ADHS – Auf dem Weg zur Lifestyle-Diagnose?

Erstmals veröffentlicht 2015 in ADHS-Spektrum: Neues und Altes aus der ADHS-Welt. Leicht überarbeitete Version.

Der kleine grosse Unterschied

Hier habe ich mich vor einer Weile zu den diagnostischen Kriterien der ADHS im neuen DSM-5 geäussert. Ich habe neben einigen positiven Neuerungen auch auf mögliche Probleme aufmerksam gemacht. So stellte ich unter anderem fest, dass die Kriterien der ADHS gegenüber der Vorgängerversion (DSM-IV) insgesamt gesehen ‚offener‘ definiert wurden.

In diesem Zusammenhang möchte ich Folgendes ergänzen: Bei meinen bisherigen Vergleichen DSM-IV und DSM-5 habe ich übersehen, dass in der neuen Fassung das ganz zentrale diagnostische Kriterium „D“ komplett anders definiert wurde.

Vorab aber noch Informationen zu den ergänzenden diagnostischen Kriterien der ADHS:

  • A: Definiert werden in den Bereichen Unaufmerksamkeit (A1) und Hyperaktivität/Impulsivität (A2) achtzehn Kriterien, von denen für eine ADHS-Diagnose je sechs erfüllt sein müssen.
  • B: Betrifft das Alter bei Erstmanifestation.
  • C: Probleme müssen situationsübergreifend auftreten.
  • E: Probleme dürfen nicht durch eine andere Erkrankung besser erklärbar bzw. verursacht sein.




Zunächst zum Kriterium „D“ im ‚alten‘ DSM-IV. Es lautet wie folgt:

D: Es müssen deutliche Hinweise auf klinisch bedeutsame Beeinträchtigungen in sozialen, schulischen oder beruflichen Funktionsbereichen vorhanden sein.“

Und so wird das Kriterium „D“ im neuen DSM-5 formuliert:

D: Es sind deutliche Hinweise dafür vorhanden, dass sich die Symptome störend auf die Qualität des sozialen, schulischen oder beruflichen Funktionsniveaus auswirken oder dieses reduzieren.“

Während also die Symptomatik gemäss DSM-IV noch zu klinisch bedeutsamen Beeinträchtigungen führen musste, um eine Diagnose ADHS stellen zu können, reicht es nunmehr aus, dass sich die Symptomatik störend oder hemmend im Alltag auswirkt.

Auch wenn dieser Unterschied auf den ersten Blick unscheinbar oder unwichtig erscheint, muss festgehalten werden, dass das DSM-5 an diesem Punkt eine 180 Grad-Kehrtwende vollzogen hat.

Klinisch bedeutsam. Was heisst das?

Um das nachvollziehen zu können, muss man wissen, was Fachpersonen unter „klinisch bedeutsamen Beeinträchtigungen“ genau verstehen.

Von „klinisch“ wird in medizinischen und psychiatrischen Fachkreisen dann gesprochen, wenn bei einer Patientin oder bei einem Patienten aktuell Symptome und Beschwerden in Erscheinung treten, die einer vermuteten oder gesicherten Krankheit zugeordnet werden können.

Klinisch bedeutsam sind Symptome und Beschwerden dann, wenn sie beim betroffenen Individuum mit Leiden (z.B. Schmerz) verbunden sind, wenn sie zu Freiheitsverlust führen (zum Beispiel wenn Kinder im Unterricht wegen Konzentrationsstörungen anhaltend nicht mithalten können oder etwa bei Stellenverlust wegen chronischer Vergesslichkeit) und wenn sie ein hohes Risiko mit sich bringen, dass sich die Symptome, die damit verbundenen Beeinträchtigungen und die Krankheit an sich verschlimmern könnten.

Wenn Ärztinnen oder Psychologen vom „klinischen Bild“ sprechen, meinen sie das gesamte, je aktuelle Beschwerdebild einer Patientin oder eines Patienten.

Zusammengefasst: Wenn von „klinisch bedeutsam“ die Rede ist, betrifft dies ernste Anzeichen / Symptome einer Erkrankung.




Im DSM-5 wird dieser klinische Kontext nicht mehr erwähnt. Zur Erfüllung des Kriteriums „D“ reicht es nunmehr aus,  dass sich die Symptome störend auf die Qualität des (…) Funktionsniveaus auswirken oder dieses reduzieren.

Mit dieser neuen Definition wurde die Schwelle zur Erfüllung des Kriteriums „D“ (und damit für die ADHS generell) auf einen Schlag von der Ebene der Erkrankung in jene des Alltags herabgestuft. Es reicht nunmehr aus, dass sich eine definierte Anzahl von Konzentrationsproblemen und/oder eine zu hohe Impulsivität im Alltag störend auswirken und die soziale oder berufliche Anpassung erschweren. Die Symptome müssen also gemäss DSM-5 nicht mehr den Schweregrad einer Erkrankung aufweisen.

Lifestyle-Diagnose?

Es mag überspitzt klingen. Und ist es vielleicht auch. Aber wenn man gemäss DSM-5 nicht mehr krank sein muss, um eine Diagnose ADHS zu erhalten, wird aus der ADHS bald einmal tatsächlich eine Lifestyle-Diagnose.

Man mag nun einwenden, dass dies doch eine positive Änderung ist. Nun sei es endlich möglich, dass auch Menschen mit leichten Symptomen eine ADHS-Diagnose und eine passende ADHS-Therapie erhalten würden. Dem ist aber nicht so. Wie hier aufgezeigt, können bereits mit dem DSM-IV alle ADHS-Betroffenen erfasst werden (sofern ihre Beschwerden klinisch relevant sind) .

Wenn immer noch zu wenige Menschen mit einer ADHS erfasst und behandelt werden, liegt das nicht an den diagnostischen Kriterien, sondern alleine an der immer noch ungenügenden Versorgungssituation.

Das DSM-5 führt dazu, das mehr Menschen als bisher die Voraussetzungen für die Diagnose ADHS erfüllen. Heikel ist diese ‚Aufweichung‘ der diagnostischen Schwelle für die ADHS-Diagnose deswegen, weil die Anzahl der falsch-positiven Diagnosen weiter zunehmen wird und weil noch mehr Patientinnen und Patienten irrtümlich mit ADHS-Medikamenten behandelt werden dürften.

Es handelt sich somit um einen weiteren Schritt in die falsche Richtung: Immer mehr Lebensbereiche und Befindlichkeiten wegen zugänglich gemacht für psychiatrische Diagnosen und noch mehr Menschen werden so zu guten Kunden von Apotheken.

Spitzfindigkeiten?

Ob „klinisch bedeutsam“ oder „störend“ ist nicht doch so wichtig! Sind das nicht akademische Spitzfindigkeiten? Und ist das alles nicht bloss Wortklauberei?

Man muss sich vor Augen halten, dass dem DSM-5 in der Forschung, bei Versicherungen, im klinischen Alltag und auch bei der Rechtssprechung eine hohe Bedeutung zukommt. Ähnlich einem Gesetzestext hat auch im DSM-5 jedes Wort und jede Formulierung Gewicht.

Nichts ist einfach nur so nebenbei daher geschrieben. Zudem: Alle grossen ADHS-Studien stützen sich bei der Definition ihrer Ein- und Ausschlusskriterien auf das DSM-5 (wer gehört zu Untersuchungsgruppe der Patienten, wer zu den Gesunden?). Auch für alle neuen ADHS-Tests bilden die diagnostischen Kriterien des DMS-5 der Goldstandard.

Auswirkungen auf Betroffene?

„Und was bedeutet das alles für mich als Mutter eines Kindes mit einer (möglichen) ADHS oder für mich als erwachsener ADHS-Betroffener? Heisst das nun, dass die ADHS in Wirklichkeit gar nicht existiert?“

Keine Sorgen. Die ADHS-Problematik ist evident, seit Jahrzehnten bekannt und gut erforscht. Meine obige Kritik betrifft nicht die ADHS als echtes Problem realer Menschen. Sondern den Sachverhalt, dass mit dem neuen DSM-5 die Schwelle für eine ADHS-Diagnose noch tiefer angesetzt wird. Das ist mit möglichen Problemen verbunden. Und nur darum geht es mir bei meinen Ausführungen.

Wer unsicher ist, ob die eigene oder die ADHS-Diagnose seines Kindes korrekt und/oder vollständig ist (etwa bei fortbestehenden Problemen), soll mit dem behandelnden Arzt oder der zuständigen Psychologin Rücksprache halten. Bei Bedarf kann man sich auch eine Zweitmeinung einholen.


Siehe zu dieser Thematik auch hier: ADHS-Kriterien nach DSM-5: Fluch oder Segen?


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Er wurde letztmals aktualisiert am 11.10.2017.
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Positive Seiten der ADHS – Mythos oder Realität?


Positive Seiten der ADHS? Tatsächlich?
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Positive Seiten der ADHS?

http://www.adhs.ch/ueber-mich/Keine Website und (fast) kein Ratgeberbuch über die ADHS, welche nicht die Vorzüge der ADHS preisen. Die Rede ist von den so zahlreichen „positiven Seiten“, welche die ADHS haben soll. Und den vielfältigen und speziellen Begabungen jener Menschen, die von diesem Störungsbild betroffen sind.

Stellvertretend für Dutzende von anderen ADHS-Internetplattformen hier einige Zitate aus der Internetseite von „adhs 20+ Schweizerische Info- und Beratungsstelle für Erwachsene mit ADHS“ (abgerufen im Internet am 27.04.2017):

  • „Menschen mit ADHS haben besondere Fähigkeiten, aussergewöhnliche Wege zu gehen. Sie brauchen aber ein Ziel, Motivation und vor allem einen Anfang. Nicht selten sind es Spitzenleistungen, die diese Menschen vollbringen…“
  • „Sie lieben das Neue und die Abwechslung, deshalb verfügen sie oft auch über mehrere Berufe und abgeschlossene Qualifikationen …“
  • „Sie brauchen Bewegungs- und Ideenfreiheit, gepaart mit Selbständigkeit. Dafür übernehmen sie auch gerne Verantwortung und Risiko. Haben sie für sich ein Spezialgebiet entdeckt, sind Wissbegierde und Arbeitseinsatz grenzenlos.“
  • „Sie haben häufig eine bessere Intelligenz als sie selbst und ihre Umgebung vermuten …“

Wie toll ist es doch, an einer ADHS zu leiden! Doch Halt. Was schreibe ich denn da? Eine ADHS ist kein Leiden. Nein, es ist eine Gabe. Ein Nice-to have. Immerhin: Gewöhnliche, ja gesunde  Menschen zeigen nur in Ausnahmefällen Spitzenleistungen und Aussergewöhnliches. Was für ein Vorzug, nicht zu den Normalos zu gehören.

Wie hemmungslos die Formulierungen auf der Website von adhs20+ zu den positiven Seiten der ADHS doch ausfallen. Und wie generös hier der Mythos des heiligen Kranken zelebriert wird. Ein Soziologe würde darob wahrscheinlich schmunzeln.

Einverstanden

Selbstverständlich geht es mir nicht darum, die Arbeit der ADHS-Organisation adhs20+ pauschal zu kritisieren. Ganz und gar nicht! Ich stelle hier lediglich das überzeichnet positive Bild der ADHS infrage.

Es ist richtig und wichtig, wenn auch positive Seiten der ADHS aufgezeigt werden. Das macht den Betroffenen zu Recht Mut und kann Ihnen Hoffnung geben.

Aber bitte nicht so! Warum nicht, fragen Sie sich jetzt vielleicht? Lassen Sie mich etwas ausholen.

Voraussetzungen für eine Diagnose ADHS

 

Gemäss DSM-5 wird zur Diagnose der ADHS unter anderem Folgendes verlangt (Hervorhebungen PR):

  • Es „…müssen deutliche Hinweise auf Beeinträchtigungen der sozialen, schulischen oder beruflichen Funktionsfähigkeit vorhanden sein.“
  • Die durch die ADHS hervorgerufenen Probleme bestehen zwingend bereits seit der Kindheit. Das gilt auch dann, wenn die Diagnose einer ADHS im Erwachsenenalter gestellt wird.
  • Es besteht ein „… durchgehendes Muster von Unaufmerksamkeit und/oder Hyperaktivität-Impulsivität, welches das Funktionsniveau … beeinträchtigt..“
    Aufmerksamkeitsstörungen und Symptome der Hyperaktivität-Impulsivität, wirken sich „… direkt negativ auf soziale und schulische/berufliche Aktivitäten“ aus.
  • Mehrere ausgeprägte Symptome der Unaufmerksamkeit oder der Hyperaktivität-Impulsivität „… bestehen in zwei oder mehreren Lebensbereichen (z.B. Zuhause, in der Schule, bei der Arbeit (…).“
  •  „Es sind deutliche Hinweise dafür vorhanden, dass sich die Symptome störend auf die Qualität des sozialen, schulischen oder beruflichen Funktionsniveaus auswirken oder dieses reduzieren.“

Wie bitte soll das alles zu grenzenlosem Arbeitseinsatz, zu Spitzenleistungen und Unternehmertum passen?




