Kreativitätskiller WhatsApp & Instagram | Risiko oder Chance?


Bildschirmmedien wie etwa Instagram können die Kreativität bestens fördern.
Tun sie aber meistens nicht. Wieso erfahren Sie hier!


Bildschirmmedien:  Kreativitätskiller Nr. 1!

http://www.adhs.ch/ueber-mich/Gestützt auf meine Erfahrungen während der langen Jahre meiner Praxistätigkeit, sowie unter Berücksichtigung der Forschungsliteratur, steht es für mich ausser Zweifel: Vor allem bei Kindern und Jugendlichen kann ein hoher Konsum von Bildschirmmedien wie YouTube oder Instagram zu einer Verkümmerung der Kreativität führen.

Merke: Man kann nicht kreativ Bildschirmmedien konsumieren!

Wer sich stundenlang YouTube-Videos oder TV-Serien reinzieht, konsumiert völlig passiv. Bild, Ton und eine meistens sehr simple Story werden dem Gehirn in einem Guss serviert. Man muss sich beim Konsum dieser Medien selbst nichts mehr vorstellen.

Beim Lesen hingegen verhält es sich komplett anders: Der Sinn des Gelesenen erschliesst sich einem nur, wenn man sich das, was man gerade liest, auch innerlich vorstellt. Wenn das Gehirn also aktiv ist und wenn im Kopf Bilder zum Gelesenen zu einem Film verschmelzen.

Für viele mag das eine Selbstverständlichkeit sein. Für immer mehr Schülerinnen und Schüler ist es das leider nicht. Jene mit einem zu hohem Bildschirmmedienkonsum „sehen“ einfach nichts (oder immer weniger), wenn sie versuchen, zu lesen. Sie haben es schlicht und einfach nicht ausreichend lernen können, sich selbst Sachen auszudenken und sich diese vor dem inneren Auge auszumalen.

Auch der Video- oder TV-Konsum erfolgt auch das Gamen mit einer Spielkonsole oder dem Smartphone erfolgt fast ausschliesslich reaktiv. Selbst wenn das Game den Anschein macht, dass der Spieler „frei“ ist und selbst entscheiden kann, ob er den Gegner auf diese oder jene Weise vernichten will, handelt es sich in Wirklichkeit um sehr beschränkte Reaktionsoptionen, welche vom Programmierer des Spieles im Voraus festgelegt wurden.

Gamen kann – wenn es denn unbedingt sein muss – für eine oder zwei Stunden pro Woche okay sein. Was aber, wenn Kinder und Jugendliche in ihrer Freizeit stunden-, tage- und wochenlang nur passiv konsumieren und/oder nur auf externe Reize reagieren?

Zu Letzterem gehört übrigens auch das möglichst schnelle Antworten auf Benachrichtigungen von WhatsApp und anderen Messengern. Die Online-Zeit von Schweizer Jugendlichen beträgt zurzeit gemäss Angaben der Befragten täglich über 3h (James-Studie 2016).

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Stundenlanger Medienkonsum macht Menschen jeden Altes mental und körperlich schlaff. Und er führt mittelfristig zu einer Dysregulation des motivationalen Systems. Dieses wird gestört, indem die Kinder und Jugendliche beim Gamen, TV-Serien sehen oder etwa beim blitzschnellen hin und her Chatten lernen, sich durch den Konsum dieser Medien sofort, ohne Aufwand und ohne Anstrengung, Befriedigung zu beschaffen.

Und das ohne wirklich etwas dafür zu tun. Und fast wie beim Kiffen, über welches man sofort und ohne Anstrengung zu einem guten Gefühl kommen kann.

Die mit einem schnell rückmeldenden und sehr befriedigend erlebten Medienkonsum  verbundene stundenlange Überflutung des Belohnungssystems mit dem Neurotransmitter Dopamin führt mittelfristig zu einer zunehmend grossen Intoleranz vieler Konsumenten gegenüber reizarmen, subjektiv langweiligen oder sinnlos erscheinenden Tätigkeiten.

Auch wenn der Vergleich nicht ganz korrekt ist, verhält es sich beim übermässigen Bildschirmmedienkonsum in gewisser Weise ähnlich wie bei der Diabetes:

Merke: Beim anhaltenden Konsum von zu viel Zucker versagt über kurz oder lang irgendwann die Bauchspeicheldrüse. Beim multimedialen Dauerkick ist es das normalerweise funktionierende motivationale System, welches früher oder später verkümmert.

