Informationen zur Aufmerksamkeitsdefizit-/Hyperaktivitätsstörung (ADHS)

 

ADHS, Störung des Sozialverhaltens & Wutstörung


von M. Winkler und P. Rossi (1999)

Letzte Aktualisierung dieser Seite: 02.12.2008

Im Stern 18/99 ist folgender Text über Christopher, 14 Jahre zu lesen:

"In der Nacht zum 22. Dezember 1998 ist Christopher in Darmstadt in ein Geschäft eingebrochen, dabei hat er einen Mann mit einer Schreckschusspistole bedroht. Die Festnahme erfolgte am Tag darauf. Am vergangenen Donnerstag begann vor dem Darmstädter Jugendschöffengericht sein Prozess. Vier Monate sass Christopher M. in Untersuchungshaft, ein schmächtiger, blasser Knabe, der dort wechselweise den Rambo gab - "er schlägt alles kurz und klein", sagt seine Mutter - oder den kleinen Herrn - "er hat ausgesprochen höfliche Umgangsformen", sagt sein Anwalt Manfred Döring...
Polizei und Justiz führen Knaben wie Christopher unter dem Sammelbegriff "Jugendliche Intensivtäter", die Medien nennen sie knapp "Serientäter". Sie sind ein Phänomen der 90er Jahre, vermeintlich Unverbesserliche, die sich jedem Versuch der pädagogischen Einflussnahme, jeder noch so gut gemeinten und kostenaufwendigen Resozialisierungsmassnahme entziehen.

Christophers Mutter ist Deutsche, sein Vater ist gebürtiger Italiener, in Darmstadt aufgewachsen. Die Eltern sind geschieden. Sieben war der Sohn, als er zum ersten Mal eine "Inobhutnahme" erfuhr. So heisst der Verwaltungsakt, wenn ein Kind aus seiner Familie genommen und, unter Aufsicht des Jugendamtes, pädagogischen Fachkräften übergeben wird. Was folgte, war eine sieben Jahre währende Odyssee durch verschiedene "Einrichtungen", Familiengruppen und psychiatrischen Kliniken, unterbrochen von "Rückführungen in die Herkunftsfamilie". Am vorläufigen Ende dieses halben Lebens zwischen institutioneller Pädagogik und familiärem Chaos steht nun ein "Monsterkid" (Darmstädter Echo), das aus dem Jugendknast Gedichte von verlöschenden Kerzen schreibt.
Der Berliner Justizsenator Ehrhard Körting sagt über anscheinend Unbelehrbare wie Christopher: "Es gibt Menschen, die haben sich für das Böse entschieden", denen müsse man Härte zeigen. Mag sein, dass der 14- jährige inzwischen glaubt, auf der Ganovenschiene besser zu fahren. Und es ist richtig, dass er als Erstklässler schon geklaut hat, Kaugummis, Kinderfahrräder, Schokolade. Ein rastloser, verstörter Knirps, dem die Erwachsenen früh Etiketten wie "verhaltensgestört" oder "Problemkind" aufdrückten. Aber entscheidet sich ein Siebenjähriger für das Böse?

Auf der Suche nach Schuldigen für das bis heute so gnadenlos verkorkste Leben seines Sohns, verweist der Vater auf die "erziehungsunfähige" Mutter. Die Mutter verweist auf den "desinteressierten, alkoholkranken" Vater - und auf das Darmstädter Jugendamt. Dessen Entscheidungsträger vor allem aber auf Christopher selbst. Man habe bei ihm "praktisch alles versucht", sagt er nach dessen erster Festnahme, doch leider vergebens: "Der Junge hat sich allem entzogen, ist unfähig für eine Beziehung." Darmstadt ist mit seiner Pressesprecherin Lisette Nichtweiss einig: "Der Junge ist frech und unverschämt..".

