennoch haben sie grosse Schwierigkeiten, ihre Aufmerksamkeit zu halten, sind leicht ablenkbar und neigen zum Tagträumen, wann immer sich eine Gelegenheit dazu bietet. 

Tipps: Das Entscheidende ist, die Diagnose zu stellen. Wenn man erst einmal erkannt hat, dass es sich um eine neurologische Ursache handelt - und nicht um mangelnde Anstrengung des Kindes - kann man die eigenen Bemühungen darauf konzentrieren, mehr Struktur und Organisationshilfen zu schaffen, die diese Kinder brauchen.

Professionelle Behandlung: Wenn Sie den Verdacht auf ein ADHS mit oder ohne Hyperaktivität haben, sollten Sie einen Fachmann aufsuchen, um die Diagnose zu stellen. Ist eine Diagnose gestellt, kann man u.a. mit Medikamenten sowie bereits erwähnten Strukturhilfen für den Alltag Erfolge erzielen (Mehr über ADHS auf dieser Homepage und in Kapitel 5 des Buches von E. Hallowell). 

 

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Symptome: Das Kind ist ständig unruhig, hat ein schlechtes Gedächtnis und scheint nicht das zu verstehen, was man ihm sagt. Es sieht ein wenig "lustig" aus mit einem kleinen Kopf und hängenden Augenlidern, tiefsitzenden Ohrmuscheln und einem schmalen Kinn.

Blitzlicht: Blake ist ein Schüler einer teuren Privatschule. Seine Eltern können nicht verstehen, warum er dort so grosse Probleme als Schüler hat. Er vergisst Verabredungen, kann sich einfach nicht organisieren, findet häufig nicht die richtigen Worte für das was er sagen will und benimmt sich häufig aus unerklärlichen Gründen daneben. Seine Mutter neigte lange Zeit zu einem vermehrten Alkoholkonsum von 3-4 Likören und Wein am Abend. 

Mögliche Diagnose: Fetales Alkohol-Syndrom, was auf eine Alkoholschädigung des Embryos in der Schwangerschaft zurückgeführt wird. Das Syndrom umfasst die auffällige Erscheinung des Gesichtes (und weiterer möglicher Missbildungen) und Probleme mit dem Verhalten, Gedächtnis, Aufmerksamkeit und Wortfindung. Wir wissen nicht, was die minimale Menge Alkohol ist, die zu dieser Schädigung des Kindes führt, aber 3-4 Drinks in der Schwangerschaft regelmässig am Abend können dies sicher bewirken. 

Tipps: Das Entscheidende ist hier die Prävention. Es ist ratsam, den Alkoholkonsum während der Schwangerschaft so niedrig wie möglich zu halten. Ein gelegentliches Glas Wein wird sicher nicht schaden, regelmässiges Trinken jedoch sicher. 

 

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Symptom: Chronische Ängstlichkeit 

Blitzlicht: Ellen ist ein freundliches 11-jähriges Mädchen, die ohne erkennbaren Grund die meiste Zeit ängstlich ist. Sie macht sich Sorgen über ihre Schulleistungen, obwohl sie tolle Noten erhält. Sie macht sich ständig darüber Gedanken, wie sie bei Aufgaben oder Aktivitäten abschneiden wird, weit stärker als irgendeine ihrer Freundinnen. Sie übt fast ständig und fürchtet doch ständig Misserfolge. Ihre Eltern versuchen alles, um keinen Druck auf sie auszuüben; tatsächlich wünscht ihre Mutter sich nichts sehnlicher, als dass Ellen mehr entspannen würde und nicht ängstlich darauf bedacht sei, alles gut zu machen. Ihre Eltern befürchten schon, sie könnten "unbewusst" sie dahin gedrängt haben, sich so ängstlich zu fühlen.

Mögliche Diagnose: Generalisierte Angststörung des Kindesalters. Auch hier wird heute eine biologische Veranlagung, bzw. besondere Empfindlichkeit für Ängste als eine Ursache diskutiert. Ellens Eltern sollten sich nicht dafür die Schuld geben, mindestens eines der Elternteile würde es auch sicher mitbekommen, wenn sie zuviel Druck auf Ellen ausgeübt hätten, um solche Symptome zu produzieren. Einige Kinder setzen sich einfach selbst unter unglaublich hohe Standards und Erwartungen und sie befürchten dann, den Erwartungen nicht gerecht zu werden. Sie fühlen sich innerlich unsicher, obwohl sie aus sicheren Familienverhältnissen kommen. Diese Angst, die sich auf praktische alle Lebensbereiche auswirken kann, ist Teil der sog. generalisierten Angststörung. Manchmal fühlen sich die Kinder dann sogar auch ohne Versagensängste ständig ängstlich. Sie tragen quasi die Angst ständig in sich, als wäre sie ins Blut gemischt. So ein Zustandsbild sollte man dann von Ängsten aus spezifischen Ursachen, wie der sog. posttraumatischen Belastungsstörung, abgrenzen. Auch Trennungsangst (Heimweh oder Verweigerung von Schulbesuchen/ Schulangst) oder spezifische Ängste, bzw. Phobien etwa vor Höhe, engen Räumen oder Schlangen, sowie Ängste im Zusammenhang mit Substanzmissbrauch wie Alkohol oder Drogen hat meist andere Ursachen. 

Tipps: Diese Kinder brauchen sehr viel Bestätigung. Obwohl für sie Anerkennung nie genug zu sein scheint, geben sie sie trotzdem; diese Kinder brauchen sie, obwohl sie sie zu ignorieren scheinen. Sagen Sie Ihnen, dass Sie sie so lieben wie sie sind, nicht für ihre Zeugnisnoten, oder wie gut sie Violine spielen oder Skateboard fahren können. 

Professionelle Behandlung: Manchmal kann Psychotherapie sehr hilfreich für ängstliche Kinder sein.. Ein geschulter Psychotherapeut kann einige Ursachen und Verhaltensempfehlungen gegen die Angst mit dem Kind erarbeiten. Zusätzlich kann man einige Medikamente hilfreich einsetzen. * 

 

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Symptom: Anfallsartige heftige Ängste 

Blitzlicht: Harry ist ein sehr beliebter, aber etwas scheuer Junge, der häufiger ohne erkennbaren Grund sehr ängstlich wird. Ohne dass er dafür eine Erklärung geben könnte, berichtet er über ein plötzliches Panikgefühl, das ohne Vorwarnung mit zahlreichen physischen Beschwerden wie Schwitzen, Herzjagen, Zittern, Atemnot oder Schwindelgefühl einhergeht. Er kann sich nicht erklären, was da mit ihm passiert, so dass er sehr beunruhigt ist und kaum noch das Haus verlassen kann. 

