ADHS - Selbstwertgefühl, Dissoziation und Identität
von Piero Rossi (2001)
Letzte Aktualisierung dieser Seite: 02.12.2008
Menschen benötigen zur
erfolgreichen Bewältigung der sich im Verlaufe ihres Lebens stellenden
Aufgaben und Hürden neben anderen Voraussetzungen in erster Linie eine
'gesunde Portion' Selbstwert- und Identitätsgefühl. Erfolgserlebnisse in
verschiedenen Lebensbereichen sowie mehrheitlich kohärente Erfahrung mit
der sozialen Umwelt und mit sich selbst, ermöglichen beim
heranwachsenden Menschen die Entstehung eines relativ stabilen
Selbstbildes und eines 'runden' und in sich schlüssigen Ichgefühls.
Diese gewährleisten eine innere Konstanz, emotionale Resistenz sowie
psychische Gesundheit, Beziehungsfähigkeit, Selbstzufriedenheit und
Genussfähigkeit.
Das psychisch gesunde und lebenstüchtige Kind kann
sich im Verlauf seiner Lern- und Lebensgeschichte mehrheitlich als
Individuum, also als "unteilbares" Subjekt erfahren (Individuum = das
Unteilbare): Es hat 'ein' Gesicht, 'einen' Ruf, 'einen' Charakter und
'ein' Temperament. Es zeigt ein mehr oder weniger durchgängiges
Leistungsprofil in der Schule, hat seine (u.a. sexuellen) Präferenzen
sowie seine Leidenschaften, seine Geheimnisse und Hobbys.
Alle diese Aspekte des Daseins, welche sich im
Verlaufe der Kindheit und der Jugendzeit herausbilden, verbinden sich
beim psychisch mehrheitlich stabilen Heranwachsenden zu einem
gefestigten Identitätssinn, zu einem Selbstkonzept und zu einem
Ich-Gefühl. Diese ermöglichen es, auch widersprüchliche Erfahrungen in
seinen Beziehungen und der Interaktion mit der Umwelt in das Selbstbild
zu integrieren. So können Probleme und Schwierigkeiten im Leben besser
bewältigt werden.
Bei vielen Menschen mit einer ADHS sind die
Erfahrungen, welche sie als Kinder und Heranwachsende mit sich und ihrer
Umwelt gewonnen haben, häufig alles andere als identitätsstiftend: Nicht
primär Erfolge, sondern Misserfolge in der Bewältigung der Anforderungen
des Lebens kennzeichnen oftmals ihren Weg. Als Kinder schon erlebten sie
wiederholt Blossstellungen, Strafen, Kränkungen, Blamagen, wurden
verkannt und nicht verstanden und reagierten mit Scham, Wut oder
Selbsthass. Viele dieser Betroffenen 'landen' infolge der ADHS-bedingten
Lernstörungen irrtümlicherweise in Sonderschulen und werden nicht mehr
ausreichend gefördert.
So erfahren sich diese Kinder gegenüber Menschen und
Aufgaben oftmals als fremd, als Versager, als dumm, als
beziehungsunfähig, als 'hysterisch', als chaotisch, als ungerecht oder
aggressiv. Sie spüren das 'Anderssein', nehmen es wahr und ziehen sich
in der Folge nicht selten von zwischenmenschlichen Kontakten zurück.
Viele soziale Kompetenzen können so nicht entwickelt werden, und es kann
Schüchternheit und Ängstlichkeit entstehen. Einige entwickeln sich zu
regelrechten Eigenbrötlern. Steht die Hyperaktivität im Vordergrund der
ADHS, so entwickeln diese Kinder viel Trotz und Rebellion. Viele dieser
Kinder leiden unter ihrem Energieüberschuss und schämen sich, wenn sie
impulsiv Dinge tun, die sie eigentlich gar nicht wollen.
Wie die Legasthenie oder die Umschulung von
Linkshändern, kann auch die ADHS zu reaktiven Verhaltenstörungen führen.
