Informationen zur Aufmerksamkeitsdefizit-/Hyperaktivitätsstörung (ADHS)

 

FAQ - Fragen und Antworten zu ADHS bei Erwachsenen

Dr. med. M. Winkler + Dipl.-Psych. P. Rossi

Letzte Aktualisierung dieser Seite: 30.05.10

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Fragen

 

 

Antworten

In Büchern über die ADHS werden die verschiedensten Theorien über Ursachen und Behandlungsmöglichkeiten propagiert. Was kann ich glauben, was nicht?

Medizin, Psychiatrie und Psychologie sind Wissenschaften und keine Religionen. Es geht folglich um Wissen und nicht um Glauben. Die ADHS ist eine sehr gut erforschte Erkrankung. Vor allem auch über die Behandlungsmöglichkeiten wurde und wird sehr viel geforscht. Achten Sie also immer darauf, woher die Buchautoren ihr Wissen haben. Seriöse Ratgeber-Bücher geben immer die Quellen an, auf denen ihre Aussagen beruhen. Vielfach stützen sie sich dabei auf das Konzept der Evidenzbasierten Medizin. Wer also beispielsweise behauptet, dass eine Vitaminkur eine bewährte Therapie der ADHS sei, muss dies belegen, sofern er glaubwürdig bleiben will.

 

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Können Sie mir einen ADHS-Spezialisten in der Nähe von Bochum empfehlen?

Nein. Die Verantwortlichen von ADD-Online können grundsätzlich keine Fachpersonen zur Abklärung und Behandlung von ADHS empfehlen. Wenden Sie sich an Ihren Arzt und die örtlichen Selbsthilfegruppen.

 

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Was ist ADHS?

Mit ADHS wird heute eine psychiatrische Diagnose bezeichnet, welche durch erhebliche Beeinträchtigungen

und deren negativen Auswirkungen für die Alltagsbewältigung der Betroffenen gekennzeichnet ist.

ADD steht für das englische "Attention-Deficit-Disorder" und wird auch als Sammelbegriff für die nachfolgend dargestellten Syndrome verwendet.

Üblich ist auch der Begriff ADHD für: Attention-Deficit/Hyperacitivity Disorder. Also Aufmerksamkeits-Defizit mit und ohne Hyperaktivität. Im deutschsprachigen Raum wird von ADHS für "Aufmerksamkeitsdefizit-/Hyperaktivitätssyndrom" gesprochen. Früher gebräuchliche Diagnosebezeichnungen für dieses Syndrom lauteten:

 

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Welches sind die Ursachen der ADHS?

Die genaue Ursache der ADHS ist bis heute nicht bekannt. Man geht davon aus, dass ADHS eine neurobiologische Prädisposition darstellt, die zu einer Störung der Inhibition (Inhibition=Hemmung, Filterung) neuronaler Aktivitäten, welche Verhalten, Emotionen und Kognitionen steuern, führt. Die Tatsache, dass man die Ursache der ADHS noch nicht kennt, bedeutet aber keineswegs, dass es sich bei der ADHS um ein 'Phantom' handelt. Im Gegensatz zu anderen psychischen Erkrankungen, bei denen man die Ursache auch nicht kennt, weiss man bei der ADHS nämlich schon recht viel über die Ursachen. Untersuchungen lassen vermuten, dass es bei ADHS-Betroffenen im Frontallappen am Neurotransmitter Dopamin mangelt. Das Hirn ist quasi "unterstimuliert", die Kontrollfunktion des Stirnhirns ist eingeschränkt, die kortikale Hemmung schwindet und eintreffende äussere oder innere Reize können nicht adäquat ausgefiltert werden. Dies erklärt, warum ADHS-Patienten viel Stimulation benötigen, um "wach" und aufmerksam zu bleiben. Deswegen auch der ausgeprägte Reizhunger vieler ADHS-Patienten. Als sekundäre Folgen können (müssen aber nicht!) affektive Störungen oder aber eben je nach Sozialisationsbedingungen und Komorbiditäten auch andere psychische Störungen resultieren.

ADHS gilt also primär als eine Störung der Impulskontrolle, da inhibitorische Vorgänge wesentlicher sogenannter "executive functions" gestört sind. Hierzu gehören u.a.: Wahrnehmung, Gedächtnis, Emotionen und arousal, Ausführung und Planung etc. Es folgt daraus u.a. eine vermehrte Ablenkbarkeit und eingeschränkte Daueraufmerksamkeit bzw. selektive Aufmerksamkeit/Konzentration.

 

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Ist ADHS eine andere Bezeichnung für das "Zappelphillip-Syndrom" bzw. Hyperaktivität bei Kindern?

Ja und nein:

 

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Wieso eigentlich "Aufmerksamkeits-Defizit"?

Der Begriff ist insofern verwirrend, weil viele Betroffene sich sehr wohl ausgezeichnet auf interessante (!) Dinge konzentrieren vermögen. Um aufmerksam zu sein, muss man über folgende Fähigkeiten verfügen, welche bei ADHS in einem erheblichen Ausmass überdauernd eingeschränkt sein können:

 

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Welche Symptome sind typisch bei Erwachsenen-ADHS?

Grundsymptome sind a) ein Gefühl der überdauernden Leistungsschwäche (realistisch gesetzte Ziele können über einen langen Zeitraum hinweg nicht in die Tat umgesetzt werden) und b) der damit einhergehende (partielle) Verlust der Selbstachtung.