Mögliche Diagnose: Panikstörung. Im Gegensatz zur generalisierten Angst, die zuvor beschrieben wurde, treten Panikattacken attackenartig und plötzlich auf und gehen auch meist innerhalb weniger Minuten vorüber. Obwohl solche Angstanfälle bei Erwachsenen häufiger sind, können sie auch bei Kindern auftreten. Sie sind extrem beunruhigend, häufig erschütternd. Aus dem Blauen heraus werden die Betroffenen mit all den Symptomen und der Wahrnehmung einer Panik überwältigt - und sie haben keinen blassen Schimmer warum. Das Gefühl der Hilflosigkeit verstärkt dann nur noch die Angst, was sich dann in einen Teufelskreis der Angst steigern kann. 

Tipps: Geben Sie Bestätigung und Zuversicht während der Attacken. Geben Sie Ihrem Kind Sicherheit. Man kann versuchen eine Papiertüte vor die Nase zu halten, um einer Hyperventilation vorzubeugen, die häufig bei Panikattacken auftritt. Wenn man zu schnell atmet bzw. hyperventiliert, atmet man zuviel Kohlendioxid aus, was zu einer Veränderung im Säure/Basenhaushalt im Blut führt. Die Papiertüte zwingt einen dazu Kohlendioxid einzuatmen, das zuvor zu stark ausgeatmet wurde. Dadurch wird das Gleichgewicht wieder hergestellt und das Gefühl der Luftnot und subjektiven Bedrohung reduziert. 

Professionelle Behandlung: Neben einigen Medikamenten wie tricyclischen Antidepressiva oder sog. Serotonin-Wiederauf-nahmehemmern eignet sich vor allem die verhaltenstherapeutische Psychotherapie zur Behandlung von Angstanfällen. Vor direkt angstlösenden Medikamenten (Benzodiazepinen) ist in der Langzeitbehandlung aber zu warnen. *

 

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Symptome: Das Kind klagt über Alpträume, zeigt ein vermeidendes Verhalten in verschiedenen Situationen, ist leicht erschreckbar, gibt Schwierigkeiten mit der Konzentration an und erscheint ständig angespannt und übervorsichtig. 

Blitzlicht: Sally ist ein fünfjähriges Mädchen, das über häufige Alpträume klagt, deren Inhalt sie aber nicht erinnern kann. Sie meidet bestimmte Menschen und Situationen ohne eine Erklärung hierfür zu geben. Zusätzlich wirkt sie sehr angespannt und übervorsichtig, beobachtet ständig alles um sie herum und befürchtet eine Gefahr hinter jeder Strassenecke. 

Mögliche Diagnose: Posttraumatische Belastungsstörung (PTBS) Es gibt eine klassische Triade von Symptomen, die an eine PTBS denken lassen: Das Wiedererleben des Traumas, das z.B. in Form der Alpträume erfolgen kann, die das Kind nicht erinnern kann. Vermeidung von Personen oder bestimmten Szenen, die an das schreckliche Erlebnis erinnern könnten und Hypervigilanz, d.h. eine starke Anspannung und Erwartungsangst bzw. Furcht vor einer ständigen Gefahr. 

Tipps: Am Wichtigsten ist es, die Symptome als mögliches Zeichen einer zurückliegenden Traumatisierung zu erkennen. Häufig sind kleine Kinder zu ängstlich, um zu erzählen, dass sie jemand missbraucht hat oder dass sie Zeuge eines schrecklichen Ereignisses wurden. Stattdessen träumen sie von dem Ereignis - aber behalten ihren Traum für sich, aus Angst davor, was möglicherweise passieren könnte, wenn sie darüber reden. Ihr Nervensystem alarmiert den ganzen Körper, um für zukünftige Attacken gerüstet zu sein und sendet andauernd Gefahrensignale aus. Eltern müssen eingreifen, indem sie die dahinter liegende Botschaft dieser Symptome verstehen lernen. 

Professionelle Behandlung: Das Ausmass der erforderlichen Behandlung variiert je nach Kind und stattgefundenem Trauma. Manchmal lässt sich dies gut innerhalb der Familie bewältigen, so dass kaum Hilfestellung von aussen erforderlich ist. Für gewöhnlich bleibt jedoch eine Intervention durch einen Fachmann erforderlich. Gewaltanwendung gegen Kinder berührt jeden. Um Ihnen und Ihrem Kind zu helfen, mit den starken Gefühlen und Erinnerungen des erlebten Traumas umzugehen und für die Zukunft besser voranzukommen, sollten Sie einen erfahrenen Fachmann / eine Fachfrau konsultieren. 

 

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Symptom: Vergesslichkeit 

Blitzlicht: Jimmy, ein Drittklässler, wirkt wie ein verstreuter Professor. Er vergisst einfach alles, von seinem Frühstücksbrot für die Schule am Morgen, seine Regenjacke, wenn er aus der Schule geht, jedes Wort, was sein Lehrer sagt und auch das Meiste davon, was seine Mutter zu ihm sagt. Seine Eltern dachten bisher, dass seine Vergesslichkeit daher rührt, dass er noch ein Kind ist und sich nicht mit den Details der Erwachsenenwelt beschäftigen will. Aber seine Symptome beginnen jetzt doch ernsthaft seine Leistungen in der Schule zu beeinträchtigen. 

Mögliche Diagnose: Dieses sehr häufige Symptom bei Kindern kann viele Gründe haben und sicher sind nicht alle biologisch ausgelöst oder medizinisch behandelbar. Dennoch, einige können es durchaus sein! Schwere Bleivergiftungen waren früher so ein Beispiel. Oder eine spezielle Form von Krampfanfällen, die sog. petit mal Epilepsie kann zu kurzen Momenten der Vergesslichkeit führen, weshalb man sie auch als "Absencen" bezeichnet. Einige bestimmte Lernstörungen bestehen zum Teil aus angeborenen Fehlern des Kurzzeitgedächtnisses oder des aktiven Arbeitsgedächtnisses. Als "Arbeitsgedächtnis" bezeichnet man die Menge von Daten, die man aktiv im Kopf behalten kann, um etwa ein Problem zu lösen, einen Satz zu schreiben, Anweisungen zu befolgen oder ähnliches. Einige "vergessliche" Kinder haben ein reduziertes Erinnerungsvermögen und erscheinen daher weniger intelligent als sie eigentlich sind. 

