Wie ein einziges nicht enden wollendes Martyrium

Guten Tag Herr Rossi
Seit sechs Jahren bin ich mit meinem Mann verheiratet, wir haben eine einjährige Tochter. Seit ich meinen Mann kenne, hege ich die Hoffnung, dass er sich endlich stabilisieren kann. Er war nun 8 Wochen in einer psychiatrischen Klinik, nachdem ich mit der Scheidung gedroht hatte, weil ich sein Verhalten einfach nicht mehr ausgehalten habe. „Wie ein einziges nicht enden wollendes Martyrium“ weiterlesen

Ein lebender Selbstzweifel, der hilf- und ziellos umherirrt auf der Suche nach Wahrheit

Ich bin 39 und vor wenigen Monaten hat mir die Praxis XY nebst meiner bereits bekannten Depression eine ADHS („kombinierter Subtyp“) und Hypersensitivität attestiert. Zum Einen gab mir das eine Erklärung für mein Aufmerksamkeitsproblem, meine Suchtneigung, meine Impulsivität, meine z. T. kaum aushaltbaren Gefühle, mein Leben zwischen Extremen und so weiter. Zum Anderen aber haben mich die vielen Erkenntnisse auch überfordert und in ein Loch gezogen. „Ein lebender Selbstzweifel, der hilf- und ziellos umherirrt auf der Suche nach Wahrheit“ weiterlesen

Begleitstörungen bei Kindern und Jugendlichen mit einer ADHS

Begleitstörungen bei Kindern und Jugendlichen mit einer ADHS

Piero Rossi mit Susanne Bürgi. Erschienen erstmals in ELPOST 40/2010

Einleitendes Fallbeispiel für komorbide Störungen

Sara, ein zehnjähriges Mädchen, wurde uns von der Kinderärztin zur Beurteilung und Behandlung zugewiesen. Vor zwei Jahren stellte sie bei Sara eine ADHS-Diagnose. Aktueller Vorstellungsanlass waren anhaltende Verhaltensprobleme (Chaos im Zimmer und in den Schulunterlagen, schlechtes Zeitgefühl, impulsives Verhalten, gereiztes und teilweise freches Reagieren den Eltern und dem Lehrer gegenüber, Streit mit älteren Kindern und Erwachsenen) sowie erwartungswidrige schulische Minderleistungen. Die Mutter berichtete, Sara habe auch grosse Mühe im Rechnen. Dem Bericht des Lehrers war zu entnehmen, dass das Mädchen ein langsames Arbeitstempo und Mühe beim Abzeichnen hatte, sehr umständlich arbeitete und leicht ablenkbar war. Auf eine Therapie mit Stimulanzien hatte das Mädchen angesprochen, allerdings nur in einem unbefriedigenden Ausmass.

Unsere Untersuchung ergab, dass bei Sara neben der ADHS-Problematik eine Entwicklungsstörung des räumlichen Vorstellungs- und Umsetzungsvermögens vorlag (räumlich-konstruktive Störung). Diese neben beziehungsweise zusätzlich zur ADHS bestehende Problematik führte im Schul- und Familienalltag zu erheblichen Problemen. So eckte sie im Zwischenmenschlichen immer wieder an. Da Sara syndrombedingt schlecht schätzen und kein Grössengefühl für Hierarchien aufbauen konnte, vermochte sie auch keinen natürlichen Respekt vor Autoritäten zu entwickeln. Als Folge des schwachen räumlichen Vorstellungsvermögens hatte das Mädchen auch kein gutes Gefühl für Nähe und Distanz, für oben und unten, für vorher und nachher.

Raumverarbeitungsprobleme münden sehr häufig in eine Rechenschwäche oder führen gar zu einer Dyskalkulie. Ohne einigermassen intaktes räumliches Vorstellungsvermögen ist es nicht nur schwierig, zwischenmenschliche Kontakte zu regulieren und beispielsweise ein gesundes Zeitgefühl zu entwickeln, sondern vor allem auch, mathematische Operationen zu begreifen. Sara, ein intelligentes Mädchen, versuchte diese mathematische Vorstellungsschwäche durch Auswendiglernen zu umgehen – einer Strategie, mit der sie verständlicherweise bald an ihre Grenzen stiess. Ihr schwaches räumliches Vorstellungsvermögen beeinträchtigte auch die Entwicklung eines altersentsprechenden Zeitempfindens (gestern, heute, morgen oder „in einer Viertelstunde“ sind räumliche Dimensionen). Sara „sah“ diese Zeitblöcke nicht und es schien daher, als trödle und vergesse sie die Zeit. Eine Eigenschaft, welche typischerweise auch bei einer ADHS vorkommt, bei Sara aber eine andere Ursache hatte. Ergänzend zur medikamentösen Therapie und einer verhaltenstherapeutischen Elternberatung erfolgte neu eine spezialisierte Ergotherapie. Dem Mädchen geht es zwischenzeitlich (fast zwei Jahre nach Beginn der Ergotherapie) emotional, aber auch bezüglich der schulischen Leistungen deutlich besser.

Definition Komorbidität

Wer Menschen mit einer ADHS kennt, weiss es bestens: Eine ADHS kommt selten allein. Tatsächlich ist das Störungsbild auf das Engste verwoben mit anderen Faktoren, welche Ausprägung und Verlauf der Krankheit mitbestimmen. Dazu gehört in erster Linie die Art, wie in der Familie und der Schule dem betroffenen Kind begegnet wird. Daneben kann der Verlauf einer ADHS wesentlich durch psychische Begleiterkrankungen, sogenannte Komorbiditäten, geprägt sein.

Als komorbide Störung wird in der Medizin und der Psychopathologie (Lehre der psychischen Erkrankungen) ein zusätzlich zu einer Grunderkrankung (in unserem Fall der ADHS) vorliegendes anerkanntes Krankheits- oder Störungsbild bezeichnet, welches im gleichen Zeitrahmen auftritt. Um als komorbide Störung zu gelten, muss die Begleiterkrankung diagnostisch von der ADHS deutlich abgrenzbar sein. Es liegen dann Doppel- oder gar Mehrfachdiagnosen vor (zum Beispiel ADHS plus Depression oder ADHS plus Legasthenie). Bei komorbiden Störungen handelt es sich also um eigenständige psychische oder psychosomatische Erkrankungen, welche entweder als Folge der ADHS auftreten können, oder aber um Störungsbilder, die quasi neben einer ADHS bestehen und andere Ursachen haben.



Kombinationsdiagnosen sind bei der ADHS die Regel

Professor H.-C. Steinhausen geht davon aus, dass bei Vorliegen einer ADHS in der überwiegenden Mehrheit der Fälle (bis zu 85%) eine weitere Störung vorliegt. Bei bis zu 60% aller betroffenen Kinder soll sogar mehr als eine Zusatzdiagnose vorliegen. Fachleute sprechen in diesem Zusammenhang von multiplen Komorbiditäten. Die ADHS tritt also so häufig mit anderen Störungen gemeinsam auf, so dass eine Kombinationsdiagnose die Regel, eine isolierte ADHS den Sonderfall darstellt.

Das bedeutet, dass sowohl die Diagnostik als auch die Therapie meist sehr aufwändig sind beziehungsweise sein müssen, um dem betroffenen Kind und seinen Problemen gerecht werden zu können. Erforderlich ist in jedem Fall eine umfassende klinische und neuropsychologische Untersuchung. Nur mit einer ganzheitlichen Herangehensweise ist es möglich, den meist vielschichtigen Ursachen der Konzentrationsschwächen und der Impulsivität nachzugehen, allenfalls vorliegende komorbide Störungen zu erfassen und in ein Therapieprogramm zu integrieren.

Wie werden komorbide Erkrankungen erkannt?

Um Übersicht über die Fülle der Beschwerden, Symptome, Vorerkrankungen, Befunde und psychosozialen Rahmenbedingungen einer Patientin oder eines Patienten gewinnen zu können, benötigen ärztliche und psychologische Fachpersonen Diagnosen. Diese dienen einer möglichst genauen Zuordnung von Symptomen, diagnostischen Zeichen und Befunden zu diagnostischen Kategorien beziehungsweise zu Krankheitsbegriffen. Die Methode der Diagnosefindung nennt man Diagnostik. Sie stellt für jede Ärztin und jeden Psychologen ein unverzichtbares Handwerkszeug dar und ist unentbehrlich für eine sorgfältige Planung und Überprüfung jeder Therapie. Wie bei anderen Fragestellungen auch zählen zur Diagnosefindung bei Verdacht auf eine ADHS unter anderem Untersuchungsgespräche, das Erheben der Vor- und der Familienkrankengeschichte sowie verschiedene Testverfahren.

Differenzialdiagnostik

Werden bei der Untersuchung eines Kindes mit Verdacht auf eine ADHS Begleiterkrankungen erkannt, ist es wichtig zu überprüfen, ob es sich bei den Beschwerden wirklich um eine eigenständige Problematik im Sinne einer Komorbidität handelt. Viele Probleme wie zum Beispiel die eingangs beschriebene Raumverarbeitungsstörung, aber auch eine Angststörung oder eine Legasthenie können nämlich ihrerseits mit Konzentrationsschwächen und Unruhe einhergehen. Aufmerksamkeitsprobleme und impulsives Verhalten bedeuten also nicht automatisch, dass eine ADHS vorliegt.