Scheiternserfahrungen und Versagensängste können das Selbstwertgefühl
der Betroffenen – sofern es sich überhaupt ausbilden konnte – tief
verletzen. Auswirkungen auf das spätere Leben sind unausweichlich:
Die Angst, zu versagen, kann zum ständigen Begleiter
werden. Die nicht gefestigte Identität, das Nichterreichen des eigenen
Leistungspotentials, unbefriedigende Beziehungen, psychosomatische
Anfälligkeiten (z.B. Allergien) und teilweise handfeste reaktive
psychische Störungen können für die Betroffenen eine schwere Bürde
darstellen.
Menschen mit einer ADHS zeichnen sich, bedingt durch
eine neurobiologische Disposition, u.a. durch einen mehrheitlich
'breiten' und offenen Wahrnehmungsstil aus: Zu massgeblichen Störungen
der Aufmerksamkeit und Konzentration kann es dann kommen, wenn sich in
reiz- und stimulationsarmen Situationen (z.B. beim Lernen oder beim
Einschlafen) der Bildkreis bzw. die Wahrnehmungsoptik 'ausweitet'
(Weitwinkeloptik). In der Folge entsteht eine grosse Empfänglichkeit für
internale und externe Reize. Andererseits sind Menschen mit einer ADHS
oft auch ausgesprochen konzentrationsfähig (Hyperfokussieren): Wenn sie
von einer Sache begeistert sind, wird ihr Frontalhirn genügend
stimuliert, die neuronale Aktivität wird auf den 'Normalzustand'
angehoben, und die inhibitorischen Vorgänge sowie die exekutiven
Funktionen arbeiten regelrecht.
Bedingt durch die neurologischen Gegebenheiten und
ihre lebensgeschichtlichen Erfahrungen haben ADHS-Betroffene oftmals
auch Mühe beim Synthetisieren von widersprüchlichen Umwelterfahrungen.
Die Reizoffenheit sowie die erhöhten 'Multitasking-Kompetenzen', machen
ichsyntones Selbst- und Umwelterleben an sich schon sehr schwierig:
Allen Reizen und ambivalenten Anforderungssituationen wird im '1:1
Modus' nachgegangen. Jeder Teilaspekt und jede Assoziation kann die
Aufmerksamkeit oftmals unerbittlich auf sich ziehen. Das Denken erfolgt
zudem oft 'mehrkanalig' und primär gegenwartsbezogen. Menschen mit ADHS
agieren und reagieren demzufolge oft wie Gefangene des Augenblicks.
Auf mehreren 'Kanälen' treffen Reize quasi
gleichzeitig im Gehirn ein und können, bedingt durch die eingeschränkten
inhibitorischen Funktionen, nur ungenügend selektiert und verarbeitet
werden. Die Vigilanz ist erhöht und jeder Reiz, jeder Gedanke, jede
Erinnerung, jedes Geräusch erscheint der betroffenen Person als wichtig.
Die Gedanken beginnen zu springen und hüpfen. Nichts darf 'verpasst'
werden. Der dadurch hervorgerufene mentale Stress erzeugt und verstärkt
Ablenkbarkeit und Zerstreutheit, aber auch Schlaflosigkeit,
Ruminationen, Sorgen und das Grundgefühl der Irritation. Schliesslich
kann das Wahrgenommene, bedingt durch die Reizüberflutung, nur selten
adäquat verarbeitet werden. Folgen können sein: Desorientierung,
Verwirrung, Derealisationsgefühle, Überforderungsgefühle, kurze
Panikgefühle und Verzweiflung.
Auch Problemlösefertigkeiten sind deshalb in der
Regel nur geringfügig ausgeprägt: Das schnelle Überflutetwerden durch
parallel eintreffende und in der Weitwinkeloptik als immer gleich gross
erscheinende 'Problempakete', lässt auch kleine Probleme schnell einmal
als unbewältigbar gross erscheinen.
