Informationen zur Aufmerksamkeitsdefizit-/Hyperaktivitätsstörung (ADHS)

Grundprinzipien für die Diagnose und Behandlung des Aufmerksamkeits-Defizit-Syndroms / Hyperaktivität

Vorbemerkung

Der folgende Text ist eine freie Übersetzung des Grundsatzdokumentes: "Guiding Principles for the Diagnosis and Treatment of Attention Deficit Hyperactivity Disorder", verfasst von The National Attention Deficit Disorder Association. Übersetzung: Martin Winkler.

Letzte Aktualisierung dieser Seite: 02.12.2008

(Stand 2002)


Einleitung
In den vergangenen zwei Jahrzehnten erfolgte in den USA eine fast explosionsartige Zunahme von Diagnosestellungen, Behandlungen und Forschungen zum Aufmerksamkeits-Defizit-Syndrom mit und ohne Hyperaktivität (ADHS).

Mit zunehmender Beschäftigung von Klinikern und Forschern mit ADHS wurde deutlich, dass die praktischen Auswirkungen für Betroffene weit stärker sind als jemals angenommen. ADHS kann nicht nur Lernen und Verhalten in der Kindheit behindern, sondern als neurobiologische Störung in erheblichem Ausmass die Funktionsfähigkeit in wesentlichen Bereichen des gesamten späteren Lebens beeinflussen bzw. behindern. Forschung und klinische Erfahrung lassen es wahrscheinlich erscheinen, dass ADHS-Probleme zu erheblichen Schwierigkeiten der Ausbildung, Beruf und Familie führen und damit eine wesentliche Rolle bei einer Vielzahl gesundheitlicher, sozialer und ökonomischer Probleme darstellen können.

ADHS ist eine häufige Störung. Die vierte Auflage des sog. DSM (Diagnostic and Statistical Manual of the American Psychiatric Association) schätzt, dass ADHS bei ca. 3-5 % aller Schulkindern nachweisbar ist. Eine aktuelle Zusammenstellung von 13 Prävalenzstudien gehen je nach verwendeter Methodik und untersuchten Population von einer Häufigkeit von 1,7 bis 16 % aus (1). Weil mehr über ADHS in den Medien bekannt wird, beschäftigen sich auch immer mehr Erwachsene mit der Frage, ob ADHS als wesentlicher Faktor für die Schwierigkeiten ihrer Kinder - oder eigenen Probleme - eine Rolle spielt.
Patienten, die bei sich oder ihren Angehörigen ADHS vermuten, wenden sich zunächst an ihren Hausarzt, Nervenarzt oder Psychiater oder ggf. den Kinderarzt. Die Hilfestellung, die sie dort erhalten, variiert stark von einem kurzen Praxisbesuch mit einer Rezeptverschreibung bis hin zur umfangreichen Diagnostik von mehreren unterschiedlichen Fachgebieten. Wir sind besorgt, dass paradoxerweise ADHS dabei derzeit sowohl zu häufig wie auch zu selten diagnostiziert wird. ADHS wird heute noch häufig nicht ausreichend bzw. fachgerecht behandelt, andererseits z.T. aber auch unsachgemäss übertherapiert.

Zielsetzung der folgenden Zusammenstellung ist es daher, einen Standard für die Diagnostik und Therapie von ADHS zu beschreiben:
 

Ein umfassendes Diagnostikverfahren für ADHS umfasst jeweils eine Beschreibung der gesamten Person. D.h. man muss ermitteln, wo die ADHS-Symptome die physische und psychische Funktionsfähigkeit einer Person bzw. deren Persönlichkeit beeinflussen. Jeder Mensch ist ein Individuum, mit eigenen Stärken und Schwächen. Eine Diagnose, die allein nur einzelne Aufmerksamkeitssymptome checklistenartig in Schubladen presst, ist ungeeignet. Wenn man die Persönlichkeit des Hilfesuchenden erkannt hat, kann man die Bedeutung der ADHS-Symptomatik in dem gesamten Lebenskontext verstehen. Der Erfolg einer Behandlung hängt davon ab, ADHS innerhalb der Lebensumstände zu verstehen und zu integrieren.


