Kreativitätskiller WhatsApp & Instagram | Risiko oder Chance?


Bildschirmmedien wie etwa Instagram können die Kreativität bestens fördern.
Tun sie aber meistens nicht. Wieso erfahren Sie hier!


Bildschirmmedien:  Kreativitätskiller Nr. 1!

http://www.adhs.ch/ueber-mich/Gestützt auf meine Erfahrungen während der langen Jahre meiner Praxistätigkeit, sowie unter Berücksichtigung der Forschungsliteratur, steht es für mich ausser Zweifel: Vor allem bei Kindern und Jugendlichen kann ein hoher Konsum von Bildschirmmedien wie YouTube oder Instagram zu einer Verkümmerung der Kreativität führen.

Merke: Man kann nicht kreativ Bildschirmmedien konsumieren!

Wer sich stundenlang YouTube-Videos oder TV-Serien reinzieht, konsumiert völlig passiv. Bild, Ton und eine meistens sehr simple Story werden dem Gehirn in einem Guss serviert. Man muss sich beim Konsum dieser Medien selbst nichts mehr vorstellen.

Beim Lesen hingegen verhält es sich komplett anders: Der Sinn des Gelesenen erschliesst sich einem nur, wenn man sich das, was man gerade liest, auch innerlich vorstellt. Wenn das Gehirn also aktiv ist und wenn im Kopf Bilder zum Gelesenen zu einem Film verschmelzen.

Für viele mag das eine Selbstverständlichkeit sein. Für immer mehr Schülerinnen und Schüler ist es das leider nicht. Jene mit einem zu hohem Bildschirmmedienkonsum „sehen“ einfach nichts (oder immer weniger), wenn sie versuchen, zu lesen. Sie haben es schlicht und einfach nicht ausreichend lernen können, sich selbst Sachen auszudenken und sich diese vor dem inneren Auge auszumalen.

Auch der Video- oder TV-Konsum erfolgt auch das Gamen mit einer Spielkonsole oder dem Smartphone erfolgt fast ausschliesslich reaktiv. Selbst wenn das Game den Anschein macht, dass der Spieler „frei“ ist und selbst entscheiden kann, ob er den Gegner auf diese oder jene Weise vernichten will, handelt es sich in Wirklichkeit um sehr beschränkte Reaktionsoptionen, welche vom Programmierer des Spieles im Voraus festgelegt wurden.

Gamen kann – wenn es denn unbedingt sein muss – für eine oder zwei Stunden pro Woche okay sein. Was aber, wenn Kinder und Jugendliche in ihrer Freizeit stunden-, tage- und wochenlang nur passiv konsumieren und/oder nur auf externe Reize reagieren?

Zu Letzterem gehört übrigens auch das möglichst schnelle Antworten auf Benachrichtigungen von WhatsApp und anderen Messengern. Die Online-Zeit von Schweizer Jugendlichen beträgt zurzeit gemäss Angaben der Befragten täglich über 3h (James-Studie 2016).

 

Stundenlanger Medienkonsum macht Menschen jeden Altes mental und körperlich schlaff. Und er führt mittelfristig zu einer Dysregulation des motivationalen Systems. Dieses wird gestört, indem die Kinder und Jugendliche beim Gamen, TV-Serien sehen oder etwa beim blitzschnellen hin und her Chatten lernen, sich durch den Konsum dieser Medien sofort, ohne Aufwand und ohne Anstrengung, Befriedigung zu beschaffen.

Und das ohne wirklich etwas dafür zu tun. Und fast wie beim Kiffen, über welches man sofort und ohne Anstrengung zu einem guten Gefühl kommen kann.

Die mit einem schnell rückmeldenden und sehr befriedigend erlebten Medienkonsum  verbundene stundenlange Überflutung des Belohnungssystems mit dem Neurotransmitter Dopamin führt mittelfristig zu einer zunehmend grossen Intoleranz vieler Konsumenten gegenüber reizarmen, subjektiv langweiligen oder sinnlos erscheinenden Tätigkeiten.

Auch wenn der Vergleich nicht ganz korrekt ist, verhält es sich beim übermässigen Bildschirmmedienkonsum in gewisser Weise ähnlich wie bei der Diabetes:

Merke: Beim anhaltenden Konsum von zu viel Zucker versagt über kurz oder lang irgendwann die Bauchspeicheldrüse. Beim multimedialen Dauerkick ist es das normalerweise funktionierende motivationale System, welches früher oder später verkümmert.

Auswirkungen sind unter anderem, dass die betroffenen Kinder und Jugendlichen nicht mehr in der Lage sind, im Familien- und Schulalltag etwas zu tun, was ihnen keinen Spass bereitet und damit nicht sofort zu der gewohnten und sofortigen Dopaminfreisetzung und dem damit verbundenen superguten Bauchgefühl führt. Ohne Stimulation und „Kicks“ sind viele zunehmend ausserstande, Hausarbeiten zu erledigen oder sich für eine Prüfung vorzubereiten.

Kinder und Jugendliche mit einer unbehandelten ADHS (und jene mit einer nur unbefriedigend gut verlaufenden Behandlung) sind ganz speziell gefährdet, sich zu Online-Junkies zu entwickeln. Und zwar, weil ihr Dopaminsystem – wie oben dargelegt – bereits syndrombedingt dereguliert ist und sie bzw. ihr Gehirn immer nach der Suche nach (ablenkenden) Kicks und Stimulation sind.

Das hohe Tempo, welches mit dem Bildschirmmedienkonsum einhergeht, ist für ADHS-betroffene Kinder und Jugendliche auch deswegen kontraproduktiv, da sie ja bereits syndrombedingt zu schnell ticken. Ihr Gehirn lernt also durch den Gebrauch von schnellen Medien und Games, noch schneller zu reagieren. Für sie wird es immer schwieriger, sich in Ruhe einer Sache hinzugeben und eines nach dem anderen zu machen.

Merke: Man kann nicht „nicht“  lernen und je mehr etwas Spass macht, um so leichter wird es erlernt.

Fördern Messenger-Dienste wie WhatsApp die Kreativität?

Meine Hoffnung, dass sich bei Kindern und Jugendlichen in der Social-Media-Kommunikation Kreativität entfalten könnte, wurde bisher enttäuscht. Ich habe immer wieder Chat-Protokolle lesen können und musste feststellen, das Denken, Sprache und kommunikatives Handeln selbst von sehr intelligenten Kindern auf ein erschreckend tiefes Niveau absinken können.

Als Ursache vermute ich unter anderem die (zu) hochkomprimierte Form der Dialoge, die schnell ins Negative kippende Dynamik in den Chat-Gruppen sowie den impliziten Erwartungsdruck der Follower. Die Messenger-Dialoge werden auch durch den Chatjargon und den Einsatz von immer zahreicher zu Verfügung stehenden Emojis undifferenzierter und oberflächlicher. Und dies, obwohl Emojis eine Kurznachricht ja durchaus mit Gefühlen aufladen können.




Und Instagram?

Und wie steht es mit Instagram und vergleichbaren Online-Diensten zum Teilen von Fotografien (und zum Kommunizieren)? FördernInstagram & Co. diese Dienste kreatives Handeln?

Ich habe auf Instagram und ähnlichen Plattformen zahlreiche tolle Fotos gesehen. Die meisten dieser guten Fotografien stammten allerdings von professionellen oder semi-professionellen Fotografen, welche Instagram und Co. als Werbeplattform verwenden.

Aber auch zahlreiche der Instagram Fotos meiner ehemaligen Patienten oder den Teilnehmern im Atelier fotoLux halte ich für wirklich gelungen.

  • Augenscheinlich ist für mich aber auch, dass diese Originalität guter Insta-Fotos wahrscheinlich mehr auf Zufällen als auf Können beruht.
  • Reflexive, bewusste Fotografie ist heute out. Erarbeitet wird da nichts mehr. Soll auch nicht, denn „Instagram“ steht  ja wortwörtlich für die spontane (digitale) Sofortbildfotografie.
  • Auffallend zudem, wie ähnlichh der grafische Aufbau und der Look vieler Selfies auf Instagram sind.

Sofort- & Schnell-Kultur und Identitätsentwicklung

Gut, halten wir uns immer vor Augen, dass ja völlig offen ist, was Kreativität eigentlich bedeutet. Ich bin der Letzte, welcher Instagram-Usern Kreativität pauschal absprechen will. Wahrscheinlich begründet die digitale Instant-Fotografie eine neue Foto-Kultur. Immerhin wirken spontane Insta-Fotos häufig sehr authentisch.

Das Unverfälschte, Naive und Unschuldige in vielen dieser Fotos geht meinem Empfinden nach mit einer faszinierenden Magie einher. Es entsteht eine neue Kultur, die ich zwar noch nicht verstehe, welche aber mich aber interessiert und herausfordert.

 

Trotzdem: Meinen Beobachtungen nach ist es so, dass die fotografische Kultur auf Instagram und Co., welche sich primär auf digitale Sofort-Bilder stützt, zu einer für die Identitätsentwicklung von Kindern und Jugendlichen ungesunden Beschleunigung und der Masse wegen zu einer inflationären Entwicklung führen kann.

Die Halbwertzeit dieser Fotos ist erschreckend niedrig. Bei Snapchat, einem kostenlosen Instant-Messaging-Dienst, ist es möglich, Fotos zu publizieren, die nur eine bestimmte Anzahl von Sekunden sichtbar sind und sich dann von selbst löschen.

Warum aber soll die Instant- und damit Sofort- & Schnell-Kultur von Instagram & Co. zu einer Beeinträchtigung der Identitätsentwicklung von Kindern und Jugendlichen führen, werden Sie sich vielleicht fragen. Und was spricht gegen eine kurze Halbwertszeit von Fotos?

Fotografien – kollektives und individuelles Gedächtnis

Halten Sie sich vor Augen, dass Fotografien dazu dienen (oder lange dazu dienten), sich ein Bild von der Welt machen zu können. Fotos haben eine hohe Definitionsmacht. Sie bestimmen zum Beispiel, wie wir uns die Niagarafälle vorzustellen haben. Selbst wenn wir diese gar nie besucht haben. Sie definieren auch unsere Erinnerungen an die Vergangenheit. Zum Beispiel an den Morteratschgletscher, dessen Gletscherzunge vor 20 Jahren noch viel weiter reichte als heute.

Fotografien sind aber nicht nur Teil unseres kollektiven Gedächtnisses. Sie dienen auch dazu, sich ein Bild von sich selbst und seiner eigenen Geschichte machen zu können. So waren Bilder aus der eigenen Kindheit (wie etwa Klassenfotos aus der Grundschule oder Fotos von bereits verstorbenen Angehörigen) lange Zeit Erinnerungsträger mit identitätsstiftenden Effekten.


„Ja, genau so war ich als Baby“. Oder: „Das waren noch Zeiten, als ich lange Haare trug!“ Oder: „Das ist meine Nonna. Die hatte immer Zeit für mich!“


Damit eine Fotografie sich in unserem Gedächtnis Biografie- und damit Identitätsstiftend verankern kann, müssen wir die Gelegenheit, das Bild zu verschiedenen Zeitpunkten und über einen längen Zeitraum immer wieder zurückholen können.

Erst wenn wir uns das Foto wieder und wieder anschauen und dadurch auch die Gelegenheit haben, die mit dem Bild assoziierten Affekte zu aktualisieren, steigt die Zahl der für die Erinnerung zuständigen Neuronen und und die Stärke der jeweiligen Synapsen.

Mit Zurückholen von Foto-basierten Erinnerungen und dem so wichtigen Nachempfinden ist aber bald Schluss. In Schuhschachteln oder Alben aufbewahrte Fotografie-Abzüge (und die mit ihnen verbundenen Erinnerungen-konservierende Effekte) fallen seit dem Aufkommen der digitalen Fotografie, und erst Recht mit dem Aufblühen der digitalen Insta-Foto-Kultur, fast komplett weg. Extrem kommt dies bei Snapchat zu Ausdruck: Wenn die Fotos und damit die Erinnerung sich selbst automatisch zerstören, entfällt die Möglichkeit gänzlich, Erinnerungen aufzufrischen.

 

Fotobücher, also die heutigen Fotoalben, sind eine gute Lösung. Fact ist aber, dass nur in sehr wenigen Familien Erinnerungsfotos in Fotobüchern festgehalten werden. Und dies trotz der enorm gewachsenen Anzahl an Fotos, welche täglich gemacht werden. Bilder gucken auf dem iPad geht ja auch, denken sich viele. Die Frage ist einfach, wie lange noch.

Auch die in iOS 10 (= aktuelle Version des iPhone-Betriebssystems) neu eingeführte Foto-Funktion „Andenken“, bei welcher man sich „Das Beste der letzten drei Monate“ in einem animierten Film kurz, mittel oder lang sowie in verschiedenen Stilrichtungen (Sentimental, Sanft, Chill, Heiter usw.) vorführen lassen kann, zeigt deutlich, was wir heute unter Andenken und Vergangenheit zu verstehen haben. Nach drei Monaten ist Schluss.

Aber selbst für den Fall, dass die Fotos eine Weile auf dem Smartphone oder im PC abgespeichert werden, sind sie über kurz oder lang dem Verfall preisgegeben: Wer bitte macht sich denn heute die Mühe, die Bild-Dateien auf dem Computer oder einer externen Harddisk zu sichern?

Und wie schnell gehen Handys (und die darin gespeicherten Fotos) bei Jugendlichen kaputt!  Alte Schuhschachteln voller Fotos kann man jahrelang vergessen. Verloren gehen sie trotzdem nicht. Passwörter zu Online-Speichern hingegen schon. Und weiss in 25 Jahren der Enkel noch, wo sein Opa seine Fotos speicherte?

Datenschutz und Datensicherung sind heute selbst für viele intelligente Jugendliche absolut keine Themen. Das Sichern von digitalen Fotos ist aber auch für viele Erwachsene bedeutungslos. „Zu kompliziert“ höre ich jeweils, wenn es in Gesprächen zu diesem Thema kommt.

Auch eine automatische Ablage von Fotos aus dem Smartphone in der Foto-Cloud sowie deren automatische chronologische Sortierung in einer Timeline (Zeitlinie) ändert an deren Kurzlebigkeit nur wenig. Wie leicht können Zugangsdaten zur den Online-Speicherdiensten vor DropBox oder iCloud vergessen gehen?

Was, wenn Eltern sich scheiden wollen und ein Elternteil im Streit oder aus Wut alle Fotodateien löscht? Und was, wenn mit dem Tod eines Menschen auch die Passwörter für den Online-Speicher für immer weg sind?

Sekunden reichen nicht

Damit Bilder im Gedächtnis verankert und zu identitätsstiftenden Erinnerungen werden können, müssen sie

  • einen möglichst hohen emotionalen Gehalt bzw. eine hohe persönliche (und emotionale) Bedeutung aufweisen und zudem
  • aufgefrischt, also immer einmal wieder und lang genug betrachtet werden können.

Eine persönliche emotionale Bedeutung haben sicher auch einige Instagram Fotos. Aber was nützt es, wenn die Fotos der Bilderüberflutung wegen gar nicht, nur ein-, zweimal und dazu nur ganz kurz angeschaut werden können? Digitale Instant-Fotografie heisst Massen-Fotografie, in welcher das einzelne Bild zum Nichts degradiert wird.

Und mit ihm die Erinnerung an das Ereignis und dessen affektiven Kontext. Das kollektive und persönliche Sich-wiedererkennen in „alten“ Fotografien wird über kurz oder lang verschwinden. Und damit ein Teil dessen, was wir heute unter Identität verstehen.



Wollen wir, dass Jugendliche eine geschichtsbefreite Instant-Identität entwickeln? Eine Identität, welche primär auf Illusionen und Selbsttäuschungen beruht („Ich habe beim Gamen oder beim Serien schauen echt etwas erlebt!“)?

  • Eine Identität, deren Quelle sich auf das Hier und Jetzt beschränkt?
  • Eine Identität, welche sich primär auf nur kurz anhaltende gute Gefühle (zum Beispiel nach dem Kaufen) beschränkt? Und nicht darauf, dass man sich etwas erarbeitet hat und sich dadurch weiterentwickelt?
  • Was wird das für eine Identität, wenn wir bald keine Möglichkeiten mehr haben, via Fotos unsere Erinnerungen an unsere Nonna und den Geschmack ihrer Lasagne aufzufrischen und am Leben zu erhalten?
  • Und was ist das für eine Identität, welche nicht darauf beruht, was wir erarbeitet, sondern gekauft und konsumiert haben?

Wie aber hängen die Schnell-schnell-Kultur und Kreativität zusammen?

Könnte das Verschwinden der Vergangenheit als Teil unserer neuen Identität dereinst nicht vielleicht sogar mit einer Befreiung von „Altlasten“ einhergehen und die Kreativität heutiger Jugendlicher so richtig befeuern? Müssen wir uns gar verabschieden von der Vorstellung, dass Kreativität verknüpft ist mit harter Arbeit, dem schöpferischen Erschaffen von echt Neuem und zeitlos Schönen?

Ich habe auf diese Fragen keine abschliessende Antwort. Meine Beobachtungen in der psychologischen Arbeit mit sehr vielen Jugendlichen mit ADHS zeigen mir aber deutlich, dass mit zunehmendem Konsumverhalten und dem Erstarken der Instant-Kultur (und ihrem je konkreten Einfluss auf die Individuen) die Kompetenz des Sich-etwas-erarbeiten-könnens drastisch abnimmt. Befriedigung muss jetzt sofort erfolgen.

Per Touch oder via Knopfdruck. Mit Drogen oder einem Smartphone funktioniert das. Aber nicht mit kreativem Schaffen! Folge ist, dass allfällig vorhandenes kreatives Potential brach liegen bleibt. Und ich vermute, dass dies auch bei Kindern und Jugendlichen ohne ADHS so sein könnte.




Halten wir uns noch einmal vor Augen, dass eine unbehandelte ADHS immer bedeutet, dass den Betroffenen (fast) alles viel zu lange dauert. Sie können syndrombedingt keine Geduld aufbringen.

