ADHS, Störung des Sozialverhaltens & Wutstörung
von M.
Winkler und P. Rossi (1999)
Letzte Aktualisierung dieser Seite: 02.12.2008
Im Stern 18/99 ist folgender Text über Christopher, 14 Jahre zu lesen:
"In der Nacht zum 22.
Dezember 1998 ist Christopher in Darmstadt in ein Geschäft eingebrochen,
dabei hat er einen Mann mit einer Schreckschusspistole bedroht. Die
Festnahme erfolgte am Tag darauf. Am vergangenen Donnerstag begann vor
dem Darmstädter Jugendschöffengericht sein Prozess. Vier Monate sass
Christopher M. in Untersuchungshaft, ein schmächtiger, blasser Knabe,
der dort wechselweise den Rambo gab - "er schlägt alles kurz und klein",
sagt seine Mutter - oder den kleinen Herrn - "er hat ausgesprochen
höfliche Umgangsformen", sagt sein Anwalt Manfred Döring...
Polizei und Justiz
führen Knaben wie Christopher unter dem Sammelbegriff "Jugendliche
Intensivtäter", die Medien nennen sie knapp "Serientäter". Sie sind ein
Phänomen der 90er Jahre, vermeintlich Unverbesserliche, die sich jedem
Versuch der pädagogischen Einflussnahme, jeder noch so gut gemeinten und
kostenaufwendigen Resozialisierungsmassnahme entziehen.
Christophers Mutter ist
Deutsche, sein Vater ist gebürtiger Italiener, in Darmstadt
aufgewachsen. Die Eltern sind geschieden. Sieben war der Sohn, als er
zum ersten Mal eine "Inobhutnahme" erfuhr. So heisst der Verwaltungsakt,
wenn ein Kind aus seiner Familie genommen und, unter Aufsicht des
Jugendamtes, pädagogischen Fachkräften übergeben wird. Was folgte, war
eine sieben Jahre währende Odyssee durch verschiedene "Einrichtungen",
Familiengruppen und psychiatrischen Kliniken, unterbrochen von
"Rückführungen in die Herkunftsfamilie". Am vorläufigen Ende dieses
halben Lebens zwischen institutioneller Pädagogik und familiärem Chaos
steht nun ein "Monsterkid" (Darmstädter Echo), das aus dem Jugendknast
Gedichte von verlöschenden Kerzen schreibt.
Der Berliner
Justizsenator Ehrhard Körting sagt über anscheinend Unbelehrbare wie
Christopher: "Es gibt Menschen, die haben sich für das Böse
entschieden", denen müsse man Härte zeigen. Mag sein, dass der 14-
jährige inzwischen glaubt, auf der Ganovenschiene besser zu fahren. Und
es ist richtig, dass er als Erstklässler schon geklaut hat, Kaugummis,
Kinderfahrräder, Schokolade. Ein rastloser, verstörter Knirps, dem die
Erwachsenen früh Etiketten wie "verhaltensgestört" oder "Problemkind"
aufdrückten. Aber entscheidet sich ein Siebenjähriger für das Böse?
Auf der Suche nach
Schuldigen für das bis heute so gnadenlos verkorkste Leben seines Sohns,
verweist der Vater auf die "erziehungsunfähige" Mutter. Die Mutter
verweist auf den "desinteressierten, alkoholkranken" Vater - und auf das
Darmstädter Jugendamt. Dessen Entscheidungsträger vor allem aber auf
Christopher selbst. Man habe bei ihm "praktisch alles versucht", sagt er
nach dessen erster Festnahme, doch leider vergebens: "Der Junge hat sich
allem entzogen, ist unfähig für eine Beziehung." Darmstadt ist mit
seiner Pressesprecherin Lisette Nichtweiss einig: "Der Junge ist frech
und unverschämt..".
Beate M. ist 33 Jahre
alt, eine herbe, nicht unattraktive Frau mit resignierten Zügen und
einer immer leicht aufgebrachten Stimmungslage. Sie lebt von
Sozialhilfe, nach eigenen Aussagen ist sie krank. Wegen eines
chronischen Rückenleidens müsse sie "ständig Morphium" nehmen. Im
Darmstädter Martinsviertel bewohnt sie eine Dreizimmerwohnung: 70
Quadratmeter, schlicht und adrett eingerichtet. Die Mutter sagt, sie sei
immer bemüht gewesen, für ihre Kinder da zusein, "ihnen viel Liebe zu
geben". Und, nach einer Pause: "Eigentlich war ich immer überfordert".
