Mach endlich! Erziehungsprobleme und ihre Umfahrungsmöglichkeiten in Familien mit ADHS

Autor: Piero Rossi (2011)

Erziehungsprobleme: Alltag in ADHS-Familien

In vielen Familien mit ADHS-betroffenen Kindern prägen negative Stimmungen, Gereiztheit und zwischenmenschliche Spannungen den Alltag. Mit einem Wort: Erziehungsprobleme.

http://www.adhs.ch/ueber-mich/Der Tagesablauf ist geprägt von Streitereien zwischen den Geschwistern, der Ungewissheit darüber, in welcher Laune das Kind wohl von der Schule heimkommt, den Sorgen um den nächsten Fahrradunfall, um den heimlichen Zigarettenkonsum oder um die schulische und berufliche Zukunft des Kindes. Erziehungsprobleme und überforderte Eltern: Kein gutes Klima für Wohlsein und familiäres Zusammenleben.

Ruhige Momente sind rar. Oft beginnt der Stress schon am Vorabend: „Hoffentlich wird Debora morgen früh nicht wieder dermassen trödeln, dass sie dauernd mit ‚Mach endlich!‘ ermahnt werden muss. Wir können unseren eigenen Ausspruch nicht mehr hören!” Oder: „Mag Michi wenigstens heute einmal am Mittagstisch genügend essen?” Und: „Hoffentlich wird uns Leandras Lehrerin heute Abend beim Elterngespräch nicht wieder berichten, dass das Mädchen schon mehr leisten könnte, wenn sie sich nur mehr anstrengen würde – und uns damit nicht wieder zu verstehen geben, wir müssten noch mehr mit Leandra lernen. Dabei sitzen wir mit dem Mädchen doch schon stundenlang an den Hausaufgaben!“

Eltern von ADHS-betroffenen Kindern berichten uns von unzähligen, hartnäckigen und immer wiederkehrenden Alltagsproblemen, welche den Stresslevel in der Familie auf einem viel zu hohen Niveau verharren lässt. Dies wiederum verschärft das angespannte Klima in vielen Familien und damit auch das gereizte aufeinander Reagieren. Die Summe aller Einzelbelastungen ergibt eine Dauerbelastung, welcher vor allem die Mütter von betroffenen Kindern immer wieder an die Grenze ihrer Belastbarkeit führt.

Erziehungsprobleme – die grössten Baustellen

Im Folgenden werden – ausgehend von meinen Erfahrungen in der psychologischen Praxis – exemplarisch einige häufig vorkommende Konflikte und deren Lösungsmöglichkeiten vorgestellt.

Baustelle Nr. 1: Will sie nicht oder kann sie nicht?

„Zum Glück geht es Laura seit Beginn der medikamentösen Therapie in der Schule immer besser. Der Klassenlehrer bestätigte uns dies letzte Woche beim Elterngespräch. Trotzdem provoziert Laura beim Mittagessen immer wieder ihren jüngeren Brüder Kevin mit spitzen Bemerkungen, provozierenden Berührungen unter dem Tisch oder blitzartigem Wegziehen von Kevins Besteck. Sie ist kaum zu stoppen. Das Mädchen steigert sich jeweils total in diese Rolle hinein. Die ganze Familie ‚kocht’ dann buchstäblich – anstatt in Ruhe zu essen. Kaum kehrt Laura nachmittags von der Schule heim, geht das Theater wieder von Neuem los. Weder Belohnungspunkte noch Handy-Entzug nützten bisher. Wir können es uns kaum vorstellen, dass es im Unterricht wirklich ohne Probleme geht. Laura scheint es manchmal regelrecht zu geniessen, ihren Bruder zu plagen und die Familie zu stressen. Ist es vielleicht doch Lauras aggressiver Charakter, der sich mit zunehmendem Alter immer mehr zeigt? Zum Glück entschuldigt sich Laura jeweils im Verlauf des Nachmittags für ihr Verhalten.”

