Informationen zur Aufmerksamkeitsdefizit-/Hyperaktivitätsstörung (ADHS)



Dumm, faul, unfähig....“: ADHS bei Jugendlichen und Erwachsenen" - Grundlagen, Erscheinungsformen, Psychologie der ADHS

Letzte Aktualisierung dieser Seite: 02.12.2008

Piero Rossi (ergänztes Vortragsmanuskript, 2002)

Zum Thema von heute: „Das ADHS-Kind wird erwachsen“. Je länger ich über diesen Titel nachgedacht habe, um so mehr fragte ich mich: „Werden denn ADHS-Kinder überhaupt jemals erwachsen?“ Klar, sie werden volljährig, bekommen einen Bart, versuchen, sich angemessen auszubilden, fahren Auto, bekommen Kinder, haben irgendwann graue Haare, werden Grosseltern usw.

Aber: Werden ADHS-Kinder auch seelisch erwachsen? Werden sie wirklich beziehungsfähig? Können sie sich beruflich ihren Begabungen und Interessen entsprechend entwickeln? Können sich ihr Selbstbewusstsein, ihre Selbsteinschätzung, ihre Selbstbeherrschung und ihre Selbststeuerung tatsächlich zu einem persönlich befriedigenden Lebensvollzug und zu reifem Denken und Handeln entwickeln? Und vor allem: Wie kann man dazu beitragen, dass ADHS-Kinder zu gesunden und glücklichen Erwachsenen heranwachsen?

Je länger ich nun über diese Fragen nachdachte, um so unwohler wurde mir vor allem beim Gedanken, wie lange ich wohl diesmal an dem Vortragsmanuskript sitzen würde.

ADHS bei Männern
Zuerst zu den Männern: Um nicht missverstanden zu werden, will ich betonen, dass die folgenden Beispiele einfach dem entsprechen, was ich persönlich in meiner Arbeit täglich höre und es sicher sehr viele Männer, Väter und Ehepartner gibt, die gelernt haben, mit ihrer ADHS anders umzugehen. Das gilt im Speziellen natürlich für diejenigen Knaben und jungen Männer, deren ADHS behandelt wurde oder wird.

Also, wenn ich höre, was mir Ehefrauen und ADHS-Kinder in der Abklärung so alles über ihre ADHS-betroffenen Männer und Väter erzählen, aber auch, was sie selber mir während ihrer Untersuchung berichten, dann zweifle ich schon manchmal, wie es mit dem Erwachsenwerden der ADHS-Männer so steht..

Also, ich höre von diesen Männern,

Sie merken es schon: Viele Männer mit einer ADHS zeigen in ihrem Verhalten erstaunlich viele Ähnlichkeiten mit hyperaktiven ADHS-Kindern. Ob sie also wirklich erwachsen werden?


Können auch Erwachsene an einer ADHS leiden?
In meinen ersten Ausführungen sprach ich mit so einer Selbstverständlichkeit von erwachsenen ADHS-Betroffenen, dass Sie vielleicht erstaunt waren. Wenn Sie das stutzig machte, dann ist es allerdings verständlich: Die Tatsache nämlich, dass sich die ADHS auch ins Erwachsenenalter fortsetzen kann, ist in Europa selbst bei vielen Fachleuten noch weitgehend unbekannt.

So berichtet mir die Mutter nach der Abklärung ihrer 12-jährigen Tochter, sie sei schon vorher durch die Fragebögen und Bücher darauf gestossen, dass sie selbst vielleicht ADHS haben könnte. Zu viele dieser Symptome kenne sie nämlich auch selbst und das seit ihrer Kindheit. Sie habe dann ihren Arzt, bei welchem sie wegen chronischen Depressionen in Behandlung ist, darauf angesprochen. Dieser habe ihr gesagt, sie könne sich beruhigen: „Ein POS wächst sich mit der Pubertät aus. Es kann nicht sein, dass Erwachsene POS haben“. Ich höre das von meinen Patienten immer wieder. Viele der Ratsuchenden, welche meine Praxis aufsuchen, habe eine ganze Odyssee hinter sich, bis sie sich einmal verstanden und ernst genommen fühlen.

Häufigkeit und Verlauf
Eine Vielzahl von internationalen wissenschaftlichen Studien, die sich mit dem Verlauf und der Verbreitung der ADHS befassen, zeigen, dass rund bei der Hälfte der ADHS-Kinder auch im Erwachsenenalter behandlungsbedürftige psychische Probleme, welche durch die ADHS-Grundproblematik aufrecht erhalten werden, fortbestehen. 5-10% aller Kinder und 3-6% aller Erwachsenen sollen die diagnostischen Kriterien für die ADHS erfüllen. Die ADHS gilt weltweit als die häufigste kinderpsychiatrische Erkrankung. Selbst wenn nicht bei der Hälfte, sondern nur bei einem Drittel dieser Kinder die Störung im Erwachsenenalter fortbestehen sollte, so ist es naheliegend, dass die ADHS auch bei Erwachsenen sehr verbreitet sein muss. Im Hinblick auf die Geschlechterverteilung geht man heute davon aus, dass Frauen und Männer von der ADHS gleichhäufig betroffen sein können.

Modediagnose?
Leider muss ich immer wieder hören, dass das Thema ADHS bei Erwachsenen z.T. auch von Fachpersonen nicht ernst genommen wird und auch mal als „Modediagnose“ bezeichnet wird. Das Wissen, dass die ADHS auch im Erwachsenenalter fortbestehen kann, ist aber alles andere als neu: Bereits 1962 beschrieben Forscher, dass viele ehemals Hyperaktive als Erwachsene emotional impulsiv sind, eine niedrige Frustrationstoleranz haben und dazu neigen, in Wutanfällen, Panikattacken oder Befürchtungen zu entgleisen. Anfang der 70er Jahre wandte sich Paul Wender, einer der bekanntesten ADD-Forscher der USA, intensiv der Erforschung der ADHS bei Erwachsenen zu. Bereits Ende der 70er Jahre fanden Therapieversuche mit Stimulanzien, den klassischen ADHS-Medikamenten, bei Erwachsenen statt.

Sogar der wichtigste Seelenforscher des 20. Jahrhunderts, nämlich niemand anderer als Sigmund Freud, der Begründer der Psychoanalyse, wusste um die Problematik und die Symptome der ADHS.

Freud analysierte bei Erwachsenen das Phänomen der Unaufmerksamkeit und Ablenkbarkeit und schrieb 1901 in „Zur Psychopathologie des Alltagslebens“:

„Es gibt Menschen, die man als allgemein vergesslich bezeichnet und darum in ähnlicher Weise als entschuldigt gelten lässt wie etwa den Kurzsichtigen, wenn er auf der Strasse nicht grüsst. Diese Personen vergessen alle kleine Versprechungen, die sie gegeben, lassen alle Aufträge unausgeführt, die sie empfangen haben, erweisen sich also in kleinen Dingen als unverlässlich und erheben dabei die Forderung, dass man ihnen diese kleineren Verstösse nicht übel nehme, d.h. nicht durch ihren Charakter erklären, sondern auf organische Eigentümlichkeit zurückführen solle“.

In einem anderen seiner Aufsätze schrieb Sigmund Freud:

„Ein bekanntes Beispiel solcher Zerstreutheit ist der Professor der „fliegenden Blätter“, der seinen Schirm stehen lässt und seinen Hut verwechselt, weil er an die Probleme denkt, die er in seinem nächsten Buch behandeln wird“.

Es ist schon erstaunlich, wie Freud vor 100 Jahren in fast hellseherischer Manier moderne wissenschaftliche Erkenntnisse vorwegnahm und in dem er schrieb, dass

"...Abänderungen der Blutversorgung im nervösen Zentralorgan..."

eine der Ursachen von Aufmerksamkeitsstörungen sein kann. Damit formulierte er vorausschauend die heutige, quasi von allen Wissenschaftlern anerkannte Erkenntnis, das eine genetisch bedingte reduzierte Durchblutung und eine ungenügende neuronale Aktivität im Stirnhirnbereich (und eben nicht primär Charakter- oder Erziehungsprobleme) die primäre Ursache der ADHS darstellen.

