Informationen zur Aufmerksamkeitsdefizit-/Hyperaktivitätsstörung (ADHS)

 

Süchtig nach Stimulation
Zur Suchtgefahr von ADHS-Kids

Vortrag gehalten am 18.01.2003 anlässlich der 
ELPOS-Jahresversammlung in Zürich

Letzte Aktualisierung dieser Seite: 02.12.2008

von P. Rossi

Guten Tag 

„Sind ADHS-Kinder verstärkt suchtgefährdet?“ - so lautet der Titel der heutigen Tagung. „Ja klar!“, werden die Meisten von Ihnen spontan gedacht haben, als sie im Tagungsprospekt diese Überschrift lasen.  

Als ich begann, mir Gedanken darüber zu machen, was ich Ihnen heute vortragen soll, wurde mir bald klar, dass hinter dieser Tagungsüberschrift noch viel mehr steckt, als nur sachliche Fragen nach möglichen Suchtrisiken, denen ADHS-Kinder in unserer Gesellschaft ausgesetzt sind oder Fragen etwa nach Möglichkeiten für eine möglichst wirksame Sucht-Prävention. 

Nein, meine Damen und Herren. Dieser fragende und fast sorgenvoll anmutende Tagungstitel steckt doch voller Emotionen: Er birgt in sich zehrende Gefühle und bohrende innere Fragen unzähliger Mütter und Väter, die sich ob der aktuellen oder zukünftigen Entwicklung ihrer ADHS-Kinder sorgen und ängstigen. Auch wenn im Alltag nicht immer offen ausgesprochen, weiss ich doch durch meine Arbeit mit ADHS-Familien, dass vor allem Mütter von Kindern mit einer ADHS immer wieder von oft erschreckenden Vorstellungen und Phantasien heimgesucht werden.  

Ihr schwieriges, unvorsichtiges, vorschnelles und so leicht beeinflussbares Kind könnte doch in schlechte Gesellschaft geraten, mit Drogen in Kontakt kommen, an einer Sucht erkranken, durch die Beschaffungskriminalität in die Illegalität abrutschen und vielleicht gar verwahrlosen. Oder aber ihre schon in die Oberstufe übergetretenen ADHS-Kids sind schon in "schlechter Gesellschaft", rauchen und kiffen bereits und machen sowieso schon „was sie wollen“, was die Ängste und Ohnmachtgefühle dieser Mütter dann noch weiter in die Höhe treibt. Irgend einmal realisierte ich, dass hinter diesen aufwühlenden und gleichzeitig lähmenden Gefühlen oftmals tiefsitzende Ängste verborgen sind, das eigene Kind vielleicht verlieren zu können. 

Wenn Eltern von ADHS-Kindern schliesslich noch durch die Medien erfahren, dass Stimulanzien (also Medikamente gegen die ADHS) süchtig machen sollen, wenn sie am Fernsehen einen Bericht über Amok laufende Ritalin-Kids sehen oder wenn sie - wie erst kürzlich geschehen - in renommierten Tageszeitungen lesen konnten, dass mit der Einnahme von Stimulanzien das Risiko steige, später sogar an Parkinson zu erkranken, ja dann können Zweifel, Sorgen und Ängste, Hilf- und Orientierungslosigkeit in eine lähmende Ohnmacht und Passivität führen. Die Angst um das Kind vermischt sich dann auf eine unheilvolle Art mit einer tiefen Verunsicherung über die ADHS-Therapien.   

Diese Irritationen und Zweifel können dann einen ihrer Höhepunkte erreichen, wenn Mütter beispielsweise im „Zischtigsclub“ des Schweizer Fernsehens von einem Zürcher Psychiater erfahren, dass die ADHS als Krankheit nämlich gar nicht existiere. Nein, so führte der aus, es handle sich bei der ADHS um ein unbewiesenes  „gesellschaftliches Konstrukt“.  

Und wenn in diesen Moment dann noch das Telefon klingelt und die entnervte Lehrerin der besagten Mutter gereizt und in einem sie anschuldigenden Ton klarzumachen versucht, dass Luca in der Pause schon wieder gekifft habe, sein störendes Verhalten auch während des Unterrichts nun wirklich nicht mehr tragbar sei, er einfach ständig sich selbst und andere ablenke, und dass sie ja schon immer gesagt habe, dass das Ritalin mehr schade als nütze und es jetzt kurzfristig zu einer erneuten Sitzung mit der Schulpflege kommen werde...  

Was meinen Sie, was passiert dann einmal mehr mit der Seele der Mutter dieses ADHS-Buben? Wie Blitze schiessen Ängste, Verzweiflung, Scham und Ohnmachtgefühle durch Lucas Mutter. Diese zweifelt dann - wie viele andere mir aus meiner Arbeit bekannten Mütter - nicht nur an der Therapie oder an der Zukunft ihres Sohnes. Nein, vor allem zweifelt sie an sich selbst, an ihren Fähigkeiten als Mutter.