Beate M. ist 33 Jahre alt, eine herbe, nicht unattraktive Frau mit resignierten Zügen und einer immer leicht aufgebrachten Stimmungslage. Sie lebt von Sozialhilfe, nach eigenen Aussagen ist sie krank. Wegen eines chronischen Rückenleidens müsse sie "ständig Morphium" nehmen. Im Darmstädter Martinsviertel bewohnt sie eine Dreizimmerwohnung: 70 Quadratmeter, schlicht und adrett eingerichtet. Die Mutter sagt, sie sei immer bemüht gewesen, für ihre Kinder da zusein, "ihnen viel Liebe zu geben". Und, nach einer Pause: "Eigentlich war ich immer überfordert". Vier Kinder hat sie, aber sie lebt allein: Chris, der Zweitälteste, ist in U-Haft, die beiden anderen Söhne sind "in Einrichtungen", das jüngste Kind, eine Tochter, lebt beim Vater.

Beate M. war 17 und ohne Schulabschluss, als sie den ersten Sohn bekam und mit Guilio M. nach Italien ging. Am 23. August 1984 kam Christopher zur Welt, im Jahr darauf ein weiterer Sohn. Chris ist der Schwierigste, als Baby von Koliken geplagt, als Kleinkind von notorischer Unrast getrieben. Ein typischer "Unfäller": Rast die Berge runter, hantiert an Steckdosen, schluckt alles, was blau ist, auch Putzmittel.
Ihr Ehe- und Familienleben in diesen Jahren reduziert Beate M. auf den Begriff "Hölle". Sie ist der Typ Löwenmutter, der seine Brut gegen jede Anfeindung von aussen verteidigt. Gegen das häusliche Drama ist sie machtlos. Zweifellos liebt sie ihre Kinder... 1990 gibt sie den jüngsten der Söhne zum ersten Mal in ein Heim : "Mir war einfach alles zu viel".

Nach sprunghaften Umzügen zwischen Italien und Deutschland landet die Familie schliesslich wieder in Darmstadt. Hier wird Christopher, der schon im Kindergarten wegen seiner Hypermotorik aufgefallen war, im Oktober 1991 zusammen mit seinem jüngeren Bruder eingeschult. Seine damalige Lehrerin Kristina K. erinnert sich : "Ich hatte schon zwei verhaltensauffällige Kinder in meiner Klasse. Als die beiden Brüder dazukamen, hatte das etwa die Wirkung eines Funkens in einem Fass Benzin". Ihre Berichte über die täglichen Vorfälle schickte sie zum Schulpsychologen: "Aber der liess nichts von sich hören und meinte bei telefonischer Nachfrage, er hätte sehr viel zu tun und käme mal vorbei." Er ist nie gekommen. Auch der Schulrat, den Kristina K. in Kenntnis setzt, sieht keinen Handlungsbedarf. Immerhin teilt ihr das Jugendamt mit, dass sich bereits eine Mitarbeiterin um die Familie kümmere.

Anfang 1992 werden die Brüder von der Schule genommen. In Absprache mit den Eltern nimmt das Jugendamt die beiden - sie waren durch eine Reihe von Diebstählen und Sachbeschädigungen aufgefallen - in Obhut. Starthilfe für Christophers Jugendhilfe-Amoklauf. Natürlich gibt es Problemkinder, die, aus zerstörerischem Elternhäusern befreit und einer liebevoll-behüteten Heimerziehung oder Pflegefamilie zugeführt, in ein gefestigtes Leben finden und sich "unauffällig" entwickeln. Christopher gehört nicht dazu.
Als er, sieben Jahre alt, sehr schmächtig, sehr zornig und sehr unglücklich, in die Notaufnahme des katholischen St. Josephhauses in Klein-Zimmern kommt, werden er und sein Bruder von verschiedenen Mitarbeitern betreut, auch vom Sozialarbeiter Francis B.: "Sie waren die Jüngsten dort, zusammen mit schwersterziehbaren, drogenabhängigen, verhaltensauffälligen und kriminellen Jugendlichen."
Er hat sie noch gut in Erinnerung: "Beide sehr wild, hypermotorisch, mit starken Stimmungsschwankungen. Da war viel Lachen - aber ein Lachen als Abwehrreaktion und Provokation." Ihre Devise: Aufmerksamkeit (!) erringen durch Negativverhalten. Der Schlüssel zu solchen Kindern, wissen Fachleute, ist viel Zuwendung und klare Grenzen. Und Ruhe. Francis B. macht mit den Knirpsen oft Touren am Bach entlang, wo sie sich austoben und mitteilen können ohne Störung. Da erschienen sie am ehesten "bei sich" zu sein, ruhiger, zugänglicher, B.: "Hinter der destruktiven Fassade hatten beide einen weichen, herzvollen Kern".

