Fragen & Antworten zur medikamentösen
Behandlung der ADHS
Dr. med. M. Winkler + Dipl.-Psych. P. Rossi
Letzte Aktualisierung dieser Seite: 02.12.2008
Fragen
Welche Medikamente mit dem Wirkstoff Methylphenidat gibt es für die Behandlung von ADHS?
Begünstigen Stimulanzien Herztodesfälle und Herzinfarkte?
Kann es sein, dass die Stimulanzien mit der Zeit an Wirkung verlieren?
Wie wirken Stimulanzien wie Ritalin?
Was konkret bewirken Stimulanzien bei ADHS?
Wäre nicht ein Leben ohne oder mit möglichst wenig Medikamenten das Ziel?
Wie lange wirken Stimulanzien?
Welche Nebenwirkungen können Stimulanzien haben?
Was passiert, wenn man die Medikation sofort absetzt?
Wie unterscheiden sich Ritalin und Ritalin SR?
Wie lange muss man die Medikation einnehmen?
Gibt es Wechselwirkungen mit anderen Medikamenten?
Wirken Stimulanzien nach der Pubertät nicht mehr?
Warum ist Ritalin nur auf einem Betäubungsmittelrezept erhältlich?
Was mache ich, wenn ich die Medikation ständig vergesse?
Warum berichten die Medien ständig so negativ über Ritalin?
Wie genau sollte man eine Behandlung mit Ritalin beginnen?
Wie kann man den Behandlungserfolg überprüfen?
Was macht man, wenn Ritalin nicht wirkt?
Kann Ritalin auch in der Schwangerschaft/Stillzeit eingenommen werden?
Beeinträchtigt Ritalin die Fähigkeit, ein Fahrzeuge oder Maschinen zu benutzen?
Methylpräparate auch bei Kleinkindern?
Antworten:
Kann es sein, dass die Stimulanzien mit der Zeit an Wirkung verlieren?
Ja. Bei Langzeitpräparaten wie Ritalin LA oder Concerta kann es in einigen Fällen erforderlich sein, die Dosierung zu erhöhen. Das zeigen nicht nur klinische Erfahrungen, sondern konnte auch in Untersuchungen bestätigt werden. Gegebenenfalls ist die Umstellung auf ein weniger lang wirkendes Präparat erforderlich. Wichtig ist, dass bei Wiederaufflackern der ADHS-Syptome diese mögliche Ursache mitbedacht wird.
Welches sind die Indikationen (Behandlungsanzeigen) für
Stimulanzien-Behandlung mit Ritalin (Methylphenidat)?
Stimulanzien finden in der Medizin bei verschiedenen Indikationen
Verwendung. Am häufigsten werden sie zur Behandlung der ADHS (mit und
ohne Hyperaktivität) bei Kindern und Jugendlichen eingesetzt. Eine
Therapie mit Stimulanzien ist aber nur Teil eines umfassenden
Therapieprogramms, zu welchem auch noch andere (psychologische,
erzieherische, soziale) Behandlungsmassnahmen gehören.
Zumindest in Deutschland (und dem restlichen Europa) ist die Behandlung
von Erwachsenen mit Stimulanzien noch nicht allgemein etabliert und
auch bei Kindern und Jugendlichen teilweise noch mit Vorurteilen
behaftet.
Kann die Diagnose einer ADHS im Rahmen einer Abklärung bestätigt werden,
so ist gemäss allen den Verfassern bis jetzt bekannten
wissenschaftlichen Publikationen eine Therapie mit Stimulanzien auch bei
Erwachsenen Mittel der Wahl.
Auch werden für die Behandlung der Narkolepsie (plötzliche
Schlafanfälle) seit sehr langer Zeit Stimulanzien eingesetzt. Früher -
und neuerdings auch heute wieder - wurden sie gelegentlich als
Medikation bei Depressionen verwendet.
Wie wirken Stimulanzien wie Ritalin?
Ritalin ist ein zentralnervöses Stimulans. Es enthält den Wirkstoff: Methylphenidat-HCl und ist in Europa erhältlich in Tabletten zu 10 mg und zu 20mg (Ritalin SR). Der Wirkungsmechanismus von Stimulanzien am Menschen ist noch nicht völlig aufgeklärt, doch es wird angenommen, dass Ritalin das Erregungssystem des Stammhirns und den Kortex aktiviert und dadurch stimulierend wirkt.
ADHS wird - wie an anderer Stelle dargelegt - wahrscheinlich von einer neurobiologischen Funktionsstörung verursacht. Man vermutet heute, dass es sich um eine "Fehlsteuerung" längs der Katecholamin-Serotonin-Achse handelt, welche sich in einem Schwinden der kortikalen Hemmung manifestiert. Diese Umstände vermögen möglicherweise zu erklären, wieso sich die Therapie mit Stimulanzien bei hyperaktiven und/oder aufmerksamkeitsgestörten Kindern und Erwachsenen mit ADHS in vielen Fällen als wirksam erweist: Stimulanzien wirken bekanntlich auf das Katecholamin- und das Serotoninsystem, erhöhen die Ausschüttung von Neurotransmittern (u.a. Dopamin) im Frontalhirn und aktivieren bzw. stimulieren das Zentralnervensystem. Sie stabilisieren so die cerebralen "Filter-Funktionen" (Inhibition) und optimieren dadurch die Regulations-, Reizselektions- und Aufmerksamkeitsmechanismen.
