ADHS: Störung der Entwicklung der exekutiven Funktionen. Konsequenzen für die Diagnostik
Dipl.-Psych. P. Rossi (Vortragsmanuskript 2001)
Letzte Aktualisierung dieser Seite: 02.12.2008
Hinweis: Dieser Text ist aus dem Jahr 2001 und entspricht nicht mehr in allen Punkten dem aktuellen Wissensstand.
Guten Morgen
Ich berichte Ihnen heute über Störungen der Exekutivfunktionen im
Zusammenhang mit der ADHS.
Was sind Exekutivfunktionen? Worin besteht der Zusammenhang der
Exekutivfunktionen und der ADHS? Welches sind Konsequenzen für die
Diagnostik dieses Störungsbildes?
Der Begriff der Exekutivfunktionen ist bekannt im Zusammenhang mit dem
Frontalhirn-Syndrom, meistens verursacht durch Schädel-Hirn-Traumen,
Blutungen, Tumoren oder entzündliche Erkrankungen. Läsionen im
präfrontalen Cortex können bekanntlich von diskreten bis hin zu
schwersten kognitiven, affektiven und verhaltensbezogenen Störungen
führen. Grund ist die immense neuronale Vernetztheit des Frontalhirns
mit fast allen Regionen des Gehirns.
Beim Frontalhirn-Syndrom kann es unter anderem zu Störungen des Planens,
des zielgerichteten Handelns, des Problemlösens, dem Initiieren und
Stoppen von Handlungen, zu Antriebsstörungen, aber auch
Enthemmungsphänomenen kommen.
Die Selbststeuerung und die interne Verhaltenskontrolle versagen und die
Patienten werden in der Folge teilweise extrem abhängig von äusseren
Stimuli, werden egozentrisch und leben stark verhaftet im Augenblick.
Man spricht dann vom dysexekutiven Syndrom.
Was aber sind Exekutivfunktionen?
Eine überzeugende Definition kann und wird es nicht geben: Dieser
Begriff umfasst nämlich verschiedenartigste und komplexe kognitive
Prozesse, welche – ein reibungsloses Zusammenspiel vorausgesetzt - die
interne Verhaltensplanung und -kontrolle, also die Selbstregulation
eines Menschen gewährleisten.
Exekutivfunktionen kommen vor allem dann zum Tragen, wenn Handlungen
oder Ziele über mehrere Etappen hinweg geplant und bzw. verfolgt werden
sollen.
Beim Begriff der Exekutivfunktionen handelt es sich im eine
Sammelbezeichnung für grundlegende mentale Prozesse höherer Ordnung. In
der Literatur werden den Exekutivfunktionen u.a. folgende Begriffe
zugeordnet: Aufmerksamkeit und die Aufmerksamkeitsaktivierung, Vigilanz
bzw. Wachheit, Antizipation, Planung, Initiierung und Hemmung von
Handlungen, kognitive Flexibilität und Umstellungsfähigkeit,
Koordination von Informationen und Prozessen, Portionierung von
Handlungen und Zielüberwachung.
Die Exekutivfunktionen wirken mit also mit bei inhibitorischen
(hemmenden) Mechanismen. Sie helfen, dass wir uns im Alltag auf
handlungsrelevante Informationen fokussieren können und nicht eine
komplette Reizüberflutung erleben und sorgen für eine Hemmung und
Unterdrückung unangemessener Reaktionen.
Über Analogien zwischen dem Frontalhirn-Syndrom und
Verhaltensauffälligkeiten, wie bei der ADHS bestehen, hat man sich bis
heute v.a. in den USA befasst. Der Neurologe und Psychiater Russel
Barkley hat 1997 - ausgehend von neurobiologischen Untersuchungen - in
seinem Buch „ADHD and the Nature of Self-Control“ eine Theorie
entwickelt, wonach er die ADHD als Entwicklungsstörung wichtiger
präfrontaler, exekutiver Funktionen konzipiert. Für den Forscher Barkley
ist dabei eine verminderte behaviorale Inhibition - gemeint ist eine
ungenügend funktionierende Stimuluskontrolle und Verhaltenshemmung - die
wesentliche Ursache der ADHS-Symptomatik.
