Dumm, faul, unfähig....“: ADHS bei Jugendlichen und Erwachsenen" - Grundlagen, Erscheinungsformen, Psychologie der ADHS
Letzte Aktualisierung dieser Seite: 02.12.2008
Piero Rossi (ergänztes
Vortragsmanuskript, 2002)
Zum Thema von heute: „Das ADHS-Kind wird erwachsen“. Je länger ich über
diesen Titel nachgedacht habe, um so mehr fragte ich mich: „Werden denn
ADHS-Kinder überhaupt jemals erwachsen?“ Klar, sie werden volljährig,
bekommen einen Bart, versuchen, sich angemessen auszubilden, fahren
Auto, bekommen Kinder, haben irgendwann graue Haare, werden Grosseltern
usw.
Aber: Werden ADHS-Kinder auch seelisch erwachsen? Werden sie wirklich
beziehungsfähig? Können sie sich beruflich ihren Begabungen und
Interessen entsprechend entwickeln? Können sich ihr Selbstbewusstsein,
ihre Selbsteinschätzung, ihre Selbstbeherrschung und ihre
Selbststeuerung tatsächlich zu einem persönlich befriedigenden
Lebensvollzug und zu reifem Denken und Handeln entwickeln? Und vor
allem: Wie kann man dazu beitragen, dass ADHS-Kinder zu gesunden und
glücklichen Erwachsenen heranwachsen?
Je länger ich nun über diese Fragen nachdachte, um so unwohler wurde mir
vor allem beim Gedanken, wie lange ich wohl diesmal an dem
Vortragsmanuskript sitzen würde.
ADHS bei Männern
Zuerst zu den Männern: Um nicht missverstanden zu werden, will ich
betonen, dass die folgenden Beispiele einfach dem entsprechen, was ich
persönlich in meiner Arbeit täglich höre und es sicher sehr viele
Männer, Väter und Ehepartner gibt, die gelernt haben, mit ihrer ADHS
anders umzugehen. Das gilt im Speziellen natürlich für diejenigen Knaben
und jungen Männer, deren ADHS behandelt wurde oder wird.
Also, wenn ich höre, was mir Ehefrauen und ADHS-Kinder in der Abklärung
so alles über ihre ADHS-betroffenen Männer und Väter erzählen, aber
auch, was sie selber mir während ihrer Untersuchung berichten, dann
zweifle ich schon manchmal, wie es mit dem Erwachsenwerden der
ADHS-Männer so steht..
Also, ich höre von diesen Männern,
- dass sie immer auf dem Sprung sind, ständig Neues anzetteln und am liebsten drei Mal im Jahr ein neues Auto oder eine neue Kamera kaufen würden, weil ihnen das Alte schnell langweilig wird und sie immer etwas Neues haben müssen.
- dass sie generell an neuen Dingen wie Hobbys, Sport- oder Computerartikel meist nur kurz Interesse haben, häufig „Nachschub“ brauchen und sich fast süchtig nach immer wieder neuen Sachen zuwenden.
- dass sie meist gleichzeitig mehr ”Projekte” am Laufen haben, als sie vertragen können und vieles anfangen - und vieles nicht zu Ende bringen.
- dass sie es im Beruf viel weiter bringen müssten, aber aus Langeweile, wegen Flüchtigkeitsfehlern oder aus Ärger mit dem Chef zu schnell und zu häufig die Stellen wechselten.
- dass sie mmer wieder daran erinnert werden müssen, dass die Wohnzimmerlampe endlich höher gehängt werden und das Rasenmähermesser endlich geschliffen werden muss;
- dass das Finanzamt wegen der fehlenden Steuererklärung nachfragte und die Männer diese und viele andere Aufgaben vor sich herschieben mit der Begründung, dass jetzt gerade Wichtigeres zu tun sei.
- dass sie impulsiv sind und vor allem auch bei Kleinigkeiten schnell in Wut geraten.
- dass sie dauernd mit den Fingern trommeln oder im Sitzen mit den Füssen wippen und eigentlich fast immer unruhig sind.
- dass sie Fingernägel kauen und ständig an den Barthaaren zupfen.
einfach nicht wirklich geniessen können, und Mühe haben, sich zu entspannen. - dass sie immer wieder Bussen wegen Geschwindigkeitsübertretungen einfahren oder einen Strafzettel heimbringen, weil sie beim Parkplatzsuchen wie immer keine Geduld hatten.
- dass sie es immer eilig haben und im Stress sind, häufig zu spät aus dem Haus gehen, zu spät ankommen und überhaupt ein sehr schlechtes Zeitgefühl haben.
- dass sie gesellschaftlichen und familiären Anlässen wenn immer möglich ausweichen, weil sie das "Blabla" und den Smalltalk hassen und weil sie anderen nur zuhören können, wenn es total interessant ist.
- oder sich in Gesellschaften gern produzieren, so dass es gar nicht mehr auffällt, dass sie anderen gar nicht in Ruhe zuhören können.
- dass sie beim gemeinsamen Frühstücken mit Ihnen gleichzeitig Zeitung lesen,
Radio hören, dazwischen dauernd kurz aufstehen, durch den Vorhang sehen
und kommentieren, dass der Nachbar jetzt heimkommt und trotzdem steif
und fest behaupten, sie würden ihnen wirklich zuhören.
häufig „auf Achse“ sind oder oftmals handeln, als wären sie wie „getrieben“. - dass sie gerne das Risiko suchen und am „Adrenalin-Junkie-Syndrom“ leiden.
- dass sie häufig mit Antworten herausplatzen, bevor die Frage zu Ende gestellt ist oder in Gespräche anderer hinein platzen oder andere häufig unterbrechen. Und: Ich höre über Männer, dass sie wie Kinder nicht warten können.
Sie merken es schon: Viele Männer mit einer ADHS zeigen in ihrem Verhalten erstaunlich viele Ähnlichkeiten mit hyperaktiven ADHS-Kindern. Ob sie also wirklich erwachsen werden?
Können auch Erwachsene an einer ADHS leiden?
In meinen ersten Ausführungen sprach ich mit so einer
Selbstverständlichkeit von erwachsenen ADHS-Betroffenen, dass Sie
vielleicht erstaunt waren. Wenn Sie das stutzig machte, dann ist es
allerdings verständlich: Die Tatsache nämlich, dass sich die ADHS auch
ins Erwachsenenalter fortsetzen kann, ist in Europa selbst bei vielen
Fachleuten noch weitgehend unbekannt.
So berichtet mir die Mutter nach der Abklärung ihrer 12-jährigen
Tochter, sie sei schon vorher durch die Fragebögen und Bücher darauf
gestossen, dass sie selbst vielleicht ADHS haben könnte. Zu viele dieser
Symptome kenne sie nämlich auch selbst und das seit ihrer Kindheit. Sie
habe dann ihren Arzt, bei welchem sie wegen chronischen Depressionen in
Behandlung ist, darauf angesprochen. Dieser habe ihr gesagt, sie könne
sich beruhigen: „Ein POS wächst sich mit der Pubertät aus. Es kann nicht
sein, dass Erwachsene POS haben“. Ich höre das von meinen Patienten
immer wieder. Viele der Ratsuchenden, welche meine Praxis aufsuchen,
habe eine ganze Odyssee hinter sich, bis sie sich einmal verstanden und
ernst genommen fühlen.
Häufigkeit und Verlauf
Eine Vielzahl von internationalen wissenschaftlichen Studien, die sich
mit dem Verlauf und der Verbreitung der ADHS befassen, zeigen, dass rund
bei der Hälfte der ADHS-Kinder auch im Erwachsenenalter
behandlungsbedürftige psychische Probleme, welche durch die
ADHS-Grundproblematik aufrecht erhalten werden, fortbestehen. 5-10%
aller Kinder und 3-6% aller Erwachsenen sollen die diagnostischen
Kriterien für die ADHS erfüllen. Die ADHS gilt weltweit als die
häufigste kinderpsychiatrische Erkrankung. Selbst wenn nicht bei der
Hälfte, sondern nur bei einem Drittel dieser Kinder die Störung im
Erwachsenenalter fortbestehen sollte, so ist es naheliegend, dass die
ADHS auch bei Erwachsenen sehr verbreitet sein muss. Im Hinblick auf die
Geschlechterverteilung geht man heute davon aus, dass Frauen und Männer
von der ADHS gleichhäufig betroffen sein können.
Modediagnose?
Leider muss ich immer wieder hören, dass das Thema ADHS bei Erwachsenen
z.T. auch von Fachpersonen nicht ernst genommen wird und auch mal als
„Modediagnose“ bezeichnet wird. Das Wissen, dass die ADHS auch im
Erwachsenenalter fortbestehen kann, ist aber alles andere als neu:
Bereits 1962 beschrieben Forscher, dass viele ehemals Hyperaktive als
Erwachsene emotional impulsiv sind, eine niedrige Frustrationstoleranz
haben und dazu neigen, in Wutanfällen, Panikattacken oder Befürchtungen
zu entgleisen. Anfang der 70er Jahre wandte sich Paul Wender, einer der
bekanntesten ADD-Forscher der USA, intensiv der Erforschung der ADHS bei
Erwachsenen zu. Bereits Ende der 70er Jahre fanden Therapieversuche mit
Stimulanzien, den klassischen ADHS-Medikamenten, bei Erwachsenen statt.