Im Rahmen der sogenannten Differenzialdiagnostik wird untersucht, ob die Probleme, welche spontan an eine ADHS denken lassen, auch tatsächlich eine solche zur Ursache haben. Fachleute prüfen dabei auch sehr sorgfältig, ob Begleitprobleme nicht vielleicht sogar das Hauptproblem darstellen. Es geht also um die Frage, ob es sich um eine eigenständige Störung handelt, welche neben der ADHS besteht (Komorbidität), oder um eine andere Kernproblematik, die sich lediglich mit ADHS-ähnlichen Symptomen präsentiert. Das alles tönt nicht nur kompliziert, es ist es manchmal auch. Begleitprobleme können denn auch nicht immer auf Anhieb diagnostisch eingestuft werden, so dass eine abschliessende Beurteilung manchmal den weiteren Beobachtungen im Behandlungsverlauf vorbehalten bleiben muss.




Dass sich Fachleute intensiv mit Komorbiditäten befassen, hat einen ganz praktischen Grund: Es geht um das möglichst vollständige und ganzheitliche Erfassen der Beschwerden einer Patientin beziehungsweise eines Patienten. Würde eine Patientin bildhaft gesprochen nur von Läusen, nicht aber von Flöhen befreit, hielte das Jucken an und sie könnte nicht geheilt werden. Für das Wohlsein und die Genesung von Kindern mit einer ADHS ist es von entscheidender Bedeutung, allfällig vorliegende Begleitprobleme zu erkennen. Andernfalls ist es nicht möglich, einen wirksamen Therapieplan zu erstellen.

Zunächst aber ist eine fachgerechte Therapie der ADHS zentral. Nur so sind nämlich in den meisten Fällen die Voraussetzungen gegeben, dass ein Kind von der Therapie der Begleitstörungen profitieren kann. Therapie ist immer ein Lernprozess: Ohne mehr oder weniger intakte Aufmerksamkeits- und Selbststeuerungsfunktionen kann ein betroffenes Kind auch von der allerbesten Legasthenie-, Angst- oder Traumatherapie nicht wirklich profitieren. Wir sehen in der Praxis immer wieder Betroffene mit komorbiden Problemen, deren ADHS gar nicht oder nur ungenügend behandelt wird. Wiederholt haben wir feststellen können, dass eine wirksame ADHS-Therapie den komorbiden Störungen regelrecht den Wind aus den Segeln nahm. Die Begleitproblematik war zwar noch da, hatte aber nicht mehr so starke Auswirkungen im Schul- oder Familienalltag.

Als wissenschaftlich anerkannte Behandlungsform der ADHS zählt heute die medikamentöse Behandlung in Kombination mit einer Verhaltenstherapie und einer Elternberatung (eine sogenannt multimodale, also auf verschiedenen Ebenen ansetzende Behandlung, die gegebenenfalls auch schulische Fördermassnahmen oder andere therapeutische Interventionen beinhalten kann). Seit einiger Zeit gehört ausserdem auch die Neurofeedback-Therapie zu den wissenschaftlich überprüften Behandlungsformen bei der ADHS vom unaufmerksamen Typus.

Übersicht: Die wichtigsten Begleiterkrankungen

Ohne Anspruch auf Vollständigkeit geben wir im Folgenden einen kurzen Überblick über die häufigsten komorbid zur ADHS vorliegenden Störungen und deren Behandlungsmöglichkeiten. Die Reihenfolge entspricht nicht den Resultaten von epidemiologischen Studien (deren Angaben grossen Schwankungen unterliegen), sondern widerspiegelt die Häufigkeit der Komorbiditäten, wie wir sie bei Kindern in unserer psychologischen Praxis erleben.

Komorbide Störungen sind die Regel!

Lernstörungen

  • Definition: Mit Lernstörungen bezeichnen wir Minderleistungen beim absichtsvollen Lernen, die sich in mehreren schulischen Bereichen zeigen (im Gegensatz zu isolierten Störungen wie der Lese-Rechtschreibstörung oder der Dyskalkulie, siehe unten) und auf grundlegende Trainingsdefizite bezüglich schulischen Lernens und Umsetzung des Gelernten zurückzuführen sind.
  • Häufigkeit des gemeinsamen Auftretens mit der ADHS: sehr häufig.
  • Differenzialdiagnostische Relevanz: Die Begleitsymptome und Auswirkungen einer Lernstörung können im Alltag durchaus mit einer ADHS vom unaufmerksamen Typus verwechselt werden.
  • Therapie: Lerntherapie bei einer anerkannten Lerntherapeutin beziehungsweise einem anerkannten Lerntherapeuten.
  • Bemerkung: Die Planung lerntherapeutischer Interventionen sollte in Rücksprache mit der Fachperson erfolgen, welche das Kind neuropsychologisch untersuchte. So kann eine massgeschneiderte Förderung erfolgen.
  • Prognose: gut.

BuchtippLernen: Gehirnforschung und die Schule des Lebens


(Ein-) Schlafstörungen

  • Definition: anhaltende Einschlafstörungen; unangenehmes Wachbleiben länger als 30 Minuten; Durchschlafstörungen; wiederholtes, subjektiv belastendes nächtliches Wachsein.
  • Häufigkeit des gemeinsamen Auftretens mit der ADHS: Einschlafstörungen sind sehr häufig, Durchschlafstörungen seltener zu beobachten.
  • Differenzialdiagnostische Relevanz: Schlafstörungen können zu Tagesmüdigkeit und Konzentrationsproblemen führen. Bei ADHS vom unaufmerksamen Typus muss differenzialdiagnostisch ausgeschlossen werden können, dass es sich bei den Schlafstörungen um das Kern- und bei den Konzentrationsschwächen um das Folgeproblem handelt.
  • Therapie: verhaltenstherapeutische Massnahmen: visuelle und/oder akustische Stimulation beim Einschlafen (zum Beispiel ein leise plätschernder Zimmerbrunnen oder ein leicht leuchtendes Mobile), kein TV, keine Konsole- oder PC-Games 2-3 Stunden vor der Einschlafzeit. Bei sehr hartnäckigen Einschlafstörungen wird die behandelnde ärztliche Fachperson eine Therapie mit Melatonin oder allenfalls auch mit niedrig dosierten Stimulanzien prüfen (letzteres, um sich besser auf den Schlaf konzentrieren zu können).
  • Bemerkung: Einschlafstörungen kommen bei ADHS-Betroffenen sehr häufig vor. Unserer Meinung nach gehören sie zu den Kernsymptomen der ADHS. Einschlafstörungen können für das betroffene Kind quälend sein, trotzdem werden sie oftmals nicht behandelt. Ein erholsamer Schlaf ist wichtig für das Wohlbefinden und die Leistungsfähigkeit. Gelegentlich weisen Einschlafstörungen darauf hin, dass die medikamentöse Therapie mit Stimulanzien nicht optimal eingestellt ist (empfohlen wird eine Kontaktaufnahme mit der Ärztin beziehungsweise dem Arzt).
  • Prognose: gut.

BuchtippJedes Kind kann schlafen lernen

 

Schädlicher Konsum von Bildschirmmedien

      • Definition: Konsum von TV/DVD, PC-Games oder Konsolespiele von mehr als 1.5 Stunden pro Tag und Vernachlässigung schulischer und familiärer Verpflichtungen.
      • Häufigkeit des gemeinsamen Auftretens mit einer ADHS: häufig.
      • Differenzialdiagnostische Relevanz: Der Konsum von schnellen, aggressionsfördernden Autorenn- oder Ballerspielen sowie übermässiger TV/DVD-Konsum können erwiesenermassen ADHS-ähnliche Impulskontroll-, Konzentrations- und Lernstörungen verursachen.
      • Therapie: Reduktion des Konsums auf maximal 1/2 Stunde pro Tag (alle Bildschirmmedien zusammengefasst).
      • Bemerkung: Manfred Spitzer hat zu diesem Thema ein interessantes Buch verfasst mit dem Titel „Vorsicht Bildschirm“.
      • Prognose: sehr gut. Wiederholt konnten wir beobachten, dass sich die Impulsivität durch eine Konsumreduktion vermindern liess und manche Kinder automatisch mehr lasen.

Buchtipp: Digitale Demenz

 

Motorische Entwicklungsstörungen

        • Definition: deutlicher Entwicklungsrückstand motorischer Entwicklungsetappen. Betroffen sein können die Grob- und/oder die Feinmotorik (Grafomotorik).
        • Häufigkeit des gemeinsamen Auftretens mit einer ADHS: häufig.
        • Differenzialdiagnostische Relevanz: keine Verwechslungsgefahr mit der ADHS.
        • Therapie: Psychomotoriktherapie, Bewegung.
        • Bemerkung: Statt TV und PC-Games spielen raus in den Wald gehen! Eltern, nehmt euch an der Nase: Sport und Bewegung sind billige und wirksame Mittel bei motorischen Entwicklungsrückständen, aber auch bei Konzentrations- und Lernproblemen. Bei hartnäckigen und therapieresistenten grafomotorischen Problemen sollte die Schönschrift nicht mehr benotet werden. Eventuell Verwendung eines Notebooks im Unterricht.
        • Prognose: unterschiedlich; Grafomotorikprobleme können sich als sehr hartnäckig und bisweilen therapieresistent erweisen.