Für ein normgerechtes Funktionieren im Alltag sind Impulskontrolle,
Innehalten, Warten und zuerst Denken-können elementar. Es gehört zur
Durchführung jeder Aufgabe, einen Verhaltensimpuls oder eine
Gefühlsreaktion hinauszuschieben oder unterdrücken zu können. Kinder
entwickeln normalerweise Funktionen, eben Exekutivfunktionen, welche
ihnen helfen, Ablenkungen auszublenden, sich an Ziele zu erinnern und
diese schrittweise verfolgen zu können. Gleichzeitig lernen sie
schrittweise, beim Handeln auch ihre Gefühle zu zügeln.
All diese hemmenden oder eben inhibitorischen Funktionen, welche es für
eine Handlungsplanung und deren Vollzug braucht, können nicht gelingen,
wenn motorische Impulse und störende Gedanken nicht unterdrückt werden
können. Was dann resultiert, sind Kinder mit einer ausgeprägten
Stimulusabhängigkeit: Jeder innere oder äussere Reiz vermag eine
Orientierungsreaktion auszulösen. Das erzeugt Unruhe, hyperaktives
Verhalten, aber auch Ablenkbarkeit und Zerstreutheit. Von einer alters-
und normgerechten Selbststeuerung kann nicht mehr die Rede sein. Wir
kennen das zur Genüge von unseren ADHS-Patienten. Das Versagen interner
Verhaltenssteuerung und eine Abhängigkeit von äusseren Stimuli kennt man
aber natürlich auch bei Patienten mit Frontalhirnsyndrom.
Eine funktionierende Inhibition meint die Fähigkeit zur Filterung,
Verzögerung oder zum Stoppen von kognitiven, emotionalen oder
physiologischen Reaktionen auf einen Stimulus hin. Der Stimulus kann
wiederum ein Ereignis, eine Erinnerung, innere Bilder, Gefühle oder
physiologische Veränderungen sein.
Wir wissen, dass überwiegende Anteile der Hirnfunktionen mit der
Filterung bzw. Hemmung von Reizen befasst sind. Der Bedeutung von
zerebralen inhibitorischen Vorgängen wird in der Forschung zunehmend
Beachtung geschenkt. Bei der ADHS funktionieren durch eine relative
neuronale Unterfunktion der zuständigen Hirnabschnitte eben die
Hemmfunktionen nicht in ausreichender Form. Es resultiert
Überempfindlichkeit der Reizaufnahme, der Verarbeitung und
Interpretation körpereigener und äussere Reize, der Gefühle und
Gedanken. Dies führt dann auch zu einer Regulationsstörung der
Exekutivfunktionen. Gedächtnis, Strukturierung und Handlungsplanung
können nicht richtig mehr aufeinander abgestimmt werden.
Automatisch funktionierende Exekutivfunktionen sorgen dafür, dass
Menschen sich an unerwartete Situationen in einer veränderten Umwelt
anpassen können, dass sie aus ihren Erfahrungen lernen können. Sie
sorgen aber auch dafür, dass in langweiligen und reizarmen Situationen,
die Selbststeuerung und das geplante Handeln nicht zusammenbrechen.
Die Exekutivfunktionen gewährleisten das geschickte Zusammenspiel der
einzelnen untergeordneten Funktionen und ermöglichen in der menschlichen
Entwicklung einen „stimmigen“ sozialen Anpassungsvorgang.
Im frühen Kindesalter dient eine normgerechte Entwicklung der
Exekutivfunktionen dem Erwerb von Verhaltenskontrolle, im Schulalter zum
Erwerb von kognitiven Funktionen und Kompetenzen, und ab der Pubertät
zum Erwerb von Selbsteinschätzung, bewusster Selbststeuerung und reifem
Denken und Handeln.
R. Barkley beschreibt vier zentrale Exekutivfunktionen, welche sich bei
Vorliegen einer ADHS aufgrund gestörter inhibitorischer Prozesse nicht
altersentsprechend entwickeln können:
Arbeitsgedächtnis
Erste Exekutivfunktion, welche sich gem. Barkley nicht alters- und
normgerecht entwickelt, ist das Arbeitsgedächtnis, welches dem
kurzfristigen Behalten und Bearbeiten von Informationen dient. Es hält
also Informationen fest, währenddem wir eine Aufgabe bearbeiten und zwar
auch dann, wenn der ursprüngliche Reiz bereits im Hintergrund steht,
z.B. beim Kopfrechnen, aber auch dann, wenn es darum geht, neue mit
alten Erfahrungen zu vergleichen und aus eigenen Erfahrungen zu lernen.