Die mehreren hundert englischsprachigen wissenschaftlichen Publikationen zur ADHS bei Jugendlichen und Erwachsenen, wahrscheinlich handelt es sich sogar um eine vierstellige Zahl, hat man in Europa bis heute kaum zur  Kenntnis genommen. 1998 erschien erstmalig in deutscher Sprache eine Übersetzung des ADD-Buches "Zwanghaft zerstreut" von E. Hallowell. Und im gleichen Jahr erschienen in Fachzeitschriften die ersten der inzwischen fünf Fachartikel zu ADHS bei Erwachsenen in deutscher Sprache.

Der unaufmerksame Typus der ADHS
In Europa hat man aber lange nicht nur verkannt, dass ADHS auch bei Erwachsenen vorkommen kann. Man auch nahezu komplett ignoriert, dass es neben dem hyperaktiven Typus auch einen stillen, verträumten und unaufmerksamen Typus der ADHS gibt. Also ADHS ohne “H”. Wir alle kennen den ungelenken „Gstabi“, den Störenfried, den Zappelphilipp - eben das sog. typische POS-Kind mit hyperkinetischen Verhaltensauffälligkeiten. Der „Hans-Guck-in die Luft“, wie ihn der Arzt Philipp Hofmann in seinem Kinderbuch „Der Struwwelpeter“ bereits 1845 beschrieb, also das verträumte, zerstreute, unaufmerksame, vergessliche und langsame Kind, es fand in Europa bisher kaum Beachtung.

Verhängnisvoll ist dieses Ausklammern des unaufmerksamen Typus der ADHS auch deswegen, weil unter den Betroffenen viele Mädchen sind. Mädchen und Frauen werden nicht nur im Bildungs- und Erwerbsleben benachteiligt, sondern auch in der Forschung: Viele der Studien über die ADHS wurden - wen wundert es - mit Knaben durchgeführt und man hat – z.B. in Elternratgebern - den unaufmerksamen Typus vernachlässigt oder bewusst ausgeklammert. Eine Studie der Universität Zürich über die Tauglichkeit eines computergestützten Aufmerksamkeits-Tests bei ADHS-Kindern, welche Ende 2000 veröffentlicht worden ist, wurde ausschliesslich mit Knaben durchgeführt. Mich persönlich wundert es nicht, dass auch heute noch hartnäckig daran festgehalten wird, dass die ADHS bei Knaben 3 - 8x häufiger vorkomme, als bei Mädchen.

Feldforschungen führten dazu, dass die Amerikanische Psychiatrische Gesellschaft 1980 in der dritten Version der DSM (Diagnostisches Manual psychischer Störungen) die Bezeichnung „Hyperkinetische Störung“ durch „ADD“ ersetzte. Damit trugen sie den Forschungsresultaten Rechung und setzten Probleme mit der Konzentration und Aufmerksamkeit in den Mittelpunkt dieses Störungsbildes. Schon ab diesem Zeitpunkt war es also „offiziell“ möglich, ADHS ohne Zeichen der Hyperaktivität oder Impulsivität zu diagnostizieren. Da Mädchen bzw. Frauen häufiger an der stillen Form der ADHS leiden, fallen sie einfach aus dem Diagnose- und Begriffsraster.

Die heute noch gültige Version der DSM-IV von 1994 erlaubt die Diagnose von drei Typen der ADHS: Nämlich den vorwiegend unaufmerksamen Typus, den vorwiegend hyperaktiven Typus und den Mischtypus. Epidemiologische Studien, welche in den USA zwischen 1995 und 1997 durchgeführt wurden, zeigten, dass die ADHS ohne Hyperaktivität kein Phantom ist, sondern quasi doppelt so häufig vorkommt, wie der meistens alleine anerkannte hyperaktive und primär männliche Typus der ADHS. Die Prävalenz, also die Auftretenshäufigkeit des unaufmerksamen Typus der ADHS betrug zwischen 4.5 und 9%. Der kombinierte Typus hingegen liess sich bei 1.9 bis 4.8 der Bevölkerung feststellen und der hyperaktive Typus bei 1.7 - 3.9%.

Bevor ich mit weiteren Beispielen aus meiner Praxis und Informationen zur ADHS bei Jugendlichen und Erwachsenenalter fortfahre, will ich jetzt einen kurzen „Kameraschwenk“ vornehmen zur Theorie der ADHS.

ADHS als Schwäche der Hemmfunktionen
Aus der Vielfalt von alltäglichen Verhaltensweisen oder Erleben eines Menschen mit einer ADHS, sieht man ja nicht das ADHS selbst, sondern die für einen selbst oder für andere oft schmerzhafte Folgen und Auswirkungen dieses Syndroms: Eine ADHS kann tausend Gesichter haben. Um diese unendlich vielen ADHS-typischen Verhaltensweisen oder Empfindungen wirklich verstehen und diagnostisch korrekt einordnen zu können, braucht es ein Grundwissen über den Kern der ADHS.

Gemäss dem heute international anerkannten Stand der Erforschung dieses Syndroms, ist das Kernmerkmal der ADHS eine neurochemisch bedingte Schwäche der Hemmfunktionen unseres Zentralcomputers namens: Gehirn. Folgen sind Zerstreutheit, Ablenkbarkeit, Vergesslichkeit und bei einigen Betroffenen auch Impulsivität und hyperaktives Verhalten. Man weiss heute, dass bei der ADHS bestimmte Nervenzellen untereinander nicht genügend aktiv kommunizieren, und zwar in genau denjenigen Hirnregionen, welche im Normalfall sehr flexibel die von aussen auf uns eintreffende Reize filtern, dann sortieren und schliesslich für eine angemessene Verarbeitung und Reaktion auf diese Reize sorgen.

Gleichzeitig können bei einer ADHS auch Impulse, die von innen her kommen, nicht genügend reguliert und „abgebremst“ werden. Es kann sich dabei um Verhaltensimpulse handeln, denen man nicht widerstehen kann oder die sich einfach automatisch ereignen. Beispiele sind Bewegungsimpulse, Sprechimpulse oder ein Hungerimpuls. Das kann leicht zu Unfällen oder zu Ärger mit Kollegen/Kolleginnen führen, weil die Betroffenen ihre Kraft nicht recht dosieren können. Nicht genügend gefiltert und abgebremst werden aber auch impulsive Gedanken, innere oder äussere Stimmungen, Gefühle, Geräusche, Gerüche oder auch einmal alles zusammen.

Es ist die fehlende Steuerung, bzw. die mangelhaft funktionierende Kontrolle über die Reaktionen auf diese über einen hineinbrechenden Stimuli, welche zu den ADHS-typischen und zentralen Kernproblemen mit der verhaltensbezogenen oder gedanklichen Selbstbeherrschungen führt - mit all ihren besten bekannten und meist leidvollen Folgen in der Familie, in der Schule, in Beziehungen und am Arbeitsplatz.

Bei der ADHS sind also die Hirnregionen, welche die „innere Bremse“ und den Reizfilterschutz regulieren, zu wenig aktiv. Sie sind damit also nicht etwa defekt: Achtung: Wer ADHS hat, hat keinen „Hirnschaden“, denn sonst könnte man sich bei spannenden oder interessanten Tätigkeiten ja auch nicht konzentrieren!

Achtung: Um von einer ADHS zu reden, muss die „innere Bremse“ seit Kindheit so störend unregelmässig funktionieren, dass die Betroffenen dadurch massgeblich behindert werden, ihre Persönlichkeit, ihr Potential und ihre Begabungen zu entwickeln und in der Folge darunter auch leiden.

Das Brems- und Filtersystem im Gehirn von ADHS-Betroffenen funktioniert leider nur dann gut, wenn diese Hirnregionen zusätzlich von aussen oder von innen angeregt und stimuliert werden: Dann erst normalisiert sich der Hirnstoffwechsel und dann erst vermag man sich gut zu konzentrieren, ist nicht von jeder Fliege abgelenkt und kann eine Sache durchziehen.