BuchtippBabyjahre: Entwicklung und Erziehung in den ersten vier Jahren


 

Störung mit oppositionellem Trotzverhalten

        • Definition: Verhaltensstörungen mit aggressivem und trotzigem Verhalten, aber deutlich weniger ausgeprägt als bei der Störung des Sozialverhaltens (siehe unten).
        • Häufigkeit des gemeinsamen Auftretens mit einer ADHS: kommt bei Knaben relativ oft vor.
        • Differenzialdiagnostische Relevanz: Es besteht ein gewisses Verwechslungsrisiko mit einer ADHS, weil es Störungen mit oppositionellem Trotzverhalten auch ohne ADHS geben kann.
        • Therapie: verhaltenstherapeutische Interventionen mit dem Kind und den Eltern.
        • Bemerkung: Buchtipp: Manfred Döpfner „Wackelpeter und Trotzkopf“.
        • Prognose: gut, vor allem, wenn sich auch die Väter in der Therapie engagieren.

BuchtippWackelpeter und Trotzkopf: Hilfen für Eltern bei ADHS-Symptomen, hyperkinetischem und oppositionellem Verhalten

 

Lese- und Rechtschreibstörungen

        • Definition: ein im Vergleich zum Alter, zur Intelligenz und zur Schulstufe markantes Defizit der Entwicklung der Lese- und/ oder der Rechtschreibkompetenzen.
        • Häufigkeit des gemeinsamen Auftretens mit einer ADHS: hoch.
        • Differenzialdiagnostische Relevanz: keine Verwechslungsgefahr mit der ADHS.
        • Therapie: logopädische oder lerntherapeutische Behandlung der Ursachen (vor allem auditive oder visuelle Wahrnehmungs- und Verarbeitungsstörungen). Zwecks Therapieplanung der Legasthenie wird eine neuropsychologische Untersuchung empfohlen. In der Schule sollten individuelle Lernziele vereinbart und gegebenenfalls eine Notenbefreiung vorgenommen werden.
        • Bemerkung: Es muss gewährleistet werden, dass im Zeitraum, in welchem die Legasthenietherapie erfolgt, die Stimulanzien (noch) wirksam sind.
        • Prognose: bei schwerer Legasthenie oft nur Teilremission.

BuchtippLese-Rechtschreibstörungen (LRS)

 

Enuresis, Enkopresis (Einkoten)

        • Definition: wiederholtes Entleeren von Urin oder Kot an ungeeigneten Stellen (beispielsweise im Bett oder in der Kleidung).
        • Häufigkeit des gemeinsamen Auftretens mit einer ADHS: Enuresis öfters; Enkopresis gelegentlich.
        • Differenzialdiagnostische Relevanz: kein Verwechslungsrisiko mit einer ADHS.
        • Therapie: Gründliche ärztliche Untersuchung zum Ausschluss organischer Ursachen,
          eventuell ärztlich geleitete Therapie (Blasentraining). Ausserdem verhaltenstherapeutische Interventionen mit dem Kind und den Eltern. Die Enuresis kann sich bei ADHS-Betroffenen unter der Therapie mit Stimulanzien verbessern. Wenn diese Verbesserung ausbleibt oder wenn der Leidensdruck gross ist, kann die Kinderärztin oder der Kinderarzt eine medikamentöse Enuresisbehandlung einleiten.
        • Bemerkung: Kinder mit einer ADHS nässen oder koten gelegentlich ein, weil sie in ihrer Überaktivität keine Zeit finden, die Toilette aufzusuchen.
        • Prognose: gut.

BuchtippEnuresis (Leitfaden Kinder- und Jugendpsychotherapie)

BuchtippEnkopresis (Leitfaden Kinder- und Jugendpsychotherapie)

 

Dyskalkulie (Rechenstörung)

        • Definition: ein im Vergleich zum Alter, zur Intelligenz und zur Schulstufe markantes Defizit der Entwicklung der Rechenfertigkeiten.
        • Häufigkeit des gemeinsamen Auftretens mit einer ADHS: gelegentlich (wobei leichte Rechenschwächen häufig begleitend zur ADHS auftreten können).
        • Differenzialdiagnostische Relevanz: Die Begleitsymptome und Auswirkungen der Dyskalkulie und vor allem der ihr oft zugrunde liegenden Raumverarbeitungsstörung können im Alltag durchaus mit einer ADHS verwechselt werden.
        • Therapie: neuropsychologische oder ergotherapeutische Behandlung der Ursachen (meistens Raumverarbeitungsstörung).
        • Bemerkung: spezifische Therapiemöglichkeiten der Dyskalkulie werden in der Schweiz nur selten angeboten (positives Beispiel: www.mathehaus.ch). Leider wird die Behandlung der Dyskalkulie – sofern sie überhaupt erkannt wird – oft den Legasthenie-Therapeutinnen überlassen, welche dafür nicht ausgebildet sind.
        • Prognose: Bei qualifizierter Therapie sprechen viele Kinder gut darauf an.

BuchtippRechenschwache Kinder individuell fördern: Ein systematisches Programm mit editierbaren Materialien

 

Ticstörung

      • Definition: kurze und unwillkürliche, regelmässig oder unregelmässig wiederkehrende motorische Bewegungen meist umschriebener Muskelgruppen (zum Beispiel Blinzeln, Schulterzucken, Grimassieren), oder Lautäusserungen (vokale Tics wie stereotypes Grunzen oder Schmatzen). Treten verschiedene motorische und vokale Tics zusammen auf, spricht man vom Tourette-Syndrom.
      • Häufigkeit des gemeinsamen Auftretens mit einer ADHS: gelegentlich.
      • Differenzialdiagnostische Relevanz: Auswirkungen von leichten Ticstörungen können durchaus mit einer ADHS verwechselt werden.
      • Therapie: Es existieren verhaltenstherapeutische Methoden zur Tic-Behandlung. Bei Nichtansprechen und sofern sichergestellt ist, dass es sich nicht um eine Nebenwirkung der Stimulanzien handelt, kann die Fachärztin oder der Facharzt eine spezifische medikamentöse Therapie in Erwägung ziehen.
      • Bemerkung: Bei den Ticstörungen ist zu erwähnen, dass zunehmend Hinweise vorliegen, wonach es sich bei den Tics, welche erst nach der Behandlung mit Stimulanzien auftreten, um unerwünschte Arzneimittelwirkungen handeln kann.
      • Prognose: gut, vor allem bei einer medikamentösen Therapie.

Buchtipp: Tic-Störungen: Leitfaden Kinder- und Jugendpsychotherapie

 

Angststörungen

        • Definition: ausgeprägte Furcht vor einem Objekt oder einer Situation, teilweise auch unspezifische, generalisierte Ängste bis hin zu Panikzuständen. Wenn die gefürchtete Situation zur Angstvermeidung gedanklich oder konkret gemieden wird, spricht man von einer Phobie.
        • Häufigkeit des gemeinsamen Auftretens mit einer ADHS: gelegentlich.
        • Differenzialdiagnostische Relevanz: Angststörungen gehen immer mit Veränderungen im Aufmerksamkeitssystem einher, sind aber normalerweise deutlich von der ADHS abgrenzbar.
        • Therapie: kognitive Verhaltenstherapie (unkomplizierte, oft gut wirksame und bewährte therapeutische Intervention). In sehr schweren Fällen kann ergänzend zur Verhaltenstherapie ein Behandlungsversuch mit Medikamenten erwogen werden.
        • Bemerkung: Kinder mit einer ADHS sind als Folge von syndromspezifischen Reizüberflutungen oftmals ängstlich, ohne dass eine eigenständige Angststörung diagnostiziert werden muss.
        • Prognose: sehr gut bei bei akuter Problematik, mittel bei chronifizierter Angststörung.