Ich kenne aus meiner Praxis drei Mütter von vormals schwer verhaltensgestörten ADHS-Buben, bei denen trotz erfolgreicher Therapie noch mehrere Jahre lang jedes Klingeln des Telefons eine Panikattacke mit blitzartig einschiessenden Ängsten, Herzrasen und plötzlichem Schwitzen auszulösen vermochte. Erst mit einer Verhaltenstherapie konnte diesen Frauen geholfen werden, ihre Traumata zu überwinden. 

Sie teilen sicher meine Ansicht, dass gerade das Erziehungsmanagement von schwierigen Kindern – und dazu gehören weiss Gott auch unsere ADHS-Kids – von den Eltern besonders viel Verantwortung und erzieherische, ja manchmal sogar therapeutische Kompetenzen abverlangen. Für jede der eingeleiteten Therapien müssen Sie als Eltern schliesslich eine Mitverantwortung übernehmen.

Übermässige Ängste, Sorgen, Hilflosigkeit sowie Scham-, Versagens- und Ohnmachtgefühle sind dabei aber denkbar schlechte Begleiter: Sie schwächen, lähmen oder verhindern gar erzieherisches Handeln. Und diese emotionalen Belastungen reduzieren die Kompetenzen der Eltern, auch bei grossem Problemdruck mehr oder weniger sachlich begründet, über die von den Fachleuten vorgeschlagenen Therapien für ihr Kind nachzudenken, zu reagieren und zu entscheiden.  

Der wohl wesentlichste Beitrag, den Eltern von ADHS-Kindern leisten können, um Sucht-, Unfall- und andere Risiken zu reduzieren, besteht wahrscheinlich darin, dass sie sich eine Wissensbasis und damit Entscheidungsgrundlagen erarbeiten, um die bei ihnen liegende Verantwortung für erzieherische und therapeutische Entscheidungen übernehmen zu können. Wissen, meine Damen und Herren, ist eines der besten Heilmittel gegen Zweifel, Unsicherheiten und Hilflosigkeit. Hinterfragen Sie kritisch alle Ihnen zugetragenen Informationen Behandlungsempfehlungen (inkl. meiner Ausführungen!). 

In der Schweiz ist es seit vielen Jahren das Verdienst vor allem des Vereins ELPOS, der Veranstalterin dieser Tagung, welche eben dieses Fachwissen durch Publikationen, Elternberatung, Selbsthilfetreffen und Weiterbildungskurse einer interessierten Öffentlichkeit zugänglich zu machen.  

Meine Damen und Herren: Die ADHS gehört nachweislich zu den folgenschweren Erkrankungen des Kindes- und Jugendalters: Klinische Verlaufsstudien, die seit den 70er Jahren vor allem, aber nicht nur, in den USA durchgeführt werden, zeigen, dass in der Gruppe der ADHS-Kinder ein erhöhtes Risiko vorlag,

Zudem besteht im Vergleich zu den Gesunden

Diese Aufstellung zeigt, dass das Suchtrisiko wahrscheinlich über-, dass Unfallrisiko hingegen drastisch unterschätzt wird. Eine im August 2001 veröffentlichte Untersuchung über den Zusammenhang von ADHS und Verkehrsunfälle kommt zum Schluss, dass in Deutschland über 60% aller Verkehrsunfälle von Kindern im Zusammenhang mit einer ADHS stehen.    

Angesichts dieser möglichen Folgen einer unbehandelten ADHS ist es schlichtweg unlogisch, unvernünftig und unmenschlich, die Zeit mit „Therapien“ wie z.B. einer Zuckerdiät zu vertun, deren Wirksamkeit bei ADHS längst widerlegt wurde. 

Verunsicherten Eltern von ADHS-Kindern kann ich nur raten, sich immer wieder ins Bewusstsein zu rufen, dass es sich bei der Medizin, bei der Psychiatrie und der Psychologie um Wissenschaften, und nicht um Religionen handelt. Ob Kinesiologie, Verhaltenstherapie, Neurofeedback, Diäten, Afa-Algen, Ginkgo-Extrakte, Atlastherapie, Homöopathie, Stimulanzien, Tomatis-Therapie oder etwa Entspannungstechniken sich bei der Behandlung der ADHS bewährt haben und somit empfohlen werden können, ist keine Frage des Glaubens, sondern von wissenschaftlich überprüfbaren Erfahrungen.  

Da Eltern auch die Verantwortung tragen müssen, wenn sie eine ärztliche Therapieempfehlung ablehnen, sollten sie alle ihnen vorgeschlagenen Therapiemassnahmen kritisch prüfen. Auch ohne je die Universität besucht zu haben, kann jede Mutter und jeder Vater eine wissenschaftliche Grundhaltung einnehmen:

  1. Stehen Sie zu Ihren Unsicherheiten und Wissenslücken
  2. Beschaffen Sie sich Facts (z.B. die auf wissenschaftlichen Evidenzen beruhenden ADHS-Ratgeberbücher von C. Neuhaus oder R. Barkley oder ADD-Online – www.adhs.ch - oder medizinische Datenbanken wie Medline)
  3. Bewerten Sie Informationen über Ursachen und Therapie der ADHS kritisch: Statt im Schema „Ich glaube das“ versus „Nein, das glaube ich nicht!“ zu verharren, sollten Sie nachfragen, woher das Wissen stammt; gegebenenfalls Zweitmeinung einholen)

Es liegt in der Verantwortung der Eltern, zu prüfen, ob es zutrifft, wenn Fachleute vertreten, dass bei gesicherter ADHS-Diagnose eine medikamentöse Behandlung in Kombination mit einer Verhaltenstherapie einen zentralen Stellenwert inne hat.  