Merke: Die Insta-Kultur ist bestens geeignet, das Schnell-Schnell-Syndom von ADHS-Betroffenen zu verstärken. Sie kann wie ein Brandbeschleuniger wirken.

Zwar befriedigt „Instant“ die Betroffenen bis zu einem gewissen Punkt. Auch weil sie – wenn es denn schnell genug geht und der Druck hoch genug ist – Erstaunliches leisten können. Dann aber versandet wieder alles. Energie, um etwas weiterzuentwickeln, ist keine mehr da.

Ich sehe das sehr eindrücklich auch im Atelier fotoLux. Und zwar bei denjenigen ADHS-Betroffenen, bei welchen die ADHS-Therapien nicht gut wirken. Instagram und Co. verführen die Betroffenen dann zu noch mehr Knipsen und Liken. Ständiges darauf achten, wie oft die eigenen Selfies geliked werden und wie sich die Anzahl der Follower entwickelt, hebt kurzzeitig den Dopaminumsatz und das Wohnsein, lenkt aber ab und lässt dadurch die wenige Energie, die sie noch haben, noch mehr verpuffen.

In diesem Teufelskreis sind Betroffene syndrombedingt immer weniger belastungs- und leistungsfähig. Das sie in der Folge für schulische Anforderungen immer weniger motiviert erscheinen, ist naheliegend.

 

Kreativitätsgefängnis

Weiter habe ich bei vielen jungen Instagram und Snapchat-Usern feststellen können, dass sie auf diesen virtuellen Plattformen fast immer nur unter Ihresgleichen weilen. Eine echte Chance, etwas für sie total Neues und vielleicht Inspirierendes zu erfahren (wie zum Beispiel bei einem Besuch im Zentrum Paul Klee oder einem Matinee in der Tonhalle Zürich), haben sie in diesen virtuellen und sogenannten „personalisierten“ Welten kaum.

Personalisiert = Filter auf diesen Online-Plattformen. Diese präsentierten den Usern als Neu immer nur das, wofür er/sie sich bereits auf Grundlage ihrer Likes interessieren oder interessieren könnten).

Like-Blasen

Gefangen in „Like-Blasen“ kann der damit verbundenen Filterung wegen, allfällig vorhandenes kreatives Potential verborgen bleiben. Kreativität ist ein bedeutsamer Faktor für die Entwicklung von Individualität und damit Baustein für die Identitätsentwicklung. „Insta“, Snapchat und YouTube können durch ihre personalisierten Welten diese wichtigen Prozesse ausbremsen.

Positives

Natürlich ist nicht alles des Teufels, was mit Computer und Bildschirmmedien zu tun hat. Im Gegenteil! Computerprogramme können sehr kreativ eingesetzt werden. Etwa bei der Bild- oder Videobearbeitung. Oder in der Musik. Schon lange existieren auch sehr kreative Computerspiele wie etwa Schachprogramme oder der bekannten Flugsimulator von Microsoft. Wer also denkt, hier schreibt ein technikfeindlicher Untergangsprophet, irrt.

 

Der Unterschied zum Konsumieren ist, dass die Benutzer (zum Beispiel beim Arbeiten mit Photoshop) eine aktive und eben nicht eine reaktive Rolle innehaben. Dadurch, dass sie fortwährend eigene und echt freie Entscheidungen fällen und ihren eigenen Weg beschreiten (und nicht blind und ohne es zu wissen den vorgegebenen Pfaden des Game-Programmierers folgen müssen), trainieren sie ihre eigene Phantasie.

Merke: Compterprogramme wie Photoshop, Videobearbeitungsprogramme, Schach usw. haben einen entschleunigenden Effekt. Und genau dies benötigen ADHS-Betroffene. Durch die aktive Rolle, das Sich-etwas-erarbeiten lernen sie, eines nach dem andern machen zu können. Ja, sie trainieren exekutive Funktionen!

 

Was tun?

    • Kinder und Jugendliche mit einer ADHS haben oftmals gar keinen Zugang zu ihrem kreativen Potential. Oft fehlt ihnen auch die innere Ruhe, sich auf den Klavierunterricht oder beispielsweise im Jugendtheater einlassen zu können. Versuchen soll man es trotzdem. Wenn nach verschiedenen Anläufen herausgefunden kann, wofür sich Kinder mit einer ADHS wirklich interessieren, ist schon ein grosser Schritt getan.
    • ADHS-betroffene Kinder und Jugendliche mit künstlerischen Begabungen und/oder einer hohen Intelligenz sollten in der Freizeit oder falls erforderlich im Rahmen einer multimodalen ADHS-Therapie in den Genuss therapeutisch-pädaogischer Fördermassnahmen kommen, welche an ihren Ressourcen ansetzen. Aus Erfahrung weiss ich, dass von diesen Massnahmen auch Kinder und Jugendliche mit Störungen aus dem autistischen Spektrum profitieren können.
    • Kreativitätsfördernde Massnahmen können eine ADHS-Basistherapie nicht ersetzen. Vielmehr ist es so, dass ein Minimum an intakten Exekutivfunktionen erforderlich ist, um von den Fördermassnahmen profitieren zu können. Wie Begabtenförderung mit ADHS-Betroffenen funktionieren kann, welche auf die medikamentöse Basistherapie nicht oder nur unbefriedigend ansprechen und ausgeprägte ADHS-Symptomatik aufweisen, weiss ich selbst noch nicht genau.
    • Kinder und Jugendliche sollen von den Eltern und den Lehrpersonen an den kreativen Umgang mit Computern, Kommunikations- und Bildschirmmedien herangeführt werden. Motto: Weniger ist mehr. Haben Sie als Eltern bitte keine Hemmungen, auch Verbote auszusprechen.
    • Reaktivieren Sie Fotoalben oder lassen Sie sich von Ihren Bildern Fotobücher herstellen. Sie tragen damit bei, das kollektive Familiengedächtnis zu erhalten und den Kindern zu ermöglichen, Erinnerungen an ihre eigene Geschichte aufzufrischen.
    • Bei ADHS-betroffenen Jugendlichen, welche suchtartig Bildschirmmedien konsumieren, ist davon auszugehen, dass die ADHS-Basistherapie nicht oder nicht genügend wirksam ist. Diese sollte dann durch die zuständige Fachperson überprüft und optimiert werden. Das problematische Konsumverhalten legt sich dann normalerweise. In sehr schwierigen Fällen könnte – Einsicht, Motivation und Einwilligung der Betroffenen vorausgesetzt – zur Einstellung der neuen Medikamente und zwecks Bildschirmmedien-Entzugsbehandlung eine stationäre Behandlung in Betracht gezogen werden.

      Lesen Sie hier weiter, wenn diese Informationen für Sie hilfreich waren.





Siehe auch:

 


Ist dieser Beitrag lesenswert? Ja oder nein?

Dieser Text ist urheberrechtlich geschützt.
Er wurde letztmals aktualisiert am 11.10.2017.
© Piero Rossi




Begleitstörungen bei Kindern und Jugendlichen mit einer ADHS

Begleitstörungen bei Kindern und Jugendlichen mit einer ADHS

Piero Rossi mit Susanne Bürgi. Erschienen erstmals in ELPOST 40/2010

Einleitendes Fallbeispiel für komorbide Störungen

Sara, ein zehnjähriges Mädchen, wurde uns von der Kinderärztin zur Beurteilung und Behandlung zugewiesen. Vor zwei Jahren stellte sie bei Sara eine ADHS-Diagnose. Aktueller Vorstellungsanlass waren anhaltende Verhaltensprobleme (Chaos im Zimmer und in den Schulunterlagen, schlechtes Zeitgefühl, impulsives Verhalten, gereiztes und teilweise freches Reagieren den Eltern und dem Lehrer gegenüber, Streit mit älteren Kindern und Erwachsenen) sowie erwartungswidrige schulische Minderleistungen. Die Mutter berichtete, Sara habe auch grosse Mühe im Rechnen. Dem Bericht des Lehrers war zu entnehmen, dass das Mädchen ein langsames Arbeitstempo und Mühe beim Abzeichnen hatte, sehr umständlich arbeitete und leicht ablenkbar war. Auf eine Therapie mit Stimulanzien hatte das Mädchen angesprochen, allerdings nur in einem unbefriedigenden Ausmass.

Unsere Untersuchung ergab, dass bei Sara neben der ADHS-Problematik eine Entwicklungsstörung des räumlichen Vorstellungs- und Umsetzungsvermögens vorlag (räumlich-konstruktive Störung). Diese neben beziehungsweise zusätzlich zur ADHS bestehende Problematik führte im Schul- und Familienalltag zu erheblichen Problemen. So eckte sie im Zwischenmenschlichen immer wieder an. Da Sara syndrombedingt schlecht schätzen und kein Grössengefühl für Hierarchien aufbauen konnte, vermochte sie auch keinen natürlichen Respekt vor Autoritäten zu entwickeln. Als Folge des schwachen räumlichen Vorstellungsvermögens hatte das Mädchen auch kein gutes Gefühl für Nähe und Distanz, für oben und unten, für vorher und nachher.

Raumverarbeitungsprobleme münden sehr häufig in eine Rechenschwäche oder führen gar zu einer Dyskalkulie. Ohne einigermassen intaktes räumliches Vorstellungsvermögen ist es nicht nur schwierig, zwischenmenschliche Kontakte zu regulieren und beispielsweise ein gesundes Zeitgefühl zu entwickeln, sondern vor allem auch, mathematische Operationen zu begreifen. Sara, ein intelligentes Mädchen, versuchte diese mathematische Vorstellungsschwäche durch Auswendiglernen zu umgehen – einer Strategie, mit der sie verständlicherweise bald an ihre Grenzen stiess. Ihr schwaches räumliches Vorstellungsvermögen beeinträchtigte auch die Entwicklung eines altersentsprechenden Zeitempfindens (gestern, heute, morgen oder „in einer Viertelstunde“ sind räumliche Dimensionen). Sara „sah“ diese Zeitblöcke nicht und es schien daher, als trödle und vergesse sie die Zeit. Eine Eigenschaft, welche typischerweise auch bei einer ADHS vorkommt, bei Sara aber eine andere Ursache hatte. Ergänzend zur medikamentösen Therapie und einer verhaltenstherapeutischen Elternberatung erfolgte neu eine spezialisierte Ergotherapie. Dem Mädchen geht es zwischenzeitlich (fast zwei Jahre nach Beginn der Ergotherapie) emotional, aber auch bezüglich der schulischen Leistungen deutlich besser.

Definition Komorbidität

Wer Menschen mit einer ADHS kennt, weiss es bestens: Eine ADHS kommt selten allein. Tatsächlich ist das Störungsbild auf das Engste verwoben mit anderen Faktoren, welche Ausprägung und Verlauf der Krankheit mitbestimmen. Dazu gehört in erster Linie die Art, wie in der Familie und der Schule dem betroffenen Kind begegnet wird. Daneben kann der Verlauf einer ADHS wesentlich durch psychische Begleiterkrankungen, sogenannte Komorbiditäten, geprägt sein.

Als komorbide Störung wird in der Medizin und der Psychopathologie (Lehre der psychischen Erkrankungen) ein zusätzlich zu einer Grunderkrankung (in unserem Fall der ADHS) vorliegendes anerkanntes Krankheits- oder Störungsbild bezeichnet, welches im gleichen Zeitrahmen auftritt. Um als komorbide Störung zu gelten, muss die Begleiterkrankung diagnostisch von der ADHS deutlich abgrenzbar sein. Es liegen dann Doppel- oder gar Mehrfachdiagnosen vor (zum Beispiel ADHS plus Depression oder ADHS plus Legasthenie). Bei komorbiden Störungen handelt es sich also um eigenständige psychische oder psychosomatische Erkrankungen, welche entweder als Folge der ADHS auftreten können, oder aber um Störungsbilder, die quasi neben einer ADHS bestehen und andere Ursachen haben.



Kombinationsdiagnosen sind bei der ADHS die Regel

Professor H.-C. Steinhausen geht davon aus, dass bei Vorliegen einer ADHS in der überwiegenden Mehrheit der Fälle (bis zu 85%) eine weitere Störung vorliegt. Bei bis zu 60% aller betroffenen Kinder soll sogar mehr als eine Zusatzdiagnose vorliegen. Fachleute sprechen in diesem Zusammenhang von multiplen Komorbiditäten. Die ADHS tritt also so häufig mit anderen Störungen gemeinsam auf, so dass eine Kombinationsdiagnose die Regel, eine isolierte ADHS den Sonderfall darstellt.

Das bedeutet, dass sowohl die Diagnostik als auch die Therapie meist sehr aufwändig sind beziehungsweise sein müssen, um dem betroffenen Kind und seinen Problemen gerecht werden zu können. Erforderlich ist in jedem Fall eine umfassende klinische und neuropsychologische Untersuchung. Nur mit einer ganzheitlichen Herangehensweise ist es möglich, den meist vielschichtigen Ursachen der Konzentrationsschwächen und der Impulsivität nachzugehen, allenfalls vorliegende komorbide Störungen zu erfassen und in ein Therapieprogramm zu integrieren.

Wie werden komorbide Erkrankungen erkannt?

Um Übersicht über die Fülle der Beschwerden, Symptome, Vorerkrankungen, Befunde und psychosozialen Rahmenbedingungen einer Patientin oder eines Patienten gewinnen zu können, benötigen ärztliche und psychologische Fachpersonen Diagnosen. Diese dienen einer möglichst genauen Zuordnung von Symptomen, diagnostischen Zeichen und Befunden zu diagnostischen Kategorien beziehungsweise zu Krankheitsbegriffen. Die Methode der Diagnosefindung nennt man Diagnostik. Sie stellt für jede Ärztin und jeden Psychologen ein unverzichtbares Handwerkszeug dar und ist unentbehrlich für eine sorgfältige Planung und Überprüfung jeder Therapie. Wie bei anderen Fragestellungen auch zählen zur Diagnosefindung bei Verdacht auf eine ADHS unter anderem Untersuchungsgespräche, das Erheben der Vor- und der Familienkrankengeschichte sowie verschiedene Testverfahren.

Differenzialdiagnostik

Werden bei der Untersuchung eines Kindes mit Verdacht auf eine ADHS Begleiterkrankungen erkannt, ist es wichtig zu überprüfen, ob es sich bei den Beschwerden wirklich um eine eigenständige Problematik im Sinne einer Komorbidität handelt. Viele Probleme wie zum Beispiel die eingangs beschriebene Raumverarbeitungsstörung, aber auch eine Angststörung oder eine Legasthenie können nämlich ihrerseits mit Konzentrationsschwächen und Unruhe einhergehen. Aufmerksamkeitsprobleme und impulsives Verhalten bedeuten also nicht automatisch, dass eine ADHS vorliegt.

Im Rahmen der sogenannten Differenzialdiagnostik wird untersucht, ob die Probleme, welche spontan an eine ADHS denken lassen, auch tatsächlich eine solche zur Ursache haben. Fachleute prüfen dabei auch sehr sorgfältig, ob Begleitprobleme nicht vielleicht sogar das Hauptproblem darstellen. Es geht also um die Frage, ob es sich um eine eigenständige Störung handelt, welche neben der ADHS besteht (Komorbidität), oder um eine andere Kernproblematik, die sich lediglich mit ADHS-ähnlichen Symptomen präsentiert. Das alles tönt nicht nur kompliziert, es ist es manchmal auch. Begleitprobleme können denn auch nicht immer auf Anhieb diagnostisch eingestuft werden, so dass eine abschliessende Beurteilung manchmal den weiteren Beobachtungen im Behandlungsverlauf vorbehalten bleiben muss.




Dass sich Fachleute intensiv mit Komorbiditäten befassen, hat einen ganz praktischen Grund: Es geht um das möglichst vollständige und ganzheitliche Erfassen der Beschwerden einer Patientin beziehungsweise eines Patienten. Würde eine Patientin bildhaft gesprochen nur von Läusen, nicht aber von Flöhen befreit, hielte das Jucken an und sie könnte nicht geheilt werden. Für das Wohlsein und die Genesung von Kindern mit einer ADHS ist es von entscheidender Bedeutung, allfällig vorliegende Begleitprobleme zu erkennen. Andernfalls ist es nicht möglich, einen wirksamen Therapieplan zu erstellen.

Zunächst aber ist eine fachgerechte Therapie der ADHS zentral. Nur so sind nämlich in den meisten Fällen die Voraussetzungen gegeben, dass ein Kind von der Therapie der Begleitstörungen profitieren kann. Therapie ist immer ein Lernprozess: Ohne mehr oder weniger intakte Aufmerksamkeits- und Selbststeuerungsfunktionen kann ein betroffenes Kind auch von der allerbesten Legasthenie-, Angst- oder Traumatherapie nicht wirklich profitieren. Wir sehen in der Praxis immer wieder Betroffene mit komorbiden Problemen, deren ADHS gar nicht oder nur ungenügend behandelt wird. Wiederholt haben wir feststellen können, dass eine wirksame ADHS-Therapie den komorbiden Störungen regelrecht den Wind aus den Segeln nahm. Die Begleitproblematik war zwar noch da, hatte aber nicht mehr so starke Auswirkungen im Schul- oder Familienalltag.

Als wissenschaftlich anerkannte Behandlungsform der ADHS zählt heute die medikamentöse Behandlung in Kombination mit einer Verhaltenstherapie und einer Elternberatung (eine sogenannt multimodale, also auf verschiedenen Ebenen ansetzende Behandlung, die gegebenenfalls auch schulische Fördermassnahmen oder andere therapeutische Interventionen beinhalten kann). Seit einiger Zeit gehört ausserdem auch die Neurofeedback-Therapie zu den wissenschaftlich überprüften Behandlungsformen bei der ADHS vom unaufmerksamen Typus.

Übersicht: Die wichtigsten Begleiterkrankungen

Ohne Anspruch auf Vollständigkeit geben wir im Folgenden einen kurzen Überblick über die häufigsten komorbid zur ADHS vorliegenden Störungen und deren Behandlungsmöglichkeiten. Die Reihenfolge entspricht nicht den Resultaten von epidemiologischen Studien (deren Angaben grossen Schwankungen unterliegen), sondern widerspiegelt die Häufigkeit der Komorbiditäten, wie wir sie bei Kindern in unserer psychologischen Praxis erleben.