Sogar der wichtigste Seelenforscher des 20. Jahrhunderts, nämlich
niemand anderer als Sigmund Freud, der Begründer der Psychoanalyse,
wusste um die Problematik und die Symptome der ADHS.
Freud analysierte bei Erwachsenen das Phänomen der Unaufmerksamkeit und
Ablenkbarkeit und schrieb 1901 in „Zur Psychopathologie des
Alltagslebens“:
„Es gibt Menschen, die man als allgemein vergesslich bezeichnet und
darum in ähnlicher Weise als entschuldigt gelten lässt wie etwa den
Kurzsichtigen, wenn er auf der Strasse nicht grüsst. Diese Personen
vergessen alle kleine Versprechungen, die sie gegeben, lassen alle
Aufträge unausgeführt, die sie empfangen haben, erweisen sich also in
kleinen Dingen als unverlässlich und erheben dabei die Forderung, dass
man ihnen diese kleineren Verstösse nicht übel nehme, d.h. nicht durch
ihren Charakter erklären, sondern auf organische Eigentümlichkeit
zurückführen solle“.
In einem anderen seiner Aufsätze schrieb Sigmund Freud:
„Ein bekanntes Beispiel solcher Zerstreutheit ist der Professor der
„fliegenden Blätter“, der seinen Schirm stehen lässt und seinen Hut
verwechselt, weil er an die Probleme denkt, die er in seinem nächsten
Buch behandeln wird“.
Es ist schon erstaunlich, wie Freud vor 100 Jahren in fast
hellseherischer Manier moderne wissenschaftliche Erkenntnisse vorwegnahm
und in dem er schrieb, dass
"...Abänderungen der Blutversorgung im nervösen Zentralorgan..."
eine der Ursachen von Aufmerksamkeitsstörungen sein kann. Damit
formulierte er vorausschauend die heutige, quasi von allen
Wissenschaftlern anerkannte Erkenntnis, das eine genetisch bedingte
reduzierte Durchblutung und eine ungenügende neuronale Aktivität im
Stirnhirnbereich (und eben nicht primär Charakter- oder
Erziehungsprobleme) die primäre Ursache der ADHS darstellen.
Die mehreren hundert englischsprachigen wissenschaftlichen Publikationen
zur ADHS bei Jugendlichen und Erwachsenen, wahrscheinlich handelt es
sich sogar um eine vierstellige Zahl, hat man in Europa bis heute kaum
zur Kenntnis genommen. 1998 erschien erstmalig in deutscher
Sprache eine Übersetzung des ADD-Buches "Zwanghaft zerstreut" von E.
Hallowell. Und im gleichen Jahr erschienen in Fachzeitschriften die
ersten der inzwischen fünf Fachartikel zu ADHS bei Erwachsenen in
deutscher Sprache.
Der unaufmerksame Typus der ADHS
In Europa hat man aber lange nicht nur verkannt, dass ADHS auch bei
Erwachsenen vorkommen kann. Man auch nahezu komplett ignoriert, dass es
neben dem hyperaktiven Typus auch einen stillen, verträumten und
unaufmerksamen Typus der ADHS gibt. Also ADHS ohne “H”. Wir alle kennen
den ungelenken „Gstabi“, den Störenfried, den Zappelphilipp - eben das
sog. typische POS-Kind mit hyperkinetischen Verhaltensauffälligkeiten.
Der „Hans-Guck-in die Luft“, wie ihn der Arzt Philipp Hofmann in seinem
Kinderbuch „Der Struwwelpeter“ bereits 1845 beschrieb, also das
verträumte, zerstreute, unaufmerksame, vergessliche und langsame Kind,
es fand in Europa bisher kaum Beachtung.
Verhängnisvoll ist dieses Ausklammern des unaufmerksamen Typus der ADHS
auch deswegen, weil unter den Betroffenen viele Mädchen sind. Mädchen
und Frauen werden nicht nur im Bildungs- und Erwerbsleben benachteiligt,
sondern auch in der Forschung: Viele der Studien über die ADHS wurden -
wen wundert es - mit Knaben durchgeführt und man hat – z.B. in
Elternratgebern - den unaufmerksamen Typus vernachlässigt oder bewusst
ausgeklammert. Eine Studie der Universität Zürich über die Tauglichkeit
eines computergestützten Aufmerksamkeits-Tests bei ADHS-Kindern, welche
Ende 2000 veröffentlicht worden ist, wurde ausschliesslich mit Knaben
durchgeführt. Mich persönlich wundert es nicht, dass auch heute noch
hartnäckig daran festgehalten wird, dass die ADHS bei Knaben 3 - 8x
häufiger vorkomme, als bei Mädchen.
Feldforschungen führten dazu, dass die Amerikanische Psychiatrische
Gesellschaft 1980 in der dritten Version der DSM (Diagnostisches Manual
psychischer Störungen) die Bezeichnung „Hyperkinetische Störung“ durch
„ADD“ ersetzte. Damit trugen sie den Forschungsresultaten Rechung und
setzten Probleme mit der Konzentration und Aufmerksamkeit in den
Mittelpunkt dieses Störungsbildes. Schon ab diesem Zeitpunkt war es also
„offiziell“ möglich, ADHS ohne Zeichen der Hyperaktivität oder
Impulsivität zu diagnostizieren. Da Mädchen bzw. Frauen häufiger an der
stillen Form der ADHS leiden, fallen sie einfach aus dem Diagnose- und
Begriffsraster.
Die heute noch gültige Version der DSM-IV von 1994 erlaubt die Diagnose
von drei Typen der ADHS: Nämlich den vorwiegend unaufmerksamen Typus,
den vorwiegend hyperaktiven Typus und den Mischtypus. Epidemiologische
Studien, welche in den USA zwischen 1995 und 1997 durchgeführt wurden,
zeigten, dass die ADHS ohne Hyperaktivität kein Phantom ist, sondern
quasi doppelt so häufig vorkommt, wie der meistens alleine anerkannte
hyperaktive und primär männliche Typus der ADHS. Die Prävalenz, also die
Auftretenshäufigkeit des unaufmerksamen Typus der ADHS betrug zwischen
4.5 und 9%. Der kombinierte Typus hingegen liess sich bei 1.9 bis 4.8
der Bevölkerung feststellen und der hyperaktive Typus bei 1.7 - 3.9%.
Bevor ich mit weiteren Beispielen aus meiner Praxis und Informationen
zur ADHS bei Jugendlichen und Erwachsenenalter fortfahre, will ich jetzt
einen kurzen „Kameraschwenk“ vornehmen zur Theorie der ADHS.
ADHS als Schwäche der Hemmfunktionen
Aus der Vielfalt von alltäglichen Verhaltensweisen oder Erleben eines
Menschen mit einer ADHS, sieht man ja nicht das ADHS selbst, sondern die
für einen selbst oder für andere oft schmerzhafte Folgen und
Auswirkungen dieses Syndroms: Eine ADHS kann tausend Gesichter haben. Um
diese unendlich vielen ADHS-typischen Verhaltensweisen oder Empfindungen
wirklich verstehen und diagnostisch korrekt einordnen zu können, braucht
es ein Grundwissen über den Kern der ADHS.
Gemäss dem heute international anerkannten Stand der Erforschung dieses
Syndroms, ist das Kernmerkmal der ADHS eine neurochemisch bedingte
Schwäche der Hemmfunktionen unseres Zentralcomputers namens: Gehirn.
Folgen sind Zerstreutheit, Ablenkbarkeit, Vergesslichkeit und bei
einigen Betroffenen auch Impulsivität und hyperaktives Verhalten. Man
weiss heute, dass bei der ADHS bestimmte Nervenzellen untereinander
nicht genügend aktiv kommunizieren, und zwar in genau denjenigen
Hirnregionen, welche im Normalfall sehr flexibel die von aussen auf uns
eintreffende Reize filtern, dann sortieren und schliesslich für eine
angemessene Verarbeitung und Reaktion auf diese Reize sorgen.
Gleichzeitig können bei einer ADHS auch Impulse, die von innen her
kommen, nicht genügend reguliert und „abgebremst“ werden. Es kann sich
dabei um Verhaltensimpulse handeln, denen man nicht widerstehen kann
oder die sich einfach automatisch ereignen. Beispiele sind
Bewegungsimpulse, Sprechimpulse oder ein Hungerimpuls. Das kann leicht
zu Unfällen oder zu Ärger mit Kollegen/Kolleginnen führen, weil die
Betroffenen ihre Kraft nicht recht dosieren können. Nicht genügend
gefiltert und abgebremst werden aber auch impulsive Gedanken, innere
oder äussere Stimmungen, Gefühle, Geräusche, Gerüche oder auch einmal
alles zusammen.
Es ist die fehlende Steuerung, bzw. die mangelhaft funktionierende
Kontrolle über die Reaktionen auf diese über einen hineinbrechenden
Stimuli, welche zu den ADHS-typischen und zentralen Kernproblemen mit
der verhaltensbezogenen oder gedanklichen Selbstbeherrschungen führt -
mit all ihren besten bekannten und meist leidvollen Folgen in der
Familie, in der Schule, in Beziehungen und am Arbeitsplatz.
Bei der ADHS sind also die Hirnregionen, welche die „innere Bremse“ und
den Reizfilterschutz regulieren, zu wenig aktiv. Sie sind damit also
nicht etwa defekt: Achtung: Wer ADHS hat, hat keinen „Hirnschaden“, denn
sonst könnte man sich bei spannenden oder interessanten Tätigkeiten ja
auch nicht konzentrieren!