Menschen mit ADHS "sehen" oftmals "zuviel": Im Zustand von Ruhe und der Abwesenheit von interessanten und stimulierenden Reizen ist ihre Wahrnehmungsfähigkeit mit einem "Weitwinkel-Objektiv" eines Fotoapparates (grosser Bildkreis) vergleichbar. Weil dann gleichzeitig oft zu viele optische, akustische und andere Reize und Signale wahrgenommen werden, kann dies zu Reizüberflutungen und in der Folge zu Zerstreutheit und grossen emotionalen Schwankungen führen.

ADHS-Betroffene müssen aus diesem Grunde heraus oftmals sehr viel Energie aufbringen, um die Anforderungen des Alltags zu bewältigen. Sie müssen sich viel mehr als andere Menschen anstrengen, um "am Ball zu bleiben". Entweder sind sie hochstimuliert ("motiviert"), orientierungs-, handlungs-, steuerungsfähig und "in Aktion" oder aber sie sind blockiert, werden von Reizen überflutet, "hüpfen" vom "Hölzchen zum Stöckchen", "hypern" und versuchen oftmals verzweifelt, allen Reizen und Signalen gleichzeitig nachzugehen. Diese Erfahrungen führen schliesslich dazu, dass Betroffene sich selbst unter Druck setzen, sich ihr Versagen vorhalten und sich nicht selten dafür auch selbst bestrafen. 

Um sich Erfolgserlebnisse zu verschaffen, arrangieren Menschen mit ADHS oftmals "Flashs" und besonders stimulierende Situationen: Diese spannenden Momente stimulieren das Frontalhirn, ermöglichen es, "bei der Sache" zu bleiben, und helfen den Betroffenen, sich zu orientieren und Identitätsgefühl aufrecht zu erhalten. Auch (potentiell) selbstschädigendes Verhalten (Automutilation, Sucht, Extrem-Sportarten) kann bei ADHS-Betroffenen die Funktion der Autostimulation übernehmen.

ADHS kann sich "hinter" vielen anderen psychischen Problemen verstecken, d.h. also, dass die meisten ADHS-Symptome unspezifisch sind. Zu den Kernsymptomen gehören Zerstreutheit, Planungsprobleme, innere und äussere Unruhe, Impulsivität, Intoleranz gegenüber monotonen Situationen, Reizhunger und übertriebene Suche nach Stimulation. Diese Symptome müssen sich auch in der Schulzeit bemerkbar gemacht haben.

 

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Ist ADHS eine Modeerscheinung und im Grunde genommen ein seltenes Phänomen?

Sicher beides nicht. Erstmals wurde bereits 1846/47 die Symptomatik anekdotisch vom deutschen Arzt H. Hoffmann im "Struwwelpeter" beschrieben. Und bereits 1902 beschrieb der englische Kinderarzt George F. Still in der renommierten medizinischen Fachzeitschrift „Lancet“ ein Störungsbild mit Beeinträchtigungen der Aufmerksamkeit, motorischer Überaktivität und Unfähigkeit zu diszipliniertem Verhalten. Er führte aus, dass nicht in erster Linie schlechte Erziehung oder ungünstige Umweltbedingungen, sondern eine angeborene Konstitution für diese Symptome verantwortlich sind. Seit der Einführung der Stimulanzientherapie durch das Forscher- und Erzieherehepaar Bradley im Jahre 1937 erfolgte eine rege Forschungstätigkeit, welche zu zahlreichen Änderungen in der Konzeptionalisierung und Bezeichnung dieses Störungsbildes führten. 

Erst in den vergangenen Jahren wurden durch neuere Untersuchungen bzw. Verlaufskontrollen hyperaktiver Kinder auch wissenschaftliche Erkenntnisse zur Symptomatik im Erwachsenenalter gewonnen. Seither findet besonders in den USA eine sehr intensive klinische und wissenschaftliche Beschäftigung mit diesem Thema statt. ADHS bzw. ADHD gelten als etablierte klinische Diagnosen.

Die Häufigkeit von ADHS wird sehr unterschiedlich eingeschätzt. Grundsätzlich geht man von 1-3 % der Bevölkerung aus. Rechnet man auch noch Formen mit reinen Aufmerksamkeitsproblemen hinzu, sollen bis zu 10% der Bevölkerung betroffen sein.

 

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Gibt es für ADHS eine biologische Grundlage?

Ja. Man geht heute von einer neurologischen bzw. neurobiologischen Störung aus. ADHS als neurobiologische Prädisposition ist also nicht auf "schlechte Erziehung" oder "unbewusste Konflikte", aber wohl auch nur sehr selten auf eine Geburtsschädigung oder eine falsche Ernährung zurückzuführen.

Vielmehr geht man von Veränderung im Hirnstoffwechsel bzw. der Neurotransmitter (Botenstoffe) aus, was jedoch zu erheblichen psychischen Folgen führen kann (aber nicht muss). Dabei lässt sich in speziellen bildgebenden Untersuchungen des Gehirns (SPECT bzw. PET) eine unterschiedliche Hirnaktivität insbesondere im Bereich des Frontalhirns nachweisen, welches u.a. für die Handlungsplanung verantwortlich ist. ADHS ist aber sicher nicht nur Krankheit. Sie bietet für viele Betroffene auch die Grundlage für die Entwicklung von besonderen Fähigkeiten (Kreativität, musische Talente usw.).

 

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Was bedeutet "behaviorale Inhibition"?