ADHS ist eine Behinderung

  • Bei der ADHS und vielen anderen Entwicklungsstörungen handelt es sich um Behinderungen. Eine ADHS-Diagnose gemäss DSM-5 setzt also (unter anderem) zwingend voraus, dass die Symptomatik ausgeprägt und folgenreich sein muss. Sonst darf die Diagnose nicht gestellt werden. Und wird sie trotzdem gestellt (was im Trend liegt), ist sie falsch.
  • Die ADHS ist keine Krankheit, welche mal kommt und dann wieder verschwindet. Wie zum Beispiel depressive Episoden. Die ADHS ist ein seit Kindheit bestehendes chronisches Leiden.
  • Sie muss sich nicht durchgehend in seiner schwersten Form zeigen. Beschwerdefrei ist man mit einer ADHS indes so gut wie nie. Und wenn doch, dann nur für eine kurze Zeit. Beispielsweise während einer Schwangerschaft. Eine symptom- und beschwerdelose ADHS ist keine ADHS.
  • Wer seit dem Kindesalter an einer ADHS leidet, kann seine Kreativität, seine Begabungen   und seine Intelligenz eben gerade nicht entwickeln. Oder nur sehr eingeschränkt. Die ADHS verhindert eine angemessene Schul- und Berufsausbildung in nahezu allen Fällen.
  • Selbst ein gutes Ansprechen auf eine Therapie im Erwachsenenalter kann keine Wunder vollbringen: Die Schulbildung ist mehr oder weniger vermasselt. Und bleibt es auch bei erfolgreicher Behandlung.
  • Und die abgebrochenen Ausbildungen bleiben abgebrochen. Und der Versuch, dann doch noch die Mittel- oder Hochschulreife (Abitur, Matura) nachzuholen, bleibt in den allermeisten Fällen ein Versuch. Und die neue Beziehung ist auch im Eimer. Wie schon die Letzte. Und die Vorletzte. Und die Vorvorletzte.
  • Und das alles trotz all der vielen positiven Seiten, welche einige ADHS-Betroffene haben sollen. Schöne wertlose „positive Seiten“!
  • Auch eine perfekt ablaufende Psychotherapie vermag die tief sitzenden Schamgefühle und Selbstwertprobleme von Menschen mit einer ADHS nicht aus der Welt zu schaffen. Die Verletzungen, welche sie seit Kindheit erleben, sind oftmals von traumatischer Qualität.
  • Viele dieser Wunden führten zu bleibenden Narben. Und zwar geschichtet in vielen Jahresringen.
  • Eine Psychotherapie kann sehr wohl entlastend wirken. Die psychischen Folgen der oftmals Jahrzehnte lang anhaltenden Misserfolgserlebnisse und Kränkungen kann sie hingegen nicht wettmachen.

Unerhört!

So pauschal zu schreiben, dass ADHS-Betroffene über mehrere Ausbildungen und abgeschlossene Qualifikationen verfügen, ist unerhört. Und komplett falsch. Und diskreditierend.

Wie bitte sollen sich Menschen mit einer ADHS fühlen, wenn sie auf der Website einer ADHS-Beratungsstelle oder in einem ADHS-Ratgeber für Erwachsene lesen, wie toll es doch sein kann, ADHS zu haben? Und über welche beeindruckenden Eigenschaften sie verfügen (sollten).

  • Menschen, die sich seit Kindheit irgendwie und mit Müh und Not durchs Leben kämpfen. Und immer wieder einen „auf den Deckel“ kriegen. Das ist die Regel und nicht die Ausnahme.
  • Menschen, die tief im Innern fest davon überzeugt sind, einfach nur dumm und unfähig zu sein. Und diese hartnäckigen kognitiven Schemata und die damit verbundenen Gefühle einfach nicht befriedigend gut überwinden können. Auch nicht in einer Psychotherapie.
  • Menschen die arbeitslos sind oder unter der ständigen Angst leiden, ihre Stelle zu verlieren. Weil sie schon wieder XY gegenüber ‚undiplomatisch‘ reagierten. Oder weil ihnen trotz wiederholten Gesprächen mit den Vorgesetzten schon wieder diese dummen Fehler unterlaufen sind.

Und dann lesen sie, wie eine ADHS-Organisation wunderbar elegant und nonchalant über die gute Intelligenz von ADHS-Betroffenen schreibt. Und über deren Spitzenleistungen und ihren grenzenlosen Arbeitseinsatz.




Ich habe ADHS-Betroffene kennengelernt, welche sich mit beiden Händen die Ohren zugehalten haben, als sie mir erzählten, wie mies sie sich nach der Lektüre dieses oder jenes ADHS-Buches für Erwachsene gefühlt haben. Mit all den guten Tipps, die bestensfalls bei Personen ohne ADHS funktionieren können. Und all den tollen Eigenschaften, welchen Erwachsenen mit einer ADHS zugeschrieben werden.

„Gib Dir mehr Mühe! Du musst nur wollen, dann schaffst Du es!“

Der Diskurs rund um die angeblich so positiven Eigenschaften von Menschen
mit einer ADHS reproduziert die gleichen Ansprüche, welche schon die
 Eltern, die Lehrer, die Ausbildner, ja die ganze Gesellschaft an die Betroffenen hatten.
Einfach anders verpackt.

Und wecken damit in vielen Betroffenen die alten Gefühle 
der Ohnmacht, der Unfähigkeit, des Versagens und der Scham.

Unternehmer und Piloten mit ADHS

Es ist kein Scherz: Forscher postulieren, dass die Symptome ADHS auch wichtige unternehmerische Eigenschaften fördern sollen  (Zusammenfassung siehe hier).

Gestern waren es Einstein und Hitchcock. Heute sind es Unternehmer. Und morgen Piloten, welche es trotz oder dank einer ADHS so weit gebracht haben.

Ein Unternehmen führen können Menschen gewöhnlich auf Grundlage einer erfolgreichen Berufskarriere. Schulen, Ausbildung, Berufspraktika, Hochschulbildung, Arbeitsstellen müssen mit Erfolg durchlaufen werden. Ausnahmen bestätigen die Regel.

Bei Vorliegen einer ADHS hingehen klappt es in dem allermeisten Fällen nicht einmal bei einem erfolgreichen Schulabschuss. Die ADHS hindert die Betroffenen nachhaltig daran, ihr intellektuelles, zwischenmenschliches und kreatives Potential zu entfalten.

Mag sein, dass der eine oder andere der genannten Persönlichkeiten gewisse, an eine ADHS erinnernde Persönlichkeits- oder Charakterzüge aufweist oder aufwies. Mit einer ADHS hat das aber nichts zu tun.

Verstorbene und noch lebende Persönlichkeiten, welche an einer ADHS leiden sollen, werden ins Feld geführt. Darunter auch richtige Stars. Und auch welche, die von der Pharmaindustrie gesponsert wurden (ADHSpedia).




Klar: Hyperfokus, Bereitschaft, Neues auszuprobieren, Spontaneität und Impulsivität sind ohne Zweifel Persönlichkeitsmerkmale von leistungsfähigen Menschen. Daraus die Schlussfolgerung zu ziehen, dass diesen Merkmalen eine ADHS zugrunde liegt, ist indes abwegig.

Nochmals: ADHS-Merkmale sind von klinischer Evidenz. Sie sind mit Leiden verbunden, haben den Status von Symptomen und stehen für ein definiertes Störungsbild.

Denkbar ist durchaus, dass bei den von Prof. Dr. Dr. Holger Patzelt (Professor auf dem Gebiet der Betriebswirtschaftslehre) befragten 14 Selbstständigen tatsächlich einmal eine ADHS-Diagnose gestellt wurde.

Nur wissen wir aber bestens, dass die ADHS nicht so einfach wie ein Beinbruch zu diagnostizieren ist. Immer häufiger werden heute ADHS-Symtome mit dem Vorliegen einer ADHS gleichgestellt. Das habe ich bei Erwachsen wiederholt beobachten können.

ADHS bei Akademikern?

Ich habe während der langen Jahre meiner Praxistätigkeit folgende Akademiker/-innen mit ADHS kennengelernt: Eine Historikerin, eine Psychologin, einen Arzt, eine Frau , welche erfolgreich Slavistik, Publizistik und Theaterwissenschaften studierte, einen ETH- und einen HSG-Studenten, ein Gymnasiast, welcher jetzt Meeresbiologie studiert und …

Das war’s. Glaube ich. Zwei, drei werde ich vergessen habe. Es waren ja einige.

Daneben kenne ich mehrere Ärzte, die von sich sagen, bei Ihnen bestünde eine ADHS. Davon etwas gemerkt habe ich indes nichts.

Wer an einer ADHS leidet, schafft es auch bei guter Intelligenz nur in den seltensten Fällen, die Mittelschul- oder gar die Hochschulreife zu erreichen. Und es ist ja nicht so, dass ich eine Praxis nur für Randständige hatte. Mein Klientel stammte zum überwiegenden Teil aus dem Bildungsbürgertum. Wenn die ADHS auch bei Akademikern evident wäre, hätte ich das wahrscheinlich mitbekommen müssen.




Pizzaiolo mit ADHS

Ich habe einige ADHS-betroffene Erwachsene kennengelernt, welche selbständig sind. Und ziemlich glücklich. Einen Betreiber eines kleinen Pizzeria-Takeaways, eine Hutmacherin, mehrere Informatiker, eine Tupperware-Beraterin und andere.

Zur Selbstständigkeit sind fast alle aus der Not heraus kommen. Weil sie sich den Arbeitsplatz syndrombedingt immer und immer wieder verscherzt haben. Und der überwiegende Teil dieser Selbständigen hatte eine Partnerin bzw. einen Partner, welcher in organisatorischen Belangen tatkräftig mithalf.

Und ich habe viele kennengelernt, welche gescheitert sind beim Versuch, sich selbstständig zu machen. Syndrombedingt fehlte es den Meisten an organisatiorischen Kompetenzen und Durchhaltevermögen. Der Schuldenberg war dann noch höher.

Sind vielleicht nur die leichten Fälle gemeint?

DSM-5 teilt den Schweregrad einer ADHS in „Leicht“, „Mittel“ und „Schwer“. Ist es vielleicht nicht einfach so, dass adhs 20+, Prof. Dr. Dr. Holger Patzelt und alle anderen Autoren, welche die ach so tollen Seiten der ADHS artikulieren, ausschliesslich leichte Fälle im Auge haben?

Nein. Es gibt keine leichte ADHS. DSM-5 definiert „leicht“ folgendermassen (Hervorhebung PR): „Es treten wenige oder keine Symptome zusätzlich zu denjenigen auf, die zur Diagnosestellung erforderlich sind ….“.

Mit anderen Worten: Der Schweregrad „Leicht“ bezeichnet nicht etwa eine milde ADHS mit wenigen Symptomen und geringen Beschwerden. Sondern eine behindernd stark ausgeprägte ADHS. Denn: „Mittel“ und „schwer“ bedeutet beim DSM-5, dass die Auswirkungen der ADHS nochmals stärker ausfallen.

Oder sind Fälle gemeint, bei denen sich die ADHS zwischenzeitlich abgeschwächt hat?

DSM-5 erlaubt zu bestimmen, ob eine teilremittierte ADHS vorliegt. Und zwar dann, wenn  „… die Kriterien früher vollständig erfüllt worden sind, in den letzten 6 Monaten nicht alle notwendigen Kriterien erfüllt wurden und die Symptome führen zu nicht mehr als geringfügigen Beeinträchtigungen in sozialen, schulischen oder beruflichen Funktionsbereichen.“

Mit anderen Worten: Dem ADHS-Patienten geht es maximal seit einem halben Jahr besser.

Klare Sache. Oder denkt jemand, in einem halben Jahr liessen sich alle Folgen und Hancicaps, welche das Leben mit ADHS einschränken, einfach so wegbügeln? Natürlich nicht. Eine abgeschwächte ADHS kann also auch nicht gemeint sein.




Verharmlosung

Wer postuliert (oder besser gesagt, es anderen Autoren/-innen abschreibt, welche es ihrerseits irgendwo abgekupfert haben), dass bei Bill Gates, Albert Einstein, Alfred Hitchcock oder Amadeus Mozart  eine ADHS vorgelegen haben soll (oder vorliegt), verharmlost die ADHS. Weil diese Postulate nicht belegt sind.