BuchtippÄngste verstehen und überwinden. Wie Sie sich von Angst, Panik und Phobien befreien

 

Depressionen

        • Definition: Depressionen zeichnen sich aus durch Energielosigkeit, Stimmungstiefs und einer Einschränkung oder einem Verlust von Gefühlen. Die Stimmung der Betroffenen lässt sich selbst durch Positives nicht aufhellen. Hinzu kommen Selbstvorwürfe, innere Unruhe, Appetit- und Schlafstörungen. Bei Kindern kann eine Depression auch von Aggressionen begleitet werden.
        • Häufigkeit des gemeinsamen Auftretens mit einer ADHS: bei Kindern eher selten.
        • Differenzialdiagnostische Relevanz: hoch. Nicht immer ist es einfach, ADHS-Stimmungsschwankungen von ernsten Depressionen abzugrenzen. Im Gegensatz zu ADHS-Betroffenen, welche durch positive Erlebnisse schnell aus einem Tief herausfinden, verlaufen Stimmungstiefs bei Depressionen meistens unabhängig von äusseren Ereignissen.
        • Therapie: Auch bei Kindern bewährt sich die kognitive Verhaltenstherapie. Medikamente werden nur in Ausnahmefällen verabreicht, allenfalls ist auch eine stationäre Behandlung auf einer kinderpsychiatrischen Abteilung zu erwägen. Kombinationsbehandlungen mit Stimulanzien und Antidepressiva sind bei Kindern bis jetzt kaum erforscht.
        • Bemerkung: Wir beobachten in der Praxis selten eigenständige Depressionen bei Kindern. Meistens handelt es sich um emotionale Instabilitäten, welche direkt mit der ADHS zusammenhängen. Bei Suizidäusserungen des Kindes immer eine ärztliche oder psychologische Fachperson konsultieren.
        • Prognose: gut bei ADHS-bedingten emotionalen Schwankungen. Eine Prognose bei ADHS mit komorbid vorliegenden und ausgeprägten depressiven Beschwerden kann nur im Einzelfall gestellt werden.

BuchtippDepression und Burn-out überwinden: Ihr roter Faden aus der Krise: Die wirksamsten Selbsthilfestrategien

BuchtippWenn das Leben zur Last wird: Depressionen überwinden, ins Leben zurückkehren

 

Posttraumatische Belastungsstörung (PTBS)

        • Definition: akute oder chronische psychische Störung nach traumatisierenden Erlebnissen.
        • Häufigkeit des gemeinsamen Auftretens mit einer ADHS: kommt öfters vor.
        • Differenzialdiagnostische Relevanz: Wer die Symptome der PTBS nicht kennt, könnte diese durchaus mit ADHS-Symptomen verwechseln.
        • Therapie: Angezeigt ist eine Traumaspezifische Therapie (meistens EMDR). Diese Therapie erfolgt auch mit Kindern ausschliesslich durch speziell ausgebildete Psychotherapeutinnen.
        • Bemerkung: Viele Kinder mit einer ADHS erleben zahlreiche leicht traumatisierende Erlebnisse, welche durchaus die Qualität einer chronifizierten PTBS entwickeln können und dann zusätzlich zur ADHS psychotherapeutisch behandelt werden müssen. Leider verfügen erst wenige Fachpsychologinnen und Fachpsychologen über das Know-how bezüglich der Behandlung eines Traumas bei vorliegender ADHS.
        • Prognose: keine eigenen Erfahrungen; keine zuverlässigen Angaben zur Behandlung der PTBS bei Vorliegen einer ADHS in der Forschungsliteratur. Gemäss Angaben von Kolleginnen aber oft gutes Ansprechen auf die Therapie.

BuchtippRatgeber Trauma und Posttraumatische Belastungsstörung: Informationen für Betroffene und Angehörige

 

Bipolare Störung

      • Definition: abwechslungsweise depressive und manische Phasen, wobei bei Kindern nicht zwingend die typisch manische Symptomatik mit extremer Antriebssteigerung oder Grössenideen vorliegen muss. In einer manischen Episode wirken Kinder vor allem gereizt und haben häufiger destruktive Wutausbrüche oder Impulsdurchbrüche. Ausserdem können bei Kindern gleichzeitig sowohl manische wie depressive Symptome vorliegen.
      • Häufigkeit des gemeinsamen Auftretens mit einer ADHS: sehr klein.
      • Differenzialdiagnostische Relevanz: hoch. Nicht immer ist es indess einfach, ADHS-Stimmungsschwankungen von bipolaren Störungen abzugrenzen. Wenn in der Familie manisch-depressive Erkrankungen vorkommen, muss aufgrund der erhöhten Erblichkeit bei entsprechender Symptomatik eine bipolare Störung im Auge behalten werden.
      • Therapie: medikamentöse Therapie.
      • Bemerkung: in den USA werden immer mehr Kinder als „bipolar“ diagnostiziert, während dem in Europa diese Diagnose noch selten gestellt wird. Wenn Kinder mit ADHS allen fachgerechten Therapien zum Trotz immer noch emotional sehr instabil sind, sollte an eine bipolare Störung gedacht werden.
      • Prognose: keine eigenen Erfahrungen.

BuchtippDer Bipolare Spagat: Manisch-depressive Menschen verstehen

 

Ergänzende Begleiterkrankungen bei Jugendlichen

Zusätzlich zu den oben genannten Begleiterkrankungen können bei Jugendlichen mit einer ADHS unter anderem folgende Komorbiditäten vorliegen:

Störung des Sozialverhaltens

      • Definition: Verhaltensstörung mit sich wiederholendem und andauerndem Muster dissozialen, aggressiven oder aufsässigen Verhaltens mit Missachtung altersgemässer Normen, Regeln und/oder Rechte anderer.
      • Häufigkeit des gemeinsamen Auftretens mit einer ADHS: kommt oft vor. Meistens bestehen zusätzlich erschwerende psychosoziale Begleitprobleme.
      • Differenzialdiagnostische Relevanz: geringes Verwechslungsrisiko mit einer ADHS.
      • Therapie: in der Regel sind stationäre Massnahmen mit milieu- und verhaltenstherapeutischen Behandlungen nötig (Platzierung in sozialtherapeutischen Einrichtungen).
      • Bemerkung: Vor allem unter straffälligen Jugendlichen, welche bereits mit der Jugendanwaltschaft zu tun hatten, ist diese Komorbidität auffallend häufig vertreten. Dabei wird die ADHS oftmals übersehen. Häufig kombiniert mit Suchterkrankungen.
      • Prognose: oftmals Rückschläge und langwieriger Verlauf (vor allem, wenn die ADHS nicht erkannt und nicht behandelt wird).

Buchtipp: Störung des Sozialverhaltens bei Jugendlichen: Die Multisystemische Therapie in der Praxis

Suchtstörungen

      • Definition: schädlicher Konsum oder Abhängigkeit von substanz- und nicht substanzgebundenen Süchten (wie zum Beispiel Tabak, Alkohol, Cannabis, Kokain, Internet und andere Bildschirmmedien).
      • Differenzialdiagnostische Relevanz: Symptome der Suchtstörungen können nicht mit einer ADHS verwechselt werden.
      • Häufigkeit des gemeinsamen Auftretens mit einer ADHS: Bei Jugendlichen, deren ADHS nicht rechtzeitig erkannt und behandelt wurde, besteht häufig eine Suchtstörung.
      • Therapie: Entzugsbehandlung, bei Bedarf auch bei Jugendlichen stationär (gilt auch bei Cannabisabhängigkeit). Tabakabhängigkeit: bei Nichtansprechen auf Verhaltenstherapie Hausärztin/Hausarzt konsultieren.
      • Bemerkung: unter Therapie mit Stimulanzien muss auf den Konsum von Cannabis und Alkohol verzichtet werden.
      • Prognose: unterschiedlich. Bei erfolgreicher ADHS-Therapie ist die Prognose gut.

BuchtippStark ohne Stoff: Alles, was du über Drogen wissen willst

Andere Komorbiditäten

Bei nicht rechtzeitig behandelten weiblichen Jugendlichen mit einer ADHS kommt es gehäuft zu Essstörungen, teilweise auch zu Selbstverletzungen und Verhaltensproblemen, welche einer Borderline-Störung ähnlich sein können. Ob begleitend zur ADHS auch Störungen aus dem autistischen Formenkreis vorliegen können oder ob sich diese beiden Störungsbilder gegenseitig ausschliessen, konnte bisher nicht abschliessend geklärt werden.

Schliesslich kann auch das Fragiles-X-Syndrom (oder Prämutationen) zu einem Störungsbild führen, welches einer ADHS zum Verwechseln ähnlich sein kann. Interessanterweise profitieren zahlreiche dieser Kinder gut von einer Therapie mit Stimulanzien.




Zusammenfassung

Therapierelevante Begleitstörungen (komorbide Störungen) sind bei der ADHS nicht die Ausnahme, sondern die Regel. Aus unserer Erfahrung setzt deren erfolgreiche Behandlung oftmals voraus, dass die therapeutischen Möglichkeiten der ADHS konsequent ausgeschöpft worden sind.

Um eine ganzheitliche Behandlung sicherzustellen, müssen bei Verdacht auf Vorliegen einer ADHS im Rahmen der Diagnostik immer auch allfällige Komorbiditäten erfasst werden. Damit wird verständlich, weshalb Abklärungen bei ADHS-Verdacht aufwändig sind und nur von psychologischen oder ärztlichen Fachpersonen durchgeführt werden können, welche über genügend Know-how in der Kinderpsychopathologie und der Entwicklungsneuropsychologie verfügen.


