Late-onset ADHS | ADHS mit Erstmanifestation im Erwachsenenalter

Ich bin Lehrerin und habe Schüler mit ADS in meiner Klasse. Kann man ADS auch erst im Erwachsenenalter bekommen? Eine Kollegin von mir behauptet dies steif und fest. Ich dache immer, dass ADS eine Kinderkrankheit ist, welche teilweise auch im Erwachsenenalter weiter besteht. Stimmt das, was meine Kollegin behauptet oder nicht? Falls ja, wo könnte ich mich abklären lassen? Freundliche Grüsse M.M.


http://www.adhs.ch/ueber-mich/

Unter Late-onset ADHS wird eine Form der ADHS verstanden, welche sich erst im Erwachsenenalter manifestiert. Währenddem einige Studien beanspruchen, die Evidenz der Late-onset ADHS nachzuweisen, erschien vor kurzem eine Untersuchung, welche die Late-onset ADHS grundsätzlich bezweifelt.

Diese Untersuchung von Sibley MH et al. stellt ziemlich radikal in Frage, ob für die postulierte ADHS bei Erwachsenen, welche in der Kindheit nicht an diesem Syndrom litten, tatsächlich wissenschaftliche Belege vorliegen.

Ihre Untersuchung habe gezeigt, dass die an eine ADHS denken lassenden Symptome Folgen anderer Störungen sind. Dabei komme dem Drogenkonsum (und seinen neurologischen Folgen) eine zentrale Rolle zu. Vor allem aber gab es keine Fälle von ADHS im Erwachsenenalter, welche unabhängig von einer komplexen psychiatrischen Vorgeschichte auftraten.

Ich habe die Diskussion um die Late-onset ADHS nicht wirklich gründlich verfolgt und auch nicht alle relevanten Studien dazu gelesen. Trotzdem war ich nach der Lektüre der Publikation von Sibley erleichtert. Und zwar, weil ich einer Late-onset ADHS von Anfang an eher kritisch gegenüberstand.

In meiner Praxis habe ich nämlich keinen einzigen erwachsenen Patienten mit einer ernstzunehmenden ADHS-Symptomatik kennengelernt, ohne dass diese Störung auch in der Kindheit evident war.  Und das in einem Zeitraum von über zwanzig Jahren. Zudem fehlt mir für eine Late-onset ADHS ein empirisch-theoretisches Gerüst, aus welchem sich eine Logik für eine Spätmanifestation einer ADHS ableiten liesse.




Was ich hingegen immer wieder angetroffen habe, waren Menschen mit ADHS-ähnlichen Beschwerden sowie Personen, welche aufgrund ihrer Symptome glaubten, an einer ADHS zu leiden. Darunter waren Frauen in der Abänderung, Menschen mit einer depressiven Grundsymptomatik, Erwachsene mit einer langen Suchtanamnese, narzistische Persönlichkeiten, Frauen mit posttraumatischen Belastungsstörungen und viele andere.

Die Untersuchung dieser Patienten ergab, dass ihren ADHS-ähnlichen Beschwerden andere Ursachen zugrunde lagen. Vielen ist nicht bekannt, dass Konzentrationsschwächen, Impulsivität und Organisationsdefizite Symptome sind, welche bei vielen anderen psychischen Erkrankungen und als Reaktion auf psychosoziale Probleme auftreten können.

Hier habe ich vor vielen Jahren schon darauf hingewiesen, dass Zerstreutheit, Vergesslichkeit, Aufmerksamkeitsprobleme, impulsives Verhalten, innere Unruhe, Desorganisation und weitere an eine ADHS erinnernde Beschwerden viele verschiedene Ursachen haben können. Das ist der Grund, wieso bei Verdacht auf ADHS immer eine sehr gründliche Untersuchung erfolgen sollte.

Stefan Lautenbacher und Siegfried Gauggel haben ein in diesem Zusammenhang wichtiges Buch herausgegeben: Neuropsychologie psychischer Störungen. Aufgezeigt wird, dass quasi alle psychopathologischen Syndrome ein neuropsychologisches Äquivalent aufweisen. 



Mitnichten ist die ADHS also die einzige psychische Störung, welche mit neuropsychologisch beschreibbaren Defiziten wie Störungen verschiedener Aufmerksamkeits- und Exekutivfunktionen einhergeht.

Wenn also eine wissenschaftlich abgestützte ADHS-Checkliste ADHS anzeigt, heisst das noch lange nicht, dass auch eine ADHS vorliegt. Meines Wissens gibt es bis heute keine ADHS-Test-Checklisten, welche validiert wurden unter Einbezug verschiedenster klinischer Stichproben. Verglichen wurden immer nur ADHS-Betroffene und Gesunde. Kein Wunder also, wenn die ADHS-Fallzahlen bei Erwachsenen steigen und steigen.




Zurück zur Late-onset ADHS: Mein schon länger gehegter Zweifel an einer Evidenz für die Late-onset ADHS beruht unter anderem darauf, dass ich in meiner Praxis auch Hunderte von Kindern mit einer ADHS kennengelernt habe. Die ADHS bei Kindern und Erwachsenen sind verschieden und doch sehr, sehr ähnlich.

Ihre ADHS-Symptome und Beschwerden unterscheiden sich klinisch und im Verlauf sehr deutlich von den Störungen der Aufmerksamkeits- und Exekutivfunktionen, welche mit anderen psychischen Erkrankungen einhergehen können. Letzteren fehlt die ADHS-Spezifik.

Bei Vorliegen einer ADHS ziehen sich nämlich nicht nur die ADHS-Kernsymptome wie ein roter Faden durchs Leben. Sondern auch die Art und Weise, wie die Betroffenen auf ihre ADHS und die Reaktionen der Umwelt psychisch reagierten. Dieser psychische Überbau der ADHS ist hochtypisch. Und unterscheidet sich elementar von Menschen mit ADHS-ähnlichen Beschwerden, die mit anderen psychischen Störungen oder psychosozialen Belastungssituationen einhergehen.

Für mich ist die ADHS eine (sehr wahrscheinlich) angeborene und bei zahlreichen Betroffenen ins Erwachsenenalter fortbestehende Entwicklungsstörung. Und bleibt es solange, bis ich einen Erwachsenen mit einer echten Late-onset ADHS kennenlerne. Oder bis überzeugende Kasuistiken (= Fallstudien) oder Untersuchungen publiziert werden, welche die Existenz der Late-onset ADHS belegen.

Falls eine Leserin oder ein Leser eine Fallbeschreibung oder andere Belege für die Existenz einer Late-onset ADHS hat, bin ich gerne bereit, diese hier zu veröffentlichen (Kontakt).


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Dieser Text ist urheberrechtlich geschützt. Er wurde erstellt am 27.11.2017.
© Piero Rossi




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