Nach einer aktuellen Theorie von dem Forscher Barkley ist eine verminderte behaviorale Inhibition, also eine "Verhaltenshemmung", wesentliche Ursache der ADHS-Symptomatik. Der überwiegende Anteil der Hirnfunktionen sind mit der Filterung bzw. Hemmung von Reizen beschäftigt. Funktioniert dies (z.B. durch eine relative Unterfunktion entsprechender Hirnabschnitte) nicht in ausreichender Form, so resultiert daraus eine Überempfindlichkeit der Reizaufnahme, der  Verarbeitung und Interpretation körpereigener und äussere Reize, der Gefühle und Gedanken. Dies bedingt dann auch, dass Gedächtnis, Strukturierung und Handlungsplanung nicht richtig aufeinander abgestimmt werden können. Man spricht in diesem Zusammenhang oft auch von Reizfilterschwäche.

 

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Gibt es Untertypen von ADHS?

Ja. Man unterscheidet nach den offiziellen Klassifikationssystemen (DSM-IV und ICD-10) folgende klinische Erscheinungsbilder:


Dr. Amen, ein ADHS-Spezialist aus den USA, unterteilt sogar fünf Subtypen von ADHS-Syndromen:

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Wie zeigt sich die ADHS bei Frauen?

Fast alle Untersuchungen zum Symptomatik und Verlauf bei ADHS sind bisher bei Knaben durchgeführt worden. Bei Frauen fallen typische Symptome häufiger erst mit Beginn der Pubertät (oder noch später) auf, da ein hormoneller Einfluss des Östrogen vermutet wird. Klinisch kann sich dies u.a. durch ein sog. prämenstruelles Syndrom bzw. eine schwere mensesabhängige Migräne darstellen. Im Kindesalter kann nun entweder eine typische Hyperaktivität bestehen oder aber nur leichte Formen von Unaufmerksamkeit, Tagträumereien etc., die dann als "typisch" für Mädchen angesehen werden. Da sich viele Mädchen gut anpassen können, treten klinische Symptome dann erst später (z.B. im Studium oder Beruf) zum Vorschein und werden dann nicht mit der Kindheit in Verbindung gebracht. Da für die offiziellen Diagnosekategorien aber Symptome vor dem 7. Lebensjahr auftreten müssten, wird bisher nur relativ selten an die Diagnose ADHS bei Frauen gedacht und dementsprechend in Untersuchungen eine niedrigere Prävalenz (Häufigkeit) von ADHS bei Frauen angegeben (Verhältnis 9:1 bzw. 3:1).

 

 

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Wie ist der Krankheitsverlauf?

Früher nahm man an, dass sich ADHS bzw. Hyperaktivität mit Beginn der Pubertät  "herauswächst". Dies ist wahrscheinlich nicht der Fall: Vielmehr erwirbt man wohl bessere Kompetenzen im Umgang mit Problemen und sucht sich Berufe, die auf die eigenen Fähigkeiten bzw. Defizite zugeschnitten sind (z.B. Grafik, Computer, Gastgewerbe). Erst wenn dann Krisen bzw. verstärkte Anforderungen im Leben auftreten, können die Kompensationsfähigkeit erschöpft sein und Symptome von ADHS in den Vordergrund treten. Somit kann sich ADHS grundsätzlich lebenslang erstmals als relevante Störung manifestieren. Grundsätzlich müssen sich dann aber wenigstens rückblickend Hinweise auf die Problematik in der Kindheit bzw. Jugend ergeben. 
Sicher ist, dass die ADHS in der Kindheit beginnt. Wer erst als Erwachsene/r mit ADHS-typischen Beschwerden zu kämpfen hat, kann gemäss heutigem Wissenstand davon ausgehen, dass den Konzentrations- und den anderen Schwierigkeiten eine andere Ursache zugrunde liegt. 

 

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Hat nicht jeder mehr oder weniger ADHS?

Im Sinne des geschilderten Syndroms sicher nicht. Entscheidend ist, dass die Symptomatik schwerer und überdauernder als in der Normalbevölkerung auftritt, sich auf den Lebensvollzug behindernd auswirkt und nicht nur auf gelegentliche Krisen beschränkt bleibt. Zusätzlich müssen bereits in der Kindheit klare Anzeichen einer ADHS nachweisbar sein. Dabei müssen natürlich andere organische und psychische Erkrankungen ausgeschlossen werden.

Andererseits gibt es sicher einen fliessenden Übergang zwischen "Normalität" und ADHS. Der amerikanische ADHS-Autor J. J. Ratey spricht von "Schattensyndromen", welche letztlich jeden Menschen mehr oder weniger stark beeinträchtigen können. Hiermit sind Unterformen bzw. abgemilderte Symptome "echter" psychischer Störungen gemeint, welche die gleiche neurobiologische Grundlage haben.
 

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Gibt es ethische Richtlinien zu Diagnosestellung?

Ja. Für die Diagnostik sollten Richtlinien eingehalten werden, die die amerikanische National Attention Deficit Disorder Association 1998 formulierte. Hiernach sollte sich die umfassende Diagnosestellung an der individuellen Problematik des Betroffenen orientieren und die Gesamtpersönlichkeit berücksichtigen. Vor einer Selbstdiagnose wird dabei gewarnt, zumal Personen mit ADHS meist schlechte Selbstbeobachter sein sollen. Die gründliche Diagnosestellung sollte sich dann an den internationalen Klassifikationssystemen psychiatrischer Störungen (d.h. DSM-IV bzw. ICD-10) orientieren und relevante andere Differentialdiagnosen und komorbide Störungen berücksichtigen.

