Brief an die Lehrerin

Mein Bruder heisst Marco. Auch er hat eine ADHS. Und wie! Und auch meine Mutter. Das ist aber ein anderes Kapitel.

Dies ist ein Brief, den Marcos Therapeutin einmal an seine Lehrerin geschrieben hat. Vieles gilt auch für mich.

Sehr geehrte Frau Hofmann

Ihnen und Ihren Mitarbeiterinnen meinen besten Dank für die informativen Angaben zu Marco. Ich bin immer froh, von den Lehrpersonen so aussagekräftige Rückmeldungen zu erhalten. Diese erleichtern es mir ungemein, ein Kind ganzheitlich einschätzen zu können und die Therapie auch mit den Erfordernissen des Schulalltags abzugleichen.

Wie Sie wissen, liegt bei Marco eine ADHS vor. Ich betreue den Knaben seit Schulbeginn und musste feststellen, dass es sich um eine stark ausgeprägte ADHS handelt, welche den Knaben vor allem in der Entwicklung der Selbstkompetenzen, aber auch im Erwerb von Schulwissen bis heute massgeblich ausbremst.

Marco zeigt bis heute ausgeprägte ADHS-Symptome. Er kann nur “wach” und “am Ball” bleiben, wenn ihn etwas sehr stark interessiert. Nur dann sind seine neuronalen Netzwerke, welche seine Aufmerksamkeits- und Motivationssysteme regulieren, ausreichend stark aktiviert. Syndromtypisch ist, dass Marco bei subjektiv interessanten Themen voll dabei ist, er bei für ihn langweiligeren Themen sowie etwa beim repetitiven Lernen hingegen mental “absackt”, abschweift und anfängt, unruhig und zappelig zu werden.

Erschwert wird die Behandlung von Marco  durch den Umstand, dass er auf die sorgfältig durchgeführte medikamentöse Therapie bisher nicht wirklich gut angesprochen hat (ohne Medikamente wäre er allerdings auch bei Ihnen wahrscheinlich kaum tragbar).

Aufgrund des ausdrücklichen Wunsches von Marco nach mehr schulischem Erfolg (er möchte ins Gymnasium) haben wir die Verhaltenstherapie intensiviert. Mit dem zuständigen Arzt werden wir demnächst auch medikamentös eine Kursänderung versuchen.

Als erste Empfehlungen für den Schulunterricht mit Marco kann ich Ihnen folgende Tipps geben:

    • Marco braucht viel Herausforderungen und “Futter”. Schonen Sie ihn nicht mit Neuem.
    • Setzen Sie ihm bei (machbaren) Aufträgen kurze Zeitfristen: “Tempo machen” ist – auch wenn es sich paradox anhören mag – eine gute Medizin für viele hyperaktive ADHS-Schüler-/innen.
    • Unterstützen Sie Marco dabei, sich auch Themen hingeben zu können, welche ihn nicht interessieren. Ermutigen Sie ihn immer wieder, es zu probieren, auch wenn man weiss und anerkennt, das dies für ihn wegen seiner ADHS extrem schwierig ist. Belohnen Sie auch kleine Fortschritte mit Aufmerksamkeitszuwendung und Anerkennung.
    • Kinder mit einer ADHS müssen explizit und sehr konkret wissen, a) was genau man von ihnen erwartet, b) wie der Job erledigt werden muss und c) in welchem Zeitrahmen das alles zu erfolgen hat.
    • Erwarten Sie von Marco nicht zu viel an Selbständigkeit. Weil seine Selbststeuerungskompetenzen (wie bei allen bei ADHS-Schülern) nicht altersentsprechend entwickelt sind, benötigt er eine engmaschige Führung (“strenge, aber gerechte Lehrperson”).
    • Arbeiten an Wochenplänen stellt für viele Schüler-/innen mit einer ADHS eine Überforderung dar. Besser sind sehr konkrete Aufträge “von heute auf morgen”, auf welche bei erfolgreicher Erledigung sofort mit Anerkennung reagiert werden soll.
    • Der Unterricht sollte sich auf das Wesentliche konzentrieren. Alles Repetitive und bereits Bekannte ist für ADHS-Betroffene ein Gräuel.
    • Ruhe/Unruhe und der Lärmpegel im Unterrichtszimmer sollten von der Lehrperson  – wenn irgendwie möglich – auf einem normalem Level gehalten werden.