Umfahrungsmöglichkeit: Wenn es bei Laura dank der Therapie im Unterricht besser läuft, am Mittag aber trotzdem der Teufel los ist, müsste in einem ersten Schritt geprüft werden, ob es sich bei diesen Problemverhaltensweisen nicht um wieder aufflackernde ADHS-Symptome handelt, welche durch ein Nachlassen der Wirkung des Medikaments bedingt sind. Auch an einen sogenannten Rebound-Effekt ist zu denken. Gemeint ist damit ein übermässig starkes Wiederauftreten der Symptome beim Nachlassen der Wirkung der ADHS-Medikamente. Nicht immer wird berücksichtigt, dass die am häufigsten eingesetzten Stimulanzien eine Wirkdauer von nur etwa drei Stunden aufweisen. Kein Wunder also, wenn gegen die Mittagszeit und dann wieder gegen ca. 16:00 Uhr ADHS-Symptome erneut auftreten. Die behandelnde Ärztin beziehungsweise der behandelnde Arzt wird in diesen Fällen den Einsatz von länger wirkenden Stimulanzien erwägen. Sollten die Verhaltensprobleme trotz ausreichender medikamentöser Versorgung anhalten, ist das Problem mit der zuständigen psychologischen Fachperson zu lösen.


Bei Kindern mit einer ADHS, welche sich für ihr missliches Verhalten entschuldigen und welche ein mehrheitlich intaktes Sozialverhalten zeigen, ist es eher unwahrscheinlich, dass die Verhaltensstörungen Ausdruck einer charakterlichen Disposition oder einer Psychopathologie sind. Verhaltensstörungen, wie Laura sie zeigt, sowie ähnliche Probleme, weisen vielmehr darauf hin, dass es sich um ADHS-spezifische Verhaltensstörungen handelt, welchen therapeutisch noch nicht optimal begegnet werden konnte.

Baustelle Nr. 2: Anhaltende Schwierigkeiten trotz Therapien

„Wir sind verzweifelt. Andrin wird von der Kinderärztin und einem Psychologen optimal betreut. Trotzdem ist er immer noch sehr leicht ablenkbar. Auch sind die schulischen Leistungen immer noch knapp. Der Oberstufenübertritt steht vor der Tür und es ist zu befürchten, dass Andrin nicht wie vorgesehen in die Sekundar-, sondern in die Realschule versetzt wird.”

Umfahrungsmöglichkeit: Angesichts der grossen Fortschritte in der Medizin haben viele Eltern und Lehrkräfte die Erwartung, dass auch im Bereich der Psychologie und der Psychiatrie alle Probleme irgendwie lösbar sein müssen. Schliesslich gibt es Ritalin, andere ADHS-Medikamente und wissenschaftlich überprüfte verhaltenstherapeutisch ausgerichtete Behandlungen der ADHS. Trotzdem: Es ist eine Tatsache, dass trotz optimaler Therapie nicht allen Kindern mit einer ADHS gleich gut geholfen werden kann. Eltern sollten sich durch überzeichnete Machbarkeitsvorstellungen nicht zu sehr unter Druck setzen lassen. So verständlich die hohen Erwartungen an einen Behandlungserfolg der ADHS sind, so bedeutsam sind Bescheidenheit und eine Akzeptanz der Tatsache, dass nicht immer alle Probleme lösbar sind. Diese wohlwollende Einstellung kann Eltern von Kindern mit einer ADHS, welche auf die Behandlungen nicht oder nur ungenügend ansprechen, entlasten.