Komorbide Störungen sind die Regel!

Lernstörungen

  • Definition: Mit Lernstörungen bezeichnen wir Minderleistungen beim absichtsvollen Lernen, die sich in mehreren schulischen Bereichen zeigen (im Gegensatz zu isolierten Störungen wie der Lese-Rechtschreibstörung oder der Dyskalkulie, siehe unten) und auf grundlegende Trainingsdefizite bezüglich schulischen Lernens und Umsetzung des Gelernten zurückzuführen sind.
  • Häufigkeit des gemeinsamen Auftretens mit der ADHS: sehr häufig.
  • Differenzialdiagnostische Relevanz: Die Begleitsymptome und Auswirkungen einer Lernstörung können im Alltag durchaus mit einer ADHS vom unaufmerksamen Typus verwechselt werden.
  • Therapie: Lerntherapie bei einer anerkannten Lerntherapeutin beziehungsweise einem anerkannten Lerntherapeuten.
  • Bemerkung: Die Planung lerntherapeutischer Interventionen sollte in Rücksprache mit der Fachperson erfolgen, welche das Kind neuropsychologisch untersuchte. So kann eine massgeschneiderte Förderung erfolgen.
  • Prognose: gut.

BuchtippLernen: Gehirnforschung und die Schule des Lebens


(Ein-) Schlafstörungen

  • Definition: anhaltende Einschlafstörungen; unangenehmes Wachbleiben länger als 30 Minuten; Durchschlafstörungen; wiederholtes, subjektiv belastendes nächtliches Wachsein.
  • Häufigkeit des gemeinsamen Auftretens mit der ADHS: Einschlafstörungen sind sehr häufig, Durchschlafstörungen seltener zu beobachten.
  • Differenzialdiagnostische Relevanz: Schlafstörungen können zu Tagesmüdigkeit und Konzentrationsproblemen führen. Bei ADHS vom unaufmerksamen Typus muss differenzialdiagnostisch ausgeschlossen werden können, dass es sich bei den Schlafstörungen um das Kern- und bei den Konzentrationsschwächen um das Folgeproblem handelt.
  • Therapie: verhaltenstherapeutische Massnahmen: visuelle und/oder akustische Stimulation beim Einschlafen (zum Beispiel ein leise plätschernder Zimmerbrunnen oder ein leicht leuchtendes Mobile), kein TV, keine Konsole- oder PC-Games 2-3 Stunden vor der Einschlafzeit. Bei sehr hartnäckigen Einschlafstörungen wird die behandelnde ärztliche Fachperson eine Therapie mit Melatonin oder allenfalls auch mit niedrig dosierten Stimulanzien prüfen (letzteres, um sich besser auf den Schlaf konzentrieren zu können).
  • Bemerkung: Einschlafstörungen kommen bei ADHS-Betroffenen sehr häufig vor. Unserer Meinung nach gehören sie zu den Kernsymptomen der ADHS. Einschlafstörungen können für das betroffene Kind quälend sein, trotzdem werden sie oftmals nicht behandelt. Ein erholsamer Schlaf ist wichtig für das Wohlbefinden und die Leistungsfähigkeit. Gelegentlich weisen Einschlafstörungen darauf hin, dass die medikamentöse Therapie mit Stimulanzien nicht optimal eingestellt ist (empfohlen wird eine Kontaktaufnahme mit der Ärztin beziehungsweise dem Arzt).
  • Prognose: gut.

BuchtippJedes Kind kann schlafen lernen

 

Schädlicher Konsum von Bildschirmmedien

      • Definition: Konsum von TV/DVD, PC-Games oder Konsolespiele von mehr als 1.5 Stunden pro Tag und Vernachlässigung schulischer und familiärer Verpflichtungen.
      • Häufigkeit des gemeinsamen Auftretens mit einer ADHS: häufig.
      • Differenzialdiagnostische Relevanz: Der Konsum von schnellen, aggressionsfördernden Autorenn- oder Ballerspielen sowie übermässiger TV/DVD-Konsum können erwiesenermassen ADHS-ähnliche Impulskontroll-, Konzentrations- und Lernstörungen verursachen.
      • Therapie: Reduktion des Konsums auf maximal 1/2 Stunde pro Tag (alle Bildschirmmedien zusammengefasst).
      • Bemerkung: Manfred Spitzer hat zu diesem Thema ein interessantes Buch verfasst mit dem Titel „Vorsicht Bildschirm“.
      • Prognose: sehr gut. Wiederholt konnten wir beobachten, dass sich die Impulsivität durch eine Konsumreduktion vermindern liess und manche Kinder automatisch mehr lasen.

Buchtipp: Digitale Demenz

 

Motorische Entwicklungsstörungen

        • Definition: deutlicher Entwicklungsrückstand motorischer Entwicklungsetappen. Betroffen sein können die Grob- und/oder die Feinmotorik (Grafomotorik).
        • Häufigkeit des gemeinsamen Auftretens mit einer ADHS: häufig.
        • Differenzialdiagnostische Relevanz: keine Verwechslungsgefahr mit der ADHS.
        • Therapie: Psychomotoriktherapie, Bewegung.
        • Bemerkung: Statt TV und PC-Games spielen raus in den Wald gehen! Eltern, nehmt euch an der Nase: Sport und Bewegung sind billige und wirksame Mittel bei motorischen Entwicklungsrückständen, aber auch bei Konzentrations- und Lernproblemen. Bei hartnäckigen und therapieresistenten grafomotorischen Problemen sollte die Schönschrift nicht mehr benotet werden. Eventuell Verwendung eines Notebooks im Unterricht.
        • Prognose: unterschiedlich; Grafomotorikprobleme können sich als sehr hartnäckig und bisweilen therapieresistent erweisen.

BuchtippBabyjahre: Entwicklung und Erziehung in den ersten vier Jahren


 

Störung mit oppositionellem Trotzverhalten

        • Definition: Verhaltensstörungen mit aggressivem und trotzigem Verhalten, aber deutlich weniger ausgeprägt als bei der Störung des Sozialverhaltens (siehe unten).
        • Häufigkeit des gemeinsamen Auftretens mit einer ADHS: kommt bei Knaben relativ oft vor.
        • Differenzialdiagnostische Relevanz: Es besteht ein gewisses Verwechslungsrisiko mit einer ADHS, weil es Störungen mit oppositionellem Trotzverhalten auch ohne ADHS geben kann.
        • Therapie: verhaltenstherapeutische Interventionen mit dem Kind und den Eltern.
        • Bemerkung: Buchtipp: Manfred Döpfner „Wackelpeter und Trotzkopf“.
        • Prognose: gut, vor allem, wenn sich auch die Väter in der Therapie engagieren.

BuchtippWackelpeter und Trotzkopf: Hilfen für Eltern bei ADHS-Symptomen, hyperkinetischem und oppositionellem Verhalten

 

Lese- und Rechtschreibstörungen

        • Definition: ein im Vergleich zum Alter, zur Intelligenz und zur Schulstufe markantes Defizit der Entwicklung der Lese- und/ oder der Rechtschreibkompetenzen.
        • Häufigkeit des gemeinsamen Auftretens mit einer ADHS: hoch.
        • Differenzialdiagnostische Relevanz: keine Verwechslungsgefahr mit der ADHS.
        • Therapie: logopädische oder lerntherapeutische Behandlung der Ursachen (vor allem auditive oder visuelle Wahrnehmungs- und Verarbeitungsstörungen). Zwecks Therapieplanung der Legasthenie wird eine neuropsychologische Untersuchung empfohlen. In der Schule sollten individuelle Lernziele vereinbart und gegebenenfalls eine Notenbefreiung vorgenommen werden.
        • Bemerkung: Es muss gewährleistet werden, dass im Zeitraum, in welchem die Legasthenietherapie erfolgt, die Stimulanzien (noch) wirksam sind.
        • Prognose: bei schwerer Legasthenie oft nur Teilremission.

BuchtippLese-Rechtschreibstörungen (LRS)

 

Enuresis, Enkopresis (Einkoten)

        • Definition: wiederholtes Entleeren von Urin oder Kot an ungeeigneten Stellen (beispielsweise im Bett oder in der Kleidung).
        • Häufigkeit des gemeinsamen Auftretens mit einer ADHS: Enuresis öfters; Enkopresis gelegentlich.
        • Differenzialdiagnostische Relevanz: kein Verwechslungsrisiko mit einer ADHS.
        • Therapie: Gründliche ärztliche Untersuchung zum Ausschluss organischer Ursachen,
          eventuell ärztlich geleitete Therapie (Blasentraining). Ausserdem verhaltenstherapeutische Interventionen mit dem Kind und den Eltern. Die Enuresis kann sich bei ADHS-Betroffenen unter der Therapie mit Stimulanzien verbessern. Wenn diese Verbesserung ausbleibt oder wenn der Leidensdruck gross ist, kann die Kinderärztin oder der Kinderarzt eine medikamentöse Enuresisbehandlung einleiten.
        • Bemerkung: Kinder mit einer ADHS nässen oder koten gelegentlich ein, weil sie in ihrer Überaktivität keine Zeit finden, die Toilette aufzusuchen.
        • Prognose: gut.

BuchtippEnuresis (Leitfaden Kinder- und Jugendpsychotherapie)

BuchtippEnkopresis (Leitfaden Kinder- und Jugendpsychotherapie)

 

Dyskalkulie (Rechenstörung)

        • Definition: ein im Vergleich zum Alter, zur Intelligenz und zur Schulstufe markantes Defizit der Entwicklung der Rechenfertigkeiten.
        • Häufigkeit des gemeinsamen Auftretens mit einer ADHS: gelegentlich (wobei leichte Rechenschwächen häufig begleitend zur ADHS auftreten können).
        • Differenzialdiagnostische Relevanz: Die Begleitsymptome und Auswirkungen der Dyskalkulie und vor allem der ihr oft zugrunde liegenden Raumverarbeitungsstörung können im Alltag durchaus mit einer ADHS verwechselt werden.
        • Therapie: neuropsychologische oder ergotherapeutische Behandlung der Ursachen (meistens Raumverarbeitungsstörung).
        • Bemerkung: spezifische Therapiemöglichkeiten der Dyskalkulie werden in der Schweiz nur selten angeboten (positives Beispiel: www.mathehaus.ch). Leider wird die Behandlung der Dyskalkulie – sofern sie überhaupt erkannt wird – oft den Legasthenie-Therapeutinnen überlassen, welche dafür nicht ausgebildet sind.
        • Prognose: Bei qualifizierter Therapie sprechen viele Kinder gut darauf an.

BuchtippRechenschwache Kinder individuell fördern: Ein systematisches Programm mit editierbaren Materialien

 

Ticstörung

      • Definition: kurze und unwillkürliche, regelmässig oder unregelmässig wiederkehrende motorische Bewegungen meist umschriebener Muskelgruppen (zum Beispiel Blinzeln, Schulterzucken, Grimassieren), oder Lautäusserungen (vokale Tics wie stereotypes Grunzen oder Schmatzen). Treten verschiedene motorische und vokale Tics zusammen auf, spricht man vom Tourette-Syndrom.
      • Häufigkeit des gemeinsamen Auftretens mit einer ADHS: gelegentlich.
      • Differenzialdiagnostische Relevanz: Auswirkungen von leichten Ticstörungen können durchaus mit einer ADHS verwechselt werden.
      • Therapie: Es existieren verhaltenstherapeutische Methoden zur Tic-Behandlung. Bei Nichtansprechen und sofern sichergestellt ist, dass es sich nicht um eine Nebenwirkung der Stimulanzien handelt, kann die Fachärztin oder der Facharzt eine spezifische medikamentöse Therapie in Erwägung ziehen.
      • Bemerkung: Bei den Ticstörungen ist zu erwähnen, dass zunehmend Hinweise vorliegen, wonach es sich bei den Tics, welche erst nach der Behandlung mit Stimulanzien auftreten, um unerwünschte Arzneimittelwirkungen handeln kann.
      • Prognose: gut, vor allem bei einer medikamentösen Therapie.

Buchtipp: Tic-Störungen: Leitfaden Kinder- und Jugendpsychotherapie

 

Angststörungen

        • Definition: ausgeprägte Furcht vor einem Objekt oder einer Situation, teilweise auch unspezifische, generalisierte Ängste bis hin zu Panikzuständen. Wenn die gefürchtete Situation zur Angstvermeidung gedanklich oder konkret gemieden wird, spricht man von einer Phobie.
        • Häufigkeit des gemeinsamen Auftretens mit einer ADHS: gelegentlich.
        • Differenzialdiagnostische Relevanz: Angststörungen gehen immer mit Veränderungen im Aufmerksamkeitssystem einher, sind aber normalerweise deutlich von der ADHS abgrenzbar.
        • Therapie: kognitive Verhaltenstherapie (unkomplizierte, oft gut wirksame und bewährte therapeutische Intervention). In sehr schweren Fällen kann ergänzend zur Verhaltenstherapie ein Behandlungsversuch mit Medikamenten erwogen werden.
        • Bemerkung: Kinder mit einer ADHS sind als Folge von syndromspezifischen Reizüberflutungen oftmals ängstlich, ohne dass eine eigenständige Angststörung diagnostiziert werden muss.
        • Prognose: sehr gut bei bei akuter Problematik, mittel bei chronifizierter Angststörung.

BuchtippÄngste verstehen und überwinden. Wie Sie sich von Angst, Panik und Phobien befreien

 

Depressionen

        • Definition: Depressionen zeichnen sich aus durch Energielosigkeit, Stimmungstiefs und einer Einschränkung oder einem Verlust von Gefühlen. Die Stimmung der Betroffenen lässt sich selbst durch Positives nicht aufhellen. Hinzu kommen Selbstvorwürfe, innere Unruhe, Appetit- und Schlafstörungen. Bei Kindern kann eine Depression auch von Aggressionen begleitet werden.
        • Häufigkeit des gemeinsamen Auftretens mit einer ADHS: bei Kindern eher selten.
        • Differenzialdiagnostische Relevanz: hoch. Nicht immer ist es einfach, ADHS-Stimmungsschwankungen von ernsten Depressionen abzugrenzen. Im Gegensatz zu ADHS-Betroffenen, welche durch positive Erlebnisse schnell aus einem Tief herausfinden, verlaufen Stimmungstiefs bei Depressionen meistens unabhängig von äusseren Ereignissen.
        • Therapie: Auch bei Kindern bewährt sich die kognitive Verhaltenstherapie. Medikamente werden nur in Ausnahmefällen verabreicht, allenfalls ist auch eine stationäre Behandlung auf einer kinderpsychiatrischen Abteilung zu erwägen. Kombinationsbehandlungen mit Stimulanzien und Antidepressiva sind bei Kindern bis jetzt kaum erforscht.
        • Bemerkung: Wir beobachten in der Praxis selten eigenständige Depressionen bei Kindern. Meistens handelt es sich um emotionale Instabilitäten, welche direkt mit der ADHS zusammenhängen. Bei Suizidäusserungen des Kindes immer eine ärztliche oder psychologische Fachperson konsultieren.
        • Prognose: gut bei ADHS-bedingten emotionalen Schwankungen. Eine Prognose bei ADHS mit komorbid vorliegenden und ausgeprägten depressiven Beschwerden kann nur im Einzelfall gestellt werden.

BuchtippDepression und Burn-out überwinden: Ihr roter Faden aus der Krise: Die wirksamsten Selbsthilfestrategien

BuchtippWenn das Leben zur Last wird: Depressionen überwinden, ins Leben zurückkehren

 

Posttraumatische Belastungsstörung (PTBS)

        • Definition: akute oder chronische psychische Störung nach traumatisierenden Erlebnissen.
        • Häufigkeit des gemeinsamen Auftretens mit einer ADHS: kommt öfters vor.
        • Differenzialdiagnostische Relevanz: Wer die Symptome der PTBS nicht kennt, könnte diese durchaus mit ADHS-Symptomen verwechseln.
        • Therapie: Angezeigt ist eine Traumaspezifische Therapie (meistens EMDR). Diese Therapie erfolgt auch mit Kindern ausschliesslich durch speziell ausgebildete Psychotherapeutinnen.
        • Bemerkung: Viele Kinder mit einer ADHS erleben zahlreiche leicht traumatisierende Erlebnisse, welche durchaus die Qualität einer chronifizierten PTBS entwickeln können und dann zusätzlich zur ADHS psychotherapeutisch behandelt werden müssen. Leider verfügen erst wenige Fachpsychologinnen und Fachpsychologen über das Know-how bezüglich der Behandlung eines Traumas bei vorliegender ADHS.
        • Prognose: keine eigenen Erfahrungen; keine zuverlässigen Angaben zur Behandlung der PTBS bei Vorliegen einer ADHS in der Forschungsliteratur. Gemäss Angaben von Kolleginnen aber oft gutes Ansprechen auf die Therapie.

BuchtippRatgeber Trauma und Posttraumatische Belastungsstörung: Informationen für Betroffene und Angehörige

 

Bipolare Störung

      • Definition: abwechslungsweise depressive und manische Phasen, wobei bei Kindern nicht zwingend die typisch manische Symptomatik mit extremer Antriebssteigerung oder Grössenideen vorliegen muss. In einer manischen Episode wirken Kinder vor allem gereizt und haben häufiger destruktive Wutausbrüche oder Impulsdurchbrüche. Ausserdem können bei Kindern gleichzeitig sowohl manische wie depressive Symptome vorliegen.
      • Häufigkeit des gemeinsamen Auftretens mit einer ADHS: sehr klein.
      • Differenzialdiagnostische Relevanz: hoch. Nicht immer ist es indess einfach, ADHS-Stimmungsschwankungen von bipolaren Störungen abzugrenzen. Wenn in der Familie manisch-depressive Erkrankungen vorkommen, muss aufgrund der erhöhten Erblichkeit bei entsprechender Symptomatik eine bipolare Störung im Auge behalten werden.
      • Therapie: medikamentöse Therapie.
      • Bemerkung: in den USA werden immer mehr Kinder als „bipolar“ diagnostiziert, während dem in Europa diese Diagnose noch selten gestellt wird. Wenn Kinder mit ADHS allen fachgerechten Therapien zum Trotz immer noch emotional sehr instabil sind, sollte an eine bipolare Störung gedacht werden.
      • Prognose: keine eigenen Erfahrungen.