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Dieser Text ist urheberrechtlich geschützt.
Er wurde letztmals aktualisiert am 11.10.2017.
© Piero Rossi




Dumm, faul, unfähig? ADHS bei Jugendlichen, Frauen und Männern

 


Bin ich zu dumm? Oder einfach nur unfähig?
Warum Menschen mit ADHS tief sitzende Minderwertigkeitsgefühle haben. Und was man dagegen unternehmen kann. Über ADHS bei Erwachsenen (Frauen, Männer) und Jugendliche. Lesen Sie weiter!


 

Einleitung

Piero Rossi. Ergänztes Vortragsmanuskript (2002)

http://www.adhs.ch/ueber-mich/„Das ADHS-Kind wird erwachsen“. Je länger ich über diesen Titel nachgedacht habe, umso mehr fragte ich mich: Werden denn Kinder mit einer ADHS überhaupt jemals erwachsen? Klar, sie werden volljährig, bekommen einen Bart, versuchen, sich angemessen auszubilden, fahren Auto, bekommen Kinder, haben irgendwann graue Haare und werden vielleicht Grosseltern.

Aber: Werden diese Kinder aber auch seelisch erwachsen? Werden sie wirklich beziehungsfähig? Können betroffene Frauen und Männer sich beruflich ihren Begabungen und Interessen entsprechend entwickeln? Können sich ihr Selbstbewusstsein, ihre Selbsteinschätzung, ihre Selbstbeherrschung und ihre Selbststeuerung tatsächlich zu einem persönlich befriedigenden Lebensvollzug und zu reifem Denken und Handeln entwickeln?

Und vor allem: Wie kann man dazu beitragen, dass Kinder mit einer ADHS zu gesunden und glücklichen Frauen und Männern heranwachsen? Je länger ich über diese Fragen nachdachte, umso unwohler wurde mir vor allem beim Gedanken, wie lange ich wohl diesmal an dem Vortragsmanuskript sitzen würde.

ADHS bei Männern

Zuerst zu den Männern: Das nicht aus Unhöflichkeit heraus, sondern weil die ADHS bei Männern häufiger vorkommt als bei Frauen (3:1). Um nicht missverstanden zu werden, will ich betonen, dass die folgenden Beispiele dem entsprechen, was ich persönlich in meiner Arbeit als Psychotherapeut erfahre. Es gibt immer mehr Männer, Väter und Ehepartner, welche gelernt haben, mit ihrer ADHS positiv umzugehen. Das gilt im Speziellen für diejenigen Knaben und jungen Männer, deren ADHS behandelt wurde oder wird.

Trotzdem: Wenn ich höre, was mir Ehefrauen und Kinder mit einer ADHS in der Abklärung so alles über ihre ADHS-betroffenen Männer und Väter erzählen, aber auch, was diese selber mir während ihrer Untersuchung berichten, dann frage ich mich manchmal schon, wie es mit dem Erwachsenwerden der ADHS-Männer so steht.

Ich höre von diesen Männern,

  • dass sie immer auf dem Sprung sind, ständig Neues anzetteln und am liebsten drei Mal im Jahr ein neues Auto oder eine neue Kamera kaufen würden, weil ihnen das Alte schnell langweilig wird und sie immer etwas Neues haben müssen
  • dass sie generell an neuen Dingen wie Hobbys, Sport- oder Computerartikeln meist nur kurz Interesse haben, häufig Nachschub brauchen und sich fast süchtig immer wieder neuen Sachen zuwenden
  • dass sie gleichzeitig mehr Projekte am Laufen haben, als sie vertragen können und vieles anfangen – und ebenso vieles nicht zu Ende bringen
  • dass sie es im Beruf viel weiter bringen müssten, aber aus Langeweile, wegen Flüchtigkeitsfehlern oder aus Ärger mit dem Chef zu schnell und zu häufig die Stellen wechselten
  • dass sie immer wieder daran erinnert werden müssen, dass die Wohnzimmerlampe endlich höher gehängt werden und das Rasenmähermesser endlich geschliffen werden muss
  • dass das Finanzamt wegen der fehlenden Steuererklärung schon wieder nachfragte und die Männer diese und viele andere Aufgaben vor sich herschieben mit der Begründung, dass jetzt gerade Wichtigeres zu tun sei
  • dass sie impulsiv sind und vor allem auch bei Kleinigkeiten schnell in Wut geraten
  • dass sie dauernd mit den Fingern trommeln oder im Sitzen mit den Füssen wippen und eigentlich fast immer unruhig sind
  • dass sie Fingernägel kauen und ständig an den Barthaaren zupfen
  • einfach nicht wirklich geniessen können und Mühe haben, sich zu entspannen
  • dass sie immer wieder Bussen wegen Geschwindigkeitsübertretungen einfahren oder einen Strafzettel heimbringen, weil sie beim Parkplatzsuchen wie immer keine Geduld hatten und die nächstbeste Lücke besetzten




  • dass sie es immer eilig haben und im Stress sind, häufig zu spät aus dem Haus gehen, zu spät ankommen und überhaupt ein sehr schlechtes Zeitgefühl haben
  • dass sie gesellschaftlichen und familiären Anlässen wenn immer möglich ausweichen, weil sie das „Blabla“ und den Smalltalk hassen und weil sie anderen nur dann zuhören können, wenn es wirklich interessant ist
  • oder sich in Gesellschaften gern produzieren, so dass es gar nicht mehr auffällt, dass sie anderen gar nicht in Ruhe zuhören können
  • dass sie beim gemeinsamen Frühstücken mit der Partnerin gleichzeitig Zeitung lesen, Radio hören, dazwischen dauernd kurz aufstehen, durch den Vorhang sehen und kommentieren, dass der Nachbar jetzt heimkommt und trotzdem steif und fest behaupten, sie würden ihnen wirklich zuhören
  • dass sie häufig auf Achse sind oder oftmals handeln, als wären sie wie getrieben
  • dass sie gerne das Risiko suchen und am „Adrenalin-Junkie-Syndrom“ leiden
  • dass sie häufig mit Antworten herausplatzen, bevor die Frage zu Ende gestellt ist oder in Gespräche anderer hineinplatzen oder andere häufig unterbrechen
  • Und: Ich höre über Männer, dass sie wie Kinder nicht warten können

Sie merken es schon: Viele Männer mit einer ADHS zeigen in ihrem Verhalten erstaunlich viele Ähnlichkeiten mit hyperaktiven Kinder mit einer ADHS. Ob sie also wirklich erwachsen werden? Können auch Erwachsene an einer ADHS leiden?

In meinen ersten Ausführungen sprach ich mit so einer Selbstverständlichkeit von erwachsenen ADHS-Betroffenen, dass Sie vielleicht erstaunt waren. Wenn Sie das stutzig machte, ist dies verständlich: Die Tatsache nämlich, dass sich die ADHS auch ins Erwachsenenalter fortsetzen kann, ist in Europa auch unter Fachpersonen noch nicht lange bekannt. So berichtete mir die Mutter nach der Abklärung ihrer 12-jährigen Tochter, sie sei schon vorher durch die Fragebögen und Bücher darauf gestossen, dass sie selbst vielleicht auch an einer ADHS leiden könnte.

Zu viele dieser Symptome kenne sie nämlich auch selbst und dies seit ihrer Kindheit. Sie habe dann ihren Arzt, bei welchem sie wegen chronischen Depressionen in Behandlung ist, darauf angesprochen. Dieser habe ihr gesagt, sie könne sich beruhigen: „Ein POS (Psycho-organisches Syndrom / ADHS) wächst sich mit der Pubertät aus.

Es kann nicht sein, dass Erwachsene POS haben.“ Ich höre das von meinen Patientinnen und Patienten immer wieder. Viele der Ratsuchenden, welche meine Praxis aufsuchen, haben eine Odyssee von Therapie zu Therapie hinter sich, bis sie endlich an eine auch mit der ADHS vertraute Fachperson geraten und sich verstanden und ernst genommen fühlen.




Häufigkeit und Verlauf

Eine Vielzahl von internationalen wissenschaftlichen Studien, die sich mit dem Verlauf und der Verbreitung der ADHS befassen, zeigen, dass bei der Hälfte der Kinder mit einer ADHS auch im Erwachsenenalter behandlungsbedürftige psychische Probleme, welche durch die ADHS-Grundproblematik aufrechterhalten werden, fortbestehen.

Rund 5 Prozent aller Kinder und circa 3 Prozent aller Erwachsenen sollen die diagnostischen Kriterien für die ADHS erfüllen. Die ADHS gilt weltweit als die häufigste kinderpsychiatrische Erkrankung. Selbst wenn nicht bei der Hälfte, sondern nur bei einem Drittel dieser Kinder die Störung im Erwachsenenalter fortbestehen sollte, so ist es naheliegend, dass die ADHS auch bei Erwachsenen sehr verbreitet sein muss. Im Hinblick auf die Geschlechterverteilung geht man heute davon aus, dass Frauen und Männer von der ADHS gleichhäufig betroffen sein können.

Modediagnose?