Und falls doch, weil es sich um absolute Einzelfälle handelt, welche in keinster Weise stellvertretend für die ADHS-Betroffenen stehen.

Dieser Diskurs, welcher die ADHS in einen direkten Zusammenhang mit berühmten Persönlichkeit und Stars, mit hoher Intelligenz, Genialität und Spitzenleistungen und neuerdings mit Unternehmertum bringt, erzeugt ein Bild der ADHS, welches absolut fern jeglicher klinischer Realitäten ist.

Und trägt (oftmals unwissentlich und ohne Absicht) massgeblich dazu bei, dass die Öffentlichkeit diesen Diagnosen und den von ihr wirklich betroffenen Menschen mit immer mehr Irritation oder Skepsis begegnet.

Und befördert dadurch ein Bild der ADHS als Lifestyle- oder Modediagnose.

Wer sich vielleicht bald die Hände reiben wird, sind die Krankenversicherungen. Wenn es nämlich so weitergeht, könnte die ADHS dereinst den Status einer Krankheit verlieren. Wenn Menschen mit ADHS zu Spitzenleistungen fähig sind und sogar Berühmtheiten trotz ADHS zu Ruhm und Ehre gelangen, kann es so schlimm mit dieser ADHS ja nicht sein.

ADHS light?

Lifestyle-Diagnose? ADHS: Nice-to-have? ADHS als besondere Ressource im Unternehmertun? ADHS bei Akademikern?

Der Trend geht in Richtung ADHS light. Auch die Revision der DSM-5 weist klar in diese Richtung (Details dazu siehe hier). Die Anforderungen an eine ADHS-Diagnose wurden mit der letzten Revision der DSM (2013) nämlich merklich heruntergeschraubt. Es ist heute einfacher als unter DSM-IV, eine ADHS zu diagnostizieren.

Kernmerkmale von ADHS-light sind:

  • ADHS-ähnliche Symptome, verbunden mit einem gewissen Leidensdruck, aber ohne Krankheitswert.
  • Alle oder fast alle für die Diagnose einer ADHS zwingenden Bedingungen (behindernd starke Symptome von klinischer Relevanz, Krankheitsbeginn in der Kindheit, chronischer Verlauf, anhaltender Leidensdruck, Ausschluss von Differenzialdiagnosen usw.) sind nicht erfüllt.
  • Keine ADHS-positive Familienanamnese (also keine Verwandten mit ADHS).

ADHS-light passt bestens zum Homo oeconomicus. Und zu vielen Menschen, die dem Leistungsdruck moderner westlicher Gesellschaften ausgesetzt sind.
ADHS-light entspricht auch dem Lebensgefühl vieler Menschen, welche ihren Platz in der Gesellschaft primär aus psychosozialen Gründen nicht gefunden haben. Und immer auf der Suche nach sich selbst sind. Und sich, oftmals den gesellschaftlichen Rahmenbedingungen wegen, nicht finden können.




Für sich alleine gesehen passen die Symptome der ADHS nämlich verflixt gut zu einem Hin- und Hergerissen sein zwischen eigenen Bedürfnissen und den Einschränkungen, welche Arbeitswelt, Geschlechterrollen und andere soziale Faktoren definieren.

Ich bin Akademiker mit ADHS – was gilt nun?

Gestützt aus Informationen von ADHS-Internetforen und Rückmeldungen von Berufskollegen weiss ich, dass doch zahlreiche Akademiker von der ADHS betroffen sein sollen.

Wenn einer dieser Betroffenen meine Zeilen liest, könnte er/sie denken: „Hallo! Was gilt nun?“ Und: „Habe ich vielleicht gar keine ADHS?“ Oder: „Gemäss Rossi ist es unwahrscheinlich, dass jemand mit ADHS auch bei guter Intelligenz es überhaupt bis zur Hochschulreife schafft.“

Grundsätzlich schadet es Akademikern nie, sich und die gefassten Diagnosen kritisch zu reflektieren. Klar, eine Diagnose kann man sich selber nicht stellen. Aber man muss auch nicht päpstlicher als der Papst tun. Und kann selbst anhand der frei verfügbaren Diagnosekriterien für die ADHS prüfen, ob Beschwerden und Krankengeschichte einer ADHS entsprechen oder nicht.

Man muss sich vor Augen halten, dass Menschen aus dem Bildungsbürgertum bei Beschwerden einen viel einfacheren und bewussteren Zugang zu den eigenen Problemen haben. Und zu Dienstleistungen im Gesundheitsbereich.
Das führt dazu, dass in ADHS-Internetforen und Facebook-Gruppen der Anteil betroffener Akademiker höher ausfällt als in der Bevölkerung. Das wiederum erweckt fälschlicherweise den Eindruck, dass ADHS bei Akademikern doch recht oft vorkommt.

1 zu 35: Auf einen Akademiker mit Abklärung + ADHS-Diagnose kommen geschätzt 35 ADHS-Betroffene, welche gar nichts über die Gründe ihrer chronischen Probleme wissen.

Krankheiten sind nicht die häufigsten primären Ursachen von persönlichem Unwohlsein, von Identitätskrisen, von Selbstwertproblemen, von Ängsten, von Leistungs- und anderen Problemen. Sondern die Gesellschaft. Vielmehr sind es: Arbeitslosigkeit, Angst vor Arbeitsplatzverlust, Existenzängste, Überlastung, Stress und Entfremdung am Arbeitsplatz, Mobbing und viele andere Aspekte.

Gesundheitssendungen am TV, Gesundheitsratgeber-Bücher, Internetseiten, Foren und Blogs zu allen nur erdenklichen Krankheiten lenken unsere Aufmerksamkeit auf das Innere der Menschen. Was sicher nicht nur falsch, aber halt auch bestens geeignet ist, um von den primären Ursachen vieler Beschwerden und Krankheiten abzulenken.




Fazit

Mir geht es nicht darum, ein rabenschwarzes Bild vom Dasein mit einer ADHS zu zeichnen. Und ja, auch Menschen mit einer ADHS können glücklich und auch erfolgreich sein.

Was aber nichts daran ändert, dass sich das in der Regel auf einem mehr oder weniger bescheidenen Kompromiss-Niveau abspielt. Und selbstverständlich gilt auch hier: Ausnahmen bestätigen die Regel.

Bleiben wir am Boden. Eine ADHS ist kein Zuckerschlecken. Viele zerbrechen daran. Da gibt es nichts zu glorifizieren.

Ich würde mir wünschen, dass die im echten Leben und in diesem Artikel (und auf ADHS.ch generell) aufgezeigten Realitäten das gesellschaftliche Bild der ADHS bestimmen. Und nicht ADHS-Phantommenschen, die nur in den Köpfen verschiedener Autoren leben.

Lesen Sie hier weiter, wenn diese Informationen für Sie hilfreich waren.


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Er wurde letztmals aktualisiert am 11.10.2017.
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Buchbesprechung: Neurodiagnostik in der Praxis | Personalisierte Medizin

Erstmals erschienen 2001 in ADHS-Spektrum: Neues und Altes aus der ADHS-Welt.

Einleitung

Endlich erschien wieder einmal ein spannendes, gut geschriebenes und übersichtlich gestaltetes Fachbuch über die ADHS. Ein Fachbuch, bei welchem die Leser/-innen nicht schon nach wenigen Absätzen das Gefühl beschleicht, selbiges doch kürzlich in einem anderen ADHS-Fachbuch schon einmal gelesen zu haben. Und es ist ein Buch über die Personalisierte Medizin bei ADHS.

 

Titel: ADHS – Neurodiagnostik in der Praxis. Autoren sind: A. Müller, G. Candrian und J. Kropotov. In diesem Fachbuch werden primär die Möglichkeiten der EEG-basierten Neurodiagnostik bei einem Verdacht auf ADHS erläutert. Die Autoren gehen dabei auf eigene Untersuchungstechniken wie unter anderem die Erhebung der evozierten Potenziale und deren Interpretation ein. Interessant sind unter anderem die sehr übersichtlichen Kapitel zur funktionellen Neuroanatomie der ADHS. Erfrischend auch, dass sich mehrere Kapitel praktischen, klinisch-therapeutischen Fragestellungen widmen. Alles andere also als „graue“ Theorie.

Ausgangspunkt

Ausgangspunkt der Autoren bildet „ein grosses Unbehagen in Bezug auf die Subjektivität der Diagnostik“. Solange sich eine Diagnostik auf individuelle Beobachtungen von Menschen aus ihren je unterschiedlichen Perspektiven abstütze, blieben diese zu ungenau. Die Autoren fordern eine „objektivierte, auf der Biologie basierende Diagnostik“. Ihrem Konzept nach ermöglichen neurophysiologische Testwerte, gewonnen aus der Messung von Hirnströmen und deren Veränderungen, welche sie mit einem eigens entwickelten Testprozedere erheben, das Erfassen von Biomarkern, welche spezifisch für eine ADHS und deren Subtypen stehen sollen. Mittels Vergleich dieser Daten von möglichen ADHS-Patienten mit jenen in einer in St. Petersburg domizilierten Datenbank mit gesammelten Werten von Hirnströmen gesunder Menschen, liessen sich 89% der (erwachsenen) ADHS-Patienten korrekt diagnostizieren. Die Autoren betonen dabei die Chancen der „Personalisierten Medizin“, deren Tradition sie sich verpflichtet fühlen. Dieser geht es darum, auf Basis biologischer Kenndaten (Biomarkern) passgenaue und auf das Individuum zugeschnittene Therapien zu ermöglichen.




Personalisierte Medizin: Meine Bedenken

Die Ausführungen von Müller, Candrian und Kropotov lösen bei mir neben Interesse und Anerkennung auch eine Portion Unbehagen aus. Worum geht es?

  • Die Biomarker-Diagnostik beruht auf hochgradig technologisierter Forschung. Letztendlich stellen Computer und Gentests Diagnosen und nicht mehr Menschen. Wollen wir das?
  • Speziell bei psychiatrischen Diagnosen ist ein biologistischer Ansatz, in welchem psychische Störungen primär auf biologische Gesetzmässigkeiten reduziert werden, meines Erachtens nicht nur falsch, da verkürzt, sondern allein schon aus historischen und politischen Gründen höchst problematisch. Im Faschismus etwa wurden Diskriminierung und Rassentrennung durch biologische Argumente gerechtfertigt. Dass die Autoren diesbezüglich nicht mehr Fingerspitzengefühl gezeigt und sich entsprechend abgegrenzt haben, irritiert.
  • Mit einem Exkurs auf öko- und biosystemische Regulationsmodelle versuchen die Autoren, die propagierte biologische Diagnostik und Therapie in ein ganzheitliches, systemtheoretisches und systemtherapeutisches Rahmenkonzept zu stellen. So lesenswert und interessant die Ausführungen im Einzelnen auch sind, über das Ganze gesehen wirkt dieser Annex auf mich wie eine beruhigende Geste einer Mutter, welche ihrem Kind zu verstehen geben will, dass doch alles gar nicht so schlimm ist, alles als Ganzes doch prima zusammenpasst und bald wieder gut wird. Ein mutiger, für mich allerdings misslungener Versuch der Legitimation einer biologistischen Psychiatrie via Zwangsheirat von Systemtheorie und Neurobiologie.
  • Um bei ADHS eine 90% ige diagnostische Treffsicherheit zu gewährleisten, bedarf es keiner komplizierten und teuren Analyse von Biomarkern. Eine zuverlässige ADHS-Diagnostik ermöglicht alleine schon eine auf dem Klassifikationssystem der DSM-IV beruhende klinische Beurteilung von Symptombild und Krankengeschichte eines Patienten.
  • Um ADHS-Patienten qualifiziert und individuell behandeln zu können (inklusive einer individuell abgestimmten und gut eingestellten medikamentösen Therapie), bedarf es in allererster Linie gut ausgebildete psychologische und medizinische Fachpersonen, welche Verständnis und Zeit für ihre Patienten aufbringen. Das war immer schon so (und wird es hoffentlich auch bleiben).
  • Bei der „Personalisierten Medizin“ handelt es sich um eine seit einigen Jahren von der Pharmaindustrie lancierte Kampagne. Da auch zur Behandlung der ADHS seit Jahren keine neuen und besseren Medikamente entwickelt werden konnten, sollen dank aufwändigen und teuren Diagnoseverfahren neue Subtypen von Störungsbildern generiert werden, welche einen „individualisierten“ Einsatz von Medikamenten ermöglichen und damit neue Absatzmärkte erschliessen.
  • Die von A. Müller entwickelte Diagnostik ist teuer und wird meines Wissens weder von den Krankenkassen noch von der IV bezahlt. Leisten können sich diese Analysen, bereitgestellt durch die Firma HBImed AG (Vorstandsvorsitzender ist A. Müller), nur finanziell sehr gut gestellte Personen aus der Mittel- und Oberschicht. Wollen wir nun auch bei der ADHS eine privatwirtschaftlich und gewinnorientierte 2-Klassenmedizin?

