Anstrengen: Das gemeinste Wort überhaupt! Jetzt sag auch ich mal was!

Marco ( = Schwester von Lorena)

Ich bin der Marco. Nachdem meine Schwester Lorena hier bereits meine halbe Lebensgeschichte rausgeplappert hat, will ich auch mal was sagen.

Sorry, aber so soft wie meine Schwester Lorena kann ich nicht schreiben. Vor allem nicht, wenn ich sauer bin. Und ich war stinksauer, als ich las, was sie geschrieben hat. Und ich bin immer noch sauer. Und werde jetzt gerade noch saurer. Und zwar weil alles in Wahrheit noch viel schlimmer ist, als meine Schwester es beschrieben hat.

Ja, auch ich habe eine ADHS. Und seit der Therapie geht es so einigermassen. Aber … ich muss es jetzt einfach loswerden. Es ist verschissen. Sorry für dieses Wort. Aber es passt zu 100% und es gibt kein Besseres.

Mehr anstrengen

Es ist einfach zum K….. Immer dachten alle, ich sei einfach zu faul. Und sagten dann, ich solle mich mehr anstrengen. Ich krieg dieses Wort fast nicht in die Tastatur getippt. So sehr hasse ich es. Es ist das gemeinste Wort überhaupt!

Ihr habt alle absolut keine Ahnung davon, dass ich mich nämlich immer angestrengt habe und das Beste gegeben habe, was ich konnte. Also genau gesagt fast immer. Wenn ich zum hundertsten Mal in einem Kraftakt eine Liste mit Vokabeln in mein Gehirn presste und dann am nächsten Tag das meiste davon einfach wieder total weg war, ja irgendwann ist dann einfach Schluss. Was soll das Ganze? Ich bin doch nicht blöd. Gewisse Dinge gehen einfach nicht auf normalem Weg in mein Gehirn hinein. Leider sind es ziemlich viele Dinge.

Und dann kommt mein Vater. Oder Frau Spielmann (meine Klassenlehrerin). Ich solle mich mehr anstrengen. Wenn nicht, würde ich in der Oberstufe nicht ins „E“ versetzt. Ich will aber unbedingt ins „E“, weil ich Chemiker werden will! Und meine Noten sind ja gut, wenn mich das Fach oder das Thema, welches gerade angesagt ist, interessiert. Kommt leider nicht so oft vor. Aber habe ich etwa dafür Schuld?



Soll ich Euch sagen, was im Bericht des Schulpsychologen stand, zu dem ich vor einem Jahr geschleppt wurde? Ja, ich habe es gelesen. Lag auf dem Küchentisch. Ich hätte eine „Anstrengungsvermeidungshaltung“, schrieb dieses … (ich schreibe das Wort wegen der Zensur besser nicht aus). Weil ich verwöhnt worden sei. So ein Vollquatsch! Etwas weiter unten hat er geschrieben, meine Mutter hätte mich durch ihr Verhalten an meiner „Autonomieentwicklung“ gehindert. Ich weiss zwar nicht genau, was das heisst. Wahrscheinlich auch nichts Gescheites. Meine Ma ist schon in Ordnung.

Liebe Ma, lieber Pa: Schickt mich meinetwegen zwei Mal pro Woche zum Bohren in eine Zahnarztpraxis. Aber zu diesem Psycho-Typen will ich nie, nie mehr. Da könnt ihr machen, was ihr wollt.

Was soll das?

Mehr anstrengen? Was soll der Schwachsinn?! Wir leben im Jahr 2014! Lehrpersonen und Eltern (sorry Ma + Pa) müssten doch echt langsam wissen, was ADHS ist. Aber anscheinend leben hier fast alle noch hinter dem Mond. Ausser Ma. Die hat es gecheckt. Und Frau Lareda ist auch okay.

Vielleicht wundert ihr Euch, warum ich hier so gute Sätze formulieren kann?* Es ist ganz einfach: Weil ich sauer bin. Mein Hirn tickt zurzeit bestens, aber nur, weil etwas los ist und weil in meinem Gehirn mächtig Dampf ist. Das ist a) immer so und b) auch logisch. Weil: Nur und nur dann, wenn etwas los ist oder wenn etwas interessant ist, kann mein Kopf normal denken. Sonst habe ich gleichzeitig alles und nichts in meiner Schüssel. Wie soll ich denn im Unterricht aufpassen können, wenn alles Wichtige und Unwichtige gleichzeitig in meinem Kopf rumschwirrt?! Soll mir doch mal jemand sagen, wie das funktionieren soll! Es ist unmöglich. Wer das nicht checkt, hat nicht begriffen, was ADHS ist. Oder will es nicht begreifen.

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* Ich höre schon meinen Vater ausrufen, falls er das hier einmal lesen sollte: „Siehst Du Marco“ wird er predigen*, „im Internet kannst Du Dir Mühe geben und gute Sätze formulieren. Streng Dich doch bitte auch im Unterricht etwas mehr an, so dass  Du zeigen kannst, was Du drauf hast! Denk immer daran: Man muss nur wollen, dann schafft man alles!

Grrrrrr …

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* Sorry Pa, streite das bitte nicht ab. Es ist doch so!

Schaut Euch auch diese Kapitel an, falls Euch meine Geschichte interessiert!

 


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Er wurde letztmals aktualisiert am 11.10.2017.
© Piero Rossi




Immer nur ich! Kinder mit einer ADHS und ihre Geschwister im Streit – Was tun?


Es geht um Streit zwischen Geschwistern.
Und darum, wie man dem begegnen kann.
Interessiert? Weiterlesen!


Piero Rossi. Vortragsmanuskript 2002

Einführung

http://www.adhs.ch/ueber-mich/Zum Thema von heute Abend: Das Problem einer wirklich krankhaften Geschwisterrivalität spielt eigentlich nur in wenigen Familien unserer jungen Patienten mit ADHS eine zentrale und vorherrschende Rolle. Aber auch wenn Streit unter Geschwistern bei unseren Patienten nicht Thema Nummer eins ist: Davon betroffen, damit belastet und durch die Streitereien genervt sind so gut wie alle ADHS-Familien.

Streit bis hin zu tätlichen Aggressionen

In einigen ADHS-Familien wird nicht einfach nur heftig gestritten. Nein, was mir Eltern berichten, macht mich teils sehr betroffen. Ich erspare Ihnen das Aufzählen von Details. Vor allem die Hartnäckigkeit, dass Sich-Verbeissen, die Heftigkeit, die im Streit oftmals geäusserten schlimmen Drohungen oder gar die tätlichen aggressiven Ausbrüche erschrecken mich immer wieder. Ich musste zudem zur Kenntnis nehmen, dass diese Probleme wiederholt selbst dann bestehen bleiben, wenn Eltern Ratgeber zum Thema Eifersucht und Geschwisterrivalität gelesen haben oder Erziehungskurse besucht haben.

Wieso aber haben Kinder mit einer ADHS mehr Probleme im sozialen Umgang mit anderen? Wieso entsteht mehr Streit mit den Geschwistern? Wie und warum kann eine ADHS den Streit unter Geschwistern verschärfen? Und vor allem: Was bitte hilft dagegen?

Ich habe mir für heute Abend eigentlich vorgenommen, die Krankengeschichten meiner jungen ADHS-Patientinnen und -Patienten der letzten Jahre durchzugehen und nachzusehen, bei welchen Kindern die Problematik einer übermässigen Geschwisterrivalität und Eifersucht sehr ausgeprägt vorhanden war. Und ich hatte mir vorgenommen, zusammenzutragen, welches die zentralen Gründe dafür waren und dann aufzulisten, was genau dann grundlegend geholfen hat, dass wieder Ruhe in die Familie einkehrte und diese Probleme gelindert werden konnten. Ich habe dann bald eingesehen, dass ich meine Praxis einen Monat hätte schliessen müssen, um mit diesem Projekt fertig zu werden. Aber auch wenn ich nur einen Teil meiner Krankengeschichten habe durchgehen können, bin ich doch zu Ergebnissen gekommen, die mich in ihrer Eindeutigkeit und Klarheit haben aufhorchen lassen.