Was konkret bewirken Stimulanzien bei ADHS?
Stimulanzien können (ggf. in Kombination mit anderen Medikamenten) die
Aufmerksamkeitsspanne erhöhen,
- die Ablenkbarkeit reduzieren,
- die Fähigkeit, Aufgaben abzuschliessen, verbessern,
- Hyperaktivität und Ruhelosigkeit reduzieren
- und die Impulsivität abschwächen.
Hierdurch wird auch die Fähigkeit, an Gesprächen teilzuhaben, deutlich optimiert. Bei Kindern verbessert sich häufig auch die Handschrift. Hausaufgaben bzw. häusliche Pflichten, wie auch die Arbeit an sich, werden häufig signifikant erleichtert. Aggression und unkontrollierte emotionale Reaktionen werden reduziert, Risikoverhalten wird abgemildert.
Immer wieder berichten ADHS-Patienten auch, dass sie dank der Ritalin-Therapie Schlafstörungen beheben konnten. Der verbesserte Reizschutz verhindert oder reduziert bei diesen Patienten in der "reizarmen" Einschlafzeit (Ruhe, Dunkelheit) ein Überflutetwerden von Erinnerungen und inneren Impulsen. Patienten vermögen sich dann besser "auf den Schlaf zu konzentrieren".
Damit auch Kinder mit
einer ADHS die Chance haben, ein den Umständen entsprechendes Selbstbild
aufbauen zu können, ist es von entscheidender Bedeutung, dass diese
Kinder positive Erfahrungen mit sich machen. Diese aufbauenden
Erlebnisse sollen sie aufmerksam wahrnehmen, verarbeiten und im
Langzeitgedächtnis abspeichern können. Sich an Positives erinnern zu
können ist Seelennahrung, auch für ADHS-Kinder.
Im familiären Kontext werden zudem grundlegende soziale Kompetenzen
erworben. Es ist völlig unlogisch, wenn man die
Selbststeuerungsfähigkeiten und Aufmerksamkeitsfunktionen dieser Kinder
in der Schulzeit medikamentös verbessert, ihnen in der Freizeit diese
Stützen aber vorenthält. Es ist, als würde man einem Kind mit einer
ausgeprägten Sehschwäche in der Freizeit die Brille vorenthalten.
Für die Persönlichkeitsentwicklung aller Kinder ist es evident, dass sie sich selbst möglichst kohärent erleben. Nur so sind sie in der Lage, ein mehr oder weniger einheitliches Selbstbild und eine stimmige Identität aufzubauen. Kinder, die nur in der Schulzeit medikamentös unterstützt werden, erleben sich einmal so und einmal anders. Dort haben sie Erfolge und im Familienleben "kracht" es.
Diese Problematik ist
auch im Zusammenhang mit der kurzen Halbwertszeit vieler Stimulanzien zu
berücksichtigen. Beispiel: Eine tägliche, einmalige und morgens
verabreichte Gabe eines Ritalin SR bedeutet, dass ab Mittag die
Konzentration des Wirkstoffes Methyphenidat so stark abnimmt, dass am
Nachmittag die Selbstkontroll- und Aufmerksamkeitsfunktionen nicht mehr
genügend unterstützt werden. Da die Zeit nach der Schule (Familienleben,
Hausaufgaben, soziale Kontakte in der Freizeit usw.) für das Leben eines
Kindes wesentlich sind, sollte vor allem bei Fortbestehen von
Problemverhalten in der Freizeit immer darauf geachtet werden, dass auch
in diesen Zeiten die Selbstkontroll- und Aufmerksamkeitsfunktionen
ausreichend gut medikamentös unterstützt werden können.
In der Praxis zeigt sich immer wieder, dass Verhaltensprobleme, welche trotz an sich erfolgreicher Therapie mit Stimulanzien fortbestehen, eben dadurch bedingt sind, dass in den Krisenzeiten keine oder keine ausreichend starke Wirkung der Medikamente vorhanden ist.
Wenn Sie vermuten, dass die Art und Höhe der Dosierung der Stimulanzien optimiert werden könnte, sollten Sie mit der zuständigen ärztlichen Fachperson Kontakt aufnehmen. In Eigenregie dürfen Art und Höhe der Dosierung nicht verändert werden.
Wäre nicht ein Leben ohne oder mit möglichst wenig Medikamenten das
Ziel?
Viele Menschen sind der Überzeugung, dass sie - wenn überhaupt - nur
eine sehr kleine Dosierung einer Medikation einnehmen sollten, da sie
Nebenwirkungen oder eine Manipulation durch das Medikament befürchten.
Diese Einstellung führt jedoch leider häufig dazu, dass die Medikation
letztlich ineffektiv ist. Man würde aber ja auch nicht zum Optiker gehen
und dort nach "einem bisschen Brille" verlangen, sondern sicher eine
Brille mit einer möglichst optimalen Sichtverbesserung!
Bei der ADHS ist eine sehr individuelle Entscheidung für eine Medikation
und auch eine optimale Auswahl des Präparates und der Dosierung
erforderlich, um den höchstmöglichen Effekt in Bezug auf die
Lebensqualität zu erreichen. Die "Wirkungen" bzw. unerwünschten
Begleiterscheinungen des unbehandelten ADHS sind sicherlich um ein
Vielfaches gravierender als mögliche Nebenwirkungen der Medikation.
Wie lange
wirken Stimulanzien?