Vier Kinder hat sie, aber sie lebt allein: Chris, der Zweitälteste, ist
in U-Haft, die beiden anderen Söhne sind "in Einrichtungen", das jüngste
Kind, eine Tochter, lebt beim Vater.
Beate M. war 17 und ohne
Schulabschluss, als sie den ersten Sohn bekam und mit Guilio M. nach
Italien ging. Am 23. August 1984 kam Christopher zur Welt, im Jahr
darauf ein weiterer Sohn. Chris ist der Schwierigste, als Baby von
Koliken geplagt, als Kleinkind von notorischer Unrast getrieben. Ein
typischer "Unfäller": Rast die Berge runter, hantiert an Steckdosen,
schluckt alles, was blau ist, auch Putzmittel.
Ihr Ehe- und
Familienleben in diesen Jahren reduziert Beate M. auf den Begriff
"Hölle". Sie ist der Typ Löwenmutter, der seine Brut gegen jede
Anfeindung von aussen verteidigt. Gegen das häusliche Drama ist sie
machtlos. Zweifellos liebt sie ihre Kinder... 1990 gibt sie den jüngsten
der Söhne zum ersten Mal in ein Heim : "Mir war einfach alles zu viel".
Nach sprunghaften Umzügen zwischen Italien und Deutschland landet die Familie schliesslich wieder in Darmstadt. Hier wird Christopher, der schon im Kindergarten wegen seiner Hypermotorik aufgefallen war, im Oktober 1991 zusammen mit seinem jüngeren Bruder eingeschult. Seine damalige Lehrerin Kristina K. erinnert sich : "Ich hatte schon zwei verhaltensauffällige Kinder in meiner Klasse. Als die beiden Brüder dazukamen, hatte das etwa die Wirkung eines Funkens in einem Fass Benzin". Ihre Berichte über die täglichen Vorfälle schickte sie zum Schulpsychologen: "Aber der liess nichts von sich hören und meinte bei telefonischer Nachfrage, er hätte sehr viel zu tun und käme mal vorbei." Er ist nie gekommen. Auch der Schulrat, den Kristina K. in Kenntnis setzt, sieht keinen Handlungsbedarf. Immerhin teilt ihr das Jugendamt mit, dass sich bereits eine Mitarbeiterin um die Familie kümmere.
Anfang 1992 werden
die Brüder von der Schule genommen. In Absprache mit den Eltern nimmt
das Jugendamt die beiden - sie waren durch eine Reihe von Diebstählen
und Sachbeschädigungen aufgefallen - in Obhut. Starthilfe für
Christophers Jugendhilfe-Amoklauf. Natürlich gibt es Problemkinder, die,
aus zerstörerischem Elternhäusern befreit und einer liebevoll-behüteten
Heimerziehung oder Pflegefamilie zugeführt, in ein gefestigtes Leben
finden und sich "unauffällig" entwickeln. Christopher gehört nicht dazu.
Als er, sieben Jahre
alt, sehr schmächtig, sehr zornig und sehr unglücklich, in die
Notaufnahme des katholischen St. Josephhauses in Klein-Zimmern kommt,
werden er und sein Bruder von verschiedenen Mitarbeitern betreut, auch
vom Sozialarbeiter Francis B.: "Sie waren die Jüngsten dort, zusammen
mit schwersterziehbaren, drogenabhängigen, verhaltensauffälligen und
kriminellen Jugendlichen."
Er hat sie noch gut in
Erinnerung: "Beide sehr wild, hypermotorisch, mit starken
Stimmungsschwankungen. Da war viel Lachen - aber ein Lachen als
Abwehrreaktion und Provokation." Ihre Devise: Aufmerksamkeit (!)
erringen durch Negativverhalten. Der Schlüssel zu solchen Kindern,
wissen Fachleute, ist viel Zuwendung und klare Grenzen. Und Ruhe.
Francis B. macht mit den Knirpsen oft Touren am Bach entlang, wo sie
sich austoben und mitteilen können ohne Störung. Da erschienen sie am
ehesten "bei sich" zu sein, ruhiger, zugänglicher, B.: "Hinter der
destruktiven Fassade hatten beide einen weichen, herzvollen Kern".