BuchtippDer Bipolare Spagat: Manisch-depressive Menschen verstehen

 

Ergänzende Begleiterkrankungen bei Jugendlichen

Zusätzlich zu den oben genannten Begleiterkrankungen können bei Jugendlichen mit einer ADHS unter anderem folgende Komorbiditäten vorliegen:

Störung des Sozialverhaltens

      • Definition: Verhaltensstörung mit sich wiederholendem und andauerndem Muster dissozialen, aggressiven oder aufsässigen Verhaltens mit Missachtung altersgemässer Normen, Regeln und/oder Rechte anderer.
      • Häufigkeit des gemeinsamen Auftretens mit einer ADHS: kommt oft vor. Meistens bestehen zusätzlich erschwerende psychosoziale Begleitprobleme.
      • Differenzialdiagnostische Relevanz: geringes Verwechslungsrisiko mit einer ADHS.
      • Therapie: in der Regel sind stationäre Massnahmen mit milieu- und verhaltenstherapeutischen Behandlungen nötig (Platzierung in sozialtherapeutischen Einrichtungen).
      • Bemerkung: Vor allem unter straffälligen Jugendlichen, welche bereits mit der Jugendanwaltschaft zu tun hatten, ist diese Komorbidität auffallend häufig vertreten. Dabei wird die ADHS oftmals übersehen. Häufig kombiniert mit Suchterkrankungen.
      • Prognose: oftmals Rückschläge und langwieriger Verlauf (vor allem, wenn die ADHS nicht erkannt und nicht behandelt wird).

Buchtipp: Störung des Sozialverhaltens bei Jugendlichen: Die Multisystemische Therapie in der Praxis

Suchtstörungen

      • Definition: schädlicher Konsum oder Abhängigkeit von substanz- und nicht substanzgebundenen Süchten (wie zum Beispiel Tabak, Alkohol, Cannabis, Kokain, Internet und andere Bildschirmmedien).
      • Differenzialdiagnostische Relevanz: Symptome der Suchtstörungen können nicht mit einer ADHS verwechselt werden.
      • Häufigkeit des gemeinsamen Auftretens mit einer ADHS: Bei Jugendlichen, deren ADHS nicht rechtzeitig erkannt und behandelt wurde, besteht häufig eine Suchtstörung.
      • Therapie: Entzugsbehandlung, bei Bedarf auch bei Jugendlichen stationär (gilt auch bei Cannabisabhängigkeit). Tabakabhängigkeit: bei Nichtansprechen auf Verhaltenstherapie Hausärztin/Hausarzt konsultieren.
      • Bemerkung: unter Therapie mit Stimulanzien muss auf den Konsum von Cannabis und Alkohol verzichtet werden.
      • Prognose: unterschiedlich. Bei erfolgreicher ADHS-Therapie ist die Prognose gut.

BuchtippStark ohne Stoff: Alles, was du über Drogen wissen willst

Andere Komorbiditäten

Bei nicht rechtzeitig behandelten weiblichen Jugendlichen mit einer ADHS kommt es gehäuft zu Essstörungen, teilweise auch zu Selbstverletzungen und Verhaltensproblemen, welche einer Borderline-Störung ähnlich sein können. Ob begleitend zur ADHS auch Störungen aus dem autistischen Formenkreis vorliegen können oder ob sich diese beiden Störungsbilder gegenseitig ausschliessen, konnte bisher nicht abschliessend geklärt werden.

Schliesslich kann auch das Fragiles-X-Syndrom (oder Prämutationen) zu einem Störungsbild führen, welches einer ADHS zum Verwechseln ähnlich sein kann. Interessanterweise profitieren zahlreiche dieser Kinder gut von einer Therapie mit Stimulanzien.




Zusammenfassung

Therapierelevante Begleitstörungen (komorbide Störungen) sind bei der ADHS nicht die Ausnahme, sondern die Regel. Aus unserer Erfahrung setzt deren erfolgreiche Behandlung oftmals voraus, dass die therapeutischen Möglichkeiten der ADHS konsequent ausgeschöpft worden sind.

Um eine ganzheitliche Behandlung sicherzustellen, müssen bei Verdacht auf Vorliegen einer ADHS im Rahmen der Diagnostik immer auch allfällige Komorbiditäten erfasst werden. Damit wird verständlich, weshalb Abklärungen bei ADHS-Verdacht aufwändig sind und nur von psychologischen oder ärztlichen Fachpersonen durchgeführt werden können, welche über genügend Know-how in der Kinderpsychopathologie und der Entwicklungsneuropsychologie verfügen.


Ist dieser Beitrag lesenswert? Ja oder nein?

Dieser Text ist urheberrechtlich geschützt.
Er wurde letztmals aktualisiert am 11.10.2017.
© Piero Rossi




Bildschirmmedien & ADHS: Brandbeschleuniger oder harmlos? Fallbeispiele | Lösungen


Der Konsum von Bildschirmmedien kann ADHS-Symptome verstärken.
Glauben Sie nicht? Dann lesen Sie doch weiter!


Piero Rossi (Vortragsmanuskript 2012)

Zusammenfassung

http://www.adhs.ch/ueber-mich/
Ein hoher Konsum von TV, DVD, PC-, Online- und Videogames sowie anderen Bildschirmmedien führt bei vielen ADHS-Betroffenen zu einer Verstärkung von Wahrnehmungs-, Impuls- und Konzentrationsstörungen. Aufgezeigt wird dies an konkreten Fallbeispielen aus der psychotherapeutischen Praxis des Autors. Die Neuen Medien stellen Eltern, Lehrkräfte, Psychologinnen und Psychologen und andere Fachpersonen vor grosse Herausforderungen. Die Fallbeispiele ermutigen, sich zum Wohl der Kinder vermehrt mit diesen Themen auseinanderzusetzen.

Einführung

Heute Abend berichte ich Ihnen über den Zusammenhang von Bildschirmmedienkonsum und ADHS. Zum Thema Bildschirmmedien und ADHS existieren unzählige wissenschaftliche Untersuchungen mit Tausenden von Kindern. Aber keine Angst. Ich werde Sie heute weder mit Zahlen, Tabellen noch mit statistischen Grafiken überschwemmen. Ausgangspunkt bilden vielmehr eigene Erfahrungen mit Patientinnen und Patienten aus meiner psychologischen Praxis. Auf einige wichtige Forschungsresultate zu diesem Thema gehe ich am Schluss ein. Als Erstes will ich Ihnen schildern, wie es dazu gekommen ist, dass diese Thematik für mich und meine Arbeit überhaupt so bedeutsam wurde.

Jan und Eric

Gehen wir zurück ins Jahr 2007. Ein Kinderarzt aus dem Kanton Thurgau überwies mir damals zwei Buben mit einer diagnostizierten ADHS. Beide haben auf alle bisher durchgeführten Therapien (und dazu zählte auch eine medikamentöse Therapie) nicht befriedigend angesprochen. Der Kinderarzt bat mich um eine eingehende Untersuchung beider Kinder sowie um Therapieempfehlungen. Abklärung von „ADHS-Problemfällen“ gehören zum Kern meiner Praxistätigkeit.

Wie in allen anderen Fällen begann die Untersuchung mit einem ausführlichen Gespräch mit den Eltern. Mein Ziel ist, Informationen über die aktuellen Probleme, über die bisherige Entwicklung, über das Problemverhalten des Kindes in der Schule, über familiäre Probleme und so weiter zu erhalten.

Die 11- und 13-jährigen Buben der Familie Hoffmann, nennen wir sie im folgenden Jan und Eric, zeigten seit Schulbeginn klassische Symptome einer ADHS. Sobald ihnen etwas langweilig, sinnlos oder unwichtig erschien, hatten sie grosse Mühe, sich zu konzentrieren (alle Angaben zu den Personen, von denen ich im Folgenden berichte, habe ich abgeändert; es ist in keinem Fall möglich, Rückschlüsse auf konkrete Einzelpersonen oder real existierende Familien zu ziehen).

Dies kam leider viel zu oft vor, vor allem im Schulunterricht, beim Erledigen der Hausaufgaben und im Besonderen dann, wenn die Mutter etwas von den beiden Buben wollte. Jan und Eric waren zudem sehr impulsiv. Wie bei anderen ADHS-Kindern beobachtbar, nahmen sie wegen ihrer Filterschwäche nicht nur viel zu viel auf, sondern reagierten viel zu schnell auf alle Sinneseindrücke, welche ungefiltert auf sie einprasselten.

Klassische ADHS-Symptomatik

Eric, der ältere der beiden, fiel bereits im Kindergarten durch Unruhe und Nicht-zuhören-können auf, sodass er damals nicht regulär eingeschult werden konnte, sondern die Einführungsklasse besuchen musste. Die Konzentrationsschwächen und das Nicht-warten-können waren so ausgeprägt, dass die Lehrerin bei Eric bald schon zu einer ADHS-Abklärung riet.

Bei Jan zeigten sich erst ab dem zweiten Schuljahr Probleme. Der Knabe war sehr verträumt und vergesslich. Einfach alles schien an ihm vorbei zu rauschen – Ausnahme, es war interessant.

Beide Kinder galten als intelligent. Neuen Schulstoff begriffen sie meistens sofort. Sobald es aber um das Vertiefen und Einüben ging, klinkten sie sich – wie halt fast alle Kinder mit einer ADHS – viel zu schnell aus.



Freiwillig Lesen war bei beiden Kindern kein Thema. Typisch waren auch die Hausaufgabenprobleme, welche in der Familie Hoffmann zeitweise dramatische Formen annahmen. Jan und Eric waren nur unter permanenter Überwachung der Mutter in der Lage, an den Hausaufgaben dran zu bleiben. Da beide Buben ständig Unterlagen in der Schule vergassen und es versäumten, das Hausaufgabenbüchlein zu führen, fehlte permanent irgendetwas.

Auf die vom Kinderarzt sorgfältig durchgeführte medikamentöse Behandlung hat Eric nur ansatzweise, Jan eigentlich gar nicht angesprochen. Auch ein Wechsel des Medikamentes brachte keine wesentliche Änderung. Versuche mit Kinesiologie, einer Zuckerdiät und einer Therapie mit Neurofeedback führten ebenfalls zu keinen Verbesserungen.

Frau Hoffmann wurde in der Folge von stärker werdenden Selbstzweifeln und Selbstvorwürfen geplagt. Alle Therapien brachten den Kindern nichts, also musste es an ihr liegen, dachte sie sich. Sie wurde psychisch zunehmend instabiler, sodass der Hausarzt ihr ein Antidepressivum verschrieb und zu einer Psychotherapie riet. Erwähnen möchte ich an dieser Stelle, dass ich im Erstgespräch mit den Eltern den Eindruck gewann, dass auch beim Vater eine ADHS vorliegen könnte.

 

Die Schilderungen der Eltern und der Verlauf der ADHS waren für mich als Psychologe nicht aussergewöhnlich. Auch die Tatsache, dass ADHS-Patienten auf die Therapien nicht oder nicht befriedigend ansprechen, kommt häufiger vor, als man annehmen könnte. Was mich bei dem Aufnahmegespräch stutzig machte, waren die wiederholten Äusserungen von Frau Hoffmann über den doch sehr häufigen Fernseh- und Game Boy-Konsum ihrer Kinder und deren Folgen. Auch das hörte ich damals natürlich nicht zum ersten Mal. Diesmal aber hatte es für mich eine andere Qualität.

TV, Game Boy und Nintendo DS

TV, Game Boy und Nintendo seien die einzige Möglichkeit, Eric und Jan einigermassen ruhig zu halten, berichtete Frau Hoffmann. Sie rückte schliesslich damit heraus, dass nur das morgendliche Fernsehen es ermögliche, dass die beiden Buben überhaupt vorwärts machen. Ohne TV während des Frühstücks würde rein gar nichts gehen. Ähnlich beim Hausaufgaben erledigen: TV und Game Boy vor und nach dem Hausaufgaben machen sowie während der Pausen seien die einzige Möglichkeit, um die beiden Buben irgendwie bei Laune zu halten. Ohne dieses Zückerchen herrsche quasi Krieg.

Frau Hoffmann sagte darauf hin zum wiederholten Mal, dass sie sich sehr schäme. Und man sah es ihr auch an. Sie wisse ganz genau, dass sie versagt habe. Am liebsten, so kam es schliesslich aus ihr heraus, würde sie all dies Zeugs schnurstracks zum Fenster rausschmeissen.

Im Gespräch mit den Eltern wurde dann offensichtlich, dass der Vater ebenfalls sehr viel Zeit vor dem PC und dem Fernseher verbrachte. Jeden Abend schaute er mit den beiden Buben eine Folge aus einer Serie wie „Cobra 11“ oder etwas Ähnliches. Freitag und samstags wurde neben den üblichen Serien- und Trickfilmzeiten mit den Kindern mindestens ein längerer TV-Film oder eine (oder gar mehrere) DVD angesehen. Natürlich nicht Tierfilme, sondern „James Bond“, „Spider-Man“ und andere Spielfilme. Anschliessend gab es immer ein riesengrosses Theater mit dem zu Bett gehen.

Ohne Spielkonsolen lief in der Familie Hoffmann gar nichts. Nur mit dem Nintendo-DS oder dem Game Boy waren die Buben ins Bett zu bekommen. Da die Mutter die Geräte irgendwann einziehen musste, gab es jeden Abend jeweils gegen 21:30 erneut Krach. Ruhe kehrte erst dann ein, wenn die Kinder vor lauter Streit erschöpft waren. Auch wochentags konnte es 23:00 Uhr werden, bis Nachtruhe herrschte.

ADHS-Diagnose bestätigt

Zwei Wochen nach dem Gespräch mit den Eltern untersuchte ich zuerst Jan, einen Monat später seinen Bruder Eric. Die Abklärung erfasste wie immer ein einstündiges Untersuchungsgespräch pro Kind sowie eine mehrstündige testpsychologische Untersuchung.

Über beide Knaben erhielt ich zwischenzeitlich die von mir einbestellten Berichte der Lehrpersonen. Deren Angaben bestätigten die Schilderung der Eltern. Beide Buben wurden als unkonzentriert, reizbar und ungeduldig beschrieben und bei beiden hiess es: „Könnte bessere Leistungen erbringen.“ Eric wurde zudem als aggressiv bezeichnet. Immer wieder komme es zu Handgreiflichkeiten mit Mitschülern.

Die von mir durchgeführte testpsychologische Abklärung, die Befragung der Lehrkräfte, die Auswertung der ADHS-Symptom-Checklisten, des Krankheitsverlaufs und der früheren Untersuchungen und Therapieberichte ergaben, dass ich bei beiden Buben die vom Kinderarzt gestellte ADHS-Diagnose bestätigen konnte.




Die Untersuchung ergab keine Hinweise darauf, dass noch nicht erfasste und unbehandelte Begleitprobleme wie Wahrnehmungs-, Gedächtnis- oder andere Teilleistungsstörungen vorlagen. Auch Mobbing, relevante Ehekonflikte oder andere klassische psychosoziale Belastungsfaktoren lagen nicht vor. Es blieb also vorerst unklar, wieso die beiden Buben nicht mehr Fortschritte in der Therapie machten.

Impulskontrolle

Dass Jan und Eric eine Störung der Impulskontrolle aufwiesen und auf die Therapie mit Stimulanzien nicht ausreichend ansprachen, zeigte sich nicht nur im Familien- und Schulalltag, sondern auch deutlich auf Testebene.

In einem der wichtigen Testverfahren wird geprüft, wie gut das Kind eine Reaktion auf einen unwichtigen Reiz hemmen kann, wie gut also die Impulskontrolle funktioniert. Die Patientinnen und Patienten sehen auf dem Monitor entweder ein „X“ oder ein „+“. Aufgabe des Kindes ist es, beim Erscheinen des „X“ so schnell wie möglich die Reaktionstaste zu drücken, beim Aufleuchten des Pluszeichens hingegen nichts zu machen.

 

Jan und Eric unterliefen viel zu viele falsch-positive Reaktionen: Ein erstes Pixelchen auf dem Monitor liess die Finger in einem so hohen Tempo auf die Reaktionstasten sausen, als gälte es, Rom zu erobern. Nicht einmal mit dem sonst so geliebten Computer war es den beiden Buben also möglich, sich altersentsprechend abzubremsen und eine Reaktion auf einen unwichtigen Reiz (also das „+“) hemmen zu können. Auch bei vielen anderen Tests war ein syndromtypisches Dreinschiessen zu beobachten.

Divergentes Denken

Die Abklärung ergab weiter, dass Eric und Jan bei Tests, welche das sogenannte divergente Denken prüfen, trotz guter Intelligenz schwache Leistungen erbrachten. Um zu erklären, was divergentes Denken heisst, muss ich dem Verständnis wegen zunächst einmal darlegen, was das Gegenteil, das konvergente Denken meint. Letzteres kommt immer dann zum Zug, wenn als Resultat einer Problemstellung nur eine einzige richtige Lösung infrage kommt. Dies ist beispielsweise bei Rechnungsaufgaben der Fall.

Demgegenüber liegt divergentes Denken immer dann vor, wenn jemand zu einer Problemstellung möglichst viele verschiedene Lösungen generieren muss. Ein klassisches Beispiel dafür ist ein Aufsatz, aber auch generell das Suchen nach verschiedenen Lösungswegen. Etwa bei Problemen, die sich beim Lernen, bei Prüfungen oder auch generell im Leben stellen können. Man kann dem divergenten Denken auch kreatives oder fantasievolles Denken sagen.

Intaktes divergentes, also kreatives und phantasievolles Denken ist eine zentrale Voraussetzung dafür, dass ein Mensch seine Intelligenz umsetzen kann.