So sehr auch im Einzelfall eine an Biomarkern ausgerichtete Therapie durchaus ihre Berechtigung haben mag und in Teilbereichen als bedeutsamer Fortschritt angesehen werden kann, geht die Gesamtstossrichtung der biologischen Psychiatrie und erst recht der sich eines Etikettenschwindels bedienenden „individualisierten oder personalisierten Medizin“ in die falsche Richtung.

Zwar ist die ADHS  eine primär neurobiologisch bedingte Störung und die Behandlung erfordert in den meisten Fällen Medikamente. Für eine Heilung von Menschen mit einer ADHS bedarf es hingegen weit mehr als nur eine Bestimmung von Biomarkern und eine daraus abgeleitete medikamentöse Therapiestrategie. Dringend nötig sind mehr ADHS-spezialisierte psychotherapeutische Ambulanzen und Erziehungsberatungsstellen. Und mehr öffentliche Schulen und Lehrkräfte, welche ADHS-betroffene Kinder ernst nehmen und in Aus- und Weiterbildungen gelernt haben, auch mit diesen Kindern konstruktiv umzugehen. Und mehr …

Trotzdem

Trotz meiner Einwände erachte ich das ADHS-Fachbuch von A. Müller und seinen Kollegen als Meilenstein, um ADHS-Betroffene dereinst vielleicht einmal besser verstehen und behandeln zu können. Für Fachpersonen ist es Pflichtlektüre.

Zur Diskussion in ADHS-Spektrum: Neues und Altes aus der ADHS-Welt.

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ADHS-Kriterien nach DSM-5: Fluch oder Segen?

Erstmalig publiziert zum Thema DSM-5 2014 auf dem ADHS-Spektrum Blog.

DSM-5 – Übersicht

http://www.adhs.ch/ueber-mich/Das DSM-5 ist die fünfte und neuste Auflage des von der American Psychiatric Association (APA) herausgegebenen Klassifikationssystems „Diagnostic and Statistical Manual of Mental Disorders“. Es handelt sich um einen diagnostischen Leitfaden in der Psychiatrie, welcher sich auf wissenschaftliche Evidenzen abstützt.

Seit 1952 wird der Inhalt des DSM – teils gestützt durch Feldforschungen, vorwiegend basierend aber auf Expertenmeinungen – alle paar Jahre neu festgelegt, um psychiatrische Diagnosen international verbindlicher zu gestalten. Das DSM umfasst auch eine Definition der diagnostischen Kriterien für die ADHS.

Zweck der DSM war und ist es, diagnostische Kriterien für die Festlegung von Ein- und Ausschlusskriterien für die Forschung sowie für Versicherungen zur Verfügung zu haben. Das DSM ermöglicht daher nur kategoriale, also rein theoretische „Entweder-oder-Diagnosen“.

Im klinischen Alltag spielen Diagnosen nach DSM eine untergeordnete Rolle: Da werden Menschen behandelt und keine abstrakten Diagnosen. Und weil psychische Probleme schliesslich alles andere als statisch sind und einen fliessenden Ausprägungsrad aufweisen, also dimensionaler Art sind (und sich nicht mit einer „Entweder-oder-Logik“ erfassen und behandeln lassen).


Diagnostisches und Statistisches Manual Psychischer Störungen – DSM-5


Auch bezüglich der ADHS enthält das DSM-5 gegenüber der Vorgängerversion von 1994 Änderungen, auf die ich im Folgenden kurz eingehen will. Vorausschicken will ich, dass die Kernzüge der Definition der ADHS-Diagnose jener der Vorgängervision entsprechen: Die ADHS wird auch in der DSM-5 definiert durch eine überdauernde und situationsübergreifend auftretende Symptomatik von Aufmerksamkeitsstörungen und / oder Hyperaktivität / Impulsivität, welche dem Alter, dem Entwicklungsstand und der Intelligenz der oder des Betroffenen nicht angemessen ist und zudem (für eine ADHS-Diagnose zwingend) in verschiedenen Lebensbereichen zu klinisch bedeutsamen Beeinträchtigungen führt.



Neues zur ADHS in der DSM-5

Neu bzw. geändert wurde in der DSM-5 Folgendes:

  1. Bisher war die ADHS zusammen mit den Störungen des Sozialverhaltens in einer gemeinsamen Kategorie. Neu zählt sie zu den „Neurodevelopmental Disorders“.
    Kommentar: Das ist sicher sehr sinnvoll, denn in dieser Kategorie sind auch beispielweise der Autismus oder die Lese-/Rechtschreibstörung eingeordnet. Die neue Zuordnung kann dazu beitragen, die ADHS moralisch von sozial gestörtem Verhalten zu entkoppeln und damit zu „entkriminalisieren“.
  2. Die Zahl der für eine ADHS-Diagnose notwendigen Symptome werden in der DSM-5 für Betroffene ab 17 Jahren (also auch für Erwachsene) für die Störungsbereiche der Aufmerksamkeitsprobleme und der Hyperaktivität/Impulsivität von sechs auf neu fünf Symptome reduziert.
    Kommentar: Vorteil ist, dass auch ADHS-betroffene Erwachsene, welche nicht mehr alle ADHS-Kernsymptome aufweisen (was nachweislich oftmals der Fall ist), aber trotzdem stark unter ihren verbleibenden ADHS-Problemen leiden, diagnostisch erfasst und behandelt werden können (genau genommen war das allerdings schon mit der Version IV möglich). Nachteil: Die Absenkung der erforderlichen Kernsymptome führt zu einem Anstieg der ADHS-Diagnosen. Dies kann damit einhergehen, dass noch häufiger als bereits heute mögliche Differenzialdiagnosen der ADHS übersehen werden: Einige Patientinnen und Patienten werden also durch die Symptomreduktion noch öfters eine falsche (oder unvollständige) Diagnose erhalten. Ausserdem: Die Pharmaindustrie, welche bei der Entwicklung der DSM von Beginn weg die Finger (und Geld) mit im Spiel hatte, wird sich ob der Reduktion der erforderlichen ADHS-Kriterien sicherlich freuen.
  3. DSM-5 behält die 18 Kernsymptome, ergänzt diese aber teilweise. Beispiel: „Hat bei Aufgaben oder Spielen oft Schwierigkeiten, die Aufmerksamkeit längere Zeit aufrechtzuerhalten“ wird neu ergänzt mit: „z.B. Schwierigkeiten während Vorlesungen, Tagungen, Unterhaltungen, Lesen längerer Texte fokussiert zu bleiben“.
    Kommentar: Diese Ergänzung ist bezüglich ADHS vollkommen sinnlos. Wer es schulisch soweit bringen konnte, dass er Vorlesungen und Tagungen besuchen kann, leidet mit hoher Wahrscheinlichkeit nicht an einer ADHS. Ausserdem: Auch diese Ergänzung führt über kurz oder lang zu einem ungerechtfertigten Anstieg der ADHS-Diagnosen und somit zu einer Ausweitung des Absatzmarktes für ADHS-Medikamente (Neuroenhancing für unkonzentrierte Akademiker und Fachpersonen in der Fortbildung auf Kosten der Krankenkassen?).
  4. Neu ist in der DSM-5 die Diagnose Autismus-Spektrum-Störung (ASS) kein Grund mehr dafür, dass keine ADHS-Diagnose gestellt werden darf. Die ASS zählt also neu zu den möglichen komorbiden Störungen der ADHS. Bisher schlossen sich diese Diagnosen aus.
    Kommentar: Eigene, langjährige Erfahrungen mit ADHS-Patientinnen und Patienten sowie mit ASS-betroffenen Kindern, Jugendlichen und Erwachsenen zeigen mir immer wieder auf, dass es sich bei der ADHS und der ASS um zwei grundverschiedene Störungsbilder handelt. Siehe dazu das Fallbeispiel hier. Meines Erachtens führt auch diese Änderung zu einer ungerechtfertigten Ausweitung der Patientenkollektive, welche mit ADHS-Medikamenten behandelt werden können.
    Festhalten will ich, dass ich sehr wohl Patientinnen und Patienten kennengelernt habe, welche Symptome einer ADHS und gleichzeitig Merkmale einer ASS aufwiesen. In den mir bekannten Fälle war aber weder die Diagnose einer ADHS noch einer ASS gerechtfertigt. Die Möglichkeit, ADHS und ASS gleichzeitig zu diagnostizieren, könnte unter anderem die Erfassung und Erforschung eines neuen, bisher nicht präzise beschriebenen Störungsbildes erschweren.
  5. Neu wird im DSM-5 das Alterskriterium für die Erstmanifestation von ADHS-Problemen vom siebten auf das 12. Jahr angehoben (also bis Ende des 12. Lebensjahres).
    Kommentar: In Einzelfällen stelle auch ich fest, dass sich vor allem bei Mädchen eine ADHS nicht schon vor dem siebten Lebensjahr, sondern zum Teil deutlich später manifestieren kann. Das sind aber Ausnahmen, denn in der Regel führt eine ADHS schon deutlich vor dem siebten Lebensjahr zu handfesten syndromtypischen Regulations- und Verhaltensstörungen (gilt auch für Mädchen). Diese Sonderfälle rechtfertigen es meines Erachtens nicht, das Alterskriterium so deutlich anzuheben.
    Einmal mehr drängt sich die Frage auf, wer tatsächlich Nutzen aus dieser Anpassung der diagnostischen Kriterien der ADHS zieht. Klar ist, dass die Anhebung des Alterskriteriums zu einer weiteren Anhebung der ADHS-Prävalenz und damit zu einer Ausweitung des Absatzmarktes für ADHS-Medikamente führen wird. Einem möglichen Einwand, dass dank der Ausweitung mehr Betroffene in den Genuss einer ADHS-Therapie kommen werden, halte ich entgegen, dass es schon lange gängige Praxis ist, bei Vorliegen einer ernsten ADHS-Problematik auch dann eine ADHS-Therapie durchzuführen, wenn die Erstmanifestation nach dem siebten Lebensjahr erfolgte.
  6. DSM-5 hebt hervor, dass neu mehrere Informanten bei der Diagnosestellung beigezogen bzw. berücksichtigt werden sollen. Dabei soll unter anderem klarer ersichtlich werden, ob die Problematik situationsübergreifend ist und sich tatsächlich in verschiedenen Lebensbereichen behindernd stark manifestiert.
    Kommentar: Volle Zustimmung. Nur: Wie dieser Anspruch in der Forschungspraxis und im klinischen Kontext konkret umgesetzt werden soll, ist mir noch ein Rätsel. Fact ist, dass sich Diagnosen in vielen Fällen primär auf Screeninginstrumente und einfache ADHS-Checklisten abstützen. Selbst für die Erhebung der frühen Krankengeschichte reicht in der Forschung, aber auch im klinischen Kontext oftmals ein kurzer, vom erwachsenen Betroffenen oder der Betroffenen selbst ausgefüllten Fragebogen (WURS). Von diesem ist bekannt, dass er alles andere als zuverlässig ist. Heute muss alles muss schnell gehen und vor allem billig sein. Gründliche Fremdanamnesen, welche für die Diagnose, die Differenzialdiagnose und die Erfassung von Komorbiditäten elementar sind, werden meines Wissens immer noch viel zu selten erhoben. Immerhin: DSM-5 versucht, diesbezüglich wenigstens moralisch Gegensteuer zu geben.
  7. Neu kann der Schweregrad der ADHS angegeben werden. Nämlich Leicht, Mittel und Schwer.  Das DSM-5 definiert „Leicht“ wiefolgt: „Es treten wenige oder keine Symptome zusätzlich zu denjenigen auf, die zur Diagnosestellung erforderlich sind, und die Symptome führen zu nicht mehr als geringfügigen Beeinträchtigungen in sozialen, schulischen oder beruflichen Funktionsbereichen.“
    Kommentar: Ich halte es für äusserst fragwürdig, wenn Beschwerden, die lediglich zu geringfügigen Beeinträchtigungen führen, eine psychiatrische Diagnose zugeordnet wird. Das gilt speziell für die ADHS, deren Kernsymptome für sich gesehen unspezifisch sind, als Begleitsymptome unzähliger Erkrankungen in Erscheinung treten und schliesslich zum breiten Spektrum der menschlichen Natur gehören können. Eine „leichte ADHS“ mit nur geringfügigen Folgen bei der Alltagsbewältigung ist doch keine ADHS. Wo soll das hinführen? Mit dieser Ausweitung werden ich, viele Kollegen und Bekannte zu ADHS-Betroffenen. Das ist absurd. Selbst im Rahmen einer erfolgreich verlaufenden ADHS-Behandlung macht die Schweregradeinteilung „Leicht“ keinen Sinn. Wer aber hat Nutzen von dieser Erweiterung?