Auswirkungen sind unter anderem, dass die betroffenen Kinder und Jugendlichen nicht mehr in der Lage sind, im Familien- und Schulalltag etwas zu tun, was ihnen keinen Spass bereitet und damit nicht sofort zu der gewohnten und sofortigen Dopaminfreisetzung und dem damit verbundenen superguten Bauchgefühl führt. Ohne Stimulation und „Kicks“ sind viele zunehmend ausserstande, Hausarbeiten zu erledigen oder sich für eine Prüfung vorzubereiten.

Kinder und Jugendliche mit einer unbehandelten ADHS (und jene mit einer nur unbefriedigend gut verlaufenden Behandlung) sind ganz speziell gefährdet, sich zu Online-Junkies zu entwickeln. Und zwar, weil ihr Dopaminsystem – wie oben dargelegt – bereits syndrombedingt dereguliert ist und sie bzw. ihr Gehirn immer nach der Suche nach (ablenkenden) Kicks und Stimulation sind.

Das hohe Tempo, welches mit dem Bildschirmmedienkonsum einhergeht, ist für ADHS-betroffene Kinder und Jugendliche auch deswegen kontraproduktiv, da sie ja bereits syndrombedingt zu schnell ticken. Ihr Gehirn lernt also durch den Gebrauch von schnellen Medien und Games, noch schneller zu reagieren. Für sie wird es immer schwieriger, sich in Ruhe einer Sache hinzugeben und eines nach dem anderen zu machen.

Merke: Man kann nicht „nicht“  lernen und je mehr etwas Spass macht, um so leichter wird es erlernt.

Fördern Messenger-Dienste wie WhatsApp die Kreativität?

Meine Hoffnung, dass sich bei Kindern und Jugendlichen in der Social-Media-Kommunikation Kreativität entfalten könnte, wurde bisher enttäuscht. Ich habe immer wieder Chat-Protokolle lesen können und musste feststellen, das Denken, Sprache und kommunikatives Handeln selbst von sehr intelligenten Kindern auf ein erschreckend tiefes Niveau absinken können.

Als Ursache vermute ich unter anderem die (zu) hochkomprimierte Form der Dialoge, die schnell ins Negative kippende Dynamik in den Chat-Gruppen sowie den impliziten Erwartungsdruck der Follower. Die Messenger-Dialoge werden auch durch den Chatjargon und den Einsatz von immer zahreicher zu Verfügung stehenden Emojis undifferenzierter und oberflächlicher. Und dies, obwohl Emojis eine Kurznachricht ja durchaus mit Gefühlen aufladen können.




Und Instagram?

Und wie steht es mit Instagram und vergleichbaren Online-Diensten zum Teilen von Fotografien (und zum Kommunizieren)? FördernInstagram & Co. diese Dienste kreatives Handeln?

Ich habe auf Instagram und ähnlichen Plattformen zahlreiche tolle Fotos gesehen. Die meisten dieser guten Fotografien stammten allerdings von professionellen oder semi-professionellen Fotografen, welche Instagram und Co. als Werbeplattform verwenden.

Aber auch zahlreiche der Instagram Fotos meiner ehemaligen Patienten oder den Teilnehmern im Atelier fotoLux halte ich für wirklich gelungen.

  • Augenscheinlich ist für mich aber auch, dass diese Originalität guter Insta-Fotos wahrscheinlich mehr auf Zufällen als auf Können beruht.
  • Reflexive, bewusste Fotografie ist heute out. Erarbeitet wird da nichts mehr. Soll auch nicht, denn „Instagram“ steht  ja wortwörtlich für die spontane (digitale) Sofortbildfotografie.
  • Auffallend zudem, wie ähnlichh der grafische Aufbau und der Look vieler Selfies auf Instagram sind.

Sofort- & Schnell-Kultur und Identitätsentwicklung

Gut, halten wir uns immer vor Augen, dass ja völlig offen ist, was Kreativität eigentlich bedeutet. Ich bin der Letzte, welcher Instagram-Usern Kreativität pauschal absprechen will. Wahrscheinlich begründet die digitale Instant-Fotografie eine neue Foto-Kultur. Immerhin wirken spontane Insta-Fotos häufig sehr authentisch.