Menschen mit ADHS brauchen sehr viel Stimulation, um „normal“ zu funktionieren. Sobald es monoton, reizarm, langweilig und uninteressant wird, versagen das Reizfiltersystem und die „innere Bremse“: Man wird gereizt, kann sich nicht mehr konzentrieren, Impulse brechen durch, man handelt, ohne zu denken oder man „verreist“ in Gedanken, oder wird depressiv, oder träumt vor sich hin oder zum Fenster hinaus oder versucht, sich durch stimulierende innere Bilder oder Phantasien oder Selbstgespräche, Anregung zu verschaffen.

Die Schwäche der Reizverarbeitung und der Impulskontrolle erklären auch, warum ADHS-Kinder häufig liebend gerne Musik hören zum Aufgabenmachen oder zum Einschlafen. Geräusche aktivieren, stimulieren und normalisieren ihre Reizfilter und die „innere Bremse“: Sie werden ruhiger, selbstbeherrschter und konzentrierter. Meistens ernten diese Kinder aber nur Unverständnis, wenn sie darauf bestehen, dass sie sich mit Musik besser konzentrieren oder im Bett besser abschalten können und – meistens zusätzlich noch mit etwas Licht - sich auf den Schlaf konzentrieren können.

Die Reizoffenheit und die mangelnde Impulskontrolle erklären u.a. auch, warum z.B. im Alltag kleine Geräusche eine Orientierungsreaktion auslösen können und die Aufmerksamkeit reflexartig von der Lehrerin auf einen herabfallenden Kugelschreiber umgelenkt wird. Die Reizoffenheit erklärt auch, wieso ADHS-Betroffene manchmal so ausgeprägt sensibel sind, dass sie zum Selbstschutz psychisch „zu“ machen müssen, um nicht unterzugehen. Und sie erklärt, wieso sie z.B. durch Aussenstimmungen so leicht negativ, aber auch positiv, beeinflussbar sind. Sie regen sich auf und lassen sich irritieren und werden in Gedanken gefangen genommen von Kleinigkeiten oder Details, welche von anderen kaum wahrgenommen werden.

Dass Anregendes und Stimulierendes wie eine Therapie wirkt, gilt z.B. auch für Erwachsene, die Unmengen Kaffee oder Coca Cola konsumieren. Und die allen bekannte Medikamente zur Behandlung der ADHS-Kernsymptome gehören zur Klasse der Psychostimulanzien: Sie stimulieren die Hirnzentren mit der Folge, dass die Selbstbeherrschung und Konzentration so gut werden, als befände man sich in einer spannenden, interessanten und anregenden Situation.

Wenn in der Alltagsroutine der innere Filter und die innere Bremse nicht richtig funktionieren und man viel leichter als andere Menschen, schutzlos inneren und äusseren Reizen ausgeliefert ist und seine Reaktionen nicht genügend kontrollieren kann (und das ist der Kern der ADHS-Problematik), hat das Folgen für die ganze Entwicklung und den Lebensvollzug eines Menschen.

Der Grund ist, dass die bei der ADHS angeborene Schwäche dieser Basisfunktionen auch die Entwicklung von anderen geistigen Funktionen in Mitleidenschaft ziehen können. Der Arzt Russel Barkley, einer der führenden ADHS-Forscher in den USA, beschreibt eine ganze Reihe von geistigen Grundfunktionen, welche sich bei Vorliegen einer ADHS nicht altersentsprechend entwickeln können:

Dazu gehört u.a. das Kurzzeit- oder Arbeitsgedächtnis. Etwas vereinfachend formuliert, funktioniert das Arbeitsgedächtnis wie eine Sortierstation. Dort werden in einem aktiven Prozess die eintreffenden Reize entweder gerade bearbeitet oder im Langzeitgedächtnis abgelegt oder gelöscht. Das Arbeitsgedächtnis von ADHS-Betroffenen ist im Alltag und in Routinesituationen zu wenig aktiv und hat dadurch Kapazitätsprobleme. Die Sortierstation kann dann nicht so viel auf Einmal verarbeiten. Deswegen geraten Menschen mit ADHS leicht in Stress, wenn zuviel auf sie einströmt oder wenn sie schnell Informationen aus dem Langzeitgedächtnis abrufen müssen. Oder sie müssen sich viel mehr anstrengen beim Lernen oder können nicht gleichzeitig dem Lehrer zuhören und sich nachher les- und brauchbare Notizen machen. Ihre selektive Aufmerksamkeit leidet massgeblich. Das Arbeitsgedächtnis funktioniert dann aber normal, wenn man sich in einer sehr interessanten oder stimulierenden Situation befindet. Deswegen sind die Leistungen von ADHS-Betroffenen in der Schule, aber oft auch im Berufsleben so sehr schwankend.
Warum das so ist, darüber gibt es mehrere Theorien. Wahrscheinlich strömen infolge der Probleme Filterung und der Hemmung von Reizen, zuviele unwichtige Informationen ins Arbeitsgedächtnis.

Störungen in der Entwicklungen des nonverbalen Arbeitsgedächtnisses haben zur Konsequenz, dass man u.a. ein vermindertes Zeitgefühl hat. Die Fähigkeit, Ereignisse im Gedächtnis zu behalten und Entscheidungen und Handlungen in der Gegenwart durch zeitliche Rückschau und Voraussicht - also überlegt und bedacht - zu vollziehen, an dieser Fähigkeit fehlt es vielen ADHS-Betroffenen: Sie handeln unüberlegt, kommen zu spät, trödeln oder hetzen oder stressen andere, weil sie so im Moment leben und immer so auf den Augenblick fixiert sind und z.B. Sachen sofort haben müssen (sie vergessen sie sonst). Barkley sagt, Menschen mit ADHS sind wie „zeitblind“.

Barkley sagt weiter, dass bei der ADHS auch das verbale Arbeitsgedächtnis sich nicht recht entwickelt. Folgen sind, dass ADHS-Menschen viel schlechter als andere lernen können, sich über ein Selbstgespräch steuern können (Störungen in der Entwicklung der Internalisierung von an sich selbst gerichteter Rede). Konsequenzen sind eine geringe Selbststeuerung und Selbstkontrolle. Aber auch die Fähigkeit zur Selbstbefragung entwickelt sich nicht richtig. Entweder man wird egozentrisch oder das Gegenteil, nämlich übermässig selbsthinterfragend und selbstkritisch. Als weitere wichtige Grundfunktion, die sich bei der ADHS nicht altersgerecht entwickelt, nennt Barkley die mangelnde affektive Impulskontrolle: ADHS-Betroffene bleiben oft lebenslang emotional abhängig und beeinflussbar von äusseren Stimmungen. Sie fühlen sich emotional, oft aber auch in ihrem ganzen Lebensvollzug wie fremdbestimmt.

ADD bei Frauen
Damit haben wir genügend theoretische Bausteine, um uns wieder den Alltagserfahrung von erwachsenen ADHS-Betroffenen zuzuwenden. Diesmal den Frauen:

In meiner täglich Arbeit höre ich von jungen und reiferen Frauen mit einer ADHS,

Bei den einleitenden Beispielen von hyperaktiven ADHS-Männern sagte ich, dass ich gelegentlich zweifle, ob sie wirklich erwachsen werden. Bei Frauen mit ADHS kenne ich diesen Zweifel nicht:

Ich bin immer wieder tief bewegt, wenn ich in der Sprechstunde und in persönlichen, schriftlichen Lebensberichten vernehme, was erwachsene ADHS-Frauen alles erleben und durchmachen mussten - und dann feststelle, wie gesund sie trotzdem noch sind. Frauen mit einer ADHS sind m.E. echte „Stehauffrauchen“ und ich staune immer wieder, wie gut und schnell sie sich immer wieder raufrappeln können, wie geschickt und originell sie in verzwicktesten Lebenslagen improvisieren können, wie schnell sie sich und anderen verzeihen können und wie dankbar, eifrig und konsequent, sie in ihrer Emanzipation und Persönlichkeitsentwicklung sein können, wenn ihnen angemessene Hilfe zuteil kommt.