Zusammenfassung

Insgesamt hinterlässt die Aktualisierung der diagnostischen Kriterien des DSM für die ADHS bei mir einen fahlen Nachgeschmack. Man muss sich einfach immer bewusst sein, dass auch im Bereich der Medizin, Psychiatrie und der Forschung wirtschaftliche Interessen eine sehr grosse Rolle spielen. Es ist nicht immer einfach abzuschätzen, ob Neuerungen primär der Gesundheit der Betroffenen oder in erster Linie dem Gedeihen der Pharma-Aktienkurse dienen. Das gilt auch bei der Etablierung von diagnostischen Kriterien von psychischen Erkrankungen. Handelt es sich um eine den Betroffenen und deren Therapie dienlichen Präzisierung der Symptomatik oder um eine Aufweichung der diagnostischen Kriterien zum Zweck der Marktausdehnung? Vielleicht beides, könnte man annehmen. Nur: Ich jedenfalls sehe bisher nichts, was das DSM-5 ADHS-Patienten konkret an Verbesserungen bringen könnte. Auch nicht indirekt (also etwa via ADHS-Forschung). Wahrscheinlich werde ich in Zukunft bei „Second Opinion“-Untersuchungen noch öfters als jetzt schon feststellen, dass eine vormals gestellte ADHS-Diagnose nicht gerechtfertigt ist.


Diagnostische Kriterien DSM-5 (Taschenbuch)



Schliesslich ist auch bei den empirischen Studien, auf welchen die Experten sich abstützen, immer im Auge zu behalten ist, wer diese finanziert und möglicherweise beeinflusst hat. Aber nicht nur das: Im Vorlauf zur Neuauflage des DSM wurde 2008 bekannt, dass mehr als die Hälfte der Autoren Einkünfte von der Pharmaindustrie erhielten. Dies könnte die Unabhängigkeit und Objektivität der Forscher und Experten bei der Definition psychiatrischer Erkrankungen wie ADHS beeinträchtigt haben. Im neuen, 2013 erschienenen DSM-5, mussten die Autoren zusätzliche Einkünfte von Seiten der Pharmaindustrie offenlegen. Diese durften im Zeitraum der Erstellung des DSM-5 nicht mehr als 10’000 Dollar pro Jahr betragen. Absurd, denn wer unter 10’000 Dollar an zusätzlichen Honoraren der Pharmaindustrie einkassiert, wird durch diese Regelung vom Verdacht der Beeinflussung reingewaschen.




Was heisst das alles ganz persönlich für Betroffene und Angehörige?

Nicht sehr viel. Denn im klinischen Alltag behandelt jede qualifizierte Psychologin und jeder sachkundige Psychiater Menschen und keine Symptome. Und sollte (was ich bisher nie gehört habe) einem Patienten oder einer Patientin eine ADHS-Diagnose und -Therapie allein aufgrund von nicht 100 % erfüllten DSM-Kriterien vorenthalten werden, könnte das Gespräch mit dem betreffenden Arzt gesucht und bei Ausbleiben einer für beide befriedigenden Lösung ein Arztwechsel in Betracht gezogen werden.

Ausserdem: Wie „abgehoben“ es mit den diagnostischen DSM-Kriterien in der Praxis steht, erkennt man schon daran, dass jemand nach dem Erscheinen des Updates – quasi von einer Woche auf die andere – plötzlich nun doch an einer ADHS leiden kann, währendem bei der gleichen Person diese Diagnose – gestützt auf die frühere DSM-5 – vormals verneint wurde. Das ist absurd. Auffallend ist zudem, dass das Umgekehrte durch das Update des DSM kaum möglich ist: Eine früher gestellte ADHS-Diagnose kann durch das Update nicht wirklich in Frage gestellt bzw. aufgehoben werden.

Das DSM-5 macht es meines Erachtens definitiv einfacher, eine ADHS-Diagnose zu erstellen. Ob inhaltlich gerechtfertigt oder nicht. Wenn DSM-Kritiker also von einer Ausweitung psychiatrischer Diagnosen sprechen, scheint mir das nicht gänzlich grundlos zu sein (zumindest hinsichtlich der ADHS).

Lesen Sie hier weiter, wenn diese Informationen für Sie hilfreich waren.

Weiterführender Text: ADHS – Auf dem Weg zur Lifestyle-Diagnose?


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Dieser Text ist urheberrechtlich geschützt.
Er wurde letztmals aktualisiert am 11.10.2017.
© Piero Rossi




Pille schlucken und Mund halten | „Das grosse Handbuch für Erwachsene mit ADHS“ (Russell Barkley)


Eine Buchbesprechung. Aber nicht nur. Aufgezeigt wird, wie Menschenbild und Wissenschaftsverständnis unsere Vorstellungen der ADHS beeinflussen können. 
Lesen Sie weiter!


Russell Barkley: „Das grosse Handbuch für Erwachsene mit ADHS“.  Überarbeitete Buchbesprechung. Erstmals 2012 erschienen hier.


Vorbemerkung

Russell Barkley, Clinical Professor of Psychiatry an der Medical University von South Carolina, Charleston, gilt international als der ADHS-Spezialist überhaupt. Er ist Autor nicht nur von Fachbüchern über die ADHS, sondern auch zahlreicher, gut verständlicher ADHS-Ratgeber-Büchern. Die Forschungen von Russell Barkley und seine Publikationen haben beigetragen zu mehr Verständnis und zu einer besseren Behandlung von ADHS-betroffenen Menschen. Auch ich habe von seinen Publikationen sehr viel lernen können. Mit seiner PublikationDas grosse Handbuch für Erwachsene mit ADHS“ hingegen, hat Russell Barkley ein meines Erachtens höchst problematisches Werk vorgelegt. Ausgehend von verschiedenen Aussagen von Russell Barkley werde ich im Folgenden auch sehr Grundsätzliches zum herrschenden Verständnis der ADHS thematisieren und zur Diskussion stellen. Es handelt sich beim folgenden Text also um eine erweiterte Buchbesprechung, in welcher nicht nur das Handbuch von Russell Barkley vorgestellt und kommentiert wird. Es kommt auch der gesellschaftliche Kontext zur Sprache, welcher Barkley’s Modell der ADHS und damit auch seinem neuen Buch und Sinn und Bedeutung verleihen.

Das Positive zuerst

Wer Informationen sucht über das Modell der ADHS von Russell Barkley als Störung der Exekutivfunktionen sowie über die medikamentöse Therapie der ADHS, ist mit diesem Handbuch gut bedient. Das Buch ist inhaltlich übersichtlich gegliedert und visuell ansprechend gestaltet (kurze Absätze, auflockernde Informationsblocks mit Forschungsresultaten). Es liest sich flüssig, enthält unter anderem interessante Informationen über ADHS und mit ihr zusammenhängende Probleme im Strassenverkehr und Familie, über ADHS und Drogen sowie eine erweiterte ADHS-Symptom-Checkliste.

Nun zum Aber

Was nun kommt, ist weniger erfreulich. Um ehrlich zu sein: Angelangt auf Seite 55 musste ich mich überwinden, Barkley’s Buch nicht ein für alle Mal auf die Seite zu legen. Da ich in einem früheren Blogbeitrag angekündigt habe, sein Buch vorzustellen, setzte ich trotz zunehmender Enttäuschung die Lektüre fort.

„Trag’s mit Humor!“

Für Russell Barkley ist eine ADHS-Diagnose ein „Passagierschein für ein besseres Leben“, welcher den Zugang zu Medikamenten und anderen Hilfsmitteln eröffnet. Russell Barkley führt aus, dass nur der, welcher die Diagnose wirklich akzeptiert und seine ADHS annimmt, auch tatsächlich bereit sei für eine (medikamentöse) Therapie. Ohne Behandlung sei eine Abklärung nur Zeit- und Geldverschwendung.

Auch er selbst habe lernen müssen, sich mit seinen Defiziten anzufreunden und diese zu akzeptieren. „Trag’s mit Humor!“ und „Es geht doch nichts über eine gesunde Portion Selbstironie!“, rät Russell Barkley erwachsenen ADHS-Betroffenen. So habe er selbst mittlerweile eine Glatze, dafür würden ihm Haare aus Nase und Ohren wachsen. Und er habe kein technisches Talent, sei unmusikalisch, habe kein Modegefühl, sei zu 60 % farbenblind und könne nicht zeichnen. All diese Unzulänglichkeiten habe er akzeptieren gelernt. Russell Barkley rät erwachsenen ADHS-Betroffenen, es wie er selbst zu machen, nämlich die ADHS zu akzeptieren zu lernen, zu lieben und ein produktives, glückliches Leben zu führen.

ADHS – eine Unzulänglichkeit?

Dass die ADHS für Russell Barkley eine „Unzulänglichkeit“ darstellt und er die Akzeptanz der ADHS vergleicht mit dem Akzeptieren einer Glatze, einem fehlenden Modebewusstsein oder der Unmusikalität und dann ADHS-Betroffenen noch zur Selbstironie rät, irritiert und wirft die Frage auf, wie viel er wirklich davon versteht, was es heisst, an einer ADHS zu leiden, ja vielleicht sogar, was die ADHS ist. Die Gleichsetzung von Glatzen, fehlender Musikalität und Ähnlichem mit der ADHS wirkt einerseits hilflos. Andererseits kann es auch als Affront gegenüber unzähligen ADHS-Betroffenen verstanden werden, welche ein Leben lang infolge ihrer Impulsivität und Konzentrationsschwächen und deren Auswirkungen irritiert, benachteiligt, ausgegrenzt und traumatisiert wurden und denen das Lachen über sich und ihre ADHS definitiv vergangen ist.

  Russell Barkley hat, wie er in diesem Buch beschreibt, seinen Zwillingsbruder Ron verloren, welcher an einer ADHS litt und bei einem wahrscheinlich im Zusammenhang mit der ADHS stehenden Verkehrsunfall verstarb. Warum er trotz diesem Erlebnis und all seinen Erfahrungen als führender ADHS-Forscher sich zu solchen ungeschickten Äusserungen hinreissen liess, kann ich nur spekulieren. Vielleicht hat ihn die Tatsache, dass er als weltweit anerkannter ADHS-Experte seinem eigenen, von der ADHS betroffenen Bruder nicht helfen konnte, dermassen verletzt, dass er bis heute Emotionales rund um die ADHS und rund um das Schicksal der von ihr Betroffenen rationalisiert. Ob das eine Erklärung seiner irritierenden Vergleiche sein könnte?

„Denken Sie nach, bevor Sie etwas sagen“

Russell Barkley empfiehlt als Ergänzung zu der für ihn bei der Behandlung der ADHS über allem stehenden medikamentösen Therapie ausgerechnet Verhaltensweisen, welche er in vorausgehenden Kapiteln als eben jene identifizierte, welche ADHS-bedingt gestört sind und daher nicht richtig funktionieren können. Er rät also zu Strategien, welche mehr oder weniger intakte Exekutivfunktionen voraussetzen (Selbststeuerung, Selbstbeherrschung, Planungskompetenzen usw.). Diesem Thema sind mehrere Kapitel gewidmet. Seine Empfehlungen lauten: „Denken Sie nach, bevor Sie etwas sagen“, „Bleib motiviert“, „Behalte den Überblick“, „Führen Sie Listen“, „Teilen Sie die Arbeit in kleine Etappen ein“, „Bleiben Sie flexibel“, „Erstellen Sie einen Finanzplan“, „Heben Sie alle Kassenzettel auf“. Da diese Strategien, wie Barkley selbst ausführlich darlegte, syndrombedingt nicht funktionieren können (wir wissen alle, dass sie bei Vorliegen einer ADHS meistes nicht funktionieren), bedeutet das nichts anderes, als dass er offenbar wider besseren Wissens unwirksame Empfehlungen abgibt. Nur, wieso tut er das? Ich komme darauf zurück.