Ritalin, als meist verwendetes Psychostimulans, wirkt im Durchschnitt 3
Stunden. Die mittlere Halbwertszeit beträgt 2 Stunden. Einige Patienten
berichten von einer Wirkungsdauer bis zu 6 Stunden. Bei der Retardversion
von Ritalin (Ritalin SR), beträgt die Wirkdauer 4-5, bei dem neuen
Ritalin LA ca. 8 Stunden.
Es gibt offensichtlich keine strenge Abhängigkeit von Alter oder
Körpergewicht. Bei Erwachsenen kann die notwendige Dosierung sogar
geringer als bei Kindern sein, da etwas andere Stoffwechselvorgänge
beteiligt sind. Die Dosierung muss individuell eingestellt werden.
Häufig können bereits mit 2 1/2 bis 5mg Ritalin 2 mal täglich
beeindruckende Verbesserungen erzielt werden. Andere Patienten hingegen
benötigen 4-5 mal täglich eine Ritalin-Dosis von 10mg.
Bei anderen Patienten wiederum kann erst bei einer Dosierung von 15mg
bis 20mg und teilweise auch bis 50mg 2-3 mal täglich eine Effektivität
bestehen. Nicht selten ist auch eine Kombination mit anderen
Medikamenten erforderlich.
Was muss mein Arzt tun?
Bis zur Einstellung einer richtigen Medikation und Dosierung sollte ein
regelmässiger Austausch (anfangs alle zwei Tage und am besten
persönlich, per Telefon oder über E-Mail) erfolgen. Regelmässig sollten
Gewicht, Blutdruck und Puls kontrolliert werden. Allenfalls ist auch ein
Routinelabor angezeigt. Vor Beginn der Behandlung sollten andere
Erkrankungen - insbesondere der Schilddrüse und Erkrankungen des Herzens
- ausgeschlossen bzw. therapiert werden.
Es braucht von Seiten
der Patienten wie auch des Arztes gelegentlich viel Geduld, um das
richtige Medikament und die individuell passende Dosierung zu
ermitteln.
Ferner überweist ein kompetenter Arzt einen ADHS-Patienten zu einem mit
der Behandlung dieses Störungsbildes erfahrenen Psychotherapeuten.
Welche Nebenwirkungen können Stimulanzien haben?
In den USA gelten zwischenzeitlich Stimulanzien als die sichersten
Medikamente überhaupt, welche von Psychiatern verschrieben werden.
Nebenwirkungen, die eine Krankenhauseinweisung erforderlich machen
würden, oder aber nicht nach Absetzen der Medikation sofort
verschwinden, treten nicht auf.
Jedes Medikament kann aber Nebenwirkungen verursachen. Zu den häufigsten
- von den Verfassern aber nie beobachtete - gehören allergische
Reaktionen, wie z.B. ein Hautausschlag. Jede negative Veränderung des
Allgemeinbefindens nach Beginn der Medikation sollte zu einer
Rücksprache mit dem behandelnden Arzt bzw. des verantwortlichen
Psychologen führen.
Erwachsene
Patienten/-innen mit ADHS und Angststörungen neigen dazu, Symptome von
Überdosierungen (z.B.: leichter Schwindel, "Kopfdruck", erhöhte Vigilanz)
fälschlicherweise als Angstsymptome zu interpretieren. Ähnlich ist dies
bei der Unterzuckerung, deren Symptome von Angstpatienten/-innen
ebenfalls oft falsch interpretiert werden. Dies kann dann wiederum
Panikattacken auslösen. Aus diesen Gründen soll Ritalin bei
Angstpatienten initial nur in kleinen Dosen (initial 3x1mg/d bis
2x2.5mg/d) verabreicht werden.
Die im folgenden beschriebenen Symptome gehen oft nach einer Behandlung
von 2-3 Wochen von selbst wieder weg oder reagieren positiv auf eine
Dosisreduktion.
- Appetitmangel
bei Kindern und Jugendlichen: Ist bereits beim unbehandelten
ADHS-Patienten oft ein Problem. Hilfreich kann ein leckeres und mit
Obst oder kleineren Leckereien angereichertes Frühstück, eine
Zwischenmahlzeit am Nachmittag sowie eine Spätmahlzeit sein. Einige
Kinder und Erwachsene bekommen erst gegen Abend Hunger. Tatsächlich
kann die Medikation zu einem Appetitmangel beitragen, so dass dann
erst relativ spät und nach Abklingen der Medikamentenwirkung, noch
Hungergefühle auftreten.
Siehe dazu: Ernährungstipps für Kinder unter Stimulanzien-Therapie. - Einschlafstörungen: Einige mit Ritalin behandelte ADHS-Patienten klagen über Ein- und Durchschlafstörungen. Zur Erleichterung des Einschlafens kann man die Nachmittagsdosis reduzieren und/oder die Dosis abends weglassen. Andere Patienten benötigen aber gerade eine kleinere nächtliche Dosis, um einschlafen zu können. Ein Tipp von dem Amerikaner Dr. D. Amen ist warme Milch, mit einem Teelöffel echter Vanille und Zucker oder Honig, weil dies den Serotoninhaushalt positiv verändern soll.
- Kopf- und
Magenschmerzen: Diese Symptome verschwinden normalerweise von
alleine. Hilfreich kann hier die kurzzeitige Verordnung von
Schmerzmitteln (z.B. Ibuprofen) sein. Ausserdem sollte man die
Stimulanzien mit den Mahlzeiten nehmen, um allfällige Magenprobleme
zu reduzieren.