Das Arbeitsgedächtnis ist die aktive Schnitt- und Schaltstelle zwischen
Wahrnehmungs-, Gedächtnis- und Orientierungsfunktionen. Es ist eine Art
aktive Sortierstation.
Das Arbeitsgedächtnis stellt damit die grundlegende Funktion dar, dank
derer wir uns bewusst, orientierend und auf ein Ziel hin handelnd, durch
das Leben bewegen können.
Das Arbeitsgedächtnis kann seine Arbeit aber nur verrichten, wenn
irrelevante Informationen aktiv herausgefiltert und unterdrückt werden
können.
Inhibitorische Vorgänge sind daher grundlegend für das normgerechte
Funktionieren des Arbeitsgedächtnis.
Die Kapazität des Arbeitsgedächtnis ist bei ADHS-Betroffenen durch
Störungen von Hemm- und Filtervorgängen nachweisbar eingeschränkter als
bei Kontrollgruppen.
Nonverbales Arbeitsgedächtnis
Das nonverbale Arbeitsgedächtnis ist nicht nur zum Verarbeiten von
visuell-räumlichen Informationen wichtig. Es ist auch zuständig für die
Analyse, die Planung und für die Ablauforganisation von Handlungen.
Hierbei ist das Zeitgefühl, also ein kognitiver Rückgriff auf vergangene
Zeiten und die Vorausschau auf Zukünftiges, von grosser Bedeutung. Nur
so können Szenen und Ereignisse wieder erinnert werden und nur so kann
eine Erfahrung mit vergangenen Erlebnissen verglichen werden, nur so
sind Lernvorgänge möglich und nur so kann ein Ziel in die Zukunft
projiziert werden. ADHS-Betroffene haben oft zeitlebens ein schmales
Zeitfenster, leben im Hier und Jetzt, trödeln oder hetzen, verspäten
sich, haben kein Zeitgefühl und benötigen meistens feste zeitliche
Strukturen, um sich von geplanten Handlungen nicht weglocken zu lassen.
Verbales Arbeitsgedächtnis
Normalerweise bis etwa zum 7. Lebensjahr begleiten Kinder ihre
Tätigkeiten mit äusseren Selbstkommentaren. Diese helfen ihnen, sich zu
erinnern und Probleme zu lösen („Wo han i dä Stift? Ah, er isch uf äm
Chuchitisch“). Verbale Gedächtnisspuren müssen durch inneres Sprechen
aufgefrischt werden, damit sie gespeichert werden und nicht sofort
wieder verblassen. Bis ca. zum 10.Lj. wird das kindliche Selbstgespräch
stufenweise unhörbarer. Diese Form der Selbststeuerung wird
verinnerlicht. Die Fähigkeiten, mit sich selbst zu sprechen, sich zu
korrigieren, sich wiederholt handlungsleitende Anweisungen zu geben,
sich an Regeln zu halten und schliesslich in einem stummen
Selbstgespräch auch einen anderen Standpunkt einnehmen zu können, bilden
die Voraussetzung für die Selbstkontrolle, die Planung von Handlungen
und Reflexion von Verhalten. Kinder, aber auch Jugendliche und
Erwachsene mit einer ADHS, beherrschen diese Kompetenz der
Selbststeuerung nicht oder nur ungenügend.
Eine Entwicklungsstörung der verbalen Selbstkontrolle kann u.a. eine
Rechtsschreibstörung provozieren. Das kontrollierende und korrigierende
Selbstgespräch („isch das ächt Richtig?“), also das Mitsprechen und
Miterinnern funktioniert nicht normgerecht.
Jugendliche und Erwachsene mit einer ADHS neigen dann verstärkt zu
negativen und inadäquaten Selbstverbalisationen: Auch beim Gespräch mit
sich selbst können sie nur bei grossem Interesse, unter Zeitdruck oder
unter grosser Anstrengung beim Thema bleiben und eine Sache konsequent
zu Ende denken. Zu schnell drehen sich ihre Gedanken im Kreis, und zu
leicht verlieren sie sich in Details, stimulierenden Phantasien und
„Nebenkriegsschauplätzen“.
Inhibition von Gefühlen und Regulation des Arousal
Die Inhibition von Emotionen ist ein weiterer wesentlicher Bereich,
welche bei ADHS beeinträchtigt ist. Wenn man das Warten beherrscht, so
kann man eine emotionale Reaktion unterbrechen, sobald man sie
wahrnimmt. Wenn man dies nicht kann, wird man ausschliesslich
„emotional“ und nicht auch vernunftgesteuert reagieren können.