Der Sonderschullehrer Karl-Heinz Sch., der die Jungen vorübergehend in der heimeigenen Schule unterrichtet, erkennt bei Christopher ein ADHS-(Aufmerksamkeitsdefizit)-Syndrom mit Hyperaktivität, oft auch "hyperkinetisches Syndrom" genannt. Es bringt Eltern, Lehrer und auch die Kinder selbst zur Verzweiflung. Eine Diagnose, sagt Sch., sei nicht erfolgt. Es habe überhaupt keine adäquate psychologische Betreuung für diese "Kinder in Schwierigkeiten", also schwierige Kinder, gegeben. Seine Einschätzung der pädagogischen Arbeit auf dem Heimgelände: "Reines Krisenmanagement mit der Folge von institutioneller Verwahrlosung"
Soweit der Stern. Die Autorin Petra Schnitt schildert sehr plastisch und eindrucksvoll den Lebenslauf eines unbehandelten hyperaktiven Kindes - wahrscheinlich mit einer zusätzlichen Störung des Sozialverhaltens. Den eigentlichen Skandal an der ganzen Geschichte erwähnt die Autorin allenfalls am Rande:

Wieso kann heute ein Kind mit dem Vollbild eines sog. Hyperkinetischen Syndroms durch alle Maschen unseres Gesundheits- bzw. Erziehungssystems mit Ärzten, Kinderpsychologen, Kindergärtnern und Erziehern, Sozialarbeitern, Sonderschullehrern und und und ... fallen?

Ein Einzelfall?


Statt einer Anklage - der Versuch einer Erklärung
Hyperaktivität und Störung des Sozialverhaltens
Wie im Artikel dargestellt, können Kinder mit einer ADHS bereits in der frühesten Kindheit auffällig sein und damit eine erhebliche Belastung für die Eltern darstellen. Sie neigen vermehrt zu somatischen und psychosomatischen Beschwerden wie u.a. Koliken, allergischen Störungen, Ein- und Durchschlafschlafstörungen und fallen auch dadurch auf, dass sie auf übliche Beruhigungsmassnahmen der Eltern nicht richtig reagieren.
Häufig berichten Eltern, ihre Kinder seien besonders sensibel für Geräusche, Berührung oder auch Kleidungsstücke. Das alles ist vermutlich genetisch mitbestimmt, d.h. die Reizempfindlichkeit der Kinder ist bereits als Säugling sehr hoch.
Andererseits fallen den Eltern vielleicht leichte Entwicklungsverzögerungen wie eine Sprach- oder Laufentwicklungsverzögerung auf, die sie dann auch z.T. bei den kinderärztlichen Untersuchungen ansprechen oder die in der Kinderkrippe oder dem Kindergarten auffallen - doch welches Kind ist schon immer ruhig und angepasst? Häufig fällt eben leider auch niemandem etwas auf. Sei es aus Unkenntnis oder weil eben auch die Eltern durch weitere auffällige Kinder oder ihre eigene Impulsivität und psychischen wie sozialen Problemen stark belastet sind.
Das hierdurch geprägte Erziehungsmilieu ist sicher sehr ungünstig und vielleicht auch traumatisierend für die Entwicklung der Kinder: Häufige Wechsel der Bezugspersonen, Umzüge, emotionale Vernachlässigung infolge Alkohol- oder Drogenkonsum, Arbeitslosigkeit und/oder Armut der Eltern beeinflussen zusätzlich die Entwicklung des Kindes. Besonders schwerwiegend ist, dass die Wahrnehmungen und Gefühle des Kindes in seiner frühen Entwicklung "invalidisiert" werden können, d.h. keine Konstanz zwischen eigenem Verhalten, Wahrnehmungen, Gefühlen und Konsequenzen erfolgt.
Häufig werden jedoch allein die "Erziehungsfehler" der - oft ebenfalls hyperkinetischen Elternteile - im Sinne einer Schuldzuweisung als Erklärungsmodell angeboten, was zumeist in gegenseitigen Schuldzuweisungen und nicht zuletzt in einer Trennung der Ehepartner mündet.
Die so stigmatisierten "Rabeneltern" erhalten dann auch von ihrem sozialem Umfeld keine Unterstützung, sondern werden ihre Problematik möglichst "in der stillen Kammer mit ungeeigneten Erziehungsmitteln" ausmachen. Gewaltanwendungen - bis zu schweren Verletzungen oder gar Todesfällen - können hieraus die Folge sein.
Vor allem resultiert eine häufig falsche moralische Bewertung bzw. Stigmatisierung von Kindern und ihren Eltern, die die Problematik zum Tabu und damit "unaussprechlich" machen. Nur wenige Eltern finden dann Hilfe.

