Sie wollen gerne eine Late-onset ADHS kennenlernen? Hier bin ich!

Sehr geehrter Herr Rossi!
Sie wollen gerne eine Late-onset ADHS kennenlernen? Hier bin ich! Erste störende ADHS Symptome zeigte ich erst mit Beginn der Pubertät. Wobei die Betonung auf „störend“ liegt. Natürlich bin ich mit dieser besonderen Gehirnchemie geboren, aber es gab in meiner Kindheit (außer in der Trotzphase mit 4 Jahren) keine negativen Auffälligkeiten. Warum ich das so genau sagen kann?

Weil meine Mutter sich seit der Geburt meines Bruders vor 36 Jahren intensiv mit dem Thema auseinander setzte, da er schon im Säuglingsalter ziemlich eindeutige „störende“ Symptome zeigte, wie hohe Ablenkbarkeit und Konzentrationsschwierigkeiten. Ich hatte diese Symptome nicht und deshalb dachte bei mir auch niemand an ADHS, als mit Beginn der Pubertät meine Wutausbrüche anfingen und meine Schulnoten schlechter wurden.
Als aber nach jeder Schwangerschaft meine Wutausbrüche schlimmer wurden und noch Unkonzentriertheit dazu kam, ließ ich mich in der Uniklinik in Innsbruck untersuchen und erhielt die Diagnose ADHS. Zu diesem Zeitpunkt war ich schon 34 Jahre alt.




Die Ärztin begann mit 40 mg Strattera, bis nach 6 Wochen der Spiegel aufgebaut war. Danach wurde Strattera ziemlich schnell auf 100 mg hochdosiert, was mir anfangs auch half, aber nach ungefähr 6 Monaten ließ die Wirkung nach und an ihre Stelle traten unerwünschte Nebenwirkungen wie Bluthochdruck, Tachykardien und völlige Emotionslosigkeit. Andere ADHS Medikamente habe ich nie erhalten, obwohl ich um Methylphenidad gebeten hatte. Laut Ärztin ist es in Österreich sehr schwierig, MPH zu verschreiben ohne Diagnose in der Kindheit.

Seit 3 Jahren nehme ich keine Medikamente mehr und bin auf der Suche nach einer geeigneten Verhaltenstherapie, bisher leider ohne Erfolg.
Danke fürs Lesen und viele Grüße aus Tirol!  K.


http://www.adhs.ch/ueber-mich/Hier zuerst einmal der Link zum Beitrag, auf welchen sich K. bezieht: Late-onset ADHS | ADHS mit Erstmanifestation im Erwachsenenalter.

Wenn sich bei Mädchen ADHS-Symtome erst in der Pubertät bemerkbar machen, ist das nicht aussergewöhnlich. Es ist nicht der Regelfall, aber ich habe selbst mehrere junge Patientinnen kennengelernt, deren ADHS erst mit 15, 16 in Erscheinung trat.

Die Symptome der ADHS müssen dann aber störend stark ausgeprägt sein. Und nicht nur zu affektiven Überreaktionen führen, sondern vor allem auch zu Leistungsproblemen in der Schule. Beides war bei Ihnen der Fall.

„Störend“ alleine würde übrigens nicht ausreichen für eine ADHS-Diagnose. Denn sonst bekämen alle lauthals Pubertierenden ADHS-Diagnosen. 

Es handelt sich bei Ihnen also nicht um eine Late-onset ADHS. Damit ist eine Form der ADHS gemeint, deren Erstmanifestation im Erwachsenenalter liegt. Der Umstand, dass bei Ihnen früher trotz ADHS-Beschwerden keine ADHS-Diagnose gestellt wurde begründet keine Late-onset ADHS-Diagnose.






Erstaunt bin ich, dass Sie von Beginn weg mit Strattera behandelt wurden. In der Regel wird auch bei Erwachsenen mit ADHS in einem ersten Schritt eine klassische Therapie mit Stimulanzien eingeleitet. Gut eingestellt ist der Wirkstoff Methylphenidat (MPH) immer noch die erste Wahl bei Vorliegen einer ADHS.

MPH zu verschreiben ohne Diagnose in der Kindheit sei schwierig, habe Ihre Ärztin gemeint. Das ist in den meisten Fällen auch richtig so. Nur kann bei Ihnen – wie oben dargelegt – retrospektiv durchaus davon ausgegangen werden, dass ADHS-Beschwerden vorlagen. Dafür spricht auch die ADHS-positive Familienanamnese.

Falls Ihre ADHS-Probleme immer noch evident und für Sie belastend sind, würde ich vorschlagen, die damalige ADHS-Diagnose von einer anderen Fachperson überprüfen und gegebenenfalls bestätigen und/oder ergänzen zu lassen.

Sollte die ADHS bestätigt werden, wäre – ergänzend zu einer Psychotherapie – vielleicht auch wieder an einen medikamentösen Behandlungsversuch zu denken. Diesmal aber mit Methylphenidat.

Da Sie seit drei Jahren keine Medikamente mehr einnehmen, ist es durchaus möglich, dass bei Ihnen eine ADHS-spezifische Psychotherapie ausreicht und Sie auch fortan keine ADHS-Medikamente benötigen.


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Dieser Text ist urheberrechtlich geschützt.
Er wurde erstellt am 20.12.2017.
© Piero Rossi




2 Antworten auf „Sie wollen gerne eine Late-onset ADHS kennenlernen? Hier bin ich!“

  1. Warum wird bei solchen spät erscheinenden ADHS-Symptomen immer von Mädchen geschrieben. Unser Sohn wurde mit genau solchen Schwierigkeiten wie zunehmenden Leistungsproblemen und affektiven Überreaktionen/Ausrastern erst mit 15jährig und im 3.Gymijahr diagnostiziert. Auch wir hätten vorher nie mit ADS gerechnet. Übrigens hat er genau dieselben Nebenwirkungen wie Emotionslosigkeit mit MPH erlebt. Auch Dosierungsanpassungen haben keine Besserung gebracht. Er nimmt es nicht mehr. Nach monatelanger Pause mit massiven Schulproblemen versucht er nun Elvanse.

  2. Gemäss dem Diagnosesystem DSM-5 muss die Erstmanifestation der ADHS vor dem 12. Lebensjahr liegen. In den allermeisten Fällen macht sich die ADHS bereits im Vorschulalter bemerkbar. Bei den Einzelfällen, in denen sich ADHS-Probleme erst in der Pubertät zeigen, handelt es sich meistens um Mädchen. Ich selbst habe in all den Jahren meiner Praxistätigkeit nie einen Jungen kennengelernt, bei dem sich die ADHS erst in der Pubertät manifestierte. Auch in der Fachliteratur lassen sich meines Wissens keine Hinweise auf eine verzögerte Erstmanifestation der ADHS bei Knaben finden. Trotzdem: Ganz auszuschliessen ist es nicht.

    Angesichts der beschriebenen Symptomatik (emotionale Überreaktionen, Leistungsprobleme) sowie unter Berücksichtigung der bei Vorliegen einer ADHS atypischen Nebenwirkungen auf Methylphenidat, könnte es meines Erachtens ein Versuch wert sein, die Gesamtproblematik neu beurteilen zu lassen („Second opinion“). Es ist bei Jungen im Alter Ihres Sohnes generell schwierig, zuverlässige Diagnosen zu stellen. Man muss wissen, dass Diagnosen nicht sakrosankt sind. Und auch, dass Fachpersonen sich irren können. Auch mir ist es einige Male passiert, dass ich mich in der Beurteilung irrte.

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