 

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Wer diagnostiziert ADHS?

Dies ist heute ganz besonders bei Erwachsenen noch ein ungelöstes Problem, da der Kenntnisstand bezüglich ADHS unter Ärzten und Psychotherapeuten noch sehr gering ist. Zu warnen ist jedoch ausdrücklich vor einer Selbstdiagnose. Ideal wäre, wenn bei der Diagnose psychologische und somatomedizinische Kenntnisse kombiniert werden, d.h. in Kooperation von Psychotherapeut und Arzt. Bei den Ärzten wären eigentlich Neurologen, ggf. Nervenärzte oder Psychiater zuständig. Häufiger wird man aber sicher noch bei einem Kinderarzt  bzw. Kinder- und Jugendpsychiater mit Routineerfahrung bei ADHS im Kindesalter eine Diagnostik und ggf. eine Therapieoption erhalten.

 

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ADHS und begleitende (komorbide) Erkrankungen (Wann sollte man auch an ADHS denken?)

Wenn man die Symptome von ADHS bei Kindern und Erwachsenen kennt, erscheinen einem seine bisherigen klinischen Beobachtungen bei Patienten häufig in einem ganz neuen Licht. Dies gilt besonders dann, wenn sich bereits seit der frühen Kindheit Symptome der Unaufmerksamkeit, Impulsivität oder sehr frühzeitige affektive Störungen (Depressionen oder Angststörungen) in der Jugend zeigen. Oder aber, wenn in der Kindheit bereits eine Hyperaktivität oder eine Störung des Sozialverhaltens bzw. Störung mit oppositionellem Trotzverhalten diagnostiziert wurden. Auch Schlafstörungen, Teilleistungsstörungen (Legasthenie) oder anhaltende depressive Störungen, die nicht auf übliche Psychotherapie oder Pharmakotherapie ansprechen, könnten im Zusammenhang mit ADHS stehen. Leitsymptome sind dann eine chronische Unzufriedenheit, ungenügende Leistungen trotz Anstrengung oder aber auch chronische Sorgen oder Ängste. Besonders Patienten, die chronisch vergesslich oder verspätet sind, mit einem Haufen von Notizzetteln zur Therapie erscheinen usw. sollten auf ADHS untersucht werden. Auch bei Impulskontrollstörungen (z.B. aggressive Wutausbrüche, Selbstverletzungen, Nägelkauen, atypische Zwangsimpulse, Bulimie) oder Suchterkrankungen kann ein ADHS vorliegen.

 

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Darf man ADHS überhaupt diagnostizieren?

Nach den derzeitigen Diagnoserichtlinien (DSM-IV) muss man ADHS u.a. von folgenden psychischen Störungen abgrenzen:

Affektive Störungen wie: Depressive Störung, Dysthymie, bipolare Störungen. Dann: Angststörungen, Schizoaffektive Störungen und Schizophrenie, schizotypische Persönlichkeitsstörung, Borderline-Persönlichkeitsstörung, antisoziale Persönlichkeitsstörung sowie Alkohol- und Drogenabhängigkeit sowie vorheriger Stimulanzienabusus.

Abgrenzen heisst jedoch nicht, dass man dann ADHS nicht diagnostizieren bzw. behandeln darf. Komorbiditäten (gleichzeitiges Auftreten von Krankheiten) sind häufig bei ADHS. Für die Untersuchung bzw. Forschung ist es jedoch entscheidend, dass sich Beeinträchtigungen des Patienten (z.B. in der Jugend) auch unabhängig von den genannten Erkrankungen zeigen und besser durch ADHS erklärbar sein müssen.

 

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Wie grenzt man ADHS und depressive Störungen voneinander ab?

Ärzte und Psychologen, die ADHS nicht kennen, führen Symptome wie Konzentrationsstörungen, Frustrationsneigung (Dysphorie), Irritabilität oder Schlafstörungen zumeist auf eine Depression bzw. Dysthymie zurück, wobei häufig dann eine sog. "atypische", "agitierte" oder auch "larvierte" Depression diagnostiziert wird. Tatsächlich kann die Differentialdiagnose schwierig sein bzw. eine Komorbidität bestehen.

ADHS kann sehr wohl zu einem sehr niedrigem Selbstwertgefühl bzw. Verstimmungen führen, allerdings ist die Stimmung in der Regel auch leicht zum Positiven zu verändern (sog. Microhighs) und ist allgemein sehr von der Umgebung abhängig. Bei ADHS müssen sich zudem durchgehend (wenn auch milde) Beeinträchtigungen wie Ablenkbarkeit oder Konzentrationsstörungen, Motivationsmangel, Impulsivität etc. nachweisen lassen. Patienten mit depressiven Störungen zeigen in depressionsfreien Phasen keinerlei Einschränkungen ihrer kognitiven Leistungsfähigkeit. Ausserdem unterscheiden sich Depressionen von ADHS bedingten depressiven Störungen u.a. auch durch den Krankheitsverlauf.

 

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Kann ADHS an meinen Ängsten beteiligt sein?

Ja. Es erscheint sehr wahrscheinlich, dass bei der ADHS aufgrund des hohen Anspannungsniveaus sowie der erhöhten Erregbarkeit, Angststörungen eine besondere Rolle spielen können. Auch die "Soziale Phobie", d.h. Ängste in sozialen Situationen, kann gut durch ADHS beeinflusst sein, da Personen mit ADHS öfters das Gefühl in sich tragen, "anders als die anderen" zu sein. Viele Menschen mit ADHS zeichnen sich durch eine ständige Sorge bzw. Ängste aus, was wiederum auch durchaus einen selbstaktivierenden Effekt für ihr Gehirn haben könnte (Autostimulation, welche eine Verbesserung der im "Ruhezustand" eingeschränkten kognitiven Funktionen ermöglicht).