Die Reizoffenheit und die von der 'Weitwinkeloptik'
beeinflusste Wahrnehmung bewirken auch, dass ADHS-Betroffene oftmals
grosse Mühe bekunden, andere Menschen, Situationen in der Umwelt, aber
auch sich selbst adäquat einzuschätzen: "Es könnte schliesslich immer
auch anders sein". Keiner Einzel-Wahrnehmung kann wirklich vertraut und
'geglaubt' werden. Was gilt, wenn sich beispielsweise "... vier Gefühle
simultan einstellen"? Was ist echt? Was nicht? So ist das Gefühl des
Selbstzweifels bei vielen ADHS-Betroffenen oftmals viel dominanter
ausgeprägt als das Selbstwertgefühl oder das Grundgefühl von
Selbstsicherheit.
Der Wahrnehmungsmodus 'Weitwinkeloptik' und die
damit verbundene Reizüberflutung bringen es zudem mit sich, dass der
Realitätsbezug der oft parallel bzw. synchron erfolgenden Wahrnehmungen
nicht immer verifiziert werden kann. Alle Gedanken und alle dadurch
ausgelösten Gefühle stehen quasi gleichberechtigt in einer Front und
begehren 'Einlass ins Gehirn'. Kaum wird ein Aspekt eines Gedankenganges
assoziativ berührt, schon springt die Aufmerksamkeit auf andere,
scheinbar gleichberechtigte (da 'gleich gross' erscheinende)
Teilaspekte.
"Was stimmt nun? Wer hat Recht? Was gilt? Woran kann
ich mich halten? Was ist wahr? Was nicht?": Dieses mentale 'Hypern', von
welchem viele ADHS-Betroffene berichten, sowie die damit verbundene
Beschleunigung des Denkens, fördern Selbstzweifel, Erschöpfbarkeit,
Irritation und Angstbereitschaft.
Diese Effekte können Betroffene hochgradig erregen,
fast zur Verzweiflung bringen und psychisch bis zur Dekompensation
destabilisieren. Nicht selten sind automutilative Handlungen
(Selbstverletzungen) die Folge. Der dadurch ausgelöste Schmerz kann eine
Beruhigung /Entschärfung dieses subjektiv unerträglichen inneren
Erregungszustands bewirken. Die Selbstverletzung wirkt dann wie ein
'Antidissoziativum' und hat gleichzeitig einen autostimulierenden
Effekt, welcher die kognitiven Funktionen wieder etwas zu normalisieren
vermag. Ist die Desorientierung gross und der Erregungszustand hoch, zu
können dissoziative Zustände entstehen, in welchen die Betroffenen das
Gefühl haben, aus ihrem Körper oder aus der Wirklichkeit herausgetreten
zu sein (Depersonalisation, Derealisation). In der Folge kann es zu
psychotisch anmutenden Reizüberflutungen kommen, oft kombiniert mit
grossem Reizhunger und Impulsivität.
Immer wieder werden im Zusammenhang mit der
'Mehrkanaligkeit' auch Klagen über hartnäckige
Entscheidungsschwierigkeiten genannt. Ambivalenz wird von
ADHS-Betroffenen grundsätzlich besser innerlich abgebildet als die
Synthese: Das Widersprüchliche entspricht viel eher ihrem
Multitasking-Denken.
Der 'rote Faden' bleibt oft unerkannt und
unbegriffen. Menschen mit einer ADHS bekunden deswegen nicht selten
grosse Mühe, sich selbst oder den eigenen Lebenszusammenhang als Ganzes
zu sehen und zu erleben. Im Vordergrund stehen Zweifel, das Erinnern von
tausend Details und Erlebnissen und die oft hilflosen Versuche des
Verarbeitens der vielen Misserfolge, Blossstellungen und Kränkungen.