Vor allem was ADHS-betroffene Mütter zu leisten und zu ertragen vermögen, zeugt unmissverständlich davon, dass ADHS plus Verantwortung plus Einsatz plus Kraft sich nicht ausschliessen müssen: Meistens kämpfen diese Familienfrauen a) mit den Folgen der eigenen ADHS, und b) meist mutterseelenallein – weil der Vater keine Zeit hat - für ihre schwierigen ADHS-Kinder: Sie müssen beim Lehrer oder den Behörden um Verständnis ringen, dass ihr Kind bei Prüfungen halt mehr Zeit als andere benötigt und sich dann, die Zähne zusammenbeissend, anhören, dass man in der Schule schliesslich alle Kinder gleich behandeln müsse und man daher keine Sonderzüge fahren könne. Gestern erzählte mir eine selbst von ADHS betroffene Mutter, der Schulpsychologe habe ihr kürzlich gesagt, ob es denn nicht reiche, dass sie Symptombekämpfung betreibe und das Kind mit Medikamenten ruhigstelle? Vom gleichen Psychologen hörte sie zwei Woche vorher, ihr Kind habe Verhaltens- oder Lernprobleme, weil sie selbst zuwenig konsequent in der Erziehung ist und weil sie die Eheprobleme nicht anpacke. Chancenlos habe sie versucht, dem Schulpsychologen zu erklären, dass die Legasthenietherapie auch nach 1½ Jahr noch nichts nütze.

 


Viele dieser ADHS-Familienfrauen kämpfen nicht nur mit ihrer chronischen Neigung, sich in der Haushaltsführung zu verzetteln, mit ihrer ständigen Müdigkeit, der Vergesslichkeit, oft starken Menstruationsbeschwerden, den Schuldgefühlen, weil die Kinder bei andern ständig Probleme machen - oder weil sie selbst in der Verzweiflung – was nicht selten vorkommt – die eigenen Kinder schütteln und schlagen.
Nein, da warten neben einem Wäscheberg, einem vollen Staubsaugersack, leeren Flaschen, zu schnürendem Altpapier/Zeitungen, einem ungemisteten Meerschweinchenstall, ungemähtem Rasen, unerledigter Post, einem anstehenden Entschuldigungs-Telefonat mit Frau B., weil der Sohn wieder dies oder jenes anstellte, ein neuer Termin mit dem Schulpsychologen und ein immer wieder hinausgeschobener Besuch in der Autogarage, um endlich die Sommerpneus zu montieren.

Bevor wir zu den Jugendlichen kommen, will ich Ihre Aufmerksamkeit noch einmal kurz auf Zusammenstellung von Paul Wender, einem inzwischen betagten, aber sehr bekannten amerikanischen ADHS-Forscher lenken. Er hat in den Siebziger Jahren die sog. UTAH-Kriterien erarbeitet. Diese beschreiben typische ADHS-Symptome bei Erwachsenen. Wie sie sehen werden, unterscheiden sich diese gar nicht so sehr von den Auffälligkeiten bei Kindern:

Aufmerksamkeitsstörungen
Paul Wender zählt auf: Unvermögen, uninteressanten Gesprächen zu folgen, erhöhte Ablenkbarkeit, andere Reize können schlecht herausgefiltert werden, Vergesslichkeit, häufiges Verlieren von Gegenständen, Schwierigkeiten sich auf schriftliche Dinge zu konzentrieren usw. Der derzeit verwendete Begriff "Aufmerksamkeits-Defizit" ist eigentlich eine unzutreffende, zumindest jedoch missverständliche Bezeichnung. Vielmehr sind die Betroffenen zumeist nicht unaufmerksam, sondern folgen vielmehr mehreren (inneren oder äusseren) Wahrnehmungen bzw. Gedanken gleichzeitig (Störungen der selektiven Aufmerksamkeit). Ausser bei spannenden, interessanten und somit stimulierenden Tätigkeiten haben ADHS-Betroffene Probleme beim Fokussieren – also beim zielgerichteten Lenken der Aufmerksamkeit, beim Selektieren – also beim Filtern von irrelevanten Reizen und beim Aufrechterhalten von Ausdauer.

Motorische Hyperaktivität
Paul Wender zählt dazu: Innere Unruhe, Nervosität, Unfähigkeit, sich zu entspannen, Unfähigkeit, lange sitzende Tätigkeit durchzuhalten, stets auf dem Sprung sein, Stimmungsabfall bei Inaktivität.

Affektlabilität
Gemeint ist eine instabile und unsichere Stimmung. Ein Wechsel zwischen normaler, leicht gedämpfter und leicht erregter Stimmung. Die niedergeschlagene Stimmung wird häufig als Langeweile oder Unzufriedenheit geschrieben. Die Stimmungswechsel dauern nur Stunden und nur selten mehr als ein, zwei Tage. Gute Erlebnisse führen schnell zur Normalisierung der Stimmung, die Schwankungen sind meist reaktiver Art.

Desorganisiertes Verhalten
Aktivitäten werden nicht angemessen geplant und organisiert. Aufgaben werden nicht zu Ende gebracht, die Patienten wechseln sprunghaft von einer Aufgabe zur Nächsten, oder sie bleiben an einer Detailaufgabe kleben. Sie haben Mühe, Probleme systematisch anzugehen und sind oft unfähig, Zeitpläne und Termine einzuhalten. Vieles läuft entweder nicht oder nur hektisch ab und auf den letzten Drücker ab. ADHS-Betroffene leben nur im "Hier und Jetzt". Für sie heisst "später" meist nie. Sie sind Spezialisten im "auf-die-lange-Bank-schieben".

Affektkontrolle
Patienten und ihre Partner berichten von andauernder Reizbarkeit und Wutausbrüchen, die aber nur von kurzer Dauer sind. Typisch sei eine erhöhte Reizbarkeit im Strassenverkehr. Das schlechte Funktionieren der inneren Gefühlsbremse wirke sich nachteilig in zwischenmenschlichen Kontakten aus. Menschen mit ADHS sind grundsätzlich sehr viel emotionaler als andere Menschen, empfinden Gefühle "ungebremster" und sind empfindlicher für Veränderungen.

Impulsivität
Einfache Formen sind das dauernde Dazwischenreden, oder Sprechdurchfall, Ungeduld, impulsive Einkäufe, spontane und unreflektierte Entschlüsse, Handeln und erst dann Denken. Auch verbale Entgleisungen, zynische Bemerkungen und Provokationen können dazu gehören. Impulse können nicht unterdrückt werden. Oft schämen sich die Betroffenen, dass sie ins Fettnäpfchen treten.

Emotionale Reizbarkeit
ADHS-Betroffene können nicht angemessen mit alltäglichen Stressoren umgehen. Sie reagieren überschiessend und sind dann unangemessen niedergeschlagen, verunsichert, ängstlich oder ärgerlich. Sie beschrieben sich selbst als leicht und häufig gestresst. Menschen mit ADHS sind sehr viel „emotionaler“ als andere Menschen und empfinden Gefühle „ungebremster“. Sie sind auch empfindlicher für Veränderungen, etwa bei Verlust einer Bezugsperson, eines geliebten Tieres oder bei Wohnortswechsel. Ihre Reizoffenheit macht sie verletzbar.

Jugendliche mit ADHS
Nun zu den Jugendlichen: Wenn bei ihnen die ADHS nicht erkannt, oder gar nicht oder nicht richtig behandelt wird, stehen sie in der Pubertät vor sehr, sehr kritischen Hürden:

Auf der einen Seite haben diese Jugendlichen Mühe, sich selbst zu organisieren, sie können sich nicht an Vorsätze halten, können Lernvorhaben nicht umsetzen, sind chaotisch mit den Schulsachen und leben und lernen viel, viel ausgeprägter als andere Kindern nach dem Lustprinzip. Und das trotz allen Ermahnungen, Belohnungen der Eltern. Auf der anderen Seite suchen sie die Freiheit, sich selbst und ihre Grenzen. Zwischen der Tatsache, dass ADHS-Jugendliche Struktur und Regeln brauchen, um nicht aus dem Ruder zu laufen und ihrem legitimen Bedürfnis nach Autonomie, entsteht ein echter Konflikt.

