Abitur und Studium trotz ADHS? Akademiker mit ADHS?

Hallo Herr Rossi, ich habe eine Frage. Sie schreiben, dass Akademiker keine ADHS haben können, weil sie es mit ADHS gar nie soweit hätten bringen können. Kann es sein, dass Sie sich irren? Ich kenne mehrere Personen mit Abi + Studium mit ADHS.  Diese Fragen werden auch im ADHS-Forum und in Facebook-Gruppen immer wieder diskutiert. Viele in den ADHS-Gruppen finden Sie eigentlich ja ziemlich gut. Wenn nur dieser Punkt mit den Akademikern nicht wäre …

Nichts ist unmöglich

http://www.adhs.ch/ueber-mich/Nirgends schreibe ich, dass es unmöglich sei, mit ADHS das Abitur beziehungsweise die Matur zu erreichen und ein Studium abzuschliessen. Ich kenne selbst einige Akademiker/-innen mit einer ADHS.

Vielmehr weise ich darauf hin, dass die allerwenigsten Schüler mit einer unbehandelten ADHS den Anforderungen der Gymnasialstufe gewachsen sind. Und das selbst bei guter Intelligenz. Die Anforderungen an die Exekutivfunktionen (Aufmerksamkeitskontrolle, selbstorganisiertes Lernen und Arbeiten usw.) sind einfach zu hoch.

Es ist schlicht und einfach fast nicht möglich, beeinträchtigend stark ausgeprägte ADHS-bedingte Konzentrations- und Lernstörungen zu haben und gleichzeitig die vielen Jahre im Gymnasium durchzustehen. Oder haben Sie schon einmal ein stark gehbehindertes Kind kennengelernt, welches Dachdecker wurde oder eine Laufbahn als Marathonläufer einschlug?

Meine Beurteilung stützt sich nicht auf Bücher oder Studien. Sondern auf meine über zwanzigjährigen Erfahrungen in der Arbeit mit Menschen, bei welchen eine ADHS vorlag. Die allerwenigsten Erwachsenen mit ADHS, die ich kennengelernt habe, haben es geschafft, eine ihren Interessen und ihrer Intelligenz entsprechende berufliche Laufbahn einzuschlagen. Die Folgen für die Betroffenen waren oft schlimm. Die Kränkungen, die sie erlitten haben, hinterliessen bei vielen riesige Wunden.

Anders schaut es natürlich aus, wenn die ADHS in der Kindheit erfolgreich behandelt wurde. Diese Kinder haben meinen Erfahrungen nach gute Chancen, einer ihrem Potential entsprechende Ausbildung absolvieren zu können.




Es gibt keine leichte ADHS

Einige halten meiner Einschätzung entgegen, dass es leichtere Formen der ADHS gäbe. Damit sei es sehr wohl möglich, dass Abitur und ein Studium zu schaffen.

Klar, man kann alles so weit zurechtbiegen, dass es zu den eigenen Vorstellung und Wünschen passt. Korrekter wird das Postulat einer „leichten ADHS“ dadurch leider nicht. Klar aber, dass man im Leben streckenweise unter starken Konzentrations- und Lernstörungen leiden kann. Oder einen chaotischen Lebensstil hat und sich deswegen vieles vermasselt. Diese Phänomene von Studenten haben aber meistens andere Ursachen. Auch wenn auf den ersten Blick es wie eine ADHS ausschaut. Oder als solche taxiert wird.

Einmal mehr: Leichtere Formen der (unbehandelten) ADHS gibt es nicht (oder nur sehr selten). ADHS-typische Konzentrations-, Lern- und Organisationsprobleme sind meistens seit Schulbeginn behindernd stark ausgeprägt und verlaufen chronisch. Und bremsen die Betroffenen nachhaltig aus, sich zu entfalten und ihr eigenes Leben zu führen.

Aber eben nur „meistens“: Hier beschreibe ich den Fall eines Mädchens („Ritalin auch bei leichter ADHS?), bei welchem sich trotz subklinischer Symptomatik eine ADHS-Therapie gut bewährte. Ein vergleichbarer Fall bei einer erwachsenen Person schliesse ich nicht aus. Mir persönlich ist indes keiner bekannt.