Spätestens, wenn übliche Angstexpositionsbehandlungen nicht den erwarteten positiven therapeutischen Effekt haben und in der Kindheit eine ADHS vorlag, sollte man an dieses Syndrom denken.
 

 

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"Wie ist das mit der Borderline-Persönlichkeitsstörung und ADHS?"

Besonders aufgrund einer hochgradigen emotionalen Instabilität und der Impulsivität kann man fälschlicherweise ein ADHS mit einer Borderline-Persönlichkeitsstörung verwechseln.

Allerdings unterscheiden sich beiden Störungen grundlegend. Die sog. emotional-instabile Persönlichkeitsstörung zeichnet sich u.a. durch eine hochgradige Identitätsstörung, ein chronisches Gefühl der inneren Leere, instabile bzw. intensive zwischenmenschliche Beziehungen, dichotomes Denken sowie u.a. eine chronische Suizidalität aus.

ADHS-Patienten hingegen sind  in ihrem Beziehungsverhalten (auch in der psychotherapeutischen Situation!) auffallend stabiler als Borderline-Patienten.

M. Linehan hat ein bio-soziales Modell der Borderline-PS entwickelt. Grundsätzlich geht man (aus verhaltenstherapeutischer Sicht) davon aus, dass insbesondere Gewalt- bzw. sexuelle Missbrauchserfahrungen in einem emotional-invalidisierenden Umfeld für die Borderline-Persönlichkeitsstörung verantwortlich sind. Ausgehend von unseren klinischen Beobachtungen, dass viele Borderline-Patienten/innen in der Kindheit (aber auch aktuell) deutliche Hinweise auf eine ADHS zeigen, könnte ADHS eine (die?) biologische Prädisposition für die Borderline-PS sein.

ADHS wäre dann die neurologische "Ursache", welche die adäquate Verarbeitung der traumatischen Erfahrungen verhindert. Die cerebrale Reizfilterschwäche begünstigt halt auch das kognitive Überflutet-werden (Flashbacks).

Und tatsächlich kann, nach ersten klinischen Erfahrungen der Verfasser, der Einsatz von Stimulanzien oftmals zu einer beeindruckenden Besserung der emotionalen Instabilität und Impulsivität der Borderline-Patientinnen führen. Diese medikamentöse Behandlung ermöglicht oftmals erst einen psychotherapeutischen Zugang zu Patienten. Dies stellt ein völlig neuer Ansatz in der Behandlung von Borderline-Patienten dar, der jedoch durch weitere Untersuchungen weiter validiert werden muss.

 

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Ist ADHS bei Suchterkrankungen beteiligt?

Möglicherweise ja. Einiges spricht dafür, dass aufgrund der besonderen neurobiologischen Auffälligkeiten bei ADHS eine erhöhte Gefährdung für die Entwicklung von Suchtverhalten resultiert. Dies kann sich auf Nikotin, Kaffee, Coca Cola oder Schokolade beschränken. Oder aber in Form von Workaholics, gefährlichen Hobbys oder Tätigkeiten, Internetsucht oder anderen Extremen auftreten. Diese Verhaltensweisen können als Autostimulation verstanden werden: Der Nervenkitzel, der Zustand des Hyperfokussiertseins, der Gefahr, des Rausches usw. können das Frontalhirn stimulieren und dadurch bei den Betroffenen einen beruhigenden und entspannenden Effekt auslösen. Bei Suchtpatienten mit ADHS wird also diskutiert, ob die Effekte der psychotropen Substanzen dazu dienen könnten, die ADHS-typische Neigung zur Dysphorie (als emotionalem Korrelat zum Abfall der Aufmerksamkeitsleistungen bei fehlenden neuen Stimuli) zu kompensieren und gleichzeitig den ADHS-typischen Hunger nach Stimulation zu befriedigen. Eigene klinische Erfahrungen bestätigen diese Hypothesen.

Tabletten- oder Drogenabhängigkeit kann vor dem Hintergrund von ADHS auftreten. So postuliert u.a. die "Selbstmedikations-Hypothese", dass Drogenabhängigkeit ein dysfunktionaler Selbstheilungsversuch der Betroffenen sein könnte. Dies scheint besonders bei Cannabis- bzw. Kokainmissbrauch der Fall zu sein. Eine Diagnostik auf ADHS kann somit gerade bei Drogenabhängigen wertvolle neue Therapieoptionen eröffnen!

Biedermann, einer der führenden ADHS-Forscher aus Boston, hat in einer prospektiven Studie ausserdem zeigen können, dass mit Stimulanzien behandelte ADHS-Jugendliche ein um 85% weniger hohes Risiko für Drogenmissbrauch zeigen als solche, die nicht behandelt werden (Biedermann J. et al.: Pharmakothearpy of ADHD Reduces Risk for Substance Use Disorder, Pediatrics Vol 104,2, e20ff, 1999).
 

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Welche Informationen zur Abklärung braucht man aus der Kindheit?