Das Unverfälschte, Naive und Unschuldige in vielen dieser Fotos geht meinem Empfinden nach mit einer faszinierenden Magie einher. Es entsteht eine neue Kultur, die ich zwar noch nicht verstehe, welche aber mich aber interessiert und herausfordert.

 

Trotzdem: Meinen Beobachtungen nach ist es so, dass die fotografische Kultur auf Instagram und Co., welche sich primär auf digitale Sofort-Bilder stützt, zu einer für die Identitätsentwicklung von Kindern und Jugendlichen ungesunden Beschleunigung und der Masse wegen zu einer inflationären Entwicklung führen kann.

Die Halbwertzeit dieser Fotos ist erschreckend niedrig. Bei Snapchat, einem kostenlosen Instant-Messaging-Dienst, ist es möglich, Fotos zu publizieren, die nur eine bestimmte Anzahl von Sekunden sichtbar sind und sich dann von selbst löschen.

Warum aber soll die Instant- und damit Sofort- & Schnell-Kultur von Instagram & Co. zu einer Beeinträchtigung der Identitätsentwicklung von Kindern und Jugendlichen führen, werden Sie sich vielleicht fragen. Und was spricht gegen eine kurze Halbwertszeit von Fotos?

Fotografien – kollektives und individuelles Gedächtnis

Halten Sie sich vor Augen, dass Fotografien dazu dienen (oder lange dazu dienten), sich ein Bild von der Welt machen zu können. Fotos haben eine hohe Definitionsmacht. Sie bestimmen zum Beispiel, wie wir uns die Niagarafälle vorzustellen haben. Selbst wenn wir diese gar nie besucht haben. Sie definieren auch unsere Erinnerungen an die Vergangenheit. Zum Beispiel an den Morteratschgletscher, dessen Gletscherzunge vor 20 Jahren noch viel weiter reichte als heute.

Fotografien sind aber nicht nur Teil unseres kollektiven Gedächtnisses. Sie dienen auch dazu, sich ein Bild von sich selbst und seiner eigenen Geschichte machen zu können. So waren Bilder aus der eigenen Kindheit (wie etwa Klassenfotos aus der Grundschule oder Fotos von bereits verstorbenen Angehörigen) lange Zeit Erinnerungsträger mit identitätsstiftenden Effekten.


„Ja, genau so war ich als Baby“. Oder: „Das waren noch Zeiten, als ich lange Haare trug!“ Oder: „Das ist meine Nonna. Die hatte immer Zeit für mich!“


Damit eine Fotografie sich in unserem Gedächtnis Biografie- und damit Identitätsstiftend verankern kann, müssen wir die Gelegenheit, das Bild zu verschiedenen Zeitpunkten und über einen längen Zeitraum immer wieder zurückholen können.

Erst wenn wir uns das Foto wieder und wieder anschauen und dadurch auch die Gelegenheit haben, die mit dem Bild assoziierten Affekte zu aktualisieren, steigt die Zahl der für die Erinnerung zuständigen Neuronen und und die Stärke der jeweiligen Synapsen.

Mit Zurückholen von Foto-basierten Erinnerungen und dem so wichtigen Nachempfinden ist aber bald Schluss. In Schuhschachteln oder Alben aufbewahrte Fotografie-Abzüge (und die mit ihnen verbundenen Erinnerungen-konservierende Effekte) fallen seit dem Aufkommen der digitalen Fotografie, und erst Recht mit dem Aufblühen der digitalen Insta-Foto-Kultur, fast komplett weg. Extrem kommt dies bei Snapchat zu Ausdruck: Wenn die Fotos und damit die Erinnerung sich selbst automatisch zerstören, entfällt die Möglichkeit gänzlich, Erinnerungen aufzufrischen.

 

Fotobücher, also die heutigen Fotoalben, sind eine gute Lösung. Fact ist aber, dass nur in sehr wenigen Familien Erinnerungsfotos in Fotobüchern festgehalten werden. Und dies trotz der enorm gewachsenen Anzahl an Fotos, welche täglich gemacht werden. Bilder gucken auf dem iPad geht ja auch, denken sich viele. Die Frage ist einfach, wie lange noch.