Achtung: Um von einer ADHS zu reden, muss die „innere Bremse“ seit
Kindheit so störend unregelmässig funktionieren, dass die Betroffenen
dadurch massgeblich behindert werden, ihre Persönlichkeit, ihr Potential
und ihre Begabungen zu entwickeln und in der Folge darunter auch leiden.
Das Brems- und Filtersystem im Gehirn von ADHS-Betroffenen funktioniert
leider nur dann gut, wenn diese Hirnregionen zusätzlich von aussen oder
von innen angeregt und stimuliert werden: Dann erst normalisiert sich
der Hirnstoffwechsel und dann erst vermag man sich gut zu konzentrieren,
ist nicht von jeder Fliege abgelenkt und kann eine Sache durchziehen.
Menschen mit ADHS brauchen sehr viel Stimulation, um „normal“ zu
funktionieren. Sobald es monoton, reizarm, langweilig und uninteressant
wird, versagen das Reizfiltersystem und die „innere Bremse“: Man wird
gereizt, kann sich nicht mehr konzentrieren, Impulse brechen durch, man
handelt, ohne zu denken oder man „verreist“ in Gedanken, oder wird
depressiv, oder träumt vor sich hin oder zum Fenster hinaus oder
versucht, sich durch stimulierende innere Bilder oder Phantasien oder
Selbstgespräche, Anregung zu verschaffen.
Die Schwäche der Reizverarbeitung und der Impulskontrolle erklären auch,
warum ADHS-Kinder häufig liebend gerne Musik hören zum Aufgabenmachen
oder zum Einschlafen. Geräusche aktivieren, stimulieren und
normalisieren ihre Reizfilter und die „innere Bremse“: Sie werden
ruhiger, selbstbeherrschter und konzentrierter. Meistens ernten diese
Kinder aber nur Unverständnis, wenn sie darauf bestehen, dass sie sich
mit Musik besser konzentrieren oder im Bett besser abschalten können und
– meistens zusätzlich noch mit etwas Licht - sich auf den Schlaf
konzentrieren können.
Die Reizoffenheit und die mangelnde Impulskontrolle erklären u.a. auch,
warum z.B. im Alltag kleine Geräusche eine Orientierungsreaktion
auslösen können und die Aufmerksamkeit reflexartig von der Lehrerin auf
einen herabfallenden Kugelschreiber umgelenkt wird. Die Reizoffenheit
erklärt auch, wieso ADHS-Betroffene manchmal so ausgeprägt sensibel
sind, dass sie zum Selbstschutz psychisch „zu“ machen müssen, um nicht
unterzugehen. Und sie erklärt, wieso sie z.B. durch Aussenstimmungen so
leicht negativ, aber auch positiv, beeinflussbar sind. Sie regen sich
auf und lassen sich irritieren und werden in Gedanken gefangen genommen
von Kleinigkeiten oder Details, welche von anderen kaum wahrgenommen
werden.
Dass Anregendes und Stimulierendes wie eine Therapie wirkt, gilt z.B.
auch für Erwachsene, die Unmengen Kaffee oder Coca Cola konsumieren. Und
die allen bekannte Medikamente zur Behandlung der ADHS-Kernsymptome
gehören zur Klasse der Psychostimulanzien: Sie stimulieren die
Hirnzentren mit der Folge, dass die Selbstbeherrschung und Konzentration
so gut werden, als befände man sich in einer spannenden, interessanten
und anregenden Situation.
Wenn in der Alltagsroutine der innere Filter und die innere Bremse nicht
richtig funktionieren und man viel leichter als andere Menschen,
schutzlos inneren und äusseren Reizen ausgeliefert ist und seine
Reaktionen nicht genügend kontrollieren kann (und das ist der Kern der
ADHS-Problematik), hat das Folgen für die ganze Entwicklung und den
Lebensvollzug eines Menschen.
Der Grund ist, dass die bei der ADHS angeborene Schwäche dieser
Basisfunktionen auch die Entwicklung von anderen geistigen Funktionen in
Mitleidenschaft ziehen können. Der Arzt Russel Barkley, einer der
führenden ADHS-Forscher in den USA, beschreibt eine ganze Reihe von
geistigen Grundfunktionen, welche sich bei Vorliegen einer ADHS nicht
altersentsprechend entwickeln können:
Dazu gehört u.a. das Kurzzeit- oder Arbeitsgedächtnis. Etwas
vereinfachend formuliert, funktioniert das Arbeitsgedächtnis wie eine
Sortierstation. Dort werden in einem aktiven Prozess die eintreffenden
Reize entweder gerade bearbeitet oder im Langzeitgedächtnis abgelegt
oder gelöscht. Das Arbeitsgedächtnis von ADHS-Betroffenen ist im Alltag
und in Routinesituationen zu wenig aktiv und hat dadurch
Kapazitätsprobleme. Die Sortierstation kann dann nicht so viel auf
Einmal verarbeiten. Deswegen geraten Menschen mit ADHS leicht in Stress,
wenn zuviel auf sie einströmt oder wenn sie schnell Informationen aus
dem Langzeitgedächtnis abrufen müssen. Oder sie müssen sich viel mehr
anstrengen beim Lernen oder können nicht gleichzeitig dem Lehrer zuhören
und sich nachher les- und brauchbare Notizen machen. Ihre selektive
Aufmerksamkeit leidet massgeblich. Das Arbeitsgedächtnis funktioniert
dann aber normal, wenn man sich in einer sehr interessanten oder
stimulierenden Situation befindet. Deswegen sind die Leistungen von
ADHS-Betroffenen in der Schule, aber oft auch im Berufsleben so sehr
schwankend.
Warum das so ist, darüber gibt es mehrere Theorien. Wahrscheinlich
strömen infolge der Probleme Filterung und der Hemmung von Reizen,
zuviele unwichtige Informationen ins Arbeitsgedächtnis.
Störungen in der Entwicklungen des nonverbalen Arbeitsgedächtnisses
haben zur Konsequenz, dass man u.a. ein vermindertes Zeitgefühl hat. Die
Fähigkeit, Ereignisse im Gedächtnis zu behalten und Entscheidungen und
Handlungen in der Gegenwart durch zeitliche Rückschau und Voraussicht -
also überlegt und bedacht - zu vollziehen, an dieser Fähigkeit fehlt es
vielen ADHS-Betroffenen: Sie handeln unüberlegt, kommen zu spät, trödeln
oder hetzen oder stressen andere, weil sie so im Moment leben und immer
so auf den Augenblick fixiert sind und z.B. Sachen sofort haben müssen
(sie vergessen sie sonst). Barkley sagt, Menschen mit ADHS sind wie
„zeitblind“.
Barkley sagt weiter, dass bei der ADHS auch das verbale
Arbeitsgedächtnis sich nicht recht entwickelt. Folgen sind, dass
ADHS-Menschen viel schlechter als andere lernen können, sich über ein
Selbstgespräch steuern können (Störungen in der Entwicklung der
Internalisierung von an sich selbst gerichteter Rede). Konsequenzen sind
eine geringe Selbststeuerung und Selbstkontrolle. Aber auch die
Fähigkeit zur Selbstbefragung entwickelt sich nicht richtig. Entweder
man wird egozentrisch oder das Gegenteil, nämlich übermässig
selbsthinterfragend und selbstkritisch. Als weitere wichtige
Grundfunktion, die sich bei der ADHS nicht altersgerecht entwickelt,
nennt Barkley die mangelnde affektive Impulskontrolle: ADHS-Betroffene
bleiben oft lebenslang emotional abhängig und beeinflussbar von äusseren
Stimmungen. Sie fühlen sich emotional, oft aber auch in ihrem ganzen
Lebensvollzug wie fremdbestimmt.
ADD bei Frauen
Damit haben wir genügend theoretische Bausteine, um uns wieder den
Alltagserfahrung von erwachsenen ADHS-Betroffenen zuzuwenden. Diesmal
den Frauen:
In meiner täglich Arbeit höre ich von jungen und reiferen Frauen mit
einer ADHS,
- dass sie sich häufig selbst nicht „im Griff“ haben (z.B. beim Reden, beim Essen, beim Geldausgeben, beim Nägelkauen, beim Nachdenken oder einer anderen Tätigkeit).
- dass sie beim Lesen oft neu anfangen, da sie mit offenen Augen träumen, viel zu leicht den Faden verlieren oder einfach ”abdriften”.
- dass sie auffallend häufig beim „Halbzuhören“ - quasi nebenbei - oft besser aufnahmefähig sind und mehr mitbekommen, als wenn sie sich einer Sache direkt zuwenden.
- dass sie oder dass sie häufig unpassende Sachen gerade heraus sagen, obwohl sie nicht passen, es selbst aber erst nachher merken und sich dann schämen und hinterfragen.
- dass sie sich nur dann wirklich entspannen können, wenn sie sich auf etwas konzentrieren können.
- dass sie sich ihr Leben innerlich oder äusserlich in Extremen abspielt, was sich bei einigen auch in grossen Gewichtsschwankungen niederschlägt.
- dass sie es ihnen schwer fällt, sich auf den Schlaf zu konzentrieren und dass sie sehr speziell starke Schlaftabletten brauchen, weil sie mit normalen Schlaftabletten noch unruhiger werden.