Leider muss ich immer wieder hören, dass das Thema ADHS bei Erwachsenen zum Teil auch von Fachpersonen nicht ernst genommen wird und auch mal als Modediagnose bezeichnet wird. Das Wissen, dass die ADHS auch im Erwachsenenalter fortbestehen kann, ist nämlich alles andere als neu: Bereits 1962 beschrieben Forscher, dass viele ehemals Hyperaktive als Erwachsene emotional impulsiv bleiben, eine niedrige Frustrationstoleranz haben und dazu neigen, in Wutanfällen, Panikattacken oder Befürchtungen zu entgleisen.

Anfang der 70er Jahre wandte sich Paul Wender, einer der bekanntesten ADHS-Forscher der USA, intensiv der Erforschung der ADHS bei Erwachsenen zu. Bereits Ende der 70er Jahre fanden bei Erwachsenen Therapieversuche mit Stimulanzien, den klassischen ADHS-Medikamenten, statt.

Sogar Sigmund Freud, der Begründer der Psychoanalyse, wusste um diese Problematik. Er analysierte bei Erwachsenen das Phänomen der Unaufmerksamkeit und Ablenkbarkeit und schrieb 1901 in seiner Schrift „Zur Psychopathologie des Alltagslebens“:

„Es gibt Menschen, die man als allgemein vergesslich bezeichnet und darum in ähnlicher Weise als entschuldigt gelten lässt wie etwa den Kurzsichtigen, wenn er auf der Strasse nicht grüsst. Diese Personen vergessen alle kleine Versprechungen, die sie gegeben, lassen alle Aufträge unausgeführt, die sie empfangen haben, erweisen sich also in kleinen Dingen als unverlässlich und erheben dabei die Forderung, dass man ihnen diese kleineren Verstösse nicht übel nehme, d.h. nicht durch ihren Charakter erklären, sondern auf organische Eigentümlichkeit zurückführen solle.“

In einem anderen Aufsatz schrieb Sigmund Freud:

„Ein bekanntes Beispiel solcher Zerstreutheit ist der Professor der fliegenden Blätter, der seinen Schirm stehen lässt und seinen Hut verwechselt, weil er an die Probleme denkt, die er in seinem nächsten Buch behandeln wird.“

Es ist schon erstaunlich, wie Sigmund Freud vor über 100 Jahren in fast hellseherischer Manier moderne wissenschaftliche Erkenntnisse vorwegnahm und indem er schrieb, dass „… Abänderungen der Blutversorgung im nervösen Zentralorgan…“ eine der Ursachen von Aufmerksamkeitsstörungen sein könnte.




Damit formulierte er vorausschauend die heutige, von den meisten Wissenschaftler/-innen anerkannte Erkenntnis, dass mit überwiegender Wahrscheinlichkeit eine genetisch bedingte reduzierte neuronale Aktivität im Stirnhirnbereich – und eben nicht Charakter- oder Erziehungsprobleme – die primäre Ursache der ADHS darstellen.

Die mehreren Hundert englischsprachigen wissenschaftlichen Publikationen zur ADHS bei Jugendlichen und Erwachsenen, wahrscheinlich handelt es sich sogar um eine vierstellige Zahl, hat man in Europa lange nicht zur Kenntnis genommen.

1998 erschien erstmalig in deutscher Sprache eine Übersetzung des Buches „Zwanghaft zerstreut“ von Edward Hallowell. Er beschreibt darin Frauen und Männer mit ADHS. Und im gleichen Jahr erschienen in deutschsprachigen Fachzeitschriften die ersten Fachartikel zur ADHS bei Erwachsenen.

Der unaufmerksame Typus der ADHS

In Europa hat man aber lange nicht nur verkannt, dass ADHS auch bei Frauen und Männern vorkommen kann. Man hat auch nahezu komplett ignoriert, dass es neben dem hyperaktiven Typus auch einen stillen, verträumten und unaufmerksamen Typus der ADHS gibt. Also die ADHS ohne „H“. Wir alle kennen den Störenfried und den Zappelphilipp – eben das so genannt typische ADHS-Kind mit hyperkinetischen Verhaltensauffälligkeiten. Der „Hans-Guck-in-die-Luft“, wie ihn der Arzt Philipp Hofmann in seinem Kinderbuch „Der Struwwelpeter“ bereits 1845 beschrieb, also das verträumte, zerstreute, unaufmerksame, vergessliche und langsame Kind, fand in Europa bisher kaum Beachtung. Vor allem bei Mädchen und Frauen kommt der ADHS vom unaufmerksamen Typus eine grosse Bedeutung zu.

 

Verhängnisvoll ist dieses Ausklammern des unaufmerksamen Typus der ADHS auch deswegen, weil unter den Betroffenen viele Mädchen sind. Mädchen und Frauen werden nicht nur im Bildungs- und Erwerbsleben benachteiligt, sondern auch in der Forschung: Viele der Studien über die ADHS wurden und werden ausschliesslich mit Knaben, Jungs oder Männer durchgeführt. Man hat Mädchen, Frauen und den unaufmerksamen Typus der ADHS lange vernachlässigt.

Eine Studie der Universität Zürich über die Tauglichkeit eines computergestützten Aufmerksamkeits-Tests bei Kindern mit einer ADHS, welche Ende 2000 veröffentlicht worden ist, wurde ausschliesslich mit Knaben durchgeführt. Mich persönlich wundert es angesichts dieser Selektionskriterien nicht, wenn auch heute noch hartnäckig daran festgehalten wird, dass die ADHS bei Knaben sehr viel häufiger vorkomme, als bei Mädchen.

 

Feldforschungen führten dazu, dass die Amerikanische Psychiatrische Gesellschaft (APA) 1980 in der dritten Version der DSM (Diagnostisches Manual und Klassifikationssystem psychischer Störungen) die Bezeichnung „Hyperkinetische Störung“ durch „ADD“ (Attention Deficit Disorder) ersetzte. Damit trugen sie den Forschungsresultaten Rechnung und setzten Probleme mit der Konzentration und Aufmerksamkeit in den Mittelpunkt dieses Störungsbildes. Ab 1980 war es also offiziell möglich, eine ADHS ohne Zeichen der Hyperaktivität oder Impulsivität zu diagnostizieren und zu behandeln. Da Mädchen beziehungsweise Frauen häufiger an der stillen Form der ADHS leiden, fielen sie lange aus dem Diagnose- und Begriffsraster.

Die heute noch gültige Version der DSM-IV von 1994 erlaubt die Diagnose von drei Typen der ADHS: nämlich den vorwiegend unaufmerksamen Typus, den vorwiegend hyperaktiven Typus und den Mischtypus. Epidemiologische Studien, welche in den USA zwischen 1995 und 1997 durchgeführt wurden, zeigten, dass die ADHS ohne Hyperaktivität kein Phantom ist, sondern quasi doppelt so häufig vorkommt, wie der meistens alleine anerkannte hyperaktive und primär männliche Typus der ADHS.

Die Auftretenshäufigkeit des unaufmerksamen Typus der ADHS beträgt zwischen 4.5 und 9 Prozent. Der kombinierte Typus hingegen liess sich bei 1.9 bis 4.8 Prozent der Bevölkerung feststellen und der hyperaktive Typus bei 1.7 bis 3.9 Prozent.




Bevor ich mit weiteren Beispielen aus meiner Praxis und Informationen zur ADHS bei Jugendlichen und Erwachsenen (Frauen und Männer) alter fortfahre, will ich jetzt einen kurzen Kameraschwenk vornehmen zu den Ursachen der ADHS.

ADHS als Schwäche der Hemmfunktionen

Aus der Vielfalt von alltäglichen Verhaltensweisen oder Erleben eines Menschen mit einer ADHS sieht man ja nicht das ADHS selbst, sondern die für einen selbst oder für andere oft schmerzhaften Folgen und Auswirkungen dieses Syndroms: Eine ADHS kann tausend Gesichter haben. Um diese unendlich vielen ADHS-typischen Verhaltensweisen oder Empfindungen wirklich verstehen und diagnostisch korrekt einordnen zu können, braucht es ein Grundwissen über das Wesen der ADHS.

Gemäss dem aktuellen Stand der Erforschung dieses Syndroms besteht das Kernmerkmal der ADHS in einer neurochemisch bedingten Schwäche relevanter Hirnfunktionen. Folgen sind Zerstreutheit, Ablenkbarkeit, Vergesslichkeit und bei einigen Betroffenen auch Impulsivität und hyperaktives Verhalten.

Man weiss heute, dass bei der ADHS bestimmte Nervenzellen untereinander nicht genügend aktiv kommunizieren, und zwar in genau denjenigen Hirnregionen, welche im Normalfall sehr flexibel die von aussen auf uns eintreffenden Reize filtern, dann sortieren und schliesslich für eine angemessene Verarbeitung und Reaktion auf diese Reize sorgen.

Gleichzeitig können bei einer ADHS innere Impulse nicht genügend reguliert, abgefedert und abgebremst werden. Es kann sich dabei um Verhaltensimpulse handeln, denen man nicht widerstehen kann oder die sich einfach automatisch ereignen. Beispiele dafür sind Bewegungsimpulse, Sprechimpulse oder ein Kaufimpuls.