In meiner Arbeit staune ich immer wieder darüber, wie gut es viele Mütter von Kindern mit einer ADHS schaffen, neben allem Ungemach auch noch mit übermässigem Geschwisterstreit souverän umzugehen. Eigentlich sollten Mütter von betroffenen Kindern über dieses Thema referieren und nicht ich. Sie wissen aus der tagtäglichen Erfahrung am besten, was hilft und was nicht. Mit meinen Beobachtungen und Schlussfolgerungen kann ich ihre Erfahrungen vielleicht ergänzen, aber sicher nicht ersetzen.

Die Ursachen

Ich ging also bei meinen Vorbereitungen für heute Abend der Frage nach, unter welchen Bedingungen in den mir bekannten ADHS-Familien Geschwisterstreit eine besonders belastende Rolle spielte. Wann traten die Probleme besonders gehäuft auf? Und was half? Ich habe sechs Kernpunkte ausgemacht.

Ursache für Streit Nr. 1: Fehlende Akzeptanz und fehlendes Wissen

Ich stelle immer wieder fest, dass belastende Geschwisterstreitereien immer dann gehäuft vorkommen, wenn in der Familie nicht wirklich akzeptiert wird, dass bei dem betreffenden Familienmitglied eine ADHS vorliegt. Diejenigen unter Ihnen, die selbst Kinder mit einer ADHS haben, wissen wahrscheinlich aus eigener Erfahrung nur zu gut, dass es von der Mitteilung bis zum wirklichen Akzeptieren, dass das eigene Kind an einer ADHS leidet, ein langer Weg ist. Es wird nicht akzeptiert, dass Kinder mit einer ADHS anders funktionieren als ihre Geschwister. Wie schon in der Gesellschaft wird auch in vielen Familien diesen Kindern nicht wirklich zugestanden, anders zu reagieren, anders zu lernen, anders zu empfinden und einfach anders zu sein als andere.

Vor allem zahlreiche Väter verstehen nicht, was es für ihre Kinder (und deren Müttern) heisst, an einer ADHS zu leiden. Sie erwarten von ihren betroffenen Kindern vor allem in Sachen Schule dasselbe wie von den gesunden Kindern. Und sie vergleichen entweder ganz direkt oder durch indirekte Äusserungen das Verhalten daheim und die Leistungen in der Schule immer wieder mit denen der gesunden Geschwister. Beispielweise dann, wenn es zum Anreiz für alle Kinder pro Prüfungsnote über 4.5 einen Batzen gibt, wenn also die Anerkennung von einem für alle gleichen Massstab ausgeht.

Belastende, also über das Normale hinausgehende Geschwisterstreitereien kamen in den Familien meiner Patientinnen und Patienten dann gehäuft vor, wenn daheim wie in der Schule getan wird, als hätten die Kinder mit einer ADHS die gleichen Chancen wie ihre gesunden Geschwister und die Schulkolleginnen und Schulkollegen. Es wird nicht akzeptiert, dass Kinder mit einer ADHS ganz andere Voraussetzungen mitbringen als gesunde Kinder. Wie sonst kämen die Väter auf die Idee, Äpfel mit Birnen zu vergleichen? Das gilt selbst für echt gut gemeinte und tröstende Bemerkungen wie: „Schau Dir Julia an, auch sie hatte früher schlechte Noten. Nun hat sie sich angestrengt und jeden Tag eine halbe Stunde gelernt. Das kannst Du auch erreichen, wenn Du nur willst. Wenn man will, schafft man alles …!“




Was meinen Sie, passiert in solchen Momenten in der Seele eines ADHS-Kindes? Wie zurückgesetzt muss sich ein Kind fühlen, welches nicht nicht will, sondern nicht kann, sich das alles selbst nicht erklären kann und sich dann vielleicht noch schuldig fühlt? Wie muss sich ein ADHS-Kind fühlen, wenn es ihm wiederholt vorgehalten oder mit Blicken und Gesten zu verstehen gegeben wird, dass es wieder einmal viel länger als andere hat, um den gleichen Stoff zu lernen, und dass es dann das Gelernte nicht wieder so schnell vergessen und deswegen heute wirklich einmal mehr aufpassen soll? Das erzeugt Versagensängste und Schuldgefühle. Aber auch Angst, die Erwartungen der anderen nicht erfüllen zu können. Eine erhöhte Grundangst spielt bei Kindern mit einer ADHS eine grosse Rolle. Angst setzt unter anderem Adrenalin frei, welches auch zu aggressivem Verhalten führen kann.

Was passiert in der Seele eines zappeligen, unruhigen und impulsiven Kindes, wenn ihm von den Eltern oder Grosseltern wiederholt mehr oder weniger direkt zu verstehen gegeben wird, man erwarte jetzt schon langsam, dass es lerne, sich wie andere zu beherrschen und zu benehmen? Und was passiert in einem ADHS-Kind, wenn es die leise Enttäuschung der Eltern spürt, dass es in Mathe das Sortenumwandeln immer noch nicht begriffen hat? Und wie geht es ihm, wenn es an die nächste Probe denkt oder das Aufgerufen werden, wenn es wieder einmal das Gelernte nicht schnell genug aus dem Langzeitgedächtnis abrufen kann? Oder wenn es bei jedem Übungsdiktat daheim mehr Fehler macht, sich von der entnervten Mutter anhören muss, es soll sich endlich zusammenreissen, und dann das jüngere Geschwisterkind lachend heimkommt und dem stolzen Vater mit Schwung ein fast fehlerfreies Diktat präsentiert und mit spitzem Blick in Richtung ADHS-Geschwisterkind eine Belohnung kassiert. Was dann bald eine Etage höher passieren wird, können Sie sich vorstellen …

Gott hat mir schwarzes Blut gegeben

Das Vergleichen von Äpfeln mit Birnen in einer Familie ist der Nährboden schlechthin für Rivalität und Eifersucht. Kinder mit einer ADHS machen doch schon in der Schule genug oft Erfahrungen, aus denen sie die Schlussfolgerungen ziehen, dumm, ungeschickt, ungeliebt und schlecht zu sein. Und Kinder vergleichen sich selbst schon genug untereinander: Kinder mit einer ADHS realisieren sehr wohl, dass sie nicht so konzentriert wie das Geschwisterkind an den Aufgaben sitzen bleiben können oder länger dafür benötigen. Oder wenn der kleine Bruder aus der Küche die Lösung für eine dem ADHS-Kind von der Mutter gestellte Multiplikations-Aufgabe ruft, an welcher der 5.-Klässler beschämt schon eine halbe Ewigkeit herum studiert. Und wenn dann der Vater dem Kleinen stolz zuruft: „Super!“. Ja – dann hat es in der Seele des ADHS-Kindes einen Stich und damit eine weitere offene Wunde mehr. Wie bei Kindern mit einem unerkannten oder unbehandelten Seh- oder Hörfehler haben auch Kinder mit einer ADHS ganz andere Voraussetzungen, um zu lernen und sich die Welt anzueignen. Diese Kinder haben sowieso eine „Zwei auf dem Rücken“. Sie haben viel mehr Mühe beim Lernen und haben es viel schwerer Freundschaften aufzubauen.




Bei unseren Abklärungen frage ich die Kinder immer wieder, wie sie sich denn selbst ihre Probleme erklären: Sie glauben mir nicht, wie häufig mir schon 3.-Klässler leise und teils beschämt sagen, es liege an ihrer Faulheit. Auf die Frage, woher sie das wissen, sagen sie meisten von ihnen spontan: „Vom Vater!“. Ein elfjähriger hyperaktiver und hochbegabter Bube, der von fast allen wegen seinem unmöglichen Verhalten gemieden wird, sagte mir vor einiger Zeit:

„Gott hat mir schwarzes Blut gegeben, sonst wäre ich nicht so schlecht.“

Also: Belastende Geschwister­streitereien in ADHS-Familien kommen aus meiner Erfahrung heraus dann gehäuft vor, wenn in einer Familie das ADHS-Kind immer wieder direkt oder indirekt mit den gesunden Geschwistern verglichen wird, wenn also nicht akzeptiert wird, dass es andere Voraussetzungen mitbringt und anders funktioniert.