Tipps: Machen Sie Jimmys Welt so sicher gegen Vergesslichkeit wie möglich. Machen Sie mit ihm Listen, was er jeden Morgen tun soll. Kleben Sie eine davon in sein Kinderzimmer, gut sichtbar, eine ins Badezimmer, eine an den Kühlschrank in der Küche oder eine an die Wand auf dem Weg zur Haustür. Bitten Sie seinen Lehrer, eine Checkliste an seinen Tisch im Klassenzimmer zu heften und ihn aufzufordern, diese Liste jeden Tag durchzugehen, bevor er die Schule verlässt. Versorgen Sie ihn also mit täglich wiederkehrenden Arbeitsabläufen und Plänen, die zur Routine werden soll, so dass er genau weiss, was von ihm erwartet wird. Eine fachmännische Abklärung sollte natürlich auf jeden Fall erfolgen, wenn die Vergesslichkeit trotzdem anhält. 

Professionelle Behandlung: Der Schlüssel zum Erfolg ist auch hier die richtige Diagnosestellung durch einen Arzt, der medizinische Ursachen ausschliessen sollte. Dann wird er Ihr Kind zu einer weitergehenden psychologischen Testung überweisen. Eine gute neuro-psychologische Testung kann in der Regel genauer ermitteln, was los ist. Die Behandlung richtet sich dann nach der Diagnose. 

 

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Symptom: Das Kind beharrt darauf, Dinge in einer ganz bestimmten Art machen zu müssen, nach merkwürdigen Regeln oder zugrunde liegenden Überzeugungen. 

Blitzlicht: Harriet ist ein überorganisiertes Mädchen, das so übergenau und pingelig ist, dass sich seine Eltern schon anfangen, Sorgen zu machen. Zusätzlich entwickelt sie jetzt seltsame Rituale und Verhaltensmuster, denen sie, wie sie sagt, nicht widerstehen könne. So zähle sie dauernd bis drei, bevor sie in einen neuen Raum eintritt. Eines Tages sagte Harriet dann zu ihrer Mutter  "Ich mache mir Sorgen, ob ich nicht bald noch weiter zählen muss". 

Mögliche Diagnose: Zwangsstörung. Kinder mit einer Zwangsstörung entwickeln ungewöhnliche Handlungsrituale, wie etwa das wiederholte Händewaschen oder das Abzählen bis 100, bis sie einen Raum verlassen oder das perfekte Ordnen von Papieren und Bleistiften, bevor sie mit den Hausaufgaben beginnen. Sie können aber auch von sich aufdrängenden unliebsamen Gedanken - häufig mit beängstigenden Inhalten von Zerstörung oder Gewalt, Gedanken mit sexuellem oder religiösem Inhalt - gequält werden. Das Kind kann diese Gedanken nicht kontrollieren. Die Zwangsstörung beruht nicht auf einer Unordnung des Kindes, wie man vielleicht früher dachte, sondern aus einer Veränderung der Neurochemie des Gehirns. Hier kann Medikation häufig neben Verhaltenstherapie die beste Hilfe bieten. 

Tipps: Machen Sie sich nicht über das Verhalten lustig. Lassen Sie sich die Rituale oder wiederkehrenden Handlungen von Ihrem Kind erklären. Dann versichern Sie Ihrem Kind, dass seine Welt in Sicherheit ist. Manchmal fühlen sich Kinder mit einer Zwangsstörung stark verunsichert. Versuchen Sie zu helfen, den Ritualen oder Zwangsgedanken zu widerstehen, indem Sie Ermunterungen und Bestätigung geben, dass die Zwangsrituale nicht wirklich erforderlich für die Sicherheit sind. 

Professionelle Behandlung: Verschiedene Medikamente können sehr effektiv in der Behandlung der Zwangsstörung sein. Hierzu gehören unter anderem sogenannte Serotonin-Wiederaufnahmehemmer (wie z.B. Cipramil, Fevarin, Fluctin, Seroxat oder Zoloft) oder andere Antidepressiva wie z.B. Anafranil mit dem Wirkstoff Clomipramin.  

 

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Symptome: Das Kind ist ungewöhnlich schüchtern und hat Probleme, sich sozial anzupassen. 

Blitzlicht: Tom ist ein süsser, ruhiger 5-jähriger Junge, dessen Eltern sich schreckliche Sorgen machen, dass er zu zurückgezogen sein könnte. Beide Eltern sind selber extrovertiert und lebhaft und können nicht glauben, dass Tom glücklich sein kann, wenn er so zurückhaltend ist.

Mögliche Diagnose: Schüchternheit als genetische Veranlagung oder Persönlichkeitseigenschaft. Hier ist es wichtig, nicht in der Gefahr der Pathologisierung und Überdiagnose zu verfallen, also nicht zu viel oder mehr  hinein zu interpretieren, als es eigentlich ist: eine Temperamentsfrage, einen Zustand, den wir schüchtern nennen. Wie mit anderen Persönlichkeitsmerkmalen ("traits"), mit denen ein Kind geboren wird und die Eltern manchmal gerne ändern würden (wie mit der Linkshändigkeit zum Beispiel), ist es keine gute Idee zu versuchen, die Schüchternheit "auszuradieren". Vielmehr sollten Sie Ihrem Kind helfen, so zu leben, wie er oder sie ist. Sonst kann sich tatsächlich eine soziale Ängstlichkeit oder eine sog. soziale Phobie entwickeln. 

Tipps: Akzeptieren Sie Tom so, wie er ist. Versuchen Sie nicht, ihn spüren zu lassen, er sei anders oder schlecht, nur weil er etwas schüchterner ist. 

Professionelle Behandlung: Ist meistens nicht erforderlich. Wenn sich jedoch die Schüchternheit zu einem grösseren Problem ausweitet, stehen verschiedene Formen von Psychotherapie und manchmal auch Medikamente für die Behandlung zur Verfügung (Mehr zu diesem Bereich in Kapitel 8). 

 

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Symptome: Das Kind bekommt schlechtere Zeugnisnoten, als man nach seinen bzw. ihren Fähigkeiten her erwarten würde. 

Blitzlicht: Die ersten Schuljahre stellten kein besonderes Problem dar, obwohl Ann auch nicht so ohne weiteres mithielt. Aber nun hat scheitert sie am Schulstoff der 4. Klasse und die Anforderungen werfen sie ganz schön aus der Bahn. In Gesprächen wirkt Ann ziemlich gewitzt und schlau, aber ihre schriftlichen Leistungen hinken deutlich hinter denen ihrer Mitschüler hinterher. 

Mögliche Diagnose: Bevor Sie entscheiden, Ihr Kind sei schlicht faul oder unbegabt, sollten u.a. folgende medizinische Ursachen geprüft werden: Schlechtes Sehvermögen oder Schwerhörigkeit (ggf. aber auch Geräuschüberempfindlichkeit) bzw. eine zentrale Hörverarbeitungs-Störung (CAPD), eine Leseschwäche (Dyslexie), bzw. Legasthenie oder eine Depression. Natürlich können auch zahlreiche weitere Faktoren eine Schulleistungsschwäche bedingen, inklusive Faulheit, bzw. fehlendes Interesse, aber wenn man nicht an medizinische Ursachen denkt, wird man sie auch nicht entdecken.