Es liegt aber auch in der Verantwortung der Eltern, zu prüfen, ob es zutrifft, wenn selbsternannte ADHS-Fachleute in die Welt hinausposaunen, dass Afa-Algen, hochdosierte Vitamin-A-Therapien oder eine zuckerfreie Diät wirksame Mittel gegen die ADHS darstellen würden. Fragen Sie diese Autoren oder diese Heiler genau so, wie Sie Ihren Arzt oder Ihre Psychologin fragen würden, worauf sich ihre Therapieempfehlung abstützen, woher sie eigentlich ihre Informationen haben. 

Fragen Sie sie auch, ob bei ihren Mittelchen wie bei den anerkannten Medikamenten mit wissenschaftlichen Methoden sichergestellt wurde, dass diese Therapien dem Kind auch keinen Schaden zufügen können. Was ist denn eine möglicherweise auf Symptomebene nutzbringende Therapie mit Algenprodukten schon wert, wenn nicht ausgeschlossen werden kann, dass diese blau-grünen Algen gleichzeitig hochtoxische Substanzen wie Microcystine entwickeln, von denen im Tierversuch wenige Millionstel Gramm pro kg Körpergewicht genügen, um daran zu sterben? Die Gesundheitsbehörden verschiedener Staaten warnen denn auch unmissverständlich vor der Einnahme dieser aus Afa-Algen bestehenden Nahrungsmittelergänzungen. 

Gemäss dem mir bekannten aktuellen Forschungsstand zum Thema ADHS & Sucht gilt z.Zt. folgendes:

Damit liefern wissenschaftliche Studien Belege dafür, was praktisch tätige Psychologen/-innen und Ärzte/-innen aus ihrer Erfahrung schon lange wussten, dass nämlich unter Jugendlichen mit Suchtverhalten (speziell in Kombination mit aggressivem und delinquentem Verhalten) der Anteil der ADHS-Betroffenen auffallend hoch ist. 

Aber Achtung! Das nämlich gilt - so zumindest gemäss dem gegenwärtigen Forschungsstand - vorwiegend für unbehandelte ADHS-Kinder. Dr. J. Biederman, einer der führenden ADHS-Forscher aus Boston, hat in einer 1999 veröffentlichen Studie zeigen können, dass mit Stimulanzien behandelte ADHS-Jugendliche ein um 85% geringeres Risiko für einen späteren Drogenmissbrauch aufweisen, als solche, die nicht behandelt wurden. Auch der deutsche Arzt M. Huss kam in retrospektiven Untersuchungen an 215 ADHS-Patienten zu diesem Schluss.  

Die wohl aktuellsten Studien zur Frage, ob eine Behandlung mit Ritalin mit einem späteren Suchtrisiko einhergehen, wurden in der Januarausgabe 2003 der Fachzeitschrift „Pediatrics“ von Wilens TE et al. publiziert: Es handelt sich erstens um eine zusammenfassende Auswertung von zehn Verlaufsstudien. Insgesamt umfassten diese die Entwicklung von 674 mit Stimulanzien behandelten ADHS-Jugendlichen und 360 ADHS-Jugendlichen, welche nicht mit Stimulanzien behandelt wurden. Die Metaanalyse ergab, dass die medikamentös behandelten ADHS-Kinder gegenüber den ADHS-Kindern ohne medikamentöse Therapie ein um das 1,9fach kleinere Risiko hatten, im späteren Verlauf an einer Drogen- oder Alkoholsucht zu erkranken.  

In der gleichen Ausgabe dieser international renommierten Fachzeitschrift findet sich auch eine Studie des oben schon erwähnten ADHS-Forschers Russel Barkley, der 147 ADHS-Kinder, die mit Stimulanzien behandelt wurden, 13 Jahre lang (und somit ins Erwachsenenalter hinein) begleitete und ihre Entwicklung daraufhin überprüfte, ob gehäuft Suchtstörungen auftraten. Barkley fand keinerlei Hinweise darauf, dass diese Kinder später vermehrt suchtkrank wurden. 

Meine Damen und Herren: Auch die Frage, ob Ritalin später süchtig macht oder nicht, ist eine Frage des Wissens und nicht des Glaubens. Wer heute wie z.B. Scientology und Psychosekten mit dem Suchtargument operiert, handelt fahrlässig und zynisch: Durch die gezielte Vermischung von Ängsten der Eltern, das eigene Kind zu verlieren mit den Panikberichten über angebliche Todesfolgen oder Behauptungen über andere grosse Risiken einer Therapie mit Stimulanzien, wird bewusst in Kauf genommen, dass leidgeprüften Kindern und ihren Familien ein Behandlungsversuch mit einer seit Jahrzehnten bekannten und wissenschaftlich abgestützten medikamentösen Unterstützung vorenthalten wird. 