  Zu Barkley’s Tipps noch ein weiteres Beispiel, welches bei 99,99 % ADHS-Betroffenen nicht klappen kann: So empfiehlt Russell Barkley Berufstätigen mit einer ADHS, in Meetings, in denen man sich zu Tode langweile, einen Laptop, ausgestattet mit einem Handschriftenerkennungssystem, einzusetzen. So bleibe man wach und könne später auf die Informationen zurückgreifen. Das kann doch nicht, weil erstens die meisten ADHS-Betroffenen ein sehr unregelmässiges Schriftbild haben und manchmal sogar ihre eigene Schrift nicht immer lesen können (wie soll das dann der Computer schaffen?). Und weil zweitens heutige Handschrifterkennungssoftware selbst bei gutem Schriftbild im Berufsalltag noch nicht wirklich brauchbar sind (habe ich selbst ausführlich und über einen längeren Zeitraum hinweg mit einem modernen Notebook mit Touchscreen und später auch mit einem iPad getestet).

„Nehmen Sie Medikamente!“

Russel Barkley: „Falls Sie noch keine Medikamente nehmen, sollten Sie jetzt darüber nachdenken.“ „Die Chancen stehen gut, … dass Sie dadurch ein völlig neues Lebensgefühl gewinnen werden.“ Und: „Das anfängliche Verleugnen einer ADHS-Diagnose ist nichts Ungewöhnliches“ oder: „Es liegt in Ihrer Verantwortung, diesen Zustand (ADHS zu haben; Anm. PR) zu akzeptieren“.

So und ähnlich ermahnt Russell Barkley seine Leser/-innen immer und immer wieder, sich nun doch der medikamentösen Therapie zu öffnen. Weil nur 10 % der erwachsenen ADHS-Betroffenen auf Medikamente nicht ansprechen, so Russell Barkley, würde der Verzicht auf die pharmakologische Therapie bedeuten, von der wirksamsten ADHS-Behandlung abzusehen. „Das wäre so, als würde ein Diabetiker auf Insulin verzichten“. „So dumm bin ich sicher nicht!“, werden zahlreiche Leser/-innen mit einer ADHS oder anderen Leistungsstörungen spätestens nach dem dritten oder vierten Durchlauf dieser imperativ vermittelten Botschaften schlussfolgern. So wichtig die Rolle der Medikamente in der Behandlungskette der ADHS auch ist: Russell Barkley übertreibt. Seine in fast jedem Kapitel wiederkehrenden und teils eindringlichen Appelle, sich in eine medikamentöse Behandlung zu begeben und die ebenso häufigen Hinweise auf die zentrale Bedeutung der ADHS-Medikamente, spielen jenen fundamentalistischen Kräften in die Hände, welche die ADHS als eine blosse Erfindung der Pharmaindustrie brandmarken. Zudem: Dass neun von zehn erwachsenen ADHS-Patienten auf ADHS-Medikamente positiv ansprechen sollen, halte ich für falsch. Aus meiner Erfahrung vermag ungefähr die Hälfte der erwachsenen ADHS-Betroffenen von Medikamenten zu profitieren. Von Kolleginnen und Kollegen höre ich Ähnliches. Die mir bekannten Studien gehen von einer (optimistischen) Quote von 2/3 aus.

Warum Russell Barkley Tipps gibt, welche nicht funktionieren

Zurück zur Frage, warum Russell Barkley Tipps abgibt, welche selbst seinen eigenen Theorien zufolge nicht funktionieren können. Einerseits könnte man seinen Empfehlungen zu Gute halten, dass Betroffene vielleicht dank der medikamentösen Therapie von diesen Tipps sehr wohl profitieren könnten. Aber nein, denn 90 % von Barkley’s Tipps sind nicht ADHS-spezifisch und selbst für Menschen ohne ADHS ist es nahezu unmöglich, auch nur annähernd ein so perfekt gemanagtes Leben zu führen, wie das Befolgen von Barkley’s Ratschlägen es nahelegt. Meine erwachsenen ADHS-Patientinnen und Patienten, welche auf die Psychotherapie (und die Medikamente) ansprachen, benötigten allenfalls zwei, drei massgeschneiderte organisatorische Hinweise, nie aber Management-Ratgeberbücher. Impulskontrolle und Planungsfragen pendelten sich auch ohne die Anwendung von Management-Techniken mal mehr, mal weniger gut, aber doch mehrheitlich befriedigend ein.

  Russell Barkley suggeriert in seinem Buch (vor allem durch seine zahlreichen statistischen Vergleiche von Personen mit und ohne ADHS), dass Menschen, die nicht von einer ADHS betroffen sind (also gesund sind), sich verhaltensmässig und emotional gut beherrschen können, dass sie ein intaktes Zeitgefühl und ihre Finanzen im Griff haben, dass sie ihre emotionale Erregung dämpfen und sich selbst motivieren können. Er formuliert damit das Ideal dessen, was in Industriegesellschaften von Individuen erwartet wird, um sich primär den Leistungsanforderungen der Schule und der Arbeitswelt anpassen zu können. Barkley‘s Tipps zur Verbesserung der Selbstaktivierung, Fokussierung, Selbststeuerung und Selbstbeherrschung sowie seine Vergleiche mit Gesunden aus der Normbevölkerung (= Studenten?) und ihren vorgeblich so intakten Exekutivfunktionen führen dazu, dass wohl einige ADHS-Betroffene nach der Lektüre dieses Buches und ausgestattet mit dem Wissen, wie gut gemanagt man sein Leben und seine Emotionen im Griff haben müsste, um gesellschaftlich mithalten und seine Gefühle auf gesellschaftlich akzeptierte Weise ausdrücken zu können, sowie nach gescheiterten Umsetzungsversuchen von Barkley’s Tipps, sich schliesslich noch dummer, unfähiger und ohnmächtiger fühlen werden als zuvor.

Aus dem Bauch heraus entscheiden = ADHS?

Passend dazu Folgendes: In seiner Studie aus dem Jahr 2008 hätten gemäss Russell Barkley 79 % der Erachsenen mit einer ADHS die Frage: „Ich treffe Entscheidungen impulsiv, aus dem Bauch heraus“ bejaht (diese Frage befindet sich auch in der erweiterten ADHS-Symptomliste im Anhang des Buches). Von den Gesunden hätten dieser Aussage hingegen nur 3 % zugestimmt. Das heisst also:

  1. Entscheidungen aus dem Bauch heraus treffen“ ist typisch für ADHS (= krank).
  2. Entscheidungen von überdachten Zielsetzungen und Erfordernissen der Gesellschaft abhängig zu machen, ist ein Merkmal von Gesundheit.

Daraus folgt: Der disziplinierte und selbstbeherrschte Mensch ist der Gesunde; der ADHS-Betroffene, da er in den Tag hineinlebt und spontan aus dem Bauch heraus entscheidet, erscheint als der Kranke. Verkehrte Welt. Wer an einer ADHS leidet und glaubt, was Barkley schreibt, könnte in eine Schuld geraten. Waren es nämlich früher die unerfüllbaren Erwartungen der Eltern, dann der Lehrpersonen, der Lehrmeister und Arbeitgeber, unter welchen ADHS-Betroffene litten und leiden, ist nun zusätzlich noch ein vom ADHS-Experten Barkley mit empirischer Evidenz vermitteltes, unerfüllbar hohes Ideal von Gesundheit (= Selbstdisziplin), welches einige Betroffene unter Druck setzen könnte.

Ich habe erwachsene ADHS-Patienten kennengelernt, welche nach der Lektüre von ähnlichen ADHS-Ratgeberbüchern für Erwachsene aus eben diesen Gründen depressive Reaktionen entwickelten. „Alles an mir ist verkehrt, einfach alles!“, „Ich bin einfach nur unfähig!“ oder: „Das schaffe ich nie!“ – so und ähnlich die Worte jener mir bekannten ADHS-Betroffenen nach der Lektüre von derartigen ADHS-Ratgebern mit ihren gescheiten, aber für viele ADHS-Betroffene unbrauchbaren Management-Tipps und dem hochstilisierten Vorbild des psychisch so gesunden, sich beherrschenden und gut organisierten Ideal-Menschen. Ja, Bücher dieser Art können krank machen. Passend auch, wenn Russell Barkley schreibt, dass mangelnde Kontrolle über das eigene Tun bedeute, „keinen freien Willen“ zu haben. Nur mit Selbstkontrolle (für Russell Barkley gleichbedeutend mit Selbstbeherrschung und mit intakten Exekutivfunktionen) habe man die Fähigkeit, „frei zu wählen“. Ansonsten bleibe man Gefangener seiner Impulse. Dass zahlreiche ADHS-Betroffene und andere Menschen mit Leistungs- und Anpassungsproblemen dann über kurz oder lang Barkley’s eindringlichen Empfehlungen folgend bei ihrem Arzt nach besseren ADHS-Medikamenten nachfragen, ist naheliegend. Damit tilgen sie ihre Schuld, in die sie unter anderem durch die Lektüre dieses Buch hineingeraten sind und nähren durch die Versprechungen von Russell Barkley, dass mit Medikamenten vieles wieder zum Guten kommen wird, die Hoffnung, endlich „frei“ und „gesund“ zu werden. Ohne Russell Barkley etwas unterstellen zu wollen: Ist dies allenfalls die Antwort auf die oben gestellte Frage, wieso er Tipps gibt, von denen er weiss, dass sie nicht funktionieren können? Könnte es sein, dass dieses Buch einzig darauf abzielt, die Nachfrage nach ADHS-Medikamenten zu erhöhen? Gehen wir einen Schritt weiter im Versuch, dieses ADHS-Handbuch und das darin enthaltende Menschenbild und Wissenschaftsverständnis zu beleuchten und zu verstehen.

Barkley’s Wissenschaftsverständnis

Barkley’s Buch ist gespickt von kurzen, teils interessanten und informativen, teils eher verwirrenden Infoblocks zu den Resultaten empirischer Forschung. Immerhin: In der Einführung verspricht der Autor seinen Leser/-innen, „wissenschaftlich fundierte Erklärungen für ihren eigenen Zustand“ zu liefern. Diese Forschungsresultate werden von Russell Barkley so dargestellt, als handle es sich um sakrosankte und absolute Bestätigungen für die Defizite von ADHS-Betroffenen und um beinahe heilige Beweise für die Wirksamkeit von ADHS-Medikamenten. Die Kurzinfos zu den wissenschaftlichen Erkenntnissen wirken in diesem Buch zum Teil wie Bibelverse, mit welchen früher moralisierende Texte ‚zertifiziert‘ wurden. Sie verpflichten die Leser/-innen möglichst vor dem Aufkeimen allfällig kritischer Gedanken immer wieder auf eine höhere Instanz, welche wohl weiss, was gut, richtig und wahr ist.

So wichtig Informationen aus der Wissenschaft auch sind, die Leser/-innen sollten der Glaubwürdigkeit halber wenigstens in einem Absatz (oder einem Methoden-Kapitel) erfahren können, wie die Forscher zu ihren Erkenntnissen kamen, wie sie die von ihnen gewählte Forschungsmethode begründen (es gibt verschiedene Forschungsmethoden) und dabei auch erfahren können, dass Forschung weder wahr noch neutral ist. Dazu drei Punkte:

1. „Wess‘ Brot ich ess, dess‘ Lied ich sing“?

Die Finanzierung der ADHS-Forschung erfolgt vorwiegend mit Geldern der Pharmaindustrie. Das bedeutet natürlich nicht zwingend, dass deswegen alle Forschungsresultate „gekauft“ und inhaltlich wertlos sind. Relevant wird dafür die Frage nach einer allfälligen Voreingenommenheit. Ein Thema übrigens, welches in der internationalen Fachliteratur vor allem von Ethikkommissionen immer wieder aufgegriffen wird. Danke für diese Infos!Für viele Leser/-innen wäre es wichtig zu erfahren, ob und wenn ja welche (wirtschaftlichen) Interessen den Untersuchungen über Wirkung der medikamentösen Therapie der ADHS zugrunde liegen. Nur so können interessierte Leser/-innen eine allfällige Voreingenommenheit eines Autors und eine mögliche Interessengebundenheit von Forschungsresultaten kritisch überdenken. Und nur so kann Glaubwürdigkeit entstehen. Dies vor allem, weil heute viele wissen, dass Pharmakonzerne weder NPO’s noch Wohltätigkeitsorganisationen sind, sondern Unternehmen, welche alleine mit dem Ziel der Profitmaximierung Waren herstellen und vertreiben. Immerhin erfahren die Leser/-innen in einer unkommentierten Fussnote auf Seite 127, dass Russell Barkley von folgenden Firmen Honorare bezieht:

Eli Lilly, Shire Pharmaceuticals, Novartis, Ortho-McNeil, Janssen-Ortho, Jannsen-Cilag und Medicis.