Da auch Ritalin Farbstoffe enthalten, sind allergische Reaktionen auf Ritalin zwar selten, aber nicht ganz auszuschliessen.
- Tics: Einige Patienten sollen unter der Medikation Tics entwickeln (wie Blinzeln der Augenlider, unnatürliches Räuspern, '"spezielle" Kopfbewegungen usw.). Allerdings muss man wissen, dass einige ADHS-Patienten bereits vorbestehend Tics im Rahmen eines sog. Gilles- de-la-Tourette-Syndroms haben. Dieses Syndrom zeigt sich u.a. mit motorischen und vokalen Tics (unwillkürlichen Äusserungen, z.T. aggressiver bzw. beschimpfender Natur) und ist auch häufig mit Zwangssymptomen assoziiert. Es ist sehr schwer zu entscheiden, ob die Tics dann auf einen Medikamenteneffekt zurückzuführen sind, oder aber vorher schon bestanden. Treten Tics auf, sollte jedoch der Arzt informiert werden. Eventuell kann eine Dosiserhöhung hilfreich sein, manchmal muss aber die Medikation auch abgesetzt werden und durch eine ergänzende Medikation ersetzt werden.
- Wachstumsverzögerungen (bei Kindern): Immer noch hält sich das Gerücht, Ritalin würde das Wachstum hemmen. Verlaufsuntersuchungen zeigen jedoch, dass sich die Kinder unter Ritalin normal entwickeln und einen etwaigen kurzzeitigen Wachstumsstillstand rasch aufholen.
- Puls- und Blutdruckanstieg: Herzbeschwerden oder Puls- und Blutdruckanstieg sollten dem Arzt mitgeteilt werden.
Nebenwirkungen sollte man dokumentieren und in Abhängigkeit von der Zeit
des Auftretens bzw. der Frequenz in Verbindung mit der Medikation
bringen können. Bei allen ungewohnten Effekten sollte der Arzt
konsultiert werden.
Weitere Informationen über Ritalin sind - wie bei allen Medikamenten -
dem
Beipackzettel zu entnehmen.
Was passiert, wenn man die Medikation sofort absetzt?
Dies verursacht nicht direkt schwere medizinische Probleme, dennoch
sollte man dies selber so nicht ausprobieren. Einige Patienten berichten
über eine verstärkte Irritabiliät, Gereiztheit, depressive Verstimmung
oder verstärkte Hyperaktivität für einige Tage, wenn sie zuvor längere
Zeit regelmässig an Ritalin gewöhnt waren (das ist keine Abhängigkeit!).
Daher sollte man die Medikation eher schrittweise reduzieren (innerhalb
einer Woche).
Wie lange muss man die Medikation einnehmen?
Es gibt keinen Richtwert dafür, wann man auf die Medikation mit
Stimulanzien wieder verzichten sollte. Der Patient, sein Arzt, der
Psychologe, die Eltern oder Angehörigen sollten dabei eng
zusammenarbeiten und herausfinden, was richtig für den Betroffenen ist.
Medikation mit Stimulanzien gilt heute als ein ganz wesentlicher
Bestandteil der Therapie. Solange keine besseren Alternativen
existieren, sollte man sich nicht scheuen, selber die positiven Effekte
der Medikation kennen zu lernen und zu bewerten. Die meisten Betroffenen
wollen dann nicht wieder auf diese hilfreiche Medikation verzichten und
nehmen Ritalin mit guten Erfolgen über mehrere Jahre.
Oftmals bringen die durch die Ritalin-Therapie ermöglichten
Erfolgserlebnisse selbst einen derart bedeutsamen stimulierenden Effekt
mit sich, dass sich nach einer gewissen Zeit die Therapie mit
Stimulanzien erübrigt. Man beachte, dass die Mehrzahl der
ADHS-Betroffenen überdurchschnittlich intelligent sowie oftmals sehr
kreativ sind. Unseren Erfahrungen gemäss kann eine begleitende
Psychotherapie den ADHS-Betroffenen helfen, diese Ressourcen für die
eigene Entwicklung wieder nutzbar zu machen.
Ohne die Behandlung
mit Stimulanzien kann ADHS eine wirklich schwere und oftmals
therapieresistente psychische Erkrankung darstellen. Leider resultieren
aus einer unterlassenen oder unzureichenden Behandlung später dann ganz
gravierende sekundäre Probleme, wie z.B. die Entwicklung von
Verhaltensstörungen, Suchterkrankungen, Essstörungen, Depressionen oder
Angststörungen.
Hinweis: Die Angaben über die Sicherheit und die Wirksamkeit einer
Langzeitbehandlung mit Ritalin sind nicht vollständig. Deshalb sollten
alle Patienten, die längere Zeit behandelt werden müssen, ärztlich
sorgfältig überwacht werden. Es wird empfohlen, bei längerer
Behandlungsdauer von Zeit zu Zeit das vollständige Blutbild,
Differentialblutbild und die Thrombozytenzahl zu bestimmen.
Gibt es Wechselwirkungen mit anderen Medikamenten?
Jeder Patient - insbesondere mit ADHS - reagiert sehr individuell auf
Medikamente. Daher sollten die Ärzte und der Patient über alle
eingenommenen Medikamente gut informiert sein (z.B. auch über Mittel vom
Gynäkologen oder Heilpraktiker!)
