Alternativen zu ADHS-Medikamenten?

Hallo! Sie schreiben, dass es bei ADHS keine Alternative gibt zu einer Therapie mit Medikamenten wie Ritalin. Stimmt das wirklich? M.M.

http://www.adhs.ch/ueber-mich/
Das ist eine gute und wirklich wichtige Frage. Sie beschäftigt mich seit vielen Jahren. Kindern Medikamente zu verabreichen, welche auf den Hirnstoffwechsel einwirken, ist mir bis heute suspekt.

Vor allem deswegen, weil die Entwicklung eines Gehirns im Kindesalter ja alles andere als abgeschlossen ist.

Suspekt auch deswegen, weil es kaum eine Hand voll Langzeitstudien über die Therapie mit Stimulanzien gibt. Und wenn, dann finde ich diese methodisch nicht eben sehr überzeugend. Und auch nicht sonderlich aussagefähig.

Trotzdem: Fact ist, dass sich in all den Jahren, in denen ich mit ADHS betroffenen Kindern, Jugendlichen und Erwachsenen arbeitete, die vom Arzt durchgeführte Therapie mit Stimulanzien als sehr wirksame und in der Regel unkomplizierte Behandlungsform erwiesen hat.

Ich muss das so dezidiert sagen. Weil es einfach so war. Auch wenn es mir nie wohl war, den Eltern oder den erwachsenen Patienten vorzuschlagen, mit ihrem Arzt die Möglichkeiten und Risiken einer Therapie mit Stimulanzien zu besprechen.

Tatsache ist auch, dass ich zum Glück nie feststellen musste, dass eine Therapie mit Stimulanzien zu ernsten unerwünschten Arzneimittelwirkungen führte. Und das bei weit über tausend Patienten.

Zu Nebenwirkungen wie Appetit-Rückgang kam es öfters. Zu Tics extrem selten. Einmal sah ich einen Jungen, welcher unter Methylphenidat einen kreisrunden Haarausfall entwickelte. Einige wenige Male entwickelten Kinder, welche mit Stimulanzien behandelt wurden, übertriebene Ängste vor fliegenden Insekten. Alle diese Nebenwirkungen verschwanden kurz nach Absetzen der Medikation oder nach einer Dosisänderung. Auch von meinen Berufskollegen habe ich bis heute nie vernommen, dass Stimulanzien zu ernsten Nebenwirkungen  geführt haben.

Wie sieht es aus mit Alternativen? Konkret: Wie steht es mit der TCM, der Homöopathie, dem Neurofeedback, der Einnahme von Omega-3-Fettsäuren, der Akupressur, der Kinesiologie, der Bachblüten-Therapie, den Schüssler-Salzen, der Ernährungsumstellung usw.?

Ich weiss es nicht wirklich. Weil: Wirksamkeitsstudien, welche diesen Ansätzen einen positiven Effekt attestieren, kenne ich keine. Dabei muss man sich aber immer vor Augen halten, dass für derartige Studien niemand die finanziellen Mittel bereitstellen will. Da gibt es nämlich nichts zu verdienen. Die Datenlage ist also sehr dünn. Die Tatsache, dass es keine Evidenz für die Wirkung von alternativenTherapien bei ADHS gibt, bedeutet also keineswegs, dass keine positive Wirkungen vorliegen könnten.

Was sagen die Einzelfälle? Ich selber habe bei keinem Patienten mit ADHS feststellen können, dass eine der oben genannten alternativen Therapie sich als wirksam erwiesen hat. Das heisst leider aber nicht sehr viel. Weil: Zu mir in die Praxis kamen natürlich nur jene Personen, denen es nicht gut ging. Profitiert jemand von einer alternativen Therapie der ADHS, besteht ja kein Bedarf mehr, einen Psychologen oder Psychiater zu konsultieren.

Wie Sie sehen, Ihre Frage ist so einfach nicht zu beantworten.

Mein Vorschlag ist, in einem ersten Schritt jene Behandlungsformen anzuwenden, welche punkto Wirksamkeit und Sicherheit empirisch bestätigt sind. Vor allem Kindern sind wir es schuldig, sie nicht als Versuchskaninchen durch tausend wahrscheinlich mehr oder weniger wirkungslose Therapien zu schleusen. Wir müssen dafür sorgen, dass es den Betroffenen möglichst bald und nachhaltig besser geht. Und dass die Risiken, die mit jeder Behandlung einhergehen, so gering wie möglich sind.

Sollte sich die Standardtherapie der ADHS (Multimodale Therapie) nicht bewähren, kann in einem zweiten Schritt auf eine der alternativen Therapien zurückgegriffen werden.

Man kann es drehen wie man will: Bei Vorliegen einer ADHS spielen Medikamente im Behandlungsplan nicht die einzige, aber doch eine ganz zentrale Rolle. Das zeigen nicht nur Studien auf. Es entspricht auch langjährigen Erfahrungen von Eltern, Kinderärzten, Psychologen und anderen Fachpersonen.

Lesen Sie hier weiter, wenn meine Antwort für Sie hilfreich war.


 

Danke für diese Infos!

 

 

Diese Seite wurde am 11.05.2017 letztmals aktualisiert.

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© 1999 – 2017 Piero Rossi


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