Bedingt durch ihre ADHS-Symptome haben alle un- oder falsch behandelten ADHS-Kinder u.a. Probleme mit dem Lernen. Sie haben keine Geduld, können sich beim Lernen nicht lange hinsetzen, vermögen - wenn es für sie monoton wird - nicht lange zuzuhören, sind Minimalisten und in Sachen Schule immer mehr entmutigt. Un- oder falsch behandelte ADHS-Kinder und Jugendliche können also ihr geistiges Potential und ihre Begabungen nicht entfalten oder ausleben und haben nie den schulischen und später beruflichen Erfolg, der ihnen eigentlich zustehen würde. Schulischer Erfolg ist die wichtigste Quelle für die Seelennahrung eines Jugendlichen. Und diese stimulierende Quelle können unbehandelte ADHS-Kinder nicht anzapfen. Statt eine Lehre zu machen, absolvieren sie eine Anlehre, statt ins Gymnasium zu gehen, absolvieren sie eine Lehre usw. Sie schaffen und lernen immer quasi unter ihrem Potential. Folge ist, dass sie nicht ausgelastet und unzufrieden sind, oder dass es ihren langweilig wird. ADHS-Jugendlichen ist ja nicht damit geholfen, dass man sie unter ihrem Niveau einschult. Dazu kommt der Frust, die Verzweiflung und manchmal auch Schuldgefühle, weil man die Erwartungen der Eltern nicht erfüllen kann. Und das nicht, weil man nicht will, sondern weil man nicht kann.

Infos hilfreich?



Das kann dazu führen, dass Jugendliche sich anderen stimulierenden Dingen oder Tätigkeiten zuwenden: Irgendwie müssen sie sich ja selbst spüren und brauchen ein Feld, um sich selbst als autonome Person identifizieren zu können. Ganz besonders geeignet ist dazu leider alles Spezielle, Verbotene und Riskante: Klauen, rauchen, kiffen, sich aus dem Zug lehnen, mit Unkrautvertilger Sprengkörper basteln, Computer-Viren bauen, sich die Arme aufritzen, Pillen „schmeissen“ oder Orte aufsuchen, von denen die Eltern ihnen sagten, sie sollen sie meiden.

Es ist fatal: Aber das mit Auflehnung, Trotz, Opposition verbundene Verhalten und Erleben kann ein unbehandeltes ADHS-Hirn gefährlich gut stimulieren. Und das ist verlockend. Dazu zählt auch der „Kick“, wenn Mädchen oder junge Frauen erleben, wenn sie hungern. Magersucht und ADHS gehen so häufig einher, dass Mädchen mit Anorexie heute unbedingt auf eine mögliche ADHS abgeklärt werden müssten.

Unheilvoll ist, dass auch die pharmakologische Wirkung einiger Drogen gut geeignet sind, das bei ADHS-Betroffenen zu schwache Dopaminsystem zu aktivieren und damit das Minus an neuronaler Aktivität im Frontalhirnbereich von ADHS-Betroffenen auszugleichen. 1995 wurden Forschungsresultate veröffentlicht, die zeigten, dass unbehandelte Erwachsene mit ADHS ein mehrfach erhöhtes Risiko von Alkohol- und Drogenmissbrauch haben. Im gleichen Jahr wurde bekannt, dass Zigarettenrauchen bei jugendlichen und erwachsenen Patienten mit ADHS deutlich häufiger als bei Normalpersonen anzutreffen ist. Vermutlich handelt es sich um eine Art Selbstmedikation. Von grossem Interesse sind in diesem Zusammenhang die Resultate einer 1997 durchgeführten klinischen Studie, wonach Nikotinpflaster bei Patienten mit ADHS deren Symptomatik eindeutig besserte. Länger schon ist aus amerikanischen Studien bekannt, dass - je nach Studie - 50% der Drogensüchtigen an einer unerkannten oder unbehandelten ADHS leiden.

Dass mit einer rechtzeitigen und fachgerechten medikamentösen und psychologischen Therapie der ADHS dazu beigetragen werden kann, schlimme Folgeerkrankungen - wie eben z.B. Drogensucht - zu vermeiden, leuchtet allen spontan ein, die um die biochemischen Besonderheiten der ADHS wissen. Joseph Biedermann, einer der führenden ADHS-Forscher aus Boston, hat in einer sehr bekannt gewordenen prospektiven Studie auch zeigen können, dass mit Stimulanzien behandelte ADHS-Jugendliche ein um 85% geringeres Risiko für Drogenmissbrauch zeigen als solche, die nicht behandelt werden.

Andere Risiken sind Frühschwangerschaften. Eine deutsche Studie von 8/2001 ermittelte bei ADHS-Kindern unter 15 eine um das neunfache erhöhte Verkehrsunfallgefahr. Ausgehend von den sich 1997 in Deutschland ereigneten Verkehrunfällen mit Jugendlichen unter 15 nimmt man an, dass 63% dieser Unfälle im Zusammenhang mit ADHS stehen. Forscher in Deutschland fordern dringend Präventivprogramme. Interessanterweise konnte bereits 1993 in einer amerikanischen Langzeitstudie gezeigt werden, dass medikamentös unbehandelte ADHS-Kinder im Vergleich zu den Behandelten die höchste Unfallgefahr haben.

Um den beschrieben und die vielen anderen möglichen Komplikationen in der Pubertät von ADHS-Jugendlichen etwas entgegenzusetzen, folgende Empfehlungen:

Möglichst frühzeitige und fachgerechte Behandlung der ADHS. Bei einer Sehschwäche wartet man mit einer Brille auch nicht, bis der erste Unfall da ist oder das Selbstwertgefühl danieder liegt. Medikamente gegen die ADHS-Symptome dürfen in der Pubertät nicht automatisch abgesetzt werden. Manche benötigen auch als Erwachsene Stimulanzien, so wie andere Insulin brauchen, um zu überleben.

Wenn Jugendliche trotzen „ausrufen“, die Tabletten würden sowieso nichts nützen und die Medikamenteneinnahme verweigern, darf man sich nicht auf einen Kampf einlassen: Oft haben diese Jugendlichen nämlich Recht. Bei 90% aller Kinder oder Jugendlicher, die mir vorgestellt werden, weil bei ihnen Ritalin nicht wirken solle, liegt der Grund darin, dass die Dosierung nicht stimmt. Meist ist die Dosierung zu niedrig oder man hat die kurze Wirkdauer nicht berücksichtigt (z.B. nur morgens ein Ritalin SR). Wenn Stimulanzien richtig eingestellt sind, dann ist der Effekt auch für Jugendliche so eindeutig wie bei einer Brille. Und kein Teeny, der ohne Brille aufgeschmissen ist, sucht sich die Brille als Objekt des Trotzes.

Psychische Folgen der ADHS
In meiner Praxis werden vorwiegend Kinder, Jugendliche und erwachsene Personen mit Verdacht auf ADHS untersucht und behandelt. Ich durfte in meiner Untersuchungstätigkeit in den letzten Jahren rund 200 Frauen und Männer zwischen 18 und 63 kennen lernen, welche an ADHS leiden. Bei ihnen wurde die ADHS wenn überhaupt, dann nur bis zur Pubertät behandelt. Und mit der Pubertät haben sich bei meinen Patienten die ADHS-Symptome leider nicht ausgewachsen. Sie haben sich im Gegenteil nachhaltig und behindernd auf ihren ganzen Lebensvollzug ausgewirkt. Viele dieser erwachsenen, ADHS-betroffenen Frauen und Männer haben ein Leben lang gekämpft, nicht nur mit sich selbst, sondern vor allem mit ihrer Umwelt:

Viele sind gekennzeichnet von einem Schultrauma, einem Lerntrauma, einem Lehrertrauma, einem Geschwistertrauma, einem Familientrauma, einem Ausbildungstrauma, einem Arbeitsplatztrauma, Beziehungstrauma, einem Psychologentrauma, einem Kindertrauma, einem Ehemann- oder Ehefrautrauma usw.