Bei der Kombination mit tricyclischen Antidepressiva treten sehr selten
eine verstärkte Unruhe, Verwirrung oder Emotionsausbrüche auf.
Andererseits ist sehr häufig gerade die Kombination von Ritalin mit
diesen Antidepressiva sehr effektiv und es treten überhaupt keine
Probleme auf. Dies gilt auch für sogenannte MAO-Inhibitoren
(irreversible). Das in Deutschland erhältliche Aurorix verursacht aber
diese Probleme offenbar nicht. Dennoch sollte man vorsichtig in der
Kombination dieser Medikation sein, da sonst Blutdruckkrisen auftreten
könnten.
Einige Patienten mit ADHS werden unruhiger bzw. hyperaktiv bei einer
Kombination mit Antihistaminika. Hier sollte man bei allergischen
Symptomen lieber Mittel wählen, die nicht die Blut-Hirn-Schranke
passieren können.
Nasentropfen, die Noradrenalin enthalten, sollten besser nicht verwendet
werden.
Wirken Stimulanzien nach der Pubertät nicht mehr?
Es hält sich das Gerücht, dass Ritalin nur bis zur Pubertät eingesetzt
werden sollte. Es verliert aber keineswegs nach der Pubertät an
Effektivität. Allerdings kann - insbesondere bei Mädchen - eine
veränderte hormonelle Situation eine Dosisanpassung (Erhöhung oder aber
auch Absenken der Medikation) erforderlich machen.
Warum ist Ritalin nur auf einem Betäubungsmittelrezept erhältlich?
Ritalin und andere Medikamente fallen unter die Regelungen für
Betäubungsmittelrezepte, weil einige Menschen Missbrauch damit betrieben
haben. Dies gilt besonders für eine intravenöse oder aber sehr hohe
Dosierung von Ritalin bzw. Amphetaminen. Bei ADHS-Patienten, die eine
vielfach niedrigere Dosis brauchen, werden keine Suchtentwicklungen
beschrieben, zumal der Hirnstoffwechsel anders ist. Hierzu gibt es eine
sehr umfangreiche wissenschaftliche Auseinandersetzung mit diesen
Fragestellungen. Nach heutigem Wissen stellt bei sachgerechter Rezeption
die Einnahme von Ritalin keinerlei Gefahr dar.
Durch eine frühzeitige und sachgerechte Medikation mit Ritalin kann bei
jugendlichen ADHS-Patienten die Gefahr einer Entwicklung einer späteren
Abhängigkeit von Alkohol oder Drogen sogar reduziert werden. Die
Einnahme von Ritalin selbst verursacht also keine Förderung einer
späteren Abhängigkeitsentwicklung, sondern verhindert sie wahrscheinlich
eher.
Was mache ich, wenn ich die Medikation ständig vergesse?
Ständig daran zu denken, dreimal täglich Medikamente einzunehmen, ist
auch ohne ADHS schwierig. Da Zerstreutheit, Schusseligkeit und
"Vergesslichkeit" zu den typischen ADHS-Symptomen gehören, sollte man
sich nicht auch noch selber Vorwürfe für eine vergessene Tablette
machen. Eine Uhr mit Mehrfachsignalfunktion kann aber eine ganz gute
Hilfestellung zur Erinnerung bieten.
Hinweis: Das Vergessen der Medikamenteneinnahme kann ein Hinweis darauf
sein, dass eine Unterdosierung vorliegt. Ritalin wird - wie auch bei
anderen Psychopharmaka - oftmals unterdosiert.
Warum berichten die Medien ständig so negativ über Ritalin?
Informationen über Medikamente sollte man über seinen Arzt bzw. seine
Ärztin und besser nicht über die Tagespresse einholen. Auch via Internet
ist es heute möglich, bei medizinischen Datenbanken Zusammenfassungen
von wissenschaftlichen Studien zu Medikamenten anzeigen zu lassen.
Ergänzend kann versucht werden, sich in Selbsthilfegruppen
persönliche Erfahrungsberichte einholen. Hier wird man bezüglich der
Behandlung mit Ritalin überwiegend auf positive Erfahrungsberichte
stossen. Bei den in den USA lancierten juristischen Klagen gegen die
Pharmafirma, welche Ritalin herstellt, bleibt abzuwarten, ob die Kläger
Belege und Beweise für Ihre Vorwürfe vorbringen können.
Wie sollte man eine Behandlung mit Ritalin beginnen?
- Die Patienten werden vom Arzt ausführlich über die erwünschten und unerwünschten Effekte aufgeklärt.
- In Abhängigkeit von den Ausgangsproblemen werden konkrete Behandlungsziele formuliert.
- Dann müssen allfällig vorhandene Vorbehalte beim Patienten und seinen Angehörigen ausgeräumt werden, da sonst eine regelmässige Medikamenteneinnahme unwahrscheinlich erscheint und negative Placeboeffekte auftreten können.
- Um bestimmen zu können, ob ein Patient auf Ritalin (oder ein anderes Stimulans) respondiert und falls ja, wie lange die Wirkungsdauer ist, wird initial - also in der Einstellungsphase - nur zum Frühstück Ritalin verabreicht.
- Bis zum Eintreten einer positiven (oder negativen) Wirkung wird die Dosierung schrittweise alle 2 bis 3 Tage um 5mg bis 10mg erhöht. Beginn mit 2.5mg bis 5mg.
