Ich habe es satt, immer und immer wieder zu versagen, weil ich mich nicht unter Kontrolle habe!

Ich bin ein 35 Jahre alter zweifacher Familienvater. In meiner Kindheit wurde POS (= ADHS; Anm. Piero Rossi) diagnostiziert. Meine Eltern wollten dieses jedoch nicht medikamentös behandeln lassen. Irgendwie habe ich es auch so durchs Leben geschafft. So habe ich es gelernt, mich sehr gut zu organisieren und bin sehr (meist über-)pünktlich. Was ich jedoch nicht gerlernt habe ist, meine Impulsivität zu beherrschen, ruhig, geduldig und gelassen zu sein, nicht dauernd zu grübeln, keine Nägel mehr zu kauen und einiges mehr. Besonders der Punkt mit der Impulsivität macht mir seit längerem zu schaffen. Gerade meine Frau und meine Kinder bekommen sie oft zu spüren. 

Aus diesem Grund würde ich gerne eine medikamentöse Behandlung in Angriff nehmen um zu schauen, ob sie Linderung bewirkt. Ich habe es satt, immer und immer wieder zu versagen, in dem ich mich nicht unter Kontrolle habe! Zu welchem Weg würden Sie mir raten? Über den Hausarzt?

Herzlichen Dank für Ihre Antwort und freundliche Grüsse!


http://www.adhs.ch/ueber-mich/Ich finde es eine gute Idee, dass Sie Ihr Problem mit der Impulsivität jetzt aktiv angehen. Möglicherweise ist dazu tatsächlich ein medikamentöser Behandlungsversuch erforderlich.

Zu welchem Weg ich Ihnen rate?

Schildern Sie Ihrem Hausarzt Ihre Probleme. Fragen Sie ihn, ob er einen ADHS-erfahrenen Psychiater oder einen Psychologen kennt. Falls ja, lassen Sie sich zu ihm für eine Beurteilung und – falls es ein Psychiater ist – allenfalls auch gleich zur Behandlungseinleitung überweisen.

Falls Ihr Hausarzt keine passende Fachperson kennt, suchen Sie halt selbst. Eine Liste mit PsychologInnen, welche auf ADHS spezialisiert sind, finden Sie hier. Auskünfte erteilen auch die ADHS-Selbsthilfeorganisationen. Infos zu bewährten ADHS-Spezialisten finden Sie zudem in einschlägigen Facebook-Gruppen.




Warum zum Psychologen und nicht gleich loslegen mit dem ADHS-Medikament, werden Sie sich vielleicht fragen? Ganz einfach: Ihr Diagnoseverdacht muss vor Einleitung der Therapie von einem Spezialisten überprüft werden.

Erst eine qualifizierte Abklärung und Diagnosestellung kann aufzeigen,

  • ob Ihre Impulskontrollprobleme tatsächlich auf einer ADHS beruhen und nicht andere Ursachen haben,
  • ob parallel zur ADHS andere behandlungsbedürftige Probleme vorliegen und
  • ob es sich lohnen könnte, die Impulskontrollstörung in einem ersten Schritt mit einer Verhaltenstherapie (VT) anzugehen.

Falls Sie auf eine Verhaltenstherapie ansprechen – und diese Möglichkeit besteht auch bei Fortbestehen einer ADHS im Erwachsenenalter durchaus – wäre das für Sie sehr praktisch. Denn ohne Medikamente ist es immer einfacher als mit.

Meistens ist eine kombinierte Therapie angezeigt. Also Verhaltenstherapie plus eine Standardbehandlung mit Stimulanzien. Wobei mit dem Beginn der medikamentösen Therapie meistens eine Weile zugewartet wird. Erst wenn klar ist, dass die VT alleine nicht reicht, kommen ADHS-Medikamente zur Anwendung.

Sie schreiben, dass Sie heute sehr gut organisiert und meistens überpünktlich sind. Dieser Effekt ist bei Menschen mit einer ADHS gut bekannt: Um das innere und äussere Chaos und die innere Ungesteuerheit einigermassen in den Griff zu bekommen, entwickeln sich einige ADHS-Kinder später in Teilbereichen zu überexakten und überpünktlichen Menschen.

Dabei fällt es ihnen dabei auffallend schwer, die Selbstkontrolle in einem angemessenen und ausgewogenen Ausmass aufrechtzuerhalten. Die „Mitte“ finden sie in der Regel nicht. Die instabile und nicht wirklich zuverlässige Selbstkontrolle bleibt meistens mit einer zu hohen inneren Anspannung verbunden. Der dadurch erzeugte chronische Stress kann zu anhaltendem Unwohlsein, aber auch zu psychosomatischen Reaktionen führen.



Eine erfolgreiche Therapie könnte auch bei Ihnen zu folgenden Verbesserungen führen:

  • Normalisierung der Impulskontrolle. Wut und auch mal Ausrasten sind okay. Aber immer so, dass man sein Verhalten im Nachhinein nicht als ichfremd erlebt und dazu stehen kann.  Denn bei problematischem ADHS-bedingtem Verhalten ist es normal, dass dieses bei den ADHS-Betroffenen  (und auch bei anderen Menschen im Umfeld) zu Irritationen führt. Das Gefühl: „Das bin nicht ich!“ kennen viele Menschen mit einer ADHS nur zu gut. Und sie haben dabei nicht ganz unrecht. Denn ADHS-bedingtes Verhalten ist nicht pyscho-logisch bedingt und erklärbar. Es beruht nicht auf unbewussten Motiven,  sondern beruht vielmehr auf einem neurologischen Hintergrund. Und wird daher nachvollziehbar als ichfremd erlebt. Es ist also nicht immer eine Ausrede, wenn ADHS-Betroffene sagen, dass „es“ einfach passiert sei.
  • Mehr innere Ausgeglichenheit. Das zeigt sich vor allem darin, dass Menschen mit einer ADHS sich dann besser entspannen können. Sie fühlen sich auch dann wohl, wenn wenig bis nichts los ist. Auch können sie dem Partner, den Arbeitskollegen und dem Chef besser zuhören. Und das auch dann, wenn sie schon vorher wissen, was er oder sie jetzt gleich dann sagen wird. Mit mehr innerer Ruhe verschwindet auch das Nägelkauen oftmals von alleine.

Viel Erfolg bei Ihrer Therapie!

Lesen Sie hier weiter, wenn diese Informationen für Sie hilfreich waren.


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Dieser Text ist urheberrechtlich geschützt.
Er wurde erstellt am 08.11.2017.
© Piero Rossi




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