  • Im Idealfall sollte eine Unterrichtsstunde für Schüler/-innen mit einer ADHS nicht mehr als 20 Minuten dauern. Mit der Strategie “kurz und bündig” kann bei zahlreichen Betroffenen die ADHS-Problematik ein Stück weit ausgehebelt werden.
  • Die meisten Schüler-/innen mit einer ADHS brauchen viel innere und äussere Bewegung. Vokabeln lernen auf einem Hometrainer, einem Wackelstuhl oder Hintergrundmusik beim Lernen können helfen. Totaler Reizschutz hingegen ist meistens kontraproduktiv.
  • Behalten Sie im Auge, dass Schüler/-innen mit einer ADHS oftmals nicht können und nicht immer nicht wollen (auch wenn dies auf den ersten Blick nicht immer erkennbar ist). So ist es etwas einfacher, diesen Kindern gegenüber auch in jenen Zeiten wohlwollend zu bleiben, in welchen sie der Lehrperson “den letzten Nerv ausreissen”.
  • Denken Sie daran, dass die ADHS-Medikamente bei Marco – anders als bei vielen ADHS-Betroffenen – bisher nur eingeschränkt wirken. Sie müssen sich also mit seinen syndromtypischen Eigenheiten ein Stück weit abfinden. Das heisst natürlich nicht, alles zu “schlucken” und zu tolerieren, was Marco sich erlaubt (eine Diagnose ist eine Erklärung, aber keine Entschuldigung). Im Gegenteil:  Auch Marco braucht sehr klare Grenzen. Fast noch wichtiger für ihn aber ist Verständnis!
  • ADHS-Schüler-/innen sind nicht einfach und können nicht nur für die Mütter, sondern auch für Lehrpersonen eine sehr grosse Herausforderung darstellen. Um eine pädagogische Handlungsfähigkeit aufrechtzuerhalten sowie zwecks Burnout-Prävention sind meistens Massnahmen erforderlich: a) Weiterbildung i.S. ADHS für Lehrpersonen; b) bei Bedarf Supervision für die Lehrperson im Umgang mit schwierigen Schülern sowie c) Sicherstellen einer Zusammenarbeit mit den anderen involvierten Fachpersonen (Psychologe, Arzt usw.).
  • Informieren Sie sich über ADHS. Zum Beispiel hier: www.adhs.ch.
  • Und immer im Auge behalten: Marco ist sehr dankbar, korrekt und äusserst loyal, wenn er spürt, dass er verstanden und ernst genommen wird. Es lohnt sich also nicht nur wegen seiner hohen Intelligenz, in ihn zu „investieren“.

Soweit eine erste Rückmeldung zu Marco. Für Fragen stehe ich Ihnen gerne zur Verfügung. Wenn Sie weitere Feststellungen machen, von denen Sie annehmen, dass diese für mich und die Therapie mit Marco relevant sein könnten, bitte ich um Benachrichtigung.

Freundliche Grüsse

PS: Der Form halber muss ich Sie noch darauf hinweisen, dass die Ihnen in diesem Schreiben zugetragenen Informationen über den Gesundheitszustand von Marco streng vertraulicher Natur sind und gemäss dem medizinischen Datenschutzgesetz ohne seinem Einverständnis Dritten nicht zugänglich gemacht werden dürfen.

Danke für diese Infos!

Dieser Text wurde letztmals 09/2016 aktualisiert.
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