ADHS, Angst & Panik: Erste Hilfe bei Panikattacken

Wichtige Hinweise

  • Wenn Sie Symptome verspüren, welche an einen Herzinfarkt denken lassen, rufen Sie den Notarzt. Eine Liste dieser Symptome finden Sie hier.
  • Die Kenntnisnahme der folgenden Informationen stellen in keinem Fall einen Ersatz für eine Konsultation bei einer Fachperson dar. Diese Informationen können eine psychotherapeutische Behandlung im besten Fall ergänzen.

Angst & ADHS

http://www.adhs.ch/ueber-mich/Die ADHS wird sowohl bei Kindern, Jugendlichen als auch bei Erwachsenen recht häufig von Angststörungen begleitet. Sorgengedanken, Gedanken an Gefahren und noch Schlimmeres können ein unbehandeltes ADHS-Gehirn verflixt gut stimulieren. Das Gehirn unbehandelter ADHS-Patienten ‚missbraucht‘ dann quasi die Angst, um sich zu spüren und um fokussiert zu bleiben.

Wie behandeln?

Aus meiner Erfahrung sollte bei Vorliegen einer ADHS diese zuerst behandelt werden (also nicht zuerst die Angststörung und dann im Anschluss die ADHS therapieren). Ist die ADHS noch evident, greifen verhaltenstherapeutische Massnahmen gegen die Angst so gut wie gar nicht. Wird die ADHS hingegen behandelt, vermögen die Betroffenen von den therapeutischen Erfahrungen zu profitieren. Ohne ADHS-Therapie ist es wie bei den Kindern: Sie können nicht lernen (auch Verhaltenstherapie beruht auf einem Lernprozess).

Therapie mit Stimulanzien sind doch nicht kontraindiziert

Früher wurde die Lehrmeinung vertreten, dass Stimulanzien (Medikamente gegen ADHS-Symptone) bei Vorliegen von Angststörungen kontraindiziert sind. Begründet wurde dies mit der in der Startphase einer Therapie mit Stimulanzien oftmals auftretenden Aktivierung des vegetativen Nervensystems und deren Symptome (zum Beispiel Schwindel, erhöhter Puls). Dies würde, so die Lehrmeinung, den Teufelskreis der Angst beschleunigen. Aktuell gilt demgegenüber nun Folgendes: 2015 wurde wurde eine grosse Studie veröffentlicht, welche ergab, dass unter der Therapie mit Methylphenidat die Angstsymptome eher ab- als zunahmen. Damit bestätigen der Studienresultate meine und die Erfahrungen vieler klinisch tätiger Kollegen.

Panik

Die heftigste und unangenehmste Angststörung ist die Panikstörung. Betroffene fühlen sich der Panik gegenüber meistens komplett ausgeliefert und hilflos. Deswegen hier ein paar konkrete Tipps, wie man doch recht gut lernen kann, mit Panikattacken umzugehen.

Symptome von Panikattacken

Angstanfälle oder Panikattacken zeichnen sich dadurch aus, dass sie wiederkehrend sind, sich nicht auf eine spezifische Situation oder besondere Umstände beschränken und deshalb auch nicht vorhersehbar sind.

Wie auch bei anderen Angsterkrankungen unterscheiden sich die Symptome von Person zu Person: Einmal stehen Angstgefühle im Vordergrund, in anderen Fällen können die begleitenden körperlichen Reaktionen das Panikerleben dominieren. Recht typisch ist aber der plötzliche Beginn zum Beispiel mit Herzklopfen, Brustschmerz, Atemnot, Schwitzen, Erstickungsgefühlen, Schwindel, Muskelschmerzen, Zittern oder Schütteln und Entfremdungsgefühlen.

 

Fast stets entsteht dann auch Angst zu sterben (Herzinfarkt), Angst vor Kontrollverlust (sich bei einer Ohnmacht lächerlich zu machen) oder die Angst, wahnsinnig zu werden. Die einzelnen Anfälle dauern meistens nur einige Minuten, gelegentlich auch länger.

Anhaltender Schwindel, anhaltende Magen-/Darmprobleme, hartnäckige Nackenverspannungen sowie Kopfschmerzen können auch Zeichen einer länger andauernden Angststörung sein.