Der Sonderschullehrer
Karl-Heinz Sch., der die Jungen vorübergehend in der heimeigenen Schule
unterrichtet, erkennt bei Christopher ein
ADHS-(Aufmerksamkeitsdefizit)-Syndrom mit Hyperaktivität, oft auch
"hyperkinetisches Syndrom" genannt. Es bringt Eltern, Lehrer und auch
die Kinder selbst zur Verzweiflung. Eine Diagnose, sagt Sch., sei nicht
erfolgt. Es habe überhaupt keine adäquate psychologische Betreuung für
diese "Kinder in Schwierigkeiten", also schwierige Kinder, gegeben.
Seine Einschätzung der pädagogischen Arbeit auf dem Heimgelände: "Reines
Krisenmanagement mit der Folge von institutioneller Verwahrlosung"
Soweit der Stern. Die
Autorin Petra Schnitt schildert sehr plastisch und eindrucksvoll den
Lebenslauf eines unbehandelten hyperaktiven Kindes - wahrscheinlich mit
einer zusätzlichen Störung des Sozialverhaltens. Den eigentlichen
Skandal an der ganzen Geschichte erwähnt die Autorin allenfalls am
Rande:
Wieso kann heute ein Kind mit dem Vollbild eines sog. Hyperkinetischen
Syndroms durch alle Maschen unseres Gesundheits- bzw. Erziehungssystems
mit Ärzten, Kinderpsychologen, Kindergärtnern und Erziehern,
Sozialarbeitern, Sonderschullehrern und und und ... fallen?
Ein Einzelfall?
Statt einer Anklage -
der Versuch einer Erklärung
Hyperaktivität und
Störung des Sozialverhaltens
Wie im Artikel
dargestellt, können Kinder mit einer ADHS bereits in der frühesten
Kindheit auffällig sein und damit eine erhebliche Belastung für die
Eltern darstellen. Sie neigen vermehrt zu somatischen und
psychosomatischen Beschwerden wie u.a. Koliken, allergischen Störungen,
Ein- und Durchschlafschlafstörungen und fallen auch dadurch auf, dass
sie auf übliche Beruhigungsmassnahmen der Eltern nicht richtig
reagieren.
Häufig berichten Eltern,
ihre Kinder seien besonders sensibel für Geräusche, Berührung oder auch
Kleidungsstücke. Das alles ist vermutlich genetisch mitbestimmt, d.h.
die Reizempfindlichkeit der Kinder ist bereits als Säugling sehr hoch.
Andererseits fallen den
Eltern vielleicht leichte Entwicklungsverzögerungen wie eine Sprach-
oder Laufentwicklungsverzögerung auf, die sie dann auch z.T. bei den
kinderärztlichen Untersuchungen ansprechen oder die in der Kinderkrippe
oder dem Kindergarten auffallen - doch welches Kind ist schon immer
ruhig und angepasst? Häufig fällt eben leider auch niemandem etwas auf.
Sei es aus Unkenntnis oder weil eben auch die Eltern durch weitere
auffällige Kinder oder ihre eigene Impulsivität und psychischen wie
sozialen Problemen stark belastet sind.
Das hierdurch geprägte
Erziehungsmilieu ist sicher sehr ungünstig und vielleicht auch
traumatisierend für die Entwicklung der Kinder: Häufige Wechsel der
Bezugspersonen, Umzüge, emotionale Vernachlässigung infolge Alkohol-
oder Drogenkonsum, Arbeitslosigkeit und/oder Armut der Eltern
beeinflussen zusätzlich die Entwicklung des Kindes. Besonders
schwerwiegend ist, dass die Wahrnehmungen und Gefühle des Kindes in
seiner frühen Entwicklung "invalidisiert" werden können, d.h. keine
Konstanz zwischen eigenem Verhalten, Wahrnehmungen, Gefühlen und
Konsequenzen erfolgt.
Häufig werden jedoch
allein die "Erziehungsfehler" der - oft ebenfalls hyperkinetischen
Elternteile - im Sinne einer Schuldzuweisung als Erklärungsmodell
angeboten, was zumeist in gegenseitigen Schuldzuweisungen und nicht
zuletzt in einer Trennung der Ehepartner mündet.
Die so stigmatisierten
"Rabeneltern" erhalten dann auch von ihrem sozialem Umfeld keine
Unterstützung, sondern werden ihre Problematik möglichst "in der stillen
Kammer mit ungeeigneten Erziehungsmitteln" ausmachen. Gewaltanwendungen
- bis zu schweren Verletzungen oder gar Todesfällen - können hieraus die
Folge sein.
Vor allem resultiert
eine häufig falsche moralische Bewertung bzw. Stigmatisierung von
Kindern und ihren Eltern, die die Problematik zum Tabu und damit
"unaussprechlich" machen. Nur wenige Eltern finden dann Hilfe.