Baustelle Nr. 3: Wochenend–Terror mit Patrik

„Patrik geht es seit Beginn der ADHS-Therapie viel besser. An Schultagen hat ihm der Kinderarzt ein Stimulans verschrieben, welches Patrik gut verträgt. Er kommt meistens zufrieden von der Schule heim und ist furchtbar stolz, wenn er in Prüfungen gute Noten erreicht. Seine Schrift hat sich extrem verbessert. Auch ist Patrik viel ausgeglichener als vor der Therapie. Leider fällt Patrik an den Wochenenden und während den Ferien regelmässig in das alte Verhaltensmuster zurück. Er ist dann – ehrlich gesagt – unausstehlich, provoziert ständig seine Schwester, trotzt bei Aufforderungen (wie nach dem Essen beim Abräumen mitzuhelfen) und tigert den ganzen Tag ruhelos durchs Haus. Vielleicht müssen wir einmal in eine Familientherapie.”

Umfahrungsmöglichkeit: Ausgehend von der Grundhaltung, Kindern so wenig Medikamente wie möglich zu verschreiben, verordnen einige Ärztinnen und Ärzte die Einnahme der Stimulanzien nur während der Schulzeiten. Trotz guter Absicht erwies sich dieses Therapieschema in den meisten Fällen als kontraproduktiv. Warum? Stimulanzien nur in den Schulzeiten zu verabreichen heisst, sie an den Wochenenden wieder ihren Symptomen auszuliefern. Gerade die Wochenenden und Ferienzeiten bieten den Kindern ein ideales Lernfeld, um soziale Kompetenzen zu erlernen. Lernen können sie aber nur dann, wenn sie aufmerksam genug sind, um auch die leisen Töne der zwischenmenschlichen Interaktionen wahrnehmen zu können. Ausserdem bieten Wochenenden und Ferienzeiten Kindern viele Gelegenheiten, Seelennahrung aufzutanken. Dies setzt voraus, dass die Kinder sich diesen Erlebnissen – etwa einen Besuch des Spiegelgartens in Luzern mit dem Grossvater – hingeben, sie abspeichern und später daran erinnern können. Sie müssen also während des Ausflugs aufmerksam und ausreichend geduldig sein. Viele Ärztinnen und Ärzte empfehlen daher, dass die Stimulanzien also auch an Wochenenden und in den Ferien verabreicht werden sollen.

Baustelle Nr. 4: Einschlafstörungen

„Bei uns bestehen zur Einschlafzeit von Lara die grössten Konflikte. Das Mädchen kann und kann nicht einschlafen. Dieses Problem hat Lara seit dem Kleinkindalter. Immer wieder kommt sie herunter ins Wohnzimmer, um nach irgendetwas zu fragen oder weil sie Durst hat. Seit zwei Monaten hat sie zunehmend Ängste vor Gespenstern. Einschlafen geht nur dann, wenn ich oder mein Mann uns eine halbe Stunde zu Lara hinlegen. Das kann so nicht weitergehen. Wir Eltern haben den Familien-Feierabend dringend nötig, vor allem bei all dem Stress, den wir mit unseren ADHS-Kids haben.”

Umfahrungsmöglichkeit: Einschlafprobleme treten bei Kindern mit einer ADHS derart häufig auf, dass ich sie mit zu den Kernsymptomen dieses Syndroms zähle. Ich erinnere mich an kein Kind mit einer unbehandelten ADHS, welches problemlos einzuschlafen vermochte. Eigentlich auch verständlich, stellt doch die Einschlafzeit eine sehr reizarme Situation dar: Ruhe (keine akustische Stimulation), kaum Licht (keine visuelle Stimulation), kein Anfassen, kein aktives Bewegen und sich Spüren (keine taktile Stimulation). Da ADHS-Medikamente am Abend nicht mehr wirken, bedeutet das Ausbleiben von visueller, akustischer und taktiler Stimulation zur Einschlafzeit, dass die Kinder über noch weniger Reizschutz verfügen. Folge: Sie spüren alles und werden hypersensibel. Aus jedem noch so schwachen Druck auf die Blase wird ein: „Ich muss sofort aufs WC, sonst mache ich ins Bett!“, aus jedem noch so kleinen Durstgefühlchen wird ein: „Ich muss jetzt sofort etwas trinken!“, aus jedem möglicherweise Sorge erzeugenden Gedanken wird Angst und aus kaum wahrnehmbaren Schatten des Kleiderständers werden Gespenster oder Zombies. All diese Sinneseindrücke und deren Verarbeitung halten die Kinder verständlicherweise lange wach. Um es auf den Punkt zu bringen: Kinder mit einer ADHS können sich auch nicht gut auf den Schlaf konzentrieren. Tatsächlich erfordert ein Einschlafen, dass der Reizfilter aktiv ist, dass alles zurzeit Unwichtige ausgeblendet und abgeschaltet werden kann. Und genau dies können Kinder mit einer ADHS zur Einschlafzeit infolge des Stimulationsmangels sehr schlecht.