Ich gebe Ihnen ein Beispiel für ein klassisches neuropsychologisches Testverfahren, welcher das divergente Denken prüft: Während zweier Minuten muss ein Kind möglichst viele Worte aufzählen, welche mit dem Buchstaben „S“ beginnen. Es muss also bereits vorliegendes Wissen „auf  Knopfdruck“ hin abrufen können. Die Aufgabe tönt einfach, ist aber schwieriger, als viele denken. Im Vergleich zu den Testresultaten von gesunden Kindern erweist sich bei fast allen ADHS-Betroffenen diese Fähigkeit, sich hinzugeben, in Ruhe nachzudenken und vorhandenes Wissen abzurufen und umzusetzen als deutlich reduziert. Im Alltag macht sich dies zum Beispiel beim Versuch, Gelerntes aus dem Langzeitgedächtnis abzurufen, störend bemerkbar.

 

Nicht besser fielen bei Jan und Eric die Resultate bei der Prüfung der Daueraufmerksamkeit aus: Beide Knaben, welche die Tests motiviert und in guter Stimmung durchführten, zeigten grösste Mühe in den langweiligen Konzentrationstests. Sie vermochten nicht am Ball zu bleiben, träumten regelrecht weg, stöhnten vor sich hin und fragten mich immer wieder, wie lange es noch dauere. Dabei verpassten sie viel zu viele Ereignisse, bei denen sie hätten mit Tastendruck reagieren sollen. Schwach im Vergleich zur guten Grundintelligenz fielen bei beiden Buben die Lese- und Rechtschreibkompetenzen aus.



Wie ich vorhin ausführte, stellte die Familie Hoffmann in meiner Arbeit an und für sich keinen Sonderfall dar. Was genau es war, was mich in Sachen Bildschirmmedienkonsum bei der Abklärung dieser beiden Buben hellhörig machte, weiss ich nicht mehr. Erinnern kann ich mich aber noch daran, dass ich bei der Äusserung der Mutter, „… all das Zeugs aus dem Fenster zu schmeissen“, spontan gedacht habe: „Ja, mach das doch einfach!“

Game Boy-Diät

Bei der Befundbesprechung mit den Eltern riet ich in einem ersten Schritt zu einer Reduktion des Fernsehkonsums und zu einer Nintendo- und Game Boy-Diät. Sollten die Probleme der Kinder nach einer Zeit von drei Monaten fortbestehen, wäre ich bereit, Behandlungsversuche mit anderen Medikamenten zu unterstützen und erneut eine Verhaltenstherapie einzuleiten. Innerlich war ich mir sicher wie sonst selten, mit meinem etwas ungewöhnlichen Rat den Nagel auf den Kopf zu treffen.

Natürlich haben die Eltern nicht schlecht gestaunt, von mir als ADHS-Experten so etwas zu hören. Ich merkte, wie der Vater langsam die Arme verschränkte und die Mutter unruhig mit den Händen zu nesteln begann. Beide schauten mich fragend an. Offenbar erwarteten sie von mir mehr, als nur diese banal klingende Empfehlung.

Es gelang mir dann aber doch, die Aufmerksamkeit der Eltern für diese Thematik zu gewinnen. In einem ersten Schritt besprach ich mit ihnen, was ihre Kinder beim Gamen und beim Fernsehen lernen, wieso dies ihnen so gefällt, wenn sie stundenlang mit dem Game Boy spielen und warum sie sich darauf so gut konzentrieren können.

Ich erklärte den Eltern von Eric und Jan als Erstes, dass das menschliche Gehirn nicht „nicht lernen“ kann. Man lernt immer genau das, was man gerade macht. Lernen heisst, dass im Gehirn automatisch neuronale Verknüpfungen und Spuren gebildet oder verstärkt werden, welche für das gerade Erlebte stehen. Dass die beiden Buben Eric und Jan beim Spielen mit dem Game Boy etwas lernen sollen, löste bei den Eltern zuerst ein skeptisches „Hä?“ aus. Immerhin wurden sie etwas neugierig, was es mir ermöglichte, fortzufahren.

Lernen für den Überlebenskampf im Dschungel?

Ich zeigte den Eltern auf, dass bei den meisten Konsolen- und Computer-Games das Kind dann Erfolg hat, Punkte gewinnt und ein höheres Level erreichen kann, wenn es möglichst schnell reagiert. Um das Tempo und um blitzschnelles Reagieren dreht sich bei diesen Spielen nämlich fast alles. Nur dafür wird es belohnt. Und zwar nicht nur bei Schiessspielen, sondern auch bei Autorennen und allen anderen Games, welche schnelles Reagieren erfordern, um im Spiel weiterzukommen.




Und genau das ist es, was diese Kinder beim Gamen lernen: Sie trainieren hauptsächlich reflexartiges und blitzschnelles Reagieren – und dies oft über Stunden hinweg. Sie erlernen das sogar sehr gut, weil sie viel Spass daran haben. Man weiss aus der Hirnforschung, aber auch aus Alltagerfahrungen, dass man immer dann, wenn man etwas mit Freude macht, es besonders gut lernt.

Ich habe die Eltern von Eric und Jan dann gefragt, was diese Fähigkeit, extrem schnell reagieren zu können, ihren Kindern nützen könnte? Stellen wir uns doch einmal vor, wir führten unsere Besprechung mitten im Dschungel durch. Wir befinden uns in einer Baumhütte, rund 20 Meter über dem Boden. Um uns herum hat es gefährliche und hungrige Tiere. Müssen wir zu allem noch davon ausgehen, dass von oben eine giftige Schlange auf unseren Besprechungstisch fallen könnte, wäre eine hohe Kompetenz in Sachen schnelles Reagieren und Davonschnellen für mich – und allenfalls auch für Sie als Eltern – wirklich überlebenswichtig. „Nun leben wir aber nicht im Dschungel, sondern in einer Gesellschaft, in welcher man dann vorankommt, wenn man zuerst denkt und dann handelt“, schloss ich. Die Eltern nickten zustimmend.

 

Man kann sagen, dass ADHS-Kinder bei schnellen Computerspielen eine Fähigkeit lernen und perfektionieren, die sie im Grunde eh schon viel zu gut können. Einen konkreten Nutzen im Alltag bringt dies ihnen nicht, im Gegenteil, es wirkt sich eher nachteilig aus. Zum Lernen braucht es viel Geduld. Man bekommt das Ergebnis nie sofort, wie im PC-Spiel. Nein, man muss es sich vielmehr erarbeiten. Und in Prüfungen erreicht bekanntlich nicht der Schüler eine gute Note, welche die Arbeit als Erster abgibt. Nein, es sind diejenigen, welche warten und sich die von ihnen bearbeiteten Aufgaben in Ruhe nochmals durchschauen können, dabei allfällige Fehler entdecken und bei noch ungelösten Aufgaben doch noch eine Lösung finden.

Abstoppen, in Ruhe nachdenken, sich eine Weile einer Sache hingeben, sich geduldig Lösungswege ausdenken, gegeneinander abwägen, entscheiden und dann zügig handeln – das ist es, was es heute gebraucht und erwartet wird. Beim Gamen lernen und trainieren die Kinder hingegen das absolute Gegenteil. Und weil es so viel Spass macht, brennt sich das immer schnellere Reagieren im Gehirn als automatisches Verhaltensmuster regelrecht ein.

Positive Wirkungen von Video-Games?

In vielen Video- und Online-Spielen wird durch die beruhigende Bezeichnung „Strategiespiel“ suggeriert, die Kinder würden im Spiel strategisches, planerisches und intelligentes Handeln trainieren. Das ist eine Irreführung, welche einzig und allein der Verkaufsförderung dient.




Alle mir bekannten „Strategiespiele“ sind nämlich recht simpel gestrickt. Die Spieler/-innen haben nie echte Wahlfreiheit: Die wenigen Entscheidungs- beziehungsweise Handlungsoptionen wurden allesamt von den Programmierern vorgespurt. Ausserdem sind zahlreiche sogenannte Strategiespiele in Tat und Wahrheit Kriegsspiele oder Games, in denen es lediglich darum geht, sich auf Kosten anderer zu bereichern.

Als Gegenbeispiel will ich das Schachspiel erwähnen, welches den Spieler/-innen unendlich viele Möglichkeiten eröffnet, strategisch denken, planen und handeln zu können. Und man lernt das Warten, das Abwägen –, ja, echtes strategisches Denken.

Herr Hoffmann wandte daraufhin ein, dass es im Alltag doch durchaus vorteilhaft sein könne, schnell reagieren zu können sowie gleichzeitig einen „Rundum-Überblick“ zu haben. Das könne beispielsweise helfen, Unfälle im Strassenverkehr zu vermeiden. Seine Schwiegermutter sei ihm heute noch dafür dankbar, dass er eine geerbte, offenbar wertvolle Vase, die ihr Eric im Spiel so nebenbei vom Tisch fegte, im Flug aufgefangen habe und sie unbeschadet in einer höheren, für seinen damals noch kleinen Sohnemann nicht erreichbaren Ebene versorgt habe.

Die Fähigkeit, schnell reagieren zu können, ist in der Tat überlebenswichtig und somit alles andere als nutzlos. Nur: Dies müssen Kinder nicht zusätzlich am PC üben. Die Fähigkeit, in der Not schnell reagieren zu können, ist nämlich angeboren. Auf dem Spielplatz, beim Basteln, im Sportunterricht und bei tausend anderen Gelegenheiten wird dieser angeborene Reflex weiter verfeinert. Ballspiele etwa, das Herumtollen mit dem Hund oder das Jonglieren trainieren ausserdem die Reaktionsschnelligkeit des ganzen Körpers (und nicht nur diejenige des rechten Zeigefingers).

Zum Thema Unfälle im Strassenverkehr noch Folgendes: Kinder mit einer ADHS haben nachweislich ein sehr viel höheres Risiko als gesunde Kinder, an Verkehrsunfällen beteiligt zu sein. Einer der Hauptgründe ist die ADHS-typische Impulsivität, also das zu schnelle Reagieren, das Dreinschiessen. Das kann im Strassenverkehr schlimme Folgen haben.

Beim Gamen lernen die Kinder, auf einen Reiz blitzschnell zu reagieren. Und dies, ohne dass sie in einem dreidimensionalen Raum – zum Beispiel beim Überqueren einer Strasse – verschiedene andere Reize miteinrechnen müssen. Einen „Rundum-Überblick“, von dem Herr Hoffmann sprach, lernt man nicht vor dem Monitor. Im Gegenteil: Kinder, welche viel gamen und fernsehen, trainieren das schnelle Reagieren unter Ausklammerung der räumlichen Dimension. Speziell im Strassenverkehr ist das äusserst gefährlich.



Baby-TV?

Je jünger die Kinder sind und je häufiger sie fernsehen, umso problematischer sind für sie die Lernerfahrungen, die sie mit und vor dem TV gewinnen. Die vom Bildschirm vermittelten Wahrnehmungserlebnisse unterscheiden sich auch in formaler Hinsicht ganz grundsätzlich von der normalen Wahrnehmung des Kleinkindes im Alltag: Am TV haben selbst grosse Steinbrocken kein Gewicht, Rauch riecht nicht, Pizzas schmecken nicht und anfassen lässt sich rein gar nichts. Das TV-Bild ist flach und der Inhalt, verglichen mit der Realität, verarmt.

Um das Problematische beim TV-Konsum für die Entwicklung einer gesunden Wahrnehmung von Kleinkindern verstehen können, ist Folgendes wichtig: Alle Bilder und Klänge entspringen dem gleichen Ort, nämlich dem Fernseher. Beispiel: Auf der linken Bildschirmseite betritt Anna durch eine Tür ein Wohnzimmer. Auf der rechten Seite des Fernsehbildes sieht das Kleinkind einen bellenden Hund. Für das Kind vor dem TV erklingt das Bellen aber nicht etwa aus der rechten Wohnzimmerseite, es entspringt vielmehr – gemeinsam mit den anderen Bildern und Klängen – der gleichen Quelle, nämlich dem TV. Ältere Kinder und wir Erwachsene wissen natürlich, dass es der Hund ist, der dort rechts bellt. Das Kleinkind weiss das aber noch nicht.

Anders im realen Leben: Auf einem Spaziergang kommt das Bellen eines Hundes, welchen das Kleinkind „dort rechts“ hinter einem Holzzaun wahrnimmt, tatsächlich von rechts. Das Kleinkind lernt im Alltag, visuelle, akustische und räumliche Aspekte der Wahrnehmung räumlich getrennt wahrzunehmen und sinnvoll zu koordinieren. Vor dem TV passiert genau das Gegenteil.

Und je mehr Kleinkinder fernsehen, umso weniger haben sie Gelegenheit, im Spiel mit anderen oder draussen stabile Wahrnehmungsmuster zu lernen. Diese bilden dann das Fundament für eine intakte Wahrnehmungsorganisation. Kohärente Wahrnehmungsmuster lernen Kleinkinder ausschliesslich durch Stimulation in der Realität, also wenn eine Zitrone sauer, ein kleiner Schnitt schmerzhaft und das Fahrrad der grossen Schwester verflixt schwer ist.



Mit anderen Worten: Wenn Kinder stundenlang am Tag vor dem TV eine eindimensionale Form der Wahrnehmung trainieren, kann dies (neben grundsätzlich fehlenden Handlungserfahrungen) zu einer Störung der Entwicklung der sogenannten multimodalen Wahrnehmung führen. Eine normale Integration und Koordination der verschiedenen Sinnesmodalitäten ist nur dann möglich, wenn das Kleinkind regelmässige und stabile Wahrnehmungsmuster trainiert (also dass der Hund bellt und nicht der Fernseher).

Lernt das Kind hingegen, dass mal der Fernseher und mal der Hund bellt, können sich im Gehirn des Kleinkindes keine auf sich wiederholenden Ursache-Wirkungserfahrungen beruhenden stabilen Wahrnehmungsmuster entwickeln. Folgen sind Entwicklungsstörungen der räumlichen Wahrnehmung und des „Rundum-Blickes“.

Digitale Ungeduld

Es ist eines der zentralen Merkmale der Neuen Medien, dass die Zeitgebundenheit aufgehoben ist. Was heisst das? Die Kinder haben beim Konsum von schnellen Bildschirmmedien einen rasanten Ablauf von Hier- und- Jetzt-Erlebnissen. Alles präsentiert sich ihnen zeitlich hoch komprimiert. In den Stunden des Medienkonsums – und das können bei meinen Patienten gerne einmal zwanzig Stunden pro Woche und mehr werden – entgeht dem Kind die Möglichkeit, reale Erfahrungen und ein Gefühl für echte zeitliche Abläufe zu entwickeln.

Gerade für Kinder mit einer ADHS, die sowieso häufig im Hier und Jetzt leben, bedeutet der intensive Konsum von schnell ablaufenden Computerspielen, dass sie die Relation von Zeit und Aufwand noch mehr aus den Augen verlieren. Ein Buch lesen, in eine Geschichte eintauchen und dabei ein gutes Gefühl entwickeln, dauert sehr viel länger als beim Gamen, wo man den Kick sofort kriegt.

Zwanzig Minuten Hausaufgaben erledigen dauert ihren Gefühlen nach dann eine Ewigkeit. Und ganz zu schweigen vom morgendlichen Ritual In-die-Schule-gehen. Sich etwas zusammenzubauen aus Holz oder aus Teilen eines alten Rasenmähers oder das Aufziehen einer Pflanze auf dem Balkon dauert seine Zeit. Und zwar in einem von der Natur vorgegebenen Zeitrahmen. Dafür aber haben im Zeitalter der „Sofortness“ viele der medienüberfluteten Kinder definitiv keine Geduld mehr (übrigens: Forscher zeigten auf, dass auch Fastfood das Zeitgefühl massiv beeinträchtigen kann).

 

Weil in den meisten Computerspielen und auch am TV sehr vieles extrem schnell abläuft, man im Nu riesige Distanzen überwindet, Karriere macht, sich mal eben Ruckzuck ein neues Leben kaufen kann, wenn man schon wieder erschossen oder von einem Monster gefressen wird, erscheint im realen Leben alles immer langweiliger. Diese Kinder erleben dann den realen Zeitablauf als unerträglich stark verzögert und öde. Im realen Leben daheim und in der Schule geht es nämlich definitiv langsamer und mühsamer zu und her, als in der virtuellen Welt. Lehrerinnen und Lehrer haben heute einen schweren Stand: Es ist für sie angesichts der überwältigenden Erlebnisse, welche die Kinder in der Medienwelt machen, immer schwieriger, den Unterricht so zu gestalten, dass die Kinder ihn interessant finden.

Zahlreichen Kindern mit einer ADHS bleibt ein ihrer Intelligenz und ihrer Motivation entsprechender Schulerfolg vorenthalten. Ihre Identitätsentwicklung ist elementar gefährdet, weil ein stimmiger Schulerfolg die wichtigste Seelennahrung für Kinder darstellt. Auch Jan sagte seinen Eltern gegenüber wiederholt, er sei einfach nur dumm. Bleibt diesen Kindern ein ihren Möglichkeiten angemessener Schulerfolg verwehrt, entsteht hinsichtlich Identitätsentwicklung ein Vakuum.




Nur zu leicht ist heute, sich im Schnellverfahren eine andere Identität zu verschaffen oder für eine gewisse Zeit in die beruhigende und oberflächlich sinnstiftende Medienwelt abzutauchen. In Online-Spielen kann man im Schnellverfahren Karriere machen: Man wird ein weltbekannter Fussballprofi (das ist kein Witz, weltbekannte Sportartikel-Konzerne bezahlen den guten virtuellen Spielern echte Sponsorenbeiträge) oder man wird ein berüchtigter Krieger.