Die Perspektive der
Eltern
Ed Hallowell beschreibt
in seinem (leider derzeit nur englischsprachigen) Buch "When you worry
about the child you love" die Verzweiflung einer Mutter mit einem
"schwierigen", d.h. häufig aggressiven Kind:
"Ich konnte einfach nicht glauben, was passierte", sagte Leslie zu mir. "Ich hatte Angst vor meinem eigenen Sohn. Jeden Tag wenn ich aufwachte, dachte ich schon daran, was er als nächstes anstellte. Jedes Mal wenn das Telefon klingelte, zuckte ich zusammen und befürchtete neue schlechte Nachrichten am anderen Ende der Leitung. Manchmal fühlte ich sogar, dass ich ihn dafür hasste - unseren eigenen Sohn, den wir doch so lieben. Aber ich spürte über einige Tage den Hass. Ist das nicht unverzeihlich? Wie kann man seinen eigenen Sohn hassen, besonders, wenn er erst in der fünften Klasse ist? Aber ich tat es! Er konnte uns einfach das Leben zur Hölle machen. Ich konnte nicht mehr arbeiten, keine Zeit mit den anderen Kindern verbringen, nicht einmal beruhigt das Haus verlassen aus Angst, dass er irgendwas anstellte, wenn ich weg war. Und da ich mir keine Hilfe leisten konnte war ich praktisch eine Gefangene in meinem eigenen Haus. Ich brachte ihn zu Ärzten und alle sagten: Gut, probieren sie mal dies oder das und wir sehen in einem Monat weiter. Sie hörten mir, glaube ich, gar nicht richtig zu. Wie hätte sie mir denn zuhören können und dann nicht mehr für mich tun können? Oder sie haben mir einfach nicht geglaubt. Sie dachten wahrscheinlich, ich bin einfach nur eine hysterische Frau, die ihren Mann verloren hat und nicht weiss, wie sie das Leben geregelt kriegen soll...".
"Aber Dr. Hallowell, ich habe mich bemüht. Ich habe alles Menschenmögliche versucht. Ich habe Erziehungsbücher gelesen, ich bat um Rat von Verwandten und Freunden und versuchte jeden Tipp, den sie mir gaben. Ich war so verzweifelt. Ich schlug ihn, ich rüttelte ihn, ich flehte ihn an, ich ignorierte ihn, ich verwöhnte ihn, ich drohte ihn an die Polizei zu übergeben und er lachte mir nur einfach ins Gesicht. Er wusste, dass ich ihn nicht einfach rausschmeissen konnte. Aber an manchen Tagen hätte ich dies ganz sicher gewollt! Vielleicht wäre jemand anderes besser mit ihm fertig geworden, aber ich wüsste nicht wie. Wenn irgendeiner von den Doktoren wirklich gewusst hätte, was los mit ihm ist, hätten sie mich doch nicht so einfach weggeschickt. Es machte mich verrückt. Niemand wusste, durch was für eine Hölle wir gingen."
"Was sonst hätten denn die Ärzte machen können?" fragte ich.
"Sie hätten mir einfach zuhören sollen. Sie hätten mir glauben sollen, statt mich einfach wegzuschicken!"
Das auffällige Kind
Woran könnten nun Eltern
frühzeitig erkennen, dass ihr Kind bzw. ihre Familie therapeutische
Hilfe benötigt? Hallowell nennt folgende Tipps:
- Ihr Kind ist ein Aussenseiter in seinem Freundeskreis und wird als aggressiv oder ausser Kontrolle über sich bezeichnet.
- Sie hören wiederholt von verlässlichen Personen, dass ihr Kind extrem aggressiv oder ständig störend ist, selbst wenn sie zu Haus nur selten entsprechendes Verhalten beobachten.
- Ihr Kind verhält sich häufig in einer Art und Weise, die gefährlich für ihn oder andere ist.
- Andere Kinder fühlen sich in Gegenwart Ihres Kindes nicht sicher.
- Sie fürchten sich vor Ihrem Kind.
- Sie ärgern sich häufig über Ihr Kind wegen seines rüden Verhaltens.
- Ihr Kind ist ständig ungehorsam.
- Ihr Kind scheint kein Einfühlungsvermögen oder Gewissen zu haben.
- Sie spüren, dass Sie die Kontrolle über sich verlieren könnten in dem Bemühen, Ihr Kind zu disziplinieren.
- Sie wissen einfach nicht mehr weiter, was Sie mit Ihrem Kind machen sollen.