Tipps: Hier sollte man zunächst keine Massnahmen ergreifen, bis eine Diagnose gestellt ist. 

Professionelle Behandlung: Ann sollte bei einem Experten vorgestellt werden. Die Behandlung richtet sich nach dem Untersuchungsbefund. Ann sollte nur nicht als langsames Kind abgestempelt werden. (Mehr zu Lernstörungen in Kapitel 4 und 5) 

 

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Symptome: Das Kind "flippt aus", ist häufig gereizt und aufgedreht.

Blitzlicht: Billy verliert immer wieder seine Fassung, wirkt irritiert bei dem geringsten Anlass. Zusätzlich scheint er schier unerschöpfliche Energie zu haben: So viel, dass er in der Klasse nicht mehr ruhig bleiben kann und er zunehmend auch die ganze Nacht über wach ist. Seiner Mutter ist es ein Rätsel, woher er die ganze Energie hat.

Mögliche Diagnose: Bipolare Störung, auch manisch-depressive Störung genannt. Dieses Syndrom, das nach unserem heutigen Kenntnisstand weit häufiger auch bei Kindern auftreten kann, als früher gedacht, kann zu einer ständigen Gereiztheit, Stimmungswechseln und Irritabilität, einem "leidenschaftlichem" Temperament, hohem Energielevel und einem Zustand der ständigen Aktivität führen. 

Tipps: Beobachten Sie Billy auf andere Zeichen einer bipolaren Störungen. Das können Grandiosität oder übergeschnappte Gedanken oder Verhalten sein; Anflüge von Ideen, die schnell im Inhalt wechseln mit Themen, die allenfalls eine oberflächliche Verbindung zwischen den Themen erkennen lassen; leichte Ablenkbarkeit, Irritabilität, Schlaflosigkeit und Appetitverlust; Missbrauch von Alkohol oder Drogen; Suche nach maximaler Stimulation, z.B. mit lauter Musik, heftige Diskussionen oder Unterhalten, schnelles Fahren oder heftige Romanzen. Achten Sie auch auf die andere Seite der Medaille: Das Nachlassen der Hochenergiephase, die zu einem Antriebsmangel und einer depressiven Periode führt. Wenn Sie dieses Muster erkennen, sollten Sie unbedingt einen Arzt einschalten. 

Professionelle Behandlung: Einige Medikamente, wie Lithium, Carbamazepin oder Valproinsäure können als Stimmungsstabilisatoren (sog. "mood stabilizer"), die Stimmungsschwankungen der bipolaren Störung reduzieren und die anderen Symptome positiv beeinflussen. (Das Kapitel 6 enthält mehr über die Bipolare Störung).   

 

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Symptome: Das Kind muss ständig nachfragen, damit Fragen oder Erklärungen wiederholt werden. 

Blitzlicht: Eugene sitzt in der ersten Reihe der Klasse. Er führt seine Lehrerin zur Verzweiflung, weil er einfach nicht aufpasst. Er ist ständig hinter seinen Mitschülern zurück, wobei sie ihm ständig auf seine Nachfrage "Sonderlektionen" erteilen muss. 

Mögliche Diagnose: Schwerhörigkeit 

Tipps: Häufiger wird fälschlich bei fehlhörigen Kindern einfach nur angenommen, dass sie langsamer als andere Schüler den Stoff kapieren. Auf jeden Fall sollte man dann auch an die Möglichkeit einer Schwerhörigkeit (ggf. auch an Geräuschüberempfindlichkeit oder chronische Ohrgeräusche) denken. Wenn niemand daran denkt, werden solche Störungen auch letzlich selten erkannt. 

Professionelle Behandlung: Entscheidend ist die Diagnosestellung, bzw. dass Eltern, Lehrer oder der Kinderarzt daran denken.    

 

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Symptome: Das Kind fällt besonders in sozialen Situationen mit anderen Kindern durch Fehlleistungen auf, kann übliches zwischenmenschliches Verhalten nicht richtig interpretieren, insbesondere in neuen Situationen; er oder sie hat Lernschwierigkeiten in sehr umschriebenen Bereichen. 

Blitzlicht: Obwohl Davy, ein sozial isolierter Fünftklässler mit Leichtigkeit Worte erkennen und verstehen kann, ist seine Leseleistung in der Schule schlecht und er liest sehr ungern. Er kann gut Begriffe in Gesprächen verwenden, obwohl er offenbar nicht-verbale Hinweise in Gesprächen, die so wichtig für das Verständnis des Zusammenhangs sein können, nicht versteht. In der Schule macht ihm insbesondere die Mathematik grosse Probleme. Gewöhnlich vergisst er, sich daran zu erinnern, welche Lösungsstrategie er eigentlich aussuchen müsste, um eine Aufgabe zu lösen. 

Mögliche Diagnose: Nonverbale Lernstörung (nonverbal learning disability NLD). Kinder mit einer solchen Störung können gut sprechen, bzw. verfügen über gute sprachliche Fertigkeiten, haben aber grosse Probleme nicht-sprachliche Signale, wie Gesten, Körpersprache, Gesichtsausdruck oder Stimmfall der Sprache zu interpretieren. Das typische Leistungsprofil dieser Kinder zeigt im positiven Bereichen gute Fähigkeiten beim Verstehen von Wörtern, Buchstabieren, Schreiben und Erinnern, aber auf der negativen Seite, grosse Probleme beim Verständnis von Gelesenem im Zusammenhang, abstrakte Schlussfolgerungen, Mathematik und Naturwissenschaften. Kinder mit dieser Lernstörung haben aufgrund von Informationsverarbeitungsproblemen im Gehirn Probleme, soziale Hinweisreize zu interpretieren. Sie können die Dinge, die sie hören zwar verarbeiten und sie können sich z.T. hervorragend über Erinnerungen helfen, aber Problemlösungsstrategien sind extrem schwierig für sie. Obwohl ihre Augen gut sehen, ist die Verarbeitung von visuellen Wahrnehmungen eingeschränkt. Sie haben auch Probleme, abstrakt zu denken oder Lösungsstrategien auf neue Aufgaben anzuwenden. Sie können lesen, aber je älter sie werden, desto geringer wird ihr Leseverständnis für den Gesamtzusammenhang. Mathematik und Naturwissenschaften können extrem schwer werden, da mit höheren Schuljahren die Anforderungen an abstrakte Schlussfolgerungen immer mehr steigen. Kinder mit NLD können sich zwar erinnern, aber sie haben Probleme, Dinge aus ihrem Gedächtnis hervorzurufen und anzuwenden. 