Auch die in iOS 10 (= aktuelle Version des iPhone-Betriebssystems) neu eingeführte Foto-Funktion „Andenken“, bei welcher man sich „Das Beste der letzten drei Monate“ in einem animierten Film kurz, mittel oder lang sowie in verschiedenen Stilrichtungen (Sentimental, Sanft, Chill, Heiter usw.) vorführen lassen kann, zeigt deutlich, was wir heute unter Andenken und Vergangenheit zu verstehen haben. Nach drei Monaten ist Schluss.

Aber selbst für den Fall, dass die Fotos eine Weile auf dem Smartphone oder im PC abgespeichert werden, sind sie über kurz oder lang dem Verfall preisgegeben: Wer bitte macht sich denn heute die Mühe, die Bild-Dateien auf dem Computer oder einer externen Harddisk zu sichern?

Und wie schnell gehen Handys (und die darin gespeicherten Fotos) bei Jugendlichen kaputt!  Alte Schuhschachteln voller Fotos kann man jahrelang vergessen. Verloren gehen sie trotzdem nicht. Passwörter zu Online-Speichern hingegen schon. Und weiss in 25 Jahren der Enkel noch, wo sein Opa seine Fotos speicherte?

Datenschutz und Datensicherung sind heute selbst für viele intelligente Jugendliche absolut keine Themen. Das Sichern von digitalen Fotos ist aber auch für viele Erwachsene bedeutungslos. „Zu kompliziert“ höre ich jeweils, wenn es in Gesprächen zu diesem Thema kommt.

Auch eine automatische Ablage von Fotos aus dem Smartphone in der Foto-Cloud sowie deren automatische chronologische Sortierung in einer Timeline (Zeitlinie) ändert an deren Kurzlebigkeit nur wenig. Wie leicht können Zugangsdaten zur den Online-Speicherdiensten vor DropBox oder iCloud vergessen gehen?

Was, wenn Eltern sich scheiden wollen und ein Elternteil im Streit oder aus Wut alle Fotodateien löscht? Und was, wenn mit dem Tod eines Menschen auch die Passwörter für den Online-Speicher für immer weg sind?

Sekunden reichen nicht

Damit Bilder im Gedächtnis verankert und zu identitätsstiftenden Erinnerungen werden können, müssen sie

  • einen möglichst hohen emotionalen Gehalt bzw. eine hohe persönliche (und emotionale) Bedeutung aufweisen und zudem
  • aufgefrischt, also immer einmal wieder und lang genug betrachtet werden können.

Eine persönliche emotionale Bedeutung haben sicher auch einige Instagram Fotos. Aber was nützt es, wenn die Fotos der Bilderüberflutung wegen gar nicht, nur ein-, zweimal und dazu nur ganz kurz angeschaut werden können? Digitale Instant-Fotografie heisst Massen-Fotografie, in welcher das einzelne Bild zum Nichts degradiert wird.

Und mit ihm die Erinnerung an das Ereignis und dessen affektiven Kontext. Das kollektive und persönliche Sich-wiedererkennen in „alten“ Fotografien wird über kurz oder lang verschwinden. Und damit ein Teil dessen, was wir heute unter Identität verstehen.



Wollen wir, dass Jugendliche eine geschichtsbefreite Instant-Identität entwickeln? Eine Identität, welche primär auf Illusionen und Selbsttäuschungen beruht („Ich habe beim Gamen oder beim Serien schauen echt etwas erlebt!“)?

  • Eine Identität, deren Quelle sich auf das Hier und Jetzt beschränkt?
  • Eine Identität, welche sich primär auf nur kurz anhaltende gute Gefühle (zum Beispiel nach dem Kaufen) beschränkt? Und nicht darauf, dass man sich etwas erarbeitet hat und sich dadurch weiterentwickelt?
  • Was wird das für eine Identität, wenn wir bald keine Möglichkeiten mehr haben, via Fotos unsere Erinnerungen an unsere Nonna und den Geschmack ihrer Lasagne aufzufrischen und am Leben zu erhalten?
  • Und was ist das für eine Identität, welche nicht darauf beruht, was wir erarbeitet, sondern gekauft und konsumiert haben?

Wie aber hängen die Schnell-schnell-Kultur und Kreativität zusammen?

Könnte das Verschwinden der Vergangenheit als Teil unserer neuen Identität dereinst nicht vielleicht sogar mit einer Befreiung von „Altlasten“ einhergehen und die Kreativität heutiger Jugendlicher so richtig befeuern? Müssen wir uns gar verabschieden von der Vorstellung, dass Kreativität verknüpft ist mit harter Arbeit, dem schöpferischen Erschaffen von echt Neuem und zeitlos Schönen?

