Neue amerikanische Richtlinien zur Behandlung der ADHS
Letzte Aktualisierung dieser Seite: 02.12.2008
Martin Winkler (2007)
Von den Kinder- und Jugendpsychiatern in den USA
(American Academy of Child Adolescent
Psychiatry) wurde eine neue Version der Guidelines für ADHD
publiziert.
Aktuell wird u.a. erneut Bezug genommen auf bereits früher
veröffentlichte Warnhinweise zu kardialen und psychiatrischen
Problemen der Stimulanzientherapie. Hierzu hat Martin Winkler eine
(unverbindliche) deutschsprachige Version (also keine wörtliche
Übersetzung!) zur Methylphenidat-Behandlung der ADHS angefertigt:
Die folgenden Warnhinweise zur medikamentösen
Behandlung eines Aufmerksamkeits-Defizit-/Hyperaktivitätssyndroms
orientieren sich an einer Patienteninformation der amerikanischen
FDA, die vermutlich so oder in ähnlicher Form demnächst auch für den
deutschsprachigen Raum gelten werden.
Wichtig : Diese Therapiehinweise können
und sollen nicht die Aufklärung über die Behandlung durch einen Arzt
ersetzen. Zudem werden nicht alle möglichen bekannten Nebenwirkungen
aufgeführt, sondern speziell die in der Häufigkeit sehr seltenen -
aber dafür möglicherweise auch gefährlichen - Komplikationen am
Herzen bzw. bei psychiatrischen Komorbiditäten dargestellt.
Im allgemeinen ist die Behandlung mit Methylphenidat eine
ausgesprochen sichere und lange bewährte Therapieform, die im Rahmen
einer regelmässigen ärztlichen Absprache und psychotherapeutischen
Begleitung erfolgen sollte. Längerfristige oder aber akut
auftretende Nebenwirkungen sind ausgesprochen selten. Wenn jedoch
Probleme auftreten, sollte man diese sehr ernst nehmen und handeln.
Daher sind die folgenden möglichen Warnhinweise ernst zu nehmen
Lesen Sie die Behandlungshinweise gründlich, bevor
eine medikamentöse Behandlung mit Stimulanzien bei Ihrem Kind oder
bei Ihnen geplant ist. Wenn Sie irgendeine offene Frage oder
Verständnisprobleme haben, sprechen Sie dies bei ihrem Arzt
unbedingt an!
Was sollte ich unbedingt über die
Medikation mit Metyhlphenidat (z.B. Ritalin, Medikinet, Equasym,
Methylphenidat, Concerta u.a.) wissen?
Bei der langjährigen klinischen Anwendung von Methylphenidat zur
Behandung von ADHS bzw. dem Hyperkinetischen Syndrom wurden zuletzt
Warnungen in Hinblick auf mögliche Herzprobleme oder psychiatrische
Komplikationen geäußert. Derzeit bleibt offen, ob dies wirklich
Nebenwirkungen der Medikation sind, oder aber ursächlich auf
vorbestehende bzw. zusätzlich vorhandene Erkrankungen hinweisen.
1. Herzerkrankungen
- Plötzlicher Tod bei Patienten mit vorbestehenden Herzerkrankungen oder Defekten am Herzen
- Schlaganfall oder Herzinfarkte bei Erwachsene
- Erhöhter Blutdruck und Puls (Herzschlag)
Sprechen SIE den behandelnden Arzt an, wenn Ihr Kind oder Sie
selbst irgendwelche Vorerkrankungen am Herzen wie hoher Blutdruck
(Hypertonie), Herzklappenprobleme oder Rhythmusstörungen haben, oder
derartige Probleme in Ihrer Familie bekannt sind.
Vor einer Behandlung mit Psychostimulanzien ist eine Untersuchung
des Herzens auf entsprechende Probleme zu empfehlen (z.B. mit einem
EKG, ggf. Echokardiographie und Belastungs-EKG)
Unter der Behandlung mit Psychostimulanzien sollte regelmässig der
Blutdruck und der Puls kontrolliert werden.
Sollten Sie unter der Therapie mit Stimulanzien bei Ihrem Kind oder
sich selbst unklare Herzbeschwerden wie Brustschmerzen,
Kurzatmigkeit oder Schwindelgefühle bemerken, sollte umgehend der
Arzt informiert werden.
2. Psychiatrische Störungen
Ihr Arzt und Psychotherapeut sollte unbedingt über vorbestehende
psychische Störungen und eine Familienanamese von psychiatrischen
Problemen wie Selbstmordversuchen, manisch-depressive Erkrankungen
oder Depressionen informiert sein. Man schätzt, dass psychiatrische
Komplikationen bei etwa 1 Patienten in 1000 Behandlungsfällen
auftreten können.
Bei allen Patienten sollte man unter der Medikation darauf achten,
ob
- aggressives Verhalten oder aber Denkstörungen neu auftreten
- Zeichen einer manisch-depressiven Erkrankung bestehen
- neue störende Verhaltensmuster oder Probleme auftreten
Bei Kindern und Teenagern sollte man speziell darauf achten, ob
- neue psychotische Symptome (wie Stimmenhören, Wahnüberzeugungen oder Verfolgungsgedanken) oder aber neue manische Symptome auftreten
Wichtig : Die Beurteilung dieser Beschwerden sollte unbedingt
durch einen in der psychiatischen Behandlung von Kindern /
Jugendlichen bzw. Erwachsenen mit ADHS erfahrenen Psychiater
erfolgen.