Probleme in der Selbstbeurteilung, beziehungsweise
in der adäquaten Selbsteinschätzung können dann manifest werden, wenn
die zerebralen Filter- und Hemmfunktionen (Inhibition) der betreffenden
Person ADHS-bedingt erheblich eingeschränkt und gestört sind. Diese
Beobachtung steht nur scheinbar in Widerspruch zur Feststellung, dass
ADHS-Betroffene, bedingt durch ihre Reizoffenheit, 'zu viel' sehen. Vor
allem Menschen, welche infolge einer ADHS auch eine Angststörung
entwickelten, nehmen durch ihre Weitwinkeloptik oftmals 'viel zu viel'
wahr. In der ängstlichen Stimmung wird nun die Umgebung, aber auch der
eigene Körper, nach Gefahrensignalen regelrecht 'abgescannt'. Bei
ADHS-Betroffenen mit einer ausgeprägten ängstlich-hypochondrischen
Selbstbeobachtung wird das Zuviel an Input offensichtlich. Komplexe
Wahrnehmungsinhalte und Gedanken können durch die Filterschwäche so
diffus und verschwommen sein, dass die betreffende Person die
eintreffenden Informationen gar nicht mehr ausfiltern, 'sortieren'und
angemessen auswerten kann.
Festzuhalten bleibt aber, dass viele Menschen mit
einer ADHS trotzdem sehr gute Selbst- und Fremdbeobachter sein können.
Entscheidend ist ja, wie das Gehirn die eintreffenden Informationen
verarbeitet. Vielen gelingt es, ihre Wahrnehmungen (auch über sich
selbst) angemessen 'auszuwerten' und identitätsstiftend zu integrieren.
Die mit der Reizoffenheit verbundene Sensibilität kann Intuition und
Empathie sogar fördern.
Ein reduziertes Selbstwertgefühl bei Menschen mit
einer ADHS kommt aber auch zustande, da die betroffenen Personen die
kognitiven Defizite kompensieren bzw. vertuschen müssen, um im sozialen
Kontext nicht noch mehr aufzufallen: Immer wieder müssen sie zu Notlügen
greifen oder sie konfabulieren, um nicht aufzufallen. So berichtete eine
ADHS-Patientin, dass sie sich jeweils den ersten wichtigen Begriff eines
Dialogs besonders gut merkte, um nicht in eine peinliche Situation zu
geraten, falls sie in zu langen Gesprächspassagen des Gegenübers den
Faden verlor. So konnte sie den Anschein aufrecht erhalten, dass sie dem
Gespräch problemlos gefolgt sei. ADHS-Betroffene sind 'Weltmeister' im
Schummeln. Dank ihrer Intelligenz, sowie ihrem oft fotografisch guten
Gedächtnis, konnten sie mit der Hilfe von 'Spickzetteln' viele 'heisse'
Situationen in der Schule oder in der Ausbildung bewältigen. Allerdings
leiden die meisten ADHS-Betroffenen in der Folge unter ihren Lügen, dem
Schummeln und unter dem Konfabulieren: Das schlechte Gewissen plagt sie.
Tief in ihrem Inneren denken sie, sie seien im Grunde genommen Versager
oder Hochstapler, und hätten das Erreichte gar nicht verdient. Ihre
Leistungen erleben sie als 'unecht'. Übrig bleiben Schuldgefühle und ein
schlechtes Gewissen.
Auch im Beziehungsbereich zeigen sich die Folgen der
'Mehrkanaligkeit' bezüglich des Selbstwertgefühls: ADHS-Betroffene
suchen nämlich oft viel Nähe und Halt bei ihren Bezugspersonen. Das
Gegenüber soll helfen, die eigene Orientierungslosigkeit zu
kompensieren. Das Beziehungsverhalten erscheint daher oft symbiotisch:
Kinder mit einer ADHS können sich oftmals nicht von ihren Müttern
trennen. Der Besuch eines Kindergartens stellt für viele dieser Kinder
eine traumatisierende Erfahrung dar. Der Trennungsschmerz ist für sie
oft unerträglich. Alleine sein heisst für sie, sich selbst quasi zu
verlieren.
