ADHS & Asperger-Diagnose? Passt das wirklich zusammen?

Sehr geehrter Herr Rossi, ich habe eine ADS und Asperger-Diagnose erhalten. Die ADS-Diagnose leuchtet mir ein. Aber Autismus? Das ist mir so peinlich, dass ich diese Diagnose nicht mal meiner Partnerin oder meinen Eltern mitgeteilt habe. Bin ziemlich durcheinander deswegen. Was raten Sie mir? Danke für ihre Hilfe!


http://www.adhs.ch/ueber-mich/

Ohne Kenntnis der Befunde Ihres Psychiaters und Ihrer Krankengeschichte kann ich Ihnen nichts auf Sie persönlich Zugeschnittenes raten.

Aus den Erfahrungen in meiner Praxis, dem Mitlesen in ADHS-Internetforen und -Facebook-Gruppen sowie der Lektüre von Fachpublikationen ziehe ich für mich die Schlussfolgerung, dass wahrscheinlich viel zu viele Patienten eine Diagnose aus dem Autismusspektrum erhalten.

Ihre Bemerkung, dass Ihnen die Autismus-Diagnose peinlich ist, könnte möglicherweise Anlass bieten, diese überprüfen zu lassen. Zum Beispiel im Rahmen eines Gespräches mit Ihrem Psychiater oder einer Zweitmeinung.

Warum das, werden Sie sich vielleicht jetzt fragen. Folgendes:

Auch Menschen mit leichteren Störungen aus dem autistischen Spektrum fällt es syndrombedingt prinzipiell sehr schwer, sich in andere Personen hineinzudenken. Sie nehmen zwar das Verhalten eines Gegenübers präzise wahr. Gleichzeitig aber haben sie grösste Schwierigkeiten, die persönlichen Gründe des Verhaltens anderer und die damit zusammenhängenden Motive zu erkennen.






Dafür verantwortlich ist eine wahrscheinlich angeborene Störung der sogenannten „Theory of mind“ (ToM). Dieses elementare Kernsymptom des Autismus bringt es für die Betroffenen mit sich, dass sie grösste Mühe haben, sich in andere Menschen einzudenken und in der Folge, sie zu verstehen. Das fehlende oder stark reduzierte Wahrnehmungsvermögen für die Absichten eines Gegenübers kommt einer sozialen Blindheit gleich. Meistens tappen die Betroffenen wortwörtlich im Dunkeln, wenn es darum geht, das Handeln anderer Menschen als sozial bedeutungsvoll und sinnstiftend zu erkennen.

Zurück bleiben meistens Stress, Irritation und Verunsicherung. Und das notabene nicht nur für die Betroffenen. Sondern (in viel geringerem Ausmass) auch für das Gegenüber: Weil Letztere die Reaktionen des Autisten dann halt auch ‚daneben‘ finden. Eine echte,  wechselseitige Kommunikation, ein gegenseitiges, tieferes Verständnis und Empathie kann nicht zustande kommen.

Es handelt sich übrigens nicht um primäre Störung der Empathie, wie man früher vermutete. Sondern um ein Defizit der „Vorstufe“ von Empathie. Nämlich des kognitiven Wahrnehmens von Gedanken, Absichten und Gefühlen anderer.

Weil alle Menschen mit Störungen aus dem autistischen Spektrum mittel bis stark ausgeprägte Defizite bezüglich der Theory of mind-Kompetenzen aufweisen, kommt es immer wieder dazu, dass die Betroffenen das Verhalten anderer missverstehen.

So werden die Motive, welche dem Verhalten anderer zugrunde liegen, entweder fast oder gar nicht erkannt (= ToM -). Oder sie werden überinterpretiert (ToM +). Beides kann zu Reaktionen auf Seiten der Betroffenen führen, welche fatale Folgen haben können.

Beispiele für ToM – und ToM +:

  • „ToM -„: Betroffene haben grösste Mühe beim Erkennen, ob andere sie sympathisch finden oder nicht. Es bleibt meist bei: „Nett“, „Nicht nett“ oder „Weiss nicht“. Was unter anderem dazu führt, dass autistische Menschen sich nicht auf ein Gegenüber einlassen können. Wer keine Gemeinsamkeiten wahrnehmen kann, ist quasi ausserstande, gegenseitige Beziehungen und Freundschaften aufzubauen.
  • „ToM + „: Autist Sam begegnet auf dem Bahnsteig einem ehemaligen Mitschüler. Dieser hält erfreut die Arme hoch und ruft: „Hey Sam, lebst Du noch?!“.  Der Autist ist komplett durcheinander und denkt: „Könnte sein ehemaliger Mitschüler ihm vielleicht den Tod wünschen? Oder wieso sagt er sowas?!“.