Denke an ADHS, aber berücksichtige auch Differentialdiagnosen!
ADHS ist eine häufige Störung und sollte als beteiligter Faktor bedacht werden, wenn ein Kind oder ein Erwachsener über Schwierigkeiten in folgenden Bereichen klagt: Lernstörungen, Selbstkontrolle, Abhängigkeiten, Kontakte mit anderen Menschen oder andere gesundheitliche Probleme.
Dabei kann sich ADHS in einem sehr unterschiedlichem Ausmass darstellen. Die richtige Diagnosestellung der ADHS kann helfen, die Existenz anderer Störungen der Gesundheit, Lernstörungen oder emotionalen Störungen zu verstehen, bzw. kann als begleitende Störung auftreten. Hierzu sollten die professionellen Diagnostiker u.a. an folgende häufig begleitende Zustände denken:

ADHS-Symptome können in allen Lebensabschnitten auftreten
ADHS ist das Resultat von biologischen Unterschieden in Hirnabschnitten, die für die Aufmerksamkeit, Impulskontrolle und Wachheitsgrad zuständig ist. Während ADHS also biologisch begründet ist und in der Regel seit der Geburt vorhanden ist, können Symptome auch erst dann auftreten, wenn der/die Betroffene aus irgendwelchen Gründen den Alltagsanforderungen nicht mehr gewachsen ist. Dabei kann ADHS zu jedem beliebigen Zeitpunkt im Leben symptomatisch werden. Obwohl also die Symptome der ADHS den Patienten nicht unbedingt zuvor im Leben beeinträchtigt haben müssen, müssen sich doch für die Diagnosenstellung typische Zeichen in der Kindheit nachweisen lassen. Hierzu sollte der Untersucher nach Hinweisen für Hyperaktivität oder Aufmerksamkeitsstörungen in der Kindheit suchen und hierzu u.a. Berichte der Eltern, Zeugnisse oder Lehrerkommentare, Vorbehandlungen bei Psychologen oder Ärzte verwenden.

ADHS beeinträchtigt häufig die Ausbildung. Ein fehlender Schulerfolg beeinflusst die spätere wirtschaftliche und soziale Lebensführung erheblich. Daher sollten Lernbeeinträchtigungen und Schulprobleme sorgfältig erfragt werden. Andererseits schliessen schulischer oder beruflicher Erfolg keineswegs die Diagnose einer ADHS aus.


ADHS beeinflusst verschiedene Bereiche des Lebens.
Es kann eine Vielzahl von gesundheitlichen Problemen, Konzentrationsproblemen, Lernstörungen, Ausbildungsproblemen, oder Sprachstörungen beeinflussen oder imitieren. Daher erfordert eine angemessene, umfassende Diagnostik für ADHS eine medizinische Anamnese sowie Informationen zur Schulausbildung und Verhalten. Zusätzlich sollte ein normales Gehör und Sehvermögen durch einen Arzt festgestellt werden und eine systemische Erkrankung oder Entwicklungsstörung ausgeschlossen sein. Die Diagnostik von ADHS sollte nie alleine auf der Basis von Selbstbeurteilungsbögen, Fragebögen oder Tests beruhen. Vielmehr muss die Abklärung von ADHS drei grundlegende Fragen beantworten:
 

  1. Liegen eine ausreichende Anzahl von ADHS-Symptomen gegenwärtig vor, die fortlaufend eine wesentliche Beeinträchtigung für die betroffene Person darstellen?
  2. Lassen sich diese Symptome bis in die Kindheit zurückverfolgen?
  3. Gibt es irgendeine alternative Erklärung für das Vorhandensein dieser ADHS-Symptome?

Die Diagnostik und Behandlung von ADHS sollte durch einen qualifizierten Fachmann erfolgen.
Ein (für ADHS) qualifizierter Fachmann kann aus einer der folgenden Fachgruppen stammen: Psychiater / Neurologe, Kinderarzt /-psychiater, Internist, Hausarzt oder andere qualifizierte Ärzte; Psychologen bzw. Psychotherapeuten. Ein entsprechender Fachmann / bzw. eine Fachfrau sollte nicht nur die Erlaubnis zu Praktizieren haben, sondern Ausbildung und Erfahrung in der Differentialdiagnose und Behandlung von ADHS und dem gesamten Spektrum psychiatrischer Erkrankungen.


Die Wirkung einer Medikation sollte nicht Grundlage der Diagnosenstellung von ADHS sein.
Es gibt eine Reihe von Gründen, warum man aus der individuellen Reaktion auf eine Stimulanzien-Therapie oder eine andere Medikation keine richtigen Rückschlüsse auf das Vorhandensein von ADHS schliessen kann. Erstens muss man wissen, dass Stimulanzien keineswegs nur bei Patienten mit ADHS eine Wirkung haben; auch andere Patientengruppen bzw. Gesunde können positiv auf sie reagieren. Zweitens kann eine fehlende Wirkung der Medikation an einer falschen Dosis oder aber ein fehlendes Ansprechen des Organismus auf dieses Medikament liegen und nicht unbedingt dadurch begründet sein, dass bei der Person nicht die Diagnose ADHS zutrifft. Drittens könnte ein positives Ansprechen auf das Medikament eher auf einen Placeboeffekt als auf eine wirkliche Indikation bzw. Beweis für eine ADHS zurück zuführen sein. Viertens könnte die Verwendung eines Medikamentes zur Diagnostik den Arzt verleiten, vorschnell den diagnostischen Prozess zu beenden ohne andere Erkrankungen zu berücksichtigen, die gleichzeitig mit ADHS auftreten können und gemeinsam die individuelle Leistungsfähigkeit beschränken.