Ideal ist das Vorhandensein möglichst vieler Fremdbeurteilungen bzw. -beoachtungen aus der Kindheit und Jugend (z.B. durch Zeugnisse, Eltern, Freunde, Hausärzte oder Psychologenberichte). Hinweise auf ADHS in der Kindheit wären u.a. neben der Hyperaktivität und/oder Aufmerksamkeitsdefiziten insbesondere schwere Verhaltensprobleme in der Schule, Impulsivität und Neigung zu Aggressivität, Übererregbarkeit oder häufige Wutausbrüche oder Trotzverhalten sowie Schlafstörungen. Weiter ist besonders auf sog. feinneurologische Zeichen (z.B. Ungeschicklichkeit, Lese- und Schreibprobleme, Legasthenie, Dyskalkulie, Hypersensibilität oder Sprachprobleme wie Stottern) oder Entwicklungsverzögerungen (verzögertes Laufen, Bettnässen etc.) aber auch auf paradoxe Medikamenteneffekte (z.B. Narkosemittel, Schmerzmittel, Beruhigungsmittel) zu achten.

Selbstverständlich können die oben erwähnten Auffälligkeiten in der Kindheit viele Ursachen haben. ADHS ist eine der möglichen Ursachen. Also: Nicht das Vorhandensein von irgendwelchen Problemen in der Kindheit ist entscheidend, sondern das frühe und beeinträchtigende Vorkommen von ADHS-typischen Symptomen.

 

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Welche weiteren Untersuchungen sind erforderlich?

Durch einen Arzt und einen klinischen Psychologen sollten organische Ursachen von Aufmerksamkeitsstörungen (z.B. Drogeneinfluss, Stoffwechselstörungen, Verletzungen), aber auch andere Hirnfunktionsstörungen  oder psychische Erkrankungen (u.a. depressive Störungen, Angststörungen, Persönlichkeitsstörungen) erfasst und gegenüber ADHS abgegrenzt werden. Dazu ist in der Regel eine neuropsychologische Untersuchung erforderlich.

In einigen Fällen kann die Durchführung eines EEGs und ggf. eines Computertomogramms  oder einer Kernspintomographie des Kopfes sinnvoll sein. Ideal wäre sicherlich eine sog. SPECT-Diagnostik (oder funktionelle NMR), die die Aktivität des Gehirns mit radioaktiv markiertem Zucker bei Ruhe und Konzentrationsfähigkeit misst. Eine solche Diagnostik ist aber nur sehr selten verfügbar (und teuer).

Grundlage für eine Diagnose und die Therapieindikationen bilden das persönliche Leiden der Betroffenen, der psychopathologische Befund, die ausführliche Anamnese sowie alle differentialdiagnostischen Überlegungen.

 

 

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Welche Differentialdiagnosen muss man berücksichtigen?

Störungen der Konzentration und Aufmerksamkeit bzw. Impulsivität sind zunächst sehr unspezifische Symptome, die bei einer Reihe von organischen Erkrankungen auftreten können. Im Gegensatz zu den nachfolgend genannten Erkrankungen müssen aber bei ADHS die Symptome auch überdauernd (d.h. bereits über viele Jahre) unabhängig bestehen. Folgende Erkrankungen sollte man u.a berücksichtigen:

Schilddrüsenerkrankungen (Über- und Unterfunktion), Urämie, Sauerstoffmangel des Gehirns, Lungenerkrankungen, Hirntumoren, Hirnhautentzündungen, Gifte, Kopfverletzungen, andere zerebrale Hirnfunktionsstörungen, Durchblutungsstörungen, Alzheimer, Parkinson, Chorea Huntington, Multiple Sklerose und vieles mehr. Diese Erkrankungen unterscheiden sich in Symptomatik und Verlauf sehr eindeutig von ADHS und sind klinisch gut abzugrenzen.

Schwieriger kann es sein, eine bipolare Störung zu erkennen bzw. abzugrenzen. Letztlich bleibt also für die Diagnostik ein mit ADHS und psychischen Erkrankungen erfahrener Diagnostiker erforderlich!

Siehe hierzu auch hier.

 

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Kann ADHS geheilt werden?

Nein. ADHS als biologische Prädisposition ist nach heutigem Wissen nicht heilbar. Es können aber spontan oder mit psychotherapeutischer Hilfe Bewältigungsstrategien entwickelt werden. Ausserdem sind viele Menschen mit ADHS nicht "krank", sondern können ihren Eifer, ihre Kreativität und ihre Spontaneität erfolgreich nutzen.

 

 


Wie sieht die Behandlung der ADHS aus? Medikamente oder Psychotherapie?

Beides! Nach dem heutigen Kenntnisstand ist eine sinnvolle Behandlung von ADHS nur durch eine Kombination von medikamentösen und psychotherapeutischen Hilfestellungen bzw. Verhaltensanpassungen wirklich möglich.
Viele Menschen haben erhebliche Bedenken gegen einen Einsatz von Medikamenten, die im Gehirn wirken. Dies ist aber insbesondere bei ADHS unbegründet. Durch die Behandlung wird das Gehirn nur in einen vernünftigen Funktionszustand versetzt, nicht etwa manipuliert oder gar Gedanken oder Fühlen wirklich verändert. Viele ADHS-Betroffene berichten aber, dass Stimulanzien wie Ritalin wie eine Brille ihr Leben grundlegend verändert haben und endlich wieder klare Sicht bzw. klares Denken ermöglicht. Natürlich kann man die Medikation auch jederzeit wieder absetzen, aber wer würde z.B. im Strassenverkehr oder beim Lesen freiwillig auf die Unterstützung durch eine Brille verzichten?

 

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Wieso setzt man Stimulanzien bei ADHS ein?