Ich habe auf diese Fragen keine abschliessende Antwort. Meine Beobachtungen in der psychologischen Arbeit mit sehr vielen Jugendlichen mit ADHS zeigen mir aber deutlich, dass mit zunehmendem Konsumverhalten und dem Erstarken der Instant-Kultur (und ihrem je konkreten Einfluss auf die Individuen) die Kompetenz des Sich-etwas-erarbeiten-könnens drastisch abnimmt. Befriedigung muss jetzt sofort erfolgen.

Per Touch oder via Knopfdruck. Mit Drogen oder einem Smartphone funktioniert das. Aber nicht mit kreativem Schaffen! Folge ist, dass allfällig vorhandenes kreatives Potential brach liegen bleibt. Und ich vermute, dass dies auch bei Kindern und Jugendlichen ohne ADHS so sein könnte.




Halten wir uns noch einmal vor Augen, dass eine unbehandelte ADHS immer bedeutet, dass den Betroffenen (fast) alles viel zu lange dauert. Sie können syndrombedingt keine Geduld aufbringen.

Merke: Die Insta-Kultur ist bestens geeignet, das Schnell-Schnell-Syndom von ADHS-Betroffenen zu verstärken. Sie kann wie ein Brandbeschleuniger wirken.

Zwar befriedigt „Instant“ die Betroffenen bis zu einem gewissen Punkt. Auch weil sie – wenn es denn schnell genug geht und der Druck hoch genug ist – Erstaunliches leisten können. Dann aber versandet wieder alles. Energie, um etwas weiterzuentwickeln, ist keine mehr da.

Ich sehe das sehr eindrücklich auch im Atelier fotoLux. Und zwar bei denjenigen ADHS-Betroffenen, bei welchen die ADHS-Therapien nicht gut wirken. Instagram und Co. verführen die Betroffenen dann zu noch mehr Knipsen und Liken. Ständiges darauf achten, wie oft die eigenen Selfies geliked werden und wie sich die Anzahl der Follower entwickelt, hebt kurzzeitig den Dopaminumsatz und das Wohnsein, lenkt aber ab und lässt dadurch die wenige Energie, die sie noch haben, noch mehr verpuffen.

In diesem Teufelskreis sind Betroffene syndrombedingt immer weniger belastungs- und leistungsfähig. Das sie in der Folge für schulische Anforderungen immer weniger motiviert erscheinen, ist naheliegend.

 

Kreativitätsgefängnis

Weiter habe ich bei vielen jungen Instagram und Snapchat-Usern feststellen können, dass sie auf diesen virtuellen Plattformen fast immer nur unter Ihresgleichen weilen. Eine echte Chance, etwas für sie total Neues und vielleicht Inspirierendes zu erfahren (wie zum Beispiel bei einem Besuch im Zentrum Paul Klee oder einem Matinee in der Tonhalle Zürich), haben sie in diesen virtuellen und sogenannten „personalisierten“ Welten kaum.

Personalisiert = Filter auf diesen Online-Plattformen. Diese präsentierten den Usern als Neu immer nur das, wofür er/sie sich bereits auf Grundlage ihrer Likes interessieren oder interessieren könnten).

Like-Blasen

Gefangen in „Like-Blasen“ kann der damit verbundenen Filterung wegen, allfällig vorhandenes kreatives Potential verborgen bleiben. Kreativität ist ein bedeutsamer Faktor für die Entwicklung von Individualität und damit Baustein für die Identitätsentwicklung. „Insta“, Snapchat und YouTube können durch ihre personalisierten Welten diese wichtigen Prozesse ausbremsen.

Positives

Natürlich ist nicht alles des Teufels, was mit Computer und Bildschirmmedien zu tun hat. Im Gegenteil! Computerprogramme können sehr kreativ eingesetzt werden. Etwa bei der Bild- oder Videobearbeitung. Oder in der Musik. Schon lange existieren auch sehr kreative Computerspiele wie etwa Schachprogramme oder der bekannten Flugsimulator von Microsoft. Wer also denkt, hier schreibt ein technikfeindlicher Untergangsprophet, irrt.