Auch Praxiserfahrungen zeigen immer wieder, dass ADHS-Kinder, bei welchen gemäss dem heutigen Wissenstand in den meisten Fällen eine medikamentöse Basistherapie (mit darauf aufbauenden Zusatztherapien wie Psycho-, Psychomotorik-, Ergo- oder Lerntherapien) durchgeführt wird, es leichter haben, den Anforderungen der Schule zu entsprechen und die Herausforderungen der Pubertät zu überstehen.  

Gemäss heutigem Wissenstand gilt bei gesichertem Vorliegen einer ADHS eine medikamentöse Behandlung als Basistherapie. Das bestätigt u.a. auch die in Europa bekannt gewordene MTA-Studie: In den USA und in Kanada werden seit 1995 an 579 Kindern verschiedene Behandlungsansätze ausgetestet. Es erwies sich, dass 90% der ADHS-Kinder von Stimulanzien gut profitieren konnten. 

Zusammenfassend kann man sagen, dass rechtzeitig eingeleitete und wirksame Therapien gegen die ADHS die wahrscheinlich wirkungsvollste Massnahmen gegen sekundäre Fehlentwicklungen wie Suchterkrankungen darstellen. 

Warum aber hat vor allem die medikamentöse Therapie einen so grossen Stellenwert bei der Behandlung und Suchtprävention von ADHS-Kinder? Ist das denn nicht ein Widerspruch in sich?  

Nun, um diese Frage beantworten zu können, muss man sich in einem ersten Schritt die „Anatomie“ der ADHS vor Augen führen:  

Gemäss dem aktuellen Stand der Erforschung dieses Syndroms besteht das Kernmerkmal der ADHS in einer neurochemisch bedingten Schwäche der Hemmfunktionen unseres Zentralcomputers namens Gehirn. Forscher gehen heute davon aus, dass bei der ADHS bestimmte Nervenzellen untereinander nicht genügend aktiv kommunizieren. Dieser Mangel an neuronaler Aktivität betrifft genau diejenigen Hirnfunktionen, welche im Normalfall flexibel die von aussen auf uns eintreffenden Reize filtern, dann sortieren und schliesslich für eine angemessene emotionale und verhaltensbezogene Reaktion auf diese Reize sorgen.

Eine Schwäche dieser Hemmfunktionen führt zu den bekannten Verhaltensproblemen bezüglich Selbststeuerung und Impuls- und Aufmerksamkeitskontrolle mit all den bekannten negativen Auswirkungen im Lern- und Sozialverhalten. Eltern von ADHS-Kindern kennen es bestens: Sie können nicht warten, bis sie an der Reihe sind, sie platzen in Gespräche, geben Antworten, bevor die Frage zu Ende gestellt ist, sind schnell auf „220“ und zeigen einen impulsiv-flüchtigen Arbeitsstil. Der bekannte amerikanische ADHS-Forscher Russel Barkley definiert die ADHS nicht umsonst als: „Entwicklungsstörung der Selbstbeherrschung“.  

Die ADHS-typische zerebrale Hemmschwäche reduziert aber nicht nur die Impulskontrolle, sondern auch die Reizverarbeitung: Bei ADHS-Menschen funktioniert die Reizempfänglichkeit viel zu gut. Ja, wegen ihrer zerebralen Filterschwäche nehmen sie vor allem beiläufig zuviel auf (währenddem sie bei der fokussierten Aufmerksamkeit grosse Mühe bekunden). Das erklärt, warum im Alltag schon kleine Geräusche eine Orientierungsreaktion auslösen können.

Nehmen wir als Beispiel Sven beim Hausaufgaben machen: Kaum hat er sich hingesetzt, wird seine Aufmerksamkeit fast reflexartig von der vor ihm liegenden Liste der zu lernenden Französisch-Vokabeln auf den Rasenmäher des Nachbarn umgelenkt. Von diesem wandert die Aufmerksamkeit zu dessen bellendem Hund, dann wieder zurück in Richtung des eigenen Handgelenks, schliesslich auf die Uhrzeiger, von da via Augen in den Kopf, hin zu dem Gedanken, dass es jetzt wohl Zeit für die Simpsons ist. Schnell richtet sich die Aufmerksamkeit dann auf die Bauchgegend, gleichzeitig auf das sich vor seinem inneren Auge aufbauende Bild des Kühlschranks. Und schon stürzt sich Sven die Treppe hinunter und stürmt Richtung Kühlschrank.  

Meine Damen und Herren, die Reizoffenheit bei ADHS-Betroffenen erklärt nicht nur deren Ablenkbarkeit, sondern auch, wieso sie gelegentlich dermassen sensibel sein können, dass sie sich zurückziehen, zum Selbstschutz psychisch „zu“ machen müssen oder „abschalten“, um in der Reizflut nicht unterzugehen.  