Anmerkung: Kinder mit einer ADHS und ihre Geschwister sollten nicht zusammen Aufgaben machen. Wenn ein jüngeres und gesundes Geschwisterkind dem oder der älteren ADHS-Betroffenen leistungsmässig immer näher rückt oder durch Repetitionen sogar in der gleichen Klasse beschult werden soll, muss eine andere Schullösung gesucht werden. Nie die Kinder über Noten vergleichen, das ist brutal. Nie Noten belohnen, sondern individuelle Fortschritte im Lernverhalten und bei den Lernbemühungen – also nicht das Ergebnis.

Nun ist ja die von mir immer wieder festgestellte fehlende Akzeptanz gegenüber den Kindern mit einer ADHS keine Charakterfrage der Eltern oder keine bewusst verkehrte Haltung. Woran liegt es aber dann? Akzeptieren kommt von Verstehen und verstehen kommt von Begreifen und begreifen kann man etwas Erlebtes, sofern wir Begriffe und Worte dafür haben.




Ich stellte fest, dass eine fehlende Akzeptanz die direkte Folge von fehlendem Wissen über die ADHS war. Mir werden von Ärztinnen und Ärzten sowie Schulpsychologinnen und Schulpsychologen nicht nur junge Patientinnen und Patienten zugewiesen, die erstmalig abgeklärt werden sollen, sondern auch Kinder oder Jugendliche, bei denen bereits eine andere Fachstelle eine ADHS beziehungsweise ein POS diagnostiziert und behandelt hat. Es handelt sich in diesen Fällen um Kinder, bei denen trotz Therapien keine wirklichen Verbesserungen festzustellen waren und in der Schule und daheim einschneidende und für die ganze Familie belastende Verhaltens- und Lernprobleme fortbestehen. Viele dieser Eltern, aber auch die Geschwister und sogar die jungen Patientinnen und Patienten selbst, kannten die ADHS gar nicht oder wurden zu wenig über die ADHS informiert. Sie machten die Rechnung ohne den Wirt namens ADHS und konnten daher ihre Massnahmen nicht auf die Möglichkeiten und Grenzen eines ADHS-Kindes abstützen. Wissen ist die Voraussetzung, um etwas verstehen und schliesslich auch akzeptieren zu können. Erst wenn ich die Kernpunkte der ADHS begriffen habe, kann ich an ein ADHS-Kind angemessene Erwartungen herantragen, es also weder über- noch unterfordern.

Geschwister- und Familienstreitereien

Diese schaukeln sich dann auf, wenn alle Beteiligten, das, was der andere tut oder nicht tut, sagt oder nicht sagt, spontan auf sich persönlich beziehen, sich persönlich attackiert fühlen und entsprechend zurückgeben. Anstatt das Problemverhalten des Kindes als ADHS-Verhaltensschwäche zu erkennen, zu akzeptieren und mehr oder weniger logisch-vernünftig damit umzugehen, wird es als Provokation und Angriff missverstanden. Erst mit Wissen um die ADHS und deren Hintergründe kann es gelingen, nicht mehr alles auf sich selbst zu beziehen und gereizt zu reagieren. Gegen die fehlende oder ungenügende Akzeptanz des ADHS-Kindes und damit auch gegen extreme Geschwisterrivalitäten hat sich als hochwirksame Therapie herausgestellt, wenn ADHS-Betroffene, ihre Geschwister und Eltern angeleitet werden, sich Wissen über die ADHS anzueignen. Um die ADHS zu begreifen muss man nicht zehn Bücher studiert haben. Ich empfehle bevorzugt die Bücher meiner Kollegin Cordula Neuhaus (zum Beispiel „Kinder mit ADHS“).

Ich werde jetzt kurz das Wichtigste über die ADHS zusammenfassen. Anschliessend stelle ich Ihnen die restlichen fünf Ursachen von Geschwisterstreitereien in ADHS-Familien vor.

Exkurs: Das Wichtigste über die ADHS

Gemäss dem heute international anerkannten Stand der Erforschung dieses Syndroms, besteht das Kernmerkmal der ADHS in einer neurochemisch bedingten Schwäche der Hemmfunktionen unseres Gehirns. Man weiss heute, dass bei der ADHS bestimmte Nervenzellen untereinander nicht genügend aktiv kommunizieren, und zwar in denjenigen Hirnregionen, welche im Normalfall flexibel die von aussen auf uns eintreffenden Reize filtern, dann sortieren und schliesslich für eine angemessene Verarbeitung und Reaktion auf diese Reize sorgen sollten. Die Sortierschwäche und die durch sie bedingte zu grosse Reizempfänglichkeit erklären unter anderem, warum im Alltag schon kleine Geräusche eine Orientierungsreaktion auslösen können und die Aufmerksamkeit reflexartig beispielsweise vom Schulheft auf den (interessanten) Rasenmäher des Nachbarn umgelenkt werden kann. Die Reizoffenheit erklärt auch, wieso ADHS-Betroffene manchmal dermassen sensibel sind, dass sie zum Selbstschutz psychisch „dicht“ machen müssen, um nicht unterzugehen. Und sie erklärt, wieso Betroffene durch Stimulationen von aussen so leicht negativ, aber auch positiv beeinflussbar sind. Menschen mit einer ADHS regen sich auf, lassen sich irritieren und werden in Gedanken gefangen genommen von Kleinigkeiten oder Details, welche von anderen kaum wahrgenommen werden.




Bei der ADHS führt die zu grosse Reizoffenheit immer zu einer Superempfindlichkeit. Das zeigt sich nicht nur beim Essen oder bei der Wahl, wer zu einem passt und wer nicht. Das hypersensible ADHS-Kind (und nicht selten auch der Erwachsene mit einer ADHS) bezieht immer alles auf sich. Oft reichen eine Grimasse eines Geschwisterkindes oder die Geräusche des Besteckes beim Essen, um einen Streit vom Zaun zu brechen. Kinder mit einer ADHS sind wegen ihrer biologischen Filterschwäche viel leichter provozierbar als andere Kinder.

Reizfilter zu wenig aktiv

Weil bei ADHS die Reizfilterung nicht aktiv genug ist, nehmen betroffene Kinder immer zu viel auf einmal auf. Folge ist, dass sie grosse Mühe haben, sich auf nur eine Sache zu konzentrieren und an etwas dranzubleiben. Vor allem, wenn es sie nicht interessiert, können sie nicht mehr zuhören und das, was Lehrkräfte oder Eltern sagen, nicht mehr aufnehmen und im Gedächtnis einspeichern. Kinder mit einer ADHS sind deswegen so vergesslich, weil sie einen viel zu flüchtigen und schnellen Wahrnehmungsstil haben. Es ist wie beim Fotografieren: Wenn die Belichtungszeit zu kurz ist, fällt zu wenig Licht auf den Film. Und der Film entspricht dann dem Gedächtnis. Kinder mit einer ADHS haben selten echte Gedächtnisprobleme. Die Schwäche besteht vorher, nämlich beim Wahrnehmen.

Das ADHS-Kind kann oft nicht zuhören, es bekommt einfach nicht alles mit. Und das nicht nur in der Schule: Es übersieht und vergisst, dass die Schwester gestern abgewaschen hat und es richtig wäre, dass es heute dran ist. Und es vergisst, dass der Vater letztes Mal mit ihm in der Autowaschanlage war und dass diesmal der Bruder dran ist. Oder es vergisst eine bei der letzten Familienkonferenz vereinbarte Abmachung und behauptet, dass dies nie so gesagt worden wäre. Weil die Kinder mit einer ADHS es oft wirklich nicht mehr wissen und ihnen das niemand glaubt, fangen sie an, sich zu verteidigen und zu kämpfen. Deswegen: Abmachungen und Regeln immer aufschreiben und sichtbar für alle aufhängen.