Die Diagnose sollte sich primär an die diagnostischen Kriterien des DSM-IV. halten.
Um eine Standardisierung zu erreichen, sollte die Diagnose von ADHS sich an den gegenwärtigen internationalen Kriterien für psychische Erkrankungen halten. Dies sind derzeit auch international die Kriterien des Diagnostic and Statistical Manual of the American Psychiatric Association, 4. Auflage, bekannt als DSM-IV. Einige Experten haben zu Recht die DSM-IV-Kriterien von ADHS kritisiert und zahlreiche Probleme benannt. Insbesondere sind die Kriterien nicht auf unterschiedliche Altersgruppen angepasst, so dass sie in der publizierten Form zu inflexibel für die Diagnose von Erwachsenen seien, d.h. Erwachsene werden derzeit noch zu selten erfasst. Hierzu wurden bereits geringe Anpassungen in der Fachliteratur empfohlen, dennoch ist es dringend angeraten, sich primär an diese Diagnosekriterien zu halten.


Die Diagnose und Behandlung sollte andere Personen einschliessen, die auch Fremdbeurteilungen geben können.
Eine geeignete Diagnose und Behandlung von ADHS sollte andere Personen wie Eltern, Partner, Lehrer und - wenn dies sinnvoll und möglich ist - Arbeitgeber mit einbeziehen. Diese Menschen können für die Zusammenarbeit sehr nützlich sein und wertvolle Informationen für den diagnostischen Prozess und die Behandlung liefern. Wenn sie Informationen über ADHS erhalten und ADHS dadurch besser akzeptieren können, können sie so auch eine wertvolle Unterstützung für den von ADHS Betroffenen werden.


Die Behandlung sollte in Zusammenarbeit verschiedener Berufsgruppen erfolgen.
Da es gegenwärtig keinen Weg gibt, ADHS zu „heilen", besteht das wesentliche Ziel der Behandlung darin, die individuellen Fähigkeiten damit umzugehen, zu verbessern (sog. Coping). Zu lernen, ADHS zu „bewältigen", erfordert häufig eine Kombination von Behandlungen durch Experten unterschiedlicher Fachrichtungen. Ein Arzt der Stimulanzien bzw. andere geeignete Medikamente verschreibt. Ein Psychotherapeut (bzw. Nervenarzt, Psychiater, Neurologe oder andere Experte), der eine unterstützende Informationsvermittlung für ihn und seine Familie anbietet, Kompensationsstrategien zu Haus und in der Schule oder Arbeit vermittelt und ein Training zum Erlernen von Verhaltenstechniken anbietet. Ein Pädagoge / Lehrer kann schulische Probleme neu bewerten und Hilfestellungen anbieten und dann Eltern oder Therapeuten eine Rückmeldung über die Effektivität der Behandlung geben. Somit sollten Angehörige verschiedener Berufsgruppen sich miteinander austauschen und ihre Bemühungen koordinieren.
Prinzipiell sollte man nicht mit einer medikamentösen Behandlung beginnen, bevor eine umfassende Informationsvermittlung abgeschlossen wurde und eine Indikation für etwaige andere Behandlungsformen ausgeschlossen wurde.

 


Ärzte bzw. andere Therapeuten sollten sich mit den aktuellen Forschungsergebnissen und Diagnostikverfahren vertraut machen.
Es ist die Verantwortung von jedem Arzt oder Psychotherapeuten, der mit der Erhebung und dem Umgang mit ADHS beschäftigt ist, das jeweils aktuellste Wissen über ADHS in sein / ihr klinisches Repertoire zu integrieren. Das verbesserte Wissen um Ursachen, Diagnose und Behandlung von ADHS, das aus der Zusammenstellung der aktuellen Veröffentlichungen stammt, wird wesentlich zu einer Verbesserung der Versorgung beitragen. Wir appellieren an alle Experten sich mit dem aktualisierten Stand von Diagnostikmethoden sowie den Voraussetzungen einer umfassenden Berücksichtigung aller Aspekte von ADHS und neuesten Behandlungsmethoden vertraut zu machen.


(1) Goldman, L.S., Genel, M., Bezman, R.J., and Slanetz, P.J. (1998). Council report of diagnosis and treatment of Attention -Deficit Hyperactivity Disorder in children and adolescents. Journal of the American Medical Association, 279, 1100-1107.

(c) 1998 National Attention Deficit Disorder Association. This document may be reproduced for personal nonprofit use, otherwise expressed permission from National ADDA is required.
Questions and inquiries should be directed to:
National Attention Deficit Disorder Association
9930 Johnnycake Ridge Road, Suite 3E
Mentor, OH 44060

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