Nun, in den
Extremfällen mag das ja noch ganz eindeutig sein, wenn ein Kind oder
Jugendlicher sich ständig mit anderen prügelt, wiederholt stiehlt oder
Sachen zerstört. Doch die grosse Mehrzahl der Kinder lässt sich da
sicher nicht einordnen und sie sind vielleicht einfach nur kleine
Rabauken. Doch wo endet ein kleiner "Tom Sawyer" und beginnt eine
kriminelle Karriere?
Hallowell macht bei
Kindern und Jugendlichen, die Probleme mit der Kontrolle von Wut und
Aggressionen haben, folgende grobe Einteilung:
Etwa 10-15 % der Probleme haben eine diagnostizierbare "Verhaltensstörung". Hierzu gehört u.a. die sogenannte "Störung mit oppositionellem Trotzverhalten" oder die sog. "Störung des Sozialverhaltens". Im weitesten Sinne kann man auch ADHS mit Hyperaktivität hier eingruppieren, da es eben auch häufig zu sehr störendem Verhaltensmustern bei Kindern führt.
Weitere Differentialdiagnosen, die man in diesem Zusammenhang berücksichtigen sollte, wären (hier kann aber auch durchaus eine Komorbidität z.B. mit einer ADHS vorliegen):
- Tourette-Syndrom
- Epilepsien, bes. Temporallappenepilepsien
- Bipolare, d.h. manisch-depressive Störungen
- Borderline-Persönlichkeitsstörung
- Trichotillomanie
- Fetale Alkoholembryopathie
- Drogenmissbrauch von Alkohol, Kokain, Ecstasy oder Schnüffelstoffen
- Raumforderungen im Gehirn wie Tumoren, Cysten oder subdurale Hämatome, z.B. nach Kopfverletzungen
- Prodromalphase (Vorphase) einer Schizophrenie
In der zweiten Gruppe - etwa 70-80 % der Kinder - tritt vorübergehend eine Phase von Aggressivität oder Wutausbrüchen auf, aber längst nicht mit der gleichen Intensität und Frequenz, wie in der ersten Gruppe von Kindern. Die Eltern oder Lehrer machen sich vielleicht gelegentlich - oder häufiger - Sorgen wegen dieses Verhaltens, aber sie liegen deshalb eben längst nicht jede Nacht wach und können damit relativ gut umgehen.
Die dritte Gruppe - wiederum 10 bis 15 % der Kinder - ist schon fast "zu brav". Sie werden praktisch nie wütend, sind höflich oder sehr still. Die Eltern machen sich dann schon wieder Sorgen, dass sie vielleicht zu wohlerzogen oder eben gehemmt sein könnten. Das Problem mit der Wut liegt hier nicht darin, sie zu kontrollieren, sondern sie auch einmal herauszulassen. Heute weiss man jedoch, dass auch das Zeigen von Gefühlen bzw. die Entwicklung von kommunikativen Fähigkeiten eine der besten Vorsorgemassnahmen gegen die Entwicklung von aggressivem Verhalten sein kann.
Schwerwiegendere
Störungen des Sozialverhaltens
In den diagnostischen
Leitlinien des ICD-10 werden Störungen des Sozialverhaltens als ein
"sich wiederholendes und andauerndes Muster dissozialen, aggressiven
oder aufsässigen Verhaltens charakterisiert. In seinen extremsten
Auswirkungen beinhaltet dieses Verhalten gröbste Verletzungen
altersentsprechender sozialer Erwartungen. Es soll schwerwiegender sein
als gewöhnlicher kindlicher Unfug oder jugendliche Aufmüpfigkeit.
Einzelne dissoziale oder kriminelle Handlungen sind allein kein Grund
für die Diagnose, für die ein andauerndes Verhaltensmuster gefordert
ist."
Eine Störung des
Sozialverhaltens tritt oft zusammen mit schwierigen psychosozialen
Umständen, wie unzureichenden familiären Beziehungen und Schulversagen
auf; sie wird bei Angehörigen des männlichen Geschlechts häufiger
gesehen. Die Unterscheidung von einer emotionalen Störung ist gut
belegt; ihre Abgrenzung gegen Hyperaktivität ist weniger klar, hier sind
Überschneidungen häufig.