- dass sie sie chronisch mit einem inneren Chaos kämpfen und ein chronisches
Gefühl haben, nichts so richtig auf die Reihe zu kriegen.
... sie sich von eigentlich machbaren Dingen chronisch und übermässig schnell überfordert und gestresst fühlen. - dass sie in der Hausarbeit dazu neigen, schnell den Überblick zu verlieren, sich ständig in Kleinigkeiten oder Details zu verlieren und dadurch in Druck und Stress geraten.
-
dass sie immer grosse Unordnung haben, sich schämen, andere einzuladen und
darunter leiden. - dass sie sie zusätzlich zu einer Putzfrau eine Aufräumfrau bräuchten, weil sie verräumen statt aufzuräumen und Ordnung halten ihr wirkliches Problem ist.
- dass sie unfähig sind, selbst aufgestellte Regeln einzuhalten, und somit auch bei der Erziehung der Kinder oft inkonsequent sind.
- dass sie übersensibel sind z.B. für Berührung, Geräusche, Gerüche oder Licht. Oder bei Stoffen und Kleideretiketten.
- dass sie es beim Kochen nur mit grosser Mühe schaffen, dass alles gleichzeitig gar und bereit ist (oder welche deswegen gar nicht mehr kochen).
- dass sie Mühe haben mit dem 1x1, sich deswegen dumm vorkommen, bei komplizierten Dingen aber sehr logisch denken können.
- dass sie sie jahrelang an ausgeprägten und unerklärlichen Stimmungsschwankungen leiden und die Gefühle wie in einem Lift hoch und runter gehen.
- dass sie sie sich entweder gar nicht entscheiden können oder dann zu Spontan- oder Blitzentscheidungen neigen.
- dass sie sie häufig in Stress geraten, wenn sie mehrere Sachen gleichzeitig erledigen müssen.
- dass sie sich häufig sagen: „Ich weiss es, ich habe es im Kopf, kann es aber nicht sagen“.
- welche sich alles aufschreiben müssen, eine ewige Zettelwirtschaft haben und teilweise auch die Notizzettel noch verlegen.
- welche immer schon am Morgen trotz ausreichend Schlaf einfach nicht recht wach werden und lange haben, bis sie in Fahrt kommen.
- welche so zerstreut sind, dass sie in Geschäften schon mehrfach die Bankomat- oder die Kreditkarte haben liegen bzw. stecken lassen und heimlich dachten, die Alzheimer-Krankheit zu bekommen.
- welche genau wissen, was sie vor oder zu tun haben, aber irgendwie den „Startknopf“ nicht finden.
- welche Depressionen haben oder an Ängsten leiden, welche trotz Psychotherapie und Antidepressiva nicht wirklich besser werden wollen.
- welche vor oder während der Periode oder zu Beginn der Abänderung an starken Beschwerden leiden.
Bei den einleitenden Beispielen von hyperaktiven ADHS-Männern sagte ich,
dass ich gelegentlich zweifle, ob sie wirklich erwachsen werden. Bei
Frauen mit ADHS kenne ich diesen Zweifel nicht:
Ich bin immer wieder tief bewegt, wenn ich in der Sprechstunde und in
persönlichen, schriftlichen Lebensberichten vernehme, was erwachsene
ADHS-Frauen alles erleben und durchmachen mussten - und dann feststelle,
wie gesund sie trotzdem noch sind. Frauen mit einer ADHS sind m.E. echte
„Stehauffrauchen“ und ich staune immer wieder, wie gut und schnell sie
sich immer wieder raufrappeln können, wie geschickt und originell sie in
verzwicktesten Lebenslagen improvisieren können, wie schnell sie sich
und anderen verzeihen können und wie dankbar, eifrig und konsequent, sie
in ihrer Emanzipation und Persönlichkeitsentwicklung sein können, wenn
ihnen angemessene Hilfe zuteil kommt.
Vor allem was ADHS-betroffene Mütter zu leisten und zu ertragen
vermögen, zeugt unmissverständlich davon, dass ADHS plus Verantwortung
plus Einsatz plus Kraft sich nicht ausschliessen müssen: Meistens
kämpfen diese Familienfrauen a) mit den Folgen der eigenen ADHS, und b)
meist mutterseelenallein – weil der Vater keine Zeit hat - für ihre
schwierigen ADHS-Kinder: Sie müssen beim Lehrer oder den Behörden um
Verständnis ringen, dass ihr Kind bei Prüfungen halt mehr Zeit als
andere benötigt und sich dann, die Zähne zusammenbeissend, anhören, dass
man in der Schule schliesslich alle Kinder gleich behandeln müsse und
man daher keine Sonderzüge fahren könne. Gestern erzählte mir eine
selbst von ADHS betroffene Mutter, der Schulpsychologe habe ihr kürzlich
gesagt, ob es denn nicht reiche, dass sie Symptombekämpfung betreibe und
das Kind mit Medikamenten ruhigstelle? Vom gleichen Psychologen hörte
sie zwei Woche vorher, ihr Kind habe Verhaltens- oder Lernprobleme, weil
sie selbst zuwenig konsequent in der Erziehung ist und weil sie die
Eheprobleme nicht anpacke. Chancenlos habe sie versucht, dem
Schulpsychologen zu erklären, dass die Legasthenietherapie auch nach 1½
Jahr noch nichts nütze.
Viele dieser ADHS-Familienfrauen kämpfen nicht nur mit ihrer chronischen
Neigung, sich in der Haushaltsführung zu verzetteln, mit ihrer ständigen
Müdigkeit, der Vergesslichkeit, oft starken Menstruationsbeschwerden,
den Schuldgefühlen, weil die Kinder bei andern ständig Probleme machen -
oder weil sie selbst in der Verzweiflung – was nicht selten vorkommt –
die eigenen Kinder schütteln und schlagen.
Nein, da warten neben einem Wäscheberg, einem vollen Staubsaugersack,
leeren Flaschen, zu schnürendem Altpapier/Zeitungen, einem ungemisteten
Meerschweinchenstall, ungemähtem Rasen, unerledigter Post, einem
anstehenden Entschuldigungs-Telefonat mit Frau B., weil der Sohn wieder
dies oder jenes anstellte, ein neuer Termin mit dem Schulpsychologen und
ein immer wieder hinausgeschobener Besuch in der Autogarage, um endlich
die Sommerpneus zu montieren.
Bevor wir zu den Jugendlichen kommen, will ich Ihre Aufmerksamkeit noch
einmal kurz auf Zusammenstellung von Paul Wender, einem inzwischen
betagten, aber sehr bekannten amerikanischen ADHS-Forscher lenken. Er
hat in den Siebziger Jahren die sog. UTAH-Kriterien erarbeitet. Diese
beschreiben typische ADHS-Symptome bei Erwachsenen. Wie sie sehen
werden, unterscheiden sich diese gar nicht so sehr von den
Auffälligkeiten bei Kindern:
Aufmerksamkeitsstörungen
Paul Wender zählt auf: Unvermögen, uninteressanten Gesprächen zu folgen,
erhöhte Ablenkbarkeit, andere Reize können schlecht herausgefiltert
werden, Vergesslichkeit, häufiges Verlieren von Gegenständen,
Schwierigkeiten sich auf schriftliche Dinge zu konzentrieren usw. Der
derzeit verwendete Begriff "Aufmerksamkeits-Defizit" ist eigentlich eine
unzutreffende, zumindest jedoch missverständliche Bezeichnung. Vielmehr
sind die Betroffenen zumeist nicht unaufmerksam, sondern folgen vielmehr
mehreren (inneren oder äusseren) Wahrnehmungen bzw. Gedanken
gleichzeitig (Störungen der selektiven Aufmerksamkeit). Ausser bei
spannenden, interessanten und somit stimulierenden Tätigkeiten haben
ADHS-Betroffene Probleme beim Fokussieren – also beim zielgerichteten
Lenken der Aufmerksamkeit, beim Selektieren – also beim Filtern von
irrelevanten Reizen und beim Aufrechterhalten von Ausdauer.
Motorische Hyperaktivität
Paul Wender zählt dazu: Innere Unruhe, Nervosität, Unfähigkeit, sich zu
entspannen, Unfähigkeit, lange sitzende Tätigkeit durchzuhalten, stets
auf dem Sprung sein, Stimmungsabfall bei Inaktivität.
Affektlabilität
Gemeint ist eine instabile und unsichere Stimmung. Ein Wechsel zwischen
normaler, leicht gedämpfter und leicht erregter Stimmung. Die
niedergeschlagene Stimmung wird häufig als Langeweile oder
Unzufriedenheit geschrieben. Die Stimmungswechsel dauern nur Stunden und
nur selten mehr als ein, zwei Tage. Gute Erlebnisse führen schnell zur
Normalisierung der Stimmung, die Schwankungen sind meist reaktiver Art.
Desorganisiertes Verhalten
Aktivitäten werden nicht angemessen geplant und organisiert. Aufgaben
werden nicht zu Ende gebracht, die Patienten wechseln sprunghaft von
einer Aufgabe zur Nächsten, oder sie bleiben an einer Detailaufgabe
kleben. Sie haben Mühe, Probleme systematisch anzugehen und sind oft
unfähig, Zeitpläne und Termine einzuhalten. Vieles läuft entweder nicht
oder nur hektisch ab und auf den letzten Drücker ab. ADHS-Betroffene
leben nur im "Hier und Jetzt". Für sie heisst "später" meist nie. Sie
sind Spezialisten im "auf-die-lange-Bank-schieben".
