ADHS & Cannabis? Alkohol, Kiffen, Valium, Temesta, Rohypnol?

Lea (13, ADHS vom unaufmerksamen Typus) raucht seit kurzem Hasch. Was tun?

Antwort: Leider führt eine unbehandelte ADHS in zahlreichen Fällen zum Konsum von Drogen. In amerikanischen Untersuchungen geht man sogar davon aus, dass bis 50% aller Drogenkonsumenten in ihrer Krankengeschichte eine (in den meisten Fällen unbehandelte) ADHS aufweisen. Warum aber zeigen Jugendliche mit ADHS eine Neigung zum Drogenkonsum?

Wie an anderer Stelle dargelegt, geht ADHS mit einem starken Neugierverhalten einher: Neue Reize haben einen starken Aufforderungscharakter. Dem entgegen steht die grosse Intoleranz gegenüber monotonen, langweiligen und ‚abgegriffenen‘ Situationen. Menschen mit ADHS brauchen den ‚Kick‘, um sich spüren. Sie suchen deswegen Gefahrensituationen und betreiben nicht selten so genannte Risikosportarten.

Der Konsum von Drogen bietet sich bei Menschen mit ADHS an, weil einerseits die Illegalität des praktizierten Verhaltens schon etwas Besonderes und Spezielles darstellt und weil andererseits die pharmakologische Wirkung vieler Drogen im Frontalhirn der Betroffenen eine stimulierende Wirkung entfaltet. Das gilt nicht nur für Kokain, sonder auch für viele Designerdrogen wie beispielsweise Ecstasy. Dämpfende Drogen, wie z. B. Heroin oder andere Opiate, aber auch Beruhigungsmittel, welche als Wirkstoff Benzodiazepine enthalten (Valium, Temesta, Rohypnol usw.) können den schmerzenden Frustrierungen eines Alltages mit ADHS entgegenwirken. Da ADHS-Betroffene meistens zwischen extremen Gefühlslagen hin und her pendeln und infolge ihrer Hypersensibilität leicht verletzbar sind, kann es nicht wundern, das nicht wenige von ihnen im Sinne von Selbst-Medikation zu Drogen greifen.

Der Konsum von Cannabis an sich darf nicht dramatisiert werden. Fast alle Jugendliche – mit oder ohne ADHS – haben heute zeitweise Kontakt mit dieser Substanz. Wissenschaftliche Untersuchungen haben gezeigt, das Cannabis keine Einstiegsdroge für Heroin oder Kokain darstellt. Auch sind die gesundheitlichen Folgen des Konsums von Cannabis weit weniger dramatisch, als lange angenommen. Der mit dem Konsum von Cannabis meistens verknüpfte Tabakkonsum stellt das Hauptproblem dar.

Merke: An Cannabis ist meines Wissens noch niemand gestorben. An den Folgen des Tabakkonsums hingegen sterben allein in der Schweiz jedes Jahr fast 10’000 Personen.

Alkohol, die heute auch bei Jugendlichen verbreitetste Droge, ist sowohl bezüglich des Suchtrisikos, als auch der gesundheitlichen Folgeschäden, um ein Vielfaches gefährlicher als Cannabis.

Damit will ich nicht sagen, dass Cannabis in jedem Fall eine harmlose Droge darstellt. Es ist bekannt, dass Cannabis zu Psychosen und zu ernsten Gedächtnisstörungen führen kann. Also Finger weg!

Jugendliche mit ADHS sind aber auch deswegen suchtgefährdet, weil viele von ihnen sehr beeinflussbar sind. Sie suchen inneren Halt und Identifikation bei Gleichaltrigen in viel stärkerem Ausmass, als dies bei Pubertierenden eh schon der Fall ist. Wenn Eltern feststellen, dass ihre Kinder Cannabis konsumieren, empfiehlt es sich, nicht mit Panik, sondern mit dem bedachten Einholen von Fachinformationen zu reagieren.

Eine allzu stark unsachlich-negative Reaktion der Eltern kann Trotzreaktionen hervorrufen und die verbotene Substanz noch interessanter machen. Die neutrale Haltung der Eltern soll bewirken, dass der Gesprächsfaden mit dem Cannabis konsumierenden Kind nicht (noch mehr) abbricht. In einem ruhigen Gespräch soll dem betroffenen Kind durchaus unmissverständlich zu verstehen gegeben werden, dass der Konsum von Cannabis ungesund ist und – abgesehen von einer Probe – langfristig nicht toleriert wird. Selbstverständlich haben die Eltern ihr eigenes Suchtverhalten (Nikotin, Alkohol) im Griff. Wenn nicht, sind sie natürlich sehr unglaubwürdig und ihre Interventionen sind von Anfang an auf Sand gebaut.

In vielen Fällen sind es Konflikte rund um den Drogenkonsum, welche bei Jugendlichen zu einer Abklärung führen und nicht selten wird erst dann eine ADHS diagnostiziert. Je nach Ausprägung der Störung (Lernstörungen? Entwicklungsstörungen? Auswirkungen auf soziale Beziehungen? Ruhelosigkeit?) kann auch der Einsatz von Stimulanzien in Erwägung gezogen werden.

J. Biedermann, einer der führenden ADHS-Forscher aus Boston, hat in einer prospektiven Studie zeigen können, dass mit Stimulanzien behandelte ADHS-Jugendliche ein um 85% weniger hohes Risiko für Drogenmissbrauch zeigen als solche, die nicht behandelt werden.  Eine grosse Untersuchung in Deutschland konnte diese Zahlen bestätigen.

Also: Bei Vorliegen der Diagnose ADHS und bei gegebener Indikation für eine Therapie mit Stimulanzien, ist nach dem heutigen Stand der Forschung der ärztlich verordnete und kontrollierte Einsatz dieser Medikamente gut geeignet, um eine Entwicklung in eine Drogensucht zu verhindern. Die Jugendlichen müssen sich aber zwischen ADHS-Medikamenten oder Cannabis bzw. anderen Drogen entscheiden. Beides zusammen geht nicht.

Dieser Text wurde letztmals 039/2017 aktualisiert.
Bitte beachten Sie die Nutzungsbedingungen.
Beachten Sie bitte, dass dieser Text geschützt ist.
© 2016 Piero Rossi