Erwachsene Menschen mit einer ADHS erwarten oft
absolute Offenheit in der Zweierbeziehung. Durch ihr bedrängendes und
impulsives Verhalten, erfahren sie jedoch auch Zurückweisungen und
Verletzungen. Auch zeigen sie Mühe beim 'sich Abgrenzen' und beim
'Nein-sagen-können'. Das niedrige Selbstwertgefühl zeigt sich ausserdem
in der Neigung zu Eifersucht, unter welcher viele ADHS-Betroffene
leiden. Durch die 'Mehrkanaligkeit' ist in der Regel auch die
Empfindsamkeit hoch. Betroffene erleben sich als leicht verletzbar, sie
spüren oftmals auch die Schmerzen anderer und sind ausgesprochen
intuitiv. Das kann auch Ängste auslösen. Viel zu vieles beziehen sie auf
sich selbst. Sie sind schnell beleidigt und eingeschnappt. Alles in
allem: sie haben nicht selten das Gefühl, in ihrer Beziehung alles
falsch zu machen und erleben sich mehrheitlich als beziehungsunfähig.
Das Herausbilden von Selbstwertgefühl und
Ichbewusstsein setzt auch voraus, dass man sich an identitätsstiftende
Erlebnisse in der eigenen Biografie erinnern kann. Der Effekt des sich
Erinnerns und des Widererkennens ermöglicht es, dass Menschen sich in
einem zeitlichen Kontinuum erleben und verorten können und um ihre
eigene Geschichte wissen: Es zählt nicht nur die Gegenwart, sondern auch
die Vergangenheit und die Zukunft. Erst das Wissen um diese Dimensionen
und die daraus resultierenden Gefühle machen Menschen ein Stück weit
immun und unabhängig gegenüber den Wirren des Alltags.
Menschen mit ausgeprägten ADHS-Symptomen sind
hingegen oftmals stark in der Gegenwart verhaftet. Da ihr Ich-Gefühl auf
Grund der starken Stimulusgebundenheit, ihrer Vergesslichkeit sowie der
vielen negativen Erfahrungen nur mangelhaft ausgebildet ist, können sich
viele ADHS-Betroffene innerlich nicht an ein mehr oder weniger starkes
Selbst 'anlehnen'. Sie finden in sich selbst keine 'Seelennahrung'. Die
Reizoffenheit, bzw. die Mehrkanaligkeit bringen es mit sich, dass für
das aktuelle Befinden primär der Augenblick und die Gegenwart zählen.
Gefühle von Identität und Selbstbewusstsein sind deswegen so instabil,
weil sie beinahe täglich neu gebildet werden müssen: Erfolgserlebnisse
vermögen kurzfristig 'aufzupushen', Enttäuschungen können die Stimmung
blitzschnell in den Keller sausen lassen.
Menschen mit einer starken ADHS leben vorwiegend im
Hier und Jetzt. Sie sind deswegen verletzbar für Dinge, welche andere
Menschen viel leichter wegzustecken vermögen. In der klinischen Praxis
kann in diesem Zusammenhang immer wieder beobachtet werden, dass diese
Patienten sich primär an negative und traumatisierende Erlebnisse
erinnern. Nur massive Traumata vermögen bei ihnen Spuren im Gedächtnis
zu hinterlassen. Fatalerweise sind es dann in erster Linie diese
schmerzhaften Erinnerungen, welche das Grundgerüst des Selbstgefühls
bilden.