Viele von ihnen hörten Dutzende und Aberdutzende von Malen, sie sollten sich mehr anstrengen, mehr Willen zeigen, sich endlich zusammenreissen, gefälligst innehalten und zuhören, wenn man mit ihnen redet und nicht immer zu spät zu kommen und versprochene Dinge endlich einhalten. Mit einem Wort: Sie sollten die Eltern, den Lehrer, den Partner die eigenen Kinder, einfach das Gegenüber endlich, endlich einmal ernst nehmen. Oder sie sollen bitte, bitte aufhören, Zugesagtes extra zu vergessen oder Sachen absichtlich fünfmal zu fragen, nur um andere zu provozieren.

Schon in der Schule bekundeten die meisten meiner erwachsenen ADHS-PatientInnen grosse Mühe, sich Dinge zu merken, der Lehrerin richtig zuzuhören, an einer angefangenen Sache in einem einigermassen vernünftigen Rahmen dranzubleiben und diese auch abzuschliessen. Der am Schulhaus mit dem Mofa vorbeifahrende Postbote, das eine etwas zu kurze Hosenbein des Lehrers oder das Zirpgeräusch beim Öffnen einer Tempo-Taschentuchpackung reichten, um die eigene Aufmerksamkeit vom gerade besprochenen Thema wegzulocken.

Lernen daheim war – wenn überhaupt Hausaufgaben erledigt wurden – ein ewiger Kampf: Und falls überhaupt für die Schule gelernt wurde, dann nur unter Bewachung der Mutter und in späteren Schuljahren entweder spät abends oder am Morgen im Zug. Auf jeden Fall aber immer auf den letzten Drücker. Entweder man kapierte etwas sofort, es wurde im Hirn quasi abfotografiert, oder man begriff es gar nicht oder nur sehr, sehr, sehr mühsam. Aber auch wenn zu Hause gelernt wurde: Viele meiner ADHS-Patienten berichteten mir von ihren leidhaften Erfahrung, wenn mühsam erworbenes Wissen beim Aufgerufenwerden in der Klasse oder bei Prüfungen, einfach nicht aus dem Langzeitgedächtnis abzurufen war.

Die Folgen dieser kleinen und grossen Traumata für alle ADHS-Betroffenen sind, dass sie nämlich rundherum in leibhaftigen und meist schmerzhaften Erfahrungen mehr oder weniger direkt zurückgespiegelt bekommen haben, dass sie auf eine offenbar unangenehme Art anders sind als die andern, ohne aber selbst wirklich zu verstehen, wie und warum das so ist. Dann hören, spüren und schlussfolgern sie manchmal schon nach der 2. Klasse, dass sie dumm sein müssen: Denn, wäre dem nicht so, müsste es ja besser gehen in der Schule, in der Ausbildung, in der Erziehung, bei der Organisation der Haushaltsführung oder im Berufsleben. Wenn sie nämlich intelligent genug wären, dann könnten sie Dinge besser planen, würden nicht immer wieder unüberlegte Spontanhandlungen begehen, könnten sich Sachen besser merken, würden mehr denken, bevor sie den Mund aufmachen und wären disziplinierter und viel weniger chaotisch. Mit Intelligenz würden sie sich auch weniger verzetteln oder nicht wie jetzt an unwichtigen Details hängen bleiben, würden die eigenen Kinder einigermassen normal erziehen können, auch einfache Dinge im Haushalt auf die Reihe kriegen und u.a. es auch im Beruf eindeutig weiter bringen.

Dann bekommen ADHS-Betroffene durch ihre Umwelterfahrungen mehr oder weniger direkt gespiegelt, dass sie faul sind: Menschen, die Vieles vor sich herschieben, die schnell ins Trödeln und Träumen kommen, die morgens nicht recht wach werden, denen schnell alles zuviel wird, die sich zurückziehen und z.B. das Arbeitspensum reduzieren müssen; Menschen, welche die Schul-, Alltags- aber auch ihre Lebensaufgaben nicht zeitig anpacken, den Startknopf nie recht finden und eine lange Leitung haben und Menschen, die schon in der Schule den Ruf hatten, Minimalisten zu sein.... Ja, das sind eben faule, und im Grunde genommen unfähige Menschen.

Schliesslich schlussfolgern ADHS-Betroffene durch ihre wiederholte Erfahrungen mit ihrer Umwelt, dass sie schlecht sind, denn sonst würden sie nicht immer wieder anecken, andere – weil sie sich einfach nicht genügend beherrschen können - verletzen und enttäuschen und sich in Auseinandersetzung verwickeln und Dinge sagen, die sie kurz danach wieder bereuen. Schlecht müssen sie wahrscheinlich auch deswegen sein, weil die andern ja im Grunde genommen recht haben, wenn sie einem Unzuverlässigkeit, Unfähigkeit, Gereiztheit oder Unbeherrschtheit vorwerfen. Schliesslich ist ein guter Mensch pünktlich, erinnert sich an Verabredungen, erledigt Versprochenes termingerecht, packt an, verlegt und vergisst nicht dauernd Sachen, lässt sich nicht gleich provozieren, flippt nicht immer gleich aus, verfügt über ein Mindestmass an Geduld und kann sich vor allem beherrschen.

Ein elfjähriger ADHS-Bub sagte mir kürzlich: „Gott hat mir schwarzes Blut gegeben, sonst wäre ich nicht so böse“. Ähnliches beichten mir Erwachsene von ihrer Kindheit – und zwar in einer Art und Betroffenheit, als wäre es erst gestern geschehen. Auch das, meine Damen und Herren, das kann nicht spurlos an der Seele eines Kindes, eines heranwachsenden oder eines erwachsenen Menschen vorbeigehen.

Wie fühlt man sich mit „schwarzem Blut“? Wer will schon die Erwartungen der Eltern oder des Partners enttäuschen? Wer will schon eigene Vorsätze nicht einhalten können? Und ADHS-Betroffene können das oft nicht und geraten in der Folge in eine Schuld sich selbst und eine Schuld den Erwartungen anderer gegenüber.

Von meinen ADHS-Patienten/Patientinnen weiss ich, dass sie auch als Erwachsene oft im Denken oder Handeln nicht rechtzeitig abbremsen können, sie können sich nicht konzentrieren, wenn etwas monoton und gleichförmig ist, können sich nicht an eigene Vorsätze halten, verpatzen Prüfungen, sie verlauern Dinge und enttäuschen den Lehrer, die Eltern, die Vorgesetzten, ihre Freunde und ihre Ehepartner, welche – die positiven Möglichkeiten und das Potential durchaus richtig erkennend – eigentlich mehr von einem erwarten.

Weil ADHS-Kinder und ADHS-Erwachsene sich bei für sie interessanten Sachen sehr gut zu konzentrieren vermögen, hören sie immer wieder: „Siehst Du, wenn Du willst, dann kannst Du es auch. Also reiss Dich gefälligst auch dort und dort zusammen!“ Weil es bei Kindern und Erwachsenen mit ADHS aber nicht am fehlenden Willen, sondern am Nicht-Können liegt, und weil das weder die Lehrer, noch Psychologen, noch die Eltern, noch man selbst begreift, bleiben meistens nur Erklärungen übrig, welche tiefe Wunden in der Seele hinterlassen können: „Ich kann mich nicht beherrschen, kann Versprechen und eigene Vorsätze nicht einhalten, also bin ich schlecht“.

Da diese Menschen selbst - aber natürlich auch die Personen in ihrer Umgebung - keine Worte, keine Sprache und kein Erklärungsmuster haben, um das eigene Verhalten begreifen, verstehen und schliesslich auch verarbeiten zu können, ja was bleibt da? Es ist das „schwarze Blut“, die eigene Schlechtigkeit: „Ja, da ist man wohl wirklich selber schuld“.

Die heute wissenschaftlich erwiesene Tatsache, dass in reizarmen, monotonen oder langweiligen Alltags- und Routinesituationen die Aufmerksamkeit, die Aufnahme- und Selbststeuerungsfähigkeiten von bei ADHS-Betroffenen aus hirnorganischen Gründen regelrecht einbrechen, bleibt – solange man die ADHS und ihre Ursachen nicht kennt – für alle Beteiligen unfassbar. In der Psychotherapie von Jugendlichen und Erwachsenen ist es deswegen zentral, dass die Patienten/Patientinnen verstehen lernen, wieso sie so sind, wie sie sind. Wissen und Sich-Verstehen sind wichtige Voraussetzungen, um sich akzeptieren zu können.