Diagnostische Leitlinien:
Beurteilungen über das Bestehen einer Störung des Sozialverhaltens müssen das Entwicklungsniveau des Kindes berücksichtigen. Beispiele für Verhaltensweisen, welche die Diagnose begründen, sind ein extremes Mass an Streiten oder Tyrannisieren, Grausamkeit gegenüber anderen Menschen oder gegenüber Tieren, erhebliche Destruktivität gegen Eigentum, Feuerlegen, Stehlen, häufiges Lügen, Schulschwänzen und Weglaufen von zu Hause, ungewöhnlich häufige oder schwere Wutausbrüche und Ungehorsam. Jedes dieser Beispiele ist bei erheblicher Ausprägung ausreichend für die Diagnose; isolierte dissoziale Handlungen genügen dagegen nicht. Es wird empfohlen, diese Diagnose nur dann zu stellen, wenn die Dauer des oben beschriebenen Verhaltens sechs Monate oder länger beträgt.
Störungen des
Sozialverhaltens haben auch eine graduelle Abstufung:
Stadium I: Das Kind ist
gegenüber Menschen oder Tieren aggressiv
Stadium II: Das Kind
zerstört oder beschädigt zusätzlich Eigentum von Anderen
Stadium III: Das Kind
wird extrem gewalttätig oder stiehlt
Stadium IV: Das Kind
bricht schwerwiegende Regeln oder Gesetze und/oder konsumiert in
beträchtlichem Mass Drogen.
Nur sehr wenige Kinder
weisen wirklich anhaltend schwerwiegende Störungen des Sozialverhaltens
auf. Doch besonders beim gemeinsamen Auftreten einer ADHS mit einer
zusätzlichen Störung des Sozialverhaltens sollte man sehr sorgsam
therapeutische Schritte abwägen.
Leider ist die Prognose
unbehandelt nicht gut. Besonders als Jugendliche - wenn ein
rebellischeres Verhalten im Rahmen der Pubertät hinzukommt - können
erhebliche Probleme resultieren. Aus der Forschung weiss man, dass die
Kombination von ADHS und Störungen des Sozialverhaltens u.a. zu einem
früheren und stärkeren Nikotinkonsum führt - aber auch das Risiko für
Drogen- bzw. Alkoholmissbrauch erhöht ist.
So resultiert u.a. ein
erhebliches Risiko für Autounfälle (mit Todesfolge z.B. bei den
"Crash-Kids), parasuizidales Verhalten (d.h. lebensgefährlich riskantes
Verhalten wie z.B. U-Bahn-Surfen) bis hin zu einer erhöhten
Selbstmordgefährdung. Weiterhin können aus ungeschütztem
Geschlechtsverkehr ungewollte Schwangerschaften oder aber sexuell
übertragbare Erkrankungen vermehrt resultieren.
Die schulische und
berufliche Entwicklung ist deutlich ungünstiger und daher die
Befürchtung der Eltern hinsichtlich eines sozialen "Abrutschens" nicht
unbegründet. Häufig wird dies dann auch als die Grundlage für die
Entwicklung einer sog. dissozialen oder antisozialen
Persönlichkeitsstörung angesehen. Hier haben die Betroffenen überhaupt
kein Unrechtsbewusstsein bzw. Angst, und häufig ist ein Abgleiten, z.B.
in den Bereich der Skinhead-Szene oder die Kriminalität zu beobachten.
Noch erschreckender:
Dwaine McCallon, ein führender Experte der ADHS im Bereich Forensik,
führte in einem seiner Vorträge aus, welche drei zentralen Merkmale
Kriminologen für brutale Mörder bzw. Serienmörder bei den Tätern in
ihrer Jugend fanden:
- Bettnässen (!) bis in die späte Kindheit oder Jugend
- Zündeln bzw. Brandstiftungen in der Jugend
- Brutalität bzw. fortgesetzte und sich steigernde Gewalt gegen andere Kinder
Dies kann man
durchaus als Leitsymptome der ADHS mit Störung des Sozialverhaltens
zusammenfassen.
Man schätzt, dass in den
Gefängnissen der USA (aber sicher nicht nur dort) bis zu 2/3 der
Insassen eine ADHS oder eine andere diagnostizierbare und behandelbare
Störung haben. Dies gilt besonders für Gewaltverbrechen bzw.
Sexualstrafdelikte. Juristisch mildert dies sicher nicht ihre Schuld.
Angesichts der Todesstrafe in den USA ist es jedoch erschreckend, dass
wahrscheinlich immer noch eigentlich psychisch behandlungsbedürftige
Menschen hingerichtet werden, denen jedoch eine adäquate Diagnostik und
Behandlung in der Kindheit und Jugend letztlich nie zur Verfügung stand.