Resistent zu sein für die alltäglichen Widrigkeiten
des Lebens heisst auch, sich (in einem positiven Sinnzusammenhang) in
die Zukunft projizieren zu können. Auch dies fällt naturgemäss vielen
Menschen mit einer ADHS ausgesprochen schwer: dazu führen nicht nur die
vielen Entmutigungen, sondern auch das ADHS-bedingte kognitive
Unvermögen, solche zukunftsbezogenen Szenarien innerlich repräsentieren
zu können. Dies erklärt auch, dass die Zukunft für viele Menschen mit
einer ADHS – sofern sie überhaupt bedeutsam ist und 'ins Auge gefasst
werden kann' – mit Angst und Sorgengefühlen besetzt ist.
Auch die Folgen der Impulsivität können sich negativ
auf das Selbstbild auswirken: Viele ADHS-Betroffene leiden darunter,
dass sie immer wieder 'ins Fettnäpfchen treten', was oft Scham- und
Schuldgefühle auslöst. Ferner sind bei vielen erhebliche Schwierigkeiten
im Umgang mit Geld zu beobachten. Die Störungen der Impulskontrolle,
welche sich zum Beispiel in emotionalen Ausbrüchen, in Essstörungen, bei
Suchtstörungen (Spielsucht) oder bei vorsätzlichen Selbstverletzungen
auswirken können, zeigen sich insbesondere auch im Umgang mit Geld.
Hinzu kommt, dass es ADHS-Betroffenen oft ausgesprochen schwer fällt,
mit den Ressourcen haushälterisch umzugehen. Viele leben 'von der Hand
in den Mund'. Die eingeschränkten Planungsfunktionen und die
unzureichende Verhaltensregulation können sich in diesen Bereichen
besonders störend bemerkbar machen. Viele Menschen mit einer ADHS klagen
denn auch über anhaltende Existenzängste. Es fehlen das mehrheitlich
stabile Gefühl von Sicherheit sowie die materiellen Grundlagen: Der
impulsive und unstetige Lebensvollzug verhindert oft nicht nur ein
reguläres Einkommen, sondern auch das Auskommen mit den zur Verfügung
stehenden finanziellen Mitteln. Andere wiederum sind beinahe zwanghaft
bemüht, ihr inneres Chaos zu kompensieren, indem sie übermässig sparsam
sind und ein äusserst spartanisches Leben führen.
Als eines der wesentlichen Kennzeichen der ADHS gilt
eine mangelhafte Selbststeuerung. Nicht nur Kindern mit einer ADHS fällt
es oft schwer, ihr eigenes Verhalten zu steuern. Auch erwachsene
Betroffene bekunden oft grosse Mühe, wenn es darum geht, das eigene
Verhalten, beispielsweise durch Selbstanweisungen, adäquat zu
regulieren. Handlungsbegleitende kognitive Prüfprozesse sind häufig viel
zu wenig ausgebildet.
Weil zudem oftmals nicht ausreichend geplant, sowie
im Handlungsverlauf nicht innegehalten werden kann, und weil ohne
kognitive Visualisierungshilfen nicht komplex und dreidimensional
gedacht werden kann, leben, fühlen und reden Menschen mit einer ADHS –
wie gesagt – in erster Linie im Hier und Jetzt. Und dies kann immer
wieder zu unangenehmen Situationen und Peinlichkeiten führen. Die
Auswirkungen auf das Selbstwertgefühl können mitunter erheblich sein.
Solche Erfahrungen bewirken, dass die Grundannahmen vieler
ADHS-Betroffener, z.B. fehl am Platze zu sein, immer wieder aufs Neue
bestätigt werden. Immer wieder erleben sie sich als unfähig, als
Versager, als sprunghaft, als unzuverlässig, als inkonsequent und als
unecht. Diese Erfahrungen können Selbstvorwürfe, Dissoziationen und
Depressionen auslösen.
Ein stabiles Ich-Erleben setzt weiter voraus, dass
Menschen auch emotional mehr oder weniger kohärent 'funktionieren'.
Falls nun die ADHS einen grossen Einfluss auf den Lebensvollzug eines
Menschen hat, führt dies regelmässig zu einer so genannten
Affektlabilität. Da die Kognitionen ADHS-bedingt 'hüpfen', unkoordiniert
und oft spontan erfolgen, sind diese ausgesprochen situationsabhängig.