Stimulanzien führen in vielen Fällen zu einer verlängerten Aufmerksamkeitsspanne bzw. verbesserten Konzentrationsfähigkeit, und verminderter Ablenkbarkeit. Die Medikamente ermöglichen es,  Aufgaben abzuschliessen, sie reduzieren Hyperaktivität und Ruhelosigkeit und verringern auch eine erhöhte Impulsivität.

Der Einsatz dieser Medikamente ist seit sehr vielen Jahren etabliert und in zahlreichen wissenschaftlichen Studien in der Wirksamkeit belegt.

 

 

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Psycho-Stimulanzien bei Unruhe?! Ist das nicht paradox?

Früher hat man von einer "paradoxen" Medikamentenwirkung der Stimulanzien gesprochen. Nach dem heutigen Verständnis einer herabgesetzten Hirnaktivität ist der Einsatz von Stimulanzien aber sehr logisch: Durch eine medikamentöse Stimulierung der reduzierten neuronalen Aktivität im Frontalhirnbereich wird die eingeschränkte cerebrale Inhibition quasi  "repariert". Damit können u.a. die kognitiven Defizite reduziert werden. Viele Personen mit ADHS berichten, dass sie auf übliche Beruhigungsmittel (z.B. Benzodiazepine, Neuroleptika und sedierende Antidepressiva), Narkosemittel oder Schmerzmittel nicht wie von den Ärzten erwartet reagieren. Auch derartige "paradoxe" Medikamenteneffekte können daher im Zusammenhang mit ADHS stehen.

 

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Macht Ritalin abhängig?

Nein. Ritalin gehört zu den betäubungsmittelpflichtigen Mitteln (BTM) und wird gelegentlich auch in der Drogenszene gehandelt. Dosis bzw. Darreichungsform unterscheiden sich jedoch bei der Behandlung von ADHS grundlegend. Eine Suchtentwicklung ist bei kontrollierter Anwendung ausgeschlossen. Hierzu liegen über 3000 Untersuchungen vor, die durch aktuelle Konsensuspapiere der führenden amerikanischen Psychiaterorganisationen bestätigt wurden. Andererseits diskutiert man aber auch, dass ohne den Einsatz von Stimulanzien Personen mit ADHS ein erhöhtes Risiko für die Entwicklung von Suchterkrankungen haben. Stimulanzien können also bei Suchtpatienten präventiv wirken.

 

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Welche Nebenwirkungen kann Ritalin haben?

In den wissenschaftlichen Publikationen wird übereinstimmend davon gesprochen, dass Ritalin zu den sichersten und nebenwirkungsärmsten Medikamenten in der Psychiatrie überhaupt gehört. Nebenwirkungen sind sehr selten, wurden von den Verfassern bisher selten beobachtet, und beziehen sich zunächst überwiegend auf allergische Hautreaktionen, die aber nach Absetzen komplett rückläufig sind. Es kann allerdings 2 - 3 Wochen dauern, bis sich der Körper an die veränderte Aktivitätslage adaptiert hat. Hierbei können u.a. Schlafstörungen, Appetitstörungen, Kopfschmerzen oder Magendruck oder eine zunächst verstärkte Reizbarkeit und emotionale Labilität bestehen. Sehr selten sollen zudem sog. Tics (Zuckungen z.B. im Gesicht auf) oder Blutdruck- und Pulsanstiege auftreten.

Nach Absetzen bzw. Wirkungsende (3-5h nach Medikamenteneinnahme) kann eine verstärkte Symptomatik der ADHS auftreten (sog. Rebound-Effekt). Mit einer oder zwei Tassen Kaffee können erwachsene ADHS-Patienten/-innen versuchen, den Rebound-Effekt abzuschwächen. Bei anhaltend starkem Reboundeffekt ist eine Indikation für Ritalin SR (Retard), für Concerta oder Ritalin LA  zu überpr��fen.

 

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Beweist eine positive Wirkung von Ritalin, dass man ADHS hat?

Keinesfalls! Sehr viele Menschen erzielen mit Stimulanzien (z.B. vor Prüfungen) eine kurzzeitige Verbesserung der Konzentrationsfähigkeit, was aber nicht zur Nachahmung empfohlen werden kann. Eltern, die eine Selbstmedikation mit Ritalin ihrer Kinder probieren, sollten hieraus also keine voreiligen Schlüsse ziehen. Auch ein Nicht-Ansprechen auf Ritalin schliesst die Diagnose keinesfalls aus, da man annimmt, dass etwa 80% aller Personen mit ADHS einen positiven Ritalin-Effekt haben.

 

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Welche anderen Medikamente werden bei der ADHS verordnet?

Besonders sog. antriebssteigernde trizyklische Antidepressiva (z.B. Tofranil 10-300 mg, Anafranil 10-250 mg) oder in den USA das Antidepressivum Wellbutrin (Bupropion) oder Effexor (Venlaflaxin) werden alternativ bzw. ergänzend zu Stimulanzien eingesetzt, besonders wenn eine depressive Symptomatik begleitend vorliegt. Weitere Alternativen stellen sog. MAO-Inhibitioren (z.B. Aurorix) dar. Treten Symptome einer vermehrten Zwanghaftigkeit bzw. Festhalten/Grübeln etc. hinzu, werden sog. SSRI (Serotonin-Wiederaufnahme-Hemmer) wie z.B. Cipramil, Fevarin oder Fluctin empfohlen. Besonders bei Frauen mit ADHS mit einem prämenstruellen Syndrom soll die Kombination von Östrogenen (z.B. die Pille) mit SSRI sehr wirkungsvoll sein.

