Strafe? Sinnvolle Strafen? Erwünschtes Verhalten belohnen!

Andreas (12, ADHS) gehorcht quasi nie und es kommt deswegen immer wieder zu bösen Streitereien – teilweise auch Handgreiflichkeiten. Gibt es sinnvolle Strafen?

Antwort: Gerade impulsive und oppositionelle auffällige Kinder produzieren während des Unterrichtes, aber auch zu Hause oder im Einkaufszentrum, viele Provokationen. Sie sind deswegen täglich Sanktionen und Strafen der Eltern, der Lehrer oder anderer Bezugspersonen ausgesetzt.

Merke: Nicht selten findet eine regelrechte Konditionierung auf Strafe statt. Diese Kinder kommen dann sich oftmals selbst nur noch „im Gestraft werden“ vor und bauen sich darum herum ihre „Negativ-Identität“ auf: Wollen sie sich spüren, müssen sie quasi „Mist bauen“. Die Folgen können fatal sein. Viele Jugendliche mit delinquentem Verhalten haben diesen Konditionierungsprozess hinter sich.

Der Streit fängt in der Regel dann an, wenn diese Kinder einer Aufforderung der Eltern bzw. der Lehrer nicht Folge leisten. Diese wiederholen dann ihre Anweisungen oder ihre Aufforderung meist mehrfach. Das Problem eskaliert in der Regel dann, wenn das betroffene Kind auch die wiederholte Aufforderung ignoriert. Falls das Kind der Anweisung Folge leistet, wird dieses Verhalten von den Eltern nicht speziell beachtet, da es als selbstverständlich angesehen wird. Das zeigt, dass das Nichtgehorchen mehr Aufmerksamkeit der Eltern zur Folge hat, als folgsames Verhalten.

Die Eltern beginnen – spätestens nach der dritten Aufforderung – laut zu schimpfen und zu drohen und werden manchmal auch selbst sehr aggressiv. Das oppositionelle und aggressive Verhalten des Kindes nimmt dadurch in den meisten Fällen eher noch zu. Schliesslich geben die ratlosen Eltern in ihrer Verzweiflung irgend einmal nach. Resultat ist, dass das Kind durch dieses Nachgeben der Eltern in seinem Verhalten schlussendlich belohnt wird. Das negative Verhalten wird verstärkt. Ausserdem lernt das Kind, dass aggressives Verhalten schlussendlich zum Ziel führt und ein geeignetes Mittel darstellt, eigene Vorstellungen durchzusetzen. Dieser Mechanismus funktioniert wie ein Teufelskreis und spielt sich nicht nur zu Hause, sondern auch in der Schule und bei anderen Gelegenheiten ab. Oft mit fatalen Folgen für den Betroffenen, aber auch für das Schul- bzw. Familienklima.




Ist dieser Interaktions-Mechanismus sehr eingeschliffen, kommt die betroffene Familie meist nicht ohne fachliche Hilfe aus diesem Teufelskreis heraus. Stichwortartig können folgende Empfehlungen abgegeben werden:

Tipp: Versuchen Sie – wo immer nur möglich – dem positivem Verhalten des betroffenen Kindes mehr Aufmerksamkeit zuzuwenden als den unerwünschten Verhaltensweisen. Loben und belohnen Sie konsequent kooperatives und freundliches Verhalten! Loben Sie auch, wenn das betroffene Kind überhaupt zuhört (dies ist bei Kinder mit ADHS alles andere als selbstverständlich).

Belohnungssystem
Eltern können sich ein Belohnungssystem erarbeiten. Zu diesem Zweck werden auf einer Liste die vier oder fünf am meisten erwünschten Verhaltensweisen (z.B.: „Elterliche Anweisungen in Ruhe anhören und in eigenen Worten wiederholen“, „Zuerst denken und dann handeln“, „Spannungszustände in Worte kleiden, statt auszuagieren“ usw.) in einfachen und altersgerechten Worten beschrieben. Ferner wird von den Eltern definiert, wie das erwünschte Verhalten belohnt werden kann. Mittels eines Punktesystems können Kinder diese positiven Erfahrungen „sammeln“ und – bei Erreichen einer vorher durch die Eltern festgelegten Limite – in konkrete Belohnungen eingetauscht werden (z. B.: Taschengelderhöhung, eine Stunde mehr TV usw.). Eltern müssen sich über das unerwünschte Verhalten und deren Konsequenzen (Sanktionen) einig sein. Das Kind muss ganz genau wissen, welches Verhalten erwünscht bzw. unerwünscht ist!

Sinnvollerweise wird etwa anlässlich einer „Familienkonferenz“ – und wenn möglich in aller Ruhe – eine Liste mit den vier oder fünf am meisten störenden Verhaltensweisen erstellt. Zu jedem dieser Punkte wird – gemeinsam mit dem betroffenen Kind – in einfachen Worten ein Satz formuliert, welcher das erwünschte Verhalten präzise umschreibt. Jedem dieser positiven Umschreibungen wird ein Symbol als Erinnerungsstütze beigefügt.

Analog dem oben beschriebenen Punktesystem definieren die Eltern schliesslich, welches Verhalten zu welchem Punkteabzug führt. Selbstverständlich können auch die oben beschriebenen elterlichen Einstellungen und Belohnungs- bzw. Strafmassnahmen nicht dazu führen, dass hyperaktive Kinder zu Engeln werden. Nur wenn es den Eltern wirklich gelingt, zu akzeptieren, dass die Störungen der Impulskontrolle zu den Grundsymptomen der ADHS gehören und es darum geht, zu lernen, mit diesen Ausbrüchen besser umzugehen, anstatt sie zu bekämpfen, nur dann besteht Aussicht, positiven Einfluss auf diese schwierigen Kinder zu gewinnen.

Hervorgehoben werden soll abschliessend die Wichtigkeit der elterlichen Kommunikation untereinander. Wenn diese sich selbst nicht einig sind über das erwünschte und das unerwünschte Verhalten, die Belohnungen und Sanktionen, dann ist es nahe zu unmöglich, aggressive und impulsive Kinder mit trotzigem und oppositionellem Verhalten „unter Kontrolle“ zu bringen. Dem Kind (und seinen Eltern) sollte klar sein, dass bestimmte Verhaltensweisen des Kindes das Zentrum der Probleme darstellt, und nicht das Kind als ganze Person.

Merke: Die oben genannten Massnahmen können bei Kindern und Jugendlichen eine medikamentöse Therapie nicht ersetzen, können diese aber hochwirksam ergänzen.

 

Dieser Text wurde letztmals 03/2017 aktualisiert.
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© 2016 Piero Rossi