Schnelle Computerspiele schaden

Schnelle Computerspiele schaden sicherlich vielen Kindern mit einer ADHS. Es ist nämlich so, dass diese Kinder bereits syndrombedingt zu schnell reagieren. Sie wissen es: Ein herabfallender Bleistift im Unterricht, dass Zirp-Geräusch beim Öffnen einer Taschentuchpackung eines Schülers auf einer hinteren Bank oder ein draussen vorbeifahrendes lautes Mofa führen meistens zu unmittelbaren Orientierungsreaktionen: Das Kind wendet sich sofort dem Reiz zu und lässt sich von diesem ablenken. Oder denken Sie an den vorhin erwähnten Test zur Prüfung der Impulskontrolle mit dem „X“ und dem „+“. ADHS-Kinder schiessen überall viel zu schnell drein.

Eine Störung der Impulskontrolle zählt zu den Leitsymptomen einer ADHS. Betroffene geraten in Konflikte mit dem Pultnachbarn oder vermasseln Schularbeiten, weil sie vor dem Warten nicht abstoppen und dadurch nicht lange genug warten, innehalten und bei der Sache verweilen können.

Schnelle Computerspiele führen damit nicht nur zu einer Verstärkung der Ungeduld, sondern zu einer weiteren Verschärfung der Schwäche von ADHS-Betroffenen, Impulse angemessen hemmen zu können. Zwischenzeitlich bin ich mir sicher, dass schnelle Computerspiele die Impulskontroll- und Aufmerksamkeitsstörungen von ADHS-Betroffenen nachhaltig verstärken.

Schwachpunkt Belohnungssystem

Ich kann mich natürlich nicht mehr an den genauen Ablauf des Gespräches mit den Eltern von Jan und Eric erinnern, habe ihnen aber im Verlauf auch etwas über das sogenannte Belohnungssystem berichtet. Gemeint ist damit ein neuronales Netzwerk im Gehirn des Menschen, welches unter anderem dafür sorgt, dass wir, wenn es sein muss, auch unangenehme Dinge erledigen können.

Beispiel: Bei intaktem Belohnungssystem können Kinder auch dann Hausaufgaben machen, wenn sie keine grosse Lust dazu haben. Die Aussicht auf das gute Gefühl, welches sich nach dem Erledigen der Hausaufgaben einstellen kann, etwa das Nach-draussen-gehen und Fussball spielen, reicht im Normalfall aus, dass Kinder auch bei mässiger Motivation etwas Ungeliebtes durchziehen können.

Aus der ADHS-Forschung weiss man, dass das Belohnungs- und Motivationssystem bei ADHS-Betroffenen nicht korrekt funktioniert. Auch Eltern können ein Lied darauf singen: Eine Aussicht auf eine zukünftige Belohnung hilft diesen Kindern in keiner Weise, an etwas subjektiv Unangenehmen länger dranzubleiben. Selbst die verlockendsten Versprechungen nützen nichts oder sind nur von minimaler Wirkungsdauer.

 

Die neuronalen Netzwerke, welche das Belohnungssystem, die Motivation und die Aufmerksamkeitsfunktionen aktivieren, sind bei ADHS-Betroffenen im Ruhemodus zu wenig aktiviert. Folge ist unter anderem, dass ihre Sortierstation „Wichtig-unwichtig“ nicht genügend mit neuronaler Energie versorgt wird, was darauf hinausläuft, dass die Kinder unwichtige Reize nicht ausblenden können und zu viel aufnehmen. Sie sind dann inneren und äusseren Eindrücken ausgeliefert und nicht in der Lage, Ablenkungen zu widerstehen.

Wer Kinder mit einer ADHS kennt, weiss bestens um all die negativen Folgen dieser syndromtypischen Reizfilterschwäche.

Man geht heute davon aus, dass diese Schwächen im Belohnungssystem unter anderem mit dem bei Kindern mit einer ADHS reduzierten Dopaminstoffwechsel in Zusammenhang stehen. Dies erklärt, warum bei Kindern mit einer ADHS Belohnungen immer nur sehr kurzfristig wirken und warum diese Kinder, wenn sie intensiv stimuliert sind, für eine kurze Zeit in ihrem Verhalten völlig normal erscheinen. Erst dann, wenn „etwas geht“, wenn es interessant und spannend wird, scheint es mit dem Dopamin-Stoffwechsel einigermassen zu stimmen: Dann sind diese Kinder bei der Sache und zeigen (leider nur befristet) Ausdauer.

„Das ist ja wie bei einer Sucht!“

Es fiel mir an diesem Punkt des Gesprächs nicht mehr schwer, den Eltern von Eric und Jan dazulegen, dass schnelle Computerspiele beziehungsweise die schnellen Feedbacks zu einer verstärkten Freisetzung von Dopamin führen. Dies ist der Grund, warum Kinder mit einer ADHS das so gern machen und warum sie sich beim Gamen so hervorragend gut zu konzentrieren vermögen.




Herr Hoffmann sagte daraufhin spontan: „Das ist ja wie bei einer Sucht!“ Es klingt vielleicht verrückt, aber so falsch ist das gar nicht. Das Ganze führt nämlich dazu, dass diese Kinder sich nur noch dann positiv spüren können, wenn sie in dieser hoch stimulierenden Welt des Computerspiels und des Fernsehers drin sind.

Je mehr sie lernen, sich nur noch dann wohlzufühlen, wenn schnell viele Reize verarbeitet werden müssen, umso langweiliger und entleerter wird der Alltag und umso schwerer fällt es ihnen, wie vorhin schon dargelegt, im realen Leben am Ball dranzubleiben. Übrigens: Eine Untersuchung mit computersüchtigen Patienten ergab, dass sie ähnliche Hirnaktivierungsmuster zeigten wie Kokainkonsumenten.

Das Gehirn, so führte ich eingangs auf, kann nicht „nicht lernen“. Es lernt beim Gamen sehr schnell, dass der Computer, Nintendo-DS oder das Handy das Einzige ist, was im Leben wirklich Spass macht. Schneller kommen Kinder heute nicht an den „Kick“. Dies alles führte bei Eric und Jan, aber auch bei sehr vielen meiner ADHS-Patienten, zu noch schwächeren Schulleistungen und damit zu Frustrationen, was den Hunger nach dem Gamen schliesslich noch mehr in die Höhe trieb. Irgendwo im Leben muss man ja Erfolg haben.

Ja, es war ein echter Teufelskreis, in welchen die beiden Buben und ihre Eltern hineingeraten sind. Dass der Konsum von Bildschirmmedien generell motivationsfördernd sein soll – dies wird gelegentlich postuliert – ist also definitiv nicht der Fall. Weder bei Eric und Jan noch bei allen anderen Kindern, die ich in meiner Arbeit kennengelernt habe.

Entzugssymptome

Frau Hoffmann fragte mich dann, wie es denn mit dem TV-Konsum ausschaue. Sie habe nämlich das Gefühl, dass auch da etwas nicht stimme. Müsse sie den Fernseher abstellen – und das passiere immer im Streit, weil die Kinder am liebsten gar nichts mehr anderes machen würden – reagieren Eric und Jan ganz ähnlich, wie in Situationen, in denen sie das Gamen unterbinden müsse. „Das sind wohl die Entzugssymptome!“, warf Herr Hoffmann ein.

Frau Hoffmann wirkte in diesem Gespräch sehr präsent. Über weite Strecken schaute sie mich mit offenem Mund an und nickte immer wieder. Fast so, als würde ich das sagen, was sie schon immer dachte. Ob ich also noch etwas zum Fernsehkonsum sagen könne, wollte sie von mir wissen.

Der gefrorene Blick

Wenn das Gehirn nicht „nicht lernen“ kann, was lernt es dann beim Schauen der TV-Serie „Cobra 11“, was bei „Sponge Bob Schwammkopf“ und was bei den „Simpsons‘?“, fragte ich die Eltern. „Nichts!“, sagte daraufhin Frau Hoffmann, sie habe ja immer schon gesagt, dass der Fernseher den Kindern nicht gut tue. Darauf ich dann wieder: „Doch, doch das Gehirn des Kindes lernt – und wie! Nicht vergessen: Man kann nicht ‚nicht lernen‘! Nur was lernt das Kind?“

Also: Es lernt beispielsweise, sich entspannt und sehr wohl zu fühlen, obwohl es nichts dafür tun muss. Während der TV- oder DVD-Zeit lebt das Kind in einer anderen Welt. Es identifiziert sich mit den Protagonisten, fiebert, freut sich und leidet mit und das alles, ohne dass es dafür auch nur einen einzigen Finger krümmen muss.

Das Kind liegt auf dem Sofa, knabbert Chips, bewegt sich kaum und muss sich nichts kreativ ausdenken. Alles wird fixfertig serviert. Selbst beim spannendsten Krimi ist alles vorprogrammiert. Und das selbst dann, wenn uns der Regisseur quasi „auf die falsche Fährte“ schickt und uns scheinbar etwas an Nachdenken abverlangt.

 

Dass Kinder und Erwachsene den Konsum von TV so entspannend und wohltuend erleben, liegt unter anderem daran, dass der passive TV-Konsum und unser starrer, „gefrorener“ Blick auf die Mattscheibe dazu führen, dass unser Gehirn viele langsame Alphawellen produziert. Man kann sagen, das kognitive und vegetative System wird etwas „heruntergefahren“. Dies erklärt auch, warum man beim Fernsehen weniger Kalorien verbrennt, als beim Nichtstun. Und es erklärt auch, warum die Aufnahme- und Lernfähigkeit vor dem TV deutlich reduziert ist. Ein gedämpftes Hirn kann Informationen nicht aktiv verarbeiten und auch nicht gut im Langzeitgedächtnis abspeichern. Oder wissen Sie noch, was gestern das Hauptthema in der Tagesschau war?

Während Herr Hoffmann meistens schweigend zuhörte, lieferte die Mutter viele Beispiele aus dem Familienalltag, welche das von mir Ausgeführte bestätigten. Unter anderem erwähnte sie, dass ihrer Meinung nach auch ihr Mann fernsehsüchtig sei. Eigentlich, so bemerkte sie, drehe sich in ihrer Familie alles nur noch um TV, PC- und Konsolenspiele.



Fernsehen vs. Lesen

Im weiteren Gesprächsverlauf kamen wir dann auf das Thema „Lesen“ zu reden. Eric und Jan lasen nie freiwillig. Ich zeigte den Eltern auf, dass viele Kinder, welche zu viel fernsehen, an mentaler Fantasiekraft verlieren (oder diese gar nicht aufbauen können, wenn der TV-Konsum schon in der Vorschulzeit die Hauptbeschäftigung der Kinder war).

Grund dafür ist, dass am TV alles fix und fertig präsentiert wird. Bild, Ton und eine meistens sehr simple Story werden in einem Guss serviert. Das Gehirn muss nicht aktiv werden. Es wird – wie man so schön sagt – angenehm berieselt oder eben „eingelullt“.

Beim Lesen ist es komplett anders: Der Sinn des Gelesenen erschliesst sich einem nur, wenn man sich das, was man gerade liest, auch innerlich vorstellt, wenn das Gehirn also aktiv ist und Bilder zum Gelesenen produziert und diese zu einem „inneren Film“ verknüpft. Für viele von Ihnen mag dies eine Selbstverständlichkeit sein. Für immer mehr Schülerinnen und Schüler ist es das leider nicht.




Viele Kinder „sehen“ einfach nichts, wenn sie versuchen, zu lesen. Sie haben es schlicht und einfach nicht ausreichend lernen können, sich selbst Sachen auszudenken und sich diese vor dem inneren Auge auszumalen. Dies unter anderem, weil ihnen der Zeitfresser TV die Möglichkeit raubte, reale Erfahrungen mit realen Dingen und Abläufen zu gewinnen.

Beim normalen Spielen mit dem Puppenhaus, mit Lego, mit Spielzeugautos und beim Basteln mit Holz, Karton oder anderen Materialien trainieren die Kinder automatisch ihre Fantasie, also etwas nach ihren Vorstellungen entstehen zu lassen. Dabei machen sie wichtige Lernerfahrungen. Zum Beispiel, dass es mühsam sein kann, es Geduld und manchmal mehrere Anläufe braucht, um eine Burg aus Karton sauber auszuschneiden und zusammenzukleben. Beim Fernsehen hingegen lernen sie genau das nicht. Und je mehr die Kinder Bildschirmmedien konsumieren, umso weniger Zeit bleibt ihnen für diese realen, wichtigen Lernerfahrungen.

Das 24h-Diagramm

Im weiteren Gesprächsverlauf habe ich mit Frau und Herrn Hoffmann auf einem Blatt Papier zusammengetragen, mit welchen Tätigkeiten die 24 Stunden eines Wochentags bei Eric und Jan belegt sind.

Auf den Schlaf entfielen zehn Stunden, die durchschnittliche Schulzeit inklusive eines etwas längeren Schulweges schätzten die Eltern auf acht Stunden. Essenszeiten: eine Stunde. Und für An- und Ausziehen plus Körperhygiene gaben die Eltern eine halbe Stunde an. Weil beide Buben sowohl Nachhilfeunterricht als auch eine Ergotherapie besuchten, Eric zudem im Fussball-Club war und Jan zweimal pro Woche ins Judo ging, haben die Eltern diese Aktivitäten (ebenfalls inklusive Fahrzeiten) mit pauschal zwei Stunden pro Tag berechnet.

Dann wurden sorgfältig die Zeiten für den Bildschirmmedienkonsum zusammengetragen. Resultat: Eric und Jan – so die Angaben der Eltern – verbrachten rund zwei Stunden pro Tag vor dem TV, ungefähr eine Stunde mit Konsolen-Spielen sowie eine undefinierbare Zeit im Internet. Die Eltern schätzen, dass dafür noch einmal eine dreiviertel Stunde einkalkuliert werden müsse.



Ich registrierte, wie Herr Hoffmann begann, mit den Fingern die Stundenzahlen zu addieren. Prompt vermeldete er, dass da etwas nicht stimmen könne: Der Tag habe auch im Kanton Thurgau nur 24 Stunden. Daraufhin Frau Hoffmann: „Da fehlen ja noch die Zeiten für die Hausaufgaben!“ Den Eltern von Eric und Jan wurde schnell klar, dass die Bildschirmmedienzeit bei Jan und Eric einen gewaltig grossen Zeitraum beanspruchte. „Kein Wunder“, murmelte Herr Hoffmann, „dass es in der Schule nicht vorwärtsgeht. Wann sollen die Kinder da noch Hausaufgaben machen und sich auf Prüfungen vorbereiten?“

Was tun?

Bei der Besprechung der Untersuchungsbefunde geht es ja in allererster Linie darum, den Eltern konkrete Vorschläge zu unterbreiten, ihnen also mitzuteilen, was konkret sie tun können, um den Problemen der Kinder zu begegnen.

Wie vorhin gesagt, riet ich zu einer Reduktion des Fernsehkonsums und zu einer „Game Boy Diät“. Meine Ratschläge: Dreissig Minuten pro Tag TV, keine „Action“, keine „schnellen Inhalte“. Als positives Beispiel erwähnte ich die Wissenssendung „Nano“ auf dem Sender 3Sat. Und wie schon gesagt kein Game Boy und keine anderen Computer- oder Konsolenspiele. 

Ich habe den Eltern zudem geraten, sich grundsätzlich mit dem Thema Bildschirmmedienkonsum zu befassen und habe ihnen das Ratgeberbuch „Vorsicht Bildschirm“ des Arztes und Psychiaters Manfred Spitzer, seines Zeichens Direktor der Psychiatrischen Universitätsklinik in Ulm, empfohlen. Vereinbart wurde, dass ich Jan und Eric zwecks Verlaufskontrolle in drei Monaten wieder in der Sprechstunde sehe und dabei unter anderem auch eine kurze testpsychologische Nachkontrolle durchführe.

Der Schock

Was dann passierte, hat meine Arbeit mit ADHS-Betroffenen nachhaltig verändert. Es war ein kleiner Schock, wie ich ihn schon einmal vor 15 Jahren erlebte. Damals realisierte ich bei einer erwachsenen Patientin zum ersten Mal, dass sich eine ADHS mit der Pubertät nicht immer auswächst und dass auch Erwachsene von der medikamentösen Therapie mit Stimulanzien profitieren können. Was ist passiert?

Wie vorgesehen habe ich nach rund drei Monaten Frau und Herrn Hoffmann wieder in der Sprechstunde gesehen. Sie schienen wie verwandelt, strahlten beide wie Maikäfer und vermochten fast nicht zu erwarten, mir erzählen zu dürfen, was zwischenzeitlich alles lief. Folgendes ist geschehen:

Frau Hoffmann hat sich über das Thema Bildschirmmedienkonsum bei Kindern sachkundig gemacht. Ihre Freundin, eine Bibliothekarin, war ihr behilflich, an die entsprechenden Bücher und Informationen heranzukommen. Das Gespräch bei mir hätte ihr so viel Kraft gegeben, ihren Mann so lange zu bearbeiten, bis er in eine hundertprozentige TV-Diät eingewilligt habe. Fernseher und die Spielkonsolen seien an einem Freitagabend auf dem Dachboden versorgt worden. Eric und Jan seien dermassen überrascht und perplex gewesen und es sei alles so fix gegangen, dass es gar nicht zu Streit gekommen sei. Eric hätte sogar mitgeholfen und noch die Kabel des Fernsehapparates auf den Dachboden gebracht.

Am darauf folgenden Samstagnachmittag hätten der Vater und die beiden Buben zwei alte Gartenstühle und einen alten Rasenmäher in die Entsorgungsstelle der Gemeinde gebracht und dabei im Alteisencontainer ein noch gut aussehendes Fahrrad entdeckt. Man habe dies herausgefischt und nach Hause transportiert. Herr Hoffmann und seine Buben hätten dann angefangen, das alte Velo instand zu setzen. Da doch mehr zu tun war, als anfänglich gedacht, zogen sich die Arbeiten bis Donnerstag der kommenden Woche hin. Es waren aber nicht etwa Ferien, sodass die Reparatur-, Einstell- und Reinigungsarbeiten an diesem Fahrrad abends, nach dem gemeinsamen Essen, gemacht wurden.




Beide Buben arbeiteten voller Elan mit, berichteten mir die Eltern. „Keine Lust haben“ war irgendwie gar kein Thema. Es schien, als würde die frei werdende Zeit automatisch gefüllt durch das Interesse an diesem Velo und die Freude an der Zusammenarbeit mit dem Vater, berichtete Frau Hoffmann.