Tipps und Professionelle Behandlung: Es gibt keine "Heilung" im eigentlichem Sinne. Wurde aber die Diagnose gestellt, kann individuelle Hilfestellung sowie ein soziales Fertigkeitentraining dem Kind ermöglichen, nach besten Möglichkeiten sich zu entwickeln.    

 

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Symptome: Das Kind brüskiert häufig andere mit sozial unakzeptablem Verhalten, bemerkt nicht die Auswirkungen seines Verhaltens auf andere und scheint unfähig zu sein, Empathie zu entwickeln oder eine tiefere Beziehung zu Gleichaltrigen oder Erwachsenen entwickeln zu können. 

Blitzlicht: Allan ist ein Erstklässler, der aufgrund seines offensichtlichen Mangels an Interesses oder überhaupt Anteilnahme an dem, was um ihn herum passiert, ein Aussenseiter ist. Er scheint in seiner eigenen Welt verloren zu sein. Die anderen Kinder haben sich damit abgefunden und ignorieren ihn meistens. Wenn ein Lehrer versucht, ihn in eine soziale Aktivität zu integrieren, wirkt er irritiert und beängstigt. 

Mögliche Diagnose: Es gibt einen Zustand, den man tiefgreifende Entwicklungsstörung (engl. pervasive developmental disorder PDD) nennt und der Parallelen zum Autismus aufweist. Kinder mit dieser Störung können einfach nicht mit anderen Kindern soziale Kontakte pflegen. Sie scheinen emotional abgeschnitten zu sein. Sie sind nicht traurig oder ängstlich oder betrübt; vielmehr haben sie eine unmissverständliches Zurückhaltung gegenüber Anderen. 

Tipps: Anders als ein schüchternes Kind, das einfach nur Akzeptanz benötigt, braucht ein Kind mit einer tiefgreifenden  Entwicklungsstörung Hilfe, um zu lernen, wie man soziale Fertigkeiten anwendet. Während es also auch Liebe und Akzeptanz benötigt, muss es auch lernen, wie man sich gegenüber anderen Menschen verhalten sollte. 

Professionelle Behandlung: Dieses Syndrom erfordert einen spezialisierten Therapeuten. Kinder mit Entwicklungsstörungen profitieren manchmal von Medikamenten wie z.B. Antidepressiva, ggf. Stimulanzien oder auch sog. Anxiolytika (d.h. angstlösende Medikamente) oder eventuell auch Neuroleptika als sog. Antipsychotika. Viel mehr können sie aber zusätzlich von einem spezialisierten Psychotherapeuten oder einer Gruppenpsychotherapie profitieren.  

 

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Symptom: Das Kind ist sozial sehr zurückgezogen, kann nicht mit anderen Kindern umgehen und wirkt eher unterentwickelt, erhält aber in der Schule gute Noten und ist offensichtlich intelligent. 

Blitzlicht: Donnie kann keine Freundschaften mit Gleichaltrigen schliessen. Er scheint daran noch nicht einmal ein Interesse zu haben. Er macht Dinge, die die meisten seiner Schulkameraden tödlich langweilig finden würden, wie z.B. einer Uhr beim Ticken zuzuschauen oder die Fliesen auf dem Boden zu zählen. Er hat einen freundlichen Umgang zu seinen Familienmitgliedern, aber zu niemandem sonst. 

Mögliche Diagnose: Hier könnte ein sog. Asperger-Syndrom vorliegen, eine Form der Entwicklungsstörung, bei der die intellektuellen Fähigkeiten nicht beeinträchtigt sind, aber die soziale Entwicklung besonders ausserhalb des vertrauten Heims, deutliche Defizite aufweist. Die Behandlung ist die Gleiche wie bei der tiefgreifenden Entwicklungsstörung. 

   

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Symptom: Das Kind kann nicht aufhören, ständig zu quasseln. 

Blitzlicht: Susie kann einfach "nicht die Klappe halten", so scheint es. Beliebt, freundlich und hilfsbereit hat Susie viele Freunde in ihrer Klasse, aber nervt sie durch ihr ständiges Gerede. Wenn ein Satz genügen würde, braucht sie acht und kommt doch nicht auf den Punkt. In ihrer Familie witzelt man schon, dass wenn Susie zum Frühstück den Mund aufmacht, um zu erzählen, wie der Film gestern Abend im Fernsehen war, bereits alle Anderen mit dem Essen fertig sind. Ein typischer Spruch von ihrer Lehrerin in Bezug auf ihre ansonsten guten schriftlichen Leistungen in Aufsätzen lautet : " Versuche, dich präziser auszudrücken". 

Mögliche Diagnose: Frontalhirn-Syndrom. Bei manchen Kindern (und Erwachsenen) ist das Frontalhirn so "verschaltet", dass sie nicht in dem gleichen Mass wie andere Menschen abbremsen können, was das Gehirn wahrnimmt oder verarbeitet. Menschen mit einem Frontalhirnsyndrom scheinen endlos zu reden, können nie exakt auf den Punkt kommen. Es ist wichtig zu wissen, dass dies nicht aus Selbstdarstellung geschieht oder ein moralischer Fehler ist, sondern vielmehr ein relativer Mangel an inhibitorischen (bremsenden) Vorgängen, was auf die Vernetzung im Frontallappen (bzw. manchmal auch ein zurückliegendes Unfallereignis) zurückzuführen ist. 

Tipps: Versuchen Sie Susie dahin zu lenken, sich präzise zu fassen. Statt sie endlos reden zu lassen, unterbrechen Sie sie freundlich und sagen ihr z.B.  "Okay, Susie, nun versuche, uns das Ganze in fünf Sätzen oder weniger zu erzählen". Machen Sie ein Spiel daraus. 

Professionelle Behandlung: Hier ist im Grund keine erforderlich. Manchmal kann man Menschen mit einem Frontalhirnsyndrom mit Stimulanzien helfen, aber das ist für gewöhnlich nicht erforderlich. 

 

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Symptom: Das Kind besteht darauf, alles an sich zunehmen. 

Blitzlicht: Albert ist ein lebendiges vierjähriges Kind, der sich für alles begeistert. Er fasst alles an (oder versucht es zumindest), was er erreichen kann. Egal was es ist, seine Hände versuchen nach allem Möglichen zu greifen und es anderen zu entreissen. Er liebt Fernbedienungen, Telefone, Stereoanlagen, Fernseher, Knöpfe. Alles, was seine kleinen Finger zu fassen kriegen. Unglücklicherweise hinterlässt er zumeist diese Geräte nicht so, wie er sie mal vorgefunden hat. 