Weitere Medikamente (bei Temporallappenbeteiligung) wären Carbamazepin oder Valproinsäure, die man sonst zur Behandlung von Epilepsien oder Schmerzstörungen einsetzt. Auch Blutdruckmittel (Catapressan = Clonidin) bzw. Betablocker werden ergänzend zur Behandlung empfohlen.

 

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Wann ist eine Kombination von Medikamenten erforderlich?

Nicht selten reicht eine alleinige Medikation mit Stimulanzien nicht aus, was möglicherweise an den unterschiedlichen beteiligten Hirnabschnitten liegen kann. Nach klinischen Beobachtungen von Dr. Amen brauchen 29% eine 2er Kombination, 17% profitieren am Besten, wenn man drei Medikamente kombiniert. Dies könnte dann z.B. die Kombination von Ritalin, einem Serotonin-Wiederaufnahmehemmer und einem Antiepilektikum (z.B. Valproinsäure oder Carbamazepin) sein.

 

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Welche Psychotherapie hilft?

ADHS ist nicht auf ungelöste innere Konflikte zurückzuführen, hat aber sehr wohl erhebliche psychologische Einflüsse auf das Selbstwertgefühl und Verhalten eines Menschen. Eine psychoanalytische Psychotherapie erscheint bei ADHS nur wenig aussichtsreich, zumal ADHS-Patienten die für die Psychoanalyse notwendige freie Assoziation ihrer Gedanken nicht oder überschiessend ausüben werden.

Aus unserer Sicht und unserer Erfahrung ist eine verhaltenstherapeutische Psychotherapie bei ADHS indiziert. Hier kann man u.a. Techniken zur Strukturierung und Tagesplanung, Selbstorganisation, Problemlösetechniken und Entspannungsverfahren erlernen. Mit Methoden der Kognitiven Verhaltenstherapie können typische verzerrte Selbstbeurteilungen, die häufig wesentlich zur Aufrechterhaltung psychischer Begleitstörungen (z.B. Depressionen) beitragen, korrigiert werden.

 

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Was ist eigentlich ADHS-Coaching?

Viele Personen mit ADHS haben zunächst grosse Probleme in der Tagesstrukturierung bzw. darin, gesetzte Ziele auch wirklich umzusetzen. Wie bei einem Sporttrainer soll dann der Coach einen durch Ermutigung,  sanften Druck bzw. Ermahnung regelmässig (z.B. abends) an die vereinbarten Ziele erinnern. Dies kann z.B. ein guter Freund / Freundin sein oder auch ein Psychotherapeut.

 

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Was heisst eigentlich evidenzbasiert?

Medizin, Psychiatrie und Psychologie sind Wissenschaften und keine Religionen. Es geht folglich um Wissen und nicht um Glauben. Die ADHS ist eine sehr gut erforschte Erkrankung. Vor allem auch über die Behandlungsmöglichkeiten wurde und wird sehr viel geforscht. Achten Sie also immer darauf, woher die Buchautoren ihr Wissen haben. Seriöse Ratgeber-Bücher geben immer die Quellen an, auf denen ihre Aussagen beruhen. Vielfach stützen sie sich dabei auf das Konzept der Evidenzbasierten Medizin. Wer also beispielsweise behauptet, dass eine Vitaminkur eine bewährte Therapie der ADHS sei, muss dies belegen, sofern er glaubwürdig bleiben will. Zum Stichwort der Evidenzbasierten Medizin folgendes:
 
Der Begriff „Evidenz“ im Kontext der Evidenzbasierten Medizin (EbM) leitet sich vom englischen Wort „evidence“ = Nach-, Beweis ab und bezieht sich auf die Informationen aus klinischen Studien, die einen Sachverhalt erhärten oder widerlegen. Unter Evidenz-basierter Medizin (EbM) oder evidenzbasierter Praxis im engeren Sinne versteht man eine Vorgehensweise des medizinischen Handelns, individuelle Patienten auf der Basis der besten zur Verfügung stehenden Daten zu versorgen. Diese Technik umfasst die systematische Suche nach der relevanten Evidenz in der medizinischen Literatur für ein konkretes klinisches Problem, die kritische Beurteilung der Validität der Evidenz nach klinisch-epidemiologischen Gesichtspunkten; die Bewertung der Grösse des beobachteten Effekts sowie die Anwendung dieser Evidenz auf den konkreten Patienten mit Hilfe der klinischen Erfahrung und der Vorstellungen der Patienten.
Ein verwandter Begriff ist die evidenzbasierte Gesundheitsversorgung („Evidence-Based Health Care“), bei der die Prinzipien der EbM auf alle Bereiche der Gesundheitsversorgung, einschließlich Entscheidungen zur Steuerung des Gesundheitssystems, angewandt werden. Siehe dazu: Deutsches Netzwerk Evidenzbasierte Medizin  "DNEbM".
 
EbM "ist der gewissenhafte, ausdrückliche und vernünftige Gebrauch der gegenwärtig besten externen, wissenschaftlichen Evidenz für Entscheidungen in der medizinischen Versorgung individueller Patienten. Die Praxis der EbM bedeutet die Integration individueller klinischer Expertise mit der bestmöglichen externen Evidenz aus systematischer Forschung."
Siehe auch einen einführenden Text zur EbM  von Univ.-Prof. Dr. med. Götz-Erik Trott.

 

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