 

Eingeschränktes Arbeitsgedächtnis

Weil sich das Arbeitszeitgedächtnis (also das aktive Kurzzeitgedächtnis) bei Kindern mit einer ADHS anders entwickelt als bei gesunden Kindern, sie Dinge vergessen und ein ganz anderes Zeitempfinden haben, leben sie oft nur im Augenblick, im Hier und Jetzt. In Kombination mit ihrem oft extremen Gerechtigkeitsempfinden, kann dies zu den verbissensten Streitereien führen. Etwa bis zum zwölften Lebensjahr sehen alle Kinder die Welt nur in ihrer eigenen Perspektive. Bis in diese Zeit hinein vermögen sie noch nicht sich in die Position eines anderen hinein zu versetzen. Einige Kinder mit einer ADHS scheinen das erst sehr viel später zu lernen. Sie haben es oft noch sehr viel schwieriger als andere, den eigenen Anteil an einem Streit zu sehen. Durch ihr Hier-und-Jetzt-Empfinden fühlen sie sich im Streit nur noch als Opfer und immer nur als der- oder diejenige, welche den anderen aus­geliefert ist. Sich selbst – quasi aus der Sicht des anderen – nehmen sie nicht wahr.

Das „Immer nur ich“ – Denken

… ist oftmals der Startpunkt eines Ge­schwisterstreits. Es hält bei ADHS-Betroffenen oft zeitlebens an. Bei allem verteidigen sie sich ständig, legen sich mit der Schwester, der Mutter, der Lehrerin, später mit dem Lehrmeister, dem Chef beziehungsweise der Partnerin oder dem Partner an. Mit dem „Immer nur ich“ – Denken geht einher, dass Kinder mit einer ADHS, aber oft auch Jugendliche und Erwachsene, immer alles auf sich beziehen. Weil die Aufmerksamkeitsfunktionen nicht gut genug entwickelt sind, gehen sie immer nur von sich aus und können manchmal ein Leben lang egozentrisch bleiben. Geschwister, welche eifersüchtig werden, weil das Problemkind sehr viel Aufmerksamkeit bekommt, finden dann blitzschnell raus, wo beim ADHS-Kind die reizbaren Punkte liegen.

Aufmerksamkeitsfokus

ADHS-Menschen haben generell Mühe sich umzustellen, den Aufmerksamkeitsfokus flexibel zu wechseln. Ihre Aufmerksamkeitsenergie reicht gewöhnlich gerade mal dazu, um das Nötigste, was gerade vor ihnen liegt, zu bewältigen. Manchmal können sich Kinder mit einer ADHS, wenn sie einmal an einer Sache dran sind, sehr wohl konzentrieren. Wehe aber, sie müssen unfreiwillig schnell umschalten und in einem Kameraschwenk den Aufmerksamkeitsfokus verschieben. Beispielsweise, wenn etwa die Schwester plötzlich ins Zimmer trampelt oder wenn sie auf die Schnelle der Mutter beim Hochtragen des Wäschekorbs helfen sollen. Für das schnelle und flexible Wechseln des Aufmerksamkeitskegels reicht dann die Energie nicht mehr. Sie fühlen sich gestresst, gestört, werden stinksauer, explodieren und rufen aus. Sie schaffen es nicht, innerlich auf den Pausenknopf zu drücken, der Mutter die Wäsche hoch zu tragen und dann dort weiterzulernen, wo sie aufgehört haben.

Impulsregulation

Hinzu kommt, dass bei ADHS-Betroffenen innere Impulse, nicht genügend reguliert und abgebremst werden können. Viele Kinder mit einer ADHS zeigen als Folge dieser Bremsschwäche einen flüchtigen und impulsiven Arbeitsstil. Diese Kinder schreiben, bevor sie die Fragen gelesen haben. Und sie reden, bevor die Lehrerin oder der Vater eine Frage fertig aussprechen konnte und handeln häufig, ohne vorher zu denken. Sie haben sich nicht im Griff, können ihr Erregungsniveau nicht angemessen regulieren, können nicht bremsen und schiessen deswegen regelmässig (und mit allen negativen Konsequenzen) übers Ziel hinaus.

Ich höre immer wieder, dass Kinder mir sagen: „Ich will schon sitzen bleiben und lernen, oder nicht streiten, aber es geht nicht. Und niemand glaubt mir, dass ich das gar nicht will, wenn ich der Mutter im Streit ‚Du A…‘ sage. Es kommt einfach aus mir heraus.“ Kinder mit einer ADHS sind auch ihren Emotionen und Bedürfnissen viel mehr als andere ausgeliefert: „Jetzt ich habe Lust auf Musik und jetzt will ich die neue CD meiner Schwester hören“ und schon ist es passiert: Der Sound der CD der Schwester erklingt laut aus dem eigenen Zimmer. Diese reisst wutschnaubend die Tür auf – den Rest können Sie sich denken!




Kinder mit einer ADHS handeln wegen ihrer biologisch bedingten Hemmschwäche also oftmals super spontan, sehr impulsiv und leider oft ohne vorher nachzudenken. Die ADHS-Impulskontrollschwäche betrifft also auch die eigenen Bedürfnisse, die dann nicht angemessen reguliert und unterdrückt werden. Einige dieser Kinder wirken wie echte Egoisten. Dabei können sie nicht anders. Das ist keine Entschuldigung, sondern eine Erklärung.

Zusammenfassung Neurobiologie der ADHS

Also: Bei der ADHS sind im Gehirn diejenigen neuronalen Netzwerke, welche die innere Bremse und den Reizfilterschutz regulieren, zu wenig aktiv. Aber nicht immer und nicht durchgehend. Begeben sich diese Kinder in für sie neue, frische, interessante oder anregende Situationen, dann vermögen sie sich oft erstaunlich gut zu konzentrieren und zusammenzureissen. Das Brems- und Filtersystem im Gehirn von ADHS-Betroffenen funktioniert (leider) nur dann gut, wenn diese Hirnregionen zusätzlich von aussen oder von innen angeregt und stimuliert werden. Dann erst normalisiert sich der Hirnstoffwechsel für kurze Zeit und dann erst vermag man sich gut zu konzentrieren, ist nicht von jeder Fliege abgelenkt und kann eine Sache durchziehen. Menschen mit einer ADHS brauchen daher sehr viel mehr Stimulation, um das neuronale Gleichgewicht aufrechtzuerhalten und um normal funktionieren zu können. Sobald es monoton, reizarm, langweilig und uninteressant wird, versagen das Reizfiltersystem und die innere Bremse. Vor allem beim Lernen ist das ein echtes Problem: Ist das Fach interessant, stimmt die Chemie mit der Lehrkraft und hat man bereits etwas Erfolg, dann geht es einigermassen. Muss man sich jedoch länger hinsetzen und lernen und üben – und das lässt sich im Schulalter bekanntlich nicht vermeiden – versagen Konzentration und Selbstbeherrschung.

Kinder mit einer ADHS sind Spontanlerner: Sie lernen etwas entweder sofort, oder gar nicht oder nur mit viel, viel Mühe. Lernen bedeutet ja wiederholen, einen Text also zwei-, dreimal lesen, im Rechnen Reihen üben und üben. Die damit verbundene Gleichförmigkeit ist für Kinder mit einer ADHS mehr als einfach nur unangenehm. Alles sich Wiederholende ist für ADHS-Menschen – also auch für Erwachsene mit diesem Syndrom – ein absoluter Gräuel, verbunden mit einem Zustand unerträglicher innerer Leere. Sie vermeiden alles Gleichförmige wo und wie immer nur möglich. In den Berichten der Schulpsychologinnen und Schulpsychologen heisst es dann bezeichnenderweise, das Kind zeige eine Anstrengungsvermeidungshaltung. In dieser Leere wird das ADHS-Kind schnell unruhig und gereizt, kann sich nicht mehr konzentrieren, Impulse brechen durch, man handelt, ohne zu denken oder man verreist in Gedanken, oder träumt vor sich hin, sieht zum Fenster hinaus oder versucht, sich durch stimulierende innere Bilder oder Fantasien oder über Selbstgespräche Anregung zu verschaffen. Andere Kinder mit einer ADHS beginnen, ihre Geschwister zu sticheln, die Mutter zu reizen oder den Lehrer zu provozieren. Auch das ist keine Entschuldigung, sondern eine Erklärung.