Damit Kinder sich auf den Schlaf konzentrieren können, sollte zwei Stunden vor der Einschlafzeit auf TV und Spielkonsolen verzichtet werden. Dann kann versucht werden, das Kind zur Einschlafzeit visuell (zum Beispiel durch ein sanft leuchtendes Mobilé) oder akustisch (zum Beispiel einen plätschernden Zimmerbrunnen) zu stimulieren. Nicht zu stark, aber auch nicht zu schwach. Es fokussiert sich dann auf diese Stimuli, was zu einer Aktivierung der Reizfilterung führt und dem Kind schliesslich ermöglicht, abzuschalten und einzuschlafen. Eltern beichteten uns wiederholt, dass auch eine halbe Tasse mit stimulierendem Milchkaffee Wunder wirken könne, währenddem Baldrian und andere beruhigende pflanzliche Mittel entweder gar nicht nutzten oder sogar eine gegenteilige, also aufputschende Wirkung hatten. In ganz hartnäckigen Fällen wird die verantwortliche Ärztin oder der zuständige Arzt eine kleine Dosis Stimulanzien – eingenommen 30 Minuten vor der vorgesehenen Einschlafzeit – verordnen, womit sich das Problem der fehlenden Konzentration auf den Schlaf in den meisten Fällen lösen lässt.

Baustelle Nr. 5: Unverständnis und Hilflosigkeit …

„Janik kann machen, was er will: Bei Prüfungen kann er das Gelernte nicht angemessen umsetzen. Die oft ungenügenden Noten scheinen Janik zu knicken. Wenn er nach Hause kommt, ist er entweder aggressiv oder gelähmt und manchmal sogar fast depressiv. Die ganze Familie leidet an einer Mischung aus Mitleid und Verärgerung über Janiks Verhalten. Es wird immer unerträglicher. Auch ein Gespräch mit dem Lehrer von Janik brachte keinen Erfolg. Im Gegenteil: Der Lehrer ist nicht bereit, Janik in Prüfungen mehr Zeit zu geben. Auch akzeptiert er nicht, dass Janik bei Prüfungen ein Abdeckblatt verwendet, um nicht in der Zeile zu verrutschen. Er müsse alle Kinder gleich behandeln, meinte der Lehrer. Wenn er eine Ausnahme bewillige, würde er überrannt von Ausnahmewünschen“

Umfahrungsmöglichkeit: Kinder mit einer ADHS und ihre Familien leiden nicht nur an den ADHS-Symptomen ihrer Kinder, sondern oftmals auch am fehlendem Verständnis der Umwelt. Beispiel Schule: Zwar beteuern immer mehr Lehrkräfte, um die ADHS zu wissen. Trotzdem stossen die Wünsche der Eltern bezüglich der Unterrichtsgestaltung, bei den Prüfungen oder den Hausaufgaben auf die ADHS-bedingten Handicaps des Kindes Rücksicht zu nehmen, immer wieder auf Granit. Selbst bei unkomplizierten Angelegenheiten, wie etwa das Kontrollieren des Hausaufgabenbüchleins, hören Eltern immer wieder, dass von einem Kind in diesem Alter erwartet werden dürfe, die Hausaufgaben selbstständig ins Aufgabenheft einzutragen. Gleiches gilt für Anliegen nach etwas mehr Zeit in Prüfungen, da das Kind wegen Konzentrations- oder Feinmotorik-Problemen nicht so schnell wie andere vorwärtskommt. Auch heute noch vernehmen Eltern immer wieder, dass Ausnahmen nicht drin liegen und die Lehrkraft alle Kinder gleichbehandeln müsse – als hätten alle Kinder die gleichen Voraussetzungen! Auch kommt es leider immer wieder vor, dass Lehrer sich weigern, dem Kind im Schullager die ärztlich verordneten Medikamente zu verabreichen.