Die Fahrrad-Story

Weil alle Familienmitglieder bereits Fahrräder besassen, stellte sich dann bald die Frage, was mit dem reparierten Velo geschehen soll. Einer der Buben kam auf die Idee, dass es verkauft werden könnte, erzählte Herr Hoffmann.

Schliesslich entschieden Vater und die beiden Buben, das Fahrrad am Samstag bei „Ricardo“ zu versteigern, was sie dann auch gemeinsam taten. Das erforderte eine gewisse Vorbereitung, da die Familie mit Versteigerungen bei „Ricardo“ noch keine Erfahrungen hatte. Gemeinsam wurden die Bedienungsanleitung und die AGB ausgedruckt und studiert. Am darauf folgenden Samstagvormittag wurde das reparierte und herausgeputzte Fahrrad von Eric fotografiert.

Jan und sein Vater haben die Aufnahmen dann mit einem Fotobearbeitungsprogramm nachbearbeitet. Jan habe das zum ersten Mal gemacht und sei sehr begeistert gewesen. Eric habe schliesslich einen Textentwurf geschrieben, welcher dann im Team, wie Herr Hoffmann hervorhob, ergänzt und überarbeitet wurde.

Schliesslich wurde das Inserat in „Ricardo“ erfasst und die Fotos auf den Server hochgeladen. Startpreis war ein Franken. Durch diesen niedrigen Startpreis sollten möglichst viele Interessenten angelockt werden, habe Eric argumentiert.

Am gleichen Samstagnachmittag suchten Herr Hoffmann und seine beiden Buben erneut den Werkhof auf und sind im Alteisencontainer – wie erhofft – aufs Neue fündig geworden.

 

Eine Woche später war die erste Versteigerung beendet, die zweite wurde gestartet. Am Sonntag holte der Käufer sein Fahrrad ab und der Vater und seine beiden Buben haben besprochen, was mit dem Erlös – es waren 46 Franken – passieren soll. Es wurde entschieden, für einen Fahrradmontageständer zu sparen.

Wie es weiter lief, können Sie sich vorstellen. Jeden Abend wurde im Internet bei „Ricardo“ nachgesehen, wie der Stand der Dinge ist. Gemeinsam mit dem Vater wurden allfällige Fragen von Interessenten zuerst besprochen und dann per Internet beantwortet. Zwischenzeitlich seien sie schon recht gut ausgerüstet und mit dem Verkaufserlös würde das Taschengeld der Kinder mitfinanziert. Auch habe man mit dem Erlös neue Werkzeuge kaufen können.

Jan sei ein richtiger Profi in Sachen Bildbearbeitung geworden. Er bediene zwischenzeitlich das Programm „Photoshop Elements“, als hätte er nie etwas anderes gemacht. Und Eric habe vor – auch wenn er noch nicht vierzehn Jahre alt sei – in den nächsten Ferien eine Schnupperlehre als Zweiradmechaniker zu absolvieren. Er möchte zwar diesen Beruf nicht erlernen, erhoffe sich aber, Knowhow zu gewinnen, um die Fahrräder noch besser reparieren zu können.

Auch wenn die beiden Buben nach wie vor Mühe beim Erledigen der Hausaufgaben bekundeten, schien sich die gesamte ADHS-Problematik doch ganz erheblich entschärft zu haben. Frau Hoffmann erzählte, dass Jan von sich aus begonnen habe, Bücher zu lesen. Es sei gar kein Thema gewesen, der Knabe habe einfach so damit begonnen.

Die Stimmung in der Familie sei entspannter und von den Lehrpersonen beider Buben sind positive Rückmeldung gekommen. Herr Hoffmann berichtete stolz, wie schnell Eric begriffen habe, einen Lenkervorbau anzupassen und wie gut Jan schon den Gangwechsel bei einem Fahrrad mit Kettenschaltung einstellen könne. Schliesslich sagte Frau Hoffmann, dass auch das Eheleben eine erfreuliche Wendung zum Guten genommen habe.

Aufgrund der sehr positiven Entwicklung wurde auf eine Verlaufskontrolle mit den Buben verzichtet. Wir sind so verblieben, dass sich Herr und Frau Hoffmann wieder bei mir melden, falls erneut Probleme auftauchen. Ich hörte nichts mehr. Einen Monat später erhielt ich noch eine E-Mail der Arbeitskollegin der Mutter, deren Tochter ebenfalls an einer ADHS litt. Beeindruckt durch die positive Veränderung habe auch sie in ihrer Familie einschneidende Umstellungen in Sachen TV und Computer vorgenommen, was sich extrem positiv ausgewirkt habe.




TV weg – Veloprojekt her – ADHS weg?

So erfreulich der Verlauf für diese Familie war, mir hat die ganze Geschichte sehr viel zu denken gegeben. Immerhin war ich mir ja sicher, dass eine ADHS vorliegt. Ich wäre auch bereit gewesen, einen Behandlungsversuch mit einem anderen Medikament zu unterstützen. Und nun? „TV weg – Veloprojekt her – ADHS weg?“, fragte ich mich. Kann das überhaupt sein? Ich musste mich regelrecht kneifen, um meine Gedanken einigermassen vernünftig sortieren zu können.

Den Eltern und vor allem den Vätern empfehle ich ja seit jeher (und leider vielfach relativ erfolglos), mehr Zeit mit ihren Kindern für aktive Freizeitaktivitäten aufzuwenden. Die neue Qualität bestand darin, einen noch bewussteren Umgang mit den Bildschirmmedien anzustreben, was bei Patientinnen und Patienten aus meiner Praxis bisher immer darauf hinauslief, diesen radikal zu reduzieren.

An einem gab es nichts zu rütteln: In der Familie Hoffmann führte diese Veränderung im Konsumverhalten von Bildschirmmedien zu einer massgeblichen Reduktion der ADHS-Problematik. Und dies in einem Ausmass, von dem ich als Psychotherapeut normalerweise nur träumen kann.

Genauer hinsehen

Nach der Erfahrung mit der Familie Hoffmann habe ich begonnen, mich intensiver auch theoretisch mit diesem Thema zu befassen und bei allen künftigen Abklärungen eingehend auch das Bildschirmmedienkonsumverhalten und deren Folgen zu erfassen. Ich war erstaunt, dass schon dermassen viele empirische Untersuchungen zu diesem Thema vorlagen.

Ich habe einen Fragebogen verfasst, welchen die Eltern bei Abklärungen ihrer Kinder ausfüllen. Erfragt wird unter anderem, was genau und von wann bis wann das Kind in den letzten Tagen ferngesehen hat. Weitere Fragen betreffen Computer- und Konsolenspiele (also was und wie viel), den Internetkonsum, ob die Kinder Fernsehen oder Computer im Zimmer haben, seit wann sie ein Handy besitzen und andere relevante Fragen. Die Eltern haben zudem die Gelegenheit, anzugeben, zu welchen positiven und welchen negativen Auswirkungen der Bildschirmmedienkonsum bei ihrem Kind führt.

Zwischenzeitlich habe ich mehrere Hundert dieser Fragebögen gesichtet. Leider fehlt mir die Zeit, diese Angaben zum Medienkonsumverhalten und der mögliche Zusammenhang mit der Art und dem Verlauf der Probleme des Kindes statistisch auszuwerten.

Zusammenfassend kann ich aber Folgendes festhalten:

Die TV- und DVD-Zeiten meiner jungen Patientinnen und Patienten sind fast ausnahmslos hoch. Es gibt natürlich grosse Schwankungen nach oben und nach unten, aber die überwiegende Zahl der Kinder in meiner Praxis sieht rund zwei Stunden pro Tag fern. Bei Kindern aus meiner Praxis, welche älter als 13 Jahre alt sind, kommt es nicht selten vor, dass drei und mehr Stunden pro Tag ferngesehen wird. An Wochenenden heisst im Fragebogen häufig: vier oder fünf Stunden. Und immer wieder einmal steht einfach nur „ganzer Tag“ geschrieben.

Nun könnte man dem entgegenhalten, dies sei heute normal und alles andere als übertrieben. Und tatsächlich: Aktuelle Studien aus Deutschland ermittelten bei Jugendlichen eine durchschnittliche TV-Zeit von 110 Minuten pro Tag und ein Internet-Tageskonsum von durchschnittlich 135 Minuten aus. Durchschnittswerte hin oder her: Zwei, drei oder mehr Stunden Bildschirmmedienkonsum pro Tag sind definitiv zu viel. Das sagt alleine schon der gesunde Menschenverstand.

Bei der Frage nach den Sendungen, die die Kinder ansehen, erwähnen die Eltern oft Filme, welche nach 20:00 Uhr gezeigt werden. Dazu gehören auch die Standardkrimis. Diese werden oft schon von Neunjährigen gesehen. Immer wieder lese ich in diesen Fragebögen, dass die Kinder auch morgens vor der Schule und über Mittag fernsehen. Erstaunlich ist der doch sehr hohe Konsum von Bildschirmmedien und die folgenlose Risikoeinschätzung insofern, da wir in unserer Praxis mehrheitlich Familien betreuen, welche aus der Mittelschicht kommen.

„… macht aggressiv!“

Bei der Aufzählung der Konsole- und Online-Games erschrecke ich immer wieder, was den Kindern alles erlaubt wird. Bezüglich dem DVD- und Spielkonsum von Jugendlichen stelle ich immer wieder fest, dass die Eltern zwar ungefähr benennen können, womit die Kinder gamen, inhaltlich aber gar keine Ahnung haben, was sich an Brutalität in vielen dieser Spiele und Filme abspielt.

Bei der Frage nach den positiven und negativen Auswirkungen schildern mir die Eltern im Fragebogen kaum positive, aber umso häufiger negative Auswirkungen. Am meisten lese ich: „Macht aggressiv!“ Oder: „Kann sich nachher nicht konzentrieren“. Das ist schon sehr erstaunlich, da diese Feststellungen ja eigentlich dazu führen müssten, dass Eltern den Konsum von Bildschirmmedien ihrer Kinder ändern. Dies ist aber nicht der Fall.

Diese Feststellung mache nicht nur ich in meiner Praxis, sie wurden auch in Untersuchungen bestätigt. So fanden im Jahr 2010 in einer repräsentativen Studie zum Bildschirmmedienkonsumverhalten in Deutschland 80 % der Eltern, dass der Internetkonsum gefährlich ist. Nur ein Bruchteil aber verwendet Schutzfiltersoftware, welche ungeeignete Inhalte automatisch ausfiltern.



Man liest und hört ja immer wieder, dass den Kindern ermöglicht werden soll, sogenannte Bildschirmmedien-Kompetenzen zu erwerben. Ich bin davon abgekommen. Wer Bildschirmmedien-Kompetenzen benötigt, sind die Eltern.

Zuerst Bildschirmmedien-Entzug, dann Ritalin

Ich erwähnte vorhin, dass mich die Erfahrungen mit der Familie Hoffmann sehr verunsichert haben. Seit dieser Zeit rate ich in all jenen Fällen, in welcher ein hoher Bildschirmmedienkonsum evident ist, vor einem definitiven Entscheid für einen medikamentösen Behandlungsversuch zu einem vorgängigen dreimonatigen Absetzen von TV und schnellen Computerspielen.

Von vielen dieser Familien habe ich gar nichts mehr gehört, was natürlich nicht zwingend bedeutet, dass mit der Veränderung des Konsums von Bildschirmmedien tatsächlich die Probleme reduziert werden konnten. Ich habe allerdings auch keinen Anlass, das Gegenteil anzunehmen. Und immerhin kommt es doch immer einmal wieder vor, dass ich von den Familien oder den zuweisenden Ärzten positive Rückmeldungen erhalte.

Verursacht Bildschirmmedienkonsum ADHS?

Heisst das alles nun eigentlich, dass ADHS in der Folge eines überhöhten Bildschirmmedienkonsums entsteht? Einiges deutet tatsächlich darauf hin. Auch wissenschaftliche Studien weisen in diese Richtung. Trotzdem: Ich habe in meiner Arbeit bisher keine Beobachtungen machen können, welche auf einen zwingenden Kausalzusammenhang zwischen ADHS und Bildschirmmedienkonsum hinweisen könnten.

So behandelte ich beispielsweise eine ganze Reihe von Kindern mit einer ADHS, deren Eltern eine Landwirtschaft betreiben. Diese Kinder sind oft draussen, haben vielen Kontakt mit der Natur, schauen kaum fern – und leiden trotzdem an einer ADHS. Ausserdem stelle ich immer wieder fest, dass sich bei meinen jungen Patientinnen und Patienten relevante ADHS-Symptome schon sehr früh in der Kindheit manifestierten, zu einem Zeitpunkt also, an welchem Bildschirmmedien noch gar keine Wirkung entfalten konnten.

 

Ich weiss aber zwischenzeitlich aus meinen Erfahrungen in der psychotherapeutischen Arbeit mit ADHS-Betroffenen, dass ein problematischer Konsum von Bildschirmmedien die ADHS-Problematik eines Kindes massgeblich verschärfen kann. Und ich bin mir heute sicher, dass positive Veränderungen im Bildschirmmedienkonsumverhalten bei sehr vielen Kindern den Therapieverlauf positiv beeinflussen können.

Dabei geht es nicht um ein Entweder-Oder (also „Velo-Projekt“ statt Ritalin), sondern darum, dass eine Behandlung von Kindern mit einer ADHS massgeblich optimiert werden kann, wenn die leider häufig vorliegende Medienkonsum-Problematik mit reflektiert und modifiziert wird.

Neue Herausforderungen

Seit 2007 und den Erfahrungen mit der Familie Hoffmann ist in Sachen Bildschirmmedienkonsum in meiner Praxis einiges gelaufen. Meinen jungen Patientinnen und Patienten, deren Eltern, und auch mir stellen sich komplett neue Probleme. Zwei von unzähligen Beispielen:

Cyber-Mobbing

Anlässlich eines therapeutischen Elterngespräches legte mir der Vater von Vanessa, einer 13-jährigen ADHS-Patientin, einen Brief eines Rechtsanwaltes vor. Es ging um sogenanntes Cyber-Mobbing. Der Brief enthielt einen mehrseitigen Ausdruck mehrerer nächtlicher MSN-Chat-Dialoge, in welchem Vanessa auf primitivste Art und Weise und gemeinsam mit anderen ein Mädchen aus der Klasse fertig machte. Sie verwendete dabei einen „Jugo-Slang“ und sparte auch nicht mit üblen sexistischen Erniedrigungen.




Speziell an der Angelegenheit war, dass Vanessa von der Psychotherapie und der Therapie mit Medikamenten gut zu profitieren vermochte. Sie wurde zwischenzeitlich auch eine gute Schülerin. Das Mädchen stammt aus gutem Hause, die therapeutische Zusammenarbeit klappte auch mit den Eltern gut. Konflikte gab es eigentlich nur noch zu Hause und wenn, dann im Zusammenhang mit dem iPhone oder dem Internet-Konsum.

Die Eltern fanden unter anderem heraus, dass sich Vanessa bei Freundinnen einen neuen Facebook-Account eröffnete (dies war ihr zu Hause wegen früherer Vorfälle verboten worden) und sich von da aus mit wildfremden Leuten auch über Sex unterhielt, wobei es mehr um eine gegenseitige primitive sexuelle Anmache ging.

Die Eltern, und ehrlich gesagt auch ich, waren schockiert. Dass das Mädchen nachts das iPhone der Mutter klaute, konnte ich mir schon irgendwie noch vorstellen. Dass dieses intelligente und freundliche Mädchen aber dermassen unter der Gürtellinie auf andere losging und sich dabei einer derart primitiven Sprache bediente, hätte ich mir nie und nimmer gedacht. Der Konsum dieser Medien scheint die Menschen zu verändern und sie zu Verhaltensweisen zu animieren, welche in keiner Weise ihrem Charakter entsprechen.

Cyber-Trauerarbeit

Vorfälle dieser Art begegneten mir in den letzten Jahren immer wieder. Ich könnte Ihnen jetzt Dutzende von Beispielen aufzählen. Ich beschränke mich auf ein Erlebnis mit der damals 16-jährigen Anja, welche zu diesem Zeitpunkt schon seit drei Jahren von mir behandelt wurde.



Anja war schwer hyperaktiv. Trotz medikamentöser Behandlung und anderen therapeutischen Massnahmen waren ihre Fingernägel immer extrem weit abgekaut und sicherlich ein Finger blutete jedes Mal, wenn ich das Mädchen in der Sprechstunde sah. Anja war zudem hochbegabt, was dazu führte, dass sie von Schulbeginn an und zusätzlich zu der ADHS eine Sonderrolle einnahm. Sie zeigt auch gewisse autistische Züge. Schulisch ging es Anja zwischenzeitlich ordentlich gut. Sie besucht mit ordentlich guten schulischen Erfolgen ein privates Gymnasium. Ich sah sie nur noch sporadisch zur Kontrolle in der Sprechstunde.

Die Mutter von Anja rief mich also an und teilte mit, dass es ihrer Tochter psychisch sehr schlecht gehe. Es könnte sich um eine Depression handeln. Sie spreche davon, nicht mehr leben zu wollen.

Anja berichtete mir dann in der Sprechstunde weinend, dass ihr Freund gestorben sei. Es habe einen Fahrradunfall gegeben. Da mir neu war, dass Anja einen Freund hatte, fragte ich nach. Sie erzählte mir ausführlich von dem Jungen, mit welchem sie seit einem dreiviertel Jahr zusammen sei, und zeigte mir auf einem USB-Stick auch ein Foto von Loris.

 

Ob die Möglichkeit bestehe, dass sie zur Beerdigung gehe, fragte ich Anja. Sie schüttelte den Kopf. Loris sei aus Deutschland. „Und?“, fragte ich. „Deine Eltern fahren dich sicher zur Beerdigung.“ Sie wisse nicht, wo Loris wohne, sagte Anja. Ich stutzte. Schliesslich kam heraus, dass es sich um eine virtuelle Freundschaft handelte. Anja hatte diesen Jungen nie persönlich getroffen und nie mit ihm gesprochen. Sie hatten nur via MSN und später via Facebook Kontakt miteinander. Vom Tod von Loris erfuhr Anja durch einen seiner (möglicherweise ebenfalls virtuellen) Kollegen, welche in Anjas MSN-Kontaktliste aufgeführt waren.