 

Der Unterschied zum Konsumieren ist, dass die Benutzer (zum Beispiel beim Arbeiten mit Photoshop) eine aktive und eben nicht eine reaktive Rolle innehaben. Dadurch, dass sie fortwährend eigene und echt freie Entscheidungen fällen und ihren eigenen Weg beschreiten (und nicht blind und ohne es zu wissen den vorgegebenen Pfaden des Game-Programmierers folgen müssen), trainieren sie ihre eigene Phantasie.

Merke: Compterprogramme wie Photoshop, Videobearbeitungsprogramme, Schach usw. haben einen entschleunigenden Effekt. Und genau dies benötigen ADHS-Betroffene. Durch die aktive Rolle, das Sich-etwas-erarbeiten lernen sie, eines nach dem andern machen zu können. Ja, sie trainieren exekutive Funktionen!

 

Was tun?

    • Kinder und Jugendliche mit einer ADHS haben oftmals gar keinen Zugang zu ihrem kreativen Potential. Oft fehlt ihnen auch die innere Ruhe, sich auf den Klavierunterricht oder beispielsweise im Jugendtheater einlassen zu können. Versuchen soll man es trotzdem. Wenn nach verschiedenen Anläufen herausgefunden kann, wofür sich Kinder mit einer ADHS wirklich interessieren, ist schon ein grosser Schritt getan.
    • ADHS-betroffene Kinder und Jugendliche mit künstlerischen Begabungen und/oder einer hohen Intelligenz sollten in der Freizeit oder falls erforderlich im Rahmen einer multimodalen ADHS-Therapie in den Genuss therapeutisch-pädaogischer Fördermassnahmen kommen, welche an ihren Ressourcen ansetzen. Aus Erfahrung weiss ich, dass von diesen Massnahmen auch Kinder und Jugendliche mit Störungen aus dem autistischen Spektrum profitieren können.
    • Kreativitätsfördernde Massnahmen können eine ADHS-Basistherapie nicht ersetzen. Vielmehr ist es so, dass ein Minimum an intakten Exekutivfunktionen erforderlich ist, um von den Fördermassnahmen profitieren zu können. Wie Begabtenförderung mit ADHS-Betroffenen funktionieren kann, welche auf die medikamentöse Basistherapie nicht oder nur unbefriedigend ansprechen und ausgeprägte ADHS-Symptomatik aufweisen, weiss ich selbst noch nicht genau.
    • Kinder und Jugendliche sollen von den Eltern und den Lehrpersonen an den kreativen Umgang mit Computern, Kommunikations- und Bildschirmmedien herangeführt werden. Motto: Weniger ist mehr. Haben Sie als Eltern bitte keine Hemmungen, auch Verbote auszusprechen.
    • Reaktivieren Sie Fotoalben oder lassen Sie sich von Ihren Bildern Fotobücher herstellen. Sie tragen damit bei, das kollektive Familiengedächtnis zu erhalten und den Kindern zu ermöglichen, Erinnerungen an ihre eigene Geschichte aufzufrischen.
    • Bei ADHS-betroffenen Jugendlichen, welche suchtartig Bildschirmmedien konsumieren, ist davon auszugehen, dass die ADHS-Basistherapie nicht oder nicht genügend wirksam ist. Diese sollte dann durch die zuständige Fachperson überprüft und optimiert werden. Das problematische Konsumverhalten legt sich dann normalerweise. In sehr schwierigen Fällen könnte – Einsicht, Motivation und Einwilligung der Betroffenen vorausgesetzt – zur Einstellung der neuen Medikamente und zwecks Bildschirmmedien-Entzugsbehandlung eine stationäre Behandlung in Betracht gezogen werden.

      Lesen Sie hier weiter, wenn diese Informationen für Sie hilfreich waren.





Siehe auch:

 

Danke für diese Infos!

 

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© 2016 Piero Rossi

Tippfehler entdeckt!

Dieser Text wurde letztmals 12/2016 aktualisiert.

Wie man einen Satz oder einen Abschnitt aus diesem Text korrekt zitiert
Rossi, Piero: Kreativitätskiller WhatsApp & Instagram. In: Internetseite: www.ADHS.ch. Stand: [Datum der letzten Aktualisierung]. Abgerufen am: [Datum der Textentnahme]. Online im Internet URL: http://www.adhs.ch/?page_id=19948