Eine Umfahrungsmöglichkeit besteht darin, die Lehrkraft über die ADHS zu informieren. Dazu eignen sich die Informationsbroschüren der ADHS-Verbände oder Hinweise auf ADHS-Informationen im Internet (zum Beispiel: www.adhs.ch). Bei Bedarf kann auch ein Bericht zum Beispiel der behandelnden Psychologin oder des zuständigen Arztes dazu beitragen, dass die Lehrkraft die Probleme der Kinder mit ADHS besser versteht.

Baustelle Nr. 6: Kampf um die Hausaufgaben

„Wie können wir unseren hyperaktiven Sohn Marius bloss dazu bringen, endlich und ohne Verweigerung, Trotz und Getöse seine Hausaufgaben zu erledigen?“

Umfahrungsmöglichkeit: Hausaufgaben gehören für viele Kinder mit einer ADHS zu den am meisten gehassten Tätigkeiten. Sie drücken sich, versuchen, sie auf später zu verschieben, stehen – sofern sie sich überhaupt hinsetzen – ständig wieder auf und zeigen grösste Mühe, bei der Sache zu bleiben. Nicht nur das Lachen der draussen spielenden Kinder oder die Geräusche von Nachbars Rasenmäher, sondern buchstäblich jede Fliege vermag Kinder mit einer ADHS vom Erledigen der Hausaufgaben abzulenken. Einige Kinder mit ADHS – es sind vor allem Mädchen ohne Hyperaktivität – zeigen ein gegenteiliges Verhalten: Sie lernen mit übergrossem Eifer und übertriebenem zeitlichem Einsatz. Diese Kinder berichten uns, dass sie grosse Angst haben, das Gelernte schnell wieder zu vergessen und sich nur durch exzessives Lernen in der Lage sehen würden, sich dann während des Schulunterrichtes einigermassen an den Lernstoff erinnern zu können. Die Angst, am kommenden Schultag schon wieder blamiert an der Tafel zu stehen und infolge des verkürzten Arbeitsgedächtnisses einfachste Dinge wieder nicht aus dem Gedächtnis abrufen zu können, treibt diese Kinder zu übertriebenem Lernverhalten.

Warum sind Kinder mit ADHS wie sie sind?

Unruhige und impulsive Kinder mit einer ADHS zeigen die problematischen Verhaltensweisen nicht etwa, weil sie faul oder bezüglich ihrer Intelligenz überfordert sind, sondern weil sich während dem Stillsitzen die ADHS-typische Reizoffenheit noch weiter vergrössert. Sie werden dann überflutet von inneren und äusseren Eindrücken, welche mit dem Lernen meist gar nichts mehr zu tun haben und werden dadurch abgelenkt. Lernen bedeutet häufig monotones Repetieren sowie wiederholtes und langweiliges Üben. Dazu ist neben einer Grundmotivation Danke für diese Infos!auch eine altersentsprechend entwickelte Fähigkeit, die Aufmerksamkeit längere Zeit aufrechterhalten zu können, erforderlich. Ausserdem müssen Impulse (zum Beispiel aufzustehen) ausreichend unterdrückt werden können. Beides Eigenschaften, welche bei Kindern mit einer ADHS in subjektiv langweiligen Situationen schwach ausgeprägt sind. Üben ist für Kinder mit ADHS grundsätzlich schwierig. Sie suchen immer Neues und Interessantes und registrieren oft Nebensächlichkeiten. Gleichzeitig bekunden sie grosse Mühe, das Gelernte zu einem Ganzen zusammenzufassen. An Details vermögen sie sich zu erinnern, nicht aber an den Gesamtzusammenhang. Eltern haben dann den Eindruck, dem Kind fehle es an Motivation oder Einsicht. Viele Kinder mit einer ADHS leiden unter diesen Lernstörungen: Sie schämen sich, weil sie merken, dass sie es eigentlich kapieren müssten – es aber nicht klappt. Das lässt sie manchmal noch reizbarer und aggressiver werden. Was tun?