- Sollte ca. bei 50mg Ritalin keine (oder nur eine unerwünschte) Wirkung erzielt werden, wird ein anderes Stimulans, vorzugsweise Dexamin oder Ritalin SR (aufdosieren bis 60mg pro Einnahme), nach dem oben beschriebenen Verfahren eingesetzt.
- Wenn eine erwünschte Wirkung eintritt, kann schliesslich beurteilt werden, wie lange diese anhält (1.5h bis ca. 3.5h). Es können dann in Abhängigkeit von der Wirkdauer zwei, drei oder mehr Dosen pro Tag verabreicht werden.
- Um die gelegentlich beobachteten Einschlafstörungen zu vermeiden wird die Nachmittagsdosierung etwas niedriger gewählt oder es wird auf die Gabe von Ritalin SR verzichtet. Persistierende Einschlafstörungen können aber auch darauf hinweisen, dass auch gegen Abend Stimulanzien verabreicht werden sollten.
Ritalin nimmt man
besser nicht mit Zitrussäften (z.B. Orangensaft) ein, da die Resorption
vermindert sein kann. Auch der Kaffeekonsum sollte reduziert werden,
weil es bei der Kombination von Ritalin und Coffein zu einer
Überstimulierung des Gehirns kommen kann, was klinisch dann wieder
genauso wie das unbehandelte ADHS wirken kann. Ausserdem wird das Risiko
für das Auftreten von Nebenwirkungen deutlich erhöht.
Ritalin kann regelmässig (Normalfall) oder punktuell in speziellen
Situationen eingenommen werden. Im Gegensatz zu vielen Antidepressiva
ist es nicht zwingend erforderlich, Ritalin unbedingt regelmässig und zu
fest vorgeschriebenen Zeiten einzunehmen.
Ritalin SR (mit verzögerter Wirkstofffreigabe und einer längeren Wirkdauer) sollte möglichst nur nach einer Mahlzeit mit hohem Fettgehalt eingenommen werden, wenn die systemische Verfügbarkeit voll ausgeschöpft werden soll. Also: Frühstück mit Müesli und Milch und/oder Brot mit Butter und anschliessend Einnahme des Ritalin SR.
Wie kann man den Behandlungserfolg überprüfen?
Die meisten Patienten merken - sofern die richtige Dosierung erreicht
ist - sehr bald, ob Ritalin "wirkt" oder nicht. Sie fühlen sich
ausgeglichener, können besser zuhören, sind weniger ablenkbar und können
auch in monotonen Situationen "bei der Sache" bleiben. Allerdings merken
einige ADHS-Betroffene (vor allem Kinder!) selber nicht unbedingt die
positiven Veränderungen der Medikation sofort, diese fallen dafür
besonders ihrem Umfeld auf! Daher sollte für die Wirkungsbeurteilung
sowohl die Einschätzung des Patienten, wie auch Fremdbeurteilungen
eingeholt werden.
Hierzu sollte bei den folgenden Bereichen jeweils überprüft werden, ob
sich eine Verbesserung, Verschlechterung oder ein gleichbleibender
Effekt unter der Medikation zeigt.
- Hyperaktivität / Ruhelosigkeit
- Aufmerksamkeitsspanne
- Ablenkbarkeit
- Beenden von Aufgaben
- Kontrolle von Wut und anderen negativen Impulsen
- Frustrationstoleranz
- Soziale Interaktion zu Haus, in der Schule und mit Freunden
- Leistungen bei der Arbeit, Motivation
- Bei Kindern: Handschrift
- Stimmung
- Angst und Sorgengefühle
- Schlafqualität
- Reizschutz
Was
macht man, wenn Ritalin nicht wirkt?
Bei bis zu 20 % der Patienten soll Ritalin nicht wirken. In diesen
Fällen kann man entweder auf andere Stimulanzien (z.B. Dexamin, Ritalin
SR) ausweichen oder aber tricyclische Antidepressiva (z.B. Tofranil)
einsetzen.
Achtung: Häufig werden Stimulanzien unterdosiert, so dass fälschlicherweise angenommen wird, das Medikament wirke nicht. Einzelne Patienten benötigen hohe Tagesdosen.
Natürlich sollte man bei sog. Nonrespondern auch noch einmal die Diagnose überprüfen, auch wenn ein Ansprechen oder Nichtansprechen kein diagnostischer "Beweis" darstellt.
Häufig ist auch erst eine Kombination mit anderen Medikamenten wirklich effektiv. Hierzu gehören zur Behandlung depressiver Symptome sog. Serotonin-Wiederaufnahme-Hemmer (Fevarin, Fluctin, Cipramil, Zoloft u.a.).
Bei Frauen sollte ein ausreichender bis hoher Östrogenspiegel vorhanden sein bzw. durch die "Pille" erzeugt werden.
Auch Medikamente wie Carbamazepin bzw. Valproinsäure, die man sonst als Antiepileptika einsetzt, können dann erfolgreich allein oder in Kombination eingesetzt werden.
Beeinträchtigt Ritalin die Fähigkeit, ein Fahrzeug zu lenken oder Maschinen zu benutzen?
Nein. Voraussetzung:
Das Medikament wird nach klarer Indikationsstellung sowie in einer
korrekter Dosierung eingenommen. Im Gegenteil: Die
Konzentrationsfähigkeit wird bei ADHS-Patienten unter Ritalin
verbessert. Gerade Menschen mit ADHS weisen anamnestisch eine erhöhte
Unfallneigung auf, die sich unter der Therapie mit Stimulanzien oft
merklich reduziert.