Patientinnen und Patienten erleben in einer Panikattacke häufig ein Aufschaukeln der Angst und der vegetativen Symptome, was oftmals zu einem fluchtartigen Verlassen des Ortes führen kann. Kommt dies in einer besonderen Situation vor, beispielsweise in einem Bus oder in einer Menschenmenge, so meiden die Betroffenen diese Situation. Auf ähnliche Weise können häufige und unvorhersehbare Panikattacken grosse Angst vor dem Alleinsein oder beispielsweise vor öffentlichen Plätzen hervorrufen. Einer Panikattacke folgt oft die ständige Furcht vor einer erneuten Attacke.

Ursachen von Panikattacken

Man unterscheidet bei allen psychischen Störungen grundsätzlich zwischen biografischen Ursachen bzw. anderen prädisponierenden Faktoren, den eigentlichen Auslösern sowie den aufrechterhaltenden Faktoren.

Auslöser von plötzlichen Panikattacken sind meist unscheinbare körperliche Vorgänge, welche von der betreffenden Person (oftmals mehr unbewusst) wahrgenommen und mit Gefahr assoziiert werden und welche schliesslich in einer Art Aufschaukelung die physiologische Angstreaktion hervorrufen. Die Erwartungsangst etwa und das Vermeidungsverhalten gehören u.a. zu den Faktoren, welche das Problem aufrechterhalten können.

Auslöser können aber auch (soziale) Situationen darstellen, welche die betreffende Person an frühere angstbesetzte und bislang mehr oder weniger unbewusste Erlebnisse ‚erinnern‘. Dies entspräche dann der Ebene von biografischen Ursachen. Grundsätzlich neigen offenbar Menschen, die eher auf körperinnere Vorgänge achten, mehr zu Angstanfällen, als andere.

Psychotherapie der Angst

Prinzipiell gilt, dass Antworten auf die Frage nach dem „Warum“ alleine nicht ausreichen, um Angststörungen zu überwinden. Es braucht ein Training, welches im Rahmen der Selbsthilfe oder in Zusammenarbeit mit einer verhaltenstherapeutisch orientierten Fachperson absolviert werden kann.