Ursache Nr. 2: Nicht die richtige Therapie

Eine weitere zentrale Ursache für übermässigen Geschwisterstreit in ADHS-Familien liegt nach meiner Erfahrung darin, dass viele Kinder mit einer ADHS nicht gemäss dem heutigen Wissensstand behandelt werden. Grosse wissenschaftliche Untersuchungen zeigen, dass bei ADHS eine Therapie mit Medikamenten genauso wichtig ist, wie die Brille bei einem sehschwachen Kind. Auch bei den Patientinnen und Patienten aus meiner Praxis zeigte es sich eindeutig, dass bei jenen Kindern, welche eine medikamentöse Basistherapie erhielten, Danke für diese Infos!Geschwisterkonflikte sich in einem normalen Rahmen hielten. Mit gut eingestellten Medikamenten und ergänzt durch weitere therapeutische Massnahmen konnten sich rund vier von fünf jungen ADHS-Patientinnen und -Patienten unserer Praxis besser beherrschen, besser zuhören und besser mitmachen. Dies führte leider nicht bei allen, aber doch bei eindrücklich vielen Familien zu einer wohltuenden Beruhigung. Der zentrale Stellenwert von Medikamenten in der Behandlungskette der ADHS darf aber nicht dazu verleiten, andere Elemente einer ADHS-Therapie zu vernachlässigen. Ohne Informationsvermittlung, ohne verhaltenstherapeutische Massnahmen, ohne Erziehungsberatung, ohne Einbezug der Lehrkräfte und ohne schulische Fördermassnahmen bleiben nachhaltige Behandlungserfolge aus.

Ursache Nr. 3. Die Therapie ist nicht optimal abgestimmt

Streit gibt es in vielen ADHS-Familien entweder früh am Morgen, zur Mittagszeit und gegen Abend. Just in diesen Zeiten wirken die Stimulanzien oft noch nicht oder nicht mehr. Man muss wissen, dass Stimulanzien nur wenige Stunden wirken. Es ist daher erforderlich, mit der zuständigen Ärztin oder dem zuständigen Arzt die Dosierung so einzustellen, dass die wichtige Mittagszeit und der Abend auch abgedeckt sind. Eine 10mg Tablette Ritalin am Morgen und eine am Mittag führen infolge der kurzen Wirkdauer (ca. drei Stunden) zu einem Auf und Ab, fast so, als wäre die Brille mal scharf, mal unscharf. Positive Erlebnisse an Familienabenden und Wochenenden sind für die psychische Entwicklung des Kindes sowie für eine positive Gesamtstimmung in der Familie elementar. Gute Erlebnisse wie etwa ein friedlicher Besuch im Zoo mit den Grosseltern sind nur dann Seelennahrung für Kinder, wenn diese das Schöne auch aufnehmen und abspeichern können. Kindern, welche auf Stimulanzien angewiesen sind, das Medikament an den Wochenenden oder an den schulfreien Nachmittagen generell vorzuenthalten, ist unlogisch und meiner Ansicht nach ein Kunstfehler.

Ursache Nr. 4. Geschwisterkind hat eine unerkannte ADHS

Bei meiner Durchsicht nach massiven Geschwisterkonflikten sah ich, dass die Abklärungen ergaben, dass oftmals auch bei einem Geschwisterkind eine bisher unerkannte ADHS vorlag. Mich wundert das nicht: Die Erforschung der Ursachen der ADHS hat nämlich ergeben, dass dieses Syndrom wesentlich durch genetische Faktoren bedingt ist. Auch ich stelle bei Abklärungen häufig fest, dass auch bei Blutsverwandten oft eine ADHS vorliegt. Zwillings- und Adoptionsstudien haben gezeigt, dass bei der ADHS eine hohe Erblichkeit vorliegt. Eine Abklärung und Behandlung auch des Geschwisterkindes bewirkte, dass sich die Geschwisterkonflikte in vielen Fällen normalisierten.

Ursache Nr. 5. Mutter oder Vater leiden ebenfalls an einer ADHS

Wenn Eltern selbst immer schon impulsiv und leicht reizbar waren und sind und sich selbst nicht an Regeln halten können, spielt dies natürlich für das ganze Familienklima und das gegenseitige Aufeinanderreagieren eine immens grosse Rolle. Ich hatte schon wiederholt Familien in Behandlung, die wegen ewigen Streitereien längere Zeit und ohne Erfolg in einer Familientherapie waren. Eine echte Beruhigung gab es erst dann, als diese Eltern auch ihre eigene ADHS begriffen. Jeder soll lernen, sein Problem individuell für sich wahrzunehmen und anzugehen. Sonst wird dem ADHS-Kind die Verantwortung für alle Probleme aufgebürdet. Es kommt sich sonst noch mehr vor, als trüge es selbst die Schuld für alles.




Ursache Nr. 6. Diagnose stimmt nicht oder ist unvollständig

Bei Kindern, die von anderen Stellen abgeklärt wurden, bereits Medikamente bekamen und wegen fortbestehenden Problemen im Sozialverhalten sowie in der Schule zu mir überwiesen wurden, stelle ich immer mal wieder fest, dass die Diagnose nicht stimmt oder dass neben der ADHS andere grundlegende Probleme nicht erkannt und behandelt wurden. Immerhin beruhen längst nicht alle Konzentrationsstörungen automatisch auf einer ADHS. Dazu gehören emotionale Störungen oder auch Teilleistungsstörungen wie etwa eine Dyskalkulie, welche meistens mit Störungen in der Raumverarbeitung einhergehen und mit Ritalin natürlich nicht geheilt werden können. Das erfordert dann andere Therapien. Nur Medikamente abzugeben, hat sich meiner Erfahrung nach sowieso nicht bewährt.

Vorschläge

Zum Schluss doch noch einige konkrete Ratschläge und Massnahmen, welche auch gegen übermässigen Geschwisterstreit helfen können:

Familienregeln

Erarbeiten Sie sich in einer Familienkonferenz neben einem Ämtli-Plan auch eine oder zwei wichtige Familienregeln. Es sollen einfache, sehr konkrete und relevante Verhaltensregeln sein, wie sie von der Bedeutung her zum Beispiel im Fussball oder im Verkehr eine grosse Rolle spielen. Also: Wenige, gut überlegte und klare Regeln sind gefragt. Später können mehr dazu kommen. Bei störendem Geschwisterstreit formulieren Sie nicht: „Lieb sein zum Geschwisterkind!“. Das ist eine zu diffuse Regel. Fangen Sie am besten damit an: „Niemand nimmt ohne zu fragen anderen etwas weg“ oder „Verbotene Worte sind: Ar.ch“, usw.

Regeln Sie mit Ihrem Ehepartner und danach in einer Familienkonferenz auch die in Frage kommenden Sanktionen („Bussenkatalog“). Arbeiten Sie auch mit roten Karten. Wichtig ist, dass die Kinder vorher wissen, was passiert, wenn eine Regel übertreten wird. Das „Strafreglement“ sollte von den Eltern erarbeitet, an der Familienkonferenz eingeführt, schriftlich festgehalten werden und an einem gut einsehbaren Ort hängen. Aber Achtung: Sie müssen diese Regeln auch überwachen können und vor allem reagieren, wenn sie gebrochen werden. Überlegen Sie es sich also gut, was wie geregelt werden soll! Und beschränken Sie sich auf die wesentlichen Punkte. Nur so führt dieses Vorgehen zum Erfolg.

Loben, loben, loben

Loben Sie das Kind (oder die Kinder) beim Abendessen, falls die Regeln heute eingehalten wurden. Loben Sie sie also dann, wenn anderen nichts ungefragt weggenommen wurde und wenn die Kinder sich nicht handgreiflich stritten. Schenken Sie ihnen vor allem dann Aufmerksamkeit, wenn das positive Verhalten eingetreten ist – und nicht vor allem dann, wenn es kracht. Auch wenn für Sie selbst der Zustand des Nichtstreitens oder des Nichtwegnehmens selbstverständlich ist, belohnen Sie streitfreie Nachmittage mit einem Extradessert oder einem anderen Bonus.

Verstärkerplan

Hilft das nicht, müssen Sie systematisch und mit Hilfe einer Fachperson einen Verstärkerplan aufstellen. Auch dabei soll die Wahrscheinlichkeit, dass das erwünschte Verhalten eines Kindes öfters eintritt, durch den Einsatz einer positiven Konsequenz gefördert werden. Nur diesmal mit System, also einem hierarchischen Aufbau und einem durchdachten Punkte-Belohnungssystem. Eine Anleitung dazu findet man in diesem Buch: „Wackelpeter und Trotzkopf“ von Manfred Döpfner. Bei hartnäckigen Problemen muss ein Verhaltenstherapeut oder eine Verhaltenstherapeutin hinzugezogen werden.