Anders ist es mit der rechtlichen Situation bestellt: Lesen Sie hierzu
die Ausführungen von RA Reinhard Wissing (Ritalin
im Strassenverkehr).
Kann Ritalin auch in der Schwangerschaft/Stillzeit eingenommen
werden?
Nein. Generell sollte während der ersten drei Monate einer
Schwangerschaft auf die Einnahme von Medikamenten verzichtet werden.
Während der ganzen Zeit einer Schwangerschaft sollten Nutzen und Risiken
einer medikamentösen Behandlung sorgfältig in Betracht gezogen werden.
Es liegen keine Erfahrungen vor, die es erlauben würden, die Sicherheit
von Ritalin während der Schwangerschaft beim Menschen zu beurteilen.
Auch aus Tierexperimenten gibt es keine Beweise dafür, dass Ritalin frei
von teratogenem Potential oder anderen unerwünschten Effekten auf den
Embryo und/oder Fötus ist, die für die Beurteilung der Sicherheit von
Stimulanzien relevant sind.
Wenn es nach Auffassung des Arztes eine sicherere Alternative gibt,
sollte während der Schwangerschaft auf die Anwendung von Ritalin
verzichtet werden (Schwangerschaftskategorie C).
Es ist nicht bekannt, ob Methylphenidat und/oder seine Metaboliten in
die Muttermilch übertreten. Aus Sicherheitsgründen sollten Mütter, die
Ritalin einnehmen, davon absehen, ihre Kinder zu stillen.
Macht Ritalin
süchtig?
Nein. Bis heute liegen keine Hinweise vor, welche darauf schliessen
lassen, dass Ritalin süchtig macht. Zwar nehmen vereinzelt auch
Drogensüchtige Ritalin (in grossen Mengen) zu sich, aber eine
Ritalin-Abhängigkeit ist daraus nicht herzuleiten. Wenn dem so wäre,
hätte sich diese Substanz auf dem Drogenmarkt längst etabliert. Dies ist
aber, ganz im Gegensatz zu vielen Benzodiazepinen wie Rohypnol, Dormicum
u.a.) nie geschehen.
Biedermann, einer der
führenden ADHS-Forscher aus Boston, hat in einer prospektiven Studie
zeigen können, dass mit Stimulanzien behandelte ADHS-Jugendliche ein um
85% weniger hohes Risiko für Drogenmissbrauch zeigen als solche, die
nicht behandelt werden (Biedermann J. et al.: Pharmakothearpy of ADHD
Reduces Risk for Substance Use Disorder, Pediatrics Vol 104,2, e20ff,
1999).
Ein gelegentlich beobachtetes Nachlassen der Wirkung darf nicht als
Toleranzentwicklung missverstanden werden. Die verbesserte Reizselektion
und die optimierte Wahrnehmung ermutigt die Betroffenen, ihren
Handlungsspielraum zu erweitern und in (psychisches oder reales)
"Neuland" einzutreten. Die höheren Anforderungen können dann allenfalls
eine Dosissteigerung erforderlich machen.
Gerade in den USA, dem Land, in welchem das Medikament Ritalin bei
Kindern sehr häufig eingesetzt wird, würde man sich hüten, den Kindern
chemische Mittel zu verabreichen, die süchtig machen können.
Wie unterscheiden sich Ritalin und Ritalin SR?
Ritalin SR hat
gegenüber dem traditionellen Ritalin eine verlangsamte Resorption (SR=
Sustained Release - also eine verzögerte Wirkstofffreigabe). Während die
Wirkdauer von Ritalin etwa drei Stunden beträgt, erhöht sie sich bei
Ritalin SR auf 5 Stunden. Es wird empfohlen, Ritalin SR möglichst nach
einer fetthaltigen Mahlzeit einzunehmen. Dadurch wird die maximale
Plasmakonzentration + die Wirkdauer deutlich erhöht (ca. +1h!).
Eingesetzt wird Ritalin SR in erster Linie dann, wenn Ritalin nicht oder
viel zu kurz wirkt und/oder wenn der Rebound-Effekt zu stark ist. In
einigen Fällen wird zusätzlich zum Ritalin SR auch Ritalin eingenommen.
Was versteht man unter einem
Rebound?
Was versteht man unter einem „Rebound“ bei der Therapie mit
Psychostimulantien?
Problem: Unser Sohn Mark erhält seit einer Woche einmal täglich 10 mg
Methylphenidat. Wir haben zunächst mit einer halben Tablette (5 mg)
angefangen und jetzt die Dosis erhöht. Gegen Mittag ist aber sein
Hyperaktivitätssyndrom schlimmer als vorher! Er ist einfach nicht zu
ertragen und sagt auch selber, dass er sich so unruhig fühlt. Er will
deshalb die Medikation nicht weiter nehmen. Was sollen wir nur tun?
Antwort
Die Wirkdauer der bisher üblichen Stimulantien haben den Nachteil, dass
sie nur relativ kurz (d.h. ungefähr 3 bis vielleicht 5 Stunden)
anhalten.