Die Perspektive der Eltern
Ed Hallowell beschreibt in seinem (leider derzeit nur englischsprachigen) Buch "When you worry about the child you love" die Verzweiflung einer Mutter mit einem "schwierigen", d.h. häufig aggressiven Kind:

"Ich konnte einfach nicht glauben, was passierte", sagte Leslie zu mir. "Ich hatte Angst vor meinem eigenen Sohn. Jeden Tag wenn ich aufwachte, dachte ich schon daran, was er als nächstes anstellte. Jedes Mal wenn das Telefon klingelte, zuckte ich zusammen und befürchtete neue schlechte Nachrichten am anderen Ende der Leitung. Manchmal fühlte ich sogar, dass ich ihn dafür hasste - unseren eigenen Sohn, den wir doch so lieben. Aber ich spürte über einige Tage den Hass. Ist das nicht unverzeihlich? Wie kann man seinen eigenen Sohn hassen, besonders, wenn er erst in der fünften Klasse ist? Aber ich tat es! Er konnte uns einfach das Leben zur Hölle machen. Ich konnte nicht mehr arbeiten, keine Zeit mit den anderen Kindern verbringen, nicht einmal beruhigt das Haus verlassen aus Angst, dass er irgendwas anstellte, wenn ich weg war. Und da ich mir keine Hilfe leisten konnte war ich praktisch eine Gefangene in meinem eigenen Haus. Ich brachte ihn zu Ärzten und alle sagten: Gut, probieren sie mal dies oder das und wir sehen in einem Monat weiter. Sie hörten mir, glaube ich, gar nicht richtig zu. Wie hätte sie mir denn zuhören können und dann nicht mehr für mich tun können? Oder sie haben mir einfach nicht geglaubt. Sie dachten wahrscheinlich, ich bin einfach nur eine hysterische Frau, die ihren Mann verloren hat und nicht weiss, wie sie das Leben geregelt kriegen soll...".
"Aber Dr. Hallowell, ich habe mich bemüht. Ich habe alles Menschenmögliche versucht. Ich habe Erziehungsbücher gelesen, ich bat um Rat von Verwandten und Freunden und versuchte jeden Tipp, den sie mir gaben. Ich war so verzweifelt. Ich schlug ihn, ich rüttelte ihn, ich flehte ihn an, ich ignorierte ihn, ich verwöhnte ihn, ich drohte ihn an die Polizei zu übergeben und er lachte mir nur einfach ins Gesicht. Er wusste, dass ich ihn nicht einfach rausschmeissen konnte. Aber an manchen Tagen hätte ich dies ganz sicher gewollt! Vielleicht wäre jemand anderes besser mit ihm fertig geworden, aber ich wüsste nicht wie. Wenn irgendeiner von den Doktoren wirklich gewusst hätte, was los mit ihm ist, hätten sie mich doch nicht so einfach weggeschickt. Es machte mich verrückt. Niemand wusste, durch was für eine Hölle wir gingen."
"Was sonst hätten denn die Ärzte machen können?" fragte ich.
"Sie hätten mir einfach zuhören sollen. Sie hätten mir glauben sollen, statt mich einfach wegzuschicken!"