Mögliche Diagnose: Kinästhetischer Lernstil. Es gibt sehr unterschiedliche Wege zu lernen: Über Gehör, visuell oder eben taktil über Berührungen, was man auch kinästhetisch nennt. Wir nutzen meist alle drei Arten, aber eine dominiert zumeist. Der kinästhetische Lerner erfährt seine Umwelt am besten durch Berührung, so dass er natürlicherweise alle Dinge in seine Hände bekommen will. 

Tipps: Natürlich sollte man seine Wohnung "Albert-sicher" machen und Dinge aus seiner Reichweite bringen. Aber beachten Sie neben den offensichtlichen Problemen, die ein Albert macht, auch die positiven Seiten: Kinästhetische Lerner können sich, wenn sie älter werden,  rasch anpassen und sind sehr geschickt. Albert wird so in späteren Jahren all die Dinge reparieren können, die er jetzt vielleicht entzwei bricht. 

 

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Symptome: Ihr Kind ist ängstlich und leicht zu irritieren, zittert manchmal oder gibt an, sich zu warm zu fühlen, obwohl es kühl ist; es hat Wutausbrüche und benimmt sich häufig daneben. 

Blitzlicht: Diane hat sich innerhalb des vergangenen halben Jahres sehr verändert. Sie war ständig getrieben unruhig, reizbarer und einfach unausstehlich. Zusätzlich hat sie an Gewicht verloren, fühlte sich immer zu heiss und hatte ständiges Herzrasen. 

Mögliche Diagnose: Überfunktion der Schilddrüse (Hyperthyreose), die den Stoffwechsel des Körpers reguliert. Symptome einer Über- oder Unterfunktion der Schilddrüse können mit psychologischen Problemen verwechselt werden, bzw. Patienten mit Schilddrüsenerkrankungen können sich psychisch auffällig verhalten. 

Tipps: Diese Erkrankung verlangt unbedingt eine professionelle Behandlung.

Professionelle Behandlung: Die Behandlung unterscheidet sich je nach zugrunde liegender Ursache. Meistens ist eine medikamentöse Behandlung, seltener ein chirurgischer Eingriff, erforderlich.  

 

 

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Symptome: Ein plötzlicher Abfall in den Schulnoten, unklarer Gewichtsverlust; Entwicklung einer negativen Grundeinstellung und Gedanken.

Blitzlicht: Marie ist bis zu diesem Jahr sehr gut in der Schule mitgekommen. Aber in der 10. Klasse sackten ihre Noten plötzlich ohne erkennbaren Grund deutlich ab. Wenn ihre Eltern sie fragten, ob der Schulstoff zu schwierig sei, antwortete sie sarkastisch : "Offensichtlich". Sie verweigerte Hilfe von ihren Eltern und Lehrern und kapselte sich zunehmend von anderen ab. 

Mögliche Diagnose: Ein unerwarteter Leistungsknick in der Schule kann ein Warnsignal für eine depressive Störung sein. Ebenso der Gewichtsverlust und die negative Wesens- und Einstellungsänderung. Während man früher glaubte, Kinder und Jugendliche würden nicht depressiv, weiss man heute, dass sie sehr wohl Depressionen entwickeln. Wir wissen heute, dass Depressionen ein sehr wichtiges und potentiell gefährliches Problem in der Kindheit darstellt. In den vergangenen Jahrzehnten hat sich die Selbstmordrate bei Kindern zwischen 10 und 14 Jahren verdoppelt. Depressionen sind somit bei Kindern sehr real und möglicherweise tödlich. Jegliche Änderung des Verhaltens und Leistungen kann das Auftreten von Depressionen bei Kindern anzeigen. Das Erste, was man machen sollte, ist einfach zu fragen: " Bist Du über irgendetwas traurig ?" Bei Jugendlichen muss man natürlich auch andere Ursachen wie einen Drogenmissbrauch erwägen, der ein Versuch der "Selbstmedikation" der zu Grunde liegenden Depression sein kann (natürlich kann ein Leistungsabfall oder eine Änderung des Verhaltens auch auf etwas total anderes hinweisen- z.B. wenn sich ein Jugendlicher verliebt).

Tipps: Hören Sie zu, versuchen Sie Unterstützung anzubieten, sprechen Sie. Widersprechen Sie nicht den Gefühlen Ihres Kindes. Es kann sehr schwer auszuhalten sein, aber wenn Ihre Tochter Ihnen sagen will, dass sie wirklich niedergeschlagen und verzweifelt ist, glauben Sie ihr und hören ihr zu. Versuchen Sie Kontakt zu ihr herzustellen und diesen zu halten. Das ist wichtiger als alles Andere. Bieten Sie Hilfe an, aber geben Sie ihr nicht das Gefühl, dass ihre Traurigkeit sofort weg sein muss. Bieten Sie ihr an, mit ihr die Traurigkeit auszuhalten, ihr zu glauben und nicht sofort wieder zu verschwinden. 

Professionelle Behandlung: Wenn die depressive Verstimmung anhält, sollte eine Behandlung durch einen Arzt und / oder Psychotherapeuten erfolgen. Hier kann eine Kombination aus Antidepressiva und einer Psychotherapie sehr hilfreich sein (Mehr zu diesem Thema im Buch).

 

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Symptom: Das Kind bzw. Jugendlicher zieht sich dauernd Haare aus.

Blitzlicht: Candace ist eine junge Schülerin, die die sehr beeinträchtigende "Angewohnheit" entwickelt hat, sich Haare des Körpers herauszuzupfen. Sie ist sehr besorgt, weil sie dies wie aus einem inneren Zwang heraus nicht stoppen kann und schon kahle Stellen auffallen. 

Mögliche Diagnose: Trichotillomanie. Dieses Syndrom ist keinesfalls so selten wie man früher dachte. Personen mit Trichotillomanie spüren einen inneren Zwang die Haare auszureissen, was mit einer anschliessenden relativen Entspannung einhergeht. 

Tipps: Am Besten ist es hier, einen Spezialisten zu konsultieren.

Professionelle Behandlung: Neben Verhaltenstherapie können auch unterschiedliche Medikamente hilfreich wirken.

 

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Symptom: "Was immer man dem Kind sagt, es bleibt einfach nicht hängen". 

Blitzlicht: Brian sitzt in der ersten Reihe seiner 4. Klasse. Sein Lehrer setzte ihn in der Hoffnung dorthin, dass er dort nichts mehr überhören könne, was er der Klasse sagt. " Brian, Du muss einfach lernen zuzuhören, was ich sage, damit Du Dir es merken kannst". 