Eine reduzierte Impulskontrolle kann zudem leicht zu Unfällen oder zu Ärger mit Arbeitskolleginnen und -Kollegen führen. Nicht genügend gefiltert und abgebremst werden aber auch impulsive Gedanken, innere oder äussere Stimmungen, Gefühle, Geräusche, Gerüche oder auch alles zusammen.

Es ist die fehlende Steuerung beziehungsweise die mangelhaft funktionierende Kontrolle über die Reaktionen auf die hereinbrechenden Stimuli, welche zu den ADHS-typischen und zentralen Kernproblemen mit der Selbstbeherrschung führt – mit all ihren bekannten und meist leidvollen Folgen in der Familie, in der Schule, in Beziehungen und am Arbeitsplatz. Bei der ADHS sind also die Hirnregionen, welche die innere Bremse und den Reizfilterschutz regulieren, zu wenig aktiv. Sie sind damit also nicht etwa defekt: Wer an einer ADHS leidet, hat keinen „Hirnschaden“, denn sonst könnte man sich auch bei spannenden oder interessanten Tätigkeiten nicht konzentrieren.




Um von einer ADHS zu reden, muss die innere Bremse seit Kindheit so störend unregelmässig funktionieren, dass die Betroffenen dadurch massgeblich behindert werden, ihre Persönlichkeit, ihr Potenzial und ihre Begabungen zu entwickeln und in der Folge darunter auch leiden.

Das Brems- und Filtersystem im Gehirn von ADHS-Betroffenen funktioniert leider nur dann gut, wenn diese Hirnregionen zusätzlich von aussen oder von innen angeregt und stimuliert werden: Dann erst normalisiert sich der Hirnstoffwechsel und dann erst vermag man sich gut zu konzentrieren, ist nicht von jeder Fliege abgelenkt und kann eine Sache durchziehen.

Frauen und Männer, Kinder und Jugendliche mit einer ADHS brauchen sehr viel Stimulation, um normal zu funktionieren. Sobald es monoton, reizarm, langweilig und uninteressant wird, versagen das Reizfiltersystem und die innere Bremse: Man wird gereizt, kann sich nicht mehr konzentrieren, Impulse brechen durch, man handelt, ohne zu denken, oder wird depressiv, oder träumt vor sich hin, oder sieht zum Fenster hinaus oder versucht, sich durch stimulierende innere Bilder, Fantasien oder Selbstgespräche Anregung zu verschaffen.

Die Schwäche der Reizverarbeitung und der Impulskontrolle erklären auch, warum viele Kinder mit einer ADHS liebend gerne Musik hören zum Aufgabenmachen oder zum Einschlafen. Geräusche aktivieren, stimulieren und normalisieren ihren Reizfilter und die innere Bremse: Die betroffenen Kinder werden ruhiger, selbstbeherrschter und konzentrierter. Meistens ernten diese Kinder aber nur Unverständnis, wenn sie darauf bestehen, dass sie sich mit Musik besser konzentrieren oder im Bett besser abschalten können und – meistens zusätzlich noch mit etwas Licht – sich auf den Schlaf konzentrieren können.

Die Reizoffenheit und die mangelnde Impulskontrolle erklären auch, warum zum Beispiel im Alltag schon kleinste Geräusche eine Orientierungsreaktion auslösen können und – um ein Beispiel zu nennen – die Aufmerksamkeit reflexartig von der Lehrerin auf einen herabfallenden Kugelschreiber umgelenkt wird. Die Reizoffenheit erklärt auch, wieso ADHS-Betroffene manchmal so ausgeprägt sensibel sind, dass sie zum Selbstschutz psychisch „dicht“ machen müssen, um nicht unterzugehen.

Und sie erklärt, wieso sie durch Aussenstimmungen so leicht negativ, aber auch positiv, beeinflussbar sind. ADHS-Betroffene regen sich auf und lassen sich irritieren und werden in Gedanken gefangen genommen von Kleinigkeiten oder Details, welche von anderen kaum wahrgenommen werden.




Wenn in der Alltagsroutine der innere Filter und die innere Bremse nicht richtig funktionieren und man viel leichter als andere Menschen schutzlos inneren und äusseren Reizen ausgeliefert ist und seine Reaktionen nicht genügend kontrollieren kann (und das ist der Kern der ADHS-Problematik), hat das Folgen für die ganze Entwicklung und den Lebensvollzug eines Menschen. Der Grund ist, dass die bei der ADHS angeborene Schwäche dieser Basisfunktionen auch die Entwicklung von anderen geistigen Funktionen in Mitleidenschaft ziehen kann.

Störungen des Arbeitsgedächtnisses

Der Arzt Russell Barkley, einer der führenden ADHS-Forscher in den USA, beschreibt eine ganze Reihe von kognitiven Grundfunktionen, welche sich bei Vorliegen einer ADHS nicht altersentsprechend entwickeln können: Dazu gehört vor allem das Arbeitsgedächtnis. Vereinfachend formuliert, funktioniert das Arbeitsgedächtnis wie eine Sortierstation. Dort werden in einem aktiven Prozess die eintreffenden Informationen entweder kurz zwischengelagert, bearbeitet oder im Langzeitgedächtnis abgelegt.

Das Arbeitsgedächtnis von ADHS-Betroffenen hat im Alltag und in Routinesituationen Kapazitätsprobleme. Die Sortierstation kann dann nicht so viel wie eigentlich erforderlich verarbeiten. Menschen mit einer ADHS geraten leicht in Stress, wenn zu viel auf sie einströmt oder wenn sie schnell Informationen aus dem Langzeitgedächtnis abrufen müssen. Sie müssen sich viel mehr anstrengen beim Lernen oder können nicht gleichzeitig dem Lehrer zuhören und sich les- und brauchbare Notizen machen. Ihre selektive Aufmerksamkeit leidet massgeblich. Das Arbeitsgedächtnis funktioniert erst dann normal, wenn man sich in einer interessanten oder stimulierenden Situation befindet. Dies erklärt, wieso die Leistungen von ADHS-Betroffenen in der Schule, aber oft auch im Berufsleben, so sehr schwanken.

Warum das so ist, darüber gibt es mehrere Theorien. Wahrscheinlich strömen infolge der problematischen Filterung und der reduzierten Hemmung von Reizen zu viele unwichtige Informationen ins Arbeitsgedächtnis. Störungen in der Entwicklung des nonverbalen Arbeitsgedächtnisses haben zur Konsequenz, dass man unter anderem ein vermindertes Zeitgefühl hat.

Die Fähigkeit, Ereignisse im Gedächtnis zu behalten und Entscheidungen und Handlungen in der Gegenwart durch zeitliche Rückschau und Voraussicht – also überlegt und bedacht – zu vollziehen, an dieser Fähigkeit fehlt es vielen ADHS-Betroffenen: Sie handeln unüberlegt, kommen zu spät, trödeln oder hetzen und stressen andere, weil sie so im Moment leben und immer sehr auf den Augenblick fixiert sind und Sachen sofort haben und Dinge direkt sagen müssen (sie vergessen sie sonst). Russel Barkley sagt, Menschen mit ADHS sind zeitblind.

 

Russell Barkley sagt weiter, dass sich bei der ADHS auch das verbale Arbeitsgedächtnis nicht recht entwickelt. Folgen sind, dass sich ADHS-Menschen viel schlechter als andere via Selbstgespräche zu steuern vermögen.

Gemeint ist damit eine Störung in der Entwicklung der Internalisierung von an sich selbst gerichteter Rede. Beispiel: Jemand sagt zu sich: „Stopp, das reicht!“ oder „Warte noch etwas zu!“). Konsequenzen dieser Schwäche, das eigene Verhalten sprachlich zu regulieren, sind eine geringe Selbststeuerung und eine reduzierte Selbstkontrolle. Aber auch die Fähigkeit zur Selbstbefragung – und damit des sich Hinterfragens – entwickelt sich nicht richtig. Entweder man wird egozentrisch (und wirkt auf andere bisweilen narzisstisch) oder es entwickelt sich das Gegenteil: Man wird übermässig selbsthinterfragend und selbstkritisch.

Als weitere wichtige Grundfunktion, die sich bei der ADHS nicht altersgerecht entwickelt, nennt Russel Barkley die mangelnde affektive Impulskontrolle: ADHS-Betroffene bleiben oft lebenslang emotional abhängig von und beeinflussbar durch äussere Stimmungen. Sie fühlen sich emotional, oft aber auch in ihrem ganzen Lebensvollzug wie fremdbestimmt.