Dies bedeutet unter anderem, dass kleinste Veränderungen in der Umwelt
grössere 'emotionale Wellen' aufwerfen können. Der daraufhin folgende
Affekt basiert dann erstens auf der emotionalen Bewertung des aktuell
Vorgefallen und zweitens auf dem im Lauf des Lebens zu Grundannahmen
'geronnenen' Selbst- und Weltbild.
Menschen mit einer ADHS zeigen quasi nie ein
durchschnittlich normales Aktivitäts-, Motivations- oder Energieniveau.
Sie sind entweder über- oder untererregt. Ursache ist die ADHS-bedingte
mangelhafte zentrale Aktivitätsregulation: Der Aktivierungspegel ist bei
Interesse hoch, bei fehlender Stimulation und neuronaler Aktivität
hingegen über ein normales Mass und markant niedriger. Diese Menschen
sind daher leicht erregbar, neigen aber ebenso zu dysphorischen
Stimmungslagen.
Kennzeichnend ist in vielen Fällen eine
ausgesprochene Stimmungslabilität. Im Gegensatz zu depressiven Störungen
sind diese Stimmungsschwankungen jedoch stark stimulusgebunden und
weniger ausgeprägt von Selbstvorwürfen begleitet. Anders ist auch der
zeitliche Verlauf: ADHS-bedingte dysphorische Verstimmungen dauern in
der Regel nur kurz an. Die Stimmung kann sich oftmals schnell wieder
verbessern und die Betroffenen sind ausgelassen und fröhlich. Dieses Auf
und Ab im Emotionalen ist aber oftmals nicht nur für die Betroffenen
eine Belastung: Auch die Angehörigen werden durch diese
Stimmungsschwankungen irritiert und wissen dann nicht, woran sie sind.
Schnell kann dies zu ausgeprägten Beziehungskonflikten führen.
In der psychotherapeutischen Praxis kann immer
wieder beobachtet werden, dass ADHS-Betroffene ihre kognitiven Defizite
zu kompensieren versuchen. Gerade Mädchen neigen in der Schulzeit dazu,
die Störungen der Aufmerksamkeit mit besonders eifrigem Lernverhalten
wettzumachen. Vor lauter Angst, etwas zu vergessen, zu verpassen oder zu
überhören und dann dumm da zustehen, lernen diese Mädchen oftmals
übertrieben intensiv. Das ausgeprägte visuelle Gedächtnis vieler
Menschen mit einer ADHS ermöglicht es ihnen, vom Gesehenen ein
fotografisches Abbild zu erzeugen. Sie geben dann an, auswendig zu
lernen. Um in der Prüfungssituation das Gelernte reproduzieren zu
können, wird das visuelle Bild dann kognitiv reproduziert. Dieser
Vorgang ist natürlich sehr anstrengend, störungsanfällig und absorbiert
das Kind in hohem Masse. Diese 'Lernmethode' scheitert meist spätestens
beim Eintritt ins Gymnasium. Intelligente Kinder vermögen die
ADHS-bedingten Defizite lange zu kompensieren. Steigen dann die
Anforderungen in der Schule, kommen die Konzentrationsstörungen oft
schmerzhaft zum Tragen. Durch das zeitliche Zusammentreffen mit der
Pubertät kann so eine 'Problemkarriere' ihren Anfang nehmen. Diese
Kinder wissen dann überhaupt nicht mehr, wer sie eigentlich sind. In der
Grundschule galten sie als 'gut' und intelligent und nun erfolgt
plötzlich ein Einbruch der Leistungen. Die Kränkung ist häufig so gross,
dass der Griff zu Suchtmitteln oder anderen stimulierenden Aktionen
(z.B. Delinquenz) vorgezeichnet erscheint.