Das auffällige Kind

Woran könnten nun Eltern frühzeitig erkennen, dass ihr Kind bzw. ihre Familie therapeutische Hilfe benötigt? Hallowell nennt folgende Tipps:

  1. Ihr Kind ist ein Aussenseiter in seinem Freundeskreis und wird als aggressiv oder ausser Kontrolle über sich bezeichnet.
  2. Sie hören wiederholt von verlässlichen Personen, dass ihr Kind extrem aggressiv oder ständig störend ist, selbst wenn sie zu Haus nur selten entsprechendes Verhalten beobachten.
  3. Ihr Kind verhält sich häufig in einer Art und Weise, die gefährlich für ihn oder andere ist.
  4. Andere Kinder fühlen sich in Gegenwart Ihres Kindes nicht sicher.
  5. Sie fürchten sich vor Ihrem Kind.
  6. Sie ärgern sich häufig über Ihr Kind wegen seines rüden Verhaltens.
  7. Ihr Kind ist ständig ungehorsam.
  8. Ihr Kind scheint kein Einfühlungsvermögen oder Gewissen zu haben.
  9. Sie spüren, dass Sie die Kontrolle über sich verlieren könnten in dem Bemühen, Ihr Kind zu disziplinieren.
  10. Sie wissen einfach nicht mehr weiter, was Sie mit Ihrem Kind machen sollen.

 

Nun, in den Extremfällen mag das ja noch ganz eindeutig sein, wenn ein Kind oder Jugendlicher sich ständig mit anderen prügelt, wiederholt stiehlt oder Sachen zerstört. Doch die grosse Mehrzahl der Kinder lässt sich da sicher nicht einordnen und sie sind vielleicht einfach nur kleine Rabauken. Doch wo endet ein kleiner "Tom Sawyer" und beginnt eine kriminelle Karriere?
Hallowell macht bei Kindern und Jugendlichen, die Probleme mit der Kontrolle von Wut und Aggressionen haben, folgende grobe Einteilung:

Etwa 10-15 % der Probleme haben eine diagnostizierbare "Verhaltensstörung". Hierzu gehört u.a. die sogenannte "Störung mit oppositionellem Trotzverhalten" oder die sog. "Störung des Sozialverhaltens". Im weitesten Sinne kann man auch ADHS mit Hyperaktivität hier eingruppieren, da es eben auch häufig zu sehr störendem Verhaltensmustern bei Kindern führt.

Weitere Differentialdiagnosen, die man in diesem Zusammenhang berücksichtigen sollte, wären (hier kann aber auch durchaus eine Komorbidität z.B. mit einer ADHS vorliegen):

In der zweiten Gruppe - etwa 70-80 % der Kinder - tritt vorübergehend eine Phase von Aggressivität oder Wutausbrüchen auf, aber längst nicht mit der gleichen Intensität und Frequenz, wie in der ersten Gruppe von Kindern. Die Eltern oder Lehrer machen sich vielleicht gelegentlich - oder häufiger - Sorgen wegen dieses Verhaltens, aber sie liegen deshalb eben längst nicht jede Nacht wach und können damit relativ gut umgehen.
Die dritte Gruppe - wiederum 10 bis 15 % der Kinder - ist schon fast "zu brav". Sie werden praktisch nie wütend, sind höflich oder sehr still. Die Eltern machen sich dann schon wieder Sorgen, dass sie vielleicht zu wohlerzogen oder eben gehemmt sein könnten. Das Problem mit der Wut liegt hier nicht darin, sie zu kontrollieren, sondern sie auch einmal herauszulassen. Heute weiss man jedoch, dass auch das Zeigen von Gefühlen bzw. die Entwicklung von kommunikativen Fähigkeiten eine der besten Vorsorgemassnahmen gegen die Entwicklung von aggressivem Verhalten sein kann.


Schwerwiegendere Störungen des Sozialverhaltens
In den diagnostischen Leitlinien des ICD-10 werden Störungen des Sozialverhaltens als ein "sich wiederholendes und andauerndes Muster dissozialen, aggressiven oder aufsässigen Verhaltens charakterisiert. In seinen extremsten Auswirkungen beinhaltet dieses Verhalten gröbste Verletzungen altersentsprechender sozialer Erwartungen. Es soll schwerwiegender sein als gewöhnlicher kindlicher Unfug oder jugendliche Aufmüpfigkeit. Einzelne dissoziale oder kriminelle Handlungen sind allein kein Grund für die Diagnose, für die ein andauerndes Verhaltensmuster gefordert ist."