Affektkontrolle
Patienten und ihre Partner berichten von andauernder Reizbarkeit und
Wutausbrüchen, die aber nur von kurzer Dauer sind. Typisch sei eine
erhöhte Reizbarkeit im Strassenverkehr. Das schlechte Funktionieren der
inneren Gefühlsbremse wirke sich nachteilig in zwischenmenschlichen
Kontakten aus. Menschen mit ADHS sind grundsätzlich sehr viel
emotionaler als andere Menschen, empfinden Gefühle "ungebremster" und
sind empfindlicher für Veränderungen.
Impulsivität
Einfache Formen sind das dauernde Dazwischenreden, oder Sprechdurchfall,
Ungeduld, impulsive Einkäufe, spontane und unreflektierte Entschlüsse,
Handeln und erst dann Denken. Auch verbale Entgleisungen, zynische
Bemerkungen und Provokationen können dazu gehören. Impulse können nicht
unterdrückt werden. Oft schämen sich die Betroffenen, dass sie ins
Fettnäpfchen treten.
Emotionale Reizbarkeit
ADHS-Betroffene können nicht angemessen mit alltäglichen Stressoren
umgehen. Sie reagieren überschiessend und sind dann unangemessen
niedergeschlagen, verunsichert, ängstlich oder ärgerlich. Sie
beschrieben sich selbst als leicht und häufig gestresst. Menschen mit
ADHS sind sehr viel „emotionaler“ als andere Menschen und empfinden
Gefühle „ungebremster“. Sie sind auch empfindlicher für Veränderungen,
etwa bei Verlust einer Bezugsperson, eines geliebten Tieres oder bei
Wohnortswechsel. Ihre Reizoffenheit macht sie verletzbar.
Jugendliche mit ADHS
Nun zu den Jugendlichen: Wenn bei ihnen die ADHS nicht erkannt, oder gar
nicht oder nicht richtig behandelt wird, stehen sie in der Pubertät vor
sehr, sehr kritischen Hürden:
Auf der einen Seite haben diese Jugendlichen Mühe, sich selbst zu
organisieren, sie können sich nicht an Vorsätze halten, können
Lernvorhaben nicht umsetzen, sind chaotisch mit den Schulsachen und
leben und lernen viel, viel ausgeprägter als andere Kindern nach dem
Lustprinzip. Und das trotz allen Ermahnungen, Belohnungen der Eltern.
Auf der anderen Seite suchen sie die Freiheit, sich selbst und ihre
Grenzen. Zwischen der Tatsache, dass ADHS-Jugendliche Struktur und
Regeln brauchen, um nicht aus dem Ruder zu laufen und ihrem legitimen
Bedürfnis nach Autonomie, entsteht ein echter Konflikt.
Bedingt durch ihre ADHS-Symptome haben alle un- oder falsch behandelten
ADHS-Kinder u.a. Probleme mit dem Lernen. Sie haben keine Geduld, können
sich beim Lernen nicht lange hinsetzen, vermögen - wenn es für sie
monoton wird - nicht lange zuzuhören, sind Minimalisten und in Sachen
Schule immer mehr entmutigt. Un- oder falsch behandelte ADHS-Kinder und
Jugendliche können also ihr geistiges Potential und ihre Begabungen
nicht entfalten oder ausleben und haben nie den schulischen und später
beruflichen Erfolg, der ihnen eigentlich zustehen würde. Schulischer
Erfolg ist die wichtigste Quelle für die Seelennahrung eines
Jugendlichen. Und diese stimulierende Quelle können unbehandelte
ADHS-Kinder nicht anzapfen. Statt eine Lehre zu machen, absolvieren sie
eine Anlehre, statt ins Gymnasium zu gehen, absolvieren sie eine Lehre
usw. Sie schaffen und lernen immer quasi unter ihrem Potential. Folge
ist, dass sie nicht ausgelastet und unzufrieden sind, oder dass es ihren
langweilig wird. ADHS-Jugendlichen ist ja nicht damit geholfen, dass man
sie unter ihrem Niveau einschult. Dazu kommt der Frust, die Verzweiflung
und manchmal auch Schuldgefühle, weil man die Erwartungen der Eltern
nicht erfüllen kann. Und das nicht, weil man nicht will, sondern weil
man nicht kann.
Das kann dazu führen, dass Jugendliche sich anderen stimulierenden
Dingen oder Tätigkeiten zuwenden: Irgendwie müssen sie sich ja selbst
spüren und brauchen ein Feld, um sich selbst als autonome Person
identifizieren zu können. Ganz besonders geeignet ist dazu leider alles
Spezielle, Verbotene und Riskante: Klauen, rauchen, kiffen, sich aus dem
Zug lehnen, mit Unkrautvertilger Sprengkörper basteln, Computer-Viren
bauen, sich die Arme aufritzen, Pillen „schmeissen“ oder Orte aufsuchen,
von denen die Eltern ihnen sagten, sie sollen sie meiden.
Es ist fatal: Aber das mit Auflehnung, Trotz, Opposition verbundene
Verhalten und Erleben kann ein unbehandeltes ADHS-Hirn gefährlich gut
stimulieren. Und das ist verlockend. Dazu zählt auch der „Kick“, wenn
Mädchen oder junge Frauen erleben, wenn sie hungern. Magersucht und ADHS
gehen so häufig einher, dass Mädchen mit Anorexie heute unbedingt auf
eine mögliche ADHS abgeklärt werden müssten.
Unheilvoll ist, dass auch die pharmakologische Wirkung einiger Drogen
gut geeignet sind, das bei ADHS-Betroffenen zu schwache Dopaminsystem zu
aktivieren und damit das Minus an neuronaler Aktivität im
Frontalhirnbereich von ADHS-Betroffenen auszugleichen. 1995 wurden
Forschungsresultate veröffentlicht, die zeigten, dass unbehandelte
Erwachsene mit ADHS ein mehrfach erhöhtes Risiko von Alkohol- und
Drogenmissbrauch haben. Im gleichen Jahr wurde bekannt, dass
Zigarettenrauchen bei jugendlichen und erwachsenen Patienten mit ADHS
deutlich häufiger als bei Normalpersonen anzutreffen ist. Vermutlich
handelt es sich um eine Art Selbstmedikation. Von grossem Interesse sind
in diesem Zusammenhang die Resultate einer 1997 durchgeführten
klinischen Studie, wonach Nikotinpflaster bei Patienten mit ADHS deren
Symptomatik eindeutig besserte. Länger schon ist aus amerikanischen
Studien bekannt, dass - je nach Studie - 50% der Drogensüchtigen an
einer unerkannten oder unbehandelten ADHS leiden.
Dass mit einer rechtzeitigen und fachgerechten medikamentösen und
psychologischen Therapie der ADHS dazu beigetragen werden kann, schlimme
Folgeerkrankungen - wie eben z.B. Drogensucht - zu vermeiden, leuchtet
allen spontan ein, die um die biochemischen Besonderheiten der ADHS
wissen. Joseph Biedermann, einer der führenden ADHS-Forscher aus Boston,
hat in einer sehr bekannt gewordenen prospektiven Studie auch zeigen
können, dass mit Stimulanzien behandelte ADHS-Jugendliche ein um 85%
geringeres Risiko für Drogenmissbrauch zeigen als solche, die nicht
behandelt werden.
Andere Risiken sind Frühschwangerschaften. Eine deutsche Studie von
8/2001 ermittelte bei ADHS-Kindern unter 15 eine um das neunfache
erhöhte Verkehrsunfallgefahr. Ausgehend von den sich 1997 in Deutschland
ereigneten Verkehrunfällen mit Jugendlichen unter 15 nimmt man an, dass
63% dieser Unfälle im Zusammenhang mit ADHS stehen. Forscher in
Deutschland fordern dringend Präventivprogramme. Interessanterweise
konnte bereits 1993 in einer amerikanischen Langzeitstudie gezeigt
werden, dass medikamentös unbehandelte ADHS-Kinder im Vergleich zu den
Behandelten die höchste Unfallgefahr haben.
Um den beschrieben und die vielen anderen möglichen Komplikationen in
der Pubertät von ADHS-Jugendlichen etwas entgegenzusetzen, folgende
Empfehlungen:
Möglichst frühzeitige und fachgerechte Behandlung der ADHS. Bei einer
Sehschwäche wartet man mit einer Brille auch nicht, bis der erste Unfall
da ist oder das Selbstwertgefühl danieder liegt. Medikamente gegen die
ADHS-Symptome dürfen in der Pubertät nicht automatisch abgesetzt werden.
Manche benötigen auch als Erwachsene Stimulanzien, so wie andere Insulin
brauchen, um zu überleben.
Wenn Jugendliche trotzen „ausrufen“, die Tabletten würden sowieso nichts
nützen und die Medikamenteneinnahme verweigern, darf man sich nicht auf
einen Kampf einlassen: Oft haben diese Jugendlichen nämlich Recht. Bei
90% aller Kinder oder Jugendlicher, die mir vorgestellt werden, weil bei
ihnen Ritalin nicht wirken solle, liegt der Grund darin, dass die
Dosierung nicht stimmt. Meist ist die Dosierung zu niedrig oder man hat
die kurze Wirkdauer nicht berücksichtigt (z.B. nur morgens ein Ritalin
SR). Wenn Stimulanzien richtig eingestellt sind, dann ist der Effekt
auch für Jugendliche so eindeutig wie bei einer Brille. Und kein Teeny,
der ohne Brille aufgeschmissen ist, sucht sich die Brille als Objekt des
Trotzes.