Informieren SIE den Arzt umgehend, wenn Sie neue oder verstärkte
psychische Probleme unter der Medikation mit Methylphenidat
beobachten oder sich diesbezüglich unsicher sind.
3. Weitere mögliche Nebenwirkungen
Die meisten Nebenwirkungen bzw. unerwünschten
Wirkungen von Methylphenidat sind auf die Anfangsphase
(Einstellungsphase) beschränkt, bzw. treten in der Phase auf, wenn
die Wirkdauer des Medikamentes abklingt oder bereits zu Ende ist
(sog. Rebound-Effekt). Häufige Nebenwirkungen sind :
- Appetitstörungen / Magendruck
- Übelkeit
- Benommenheit / Schwindelgefühle
- Kopfschmerzen (besonders bei unzureichender Flüssigkeitszufuhr)
- Schlafstörungen (können aber auch durch Methylphenidat besser werden)
- vermehrte Traurigkeit / realistischere Selbst- und Fremdwahrnehmung mit Ausgrenzung bzw. Wahrnehmung von eigenen Problemen und Defiziten
- Wahrnehmung des eigenen Herzschlags / beschleunigter Puls
- Nervosität
- Sehstörungen / verschwommenes Sehen
- seltener Haarausfall (vorrübergehend)
Bei Kindern mit ADHS sind Entwicklungs- und
Wachstumsverzögerungen bekannt. Man geht davon aus, dass ADHS-Kinder
später in die Pubertät kommen, bzw. auch spätere Wachstumsschübe
haben. Einige ADHS-Experten schliessen nicht aus, dass das
Längenwachstum bei ADHS-Kindern unter Medikation um 1-5 cm
vermindert sein könnte.
Bei allen anderen unklaren Beschwerden oder Nebenwirkungen, die man
selber in einem Zusammenhang mit der Medikation sieht, sollte man
seinen Arzt oder Apotheker informieren.
Was ist Methylphenidat?
Methylphenidat (z.B. in Ritalin, Medikinet, Equasym, Concerta und
andere) gehört zu den Psychostimulanzien. Hauptanwendungsgebiet ist
die Behandlung des sogenannten Hyperkinetischen Syndroms (HKS) bzw.
ADHS (Aufmerksamkeits-Defizit/ Hyperaktivitäts-Syndrom).
Methylphenidat verbessert die Aufmerksamkeitsleistungen und sorgt
für eine Besserung von Impulsivität und motorischer Unruhe
(Hyperaktivität) bei Patienten mit ADHS.
Die Medikation mit Methylphenidat sollte immer in einen
Gesamtbehandlungsplan einbezogen sein, die eine ausführliche
Aufklärung und Beratung über ADHS und Behandlungsoptionen sowie
weitere Therapien (z.B. Elterntraining, ggf. Psychotherapie)
einschliesst.
Methylphenidat gehört zu den sogenannten Betäubungsmitteln, d.h., es
kann nur über eine spezielle ärztliche Verordnung abgegeben werden.
Bei unsachgemässer Anwendung (Missbrauch) kann es zu einer
Abhängigkeitsentwicklung kommen. Daher muss die Medikation so
aufbewahrt werden, dass eine Fehleinnahme oder Missbrauch durch
andere Personen nicht möglich ist. Der Verkauf oder aber die Abgabe
an Personen, die kein ADHS haben, kann zu Schäden führen und ist
strafbar.
Der verordnende Arzt sollte über mögliche Suchtprobleme oder
Vorbelastungen des Patienten oder weiterer Familienangehöriger
(Tablettensucht, Alkohol, illegale Drogen) informiert sein. Zudem
sollten alle an der Behandlung (und etwaige
Medikationsverschreibung) beteiligten Ärzte untereinander von der
Therapie wissen.
Wer sollte kein Methylphenidat
einnehmen?
Die Einnahme von Methylphenidat darf nur nach der Diagnosestellung
durch einen Arzt erfolgen. Die Voraussetzung für die Verordnung ist
die Zuverlässigkeit der Bezugspersonen und die regelmässige Einnahme
und Rücksprache mit den behandelnden Therapeuten.
Gegenanzeigen gegen die Verordnung von Methylphenidat sind u.a. :
- Glaukom (erhöhter Augeninnendruck)
- Unbehandelte Herzerkrankungen
- Akute Suchtprobleme
- Akute Selbstmordgedanken
- Schwere psychotische Störungen
- Gleichzeitige Einnahme eines irreversiblen MAO-Hemmers (z.B. Jatrosom)
- Allergie gegen Methylphenidat oder Inhaltsstoffe der Tablette
- starke Angstsymptome bzw. Entfremdungsgefühle
- vorbekannte Tic-Störungen (relative Kontraindikation)
- vorbekannte Krampfanfälle / Absencen (relative Kontraindikationen)
In der Schwangerschaft oder beim Stillen sollte ebenfalls keine
Medikation mit Methylphenidat erfolgen.
Die Gabe von Methylphenidat bei Kindern unter 6 Jahren sollte nur
nach sehr sorgfältiger Abwägung erfolgen, da die Diagnosestellung
schwierig ist. Eine medikamentöse Behandlung kann dann angezeigt
sein, wenn Elterntraining bzw. kind-zentrierte Behandlungen allein
keine Besserung ergeben haben. Neue Studien belegen, dass hier
niedrigere Dosierungen erforderlich sein können.