Falsch! Es gibt doch leichte Formen der ADHS

Ich weiss, dass es seit der Einführung des DSM-5 sehr wohl möglich ist, auch leichte Formen der ADHS zu diagnostizieren. Dies war im DSM-IV noch nicht der Fall. Konkret:

ADHS-Kriterium „D“ im ‚alten‘ DSM-IV lautet wie folgt:

D: Es müssen deutliche Hinweise auf klinisch bedeutsame Beeinträchtigungen in sozialen, schulischen oder beruflichen Funktionsbereichen vorhanden sein.“

Und so wird das Kriterium „D“ im neuen DSM-5 formuliert:

D: Es sind deutliche Hinweise dafür vorhanden, dass sich die Symptome störend auf die Qualität des sozialen, schulischen oder beruflichen Funktionsniveaus auswirken oder dieses reduzieren.“

Während also die Symptomatik gemäss DSM-IV noch zu klinisch bedeutsamen Beeinträchtigungenführen musste, um eine Diagnose ADHS stellen zu können, reicht es nunmehr aus, dass sich die Symptomatik störend oder hemmend im Alltag auswirkt.



Mit dieser neuen Definition wurde die Schwelle zur Erfüllung des Kriteriums „D“ (und damit für die ADHS generell) auf einen Schlag von der Ebene der Erkrankung in jene des Alltags herabgestuft. Es reicht nunmehr aus, dass sich eine definierte Anzahl von Konzentrationsproblemen und/oder eine zu hohe Impulsivität im Alltag störend auswirken und die soziale oder berufliche Anpassung erschweren. Die Symptome müssen also gemäss DSM-5 nicht mehr wie bei DSM-IV den Schweregrad einer Erkrankung aufweisen.

Mehr zu dieser klammheimlichen Aufweichung der Diagnosekriterien der ADHS (und warum ich diese für sehr problematisch halte) siehe hier:

Was gilt nun?

Was gilt nun? Gibt es leichte Formen der ADHS oder nicht?

Wir haben es mit Menschen zu tun. Und nicht Maschinen oder Computern, deren Defekte nach dem Entweder-oder Prinzip beurteilt werden. Die Existenz kategorialer Diagnosesysteme ändern nichts daran, dass Kliniker jeden Patienten individuell beurteilen. Und sich dabei immer bewusst sind, dass jede psychische Störung auch eine dimensionale Dimension aufweist.

Das individuell ausgeprägte Störungsbild, Ausmass des Leidensdruckes, die Krankengeschichte beziehungsweise der Verlauf der Problematik, die Familienanamnese und weitere Mosaiksteine führen dann zu der je individuellen Diagnose.




Was ich noch sagen wollte

Übrigens: Die meisten der mir bekannten Akademiker/-innen mit einer ADHS sind heute +/- sechzig Jahre alt.  Einige sind um die 50, andere auch älter als 60. Früher war es durchaus möglich, sich auch mit einer ADHS durch die Schuljahre zu schlängeln. Und das bis zum Abitur bzw. zur Matura. Die Anforderungen an die Exekutivfunktionen waren damals sehr viel niedriger als vor fünfundzwanzig Jahren. Und mit den Anforderungen der Gegenwart in keiner Weise zu vergleichen. Das gilt auch für das Studium, welches damals sehr viel weniger verschult war, als dies heute der Fall ist. Studenten waren sehr viel freier und konnten in vielen Disziplinen während des Studiums auch ihren eigenen Interessen nachgehen. Für Menschen mit ADHS war das ideal.

 


Lesen Sie hier weiter, wenn diese Informationen für Sie hilfreich waren.


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Dieser Text ist urheberrechtlich geschützt. Er wurde erstellt am 23.11.2017 und letztmals aktualisiert am 25.11.2017. © Piero Rossi




Eine Antwort auf „Abitur und Studium trotz ADHS? Akademiker mit ADHS?“

  1. Hallo,
    sorry, aber bei dieser Diskussion kommt mir immer in den Sinn: „ein bisschen schwanger“……. Geht nicht oder?
    Aber ADHS hat wie viele andere Störungen zum Fluch, dass manchmal die Grenzen nicht genug scharf sind. Und trotzdem, es gibt eine Definiton, ab wann man ein Störungsbild ADHS nennen kann und wann es eben nicht dazu zählt.
    Daraus eine leichte oder schwere Betroffenheit zu machen, liegt im Auge des Betrachters, aber ganz sicher gibt es dies nicht im Diagnoseverfahren. Hier gilt wie für viele andere Krankheiten auch, entweder-oder. Das wird leider noch immer viel zu häufig vergessen.

    VG, Chris

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