Psychische Folgen der ADHS
In meiner Praxis werden vorwiegend Kinder, Jugendliche und erwachsene
Personen mit Verdacht auf ADHS untersucht und behandelt. Ich durfte in
meiner Untersuchungstätigkeit in den letzten Jahren rund 200 Frauen und
Männer zwischen 18 und 63 kennen lernen, welche an ADHS leiden. Bei
ihnen wurde die ADHS wenn überhaupt, dann nur bis zur Pubertät
behandelt. Und mit der Pubertät haben sich bei meinen Patienten die
ADHS-Symptome leider nicht ausgewachsen. Sie haben sich im Gegenteil
nachhaltig und behindernd auf ihren ganzen Lebensvollzug ausgewirkt.
Viele dieser erwachsenen, ADHS-betroffenen Frauen und Männer haben ein
Leben lang gekämpft, nicht nur mit sich selbst, sondern vor allem mit
ihrer Umwelt:
Viele sind gekennzeichnet von einem Schultrauma, einem Lerntrauma, einem
Lehrertrauma, einem Geschwistertrauma, einem Familientrauma, einem
Ausbildungstrauma, einem Arbeitsplatztrauma, Beziehungstrauma, einem
Psychologentrauma, einem Kindertrauma, einem Ehemann- oder Ehefrautrauma
usw.
Viele von ihnen hörten Dutzende und Aberdutzende von Malen, sie sollten
sich mehr anstrengen, mehr Willen zeigen, sich endlich zusammenreissen,
gefälligst innehalten und zuhören, wenn man mit ihnen redet und nicht
immer zu spät zu kommen und versprochene Dinge endlich einhalten. Mit
einem Wort: Sie sollten die Eltern, den Lehrer, den Partner die eigenen
Kinder, einfach das Gegenüber endlich, endlich einmal ernst nehmen. Oder
sie sollen bitte, bitte aufhören, Zugesagtes extra zu vergessen oder
Sachen absichtlich fünfmal zu fragen, nur um andere zu provozieren.
Schon in der Schule bekundeten die meisten meiner erwachsenen ADHS-PatientInnen
grosse Mühe, sich Dinge zu merken, der Lehrerin richtig zuzuhören, an
einer angefangenen Sache in einem einigermassen vernünftigen Rahmen
dranzubleiben und diese auch abzuschliessen. Der am Schulhaus mit dem
Mofa vorbeifahrende Postbote, das eine etwas zu kurze Hosenbein des
Lehrers oder das Zirpgeräusch beim Öffnen einer Tempo-Taschentuchpackung
reichten, um die eigene Aufmerksamkeit vom gerade besprochenen Thema
wegzulocken.
Lernen daheim war – wenn überhaupt Hausaufgaben erledigt wurden – ein
ewiger Kampf: Und falls überhaupt für die Schule gelernt wurde, dann nur
unter Bewachung der Mutter und in späteren Schuljahren entweder spät
abends oder am Morgen im Zug. Auf jeden Fall aber immer auf den letzten
Drücker. Entweder man kapierte etwas sofort, es wurde im Hirn quasi
abfotografiert, oder man begriff es gar nicht oder nur sehr, sehr, sehr
mühsam. Aber auch wenn zu Hause gelernt wurde: Viele meiner
ADHS-Patienten berichteten mir von ihren leidhaften Erfahrung, wenn
mühsam erworbenes Wissen beim Aufgerufenwerden in der Klasse oder bei
Prüfungen, einfach nicht aus dem Langzeitgedächtnis abzurufen war.
Die Folgen dieser kleinen und grossen Traumata für alle ADHS-Betroffenen
sind, dass sie nämlich rundherum in leibhaftigen und meist schmerzhaften
Erfahrungen mehr oder weniger direkt zurückgespiegelt bekommen haben,
dass sie auf eine offenbar unangenehme Art anders sind als die andern,
ohne aber selbst wirklich zu verstehen, wie und warum das so ist. Dann
hören, spüren und schlussfolgern sie manchmal schon nach der 2. Klasse,
dass sie dumm sein müssen: Denn, wäre dem nicht so, müsste es ja besser
gehen in der Schule, in der Ausbildung, in der Erziehung, bei der
Organisation der Haushaltsführung oder im Berufsleben. Wenn sie nämlich
intelligent genug wären, dann könnten sie Dinge besser planen, würden
nicht immer wieder unüberlegte Spontanhandlungen begehen, könnten sich
Sachen besser merken, würden mehr denken, bevor sie den Mund aufmachen
und wären disziplinierter und viel weniger chaotisch. Mit Intelligenz
würden sie sich auch weniger verzetteln oder nicht wie jetzt an
unwichtigen Details hängen bleiben, würden die eigenen Kinder
einigermassen normal erziehen können, auch einfache Dinge im Haushalt
auf die Reihe kriegen und u.a. es auch im Beruf eindeutig weiter
bringen.
Dann bekommen ADHS-Betroffene durch ihre Umwelterfahrungen mehr oder
weniger direkt gespiegelt, dass sie faul sind: Menschen, die Vieles vor
sich herschieben, die schnell ins Trödeln und Träumen kommen, die
morgens nicht recht wach werden, denen schnell alles zuviel wird, die
sich zurückziehen und z.B. das Arbeitspensum reduzieren müssen;
Menschen, welche die Schul-, Alltags- aber auch ihre Lebensaufgaben
nicht zeitig anpacken, den Startknopf nie recht finden und eine lange
Leitung haben und Menschen, die schon in der Schule den Ruf hatten,
Minimalisten zu sein.... Ja, das sind eben faule, und im Grunde genommen
unfähige Menschen.
Schliesslich schlussfolgern ADHS-Betroffene durch ihre wiederholte
Erfahrungen mit ihrer Umwelt, dass sie schlecht sind, denn sonst würden
sie nicht immer wieder anecken, andere – weil sie sich einfach nicht
genügend beherrschen können - verletzen und enttäuschen und sich in
Auseinandersetzung verwickeln und Dinge sagen, die sie kurz danach
wieder bereuen. Schlecht müssen sie wahrscheinlich auch deswegen sein,
weil die andern ja im Grunde genommen recht haben, wenn sie einem
Unzuverlässigkeit, Unfähigkeit, Gereiztheit oder Unbeherrschtheit
vorwerfen. Schliesslich ist ein guter Mensch pünktlich, erinnert sich an
Verabredungen, erledigt Versprochenes termingerecht, packt an, verlegt
und vergisst nicht dauernd Sachen, lässt sich nicht gleich provozieren,
flippt nicht immer gleich aus, verfügt über ein Mindestmass an Geduld
und kann sich vor allem beherrschen.
Ein elfjähriger ADHS-Bub sagte mir kürzlich: „Gott hat mir schwarzes
Blut gegeben, sonst wäre ich nicht so böse“. Ähnliches beichten mir
Erwachsene von ihrer Kindheit – und zwar in einer Art und Betroffenheit,
als wäre es erst gestern geschehen. Auch das, meine Damen und Herren,
das kann nicht spurlos an der Seele eines Kindes, eines heranwachsenden
oder eines erwachsenen Menschen vorbeigehen.
Wie fühlt man sich mit „schwarzem Blut“? Wer will schon die Erwartungen
der Eltern oder des Partners enttäuschen? Wer will schon eigene Vorsätze
nicht einhalten können? Und ADHS-Betroffene können das oft nicht und
geraten in der Folge in eine Schuld sich selbst und eine Schuld den
Erwartungen anderer gegenüber.
Von meinen ADHS-Patienten/Patientinnen weiss ich, dass sie auch als
Erwachsene oft im Denken oder Handeln nicht rechtzeitig abbremsen
können, sie können sich nicht konzentrieren, wenn etwas monoton und
gleichförmig ist, können sich nicht an eigene Vorsätze halten, verpatzen
Prüfungen, sie verlauern Dinge und enttäuschen den Lehrer, die Eltern,
die Vorgesetzten, ihre Freunde und ihre Ehepartner, welche – die
positiven Möglichkeiten und das Potential durchaus richtig erkennend –
eigentlich mehr von einem erwarten.
Weil ADHS-Kinder und ADHS-Erwachsene sich bei für sie interessanten
Sachen sehr gut zu konzentrieren vermögen, hören sie immer wieder:
„Siehst Du, wenn Du willst, dann kannst Du es auch. Also reiss Dich
gefälligst auch dort und dort zusammen!“ Weil es bei Kindern und
Erwachsenen mit ADHS aber nicht am fehlenden Willen, sondern am
Nicht-Können liegt, und weil das weder die Lehrer, noch Psychologen,
noch die Eltern, noch man selbst begreift, bleiben meistens nur
Erklärungen übrig, welche tiefe Wunden in der Seele hinterlassen können:
„Ich kann mich nicht beherrschen, kann Versprechen und eigene Vorsätze
nicht einhalten, also bin ich schlecht“.