Kinder, aber auch Jugendliche und Erwachsene mit einer ADHS sind
„emotionaler“ als andere Menschen und empfinden Gefühle viel
„ungebremster“. Oft werden sie regelrecht beherrscht durch ihre Launen.
Wir kennen das bei unseren Patienten zu genüge: Sie – aber auch die
Angehörigen - sind ihren Affekten oft regelrecht ausgeliefert. Sie sind
auch empfindlicher für Veränderungen, etwa bei Verlust einer
Bezugsperson, eines geliebten Tieres oder bei Wohnortswechsel. Die mit
ihrem Gerechtigkeitssinn verbundenen heftigen Affekte kennen oft keine
Grenzen und münden nicht selten in Trotzverhalten. Ihr ungenügendes
Hemm- und Filtersystem macht sie verletzbar und die ungenügende
emotionale Inhibition bewirkt, dass Gefühle der Verletztheit zu leicht
ausser Kontrolle geraten.
Dies wirkt sich auch aus auf die motivationalen Prozesse: Normalerweise
können Kinder auch bei unangenehmen oder langweiligen Aufgaben eine
gewisse Motivation und Ausdauer aufbringen, wenn als Konsequenz etwas
Positives winkt.
Bei ADHS-Kindern ist das anders: Im Normalfall erschwert ihnen ihre
Affektlabilität das Aufrechterhalten einer intrinsischen Motivation. Sie
können sich nicht selbst steuern, sondern brauchen entweder einen hohen
Level von Begeisterung oder permanent eine Motivationslenkung von
Aussen. Für sie gilt die Gleichung: Motivation = Emotion. Sie benötigen
viel mehr Stimulation für eine normgerechte Motivationslenkung.
Bietet man ihnen viel Aussensteuerung, dann kollidiert das meistens mit
den Autonomiebedürfnissen des Kindes. Wie man es auch macht, es bleibt
verkehrt. Und die Eltern verzweifeln.
In dieses Kapitel gehört auch Störungen der Regulation des Arousal (für
Nichtfachleute: Zustand kortikaler Erregung, der auf eine sensorische
Stimulation folgt). Hierbei fällt bei ADHS-Kindern einerseits ein meist
hohes psychophysiologisches Anspannungsniveau und eine Hypersensibilität
in verschiedensten Bereichen auf. Schon als Kleinkinder fallen
ADHS-Kinder als emotional labil und als sehr sensitiv auf ihre Umgebung
reagierend auf.
Die Fähigkeit zur Habituation und Kontrolle eines erhöhten Arousal ist
bei ADHS vermindert und/oder verzögert. ADHS-Betroffene neigen oft
zeitlebens zu Überreaktionen, zu Allergien,
Nahrungsmittelunverträglichkeiten oder zeigen eine starke
Kleidersensibilität. Auch die Enuresis, die recht häufig komorbid zur
ADHS beobachtet wird, gehört wahrscheinlich in dieses Kapitel.
Als vierte Exekutivfunktion, welche sich bei der ADHS infolge einer
Störung der behavioralen Inhibition nicht normgerecht entwickelt,
benennt Barkley die Reconsitution: Gemeint ist die Fähigkeit,
beobachtetes und erlebtes Verhalten nach einer Analyse zu neuem
Verhalten zu kombinieren. Auch das geistige Probhandeln gehört dazu.
Eine Störung dieser Funktion zur Neubildungsfähigkeit führt auch bei
hoher Intelligenz zu eingeschränktem Vermögen, analysiertes Verhalten zu
synthetisieren und Lösungen zu erarbeiten. Die Problemlösekompetenzen
können also nicht ausreichend entwickelt werden.
Eine intakte Funktion ermöglicht es den Kindern, ihr Verhalten über
zunehmend längere Zeitphasen zu dirigieren, in dem sie immer längere
Sequenzen der Handlungsplanung kombinieren können. Funktioniert dieses
Zusammensetzen nicht, versagt die Selbststeuerung. Auch dann zeigt sich,
statt Selbstkontrolle, eine zu grosse Abhängigkeit von inneren und
äusseren Stimuli.
Zusammengefasst beruhen nach Barkley die Unaufmerksamkeit, die
Hyperaktivität und die Impulskontrollstörungen, also die zentralen
Kennzeichen der ADHS, auf der Unfähigkeit, sich von internen Anweisungen
steuern zu lassen und dem Unvermögen, unangemessene Reaktionen
unterdrücken zu können.