Ohne Strafen geht es nicht

Leider gibt es immer wieder Situationen, welche sofortiges Eingreifen erforderlich machen. Dabei gilt folgender Grundsatz: Man soll das unerwünschte Verhalten sanktionieren und nicht die Person an sich. Kinder mit einer ADHS haben sowieso schon ein schlechtes Gewissen, weil sie so unbeherrscht sind und immer anecken, in der Schule ungenügende Leistungen erbringen und sich dumm vorkommen. Wenn ein schlimmer Streit im Aufziehen ist und Sie lediglich rufen: „Jetzt ist Schluss, hört endlich auf“ und das dann nicht durchsetzen können, verlieren Sie Ihre Glaubwürdigkeit. Wenn, dann sollte man möglichst wirkungsvolle signalartige Aufforderungen geben. Dazu muss man sich aber Gehör verschaffen. Ziehen Sie die gelbe Karte und geben Sie klare Botschaften! Und: Drohen Sie nicht mit späteren Sanktionen. Negative Konsequenzen müssen sofort erfolgen.

 

Wenn es bereits zu massiven Tätlichkeiten gekommen ist: Zuerst Luft holen, dann für sich leise bis Zwölf zählen und dann ruhig und entschlossen dazwischen gehen. Trennen Sie die Kinder, jedes muss für zehn Minuten in sein Zimmer. Ein Time-out ist angesagt. Stellen Sie einen Wecker in das Zimmer, damit das Kind sieht, wann die „Strafzeit“ abgelaufen ist (Kinder mit einer ADHS haben ein schlechtes Zeitgefühl, können sich in schlimmste Aggressionen hineinsteigern, weil sie meinen, eine Strafe dauere eine halbe Ewigkeit). Gehen Sie anschliessend einzeln zu den Kindern und reden Sie alleine mit ihnen. Nutzen Sie die Technik des aktiven Zuhörens: Spiegeln Sie die Gefühle des Kindes. So kann es lernen, Gefühle zu verbalisieren, statt sie auszuagieren.

Ich fasse zusammen

Wissen um die ADHS, echte Akzeptanz des Anderssein, eine individuell zugeschnittene Therapie und klare Familienregeln können helfen, die Gratwanderung rund um die Erziehung von Kindern mit einer ADHS besser zu bewältigen.

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Er wurde letztmals aktualisiert am 11.10.2017.
© Piero Rossi




ADHS – Krankheit der negativen Gefühle?

 


ADHS: Für viele Betroffene eine Via dolorosa.
Schmerzende Gefühle sind die Regel, nicht die Ausnahme.
Wieso? Lesen Sie weiter!


Piero Rossi mit Susanne Bürgi. Erschienen erstmals in: ELPOST 40/2010. Leicht überarbeitet.

Einleitung

Wer Kinder mit einer ADHS kennt, denkt spontan an ungenügende Schulleistungen, vergessene Schulunterlagen oder Tränen und Wut beim Hausaufgaben erledigen. Oder an Eifersuchtsszenen, Hyperempfindlichkeit, ein lautes „Nein!“ nach dem anderen, Dramen beim Zubettgehen, an schulische Versagensängste oder etwa an Streit beim gemeinsamen Essen.

Wer an Jugendliche mit einer ADHS denkt, dem kommen Stimmungsschwankungen, Selbstzweifel, depressiv anmutende Gemütszustände oder aggressive Ausbrüche in den Sinn.

Und wer schliesslich erwachsene Frauen und Männer mit einer ADHS vor Augen hat, denkt vor allem an Menschen, die demoralisiert und gezeichnet sind von ständigen Misserfolgen und Minderwertigkeitsgefühlen: Menschen voller Schuldgefühle, weil sie ständig vieles versprechen, immer Neues anreissen und syndrombedingt nur weniges einzuhalten und durchzuziehen vermögen. Allen negativen Erfahrungen stehen aber auch positive Emotionen gegenüber.

Dazu gehört unter anderem ein starkes Gerechtigkeitsempfinden – auch wenn dieses ob der so feinfühlig wahrgenommenen Ungerechtigkeiten meist allzu schnell wieder in Verbitterung umschlägt. Auch das Gefühl des Stolzes oder des Glücks, wenn einmal etwas gelingt, kann bei ADHS-Betroffenen überaus herzlich ausfallen.

 

Leben mit ADHS – eine Via dolorosa

ADHS-Betroffene werden seit Kindheit durch einen neurobiologisch bedingten chronischen Mangel an Selbstbeherrschung und Konzentrationsvermögen in ihrer Entwicklung und Lebensbewältigung beeinträchtigend stark ausgebremst. Infolge ihres Unvermögens, Impulse angemessen zu hemmen, reizarme Situationen auszuhalten und ihre Affekte angemessen zu regulieren, stehen sie – sofern die ADHS nicht behandelt wird – ein Leben lang im Dauerkonflikt mit sich selbst, mit den Menschen um sie herum und nicht selten auch mit dem Gesetz.

Hypersensibel und unfähig zur Entspannung entwickeln einige von ihnen psychosomatische Krankheiten oder Suchtprobleme. Chronischer Stimulationshunger und Überaktivität führen zu Erschöpfungsdepressionen und Burnout. Den meisten wegen ihrer Zerstreutheit sehr vergesslichen und lerngeschwächten ADHS-Patientinnen und -Patienten bleibt eine ihrem Potenzial entsprechende Schul- und Berufskarriere vorenthalten.

Viele nagen in der Folge ein Leben lang an Selbstzweifeln, Ängsten, Unzufriedenheits- und Minderwertigkeitsgefühlen. Auch Scham- und Schuldgefühle sind häufige Begleiter von Betroffenen mit ihrem ewigen Ruf der Unzuverlässigkeit.

Negative Erfahrungen führen zu negativen Gefühlen

Ob ihrer vielfältigen Scheiternserfahrungen sind ADHS-Betroffene oftmals demoralisiert und haben mit grossen Identitätsproblemen zu kämpfen. Viele halten sich von klein auf und meist ein Leben lang für dumm und unfähig. Diese und andere negative Grundannahmen, ständig genährt durch alltägliche Auswirkungen ihrer Handicaps, fördern eine unheilvolle Misserfolgserwartung und führen damit in einen Teufelskreis, aus welchem die meisten ADHS-Betroffenen ohne psychotherapeutische Hilfe nicht mehr herausfinden.





Tatsächlich erscheint die ADHS im Erleben der Betroffenen, aber auch aus der Perspektive der Eltern, Geschwister, Angehörigen oder Lehrer/-innen als die emotionale Störung schlechthin. Manchmal sind die emotionalen Auswirkungen der ADHS derart stark ausgeprägt, dass die zugrunde liegende neurologische Kernproblematik – also die ADHS – maskiert wird. Dies kann dazu führen, dass Psychiater/-innen und Psychologinnen und Psychologen die ADHS als eine emotionale Störung verkennen und wirkungslose Therapien durchführen.

Was sagt uns die Hirnforschung?

Trotz intensiver Forschungsbemühungen sind wir noch weit davon entfernt zu verstehen, was in unserem Gehirn wirklich vor sich geht. Verbindliche Aussagen darüber, durch welche zerebralen Prozesse die ADHS mit Emotionen verbunden ist und was wirklich passiert, wenn ein betroffenes Kind weint oder wütend wird, sind bisher nicht möglich.

Wir verfügen bestenfalls über Erklärungsmodelle. Eines hat sich aber in den vielen Jahren der Erforschung dieses Syndroms doch deutlich herauskristallisiert: Sehr viele für die Verarbeitung von Emotionen relevante neuroanatomische Strukturen sind auch bei der ADHS beteiligt – und umgekehrt.

Motivationsregulation

Wollen wir die Regulation der Emotionen bei ADHS-Betroffenen besser verstehen, müssen wir uns in erster Linie den Gefühlen des Motiviert- und Nicht-Motiviertseins zuwenden. Wie bereits in den 70er-Jahren vom bekannten ADHS-Forscher Paul Wender postuliert, stellen heute für viele Wissenschaftler neben den klassischen Kernsymptomen Hyperaktivität, Impulsivität und Aufmerksamkeitsstörung vor allem auch Störungen der Motivationsregulation einen zentralen Mechanismus der ADHS dar.