Weitere Umfahrungsmöglichkeiten und Tipps gegen Erziehungsprobleme

      • Vor dem Erledigen der Hausaufgaben sollte das Kind etwas essen und trinken.
      • Es muss sichergestellt sein, dass die ADHS-Medikamente auch zu den Zeiten noch wirken, in welchen die Hausaufgaben erledigt werden.
      • Bei Hausaufgaben-Problemen muss gewährleistet sein, dass neben der ADHS keine Teilleistungsstörungen (wie zum Beispiel eine nonverbale Lernstörung oder eine Legasthenie) vorliegen, welche dem Kind das Lernen zusätzlich erschweren. Falls doch, müssten diese im Gesamtherapieplan Berücksichtigung finden.
      • Konsum von Spielkonsolen und TV beeinträchtigen ganz generell die Konzentration und das Lernvermögen. Sie sollten – wenn überhaupt – erst 45 Minuten nach dem Lernen bewilligt werden (und dann für maximal eine halbe Stunde).
      • Es macht keinen Sinn, einzufordern, dass die Hausaufgaben alleine gemacht werden müssen. Alle Appelle an die Selbstständigkeit verstärken bei Kindern mit einer ADHS das meist sowieso vorhandene Überforderungsgefühl.
      • In sehr vielen Fällen können Kinder mit einer ADHS die ihnen gestellten Aufgaben nicht lösen, weil sie die Fragestellung überfliegen, anstatt sie zu lesen. Sie schreiten zur Antwort, bevor sie die Fragestellung in Ruhe gelesen haben. Daher ist es unumgänglich, die Lernenden darin zu unterstützen, solange bei der Aufgabenstellung zu verweilen, bis diese wirklich verstanden wurde.