Eine Störung des Sozialverhaltens tritt oft zusammen mit schwierigen psychosozialen Umständen, wie unzureichenden familiären Beziehungen und Schulversagen auf; sie wird bei Angehörigen des männlichen Geschlechts häufiger gesehen. Die Unterscheidung von einer emotionalen Störung ist gut belegt; ihre Abgrenzung gegen Hyperaktivität ist weniger klar, hier sind Überschneidungen häufig.

Diagnostische Leitlinien:
Beurteilungen über das Bestehen einer Störung des Sozialverhaltens müssen das Entwicklungsniveau des Kindes berücksichtigen. Beispiele für Verhaltensweisen, welche die Diagnose begründen, sind ein extremes Mass an Streiten oder Tyrannisieren, Grausamkeit gegenüber anderen Menschen oder gegenüber Tieren, erhebliche Destruktivität gegen Eigentum, Feuerlegen, Stehlen, häufiges Lügen, Schulschwänzen und Weglaufen von zu Hause, ungewöhnlich häufige oder schwere Wutausbrüche und Ungehorsam. Jedes dieser Beispiele ist bei erheblicher Ausprägung ausreichend für die Diagnose; isolierte dissoziale Handlungen genügen dagegen nicht. Es wird empfohlen, diese Diagnose nur dann zu stellen, wenn die Dauer des oben beschriebenen Verhaltens sechs Monate oder länger beträgt.

 

Störungen des Sozialverhaltens haben auch eine graduelle Abstufung:
Stadium I: Das Kind ist gegenüber Menschen oder Tieren aggressiv
Stadium II: Das Kind zerstört oder beschädigt zusätzlich Eigentum von Anderen
Stadium III: Das Kind wird extrem gewalttätig oder stiehlt
Stadium IV: Das Kind bricht schwerwiegende Regeln oder Gesetze und/oder konsumiert in beträchtlichem Mass Drogen.
Nur sehr wenige Kinder weisen wirklich anhaltend schwerwiegende Störungen des Sozialverhaltens auf. Doch besonders beim gemeinsamen Auftreten einer ADHS mit einer zusätzlichen Störung des Sozialverhaltens sollte man sehr sorgsam therapeutische Schritte abwägen.
Leider ist die Prognose unbehandelt nicht gut. Besonders als Jugendliche - wenn ein rebellischeres Verhalten im Rahmen der Pubertät hinzukommt - können erhebliche Probleme resultieren. Aus der Forschung weiss man, dass die Kombination von ADHS und Störungen des Sozialverhaltens u.a. zu einem früheren und stärkeren Nikotinkonsum führt - aber auch das Risiko für Drogen- bzw. Alkoholmissbrauch erhöht ist.
So resultiert u.a. ein erhebliches Risiko für Autounfälle (mit Todesfolge z.B. bei den "Crash-Kids), parasuizidales Verhalten (d.h. lebensgefährlich riskantes Verhalten wie z.B. U-Bahn-Surfen) bis hin zu einer erhöhten Selbstmordgefährdung. Weiterhin können aus ungeschütztem Geschlechtsverkehr ungewollte Schwangerschaften oder aber sexuell übertragbare Erkrankungen vermehrt resultieren.
Die schulische und berufliche Entwicklung ist deutlich ungünstiger und daher die Befürchtung der Eltern hinsichtlich eines sozialen "Abrutschens" nicht unbegründet. Häufig wird dies dann auch als die Grundlage für die Entwicklung einer sog. dissozialen oder antisozialen Persönlichkeitsstörung angesehen. Hier haben die Betroffenen überhaupt kein Unrechtsbewusstsein bzw. Angst, und häufig ist ein Abgleiten, z.B. in den Bereich der Skinhead-Szene oder die Kriminalität zu beobachten.