Schneller Lust- und Motivationsabfall – Kernproblem bei der ADHS

Wer ADHS-Betroffene kennt, weiss aus Erfahrung, dass ihnen im Normalfall die Geduld fehlt, lange genug an einer subjektiv uninteressanten Sache dran bleiben zu können. Die Motivationskraft bricht ein, sobald ihnen die aktuelle Tätigkeit nicht mehr passt oder keinen Spass mehr macht. Gemacht wird, was gerade interessant ist und nicht das, was angesagt ist. Eine altersentsprechende Belohnungsverzögerung liegt nicht drin.

„Delay-Aversion-Modell“

Professor Edmund Sonuga-Barke beschrieb diesen Motivationseinbruch bereits 1994 in seinem „Delay-Aversion-Modell“ (gemeint ist eine Abneigung gegenüber Zeitverzögerungen beziehungsweise Wartephasen).

Nicht-ADHS-Betroffene können – wenn sie wollen – an einer Sache altersentsprechend lange dran bleiben. Dies auch dann, wenn sie keine Lust dazu haben. Die Aussicht auf ein gutes Gefühl nach dem Beendigen einer Aufgabe lässt sie auch Unangenehmeres mehr oder weniger motiviert durchziehen (Beispiel Hausaufgaben: „Nachher bin ich endlich frei und kann spielen gehen“).

 

Ganz anders bei ADHS-Betroffenen: Selbst wenn sie wollen, können sie nicht am Ball bleiben. Sie werden unruhig, reagieren innerlich immer gereizter und brechen die Übung schliesslich ab. Die Geometrieaufgabe wird mit links zur Seite geschoben, während die andere Hand flink zum Handy greift, um schnell noch eine SMS zu verschicken.

Erstaunlich ist es nicht, dass Forscher in einem Experiment zeigen konnten, dass ADHS-Betroffene eine kleine, dafür schnell zu erreichende einer grösseren, später erst zu realisierenden Belohnung vorziehen. Auch ist es nicht verwunderlich, dass Professor Terje Sagvolden und sein Team 2005 in einer Untersuchung feststellten, dass bei ADHS-Betroffenen die Wirksamkeit einer Belohnung mit wachsender zeitlicher Distanz zwischen Verhalten und erfolgter Belohnung unverhältnismässig stark abnahm.

Merke: Belohnungen für positives Verhalten müssen also schnell erfolgen, wenn sie wirken sollen.

 

Hilflosigkeit und Aggressionen

Wenn weder eine in Aussicht gestellte Bestrafung („Wenn du jetzt nicht fertig machst, darfst du heute nicht fernsehen!“), noch eine in Aussicht gestellte Belohnung („Wenn du das in einer Stunde schaffst, gehen wir zu McDonalds‘!“) auf das Verhalten von ADHS-Betroffenen einen steuernden Einfluss haben, erleben sich Eltern und Lehrkräfte oftmals hilflos:

Ihre pädagogischen Bemühungen scheinen bei diesen Kindern wirkungslos abzuperlen. Leicht können dann aus Ohnmachtsgefühlen Aggressionen entstehen, so dass sich Erzieher/-innen und Kinder mit einer ADHS emotional gegenseitig aufschaukeln. Nicht selten endet das in Tränen, Verzweiflung und leider immer wieder auch in handfester Gewalt.

Schwachstelle Belohnungssystem

ADHS-Betroffene benötigen im Grunde genommen zuerst eine Belohnung, um das erwünschte Verhalten zu zeigen. Warum? Belohnungen (zum Beispiel ein Kompliment) wirken als positive Verstärker: Sie steuern unser Verhalten – oft ohne dass wir uns dessen bewusst sind – und fördern durch selbst- oder fremd gesetzte Handlungsanreize unsere Motivation.





Eine angemessene Reaktion auf lohnende Anreize ist eine wichtige Voraussetzung für Entscheidungen und zielgerichtetes und vernünftiges Verhalten (zum Beispiel Nein sagen können bei ablenkenden Reizen). Genau das aber scheint bei ADHS-Betroffenen nicht zu funktionieren: Die Selbststeuerung via Motivation klappt nur bei viel Spass und/oder in hochgradig interessanten Situationen.

Grund dafür ist ein im Standby-Modus zu schwach stimuliertes Belohnungssystem, das ADHS-Betroffene mit einer Zuwendung auf subjektiv Interessantes, durch Stören, übermässigem Essen, einem Computergame oder mit Drogen zu kompensieren versuchen. Dies alles führt im Belohnungssystem zu einem kurzfristigen Anstieg der bei der ADHS zu niedrigen Dopamin-Konzentration und hilft den Betroffenen, eine Weile lang konzentriert bei der Sache zu bleiben (wenn auch leider oft bei der falschen).

Wirkung der Stimulanzien

An diesem Punkt entfalten Stimulanzien ihre Wirkung: Sie führen dazu, dass der zu niedrige Dopaminspiegel unter anderem auch in den Hirnregionen des Belohnungssystems auf ein ausreichendes Niveau steigt und der Transmitterstoffwechsel damit länger stabil gehalten werden kann. Spricht ein betroffenes Kind auf die Therapie an, hat es mehr Geduld, ist nicht mehr von jeder Fliege abgelenkt, kann am Wesentlichen besser dran bleiben und vermag auch Langweiligeres zu erledigen – und dies ohne eine Belohnung im Voraus zu erhalten.

Zuständig ist das Dopaminsystem

Die wichtigsten Hirnregionen, welche das Belohnungssystem steuern, sind das ventrale Striatum, der orbito-frontale Kortex sowie der Mandelkern (Amygdala). Für deren Zusammenspiel ist die chemische Signalübermittlung im Dopaminsystem verantwortlich. Eine zentrale Rolle kommt dabei dem Nucleus accumbens zu.

Diese Hirnstruktur ist für alles Positive, das Neugier-, aber auch für das Suchtverhalten zuständig. Sobald etwas Spannendes oder Interessantes vorliegt, wird der Nucleus accumbens aktiviert. Dies kommt bei ADHS-Betroffenen im Schul- und Familienalltag indes nur selten vor.

Umso aktiver scheint dafür der Mandelkern zu sein, welcher vor allem in die Verarbeitung negativer Gefühle eingebunden ist. Das im subjektiv langweiligen Alltag schnelle Absinken des Dopaminspiegels führt bisweilen zu regelrechten Entzugssymptomen wie Gereiztheit, Ärger und Wut.

Verständlich also, dass ADHS-Betroffene mit Langeweile nicht umgehen können, von schlechten Gefühlen und Stimmungen schnell gefangen werden und auf frustrierende Ereignisse oft besonders massiv reagieren. Das Problem bei der ADHS liegt also in der Art der Reaktion auf Belohnungen und damit auf die Art, wie wir entscheiden, was wir tun.




Mehr „sozio“ und weniger „neuro“ bitte

Um zu erklären, wieso ADHS-Betroffene oft in emotional so instabiler Verfassung sind, wird in den letzten Jahren immer häufiger auf gestörte Hirnfunktionen und Ungleichgewichte in Neurotransmittersystemen verwiesen. Diese wissenschaftlichen Erkenntnisse sind für die Erforschung neuer Therapien zweifellos wichtig und interessant.

Dennoch: Der in jüngster Zeit immer einseitigere Fokus auf die neurowissenschaftlichen Erklärungsansätze verdeckt den Blick auf das Naheliegende und Wesentliche immer mehr. Um zu verstehen, warum sich Kinder mit einer ADHS oft unverstanden, alleine und schuldig fühlen und um zu begreifen, wieso diese Kinder so empfindsam sind und so gereizt reagieren können, müssen wir nämlich weder neuronale Regelkreise noch frontostriatale Dysfunktionen bemühen.

Zwei, drei Blicke in das konkrete Leben dieser Kinder und der von ADHS betroffenen Jugendlichen und Erwachsenen reichen aus, um ihre seelischen Nöte, ihre Sorgen, Ängste, Minderwertigkeits- und Schuldgefühle zu verstehen. Es ist nicht der gestörte Dopamin-Stoffwechsel, welcher Schmerzen und Leid verursacht.