Alles Pharmaunternehmen notabene, welche Medikamente herstellen, welche Russell Barkley in seinen populärwissenschaftlichen ADHS-Ratgeberbüchern wohlwollend bespricht und explizit empfiehlt. Detaillierte Angaben und Erklärungen zu allfälligen Interessenskonflikten bleibt Barkley den Leser/-innen schuldig. Statt Transparenz und Klarkeit bleiben ein mieses Gefühl und viele Fragen zurück: Wie befangen ist Russell Barkley? Können wir seinen Forschungsresultaten noch trauen? Wieso lässt er sich trotz Professoren-Gehalt von Pharmafirmen, deren Produkte er empfiehlt, bezahlen?

2. Forschung an Zahlen statt mit Menschen

Im herrschenden Wissenschaftsverständnis besteht Forschung primär in experimentell-statistischen Verfahren zur Überprüfung von vorher festgelegten Hypothesen. Es geht dabei um postulierte Zusammenhänge zwischen Bedingungen und Ereignissen bzw. um die Zusammenhänge zwischen sogenannt unabhängigen und abhängigen Variablen. Mit anderen Worten, es geht um Wenn-Dann-Aussagen: Unter der Bedingung X zeigen so und soviel Menschen das Verhalten Y oder Z. Dieses Wissenschaftsverständnis (quasi also eine Reiz-Reaktionsforschung), welches auch die Grundlage von Barkeys Forschung bildet, ist umstritten, weil die Versuchsteilnehmer nicht etwa als Individuen mit ihrer je eigenen Biografie und eingebunden in konkrete gesellschaftliche Rahmenbedingungen verstanden und untersucht werden, sondern als Objekte, welche auf einen auf Variablen reagierenden Organismus reduziert werden. Barkley’s Forschungsresultate sagen also bestenfalls etwas darüber aus, wie sich Menschen (oder eben „Objekte“) unter fremdgesetzten und von ihnen unbeeinflussbaren und auf wenige Variablen reduzierte Bedingungen verhalten. Oder mit anderen Worten: Reale und komplexe psychische und gesellschaftliche Zusammenhänge, welche das Verhalten, Erleben und Befinden eines Menschen ausmachen, werden auf einige davon isolierte Variablen reduziert, in Zahlen aufgelöst und verrechnet. Man kann also sagen, dass im herrschenden Wissenschaftsverständnis:

  1. der Mensch-Welt-Zusammenhang ausgeklammert wird, dass
  2. Menschen zu entscheidungs- und handlungsunfähigen Objekten degradiert werden und dass
  3. die Forschungsergebnisse nicht Aussagen über Menschen enthalten, sondern über Zahlen im Sinne statistischer Zusammenhänge isolierter Variablen.

Merke: Man kann nicht Menschen miteinander verrechnen, nur Variablen. Zudem handelt es sich bei statistischen Werten um Angaben zu Verhältnissen zwischen eben jenen Variablen. Sie sagen nichts aus über die jeweils individuelle Bedeutung, welche ein Forschungsresultat für real existierende Individuen hat. Nicht primär die Patienten profitieren von Studien dieser Art, sondern die Auftraggeber bzw. die Forscher. Und das alles gilt notabene auch für die herrschende ADHS-Forschung. Lange Rede, kurzer Sinn: Barkley’s positivistisches Wissenschaftsverständnis und sein Menschenbild widerspiegeln zwar den Mainstream in Sachen empirischer Forschung, sind nichts destotrotz alles andere als sakrosankt.

Selbsthilfe?

Passend zu seinem Wissenschaftsverständnis ist seine sehr dezidiert und wiederholt geäusserte Behauptung, dass ein ADHS-Betroffener ohne professionelle Abklärung nicht wissen kann, ob die ADHS die Ursache seiner Probleme ist. Dem kann ich nicht nur auf wissenschaftstheoretischer Ebene, sondern auch gestützt auf eigene Erfahrungen in der Praxis einiges entgegenhalten. Zum Beispiel, dass ADHS-Patienten so dumm und handlungsunfähig definitiv nicht sind. Viele wissen und verstehen ein Vielfaches dessen, was Psychologen und Psychiater über die ADHS gelernt haben. Viele mussten sich zudem während Jahren selbst helfen und sich irgendwie durch’s Leben schlagen. Die so wichtigen Themen ‚Selbsthilfe‘ und ‚Selbsthilfegruppe‘ verbannt Russell Barkley in den Anhang (Verzeichnisse, unter anderem von Selbsthilfe-Organisationen). Er scheint vergessen zu haben, dass es in erster Linie dem Engagement amerikanischer ADHS-Selbsthilfegruppen zu verdanken war, dass sich heute auch viele Fachleute mit der ADHS befassen. Auch in Europa kommt dem Engagement von ADHS-Selbsthilfegruppen eine hohe Bedeutung zu, stellen diese doch eine Ressource ohne gleichen dar (mehr dazu später einmal).

Der grundlegende methodische ‚Konstruktionsfehler‘ in Barkley’s Konzeption liegt meines Erachtens darin, dass er den Betroffenen in der Forschung und Therapie – wie oben dargelegt – lediglich einen Objektstatus zuschreibt. Nachdenken und entscheiden können in Barkley’s Selbstverständnis nur diejenigen, welche die Variablen definieren, die Bedingungen setzen, die Forschungsdaten auswerten, Abklärungen und Therapien planen und durchführen, nicht aber die Objekte dieser Forschung.

3. Ethos der Selbstbeherrschung

Wichtige, wenn auch historisch gesehen wohl jüngere Wurzeln des bis heute anhaltenden hohen kulturellen Stellenwertes der „Selbstbeherrschung“, liegen in der protestantischen Arbeitsethik. Der bekannte Soziologe Max Weber schrieb zu Beginn des letzten Jahrhunderts in seinem berühmten Hauptwerk „Die protestantische Ethik und der Geist des Kapitalismus“ Folgendes:

Max WeberMax Weber: „Die Fähigkeit der Konzentration der Gedanken sowohl als die absolut zentrale Haltung: sich ‚der Arbeit gegenüber verpflichtet zu fühlen‘, finden sich (…) besonders oft vereint mit strenger Wirtschaftlichkeit, die mit dem Verdienst und seiner Höhe überhaupt rechnet, und mit einer nüchternen Selbstbeherrschung und Mässigkeit, welche die Leistungsfähigkeit ungemein steigert.“Verfestigt wurde die kapitalistische Arbeitsethik dann durch die Psychologie. Emotionale Selbstkontrolle war die zentrale Kategorie der Human-Relations-Bewegung, ja der Psychologie schlechthin (und ist es bis heute). Sie entwickelte sich in der 1930-er Jahren, um neue, eben psychologische Strategien zu entwickeln, um die Kontrolle des Gefühlslebens ausgebeuteter Lohnarbeiter/-innen zu verbessern, um das Ausmass ihrer Wut zu lindern und um damit schliesslich dazu beizutragen, Unruhe in den Betrieben, Streik und Rebellion zu verhindern.

  Die vorherrschende psychologische Strategie, mit wütenden Arbeiterinnen und Arbeitern umzugehen, bestand im Postulat, dass ihr Ärger und ihre Wut nichts mit den Arbeitsverhältnissen zu tun habe. Es handle sich, so wurde behauptet und psychologisch geschickt vermittelt, lediglich um Wiederholungen früherer Familienkonflikte. Vorgesetzte wurden in psychologischen Trainingsgruppen zur Verbesserung des Einfühlungsvermögens trainiert, um sich die Beschwerden der Arbeiter/-innen anzuhören, diese zu ‚verstehen‘ und damit deren Wut zu lindern. Emotionale Selbstkontrolle und Einfühlungsvermögen wurden immer mehr zu den wegweisenden und zentralen Kategorien der Unternehmenswelt des 20. Jahrhunderts. Sie dienten nicht dem Wohlergehen von Individuen, sondern dem Unternehmenserfolg und der Stabilisierung des „sozialen Friedens“. Mit anderen Worten: Ihr Zweck lag a) in der Leistungssteigerung sowie b) in der Kontrolle des ständig lodernden Konfliktes zwischen Arbeit und Kapital bzw. der Wut der Lohnarbeiter über die grundsätzliche, mit der Lohnarbeit grundlegend verbundene Ausbeutung und Ungerechtigkeit. Danke für diese Infos!Dass sich die Psychologie im letzten Jahrhundert derart entwickeln konnte, beruht auf ihrem Engagement, Unternehmen darin zu unterstützen, die Ware Arbeitskraft möglichst gut am Laufen zu Erhalten und den Frieden im Betrieb zu bewahren. Die Psychologie meisselte den Ethos der Selbstbeherrschung dermassen tief in Stein, so dass wir heute meinen, es handele sich um naturgegebene Entitäten.

„Sie sind ja verrückt!“

Ich erwähne dies alles, um aufzuzeigen, dass die Kategorie der Selbstbeherrschung, wie ihn auch Russell Barkley als wichtige, obligate und gesunde Exekutivfunktion naturalisiert und zelebriert, weder neu, naturgegeben noch unschuldig, sondern von gesellschaftlich hochfunktionaler Evidenz ist. Barkley‘s Ausführungen und Empfehlungen bezüglich erstrebenswerten Verhaltens in der Arbeitswelt laufen denn auch explizit darauf hinaus, sich passiv an die gegebenen Verhältnisse anzupassen. Wenn es sein muss, mit ADHS-Medikamenten. Dazu aus den Kapiteln „ADHS mit Hilfe von Medikamenten beherrschen“ und „Die Handlung stoppen!“ Folgendes:

Russell Barkley: „Es fällt Ihnen schwer, angesichts der vielen Ablenkungen und des Drucks am Arbeitsplatz gute Leistungen zu erbringen.“ Und: „Sie wollen sich nicht länger von dem Gefühl demoralisieren lassen, dass Sie nichts von dem erreicht haben, was Sie sich vorgenommen haben“. Und: „Ihr Chef fordert Sie auf, Ihre Verkaufsabschlüsse im kommenden Jahr zu verdoppeln und bevor Sie sich auf die Zunge beissen können, entfährt es Ihnen: ‚Sie sind ja verrückt!‘“.

Schuld am Unvermögen und dem Überforderungsgefühl sind gemäss Barkley nicht der Chef mit seinen überrissenen Forderungen und auch nicht die verrückten Arbeitsverhältnisse und die gesellschaftlichen Rahmenbedingungen, sondern a) die ADHS und b) der Umstand, dass Betroffene (bzw. die Leser-/innen) immer noch keine ADHS-Medikamente einnehmen.

Auch hier manifestiert sich wieder der Objektstatus, welcher den Menschen im herrschenden ADHS-Forschungs- und Therapiediskurs zugeschrieben wird. Krankmachende Rahmenbedingungen werden durch die herrschende Forschung als naturgegeben, unantastbar und vor allem als unveränderbar festgeschrieben und damit ausgeblendet. Als gesund erscheint derjenige, der sich einfügt, die Wut gegen die Forderungen des Chefs herunterschluckt und sich mit der Faust im Sack anpasst (und dadurch erst wirklich krank werden kann). Und verrückt und krank sind diejenigen, die sich wehren. Die Lösung schliesslich liegt wieder in der Objektivierung des Individuums. Selbsthilfe heisst für Barkley: Pille schlucken -> Selbstbeherrschung -> Mund halten. Wer heute Selbstbeherrschung und Selbstdisziplin postuliert, ohne auch die historischen und gesellschaftlichen Hintergründe zu reflektieren und sich darin zu definieren, muss sich den Vorwurf gefallen lassen, mit seinen Bemühungen primär die Anpassung auch an diejenigen gesellschaftlichen Bedingungen, welche der Entwicklung der Individuen bekanntlich nicht in allen Punkten förderlich sind, anzustreben und diese damit zu legitimieren und zu verfestigen.