Noch erschreckender: Dwaine McCallon, ein führender Experte der ADHS im Bereich Forensik, führte in einem seiner Vorträge aus, welche drei zentralen Merkmale Kriminologen für brutale Mörder bzw. Serienmörder bei den Tätern in ihrer Jugend fanden:

Dies kann man durchaus als Leitsymptome der ADHS mit Störung des Sozialverhaltens zusammenfassen.
Man schätzt, dass in den Gefängnissen der USA (aber sicher nicht nur dort) bis zu 2/3 der Insassen eine ADHS oder eine andere diagnostizierbare und behandelbare Störung haben. Dies gilt besonders für Gewaltverbrechen bzw. Sexualstrafdelikte. Juristisch mildert dies sicher nicht ihre Schuld. Angesichts der Todesstrafe in den USA ist es jedoch erschreckend, dass wahrscheinlich immer noch eigentlich psychisch behandlungsbedürftige Menschen hingerichtet werden, denen jedoch eine adäquate Diagnostik und Behandlung in der Kindheit und Jugend letztlich nie zur Verfügung stand.

Wut bei Jugendlichen und Erwachsenen
Im Gegensatz zu den Affekten Angst und Traurigkeit hat sich die psychiatrische Forschung bisher relativ wenig mit der Wut und Aggressionen als eigenes Störungsbild beschäftigt.
John Ratey und Catherine Johnson beschreiben in ihrem Buch "Das Schattensyndrom - Neurobiologie und leichte Formen psychische Störungen" ausführlich "Erwachsene im Koller - die intermittierende Wutstörung".
Maurizio Fava beschrieb zunächst bei klinisch depressiven Patienten genauer mit einer Häufung von "Wutanfällen", die sich in Form von "plötzlichen heftigen Anfällen von Wut" mit einer autonomen Reaktion aus Herzrasen, Erröten, Schweissausbrüchen und einem Gefühl von Kontrollverlust zeigten (Ratey, S. 165).
Bis zu 63% der untersuchten Gruppe berichteten, Menschen verbal oder physisch angegriffen zu haben, 30% wurden auch mit werfen von Gegenständen oder Zerstörung von Dingen aggressiv. Solche Anfälle könnten spontan, vor allem aber situationsunangemessen heftig auftreten. Nach diesen Anfällen berichteten die Patienten von heftigen Schuld- oder Schamgefühlen, bzw. Reue.
Solche Anfälle sind keinesfalls selten: 48% der klinisch depressiven Patienten und jeder 5. nicht depressiv Erkrankte schilderte solche heftigen Wutausbrüche. Man schätzt, das etwa 85% der ADHS-Patienten mehr oder weniger heftige Probleme mit solchen Wutanfällen bzw. ihrer geringeren Frustrationstoleranz haben.
Besonders durch Arbeiten des russischen Neuropsychologen Alexander R. Lurija hat man die Bedeutung des Frontallappens im Gehirn für die Handlungssteuerung erkannt. Schädigungen oder eben eine Unteraktivität (!) können zu einer gestörten Impulskontrolle und aggressivem Verhalten führen.

Wut und Gewalt in der Familie

Dass sich aggressives Verhalten der Eltern oder enger Bezugspersonen überwiegend innerhalb der eigenen Familie abspielt, ist durch kriminologische Forschungen belegbar (Rückert, 1995):

Leider ist es noch üblich, dass entsprechend auffällige Kinder in Kinderkrippen oder der Schule isoliert - oder in Sondereinrichtungen "kaserniert" werden. Meistens sind Erzieher und Lehrer schlicht überfordert, dabei ist die Prognose bei adäquater und frühzeitiger Therapie gut und die betroffenen Kinder eigentlich sehr liebenswert und später erfolgreich.
Tom Brown, ein führender amerikanische Psychologe auf dem Gebiet des Hyperaktivitätssyndroms bei Kindern, Jugendlichen und Erwachsenen betont jedoch, dass sich die Betroffenen bereits in frühen Jahren durch ihr Interaktionsverhalten mit scheinbar unwilligem, ablehnendem oder aggressivem Verhalten gegenüber Eltern, Erziehern, Gleichaltrigen oder auch Therapeuten geradezu ein soziales Umfeld "schaffen", das ihre Gesamtsymptomatik nur weiter verstärkt - ja häufig erst zum Ausbruch bringt.