Mögliche Diagnose: Dieses häufige Symptome ist für Jahrhunderte als Beweis für Dummheit, Faulheit, Sturheit oder alles Zusammen angesehen worden. Aber es gibt sehr unterschiedliche medizinische Ursachen, inklusive einer zentralen Hörverarbeitungsstörung. (Anmerkung des Übersetzers: zentrale Verarbeitungsstörungen können auch das beidäugige Sehen betreffen und dabei völlig intakte Sinnesorgane in der Routinediagnostik des Ohren- oder Augenarztes aufweisen). Kennzeichen der zentralen Verarbeitungsstörungen ist es, dass das Kind Probleme hat, die Informationen der Sinnesorgane im Gehirn zu verarbeiten, bzw. zu koordinieren. Ein Kind mit einer Sprachverständisproblematik kann auch im sprachlichen Ausdruck (Sprachexpression) Probleme aufweisen, wenn es nicht die richtigen Worte dafür findet, was es eigentlich sagen wollte oder nicht das richtige Vokabular findet. Ob man dies nun zentrale auditive Verarbeitungsstörung (engl. CAPD = central auditory procession disorder) oder aber rezeptive Sprachstörung nennt oder eine andere ähnliche Bezeichnung wählt, hängt häufig von der Ausbildung des Diagnostikers ab. Sprachexperten (wie. z.B. Logopäden) tendieren bei einer Diagnose, bei der das Kind nicht das ausdrücken kann, was es eigentlich von den Ohren hört, zur Diagnose CAPD, während Ärzte vielleicht eher an eine Aufmerksamkeitsdefizit-Syndrom oder eine andere Lernstörung denken könnten (tatsächlich wird häufiger wohl fälschlich ADHS diagnostiziert und nicht berücksichtigt, dass zentrale Verarbeitungsstörungen ebenso zu Hyperaktivität aber auch Aufmerksamkeitsproblemen führen können. Nicht selten treten ADHS und CAPD auch gleichzeitig auf). Dies kann verwirrend für die Eltern und das Kind sein. Der beste Weg aus diesem Dilemma ist es meistens, sich auf das Hauptsymptom zu konzentrieren. Was ist das derzeitig störendste Symptom für das Kind? Solange sich die Behandlung darauf ausrichtet, ist es eigentlich egal, welches diagnostische Label man verwendet. Es ist sehr interessant, dass das Kernsymptom der Sprachverarbeitung (aber auch bei visuellen zentralen Verarbeitungsstörungen) zu einem sehr unterschiedlichen Muster von Symptomen führen kann, wie Gedächtnisproblemen, leichte Ablenkbarkeit, Desorganisation, geringe soziale Fertigkeiten und geringes Selbstwertgefühl. Sprache ist eine so eminent wichtige Hirnleistung, dass sich Probleme in viele Richtungen auswirken können. So kann ein Kind mit Sprachproblemen häufig auch die Diagnose einer Angststörung oder Depression erhalten. Die effektive Behandlung muss sich jedoch an das Kernproblem heranarbeiten, den Problemen im Sprachverständnis bzw. der zentralen Verarbeitungsstörung für Sinneseindrücke. 

Tipps: Zu Hause und in seiner Umgebung ist es wichtig, sicherzustellen, dass das Kind nicht "unter geht". Eine Platzierung in der ersten Reihe der Klasse macht Sinn (wenn dies nicht als Strafe verstanden wird), so wie man Anweisungen wiederholen sollte und das Kind bitten sollte, sie mit eigenen Worten wieder zu geben. Gut ist auch, schriftliche Anweisungen an der Tafel zu geben und um häufige Rückmeldungen zu bitten, ob alles verstanden wurde. 

Professionelle Behandlung: Häufig reicht die Kenntnis und eine Beratung mit dem Aufstellen von einem Behandlungsplan. Eingeschlossen werden sollten aber z.B. Logopäden, ein Kinderpsychiater bzw. Neurologe. Stellen Sie sicher, dass zentrale Verarbeitungsstörungen, bzw. Teilleistungsstörungen bei der Diagnose berücksichtigt werden (Anmerkung des Übersetzers: Vorsicht! Hier gibt es nur wenige kompetente Diagnostiker. Leider werden dabei u.a. auf privater Abrechnungsbasis von Experten hohe finanzielle Forderungen bis zu einigen tausend Euros gestellt. Hier sollte man Aufwand und späteren Nutzen gut abwägen und zunächst mit lokalen Ärzten zusammenarbeiten)

 

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Symptom: Das Kind schläft plötzlich in der Klasse ein oder sackt weg.

Blitzlicht: Marvin ist in Schwierigkeiten in der Schule gekommen, weil er im Unterricht plötzlich einnickt. Der Schuldirektor hat bereits eine Nachricht an seine Eltern geschickt, um sie darauf aufmerksam zu machen. Er vermutete, der Junge würde nicht früh genug schlafen gehen und deshalb übermüdet sein. 

Mögliche Diagnose: Es gibt eine Störung, die Narkolepsie genannt wird, bei der die Betroffenen eine Art "Schlafanfall" haben. Er oder sie schlafen dann sehr plötzlich ein, ohne dass sie es wollen oder sich dagegen wehren könnten. Das ist wieder so eine Erkrankung, die zunächst wie eine vorgeschobene Entschuldigung erscheint, wenn man nicht selber davon betroffen ist. Natürlich hat nicht jedes Kind, das in der Schule mal einschläft, Narkolepsie; viele kriegen tatsächlich in der Nacht mal zu wenig Schlaf. Aber wenn das Kind regelmässig einschläft, ohne dies zu wollen, sollte ein Arzt aufgesucht werden, um eine Narkolepsie oder eine andere Form von Schlafstörungen auszuschliessen. 

Tipps: Stellen Sie sicher, dass Ihr Kind genug Schlaf hatte. 

Professionelle Behandlung: Wenn es sich um eine länger dauernde Symptomatik handelt, können Stimulanzien wie Ritalin (Methylphenidat) helfen. Das ist das gleiche Medikament, was auch für das Aufmerksamkeitsdefizit- und Hyperaktivitätssyndrom verwendet wird. Narkolepsie und ADHS haben eventuell eine gemeinsame genetische Grundlage. 

 

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Symptom: Das Kind ist seit kurzer Zeit zunehmend misstrauisch, übermüdet, manchmal gibt es Verfolgungsvorstellungen an. 

Blitzlicht: In den vergangenen Monaten wirkte Rob ungewöhnlich heruntergekommen und müde. Wenn man ihn darauf ansprach, sagte er meist, die Schule sei hart. Sein Lehrer bemerkte aber, dass Rob die ganze Zeit ausgelaugt und verändert wirkte und vermutete, dass Drogen im Spiel sein könnten. 