Wenn die ADHS als Störung der Exekutivfunktionen konzipiert wird, was
heisst das dann für die Diagnostik?
Man sollte ja jetzt erwarten können, dass es möglich sein muss,
ADHS-typische Störungen der Exekutiven Funktionen und des
Arbeitsgedächtnisses mit (neuro-) psychologischen Testverfahren
ausreichend sicher erfassen zu können. Schliesslich sind die
Verhaltensauffälligkeiten der betroffenen PatientInnen oftmals sehr
ausgeprägt.
Ausserdem sind in der Neuropsychologie verschiedene psychometrische
Verfahren bekannt, mit welchen u. a. die verschiedenen
Aufmerksamkeitsfunktionen, die visuelle und auditive Merk- und
Lernfähigkeit, sowie die Problemlösefähigkeiten mit Tests erfasst und
beurteilt werden können.
Leider ist dem nicht so: Die typischen, bei dysexekutiven Störungen
auftretenden, variablen Beeinträchtigungen der behavioralen und
kognitiven Selbststeuerung, zeigen sich in erster Linie in komplexen
(oder reizarmen und monotonen) Alltagssituationen und sind mit
Testverfahren nicht immer und nicht sicher zu erfassen. Das gilt genauso
für unsere Patienten mit ADHS-Verdacht. Selbst bei Patienten mit im
Alltag ganz offensichtlichen Verhaltensstörungen nach einem
Schädel-Hirn-Trauma, stellt die Diagnostik der Exekutivfunktionen eine
besonders grosse Herausforderung dar.
Vor allem sehr intelligente ADHS-PatientInnen zeigen oft auffällige
Diskrepanzen zwischen den Leistungen in gut strukturierten Tests und
offenen und schlecht definierten Alltagssituationen.
Wir haben es bei der ADHS – konzipiert eben als Störung der
Exekutivfunktionen - also nicht mit einem Syndrom zu tun, welches durch
ein weitgehend identisches »Symptomenmuster« gekennzeichnet ist, sondern
viel mehr mit einer Störung, welche eine hohe interindividuelle
Variabilität der beobachteten und im Einzelfall dominanten Symptome
charakterisiert ist.
Das – meine Damen und Herren - erschwert die Diagnostik natürlich
ungemein. Es existiert bis heute kein Test oder keine Testbatterie,
welche eine ausreichend gute Diskrimination zwischen ADHS-Patienten und
Gesunden sowie ADHS-Patienten und anderen klinischen Stichproben
(Psychische Störungen, Hirnfunktionsstörungen) ermöglicht.
Die klinische Erfahrung zeigt bekanntlich, dass Menschen mit einer ADHS
in Kindergarten, Schule, Ausbildung, Beruf, Beziehungen eine
ausgesprochene Intoleranz gegenüber reiz- und stimulationsarmen
Situationen zeigen. Sie werden leicht unruhig, zappelig, unkonzentriert,
sind innerlich und äusserlich ständig auf dem Sprung, suchen den "Kick",
das Interessante, das Neue, das Spannungsgeladene, das Besondere, ja zum
Teil sogar den Streit, das Sorgenvolle und das Gefährliche. Indem diese
Personen sich in diese anregenden Situationen begeben oder sich mental
stimulieren (Eifersucht, Streit, Sorgen, Gedanken an interessante
spannende Situationen), bewirken sie, dass durch die innere oder äussere
Stimulation die bei der ADHS reduzierte neuronale Aktivität in
diejenigen Hirnabschnitten, für die Exekutiven Funktionen bedeutsam
sind, erhöht wird.
Das erklärt, wieso ADHS-Betroffene in subjektiv interessanten Situation
sehr wohl sehr leistungsfähig sein können. Kinder und Erwachsene
berichten gleichzeitig von grossen Mühen, langweilige Texte lesen oder
eintönigen und "uninteressanten" Gesprächen zu folgen. Dies kann im
schulischen bzw. beruflichen Fortkommen, aber auch beim Erwerb von
sozialen Kompetenzen, fatale Konsequenzen haben. Und wie gesagt: Im
gleichen Atemzug berichten uns dieselben Betroffenen, dass sie sich in
interessanten Situationen oder bei spannenden Aufgaben und
Herausforderungen sehr gut konzentrieren können.