Die ADHS-typische Reizoffenheit erklärt auch, wieso diese Kids durch eigene Gefühle oder Stimmungen, die andere verbreiten, so leicht beeinflussbar sind. Sie regen sich auf, lassen sich irritieren und werden in Gedanken gefangen genommen und lassen sich schliesslich selbst von Kleinigkeiten oder Details ablenken, welche von Anderen manchmal kaum wahrgenommen werden.

Bei der ADHS führen die zu grosse Reizoffenheit und die Hemmschwäche gegenüber inneren Empfindungen zu einer generell übersteigerten Empfindlichkeit. Das zeigt sich nicht nur beim Essen oder bei der Wahl, wer zu einem passt und wer nicht. Oft reichen eine Grimasse der Schwester oder die Geräusche des Besteckes beim Essen, um sich gestört zu fühlen und einen Streit vom Zaun zu brechen. ADHS-Kids sind wegen eben dieser zerebralen Filterschwäche viel leichter provozierbar als andere Kinder. Und weil die Impulskontrolle ADHS-bedingt nicht richtig funktioniert, können sie sich auch viel schneller und verbissener in einen Streit hineinsteigern. 

Also: Bei der ADHS sind diejenigen Hirnregionen, welche die „innere Bremse“, das verhaltensbezogene und emotionale Reagieren auf Reize sowie den Reizfilterschutz regulieren, zu wenig aktiv.  

Aber - und das ist zentral - nicht immer und nicht durchgehend: Begeben sich nämlich ADHS-Betroffene in für sie neue, frische, interessante oder anregende Situationen, dann vermögen sie sich oft erstaunlich gut zu konzentrieren, zusammen zureissen und Geduld zu zeigen.  

Die Brems- und Filtersysteme im Gehirn von ADHS-Betroffenen funktionieren unglücklicherweise nur dann gut, wenn diese Hirnregionen zusätzlich von aussen oder von innen angeregt und stimuliert werden: Dann erst normalisiert sich der Hirnstoffwechsel für kurze Zeit und dann erst vermögen sich ADHS-Betroffene einigermassen gut zu konzentrieren, sind nicht von jeder Kleinigkeit irritiert und abgelenkt und können auch eine weniger interessante Sache durchziehen.  

Durch ein sie interessierendes Thema oder während einer subjektiv spannenden Tätigkeit werden sie stimuliert.  Dadurch vermögen sie oftmals erstaunlich viel Aufmerksamkeit und Durchhaltewillen aufzubringen. Bei sich wiederholenden, monotonen und damit stimulationsarmen Tätigkeiten hingegen, klinken sie aus, schalten ab und suchen nicht selten buchstäblich das Weite.  

Lernen gehört bekanntlich zu den sich wiederholenden Handlungen. Wir kennen das zu Genüge: ADHS-Kinder lernen etwas entweder sofort, wenn es also neu und „frisch“ ist, oder gar nicht oder nur mit unendlichem Krampf und Kampf. Andererseits stellen Eltern immer wieder mit Erstaunen und Unverständnis fest, dass ihre ADHS-Kids stundenlang und mit z.T. grösster Konzentration mit PC-Games und dem Gameboy verbringen können. „Wieso,“, fragen mich immer wieder Eltern, „wieso schaffen sie das denn nicht auch beim Erledigen der Hausaufgaben oder bei Vorbereitungen auf eine Prüfung?“. Und: „Heisst das nicht doch, dass sie in Wirklichkeit einfach nicht wollen und zu faul sind?“.  

Nein. Bei stimulationsarmen Tätigkeiten und in der Alltagsroutine können ADHS-Betroffene nicht bei der Sache bleiben und sie vermögen sich nicht altersentsprechend zu beherrschen. Wie oft höre ich von Kindern, dass sie sich schon Mühe geben, dass es aber einfach nicht geht. Die Mutter der dreizehnjährigen und sehr impulsiven Corinne mit einer ADHS überreichte mir vor etwa einem halben Jahr anlässlich der Erstkonsultation ein dickes, gelbes Aktencouvert. Es enthielt Dutzende von Entschuldigungsbriefchen. Immer und immer wieder entschuldigt sich Corinne darin für ihr Ausrasten, ihre Faulheit und ihre Vergesslichkeit und verspricht in diesen mit Mustern und Tränentropfen verzehrten Briefchen, dass sie sich mehr Mühe geben wolle, die Aufgaben vollständig zu erledigen, dass sie sich zusammen reisse, nichts mehr zu verlieren und zu vergessen, dass sie in der Schule nicht mehr so frech zu den Lehrern sein werde und auch daheim sich mehr Mühe geben wolle. Immer wieder heisst es darin auch, dass ihr ja sowieso niemand glaube, dass sie das alles nicht absichtlich mache. Will Corinne nun nicht oder kann sie nicht? 