      • Kinder mit einer ADHS müssen konkret (und am besten schriftlich) wissen, was, wie, wann und bis wann etwas von ihnen erwartet wird.
      • Da Kinder mit ADHS nicht lange still sitzen können, macht es wenig Sinn, von diesen Kindern zu erwarten, dass sie sich lange mit den Hausaufgaben herumquälen. Es empfiehlt sich, die Kinder in einem Rhythmus von maximal 15 bis 20 Minuten lernen zu lassen. Eine Küchenuhr leistet hierzu grosse Dienste. Je nach Ausprägung der Lernstörungen soll die Bezugsperson wiederholt wieder nach dem Rechten sehen und das Kind loben und ermutigen, auch den Rest der anstehenden Aufgaben zu erledigen.
      • Viele Kinder mit einer ADHS verweigern die Hausaufgaben, wenn von ihnen erwartet wird, alleine in ihrem Zimmer zu lernen. Sie halten dies schlichtweg nicht aus. Die Ruhe und der Mangel an stimulierenden Reizen führen dann zu einer unerträglichen emotionalen Anspannung und einem gänzlichen Zusammenbruch der Filterung von irrelevanten Reizen. Das Lernen wird dann vollends unmöglich. Abhilfe schafft gelegentlich ein leise im Hintergrund laufendes Radio. Paradoxerweise berichten Kinder mit ADHS immer wieder, dass sie mit Musik im Hintergrund besser lernen können und aufnahmefähiger sind. Man sollte sie gewähren lassen. Bei einem starken hyperaktiven Syndrom und der damit verbundenen Unfähigkeit, sich überhaupt hinsetzen zu können, sollte auch erlaubt werden, mit dem Buch in der Hand im Zimmer auf- und abzugehen. Auch ein Stehpult oder ein Schaukelsessel leisten mitunter gute Dienste.
      • Kinder, aber auch Erwachsene mit ADHS, bekunden immer wieder Mühe mit dem „In-Fahrt-Kommen“. Es ist, als würde der Startknopf nicht funktionieren. Eine Belohnung in Aussicht zu stellen ist meist ebenso wirkungslos, wie das Androhen von Strafe oder anderen Sanktionen. Das Zeitfenster ist bei Menschen mit ADHS zu klein, um sich eine in Aussicht gestellte Belohnung oder eine angedrohte Strafe merken zu können. Sie leben im Hier und Jetzt. Strategisch sinnvoll ist es, unmittelbar vor dem Beginn der Hausaufgaben dem Kind einen attraktiven Reiz zu bieten (Schokoriegel, kleines Geschenk, andere Überraschung). Dabei wird das Frontalhirn bereits zu Beginn der Hausaufgaben stimuliert und die Kinder sind oftmals besser in der Lage, die Hausaufgaben auszuführen.
      • Falls die Kinder sich dann tatsächlich hinsetzen und versuchen, sich den Hausaufgaben zu widmen, sollten sie gelobt werden. Das Lob soll also nicht nur für das erfolgreiche Durchführen der Hausaufgaben erfolgen, sondern bereits für den Versuch. Die Anstrengungsbereitschaft ist an sich schon lobenswert – und nicht erst das Resultat.
      • Grundsätzlich sollte die Lernsituation positiv gestaltet werden: Der Schreibtisch des Kindes darf nicht überladen und chaotisch sein. Wenn möglich sollte es im Kinderzimmer zwei Tische haben: einen Spiel- und Chaostisch sowie einen nur zum Lernen reservierten Schreibtisch mit einer guten (!) Leselampe in einer dem Kind zusagenden Farbtemperatur. Unbedingt sollten bei Umschlägen, Mappen und Ablagesystemen verschiedene Farben zum Einsatz kommen (auch diese führen zu einer neuronalen Stimulation und können mit dazu beitragen, die aktuelle Lernfähigkeit zu erhöhen).
      • Eltern beziehungsweise die für die Betreuung der Hausaufgaben verantwortliche Person müssen täglich den Schulrucksack kontrollieren. Dieser soll nach Abschluss der Hausaufgaben (und nicht erst am nächsten Morgen) wieder ordentlich bepackt werden. Im Schulrucksack soll sich nur das für die Schule notwendige Material befinden. Auch Sporttaschen, welche für den Sportunterricht des folgenden Tages gebraucht werden, sollten am besten im Anschluss an die Hausaufgaben gepackt werden.




Diese Liste von Baustellen in Familien mit Kindern mit einer ADHS liesse sich beliebig verlängern: Stress durch Geschwister oder Elternteile, bei denen ebenfalls eine noch nicht diagnostizierte und behandelte ADHS vorliegt, Stress durch die Folgen eines zu hohen Bildschirmmedienkonsums, Stress durch Falschinformationen über die ADHS oder etwa Stress durch abwesende Väter.

Gestützt auf Rückmeldungen von vielen Eltern besteht die zweitbeste Umfahrungsmöglichkeit darin, mit einer kompetenten Fachperson zusammenzuarbeiten. Auch diesbezüglich geben die Selbsthilfeverbände gerne Empfehlungen.

Die kürzeste aller Umfahrungsmöglichkeiten ist meiner Meinung nach ein Mitwirken bei der ADHS-Selbsthilfegruppe ELPOS (Schweiz) oder in anderen ADHS-Selbsthilfeorganisationen (siehe Links in der Seitenleiste). Für fast alle Alltagsprobleme in ADHS-Familien wissen andere Eltern praxisbewährte Tipps.

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Danke für diese Infos!

 

 

Diese Seite wurde letztmals am 15.04.2017 aktualisiert.
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