Erste Hilfe bei Panikattacken

  • Sprechen Sie mit einem Arzt, einer Ärztin, einer Psychotherapeutin oder einem Psychotherapeuten über Ihre Symptome.
  • Verzichten Sie bei Panikattacken, aber auch bei anderen Formen von Angststörungen, auf Nikotin. Nikotin pusht Sie und Ihr vegetatives Nervensystem zusätzlich hoch!
  • Nehmen Sie vor einer ärztlichen Untersuchung keine Medikamente zu sich (es sei denn, Ihr Arzt hat Ihnen früher schon Medikamente verordnet).
  • Trinken Sie keinen Alkohol zur Beruhigung.
  • Ein Panikanfall geht immer mit einer veränderten Atmung einher: Es wird zu viel Sauerstoff ein- und zu viel Kohlendioxyd abgeatmet. Diese verkehrte Atmung, welche zur Verstärkung der körperlichen Angstsymtomatik führt, tritt nicht erst dann ein, wenn wir stark hyperventilieren. Zu einer Sauerstoffübersättigung kommt es schneller, als viele meinen.
  • Atmen Sie bewusst langsam in den Bauch ein und noch langsamer aus. Die Luft in den Lungen soll ganz ausgeatmet werden. Dehnen Sie die Atempause zwischen Ausatmen und erneutem Einatmen künstlich etwas aus. Zählen Sie in diesen Atempausen in Einerschritten langsam von Zehn bis auf Null zurück. Beispiel: Einatmen – Ausatmen – „Zehn“. Einatmen – Ausatmen – „Neun“, Einatmen – Ausatmen – „Acht“ usw.
  • Um das Verhältnis von Sauerstoff und Kohlendioxyd wieder ins richtige Lot zu bringen, können Sie auch die ausgeatmete Luft einige Male wieder einatmen. Zum Beispiel, indem Sie die Hände gut geschlossen vor Mund und Nase halten und die verbrauchte Luft wieder einatmen. Man kann auch eine Weile in eine Papiertüte ein- und ausatmen. Der beruhigende Effekt tritt etwa nach einer Minute ein. Die Symptomatik lässt dann schnell nach.
  • Stress und Aufregung führen zu einem gesteigerten Energieverbrauch, wodurch es zu einer Hypoglykämie (Unterzuckerung) kommen kann. Die dadurch hervorgerufenen Symptome sind denen der Panik sehr ähnlich. Essen Sie eine Kleinigkeit und trinken Sie viel Wasser.
  • Kämpfen Sie nicht gegen die körperlichen Symptome der Angst an. Diese Symptome sind zwar sehr unangenehm, aber ungefährlich. Sie sind allesamt ein Zeichen dafür, dass Ihr Körper bei Angstgedanken richtig reagiert.
  • Nicht die körperlichen Symptome sind verkehrt, sondern die Gedanken und Bewertungen, die Sie sich zu den körperlichen Reaktionen oder dem Gefahrenobjekt machen.
  • Kontrollieren Sie vielmehr Ihre Gedanken, statt Ihren Körper bzw. Ihre Symptome. Beispiel: Wenn Sie bei Herzrasen an den Herzinfarkt Ihrer Tante denken, dann senden Sie Ihrem Körper verkehrte Signale. Der Körper meint dann fälschlicherweise, er sei in Lebensgefahr und mobilisiert restlos alles, um Ihrer (Todes-) Gefahr zu begegnen: So pumpt unter anderem Ihr Herz schnell und viel Blut durch Ihren Körper, um Sie flucht- und kampffähig zu machen. Deshalb das Herzrasen.
  • Denken Sie realistisch-positiv: Beispiele: „Ja, dieser Schwindel ist sehr, sehr unangenehm, aber ich kann ja gar nicht ohnmächtig werden. Es wäre biologisch völlig unlogisch, wenn bedrohte Lebewesen ohnmächtig würden, denn gerade dann wären sie einer Bedrohung ja erst recht ausgeliefert“. Dem Verfasser dieser Seite ist übrigens auch kein einziger Fall bekannt, in welchem eine Person im Rahmen einer Panikattacke ohnmächtig wurde. Oder: „Dieses Stechen in der Brust und das Ziehen in meinem linken Arm – Nein, das ist kein Herzinfarkt! Ich brauche mir keine allzu grossen Angstgedanken zu machen. Schliesslich war ich beim Arzt und mein EKG ist okay.“ In der Angst ist der Muskeltonus bei Tieren und Menschen immer erhöht. Diese muskuläre ‚Vorspannung‘ hat den biologischen Sinn, sofort volle Energie zum ‚Kampf‘ oder zur ‚Flucht‘ zur Verfügung zu haben.
  • Wenn der Angstanfall in einer speziellen Situation auftrat zum Beispiel Lift, Menschenansammlung, Parkgarage) und Sie diesen Ort fluchtartig verlassen haben, vermeiden Sie in Zukunft in keinem Fall diesen Ort. Am besten ist es, wenn Sie diese Situation trotz Angstgefühlen extra aufsuchen. Haben Sie dabei keine zu grosse Angst vor der Angst bzw. den körperlichen Angstsymptomen! Lassen Sie die gefürchteten Körperreaktionen ruhig aufkommen. Unser vegetatives Nervensystem sorgt von selbst dafür, dass sich die Angstgefühle und die körperlichen Begleitsymptome automatisch zurückbilden, wenn wir nur lange genug in der gefürchteten Situation verweilen! Sie werden staunen, wie gut das funktioniert!
  • Lernen Sie, sich wieder auf Ihren Körper zu verlassen. Selbst wenn Sie nach einem Verkehrsunfall bewusstlos und halbtot im Strassengraben liegen, unternimmt Ihr Körper alles, um Sie am Leben zu erhalten.
  • Falls ein Arzt Ihnen für Notfallsituationen Beruhigungstabletten (Benzodiazepine) verschrieben hat, so sollten Sie diese Medikamente nicht länger als 1 – 2 Wochen einnehmen. Ausnahme: Eine längerfristige Einnahme wurde ärztlich verordnet.
  • Suchen Sie sich bald einen verhaltenstherapeutisch orientierten Psychotherapeuten. Angststörungen sind psychotherapeutisch recht gut behandelbar.
  • Sprechen Sie mit Ihrem Arzt, ob Sie für Fitness gesund genug sind. Herz-Kreislauftraining ist eine sehr gute und nachhaltig wirksame Massnahme gegen Panik- und andere Angststörungen.

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