Zwar gibt es durchaus auch viele ADHS-Kinder, die bereits mit einer
einmal täglichen Medikation gut therapiert sind, häufiger treten jedoch
auch Probleme auf: Viele Patienten spüren das Nachlassen der Wirkung
sehr abrupt und sehr unangenehm. Sie schildern das dann so, als ob ein
Schalter umgestellt wird (On-Off-Phänomen). Zusätzlich sind jetzt
natürlich auch wieder alle Symptome des ursprünglichen ADHS-Syndroms
spürbar. Dieses „Zurückschlagen“ der alten Symptomatik bei nachlassender
Medikamentenwirkung wird als „Rebound“ bezeichnet.
Grundsätzlich gibt es verschiedene Möglichkeiten dies zu verhindern:
Zunächst kann man natürlich versuchen durch eine 2 bis 3 mal tägliche Gabe einen möglichst gleichmässigen Wirkstoffspiegel zu erzielen und damit zumindest die Schwankungen abzumildern. Dabei muss man die für jedes Kind (bzw. Erwachsenen Patienten) notwendige Einzeldosis und die individuelle Wirkdauer bestimmen und danach die Einnahme abstimmen.
Einige Eltern berichten auch, dass mit dem Wechsel auf ein Amphetaminpräparat (z.B. Amphetaminsaft) diese Probleme deutlich geringer wären.
Eine neuere Möglichkeit ein Rebound-Phänomen zu verhindern besteht im Einsatz von länger wirkenden Medikamenten mit dem gleichen Wirkstoff (z.B. Ritalin SR, Ritalin LA, Concerta XL, Metadate). Diese Medikamente haben eine längere Wirkung von 6-12 Stunden, so dass im Idealfall nur einmal täglich eine Medikamenteneinnahme erforderlich wird.
Methylphenidat auch bei Kleinkindern?
Frage
Gibt es Untersuchungen zum Einsatz von Psychostimulanzien wie
Methylphenidat bei Kleinkindern unter 6 Jahren?
Antwort
Bisher wird der Einsatz von Stimulanzien (Ritalin und andere
Metyhlphenidatpräparaten) bei Kleinkindern zwischen 3 und 5 Jahren
sehr kritisch gesehen. Es fehlten einfach verlässliche
Untersuchungen, die den Nutzen und die Risiken im Rahmen eines
Gesamtbehandlungsplans (multimodale Therapie) bei Kindern mit ADHS /
HKS im Kindergartenalter bzw. Vorschule untersuchten.
Eine erste Langzeituntersuchung (PATS = The Preschool ADHD Treatment
Study) untersuchte nun in einem sehr sorgfältigen Studiendesign über
70 Wochen an 7 Kliniken diese Fragestellung.
Dabei zeigte sich, dass Vorschüler durchaus von der medikamentösen
Behandlung profitierten, jedoch eine besondere Empfindlichkeit für
die Pharmakotherapie besteht, so dass etwas niedrigere Dosierungen
zum Erreichen eines guten Behandlungserfolges ausreichten.
Verglichen mit älteren Kindern sollte man aber bedenken, dass sich
auch die möglichen Nebenwirkungen etwas stärker zeigen könnten.
Für die Untersuchung wurden 303 Vorschüler im Alter von 3 bis 5
Jahren eingeschlossen. Alle Kinder und ihre Eltern nahmen zuvor an
einer 10-wöchigen Verhaltenstherapie und Trainingskursen teil. Nur
Kinder mit einer ausgeprägten ADHS-Problematik, die nach der
Verhaltenstherapie keine guten Erfolge hatten und deren Eltern
natürlich in die Medikation einwilligten, wurden dann in die
eigentliche Studie aufgenommen.
Im ersten Teil der Medikationsstudie erhielten die Kinder eine sehr
niedrige Dosis von 3,75 mg am Tag, die dreimal täglich gegeben
wurden und dann bis auf eine Tagesgesamtmenge von bis zu 22,5 mg
gesteigert wurden. Dies muss man mit der durchschnittlichen
Tagesdosierung bei Schulkindern in Beziehung setzen, die 15 bis 50
mg Metyhlphenidat am Tag erhalten.
Die Studie verglich dann die Effektivität von Methylphenidat mit
einem Placebo. Sie konnten einen signifikanten Unterschied
nachweisen, der ebenfalls dosisabhängig war. Dabei ergaben sich (wie
zu erwarten ist) erhebliche individuelle Unterschiede in der
notwendigen Dosierung. Im Durchschnitt wurden nur 14 mg am Tag als
beste Dosierung gefunden. Dies galt zumindest für die jungen
Patienten, die dann in den folgenden Jahren die für Schulkinder
übliche Dosierung benötigten.
In den Studien wurde die Gesundheit und mögliche Nebenwirkungen sehr
gründlich untersucht. So zeigte sich zunächst eine scheinbare
Verminderung des Wachstums der Kinder (etwa einen halben inch
weniger als bei einer Vergleichsgruppe unbehandelter Kinder). Bisher
gehen Experten jedoch auch davon aus, dass es sich dabei um einen
Entwicklungsrückstand von ADHS-Kindern handeln könnte, der später
rasch aufgeholt wird.
89 Prozent der Kinder vertrugen die Medikation gut. Allerdings
musste bei 11% die Behandlung beendet werden, da Nebenwirkungen wie
Appetitminderung und Gewichtsabnahme um mehr als 10 Prozent
auftraten. Seltener waren Schlafstörungen, Stimmungsprobleme oder
innere Unruhe oder Hautpulen als Grund für die Beendigung der
Behandlung.
Quelle :
http://web4health.info/de/answers/adhd-toddler-mph.htm