Da diese Menschen selbst - aber natürlich auch die Personen in ihrer
Umgebung - keine Worte, keine Sprache und kein Erklärungsmuster haben,
um das eigene Verhalten begreifen, verstehen und schliesslich auch
verarbeiten zu können, ja was bleibt da? Es ist das „schwarze Blut“, die
eigene Schlechtigkeit: „Ja, da ist man wohl wirklich selber schuld“.
Die heute wissenschaftlich erwiesene Tatsache, dass in reizarmen,
monotonen oder langweiligen Alltags- und Routinesituationen die
Aufmerksamkeit, die Aufnahme- und Selbststeuerungsfähigkeiten von bei
ADHS-Betroffenen aus hirnorganischen Gründen regelrecht einbrechen,
bleibt – solange man die ADHS und ihre Ursachen nicht kennt – für alle
Beteiligen unfassbar. In der Psychotherapie von Jugendlichen und
Erwachsenen ist es deswegen zentral, dass die Patienten/Patientinnen
verstehen lernen, wieso sie so sind, wie sie sind. Wissen und
Sich-Verstehen sind wichtige Voraussetzungen, um sich akzeptieren zu
können.
Die ADHS-Kernmerkmale werden mit fortschreitendem Alter immer mehr von
Lebenserfahrungen und sekundären psychischen Symptomen überlagert. Je
älter ADHS-Betroffene werden, umso mehr leiden sie zusätzlich zu den
ADHS-Grundproblemen an den psychischen Folgen. Sie leiden also je länger
um so mehr nicht nur an der ADHS-Problemen in ihrer Gegenwart, sondern
auch an ihrer persönlichen Vergangenheit, die ihnen psychisch zu
schaffen macht. So kommt immer wieder vor, dass auf der
Alltagsoberfläche nur noch Schulverweigerung, Trotzverhalten,
Depressionen, Suchterkrankungen, Angststörungen oder psychosomatische
Erkrankungen sichtbar sind.
Da die ADHS erwiesenermassen zu Depressionen, Suchterkrankungen, Angst-
oder Zwangsstörungen führen kann oder parallel zu diesen Krankheiten
auftritt, so muss heute bei diesen Erkrankungen dann auch an ADHS
gedacht werden, wenn die Patienten bei diesen psychischen Erkrankungen
auf herkömmliche Therapien nicht reagieren. Das gilt auch für
delinquente Jugendliche. Mich wundert es, dass die Jugendanwaltschaften
(Jugendgerichte) die Informationen über ADHS noch nicht aufgearbeitet
haben, denn es gilt als sicher, dass es unter den minderjährigen
Straftätern viele ADHS-Betroffene gibt.
Es ist nachvollziehbar, wenn auch in wissenschaftlichen Studien gezeigt
werden konnte, dass depressive Erkrankungen und Selbstzweifel mit zu den
häufigsten Begleitstörungen der ADHS zählen. Und Schuldgefühle kennen
wir schon bei ADHS-Kindern mit all ihren Folgen, welche sich schämen,
wenn sie sich wieder nicht zusammenreissen konnten, wieder etwas
umgestossen haben oder wieder eine schlechte Note heimbringen.
Und wie fühlt man sich, wenn man immer wieder beim plötzlichen
Aufgerufenwerden in der Schule, bei einer Prüfung oder in einem
Gespräch, wo schnelles Denken gefordert ist, etwas eben nicht schnell
genug aus dem Langzeitgedächtnis abrufen kann? Wie fühlt man sich, wenn
es stockt im Kopf? Und wenn es die andern merken, einen wartend ansehen
und man – etwa im Schulunterricht – immer mehr Angst vor diesen
Situationen bekommt? Nicht nur Depressionen und Selbstzweifel, nein,
auch Prüfungsängste, Versagensängste, bei Erwachsenen Angststörungen
überhaupt gehören zu den häufigen Begleitstörungen der ADHS.
ADHS-Betroffene leben manchmal zeitlebens in einem chronischen
psychischen Zweifelzustand: Sie wissen nicht, wer und wie sie wirklich
sind. Haben die andern mit ihren vernichtenden Vorwürfen vielleicht doch
recht? Eine innere Stimme sagt: „Ja, du bist im Grunde schlecht, faul
und unfähig und alles ist nur Bluff“. Eine andere innere Stimme sagt:
„Nein, das ist nicht logisch, das kann nicht sein“. Später, ab der
Pubertät und im Erwachsenenalter, ist es dann eine innere Stimme, die
einem ständig sagt: „Zusammenreissen, zusammenreissen!“ oder “Mach
endlich!“ oder „Du solltest doch...!“.
ADHS-Betroffenen fehlt so etwas wie in sich stimmiges Ich-Gefühl und ein
seelischer Gleichlauf oder eine seelische Balance: Ständig sind sie auf
der Suche nach sich selbst. Ihre Schul- und Berufskarriere gleicht nicht
selten einer Irrfahrt. Sie besuchen Esoterikkurse, betreiben
Risikosportarten, versuchen sich im Glückspiel oder verbeissen sich in
andere Tätigkeiten, sind süchtig nach Sex und Seitensprüngen oder sie
trinken und trinken.
Ihr Leben verläuft innerlich und/oder äusserlich immer so, dass sie
ständig Gegensteuer geben müssen, wie bei einem alten VW, der viel
Lenkradspiel hat, man muss mit dem Lenkrad immer nach links und dann
nach rechts korrigieren. Alles läuft in Extremen: Entweder ist die
Stimmung oben oder sie ist im Keller, entweder ist Energie vorhanden
oder sie fehlt.
Die meisten mir bekannten Menschen mit ADHS konnten ja ihre persönlichen
Begabungen und ihr geistiges Potential gar nie richtig ausbilden: Lehren
wurden abgebrochen, das Gymnasium – weil man trotz guter Intelligenz
nicht lange stillsitzen und zuhören vermochte - gar nicht erst besucht,
Beziehungen werden schnell langweilig oder man wird verlassen vom
Partner. Wirklich klar ist diesen Menschen dann oft nur eins, dass
nämlich etwas mit ihnen nicht stimmt. Und das soll aber möglichst
niemand entdecken.
Sie suchen - oft mit erstaunlichen, leider aber zeitlich meist
limitiertem Erfolg - ideologische Ersatzidentitäten oder klammern sich
an Bildern fest, die nicht wirklich die ihren sind. Im Hintergrund oder
im Unterbewusstein lauern tief sitzende Grundannahmen über sich selbst,
die sich in erstaunlich vielen Fällen aus den Attributen: anders, dumm,
faul, schlecht, schuldig und unfähig zusammensetzen lassen. Erstaunlich
auch, wie viele der erwachsenen ADHS-Betroffen ein Leben lang meist
unbewusst dagegen kämpfen, dass sich diese, tief im eigenen Ich
sitzenden vermeintlichen Grundwahrheiten, nicht eines Tages doch
entdeckt werden oder sich bewahrheiten könnten.
Es ist übrigens kein Zufall, dass unter den Workaholikern auch viele
Männer mit dem ADHS-Syndrom zu finden sind: Sie schuften und krampfen
bis zum Burnout, zum Magengeschwür, zur Ehescheidung oder zum Infarkt.
In den Untersuchungsgesprächen und vor allem im Rahmen der Therapien
höre ich von diesen Menschen häufig: „Ich habe nie etwas wirklich gut
hingekriegt oder gekonnt, alles ist nur ermogelt oder durch Zufall
zustande gekommen, bei mir ist alles nur Fassade und ich vor allem bin
müde“. Selbst echte Erfolge – und ADHS-Betroffene können sehr
leistungsfähig sein, wenn das Drumherum stimmt - werden nicht mehr
richtig bewertet. Unheilvoll ist, dass durch die lebenslang anhaltenden
Probleme meine ADHS-Patienten sich auch immer wieder Situationen
erschaffen oder sich diese hineinmanövrieren, in denen diese
Grundannahmen bestätigt werden.
Wann abklären?
Wenn mir also beispielsweise eine erwachsene Patientin mit psychischen
Problemen, einer Erschöpfungsdepression und Symptomen einer möglichen
aktuellen ADHS berichtet, dass ...
- sie in der Schule schon vieles verloren oder vergessen habe,
- es ihr immer schon sehr schwer fiel, der Lehrerin längere Zeit konzentriert zuzuhören,
- sie als verträumtes Kind galt,
- sie trotz guter Intelligenz Klassen habe wiederholen müssen,
- sie in den Fächern, welche sie interessierten, sehr gute, in andern aber sehr schlechte Noten erzielte,
- es deswegen immer wieder hiess, „Du kannst ja, wenn Du willst, also gib dir mehr Mühe“ , dass es sowieso immer geheissen habe, sie sei fähig, wenn sie nur gewollt hätte,
- sie in der ganzen Schulzeit als übermässig langsam und ablenkbar galt,
- sie schon als Kind spürte, anders als die Andern zu sein,
- ihre Schwatzhaftigkeit sogar in den Zeugnissen festgehalten sei,
- ihre Leistungen wohl nie ihrer Intelligenz entsprochen haben,
- der Schulpsychologe bei ihr und ihrem Bruder Legasthenie festgestellt habe,
- der Bruder das totale Gegenteil von ihr, nämlich ein Zappelphilipp war und immer noch ist,
- sie – wenn sie ehrlich zu sich ist - auch heute noch von sich denkt, dumm zu sein und nichts wirklich richtig zu können,
- sie zeitlebens an extremen Prüfungsängsten gelitten habe und immer schon versuchte, Ordnung in ihr Leben zu bringen usw. ...
dann allerdings verdichten sich langsam aber sicher die Hinweise auf
eine mögliche ADHS des unaufmerksamen Typus.