Wut bei Jugendlichen
und Erwachsenen
Im Gegensatz zu den
Affekten Angst und Traurigkeit hat sich die psychiatrische Forschung
bisher relativ wenig mit der Wut und Aggressionen als eigenes
Störungsbild beschäftigt.
John Ratey und Catherine
Johnson beschreiben in ihrem Buch "Das Schattensyndrom - Neurobiologie
und leichte Formen psychische Störungen" ausführlich "Erwachsene im
Koller - die intermittierende Wutstörung".
Maurizio Fava beschrieb
zunächst bei klinisch depressiven Patienten genauer mit einer Häufung
von "Wutanfällen", die sich in Form von "plötzlichen heftigen Anfällen
von Wut" mit einer autonomen Reaktion aus Herzrasen, Erröten,
Schweissausbrüchen und einem Gefühl von Kontrollverlust zeigten (Ratey,
S. 165).
Bis zu 63% der
untersuchten Gruppe berichteten, Menschen verbal oder physisch
angegriffen zu haben, 30% wurden auch mit werfen von Gegenständen oder
Zerstörung von Dingen aggressiv. Solche Anfälle könnten spontan, vor
allem aber situationsunangemessen heftig auftreten. Nach diesen Anfällen
berichteten die Patienten von heftigen Schuld- oder Schamgefühlen, bzw.
Reue.
Solche Anfälle sind
keinesfalls selten: 48% der klinisch depressiven Patienten und jeder 5.
nicht depressiv Erkrankte schilderte solche heftigen Wutausbrüche. Man
schätzt, das etwa 85% der ADHS-Patienten mehr oder weniger heftige
Probleme mit solchen Wutanfällen bzw. ihrer geringeren
Frustrationstoleranz haben.
Besonders durch Arbeiten
des russischen Neuropsychologen Alexander R. Lurija hat man die
Bedeutung des Frontallappens im Gehirn für die Handlungssteuerung
erkannt. Schädigungen oder eben eine Unteraktivität (!) können zu einer
gestörten Impulskontrolle und aggressivem Verhalten führen.
Wut und Gewalt in der
Familie
Dass sich aggressives
Verhalten der Eltern oder enger Bezugspersonen überwiegend innerhalb der
eigenen Familie abspielt, ist durch kriminologische Forschungen belegbar
(Rückert, 1995):
- fast 16 % der Bevölkerung war in einem Zeitraum von 5 Jahren Opfer von körperlicher Gewalt bzw. Aggressionen
- etwa 10 % der Befragten der Stichprobe von 5711 Deutschen im Alter zwischen 16 und 60 Jahren, gaben an, in ihrer Kindheit mindestens einmal massiv (d.h. würgen, mit der Faust massiv geschlagen) von ihren Eltern misshandelt worden zu sein.
- etwa 6 % der Frauen zwischen 20 und 60 Jahren gaben an, von Familienmitgliedern vergewaltigt oder sexuell genötigt worden zu sein, fast jede fünfte Frau soll in der Kindheit Opfer sexueller Übergriffe gewesen sein.
Leider ist es noch
üblich, dass entsprechend auffällige Kinder in Kinderkrippen oder der
Schule isoliert - oder in Sondereinrichtungen "kaserniert" werden.
Meistens sind Erzieher und Lehrer schlicht überfordert, dabei ist die
Prognose bei adäquater und frühzeitiger Therapie gut und die betroffenen
Kinder eigentlich sehr liebenswert und später erfolgreich.
Tom Brown, ein führender
amerikanische Psychologe auf dem Gebiet des Hyperaktivitätssyndroms bei
Kindern, Jugendlichen und Erwachsenen betont jedoch, dass sich die
Betroffenen bereits in frühen Jahren durch ihr Interaktionsverhalten mit
scheinbar unwilligem, ablehnendem oder aggressivem Verhalten gegenüber
Eltern, Erziehern, Gleichaltrigen oder auch Therapeuten geradezu ein
soziales Umfeld "schaffen", das ihre Gesamtsymptomatik nur weiter
verstärkt - ja häufig erst zum Ausbruch bringt.
Therapeutische
Ignoranz?
In der Ausgabe 10/99 der
renommierten Schweizer Wochenzeitschrift "Beobachter" wird in einem
Artikel über POS (so wird in der Schweiz die ADHS bezeichnet)
hervorgehoben, wie wichtig eine frühzeitige Erkennung und Therapie des
POS sei.