Die Krux mit den unvollständigen Exekutivfunktionen

Barkley’s exklusiver Diskurs rund um die Exekutivfunktionen impliziert, dass es zu Störungen der Exekutivfunktionen ausschliesslich bei der AHDS kommen kann. Dem ist aber mitnichten so. Zahlreiche psychopathologische und neurologische Störungsbilder sind elementar begleitet von Störungen der Exekutivfunktionen. Dazu zählen auch die bekanntlich nicht eben selten vorkommenden depressiven Erkrankungen. Die Exklusivität, mit welcher Russell Barkley Störungen der Exekutivfunktionen zum Kernproblem der ADHS macht, kann dazu führen, dass sich in diesem Buch viel zu viele Leserinnen und Leserinnen fälschlicherweise als ADHS-Betroffene zu erkennen meinen, mit Barkley’s Buch in der Hand den Hausarzt aufsuchen und sich ein Rezept für ein ADHS-Medikament ausstellen lassen. Auffallend und wohl nicht ganz zufällig ist ausserdem, dass Russell Barkley in seinem Konzept nur einer Auswahl von Exekutivfunktionen Beachtung schenkt. Es handelt sich nämlich ausschliesslich um jene Exekutivfunktionen, welche im weitesten Sinn der Anpassung und Leistungsfähigkeit dienen (z.B. Selbstbeherrschung, Selbststeuerung oder Zeitgefühl). Andere, in der Neuropsychologie bestens etablierte Exekutivfunktionen, welche meistens auch bei Vorliegen einer ADHS beeinträchtigt sind, klammert Barkley in seinem Modell aus. Es handelt sich dabei um jene, welche bei intaktem Funktionieren genau das Gegenteil von negativer Anpassung bewirken, sondern selbständiges, kreatives und autonomes Denken und Handeln ermöglichen. Folgende Exekutivfunktionen spart Russell Barkley in seiner Theorie aus: a) Fluency bzw. Flüssigkeit (u.a. divergentes, kreatives Denken, Ideenproduktion) sowie b) Flexibilität (z.B. gewohnte Denkwege verlassen; neue Perspektiven einnehmen). Informationen hierüber und wie wir diesen defizitär entwickelten Exekutivfunktionen therapeutisch und im Rahmen der Selbsthilfe begegnen könnten, suchen wir in seinem Buch vergebens.

Menschen = Männer

Charakteristisch für die Ausklammerung gesellschaftlicher Aspekte in der herrschenden ADHS-Forschung ist auch deren Geschlechtsblindheit. Da Frauen bekanntlich häufiger als Männer psychologische Hilfen in Anspruch nehmen und dies auch bezüglich der ADHS so ist, habe ich in meiner Praxis mehr mit ADHS-Frauen als betroffenen Männern zu tun. Obwohl ich in den letzten fünfzehn Jahren ungefähr fünfhundert erwachsene Patientinnen mit einer ADHS oder einer ADHS-Spektrum-Störung kennengelernt und untersucht habe, und nun doch einiges wissen müsste, realisiere ich immer häufiger, wie viel ich bei Patientinnen mit AHDS oder einer ADHS-Spektrum-Störung nicht verstehe. Nur eines habe ich zwischenzeitlich begriffen: ADHS bei Frauen ist nicht das gleiche wie die ADHS bei Männern.

  Obwohl zwischenzeitlich Untersuchungen über die ADHS bei Mädchen/Frauen vorliegen, ist es schade, dass im grossen „Handbuch für Erwachsene mit ADHS“ Frauen nur als Menschen (= Männer) vorkommen und geschlechtsspezifische Aspekte der ADHS unerwähnt bleiben. Barkley’s Theorie der ADHS und seine Tipps scheinen mir generell sehr leistungsorientiert und männlich auszufallen. Vielleicht erlaubt deswegen sein Modell der gestörten Exekutivfunktionen es nicht, die ADHS vom unaufmerksamen Typus zu erklären bzw. zu konzeptionalisieren. Für Barkley haben 30 bis 50 % aller Personen, bei denen eine ADHS vom unaufmerksamen Typus diagnostiziert wurde, sowieso keine ADHS, sondern lediglich ein „träges kognitives Tempo“. Na danke Russell Barkley.

In Salah

Typisch für die Ausklammerung gesellschaftlicher Aspekte in der herrschenden ADHS-Forschung ist, dass auch in Barkley’s Buch transkulturelle Aspekte kein Thema sind. Beispiel „Zeitgefühl“: Für Russell Barkley handelt es sich um eine der zentralen Exekutivfunktionen, welche bei der ADHS gestört ist (Betroffene trödeln, kommen dauern zu spät, schieben Dinge vor sich her usw.). Auf meinen Reisen in Nordafrika habe ich realisiert, dass im Maghreb entweder 95 % aller Menschen eine schwere Störung dieser Exekutivfunktionen haben oder dass an Barkley’s Theorie etwas falsch oder unvollständig sein muss.

Russell Barkley: Wartend in einer Schlange von Fahrzeugen an der Zapfsäule in der Oase Salimahä: „Wann wird wieder Diesel geliefert? “ Antwort: „Morgen, vielleicht erst in zwei oder drei Tagen. In Salah.“

Pünktlichkeit, sich die Zeit einteilen können, zielstrebig und termingerecht ein Projekt umsetzen, sich nicht ablenken lassen usw. sind allesamt Fähigkeiten, deren Bedeutung und Relevanz für ein Individuum alleine unter Berücksichtigung des kulturellen und damit gesellschaftlichen Kontextes Sinn erfährt. Barkley und viele andere Forscher im Bereich der Psychiatrie entwarfen Modelle psychischer Krankheiten, ohne das Soziale miteinzubeziehen, was wie oben beschrieben darauf hinauslief, die gesellschaftlichen Rahmenbedingungen zu naturalisieren, also als fix und unabänderbar darzustellen. Der Gegenstand der Forschung (und der Therapie) war und ist damit verkürzt.

Berufe für ADHS-Betroffene

Russell Barkley empfiehlt ADHS-Betroffenen eine Reihe von passenden Berufen. Erstens Militär(!), zweitens Haustürverkauf, drittens Pharmavertreter usw. (einen Kommentar erspare ich mir). Gleichzeitig geht Russell Barkley offenbar davon aus, dass ein überwiegender Teil der Erwachsenen mit einer ADHS studiert oder eine weiterführende Schule besucht. Dieser Eindruck entsteht deshalb, weil sich die meisten seiner Tipps und Empfehlungen nicht etwa an Hausfrauen, an einfache Sachbearbeiterinnen oder Hilfsmechaniker richten, sondern an Studenten und Menschen, welche eine höhere Schule besuchen, an einer Universität studieren oder eine abgeschlossene Ausbildung hinter sich haben und am üblichen Stress des Ausbildungsbetriebes bzw. des Berufslebens leiden.

„Bleiben Sie skeptisch“

Russell Barkley empfiehlt nachdrücklich, in Sachen Informationen zur ADHS und vor allem hinsichtlich Behandlungsmethoden, „…deren Erfolgsversprechen zu gut und zu einfach sind, um wahr zu sein“, skeptisch zu bleiben. Man soll sich immer Folgendes fragen: Danke für diese Infos!Geht es dem Verfasser darum, Profit zu machen? Steckt hinter der Quelle eine dubiose Organisation? Sind Literaturhinweise vorhanden? Beruhen die Behauptungen auf echten wissenschaftlichen Beweisen? Russell Barkley rät eindringlich zur Vorsicht. Angesichts der zahlreichen Sekten und anderen fundamentalistischen Gruppierungen, welche die Existenz der ADHS in Abrede stellen und der zahlreichen hochgepriesenen und meist nutzlosen „alternativen ADHS-Therapien“ erscheint Barkley’s Appell mehr als nur berechtigt. Stutzig werden die Leser/-innen allerdings dann, wenn ihnen bewusst wird, dass seine Appelle, kritisch zu bleiben, allen ausser ihm selbst gelten. In der Tat: Russell Barkley präsentiert wissenschaftlichen Erkenntnisse und sein ADHS-Verständnis in diesem Buch in dogmatischer Manier als sakrosankt, also als unantast- und unhinterfragbar. Es fällt schwer, darüber einfach hinwegzusehen. Es irritiert auch wohlwollende Leser/-innen (wie z.B. mich), schmälert nicht nur die Glaubwürdigkeit seiner Aussagen und Empfehlungen, sondern wirft auf ganz grundsätzlicher Ebene Fragen zur Validität der von ihm vertretenen Positionen auf.

Fazit

Andere werden in diesem Buch möglicherweise mehr Positives finden als ich und sich denken: „Der meint das doch sicher nicht so!“ Oder: „Es braucht halt klare Worte und einen plakativen Stil, um auf das Wesentliche hinzuweisen und im Interesse der Betroffenen die von Fundamentalisten bekämpfte medikamentöse Therapie der ADHS zu verteidigen“. Oder: „Geschickter wäre es, auf all das Positive in diesem Buch hinzuweisen, statt nur zu kritisieren“. Oder: „Etwas mehr an Bescheidenheit würde Russell Barkley gut anstehen, aber immerhin liefert er doch endlich klare Facts, um der unter dem Denkmantel der Meinungsfreiheit langsam überhand nehmenden Aufweichung all dessen, was man wirklich über die die ADHS und deren Therapie weiss, entgegenzuwirken“. Meinetwegen. Und trotzdem: Wohl wissend, dass es immer einfacher ist, ein Buch zu kritisieren, als es selbst zu schreiben, ist für mich dieses Handbuch in erster Linie eine mit Ungeschicklichkeiten und einigen Ungereimtheiten versehene, vom Kunden selbst bezahlte Werbeschrift für ADHS-Medikamente. Um die Leser/-innen und potentiellen Kundinnen und Kunden moralisch auf den Gang zum Arzt vorzubereiten, erfahren diese während der Lektüre von Barkley auf subtile und trotzdem eindringliche Art und Weise eine moralische Schuldzuschreibung, welcher man nur durch eine noch bessere Therapie entkommen könne. Implizites Motto dieses Buches ist: „Wer auf Medikamente verzichtet, ist selber schuld, dass er undiszipliniert bleibt, im Leben nicht vorwärts kommt und es zu nichts bringt“.

Um nicht missverstanden zu werden …

Auch ich schätze Barkley’s Forschungen und sein langjähriges Engagement und auch ich erachte Medikamente und andere Massnahmen zur Verbesserung der Selbstregulation als Zentrale einer multimodalen Behandlung von ADHS-Betroffenen.

Mir geht es um die „Sache“, will heissen, um Menschen mit einer ADHS. Zudem bin ich in keiner Sekte und gehöre keiner fundamentalistischen Anti-ADHS-Gruppierung an. Und ja, Barkeys Buch enthält auch zahlreiche fachliche und praktische Hinweise und Informationen, welche zu einem besseren Verständnis und einem leichteren Umgang mit der ADHS beitragen können. Mit meiner Kritik will ich Barkley in keinster Weise diskretitieren. Schon gar nicht will ich jemanden davon abhalten, sein Handbuch zu kaufen. Im Gegenteil: Es enthält Wertvolles, seine Tipps helfen den einen mehr, den andern weniger. Und ermöglicht vor allem auch, kritisch darüber hinaus zu denken (und zu handeln).

  Über Barkley’s Buch schwebt jedoch eine dunkle Wolke und darunter ein Diskurs, welcher meines Erachtens ADHS-Betroffenen in der Summe mehr schadet als nützt. Statt ein deutliches Zeichen zu setzen, um der Evidenz der ADHS Nachdruck zu verleihen, hinterlässt es – sicher nicht nur, aber halt doch auch – enttäuschte und irritierte Leser/-innen. Schade, dass Russell Barkley mit diesem Buch die Chance verspielte, wirklich glaubhaft für die ADHS und die von ihr betroffenen Menschen einzustehen und innovative Konzepte vorzustellen. Gewinner sind vor allem jene fundamentalistischen Kräfte, welche die ADHS als psychische Störung (und damit die von ihr Betroffenen) negieren. Für sie sind weite Passagen dieses Buches ein gefundenes Fressen.

Zukunftsmusik

Und was kommt nach der Kritik? Wie könnte eine subjektorientierte ADHS-Forschung und -Therapie aussehen, welche ihren Standpunkt im konkreten und jeweils individuellen Mensch-Welt-Zusammenhang hat? Und deren Perspektive sich nicht nur in der Anpassungsfähigkeit an fremdgesetzte Bedingungen und dem Verkauf von Medikamenten erschöpft, sondern die Handlungsfähigkeit der Betroffenen auch dahingehend fördert, so dass Betroffene und Therapeuten auch die je einschränkenden Lebensbedingungen – als elementarer Teil der Krankheit – und mit der Perspektive ihrer Veränderung zum Gegenstand von Selbsthilfe, Diagnostik und Therapie machen können? Welche Implikationen ein angemesseneres Menschenbild und ein adäquateres Wissenschaftsverständnis für das Verstehen der ADHS und die Therapie von Betroffenen haben könnte, versuche ich später einmal in Form einer Programmatik zu umreissen.


Hier nochmals der Hinweis zur Bezugsmöglichkeit dieses Buches bei Amazon: Das große Handbuch für Erwachsene mit ADHS

Wieso alternative Therapien bei ADHS eine Chance bekommen sollten

Hier habe ich am 11.05.2017 eine Antwort zum Thema „Alternativen zu ADHS-Medikamenten?“ geschrieben. Nun möchte ich das ergänzen. Und präzisieren. Und darlegen, wieso alternative Therapien bei ADHS eine Chance bekommen sollten. „Wieso alternative Therapien bei ADHS eine Chance bekommen sollten“ weiterlesen