Anja ging es psychisch wirklich schlecht. Sie machte sich Vorwürfe, am Tod des Jungen mitschuldig zu sein. Sie habe ihm kurz vor seinem Tod von ihren Problemen erzählt. Er sei der einzige Mensch gewesen, welcher ihr Vertrauen gehabt habe. Loris habe sich immer viel Sorgen um sie gemacht und habe wahrscheinlich deswegen beim Velo fahren nicht richtig aufgepasst.

Anjas Fantasien schossen ins Unermessliche. Sie hatte im virtuellen Raum keine Chancen, ihre Vorstellungen zu überprüfen und damit zu korrigieren. Sie konnte auch nicht die Mutter des Jungen anrufen und fragen, was wirklich los war. Der Kollege, welche Anja den Tod von Loris meldete, war nicht mehr auffindbar.

Mit so einer Situation war ich in meiner Praxis noch nie konfrontiert. Die Grenzen des Virtuellen zum Realen schienen zu verschwimmen. Mein Gehirn arbeitete auf Hochtouren. Aufgrund der doch sehr konkreten Suizidgedanken stand ich kurz davor, das Mädchen in die stationäre Kinderpsychiatrie einzuweisen. Aufgrund des doch guten therapeutischen Kontaktes und einem spontanen Einfall gelang es mir aber doch, Anja psychisch aufzufangen.

Wir sassen am nächsten Tag zusammen vor dem PC und googelten nach einem Online-Friedhof, um Loris virtuell beerdigen zu können. Zum Glück las ich vor einer Weile, dass es so etwas gibt. Wir vereinbarten für den Folgetag einen weiteren Sprechstundentermin, an welchem auch ihre Mutter anwesend war.

Anja hatte zwischenzeitlich auf dem Online-Friedhof ein virtuelles Grab vorbereitet. Es handelte sich quasi um eine erweiterte und multimediale Online-Todesanzeige. Anja suchte sich die passende Musik aus und wählte diejenigen grafischen Gestaltungselemente, welche ihrer Meinung nach zu Loris passten. Sie schrieb auch einen Abschiedstext.

Zusammen mit der Mutter, welche den Ernst der Lage glücklicherweise sofort begriff, hat Anja dann das virtuelle Grab per Mausklick aktiviert, so dass es im Internet für alle sichtbar wurde. Zum Glück gelang es mir, Anja davon abzubringen, ein Foto von Loris zu veröffentlichen. Immerhin wussten wir ja weder, ob Loris tatsächlich Loris war, noch ob er lebte oder wirklich tot war.

Anja hat sich dann aufgefangen. Falls Berufskolleginnen oder -kollegen unter Ihnen sind, welche jetzt den Kopf schütteln, will ich noch erwähnen, dass Remo keine Anzeichen einer Psychose zeigte. Es handelte sich tatsächlich um eine intensive Trauerreaktion.




Völlig neue Herausforderungen

Vielleicht fragen Sie sich, warum ich Ihnen nach der Geschichte der Familie Hoffmann noch von Vanessa und Anja berichte. Ich will Ihnen damit verdeutlichen, dass nicht nur Sie als Eltern, sondern dass auch wir Psychotherapeuten, Lehrkräfte und andere durch die medialen Umwälzungen vor völlig neue Herausforderungen gestellt werden. Die Entwicklung der Neuen Medien geht dermassen schnell vor sich, dass wir Erwachsenen gar nicht wirklich mithalten können. Was bleibt ist, dass Sie als Eltern und wir uns als Fachpersonen auf den Weg machen müssen, um zu begreifen, was da so schnell passiert.

Fundamentalismus?

Vielleicht mag der oder die Eine oder Andere unter Ihnen denken, ich gehöre zu einer Sekte oder zu einer Gruppierung fundamentalistischer und medienkonservativer Fachleute, welche die Neuen Medien pauschal verteufelt und darin nur alles Negative sieht.

Ich kann Sie beruhigen. Den Neuen Medien stehe ich prinzipiell positiv gegenüber. Denken wir beispielsweise an all das Wissen, welches durch das Internet für jeden zugänglich wurde. Früher musste man privilegierten Schichten angehören, um Zugang zu Wissen zu erhalten. Ganz anders heute. So habe ich auf meinen Reisen in die Sahara Nomadenschulen kennengelernt, in welchen das Internet vor allem für Mädchen der Schlüssel zur Welt darstellt.

 

Und Sie wissen es bestens: Mit einem Gewehr kann man jagen und jemanden erschiessen. Und mit einem Computer kann man Langstreckenraketen steuern und robotergestützte chirurgische Eingriffe durchführen. Es ist also nie eine fundamentalistische Frage, die auf radikales „Richtig / Falsch“  oder „Gut / Böse“ hinausläuft. Es ist immer die Frage, wie und wofür etwas gut oder schlecht sein soll.

Die wichtigsten Forschungsresultate

Bevor ich zum Abschluss und einer Zusammenstellung mit konkreten Tipps komme, möchte ich Ihnen einige Schlussfolgerungen aus der empirischen Forschung über den Zusammenhang von ADHS und Bildschirmmedienkonsum vorstellen.

Festhalten kann ich, dass unter Fachleuten unterschiedliche Positionen vertreten werden. Es ist wie beim Thema ADHS oder beim Klima, wo sich bis heute immer wieder Experten finden lassen, welche den vom Menschen erzeugten Klimawandel oder die Existenz der ADHS bezweifeln oder gar explizit verneinen. Ihnen als Eltern kann ich empfehlen, sich vor allem an den gesunden Menschenverstand zu halten und Ihren eigenen Wahrnehmungen zu trauen.

Soweit ich es bis jetzt beurteilen kann, gelten folgende Feststellungen als gesichert – und zwar gesichert in dem Sinne, dass es sich nicht einfach um persönliche Meinungen handelt, sondern um Resultate von empirischen und teils über viele Jahre fortlaufenden wissenschaftliche Untersuchungen.

Erwähnen möchte ich an dieser Stelle, dass in wissenschaftlichen Untersuchungen statistische Zusammenhänge aufgezeigt werden. Ein signifikanter Zusammenhang zwischen zwei Ereignissen bedeutet dabei nicht, dass die Ursache X bei der Person Y zwingend zu diesem oder jenem Verhalten führt.

Beispiel: Etwa 9000 Personen sterben in der Schweiz jedes Jahr an den Folgen des Tabakkonsums. Das sind fast 20-mal mehr als bei Verkehrsunfällen. Rauchen ist also nachweislich sehr, sehr gefährlich. Und trotzdem werden einige wenige Raucher 90, 95 Jahre alt (oder noch älter). Also für den Einzelfall sagen Statistiken nichts aus.

Zu den Resultaten:

  • In Studien mit Tausenden von Kindern wurde nachgewiesen, dass ein TV-Konsum die kognitive Entwicklung sowie die Gesundheit von Kindern nachhaltig beeinträchtigen kann.
  • Je früher Kinder fernsehen und je länger sie dies tun, umso ausgeprägter können Störungen verschiedener Wahrnehmungs- und Aufmerksamkeitsfunktionen ausfallen.
  • Tägliche Fernsehnutzung geht statistisch einher mit Störungen im Schriftspracherwerb, mit Schlafproblemen und aggressivem Verhalten.
  • Je mehr Zeit Schülerinnen und Schüler mit Medienkonsum verbringen und je brutaler dessen Inhalte sind, desto schlechter fallen die Schulnoten aus.
  • Je mehr TV die Kinder sehen, umso geringer ist ihre Lesemotivation.




  • TV- und PC- und Videogame-Konsum verstärken ADHS-Symptome.
  • Studien zeigen, dass von einer ADHS betroffene Kinder und Jugendliche aufgrund der neuropsychologischen Gegebenheiten dieses Störungsbildes anfällig sind für die Entwicklung einer Computerspielsucht.
  • Gewaltdarstellung in Medien erzeugen Reaktions- und Verhaltensmuster, welche unter bestimmten Rahmenbedingungen in manifeste Aggressionen münden können.

Meiner persönlichen Beurteilung nach decken sich die Forschungsresultate der letzten Jahrzehnte mit meinen eigenen Beobachtungen. Sie bestätigten mir quasi im Nachhinein das, was ich selbst bei Hunderten von Kindern mit einer ADHS beobachtet habe.

Empfehlungen

Abschliessend zu meinen konkreten Empfehlungen. Behalten Sie bitte im Auge, dass jede Familie ihren eigenen Weg finden muss, um mit den neuen multimedialen Hausforderungen irgendwie zurechtzukommen. Fertige Rezepte habe auch ich nicht.

Berücksichtigen Sie bitte ausserdem, dass es Zeit braucht, klare Regeln zum Bildschirmkonsum in der Familie aufzustellen. Und vergessen Sie nicht, dass Sie diese Regeln dann auch durchsetzen müssen. Also bitte keine Schnellschüsse.

Und ganz wichtig: Mutter und Vater müssen sich auch bezüglich Bildschirmkonsum eine „Unitè du Doctrine“ ( einen gemeinsamen und konsequenten Erziehungsstil) erarbeiten. Wenn nicht beide Elternteile am selben Strick ziehen, gehen die Chancen gegen Null, der multimedialen Übermacht eine Portion Vernunft und gesunden Menschenverstand entgegenzuhalten.

Gerade bei etwas älteren Kindern ist es wichtig, dass die Eltern ihre Massnahmen begründen können. Sie müssen vor allem selbst daran glauben, dass Ihre Haltung richtig ist. Dazu ist zu empfehlen, dass sich die Eltern sachkundig machen.



Zu den Tipps

    • Meine Ausführungen sind geeignet, Schuldgefühle von Müttern mit ADHS-Kindern zu verstärken. Immerhin ist es Realität, dass TV, Nintendo und Handy-Games für Mütter zahlreicher Kinder mit einer unbehandelten ADHS die einzige Möglichkeit darstellt, um selbst einen Moment zur Ruhe zu kommen. Naheliegend, wenn diese Mütter nach meinen Ausführungen die Schlussfolgerung ziehen könnten, in der Erziehung definitiv versagt zu haben und halt doch schuldig für die Probleme des Kindes zu sein.
      Der erste Tipp lautet daher wie folgt: Statt in Schuldgefühlen zu versinken, welche eh nur lähmen und niemandem wirklich nützen, sollten Eltern jetzt und in Zukunft Verantwortung für das Thema Bildschirmmedienkonsum übernehmen – und handeln. Da liegt Potential drin (und nicht beim Grübeln über all die Fehler und alles Versäumte in der Vergangenheit). Positive Entwicklungen sind selbst nach katastrophalen Zuständen in Sachen Bildschirmkonsum möglich. Das sah ich nicht nur bei der Familie Hoffmann.
    • Kinder mit oder ohne ADHS sollten meiner persönlichen Meinung nach so wenig wie möglich fernsehen. Am besten gar nicht.
    • Falls die Eltern auf TV nicht verzichten möchten: Pro Tag nicht mehr als 30 Minuten Bildschirmmedienkonsum (also TV + DVD + Internet zusammengefasst). Und das alles erst ab dem Schulalter.
    • Eltern sollen nicht nur die Zeit begrenzen, sondern auch die Inhalte der konsumierten Bildschirmmedien bestimmen. Dazu kommen Eltern nicht umhin, sich Zeit zu nehmen und sich damit auseinanderzusetzen, womit die Kinder genau spielen.
      Versuchen Sie ruhig auch einmal, sich einen der Horror-Videos anzusehen, welche Jugendliche konsumieren, als wäre es ein harmloser Trickfilm. Sie sollten dies aber nicht alleine tun und sich vorgängig Möglichkeiten für eine psychologische Unterstützung organisieren. Manche der Horrorfilme sind derart brutal, dass nicht nur Kinder, sondern auch Erwachsene traumatisiert werden können.
    • Bei der Beurteilung der Inhalte lade ich Sie ein, auf die angegebenen Alterslimite zu pfeifen. Diese werden nämlich weder von einer Ethikkommission oder von Elternorganisationen, sondern von der Spielindustrie definiert. Deren Interesse gilt ausschliesslich einem hohen Profit. Nur Sie als Mutter oder Vater sollen entscheiden, was Sie Ihrem Kind zumuten wollen.
    • Mütter: Verlasst Euch auf den gesunden Menschenverstand. Wenn Ihr nicht wollt, dass eure Kinder Baller-Games spielen und Krimis schauen, setzt euch durch!
    • Während auf TV auch ganz verzichtet werden kann, stellen Computer und Internet eine wertvolle Möglichkeit dar, sich sozial besser zu vernetzen und sich Wissen anzueignen.  Auch Computerspiele haben durchaus ihre Berechtigung, die Frage ist nur welche. Meine Empfehlung: Beschränken Sie sich auf Computerspiele, bei welchen die Kinder mit Punkten oder einem höheren Level belohnt werden, wenn sie nachdenken und nicht nur dann, wenn sie blitzschnell reagieren.
      Leider ist die Auswahl an Spielen, bei welchen wirklich kreativ gedacht werden muss, erschreckend klein. Kinder ab 10, 11 Jahren können aber in Begleitung eines Elternteils lernen, den Flugsimulator von Microsoft zu bedienen. Dieses Simulationsspiel gibt es seit 30 Jahren und wurde immer weiter entwickelt. Ein anderes Beispiel sind Schachprogramme oder einfache Bildbearbeitungsprogramme. Wichtig ist, dass die Kinder nicht einfach vor den PC gesetzt werden, sondern dass sich der Vater oder die Mutter die notwendige Zeit nimmt, das Kind wenigstens zeitweise bei seinen Ausflügen in die virtuelle Welt zu begleiten.
    • Vertrauen ist gut, Kontrolle besser. Kontrollieren Sie, was Ihr Kind im Internet konsumiert. Sie können das mit geeigneten Filterprogrammen machen, welche auf dem PC installiert werden können.
    • Kontrollieren Sie auch regelmässig das Handy Ihres Kindes. Haben Sie keine Angst, es stellt keinen Eingriff in die Privatsphäre dar, sondern zählt zu den vorsorglichen Massnahmen, für welche die Eltern verantwortlich sind. Konkret schlage ich jeweils Folgendes vor: Das Kind soll eine erwachsene Person Ihres Vertrauens vorschlagen, welche alle zwei Wochen das Handy und deren Inhalte kontrolliert. Diese Person sichert dem Kind zu, persönliche Inhalte nicht weiterzutragen. Das Kind muss ganz genau wissen, was nicht drin liegt. Für die meisten Familien sind das das Bild- und Videomaterial mit sexuellen oder gewalttätigen Inhalten, keine Mobbing-Filmchen, keine Kontaktpflege mit unbekannten Personen.
    • Spielen ist ein wichtiges Element der Kindheit. Kinder lernen viele Dinge spielerisch und spielend erfahren Kinder ihre Umwelt. Auch in der digitalen Welt hat das Spielen für Kinder einen hohen Stellenwert. Computer spielen ist für Kinder eine der häufigsten Nutzungsformen des Computers. Geben Sie Ihren Kindern aber besser die Gelegenheit zum echten Spiel und zu echten sinnlichen Wahrnehmungen. Also nicht nur zweidimensionale Welten, welche die Entwicklung eines gesunden Wahrnehmungssystems behindern, sondern hauptsächlich 3-dimensionale Erlebnisse, die das Wahrnehmungsvermögen des ganzen Körpers und vor allem aller Sinne ansprechen.




  • Auch wenn es vielen Eltern nicht passt: Gleichaltrige, sogenannte Peergruppen, haben ab einem bestimmten Alter einfach mehr Einfluss auf Kinder als die Eltern. Kinder wollen irgendwann durch Gleichaltrige anerkannt werden. Sie wollen „ankommen“ und im Mainstream mitschwimmen. Im Klartext heisst das leider oft, dass ein Kind, welches nicht dieses oder jenes PC-Spiel hat oder spielen darf oder diesen oder jenen Film nicht gesehen hat, von der Gruppe ausgelacht oder gar ausgeschlossen wird. Ich habe in der Praxis immer wieder Kinder, welche massiv darunter leiden.
    Trotzdem: Würde Ihr Kind mit Gleichaltrigen kiffen oder Bier trinken, wäre es sonnenklar, dass Sie sofort intervenieren würden. Soziale Anerkennung durch Gleichaltrige hin oder her. Tun Sie das bitte auch hinsichtlich Bildschirmmedien. Die Folgen eines zu hohen Konsums von Bildschirmmedien können schlimmer sein, als ein ein- oder zweimaliges Ausprobieren von Cannabis.

Wie schon gesagt: Jede Familie muss ihren eigenen Weg finden, um mit all diesen Herausforderungen zurechtzukommen. Die Nutzung des Computers und des Internets ist aus dem heutigen Leben nicht mehr wegzudenken und auch der völlige Verzicht darauf bringt die ADHS-Symptome nicht zum Verschwinden. Sie als Eltern können aber durch eine aktive, massvolle und kritische Regulierung des Konsums Neuer Medien durchaus dazu beitragen, dass verschiedene ADHS-Symptome gemildert und abgeschwächt werden können und somit – ergänzend zu Massnahmen und Therapien – eine wichtige Hilfe für Ihr Kind darstellen.

Danke für Ihre Aufmerksamkeit!


 

Wie man einen Satz oder einen Abschnitt aus diesem Text korrekt zitiert
Rossi, Piero: „ADHS & Bildschirmmedien“. In: Internetseite: www.ADHS.ch. Stand: [Datum der letzten Aktualisierung]. Abgerufen am: [Datum der Textentnahme]. Online im Internet URL:  http://www.adhs.ch/bildschirmmedien-und-adhs/ ‎


Ist dieser Beitrag lesenswert? Ja oder nein?

Dieser Text ist urheberrechtlich geschützt.
Er wurde letztmals aktualisiert am 11.10.2017.
© Piero Rossi