ADHS kann bei Erwachsenen dann diagnostiziert werden, wenn ein
ausgeprägter psychischer Leidensdruck da ist, die
DSM-Kriterien erfüllt
sind, schon in der Kindheit ADHS-Symptome die eigene Entwicklung
behinderten, die Grundsymptome der ADHS sich wie ein roter Faden durchs
ganze Leben ziehen, die Grundsymptome der ADHS zu einer bedeutenden
Behinderung der persönlichen, also psychischen, zwischenmenschlichen und
beruflichen Entfaltung führen und die Kernsymptome der ADHS chronisches
psychisches Leiden erzeugen, welche durch eine andere körperliche oder
psychische Erkrankung nicht besser erklärt werden kann.
Eine Abklärung auf ADHS umfasst bei Jugendlichen und Erwachsenen eine
mehrstündige psychologische und neuropsychologische Untersuchung.
Ergänzend zur Erhebung des Befundes und der Krankengeschichte wird mit
psychologischen Tests versucht, die mit den diskreten
neuropsychologischen Funktionsstörungen zusammenhängenden
Alltagsprobleme zu objektivieren. Eine ADHS-Diagnose stützt sich aber
nie auf Tests ab, auch wenn die Resultate bei ADHS-Betroffenen oft sehr
typisch ausfallen. Typisch heisst, dass u.a. gezeigt werden kann, dass
die Daueraufmerksamkeit, die Impulskontrolle und die verbale
Merkfähigkeit nicht den Erwartungswerten entsprechen. Typisch ist auch,
dass bei einfachen Testaufgaben oft mehr Fehler passieren, als in
schwierigeren Testabschnitten. Typisch ist auch, dass die Intelligenz
meist besser ist, als der Lebensvollzug des Betroffenen dies erwarten
liesse.
Auch bei Erwachsenen wird bei einer ADHS-Abklärung wenn immer möglich
versucht, von der Mutter Informationen aus der Kindheit zu erhalten. Das
geschieht meist mit Fragebögen. Auch eine noch so eindrückliche aktuelle
ADHS-Problematik ist nur dann eine ADHS, wenn auch in der Kindheit
massgebliche und klinisch relevante Auffälligkeiten vorlagen. Hinweise
darauf geben manchmal auch die Vermerke in alten Schulzeugnisse
(„schwatzhaft“). Einen 100% sicheren Beweis, dass eine ADHS vorliegt,
gibt es allerdings nicht. Selbstverständlich ist in jedem Fall auch eine
ärztliche Untersuchung erforderlich, welche alle Erkrankungen
ausschliessen soll, die ADHS-ähnliche Symptome erzeigen können. Zu
diesen Erkrankungen gehören z.B. Funktionsstörungen der Schilddrüse,
Epilepsien, Sehfehler oder Hörbehinderungen.
Welches sind nun die Ursachen der ADHS? Und welche Konsequenzen haben
diese für eine Therapie?
Die Ursachen der ADHS liegen nicht in Erziehungsfehlern oder in den
sozialen Verhältnissen, aber auch nicht in Ehekonflikten der Eltern
begründet. Die ADHS beruht auf einer vererbbaren neurobiologische
Prädisposition. Dass ADHS familiär gehäuft auftritt, lehrt der
Augenschein. Aber auch Studien zeigen immer deutlicher, dass ADHS
genetisch bedingt ist. Leidet ein Elternteil an ADHS, so liegt das
Erkrankungsrisiko bei den Kindern bei 50%. In Familien mit einem
ADHS-Kind entwickeln Geschwister 5-7x häufiger als in anderen Familien
auch ADHS. Zwillingsstudien von der Universität Colorado zeigten 1992,
dass der eineiige Zwilling eines hyperaktiven Kindes 11 – 18x häufiger
ebenfalls betroffen ist, als andere Geschwister. Hat eines der Zwillinge
ADHS, entwickelt das andere es in 55 bis 92% auch. An der Uni Oslo
wurden 525 eineiige, also genetisch identische – Zwillinge und 389
zweieiige Zwillinge, die sich genetisch nicht mehr gleichen als
Geschwister verschiedenen Alters, untersucht. Sie fanden für ADHS eine
Erblichkeit von 80%.
Dopaminhypothese
Hervorgerufen durch eine Grippe-Epidemie, traten zwischen 1918 bis 1923
vermehrt Fälle der Encephalitis lethargica auf. Dabei zeigten sich bei
Erwachsenen Parkinsonsymptome und bei Kindern gehäuft hyperaktives
Verhalten und Aufmerksamkeitsstörungen. Als eine Therapievariante wurden
erfolgreich Stimulanzien (Benzedrin) erprobt, welche sich bereits für
die Behandlung der Narkolepsie bewährt hatten. Das Stimulans führte zu
einer deutlichen Verbesserung von Stimmung, Verhalten und kognitiven
Leistungen. Man vermutete, dass diese Kinder – entsprechend den
Parkinsonpatienten – einen Dopaminmangel entwickelten. Eine These, die
auch heute noch ihre Gültigkeit hat. Die „Dopaminhypothese“ ist
einerseits gestützt durch die therapeutische Wirksamkeit der
Amphetamine, aber auch durch die Resultate genetischer Studien: Die
bisher durchgeführten Untersuchungen zu den Ursachen der ADHS legen
nahe, dass eine genetisch bedingte Dysfunktion der Katecholamine im
frontostriatalen System vorliegt, wobei einer Störung des dopaminergen
Stoffwechsels eine zentrale Bedeutung zukommt.
Forscher in München und den USA haben in bildgebenden Verfahren zeigen
können, dass erwachsene ADD-Patienten im Dopamin-Neurotransmittersystem
eine höhere Konzentration des Dopaminrücktransporters haben. Das bewirkt
einen zu schnellen Abbau des wichtigen Neurotransmitters Dopamin. In
München konnte vor einem Jahr bildlich gezeigt werden, wie Ritalin den
Rücktransporter hemmt und den Stoffwechsel in diesen wichtigen
Hirnregionen normalisieren kann. In einigen Jahren wird es nicht nur
zuverlässige ADHS-Tests geben, sondern man wird auch die Grundlagen der
Vererbung der ADHS verstehen.
Therapie der ADHS
Eine Therapie, die bei ADHS wirksam sein soll, muss sich, wie bei den
Kindern, auch bei Erwachsenen in erster Linie gegen die Grundsymptome
der ADHS richten: Gedächtnis, Aufmerksamkeit, Zeitgefühl,
Handlungsplanung und Impulskontrolle sollen verbessert werden.
Medikamentöse Therapie der ADHS
Basistherapie der ADHS sind auch bei Erwachsenen Medikamente. Sie
stimulieren, aktivieren und normalisieren diejenigen Hirnregionen,
welche für das Funktionieren der Informationsverarbeitung, des In- und
Outputs und der Selbststeuerung zuständig sind. Man nennt diese
Medikamente deswegen Stimulanzien. Schon 1937 hat das Forscher- und
Erzieherehepaar Bradley entdeckt, dass Amphetaminpräparate bei
verhaltens- und lerngestörten Kindern therapeutisch sehr wirksam sein
können. Danach erfolgte auf der ganzen Welt eine rege
Forschungstätigkeit, welche zu zahlreichen Änderungen in der Erklärung
und Bezeichnung dieses Störungsbildes führten.
Methylphenidat, also der Wirkstoff des Ritalin, dem bekanntesten
Medikament gegen die Symptome der ADHS, wurde bereits 1944 in einem
Labor der damaligen CIBA Basel synthetisiert/entdeckt. Seit 1954, also
seit bald 50 Jahren, ist Ritalin in der CH und seit 1956 in den USA auf
dem Markt. Unter Fachleuten und Wissenschaftlern gilt Ritalin als das
wissenschaftlich am Besten untersuchte Psychopharmakon, welches heute
auf dem Markt ist. Es gilt als therapeutisch sehr wirksam,
nebenwirkungsarm und gut verträglich.
Die klinische Erfahrung, aber auch plazebokontrollierte Studien, zeigen,
dass Stimulanzien auch bei Erwachsenen wirksam sind und zwar bei ca. 2/3
aller Patienten/ Patieninnen. Für sie gilt Ähnliches wie bei den
Kindern: Sie können sich besser organisieren, können auch Gedanken
besser ordnen, sind nicht so kopflos, das Nebelgefühl im Kopf kann sich
abschwächen, sie können besser denken, bevor sie handeln, sie nehmen
soziale Signale aus der Umwelt besser wahr und ecken weniger an und auch
für sie gilt, dass das Zeitgefühl besser wird. Sie sind gelassener,
können eins nach dem andern machen, ohne in Panik zu kommen usw.
Psychotherapie bei ADHS
Viele erwachsene ADHS-Betroffene haben durch die vielen Traumata den
Glauben an sich verloren, haben ein schlechtes Selbstwertgefühl, führen
innerlich oder äusserlich ein chaotisches Leben und sind oft einfach
sehr unglücklich. Da die Sekundärsymptome aber eine Eigendynamik
entwickeln können und ausgeprägte Depressionen, Angst- oder
Suchterkrankungen entstehen können, ist zur Therapie häufig auch eine
begleitende psychologische Behandlung erforderlich.