Therapeutische Ignoranz?
In der Ausgabe 10/99 der renommierten Schweizer Wochenzeitschrift "Beobachter" wird in einem Artikel über POS (so wird in der Schweiz die ADHS bezeichnet) hervorgehoben, wie wichtig eine frühzeitige Erkennung und Therapie des POS sei.
Dank Ritalin, welches Florian, ein POS-Kind, seit zwei Jahren einnehme, gehe er gerne zur Schule, "...ist kontaktfreudiger und lebensfroher geworden".
Nur wenige Zeilen später heisst es jedoch, dass die "Psychopille" Ritalin umstritten sei, da Langzeitstudien über Nebenwirkungen und das Suchtpotential von Ritalin fehlen würden.
Es stimmt nicht, dass keine Langzeitstudien existieren. Im Gegenteil: Ritalin gehört zu den am besten beforschten Psychopharmaka schlechthin. Es existieren vor allem in den USA Hunderte von wissenschaftlichen Untersuchungen über die Wirkungen und Nebenwirkungen von Ritalin.
Unzählige Studien bestätigen die positiven Effekte dieses Medikamentes. Keine (!) der den Verfassern bekannten Untersuchungen enthält Hinweise oder belegt, dass Ritalin süchtig macht. Ritalin gehört ferner anerkannterweise zu denjenigen Psychophamaka mit geringen unerwünschten Nebenwirkungen.

Es muss heute als Kunstfehler bezeichnet werden, wenn Kindern (und Erwachsenen) mit ausgeprägter ADHS Ritalin oder andere bewährte Stimulanzien vorenthalten werden.


Die Autorin schreibt ferner, in Bezug auf die Ursachen des POS sei bis heute die Tatsache ungeklärt, wieso Knaben sechs- bis sieben Mal häufiger betroffen seien als Mädchen.
Auch diese Feststellung ist heute so nicht mehr gültig: ADHS kann und darf diagnostiziert werden auch ohne Hyperaktivität. Kinder mit ADHS ohne "H" (Hyperaktivität) zeichnen sich primär durch Reizoffenheit, Ablenkbarkeit und Zerstreutheit auf.
Sie sind ruhige, hypersensible und oft auch brave Tagträumer(-innen). Bei Mädchen zeigt sich ADHS häufiger in der stillen und nicht so lärmenden Art, eben ohne "H".
Viele Fachleute erkennen bei Mädchen oder stillen Jungs diese Störung nicht und gehen daher irrtümlicherweise davon aus, dass Knaben von "POS" viel häufiger betroffen seien als Mädchen.
Die Verfasserin schreibt ausserdem, dass das Gehirn bei POS meist bis zur Pubertät "nachreife" und die Funktionsstörung, welche auf einer langsameren Reifung einzelner Hirnstrukturen beruhe, im Erwachsenenalter kaum noch auffalle - "Vorausgesetzt, die Kinder erfahren bis dahin Liebe und Geduld".
Die Aussage, wonach sich POS bzw. ADHS in der Pubertät meist auswachse, gilt heute bekanntermassen als überholt: Neueren Untersuchungen zufolge ist der Anteil von Erwachsenen, die an ADHS leiden, sehr viel höher als bisher angenommen. Was sich häufig zurückbildet, ist oft nur die Hyperaktivität. Die Hypersensibilität, die Desorganisiertheit, das "mentale Hypern" und die Zerstreutheit hingegen können fortbestehen und zu Depressionen, Angst- und Suchtstörungen führen. Die Behandlung auch von erwachsenen ADHS-Patienten mit Stimulanzien (Ritalin) und Verhaltenstherapie gilt in USA als anerkannt und etabliert.
Aus eigenen klinischen Erfahrungen können die Verfasser bestätigen, dass sich ADHS oft nicht "auswächst", zu psychischen Störungen führen kann und mit guten bis sehr guten Erfolgen mit Ritalin (und Psychotherapie) behandelt werden kann. An einer internationalen Tagung über ADHS bei Kindern und Erwachsenen in Salzburg, welche vom 13.-15. Mai 1999 stattfand, wurden diese Befunde von vielen Forschern und Klinikern eindrücklich bestätigt.


Fazit

Infos hilfreich?

 


Literatur
Alexander R. Lurija
Das Gehirn in Aktion - Einführung in Neuropsychologie
rororo Taschenbuch 1993


John J. Ratey Catherine Johnson
Das Schattensyndrom
Klett-Kotta, 1999


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