ADHS-Forscher, wie der deutsche Neurologe Henning Krause, konnten nachweisen, dass bei ADHS-Betroffenen aus wahrscheinlich genetischen Gründen der Nervenbotenstoff Dopamin zu schnell abgebaut wird. Ein Absinken des Dopaminspiegels führt bei Menschen u.a. zu Ruhelosigkeit, zu Schwierigkeiten bei der Daueraufmerksamkeit und der Aufmerksamkeitsfokussierung.

Beim Spielen mit der x-Box, am Gameboy oder mit Handy-Spielen erhalten die Kids vom Computer sofort Rückmeldung darüber, ob ihr Spielverhalten richtig oder falsch war. Diese schnellen Feedbacks verhelfen den ADHS-Kindern damit quasi zu einer Art „Therapie“ gegen den ADHS-typischen tiefen Dopaminspiegel. Durch die mit diesen schnellen Rückmeldungen verbundene Stimulation schaffen sie es schliesslich, an diesen Tätigkeiten so lange dranbleiben zu können. Oftmals so eindrücklich intensiv, hochkonzentriert und verbissen, dass Eltern gelegentlich nicht umhin kommen, sich zu fragen, ob denn das nicht selbst schon ein Suchtverhalten darstellt. Also: Wenn die Rückmeldungen sofort kommen, klappt es; sich aber portionenweise auf eine zeitlich entfernte Prüfung vorzubereiten, ist diesen Kindern oft unmöglich.  

ADHS-Betroffene fürchten vor allem monotone und reizarme Routinesituationen. In dieser Leere werden diese Menschen schnell unruhig und gereizt. Sie können sich nicht mehr konzentrieren, Impulse brechen durch, innere Bedürfnisse melden sich ungebremst („Jetzt muss ich etwas essen!“) und die Gedanken beginnen zu wandern. Sie „verreisen“ in Gedanken oder träumen vor sich hin oder zum Fenster hinaus, oder versuchen, sich durch innere Bilder oder Phantasien oder Selbstgespräche stimulierende Anregungen zu verschaffen. Oder sie beginnen, die Schwester zu sticheln, die Mutter zu reizen oder den Lehrer zu provozieren. 

ADHS-Betroffene versuchen somit, wo immer nur möglich, den durch den Stimulationsmangel erzeugten quälenden inneren Zustand zu umgehen. Oder sie durchbrechen dieses subjektiv unerträgliche Vakuum durch Selbst- oder Fremdstimulation. Dazu gehören nicht nur das „Gamen“ am PC, sondern wie gesagt auch 

Diese selbststimulierenden Handlungen bewirken einen kurzzeitigen Anstieg des Dopaminspiegels in den "Belohnungszentren" des Gehirns. Dies führt dann zu einer kurzzeitigen Normalisierung der Selbstregulation. Eines der Gene, welches wahrscheinlich an der Vererbung der ADHS massgeblich beteiligt ist, steht denn auch im Zusammenhang mit einer Persönlichkeitseigenschaft, die als „novelty seeking“, als Suche nach Neuem bezeichnet wird. ADHS-Menschen sind innerlich oder äusserlich (oder beides) immer auf der Suche nach dem Kick, nach Stimulation, nach Abwechslung. 

Wenn man das Problemverhalten von ADHS-Menschen verstehen will, muss man sich immer bewusst sein, dass ihr innerer Kompass sie immer in Richtung kurzzeitigem Stimulationsgewinn lenkt – und damit ablenkt. Das ist so wichtig, dass ich diesen Satz wiederhole: 

ADHS-Betroffene „hungern“ buchstäblich nach Stimulation. Ursache ist der elementare Mangel an neuronaler Aktivität in Hirnregionen, welche für die Regulation der Selbststeuerung und der Aufmerksamkeitsfunktionen verantwortlich sind. Ständig suchen sie nach Abwechslung, nach Neuem und Frischem. Ihr Hunger nach Stimulation lässt sie ablenkbar werden durch die sie unmittelbar umgebenden stimulierenden „Spassmacher“ oder „Spassmachergedanken“. 

Leider verpuffen die Reize des Neuen allzu schnell, so dass sich aus diesem Stimulationshunger nicht selten eine süchtige Suche nach dem „Kick“ des Neuen (=Stimulation) entwickelt. Musikinstrumente, Hobbies, Freunde, Idole, Jobs und Interessen wechseln ADHS-Betroffene oft schneller als ihr eigenes Hemd. Für Spass (=Stimulation) lassen sie sich von allem und jedem vom eigenen Kurs abbringen.  

Erwachsene mit einem unbehandelten ADHS gehen oftmals in einem reinen Zickzack-Kurs durchs ganze Leben. Wie die Kinder vermögen sie es nicht, lange genug an einer Ausbildung, einer Stelle oder einer anderen Sache dranzubleiben. Und „lange genug“ würde halt heissen, dass sie soviel Sitzleder haben, um sich z.B. beruflich so gut zu profilieren, dass ihnen Arbeit und Beruf schliesslich so viel an Befriedigung und Identität bringen, dass berufliche Tätigkeit und Stimulationshunger verschmelzen. Sportlern oder Künstlern mit ADHS scheint dies gelegentlich zu gelingen.  