Dank Ritalin, welches
Florian, ein POS-Kind, seit zwei Jahren einnehme, gehe er gerne zur
Schule, "...ist kontaktfreudiger und lebensfroher geworden".
Nur wenige Zeilen später
heisst es jedoch, dass die "Psychopille" Ritalin umstritten sei, da
Langzeitstudien über Nebenwirkungen und das Suchtpotential von Ritalin
fehlen würden.
Es stimmt nicht, dass
keine Langzeitstudien existieren. Im Gegenteil: Ritalin gehört zu den am
besten beforschten Psychopharmaka schlechthin. Es existieren vor allem
in den USA Hunderte von wissenschaftlichen Untersuchungen über die
Wirkungen und Nebenwirkungen von Ritalin.
Unzählige Studien
bestätigen die positiven Effekte dieses Medikamentes. Keine (!) der den
Verfassern bekannten Untersuchungen enthält Hinweise oder belegt, dass
Ritalin süchtig macht. Ritalin gehört ferner anerkannterweise zu
denjenigen Psychophamaka mit geringen unerwünschten Nebenwirkungen.
Es muss heute als Kunstfehler bezeichnet werden, wenn Kindern (und Erwachsenen) mit ausgeprägter ADHS Ritalin oder andere bewährte Stimulanzien vorenthalten werden.
Die Autorin schreibt
ferner, in Bezug auf die Ursachen des POS sei bis heute die Tatsache
ungeklärt, wieso Knaben sechs- bis sieben Mal häufiger betroffen seien
als Mädchen.
Auch diese Feststellung
ist heute so nicht mehr gültig: ADHS kann und darf diagnostiziert werden
auch ohne Hyperaktivität. Kinder mit ADHS ohne "H" (Hyperaktivität)
zeichnen sich primär durch Reizoffenheit, Ablenkbarkeit und
Zerstreutheit auf.
Sie sind ruhige,
hypersensible und oft auch brave Tagträumer(-innen). Bei Mädchen zeigt
sich ADHS häufiger in der stillen und nicht so lärmenden Art, eben ohne
"H".
Viele Fachleute erkennen
bei Mädchen oder stillen Jungs diese Störung nicht und gehen daher
irrtümlicherweise davon aus, dass Knaben von "POS" viel häufiger
betroffen seien als Mädchen.
Die Verfasserin schreibt
ausserdem, dass das Gehirn bei POS meist bis zur Pubertät "nachreife"
und die Funktionsstörung, welche auf einer langsameren Reifung einzelner
Hirnstrukturen beruhe, im Erwachsenenalter kaum noch auffalle -
"Vorausgesetzt, die Kinder erfahren bis dahin Liebe und Geduld".
Die Aussage, wonach sich
POS bzw. ADHS in der Pubertät meist auswachse, gilt heute
bekanntermassen als überholt: Neueren Untersuchungen zufolge ist der
Anteil von Erwachsenen, die an ADHS leiden, sehr viel höher als bisher
angenommen. Was sich häufig zurückbildet, ist oft nur die
Hyperaktivität. Die Hypersensibilität, die Desorganisiertheit, das
"mentale Hypern" und die Zerstreutheit hingegen können fortbestehen und
zu Depressionen, Angst- und Suchtstörungen führen. Die Behandlung auch
von erwachsenen ADHS-Patienten mit Stimulanzien (Ritalin) und
Verhaltenstherapie gilt in USA als anerkannt und etabliert.
Aus eigenen klinischen
Erfahrungen können die Verfasser bestätigen, dass sich ADHS oft nicht
"auswächst", zu psychischen Störungen führen kann und mit guten bis sehr
guten Erfolgen mit Ritalin (und Psychotherapie) behandelt werden kann.
An einer internationalen Tagung über ADHS bei Kindern und Erwachsenen in
Salzburg, welche vom 13.-15. Mai 1999 stattfand, wurden diese Befunde
von vielen Forschern und Klinikern eindrücklich bestätigt.
Fazit
- Kinder und Jugendliche mit Verhaltensstörungen sollten konsequent auch auf ADHS hin untersucht werden.
- Kann eine ADHS diagnostiziert werden, so darf bei Vorliegen einer Behandlungsindikation ein Therapieversuch mit Ritalin nicht unterbleiben.
- Aufklärung und Information über die ADHS tun Not.
Literatur
Alexander R. Lurija
Das Gehirn in Aktion - Einführung in Neuropsychologie
rororo Taschenbuch 1993
John J. Ratey Catherine
Johnson
Das Schattensyndrom
Klett-Kotta, 1999