ToM + muss natürlich nicht immer so krass und beinahe paranoid ausfallen. Das (übrigens echte) Beispiel soll das Prinzip von ToM + verdeutlichen: Nämlich die (weitgehende) Unfähigkeit von autistischen Menschen, die (soziale) Bedeutung, welche dem Verhalten anderer zugrunde liegt, wahrnehmen zu können.

Aus meinen Ausführungen sollte deutlich hervorgehen, dass Menschen mit autistischen Problemen – im Zusammengang mit enttäuschten Erwartungen anderer – selten etwas spontan peinlich sein kann. Denn dazu müssten sie erfassen können, was das Gegenüber gerade alles Schlimme und Negative über sie denken könnte. Genau das aber können sie nicht wirklich. Die autistischen Wahrnehmungsstörungen im Bereich der ToM verhindern dies. Wohl können einige Autisten dies auf analytischem Wege ein Stück weit nachlernen. Das aber hat meistens nicht mehr viel mit einem spontan eintretenden Gefühl von Peinlichkeit gemeinsam.  

Und es sollte auch klar geworden sein, dass autistische Menschen syndrombedingt nur sehr selten eine Lebensgefährtin oder einen Partner haben können. Meistens bleiben sie ein Leben lang allein. Seltene Beziehungsversuche scheitern oft alleine daran, dass die Partner/-innen von Autismus-Betroffenen es nicht lange aushalten, dass ihnen das (autistische) Gegenüber nicht vermitteln kann,  dass sie für sie eine Bedeutung haben.






Anderseits kann man gelegentlich durchaus einmal beobachten, dass Menschen mit autistischen Störungen ihr eigenes Verhalten als peinlich bezeichnen. Für Aussenstehende jedoch ist dafür kein Grund auszumachen. Die Einschätzung ist dann quasi ‚abgehoben‘ vom sozialen Kontext. Oder wirkt total übertrieben.

Wenn, dann ist bei autistischen Menschen eher das Gegenteil zu beobachten: Sie verhalten sich als Folge ihrer kognitiven Wahrnehmungsstörungen wiederholt ‚ungeniert‘, undiplomatisch und ab und zu auch total daneben. In diesen Situationen wäre es für sie echt gut, wenn sie ihr Verhalten besser interpretieren und sich bei Bedarf auch peinlich berührt empfinden könnten. Können sie leider aber nicht. Oder fast nicht.

Auch bei Vorliegen einer ADHS können Defizite in der Entwicklung sozialer Kompetenzen vorliegen. Und wie. ADHS-Betroffene können sehr schüchtern, ja bisweilen sogar sozial-phobisch sein. Zahlreiche Kinder mit ADHS grüssen nicht und gucken anderen nicht in die Augen.

Ich habe aber bei keinem einzigen ADHS-Patienten feststellen können, dass ihm die grundlegenden kognitiven Wahrnehmungskompetenzen für ein Erkennen des Innenlebens anderer (ToM) fehlen. Ich bezweifle daher bis heute, dass ADHS und Störungen aus dem autistischen Spektrum gemeinsam auftreten können. Auch wenn das gemäss DSM-5 heute ‚erlaubt‘ ist.

Lasse mich aber gerne eines Besseren belehren.


Siehe zu diesem Thema auch: ADHS oder Asperger-Syndrom


Lesen Sie hier weiter, wenn diese Informationen für Sie hilfreich waren.


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Dieser Text ist urheberrechtlich geschützt. Er wurde erstellt am 04.12.2017. Und letztmals am 05.12.2017 aktualisiert.
© Piero Rossi




5 Antworten auf „ADHS & Asperger-Diagnose? Passt das wirklich zusammen?“

  1. Als von einer Fachklinik diagnostizierte Autistin mit ADHS ,kann ich Ihre Meinung nicht nachvollziehen. Mir ist sehr vieles peinlich. Ich kann mich sogar fremdschämen.
    Ich denke HFA -Autisten sind sehr wohl in der Lage zu kompensieren. Die fehlende Empathie ist laut den neusten Forschungen eh widerlegt.
    Und das es jemanden peinlich ist eine Autismus-Diagnose erhalten zu haben ist ebenso unverständlich .
    Eventuell würde es Ihnen helfen mit uns zu sprechen statt über uns
    Mit freundlichen Grüßen
    S. S.