Eltern und Lehrer haben dann den Eindruck, es fehle dem zerstreuten Kind an Motivation oder es wisse nicht, was es wolle. In den Berichten der Schulpsychologen heisst es dann, der Schüler zeige eine „Anstrengungsvermeidungshaltung“.

Und dabei ist es bei unbehandelten ADHS-Kindern ein reiner Stimulationsmangel, der sie meist ganz automatisch nach etwas stimulierendem Ausschau halten lässt und in der Folge dazu führt, dass das Kind sich ablenkt und unkonzentriert ist. 

Bedingt durch ihre ADHS-Symptome haben alle un- oder falsch behandelten ADHS-Kinder Probleme mit dem Lernen. Sie haben keine Geduld, können sich beim Hausaufgabenerledigen nicht lange genug hinsetzen, und können - wenn es für sie monoton und damit stimulationsarm wird – der Lehrerin nicht lange zuzuhören. Sie sind Minimalisten und werden wegen den ausbleibenden Erfolgen in Sachen Schule immer mehr entmutigt.  

Un- oder falsch behandelte ADHS-Kinder und Jugendliche können also ihr geistiges Potential und ihre Begabungen gar nicht entfalten oder ausleben. Sie haben nie den schulischen und später den beruflichen Erfolg, der ihnen eigentlich zustehen würde. Schulische Erfolge aber sind die wichtigste Quelle für die Seelennahrung von Kindern und Jugendlichen. Und diese stimulierende Quelle können unbehandelte ADHS-Kinder nicht anzapfen.

Dazu kommen der persönliche Frust, die eigene Verzweiflung und manchmal auch zehrende Schuldgefühle, weil diese Kids, krankheitsbedingt,  die eigenen und die Erwartungen der Eltern nicht erfüllen können. Un- oder falsch behandelte ADHS-Kinder haben ein schlechtes Selbstwertwertgefühl. Sie schreiten meistens schlecht ausgerüstet in Richtung Pubertät.  

Wird bei Kindern die ADHS nicht erkannt, nicht oder nicht richtig behandelt, stehen sie in der Pubertät vor sehr, sehr kritischen Hürden: 

Auf der einen Seite haben diese Jugendlichen ADHS-typisch grösste Mühe, sich selbst zu organisieren, die eigenen Emotionen und die soziale Anpassung zu regulieren: In wichtigen Lebensbereichen sind sie deutlich unselbständiger als Gleichaltrige. Sie können sich nicht an Vorsätze halten, wirken daher unzuverlässig, können Lernvorhaben nicht umsetzen, sind chaotisch mit den Schulsachen und leben und lernen viel, viel ausgeprägter als andere Kinder nach dem Lustprinzip. Und das trotz aller Ermahnungen, Belohnungen der Eltern. Auf der anderen Seite suchen sie zunehmend ihre Freiheit, sich selbst und ihre Grenzen.  

Zwischen der Tatsache, dass ADHS-Jugendliche wegen ihrem Selbststeuerungsdefizit eigentlich weiterhin viel an Strukturen und Aussensteuerung benötigen würden und ihrem zunehmenden und auch legitimen Bedürfnis nach mehr Autonomie kann mit Eintreten in die Pubertät ein grundlegender Konflikt mit einem riesigen Spannungspotential entstehen.  

Kämpfe durch stark polarisierende Bewertungsmuster und provokatives Verhalten sowie die Folgen der Neigung, durch extremes Verhalten Anerkennung und Aufmerksamkeit im Freundeskreis zu erhalten, führen häufig zu ganz massiven Belastungen in Familie, Schule oder Ausbildung. 

Kinder und Jugendliche mit einer ADHS, aber auch betroffene Erwachsene, können bekanntlich infolge ihrer Aufmerksamkeitsschwächen oft nicht zuhören: Vieles bekommen sie gar nicht mit. Und das etwa nicht nur in der Schule: Nein, sie überhören oder haben vergessen, dass die Schwester gestern abgewaschen hat und es durchaus korrekt wäre, dass sie heute dran sind. Oder sie vergessen eine bei der letzten Familienkonferenz vereinbarte Abmachung und behaupten mit vollster Überzeugung, dass dies nie so gesagt worden wäre.  

Weil sie es oft echt nicht mehr wissen und ihnen das niemand glaubt, fangen sie an, sich zu verteidigen und zu kämpfen (deswegen: Abmachungen und Regeln immer aufschreiben und sichtbar für alle aufhängen!). In Kombination mit ihrem oft extremen Gerechtigkeitsempfinden kann das zu verbissensten Streitereien und zu verwegensten pubertären Aktionen führen. 