Ferner können in der psychotherapeutischen Praxis
bei ADHS-Betroffenen immer wieder atypische Bilder von Zwangsstörungen
beobachtet werden. Atypisch deswegen, weil die Zwangsgedanken und
Zwangshandlungen nicht oder nicht immer mit den sonst obligaten
Angstgefühlen gekoppelt sind. Betroffene können teilweise ohne grosse
Mühe von diesen Handlungen absehen, ohne dass dies Ängste auslöst. Die
ADHS-bedingten kognitiven Defizite erzeugen in vielen Menschen ein
ausgeprägtes Bedürfnis nach Sicherheit. Durch den Versuch, Ordnung und
Struktur in der Lebensführung und im Alltag zu schaffen und aufrecht zu
erhalten, können sich auch zwanghafte Charaktere entwickeln. Erstaunlich
häufig erfolgt im Laufe des Lebens bei ADHS-Patienten ein Wechsel von
einem impulsiven und chaotischem Leben hin zu einer überangepassten und
zwanghaften Lebensführung.
Klinische Erfahrungen und epidemiologische
Untersuchungen zeigen, dass es sich bei der ADHS um eine familiär
gehäuft auftretende Erkrankung handelt. Das bedeutet, dass ein oder
beide Elternteile an einer ADHS leiden können. Dies kann zur Folge
haben, dass der elterliche Erziehungsstil inkohärent ist. Väter und
Mütter mit einer ADHS fühlen sich leicht überfordert, sind oft
ungeduldig und inkonsequent. Kinder von ADHS-Eltern haben es deshalb
häufig schwer, auch wenn sie selbst keine ADHS haben, denn es fehlt
ihnen vielfach an einem stabilen Bezugsrahmen. Durch das oftmals
inkohärente Erziehungs- und Beziehungsverhalten der Eltern, können die
Kinder ihre Wahrnehmungen nicht kontinuierlich an Konsequenzen und
Gefühle binden. Das kann negative Phantasien und Ängste begünstigen, da
Kinder ihre Kognitionen dann nur schwer an Realität überprüfen können.
Es entsteht gelegentlich ein 'Nebeneinander' von Sprache,
Beziehungserleben und Emotionen. Eltern mit einer ausgeprägten und
schlecht kompensierten ADHS sind ihren Kindern auch bezüglich Identität
und Selbstwerterleben nicht immer ein gutes Vorbild. Dies heisst
natürlich nicht, das Mütter oder Väter mit einer ADHS prinzipiell
'schlechte Eltern' sind: Sie erziehen ihre Kinder so gut oder so
schlecht wie andere auch.
In der Psychotherapie lernen Menschen mit einer
ADHS, ihre Zerstreutheit und Widersprüchlichkeit anzuerkennen. Das
Aufarbeiten der eigenen Geschichte ermöglicht es ihnen, sich neu kennen
und verstehen zu lernen. Ferner werden in einem psychotherapeutischen
Prozess fehlende Kompetenzen in zwischenmenschlichen Bereichen
auftrainiert. Sollten psychische Störungen vorliegen (beispielsweise
Depressionen oder Angsterkrankungen), so werden auch diese Störungen
spezifisch behandelt. Psychotherapie bei der ADHS muss zum Ziel haben,
ADHS-Betroffene zu befähigen, ihre Selbstwahrnehmung und Selbststeuerung
zu optimieren. Dazu können verhaltenstherapeutische Methoden, aber auch
Techniken aus der kognitiven Psychotherapie Anwendung finden. Durch den
Mangel an Identitätsgefühl haben Betroffene oftmals eine überhöhte
Vorstellung von Ganzheit und psychischer Kohärenz. Jeder Zwiespalt,
jedes Gefühl von Ambivalenz und jeder Zweifel lösen als Signale bei den
Betroffenen tief sitzende existentielle Ängste aus. Von daher können
Menschen mit einer ADHS in einer Psychotherapie lernen, sich selbst
trotz Widersprüchlichkeiten annehmen und lieben zu lernen.