Die ADHS-Kernmerkmale werden mit fortschreitendem Alter immer mehr von Lebenserfahrungen und sekundären psychischen Symptomen überlagert. Je älter ADHS-Betroffene werden, umso mehr leiden sie zusätzlich zu den ADHS-Grundproblemen an den psychischen Folgen. Sie leiden also je länger um so mehr nicht nur an der ADHS-Problemen in ihrer Gegenwart, sondern auch an ihrer persönlichen Vergangenheit, die ihnen psychisch zu schaffen macht. So kommt immer wieder vor, dass auf der Alltagsoberfläche nur noch Schulverweigerung, Trotzverhalten, Depressionen, Suchterkrankungen, Angststörungen oder psychosomatische Erkrankungen sichtbar sind.

Da die ADHS erwiesenermassen zu Depressionen, Suchterkrankungen, Angst- oder Zwangsstörungen führen kann oder parallel zu diesen Krankheiten auftritt, so muss heute bei diesen Erkrankungen dann auch an ADHS gedacht werden, wenn die Patienten bei diesen psychischen Erkrankungen auf herkömmliche Therapien nicht reagieren. Das gilt auch für delinquente Jugendliche. Mich wundert es, dass die Jugendanwaltschaften (Jugendgerichte) die Informationen über ADHS noch nicht aufgearbeitet haben, denn es gilt als sicher, dass es unter den minderjährigen Straftätern viele ADHS-Betroffene gibt.

Es ist nachvollziehbar, wenn auch in wissenschaftlichen Studien gezeigt werden konnte, dass depressive Erkrankungen und Selbstzweifel mit zu den häufigsten Begleitstörungen der ADHS zählen. Und Schuldgefühle kennen wir schon bei ADHS-Kindern mit all ihren Folgen, welche sich schämen, wenn sie sich wieder nicht zusammenreissen konnten, wieder etwas umgestossen haben oder wieder eine schlechte Note heimbringen.

Und wie fühlt man sich, wenn man immer wieder beim plötzlichen Aufgerufenwerden in der Schule, bei einer Prüfung oder in einem Gespräch, wo schnelles Denken gefordert ist, etwas eben nicht schnell genug aus dem Langzeitgedächtnis abrufen kann? Wie fühlt man sich, wenn es stockt im Kopf? Und wenn es die andern merken, einen wartend ansehen und man – etwa im Schulunterricht – immer mehr Angst vor diesen Situationen bekommt? Nicht nur Depressionen und Selbstzweifel, nein, auch Prüfungsängste, Versagensängste, bei Erwachsenen Angststörungen überhaupt gehören zu den häufigen Begleitstörungen der ADHS.

ADHS-Betroffene leben manchmal zeitlebens in einem chronischen psychischen Zweifelzustand: Sie wissen nicht, wer und wie sie wirklich sind. Haben die andern mit ihren vernichtenden Vorwürfen vielleicht doch recht? Eine innere Stimme sagt: „Ja, du bist im Grunde schlecht, faul und unfähig und alles ist nur Bluff“. Eine andere innere Stimme sagt: „Nein, das ist nicht logisch, das kann nicht sein“. Später, ab der Pubertät und im Erwachsenenalter, ist es dann eine innere Stimme, die einem ständig sagt: „Zusammenreissen, zusammenreissen!“ oder “Mach endlich!“ oder „Du solltest doch...!“.

ADHS-Betroffenen fehlt so etwas wie in sich stimmiges Ich-Gefühl und ein seelischer Gleichlauf oder eine seelische Balance: Ständig sind sie auf der Suche nach sich selbst. Ihre Schul- und Berufskarriere gleicht nicht selten einer Irrfahrt. Sie besuchen Esoterikkurse, betreiben Risikosportarten, versuchen sich im Glückspiel oder verbeissen sich in andere Tätigkeiten, sind süchtig nach Sex und Seitensprüngen oder sie trinken und trinken.

Ihr Leben verläuft innerlich und/oder äusserlich immer so, dass sie ständig Gegensteuer geben müssen, wie bei einem alten VW, der viel Lenkradspiel hat, man muss mit dem Lenkrad immer nach links und dann nach rechts korrigieren. Alles läuft in Extremen: Entweder ist die Stimmung oben oder sie ist im Keller, entweder ist Energie vorhanden oder sie fehlt.

Die meisten mir bekannten Menschen mit ADHS konnten ja ihre persönlichen Begabungen und ihr geistiges Potential gar nie richtig ausbilden: Lehren wurden abgebrochen, das Gymnasium – weil man trotz guter Intelligenz nicht lange stillsitzen und zuhören vermochte - gar nicht erst besucht, Beziehungen werden schnell langweilig oder man wird verlassen vom Partner. Wirklich klar ist diesen Menschen dann oft nur eins, dass nämlich etwas mit ihnen nicht stimmt. Und das soll aber möglichst niemand entdecken.

Sie suchen - oft mit erstaunlichen, leider aber zeitlich meist limitiertem Erfolg - ideologische Ersatzidentitäten oder klammern sich an Bildern fest, die nicht wirklich die ihren sind. Im Hintergrund oder im Unterbewusstein lauern tief sitzende Grundannahmen über sich selbst, die sich in erstaunlich vielen Fällen aus den Attributen: anders, dumm, faul, schlecht, schuldig und unfähig zusammensetzen lassen. Erstaunlich auch, wie viele der erwachsenen ADHS-Betroffen ein Leben lang meist unbewusst dagegen kämpfen, dass sich diese, tief im eigenen Ich sitzenden vermeintlichen Grundwahrheiten, nicht eines Tages doch entdeckt werden oder sich bewahrheiten könnten.

Es ist übrigens kein Zufall, dass unter den Workaholikern auch viele Männer mit dem ADHS-Syndrom zu finden sind: Sie schuften und krampfen bis zum Burnout, zum Magengeschwür, zur Ehescheidung oder zum Infarkt. In den Untersuchungsgesprächen und vor allem im Rahmen der Therapien höre ich von diesen Menschen häufig: „Ich habe nie etwas wirklich gut hingekriegt oder gekonnt, alles ist nur ermogelt oder durch Zufall zustande gekommen, bei mir ist alles nur Fassade und ich vor allem bin müde“. Selbst echte Erfolge – und ADHS-Betroffene können sehr leistungsfähig sein, wenn das Drumherum stimmt - werden nicht mehr richtig bewertet. Unheilvoll ist, dass durch die lebenslang anhaltenden Probleme meine ADHS-Patienten sich auch immer wieder Situationen erschaffen oder sich diese hineinmanövrieren, in denen diese Grundannahmen bestätigt werden.

Wann abklären?
Wenn mir also beispielsweise eine erwachsene Patientin mit psychischen Problemen, einer Erschöpfungsdepression und Symptomen einer möglichen aktuellen ADHS berichtet, dass ...

dann allerdings verdichten sich langsam aber sicher die Hinweise auf eine mögliche ADHS des unaufmerksamen Typus.
ADHS kann bei Erwachsenen dann diagnostiziert werden, wenn ein ausgeprägter psychischer Leidensdruck da ist, die DSM-Kriterien erfüllt sind, schon in der Kindheit ADHS-Symptome die eigene Entwicklung behinderten, die Grundsymptome der ADHS sich wie ein roter Faden durchs ganze Leben ziehen, die Grundsymptome der ADHS zu einer bedeutenden Behinderung der persönlichen, also psychischen, zwischenmenschlichen und beruflichen Entfaltung führen und die Kernsymptome der ADHS chronisches psychisches Leiden erzeugen, welche durch eine andere körperliche oder psychische Erkrankung nicht besser erklärt werden kann.