Es sind vielmehr Reaktionen anderer Menschen, gesellschaftliche Normvorstellungen und institutionelle Rahmenbedingungen (besonders auch der Schule), welche zu den seelischen Verletzungen und deren emotionalen Auswirkungen führen.



Nicht die Konzentrationsprobleme schmerzen

Nie haben wir von einem langsamen und verträumten Mädchen gehört, dass ihm sein schwaches Aufmerksamkeitssystem weh macht. Es ist vielmehr das hämische Gelächter anderer, wenn es durch einen Aufruf des Lehrers aus seinen Träumereien herausgerissen wird, nicht weiss, was gerade besprochen wird und aus der Not heraus irgendetwas vor sich hin stottert.

Und noch nie berichtete uns ein hyperaktiver Knabe, dass ihn seine Impulsivität schmerzt. Weil Hyperaktive ihre Kraft schlecht dosieren können und dreinschiessen, ecken sie an. Es ist das darauffolgende Gemiedenwerden, welches dem Kind weh tut. Auch ist es in all den Jahren, in denen wir mit ADHS-Betroffenen arbeiten, noch nie vorgekommen, dass uns ein Kind berichtete, es leide an seiner Vergesslichkeit.

Es sind fast immer die Erwartungen und Reaktionen anderer, welche beim Kind Scham- und Schuldgefühle erzeugen: Dinge wie Vergessens-Striche im Elternheft oder Vorwürfe, man würde sich nicht genügend anstrengen oder es gar extra machen, sind es, welche die sensiblen Seelen der betroffenen Kinder verletzen und zu heftigen, nach innen oder aussen gerichteten emotionalen Reaktionen führen.

Nicht können oder nicht nicht wollen?

Was wohl in solchen Momenten in der Seele eines Kindes mit einer ADHS passiert? Wie zurückgesetzt muss sich ein Kind fühlen, welches nicht nicht will, sondern nicht kann, welches für das alles selbst keine Erklärung hat und sich dann vielleicht noch schuldig fühlt? Wie muss sich ein solches Kind fühlen, wenn ihm wiederholt vorgehalten oder mit Blicken und Gesten zu verstehen gegeben wird, dass es wieder einmal viel länger als andere hat, um den gleichen Stoff zu lernen?





Und dass es das Gelernte nicht wieder so schnell vergessen und deshalb heute wirklich einmal besser aufpassen soll? Was passiert in der Seele eines zappeligen, unruhigen und impulsiven Kindes, wenn ihm von den Eltern oder Grosseltern wiederholt mehr oder weniger direkt zu verstehen gegeben wird, man erwarte jetzt schon langsam, dass es lerne, sich wie andere zu beherrschen und zu benehmen? Und was geschieht mit einem Kind, wenn es die leise Enttäuschung der Eltern spürt, dass es in Mathematik das Sortenumwandeln immer noch nicht begriffen hat?

Danke für diese Infos!

Traumatisierende Erfahrungen

Klinische Erfahrungen zeigen, dass ADHS-Betroffene, bedingt durch ihre Reizoffenheit, Abwertungen („Du Schnecke“), Vorwürfen („Du bist einfach nur faul!“) und anderen negativen Erlebnissen viel schutzloser ausgeliefert sind als andere. Erlebnisse dieser Art können die psychische Belastungsgrenze der Betroffenen übersteigen.

Eine adäquate Verarbeitung des Erlebten bleibt oftmals aus. Folge ist, dass diese Erfahrungen traumatisierend wirken, was zu chronischem Stress, psychosomatischen Symptomen und anderen Belastungsreaktionen führen kann.

Verbitterung durch mangelndes Verständnis und fehlende Akzeptanz

Bis heute wird allzu häufig nicht akzeptiert, dass Kinder mit einer ADHS ganz andere Voraussetzungen mitbringen als nicht-betroffene Kinder.

Beispiel Schule

Wochenpläne, Prüfungen unter Zeitdruck, der Zwang zum Schönschreiben, still Sitzen und geduldig Zuhören sowie Strafen infolge Vergessens oder Verlierens von Schulmaterialien sind einige der unzähligen Hürden, an welchen die meisten ADHS-Betroffenen im Schulalltag scheitern. Wenn wir einen Lehrer bitten, einem Kind unter Berücksichtigung seiner Konzentrationsschwächen und seiner graphomotorischen Probleme bei Prüfungen mehr Zeit einzuräumen und dieser Lehrer uns dann mitteilt, dies sei nicht möglich, schliesslich müsse er alle Kinder gleich behandeln, stockt selbst uns manchmal der Atem.

Als ob alle Kinder die gleichen Voraussetzungen hätten!

Beispiel Väter

Viele Väter verstehen nicht (oder wollen nicht verstehen), was es heisst, an einer ADHS zu leiden. Sie erwarten von ihren betroffenen Kindern vor allem in Sachen Schule dasselbe wie von deren gesunden Geschwistern. Und dies erst recht, wenn das Kind Medikamente bekommt. Dann sollte es ja wieder normal funktionieren können.

Sie belohnen ihre Kinder pro Prüfungsnote über einer 5 (bzw. 2 in Deutschland) mit einem Geldbatzen, machen also ihre Anerkennung von einer für alle gleiche Note abhängig. Ungerecht und verletzend sind selbst gut gemeinte und tröstende Bemerkungen wie: „Schau dir Julia an, auch sie hatte früher schlechte Noten. Nun hat sie sich angestrengt und konsequent jeden Tag eine halbe Stunde gelernt. Das kannst du auch erreichen, wenn du nur willst. Wenn man wirklich will, schafft man alles.“



Beispiel Gesellschaft

Auf eine Anerkennung, wie sie Hör-, Sprach- oder Körperbehinderte erfahren haben, warten ADHS-Betroffene und ihre Eltern noch immer. Die nicht gerechtfertigten Erwartungen an ein normales Funktionieren erzeugen bei Betroffenen und ihren Angehörigen Ohnmacht und Hilflosigkeit, aber auch Aggressionen.

Wenn Eltern in Drogeriemagazinen und Familienzeitschriften schliesslich einmal mehr lesen, dass die ADHS in Wirklichkeit gar nicht existiert, sondern Ausdruck von Verwöhnung oder anderem erzieherischen Fehlverhalten ist, gesellen sich vor allem bei den Müttern zu der ganzen Verzweiflung noch Scham- und Schuldgefühle hinzu.

Konsequenzen für den Alltag

Wenn der Alltag von betroffenen Kindern trotz Therapien durch zu starke nach innen oder aussen gerichtete Emotionen geprägt ist, ist dies meistens ein Anzeichen dafür, dass die ADHS noch nicht befriedigend behandelt wird oder dass neben der ADHS andere, ebenfalls behandlungsbedürftige Teilleistungsstörungen, psychische oder psychosoziale Belastungsfaktoren vorliegen.

Die für die Behandlung zuständige Fachperson kann die nötigen Abklärungen durchführen und die erforderlichen Korrekturen im Therapieplan einleiten. Auch kann ein Roundtable-Gespräch, an welchem auch die Lehrkraft des Kindes teilnehmen soll, einberufen werden. Entscheidend ist, dass etwas passiert. Und zwar nicht nur auf der therapeutischen, sondern auch auf der schulischen Ebene.

ADHS-Probleme lösen sich nicht von alleine. Es liegt an uns Erwachsenen, Verantwortung zu übernehmen, diese Kinder zu schützen und ihnen Entwicklungsbedingungen zu gewähren, welche es ihnen ermöglichen, trotz der ADHS ihr Potenzial umzusetzen, ein gesundes Selbstwertgefühl aufzubauen und ihren eigenen Weg zu gehen.

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Er wurde letztmals aktualisiert am 11.10.2017.
© Piero Rossi




Grundlos die Faust in das Gesicht geschlagen: Zahn verloren

Sehr geehrte Damen und Herren! Wir haben in der 3. Klasse Volksschule einen Schüler mit ADHS und Wahrnehmungsstörungen, leider wurden wir Eltern nicht darüber informiert. Meine Frage nun, es ist zu einem tragischen Unfall gekommen. „Grundlos die Faust in das Gesicht geschlagen: Zahn verloren“ weiterlesen