  2. „Autisten wissen vielleicht, dass sie sich in diesen oder jenen Situationen peinlich betroffen fühlen sollten. Und tun das vielleicht auch ansatzweise. Aber immer als Resultat einer kognitiven Analyse und nicht wie bei Nicht-Autisten spontan aus dem tiefsten Inneren heraus.“
    Nein, auch wir Autisten fühlen sich aus unserem Innersten heraus peinlich betroffen. Peinlich betroffen sein ist eine affektive empathische Reaktion. Wie man zu dem kommt, das die Reaktion in einem selbst auslöst, das ist kognitiv, da liegt der Unterschied zwischen Autisten und neurotypischen Menschen. Es sind nur die Wege dahin unterschiedlich und wenn diese unterschiedlichen Wege zum gleichen Ziel kommen, ist auch die Reaktion eigentlich identisch.
    Sie haben im Beitrag geschrieben: „Es handelt sich übrigens nicht um primäre Störung der Empathie, wie man früher vermutete. Sondern um ein Defizit der „Vorstufe“ von Empathie. Nämlich des kognitiven Wahrnehmens von Gedanken, Absichten und Gefühlen anderer.“ Ein Fehler auf der kognitiven Seite kann zwar auch mal dazu führen, dass keine angemessene affektive Reaktion erfolgt, das ändert jedoch nichts daran, dass der Fehler originär auf der kognitiven Seite liegt, nicht auf der affektiven.
    Simon Baron-Cohen stellt diese Unterschiede – die kognitive und die affektive Seite – sehr anschaulich in seinen Vorträgen dar. Wie hier in „Zero Degrees of Empathy“: https://www.youtube.com/watch?v=Aq_nCTGSfWE

  3. Da stimme ich zu. Ich habe das im letzten Blogbeitrag unglücklich formuliert (und bereits korrigiert). Mir ging es um das spontane Gefühl von Peinlichkeit, welche aus der unmittelbaren Interaktion mit anderen Menschen entspringen kann. Autisten wissen vielleicht, dass sie sich in diesen oder jenen Situationen peinlich betroffen fühlen sollten. Und tun das vielleicht auch ansatzweise. Aber immer als Resultat einer kognitiven Analyse und nicht wie bei Nicht-Autisten spontan aus dem tiefsten Inneren heraus. Ich werde das aber noch weiter überdenken

    Probleme im Bereich der Theory of mind (ToM) machen sich meinen Erfahrungen zufolge sehr wohl auch bei Erwachsenen bemerkbar. Und zwar nicht selten und in einem behindernd starken Ausmass. Es ist wie immer von Mensch zu Mensch unterschiedlich.

  4. Sehr geehrter Herr Rossi,ich fürchte, Ihnen fehlen wichtige Kenntnisse zum Thema Autismus und ich empfehle Ihnen, Blogs von Autisten und Autistinnen zu lesen und sich auch anderweitig weiterzubilden. Gerne können Sie mich aber auch bei konkreten Fragen kontaktieren. Für den Anfang hier ein link zum Thema: http://ellasblog.de/kolumne-ah-du-bist-doch-autistin-dann-hast-du-kein-mitgefuehl-oder-etwa-doch/
    Herzliche Grüße,Birke Opitz-Kittel

  5. Die ToM macht sich vor allem im Kindesalter bemerkbar. Gerade hochfunktionelle Autisten (Asperger-Syndrom) entwickeln im Laufe ihres Lebens Kompensationsstrategien analytischer Natur. Es bleibt zwar immer ein kleiner Rest übrig, der sich hin und wieder bemerkbar macht, aber in dem meisten Alltagssituationen spielt die Mind-Blindness keine grosse Rolle mehr. Über die analytische Kompensation – das analytische Denken ist dadurch so trainiert, dass es zu den bekannten Stärken von Autisten beispielsweise im IT-Bereich führt – können wir Autisten durchaus und gerade „darüber nachdenken“, nicht, was in exakt jenem Moment das Gegenüber wohl von einem hält (was auch keine Sache des Nachdenkens, sondern des intutiten Verstehens ist), aber wenn es zu Fehlern in dieser Hinsicht gekommen ist. Uns können solche Fehler dann auch peinlich sein.

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