Mögliche Diagnose: Diese Symptome könnten tatsächlich auf einen Drogenmissbrauch hinweisen. Kinder in fast jedem Alter können Probleme mit Alkohol oder Drogen bekommen. Es ist nie zu früh, daran zu denken. Wenn Sie sich Sorgen machen, fragen Sie Ihr Kind. Fragen Sie auch die Geschwister oder Freunde, was sie denken. 

Tipps: Natürlich sollten Sie das richtige Vorbild sein und selbst keine Drogen oder Alkohol im Übermass konsumieren. Zusätzlich sollten Sie sich bemühen, eine Atmosphäre zu schaffen, wo man über Drogen sprechen kann, nicht in einem harschen und bestrafenden Ton, sondern offen. Die beste Vorsorge für alle Jugendlichen ist die Abstinenz. Wenn das Kind jedoch ein bestimmtes Alter erreicht hat - und das sinkt derzeit stetig ab - ist es sehr wahrscheinlich, dass er oder sie mit Drogen Erfahrungen sammeln wird. Stellen Sie also sicher, dass Sie Ihr Kind mit ausreichend vielen Informationen versorgt haben. 

Professionelle Behandlung: Warten Sie nicht, bis es zu spät ist, bis Sie einen Fachmann mit einbeziehen. Bedenken Sie, dass Drogenkonsum auch ein Zeichen anderer emotionaler Probleme sein kann. 

 

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Symptom: Das Kind kapiert mathematische Aufgaben einfach nicht.

Blitzlicht: Jill ist frustriert darüber, dass sie einfach nicht die Aufgaben in der sechsten Klasse in Mathematik lösen kann. Sie war schon immer relativ schlecht in diesem Fach, aber es war eigentlich nie ein so starkes Problem. Obwohl sie sich anstrengt, bekommt sie es jetzt einfach nicht richtig gelöst. 

Mögliche Diagnose: Jill hat vielleicht eine Teilleistungsstörung für Mathematik (bzw. Unterbereiche wie z.B. Geometrie / Algebra). Dies ist eine angeborene Symptomatik. Einige Kinder können einfach wegen der Veranlagung ihres Gehirns keine mathematischen Aufgaben lösen. Auf der anderen Seite sollte man sich natürlich auch vor sozialen Vorurteilen schützen. Vielen Mädchen wird schon eingeredet, sie könnten nicht rechnen. Sie denken dann, sie sollten vielleicht auch gar nicht. Eine psychologische Testung kann hier weiterhelfen. 

Tipps : Ermutigen Sie sowohl Mädchen wie auch Jungen zu Leistungen in diesem Fach. Aber denken Sie daran, dass aus genetischen Gründen einige Kinder isolierte Teilleistungsstörungen haben können. 

 

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Symptom: Langsam beim Lesen.

Blitzlicht: Mark ist nun in der vierten Klasse. Obwohl er rechtzeitig sprechen lernte, war das Lesenlernen sehr schwierig mit ihm. Er ging in eine Schule, wo den Kindern beigebracht wurde, das ganze Wort zu erkennen und zu lesen. Dies funktionierte nicht besonders bei Mark. Er konnte nie die Wörter richtig entziffern, die Buchstaben blieben wie Hieroglyphen. Nach vielfachem Scheitern kann Mark ein wenig Lesen, aber weit unter dem Durchschnitt seiner Klassenkameraden. Er ist ein intelligenter Junge und ist sehr frustriert über seine Unfähigkeit, gut zu lesen. 

Mögliche Diagnose: Dyslexie. Eine Teilleistungsstörung beim Lesen der eigenen Muttersprache gehört zu den häufigsten Lernstörungen, die etwa 5 bis 30 Prozent aller Kinder betrifft (je nach Studie). Es sind etwa viermal mehr Jungen als Mädchen betroffen. 

Tipps: Jegliche Bemühungen, die das Lesen fördern, können diesen Kindern helfen. Hierzu könnte das laute Lesen, Wortspiele, spielerischen Umgang mit dem Klang und den Bedeutungen von Worten, Singen oder das stille Lesen allein gehören; Fernsehen, Video oder Computerspiele sollten bei diesen Kindern etwas eingeschränkt werden. 

 

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Symptomatik: Das Kind zieht merkwürdige Grimmassen, bzw. hat wiederholte Blinzelbewegungen, brüllt ohne erkennbaren Anlass Schimpfwörter in die Klasse und fällt durch eigentümliches zwanghaftes Verhalten auf. 

Blitzlicht: Nancy ist eine junge Schülerin, die ohne erkennbaren Anlass die Gewohnheit hat, heftig mit ihren Augenlidern zu blinzeln. Manchmal rümpft sie auch ihre Nase oder schmatzt mit den Lippen. Sie muss sich ständig räuspern und macht Hustengeräusche, auch wenn sie eigentlich gar nicht husten müsste. Nancy ist ein sehr intelligentes Mädchen, ausgesprochen kreativ. Sie wird aber rasch wütend und reagiert impulsiv. 

Mögliche Diagnose: Dieses Kind könnte ein sog. Tourette-Syndrom haben, eine Störung, die durch unwillkürliche Muskelbewegungen (motorischen "Tics") bzw. ungewollten Geräuschen (sog. vokalen Tics) gekennzeichnet ist. Diese Kombination von motorischen und vokalen Tics wurde erstmals 1885 von Gilles de la Tourette beschrieben. Auch heute haben viele Leute noch nie etwas davon gehört und diese Kinder werden häufig als ungezogen oder flegelhaft bezeichnet. Offensichtlich können die Symptome des Tourette ein Kind in erhebliche Schwierigkeiten bringen, wenn es nicht als Krankheit erkannt wird. Wenn erst einmal eine korrekte Diagnose gestellt wurde, kann die medizinische Behandlung sehr effektiv sein. Obwohl das Tourette ursprünglich durch die Tics definiert wurde, treten bei diesem Syndrom noch zahlreiche weitere Symptome auf. Einige sind von Nutzen wie Kreativität; andere sind evtl. hinderlich, wie Reizbarkeit, Stimmungsschwankungen, Aufmerksamkeitsstörungen oder das Auftreten von Zwangsgedanken und Zwangshandlungen. 

Tipp: Ein Tourettesyndrom erfordert eine professionelle Behandlung. 

Professionelle Behandlung: Eine Kombination aus Medikation, Aufklärung, Psychotherapie und soziale Massnahmen können diesen Kindern, Jugendlichen und Erwachsenen z.T. dramatisch helfen. Mit der Medikation können besonders die Tics beeinflusst werden, während der restliche Behandlungsplan auf die weiteren Beschwerden Einfluss nehmen kann. 

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