Eine Abklärung auf ADHS umfasst bei Jugendlichen und Erwachsenen eine mehrstündige psychologische und neuropsychologische Untersuchung. Ergänzend zur Erhebung des Befundes und der Krankengeschichte wird mit psychologischen Tests versucht, die mit den diskreten neuropsychologischen Funktionsstörungen zusammenhängenden Alltagsprobleme zu objektivieren. Eine ADHS-Diagnose stützt sich aber nie auf Tests ab, auch wenn die Resultate bei ADHS-Betroffenen oft sehr typisch ausfallen. Typisch heisst, dass u.a. gezeigt werden kann, dass die Daueraufmerksamkeit, die Impulskontrolle und die verbale Merkfähigkeit nicht den Erwartungswerten entsprechen. Typisch ist auch, dass bei einfachen Testaufgaben oft mehr Fehler passieren, als in schwierigeren Testabschnitten. Typisch ist auch, dass die Intelligenz meist besser ist, als der Lebensvollzug des Betroffenen dies erwarten liesse.

Auch bei Erwachsenen wird bei einer ADHS-Abklärung wenn immer möglich versucht, von der Mutter Informationen aus der Kindheit zu erhalten. Das geschieht meist mit Fragebögen. Auch eine noch so eindrückliche aktuelle ADHS-Problematik ist nur dann eine ADHS, wenn auch in der Kindheit massgebliche und klinisch relevante Auffälligkeiten vorlagen. Hinweise darauf geben manchmal auch die Vermerke in alten Schulzeugnisse („schwatzhaft“). Einen 100% sicheren Beweis, dass eine ADHS vorliegt, gibt es allerdings nicht. Selbstverständlich ist in jedem Fall auch eine ärztliche Untersuchung erforderlich, welche alle Erkrankungen ausschliessen soll, die ADHS-ähnliche Symptome erzeigen können. Zu diesen Erkrankungen gehören z.B. Funktionsstörungen der Schilddrüse, Epilepsien, Sehfehler oder Hörbehinderungen.

Welches sind nun die Ursachen der ADHS? Und welche Konsequenzen haben diese für eine Therapie?
Die Ursachen der ADHS liegen nicht in Erziehungsfehlern oder in den sozialen Verhältnissen, aber auch nicht in Ehekonflikten der Eltern begründet. Die ADHS beruht auf einer vererbbaren neurobiologische Prädisposition. Dass ADHS familiär gehäuft auftritt, lehrt der Augenschein. Aber auch Studien zeigen immer deutlicher, dass ADHS genetisch bedingt ist. Leidet ein Elternteil an ADHS, so liegt das Erkrankungsrisiko bei den Kindern bei 50%. In Familien mit einem ADHS-Kind entwickeln Geschwister 5-7x häufiger als in anderen Familien auch ADHS. Zwillingsstudien von der Universität Colorado zeigten 1992, dass der eineiige Zwilling eines hyperaktiven Kindes 11 – 18x häufiger ebenfalls betroffen ist, als andere Geschwister. Hat eines der Zwillinge ADHS, entwickelt das andere es in 55 bis 92% auch. An der Uni Oslo wurden 525 eineiige, also genetisch identische – Zwillinge und 389 zweieiige Zwillinge, die sich genetisch nicht mehr gleichen als Geschwister verschiedenen Alters, untersucht. Sie fanden für ADHS eine Erblichkeit von 80%.


Dopaminhypothese
Hervorgerufen durch eine Grippe-Epidemie, traten zwischen 1918 bis 1923 vermehrt Fälle der Encephalitis lethargica auf. Dabei zeigten sich bei Erwachsenen Parkinsonsymptome und bei Kindern gehäuft hyperaktives Verhalten und Aufmerksamkeitsstörungen. Als eine Therapievariante wurden erfolgreich Stimulanzien (Benzedrin) erprobt, welche sich bereits für die Behandlung der Narkolepsie bewährt hatten. Das Stimulans führte zu einer deutlichen Verbesserung von Stimmung, Verhalten und kognitiven Leistungen. Man vermutete, dass diese Kinder – entsprechend den Parkinsonpatienten – einen Dopaminmangel entwickelten. Eine These, die auch heute noch ihre Gültigkeit hat. Die „Dopaminhypothese“ ist einerseits gestützt durch die therapeutische Wirksamkeit der Amphetamine, aber auch durch die Resultate genetischer Studien: Die bisher durchgeführten Untersuchungen zu den Ursachen der ADHS legen nahe, dass eine genetisch bedingte Dysfunktion der Katecholamine im frontostriatalen System vorliegt, wobei einer Störung des dopaminergen Stoffwechsels eine zentrale Bedeutung zukommt.

Forscher in München und den USA haben in bildgebenden Verfahren zeigen können, dass erwachsene ADD-Patienten im Dopamin-Neurotransmittersystem eine höhere Konzentration des Dopaminrücktransporters haben. Das bewirkt einen zu schnellen Abbau des wichtigen Neurotransmitters Dopamin. In München konnte vor einem Jahr bildlich gezeigt werden, wie Ritalin den Rücktransporter hemmt und den Stoffwechsel in diesen wichtigen Hirnregionen normalisieren kann. In einigen Jahren wird es nicht nur zuverlässige ADHS-Tests geben, sondern man wird auch die Grundlagen der Vererbung der ADHS verstehen.

Therapie der ADHS

Eine Therapie, die bei ADHS wirksam sein soll, muss sich, wie bei den Kindern, auch bei Erwachsenen in erster Linie gegen die Grundsymptome der ADHS richten: Gedächtnis, Aufmerksamkeit, Zeitgefühl, Handlungsplanung und Impulskontrolle sollen verbessert werden.

Medikamentöse Therapie der ADHS
Basistherapie der ADHS sind auch bei Erwachsenen Medikamente. Sie stimulieren, aktivieren und normalisieren diejenigen Hirnregionen, welche für das Funktionieren der Informationsverarbeitung, des In- und Outputs und der Selbststeuerung zuständig sind. Man nennt diese Medikamente deswegen Stimulanzien. Schon 1937 hat das Forscher- und Erzieherehepaar Bradley entdeckt, dass Amphetaminpräparate bei verhaltens- und lerngestörten Kindern therapeutisch sehr wirksam sein können. Danach erfolgte auf der ganzen Welt eine rege Forschungstätigkeit, welche zu zahlreichen Änderungen in der Erklärung und Bezeichnung dieses Störungsbildes führten.
Methylphenidat, also der Wirkstoff des Ritalin, dem bekanntesten Medikament gegen die Symptome der ADHS, wurde bereits 1944 in einem Labor der damaligen CIBA Basel synthetisiert/entdeckt. Seit 1954, also seit bald 50 Jahren, ist Ritalin in der CH und seit 1956 in den USA auf dem Markt. Unter Fachleuten und Wissenschaftlern gilt Ritalin als das wissenschaftlich am Besten untersuchte Psychopharmakon, welches heute auf dem Markt ist. Es gilt als therapeutisch sehr wirksam, nebenwirkungsarm und gut verträglich.

Die klinische Erfahrung, aber auch plazebokontrollierte Studien, zeigen, dass Stimulanzien auch bei Erwachsenen wirksam sind und zwar bei ca. 2/3 aller Patienten/ Patieninnen. Für sie gilt Ähnliches wie bei den Kindern: Sie können sich besser organisieren, können auch Gedanken besser ordnen, sind nicht so kopflos, das Nebelgefühl im Kopf kann sich abschwächen, sie können besser denken, bevor sie handeln, sie nehmen soziale Signale aus der Umwelt besser wahr und ecken weniger an und auch für sie gilt, dass das Zeitgefühl besser wird. Sie sind gelassener, können eins nach dem andern machen, ohne in Panik zu kommen usw.

Psychotherapie bei ADHS
Viele erwachsene ADHS-Betroffene haben durch die vielen Traumata den Glauben an sich verloren, haben ein schlechtes Selbstwertgefühl, führen innerlich oder äusserlich ein chaotisches Leben und sind oft einfach sehr unglücklich. Da die Sekundärsymptome aber eine Eigendynamik entwickeln können und ausgeprägte Depressionen, Angst- oder Suchterkrankungen entstehen können, ist zur Therapie häufig auch eine begleitende psychologische Behandlung erforderlich.

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