ADHS-Kinder haben es viel schwerer als andere, den eigenen Anteil an einem Konflikt wahrzunehmen. Das liegt an ihren eingeschränkten Fähigkeiten, flexibel genug den Aufmerksamkeitsfokus wechseln zu können. Weil sie die Welt meistens nur aus ihrer Perspektive wahrnehmen, fühlen sie sich im Streit oft nur noch als Opfer und immer nur als derjenige, welcher den Ungerechtigkeiten der anderen ausgeliefert ist.  

Sich selbst – quasi aus der Sicht des anderen – können sie wegen der mangelnden Flexibilität der Aufmerksamkeit nicht oder nicht ausreichend gut wahrnehmen. Bei allem verteidigen sich ständig, legen sich mit der Schwester an, dem Vater, der Lehrerin, später mit dem Lehrmeister, dem Chef oder der Lebenspartnerin. Weil die Aufmerksamkeitsfunktionen nicht gut genug entwickelt sind, gehen sie immer nur von sich selbst aus, verbeissen sich allzu leicht in oppositionelles Trotzverhalten und können manchmal ein Leben lang egozentrisch und trotzig bleiben. 

Es ist fatal meine Damen und Herren: Aber genau dieses mit Auflehnung, Trotz und Opposition verbundene Verhalten und Erleben kann ein unbehandeltes ADHS-Hirn gefährlich gut stimulieren! Und das ist verlockend. Dazu zählt auch der „Kick“, den einige Mädchen oder junge Frauen mit einer ADHS erleben können, wenn sie das „mächtige Feeling“ entdecken, dem Hunger widerstehen zu können. Magersucht und ADHS gehen häufig gemeinsam einher, so dass Mädchen mit einer therapieresistenten Anorexie heute unbedingt auch auf eine mögliche ADHS abgeklärt werden sollten.  

Der oben beschriebene Mangel an Seelennahrung und persönlicher Befriedigung  kann dazu führen, dass ADHS-Jugendliche sich anderen stimulierenden Dingen oder Tätigkeiten zuwenden: Irgendwie müssen sie sich ja selbst spüren und brauchen ein Feld, um sich selbst als autonome Person identifizieren zu können. Ganz besonders geeignet ist dazu leider alles Spezielle, Verbotene und Riskante: Klauen, rauchen, kiffen, zündeln, sich zulaufen zu lassen, Computerviren bauen, mit Skates ohne Helm eine steile Strasse hinunter fliegen, um Geld spielen, mit Unkrautvertilger Sprengkörper basteln, sich die Arme aufritzen, Pillen „schmeissen“ oder Kollegen besuchen, von denen die Eltern ihnen sagten, sie sollen sie besser meiden.  

Unheilvoll ist schliesslich, dass auch die pharmakologischen Wirkungen einiger Drogen bestens geeignet sind, das zu schwache Dopaminsystem zu aktivieren: Einige Drogen vermögen kurzzeitig das Minus an neuronaler Aktivität im Frontalhirnbereich von ADHS-Betroffenen auszugleichen. Das gilt für alle stimulierenden Drogen wie z.B. Tabak, Speed und Kokain.

Und mit sedierenden, also beruhigenden Drogen wie Alkohol und Cannabis versuchen diese Jugendlichen dann andererseits, den grossen inneren Frust, die Schamgefühle und die Versagensängste zu dämpfen. Gerade Cannabis wird von sehr vielen ADHS-Betroffenen im Sinne einer Selbstmedikation als Versuch eingesetzt, um ihr „ruheloses“ ADHS-Gehirn zu dämpfen. Die Folgen können verheerend sein.  

Dass mit einer rechtzeitigen und fachgerechten medikamentösen und psychologischen Therapie dazu beigetragen werden kann, schlimme Folgeerkrankungen der ADHS - wie eben z.B. Drogensucht - zu vermeiden, leuchtet allen spontan ein, die um die neurochemischen Besonderheiten der ADHS wissen.  

Die Frage, warum wie eingangs behauptet, die medikamentöse Therapie einen so zentralen Stellenwert bei der Behandlung und Suchtprävention von ADHS-Kindern hat, kann nun beantwortet werden:  

Die bei der ADHS in vielen Fällen wirksamen Medikamente heissen nicht umsonst Stimulanzien: Sie stimulieren und aktivieren Teile des Gehirns und können während ihrer Wirkdauer dazu beitragen, dem neurochemischen Ungleichgewicht (vor allem bezüglich der Verfügbarkeit des Nervenbotenstoffes Dopamins) entgegenzuwirken. 

Die mit Stimulanzien behandelten Patientinnen und Patienten vermögen dann auch in weniger stimulierenden Situationen besser bei der Sache zu bleiben, es gelingt ihnen vermehrt zu denken, bevor sie handeln, sie sind emotional ausgeglichener und sie sind auch dann aufmerksamer, wenn in der Schule einmal ein weniger interessantes Thema behandelt wird.  

Ihr innerer Kompass wird dann nicht mehr ständig durch den Stimulationshunger missgelenkt, sondern wird ausgerichtet durch die wahren Interessen, Neigungen und Begabungen eines Kindes.   

Was können Eltern tun, um das Suchtrisiko ihrer ADHS-Kinder zu begrenzen?  

 

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