Gleiches gilt natürlich auch für testpsychologische Abklärungen: Kurz
gesagt sind viele dieser Tests oft viel zu interessant und/oder zu kurz
und sind somit nicht immer in der Lage, die im Alltag relevanten
Funktionsstörungen abzubilden. Erst die langen und langweilen Test
werden für sie zum Problem.
Man muss auch festhalten, dass die Neuropsychologie bisher über keine
diagnostischen Instrumente verfügt, um diskrete Störungen der Exekutiven
Funktionen sicher abbilden zu können.
Für die Diagnostik von Störungen der Exekutivfunktionen bei der ADHS
haben sich der "Wisconsin Card Sorting Test" (WCST) wie auch der "Turm
von Hanoi" oder andere Testverfahren zur Diagnostik bis jetzt als zu
wenig sensitiv erwiesen.
Josef Biedermann, auch einer der bekannten ADHD-Forscher, publizierte im
Sommer letzten Jahres eine Studie, welche einmal mehr zeigte, dass gut
abgestimmte, neuropsychologische Testbatterien heute zwar recht sensitiv
sind (also ADHD-Patienten richtig erkennen) und zudem sicherstellen,
dass ein Patient mit positivem Testausfall auch tatsächlich ADHS hat.
Hapern tut es aber bisher bezüglich dem sog. negativen prädiktiven Wert
dieser Tests: Also die Wahrscheinlichkeit, dass der Patient mit
negativem Testausfall tatsächlich gesund ist, ist einfach noch zu klein.
Im Alltag ist das evident, weil die diagnostische Zuordnung ja aufgrund
von Testergebnissen vorgenommen werden soll.
In erster Linie kommen bei Verdacht auf ADHS heute neuropsychologische
(meist computergestützte) Testverfahren zur Anwendung, welche u.a. unter
relativ monotonen Reizbedingungen, Aufgaben mit länger anhaltenden
Aufmerksamkeitszuwendung enthalten). Diese Arten von Tests messen, wie
gut unter langweiligen Bedingungen die Konzentration und Impulskontrolle
funktionieren. Mit der computergestützten Testbatterie zur
Aufmerksamkeitsprüfung (TAP) können verschiedene, im Zusammenhang mit
den Exekutivfunktionen, relevante Teilbereiche untersucht werden (u.a.
Arbeitsgedächtnis, selektive Aufmerksamkeit, Daueraufmerksamkeit,
Reaktionsinhibition).
Ein Standard, welche Testverfahren im Rahmen einer psychometrischen
Untersuchung bei ADHS-Verdacht abgenommen werden sollen, existiert bis
heute leider noch nicht. Nur schon zwecks Prüfung von
Differentialdiagnosen ist eine umfassende neuropsychologische
Untersuchung indes unabdingbar.
Welches sind die Schlussfolgerungen?
- Die ADHS bleibt vorläufig eine klinisch zu stellende Diagnose. Was zählt, ist das Problemverhalten im Alltag. Und genau das berücksichtigen die Klassifikationssysteme DSM-IV und ICD-10. Die Kriterien dieser diagnostischen Manuals beschreiben präzise die Alltagsauswirkungen von ADS-typischen ausgeprägten Störungen der Exekutivfunktionen und definieren zudem exakt, wann eine ADHS nicht diagnostiziert werden darf. DSM-IV und ICD-10 ermöglichen eine auf wissenschaftlichen Evidenzen basierende und zuverlässige Diagnostik der drei Typen der ADHS. Die Kriterien der ICD oder DSM haben heute den Stellenwert eines „gold standard“ (Kriterium, welches das Vorliegen der Krankheit des Patienten als tatsächlich gegeben absichert).
- Um Verhaltensauswirkungen von ADS-typischen exekutiven Funktionsstörungen im Alltag zu erfassen, liegen standardisierte Fragebögen von Brown, Conners und andern vor. Sie haben gestern davon gehört.
- Psychometrische Tests tragen dazu bei, die klinischen Befunde zu ergänzen und zu objektivieren. Sie sind relevant auch im Rahmen von differentialdiagnostischen Überlegungen und dienen dem Therapiemonitoring. Wenn, dann sollten standardisierte Verfahren angewandt werden, die es erlauben, Auswirkungen von Störungen der kognitiven und behavioralen Inhibition erfassen können.
Über die praktischen Konsequenzen, welche das psychologische Konzept der Exekutivfunktionen für psychologische Therapien der ADHS haben, kann ich Ihnen vielleicht ein anderes Mal berichten.