ADHS bei Frauen

Damit haben wir genügend theoretische Bausteine, um uns wieder den Alltagserfahrung von erwachsenen ADHS-Betroffenen zuzuwenden, diesmal den Frauen: In meiner täglichen Arbeit höre ich von jungen und reiferen Frauen mit einer ADHS,

  • dass sie sich häufig selbst nicht im Griff haben (zum Beispiel beim Reden, beim Essen, beim Geld ausgeben, beim Nägelkauen, beim Nachdenken oder einer anderen Tätigkeit)
  • dass sie beim Lesen oft neu anfangen, da sie mit offenen Augen träumen, viel zu leicht den Faden verlieren oder einfach abdriften
  • dass sie auffallend häufig beim „Halbzuhören“ – also quasi nebenbei – besser aufnahmefähig sind und mehr mitbekommen, als wenn sie sich einer Sache direkt zuwenden
  • dass sie zu häufig unpassende Sachen gerade heraus sagen, obwohl sie nicht passen, es selbst aber erst nachher merken und sich dann schämen oder ärgern, weil sie einmal mehr ihrer Voreiligkeit wegen etwas vermasselt haben (zum Beispiel aus der Wut heraus und unüberlegt den Job hinschmeissen)
  • dass sie sich nur dann wirklich entspannen können, wenn sie sich auf etwas konzentrieren können
  • dass sich ihr Leben innerlich oder äusserlich in Extremen abspielt, was sich bei einigen auch in grossen Gewichtsschwankungen niederschlägt
  • dass es ihnen schwer fällt, sich auf den Schlaf zu konzentrieren und dass sie speziell starke Schlaftabletten benötigen, da sie mit normalen Schlafmitteln noch unruhiger werden
  • dass sie chronisch mit einem inneren Chaos kämpfen und dauernd das Gefühl in sich tragen, nichts so richtig auf die Reihe zu kriegen
  • dass sie sich von eigentlich machbaren Dingen chronisch und übermässig schnell überfordert und gestresst fühlen
  • dass sie in der Hausarbeit dazu neigen, schnell den Überblick zu verlieren, sich verzetteln und dadurch in Druck und Stress geraten
  • dass sie immer grosse Unordnung haben, sich schämen, andere einzuladen und darunter leiden




  • dass sie zusätzlich zu einer Putzfrau eine Aufräumfrau bräuchten, weil sie ver-räumen statt aufzuräumen und Ordnung halten ihr wirkliches Problem ist
  • dass sie sogar ausserstande sind, selbst aufgestellte Regeln einzuhalten, und sich somit auch in der Erziehung der Kinder viel zu inkonsequent verhalten
  • dass sie übersensibel sind bei Berührungen, Geräuschen, Gerüchen, Licht oder bei Stoffen und Kleideretiketten
  • dass sie es beim Kochen nur mit grosser Mühe schaffen, dass alles gleichzeitig gar und bereit ist (oder deswegen gar nicht mehr kochen)
  • dass sie Mühe haben mit dem Einmaleins, sich deswegen dumm vorkommen, bei komplizierten Dingen aber sehr logisch denken können
  • dass sie jahrelang an ausgeprägten und unerklärlichen Stimmungsschwankungen leiden und die Gefühle wie in einem Lift hoch und runter gehen
  • dass sie sich entweder gar nicht entscheiden können oder dann zu Spontan- oder Blitzentscheidungen neigen
  • dass sie sich alles aufschreiben müssen, eine ewige Zettelwirtschaft haben und teilweise auch die eigenen Notizzettel nicht mehr finden
  • dass sie schon am Morgen trotz ausreichend Schlaf einfach nicht recht wach werden und lange haben, bis sie in Fahrt kommen
  • dass sie so zerstreut sind, dass sie in Geldautomaten schon mehrfach die Bank- oder Kreditkarte haben stecken lassen und mit Sorgen daran dachten, es könnte sich um Anzeichen der Alzheimer-Krankheit handeln
  • dass sie genau wissen, was sie vor oder zu tun haben, aber irgendwie den Startknopf nicht finden.
  • dass sie Depressionen haben oder an Ängsten leiden, welche trotz Psychotherapie und Antidepressiva nicht wirklich besser werden
  • dass sie vor oder während der Periode oder zu Beginn der Abänderung an starken Beschwerden leiden

Bei den einleitenden Beispielen von hyperaktiven ADHS-Männern sagte ich, dass ich gelegentlich zweifle, ob sie wirklich erwachsen werden. Bei Frauen mit ADHS kenne ich diesen Zweifel nicht: Ich bin immer wieder tief bewegt, wenn ich in der Sprechstunde und in persönlichen, schriftlichen Lebensberichten vernehme, was erwachsene ADHS-Frauen alles erleben und durchmachen mussten – und dann feststelle, wie gesund sie trotzdem noch sind.

Frauen mit einer ADHS sind meines Erachtens echte „Stehauffrauchen“ und ich staune immer wieder, wie gut und schnell sie sich immer wieder raufrappeln können, wie geschickt und originell sie in verzwicktesten Lebenslagen improvisieren können, wie schnell sie sich und anderen verzeihen können und wie dankbar, eifrig und konsequent sie in ihrer Emanzipation und Persönlichkeitsentwicklung sein können, wenn ihnen angemessene Hilfe zuteil kommt.

Vor allem was ADHS-betroffene Mütter zu leisten und zu ertragen vermögen, zeugt unmissverständlich davon, dass sich ADHS plus Verantwortung plus Einsatz plus Kraft nicht ausschliessen müssen: Meistens kämpfen diese Familienfrauen erstens mit den Folgen der eigenen ADHS und zweitens meist mutterseelenallein – weil der Vater keine Zeit hat – für ihre schwierigen Kinder mit einer ADHS:

Sie müssen bei der Lehrerin, dem Lehrer oder den Behörden um Verständnis ringen, dass ihr Kind bei Prüfungen halt mehr Zeit als andere benötigt und sich dann, die Zähne zusammenbeissend, anhören, dass man in der Schule schliesslich alle Kinder gleich behandeln müsse und man daher keine Sonderzüge fahren könne.

Gestern erzählte mir eine selbst von ADHS betroffene Mutter, der Schulpsychologe habe sie kürzlich gefragt, ob es denn nicht reiche, dass sie Symptombekämpfung betreibe und das Kind mit Medikamenten ruhigstelle? Vom gleichen Psychologen hörte sie zwei Woche vorher, ihr Kind habe Verhaltens- oder Lernprobleme, weil sie selbst zu wenig konsequent in der Erziehung sei und weil sie die Eheprobleme nicht anpacke. Chancenlos habe sie versucht, dem Schulpsychologen zu erklären, dass die Legasthenie-Therapie auch nach anderthalb Jahren noch nichts nütze.

Viele dieser ADHS-Familienfrauen kämpfen nicht nur mit ihrer chronischen Neigung, sich in der Haushaltsführung zu verzetteln, mit ihrer ständigen Müdigkeit, der Vergesslichkeit, oft starken Menstruationsbeschwerden, den Schuldgefühlen, weil die Kinder bei anderen ständig Probleme machen oder weil sie selbst gelegentlich aus lauter Überforderung und Verzweiflung die eigenen Kinder schütteln und schlagen.

Da warten neben einem Wäscheberg ein voller Staubsaugersack, leere Flaschen, zu schnürendes Altpapier, ein ungemisteter Meerschweinchenstall, ungemähter Rasen, unerledigte Post, ein immer noch anstehendes Entschuldigungs-Telefonat mit Frau B., weil der Sohn wieder dies oder jenes anstellte, ein neuer Termin mit dem Schulpsychologen und schliesslich ein immer wieder hinausgeschobener Besuch bei der Dentalhygienikerin.




Bevor wir zu den Jugendlichen kommen, will ich Ihre Aufmerksamkeit noch kurz auf eine Zusammenstellung von Paul Wender, einem sehr bekannten und inzwischen betagten amerikanischen ADHS-Forscher lenken. Er hat in den Siebziger Jahren die so genannten UTAH-Kriterien der ADHS erarbeitet. Diese beschreiben typische ADHS-Symptome bei Erwachsenen. Wie Sie sehen werden, unterscheiden sich diese gar nicht so sehr von den Auffälligkeiten bei Kindern:

Aufmerksamkeitsstörungen

Paul Wender zählt auf: Unvermögen uninteressanten Gesprächen zu folgen; erhöhte Ablenkbarkeit; andere Reize können schlecht herausgefiltert werden; Vergesslichkeit; häufiges Verlieren von Gegenständen; Schwierigkeiten sich auf schriftliche Dinge zu konzentrieren usw. Der derzeit verwendete Begriff „Aufmerksamkeits-Defizit“ ist eigentlich eine unzutreffende, zumindest jedoch missverständliche Bezeichnung. Vielmehr sind die Betroffenen zumeist nicht unaufmerksam, sondern folgen vielmehr unfreiwillig mehreren (inneren oder äusseren) Wahrnehmungen und Gedanken gleichzeitig. Ausser bei spannenden, interessanten und somit stimulierenden Tätigkeiten haben ADHS-Betroffene Probleme beim Fokussieren (also beim zielgerichteten Lenken der Aufmerksamkeit), beim Selektieren (also beim Filtern von irrelevanten Reizen) und beim Aufrechterhalten von Ausdauer.

Paul Wender: Aufmerksamkeits- und Aktivitätsstörungen bei Kindern, Jugendlichen und Erwachsenen

Motorische Hyperaktivität

Paul Wender zählt dazu: Innere Unruhe; Nervosität; Unfähigkeit sich zu entspannen; Unfähigkeit, lange sitzende Tätigkeit durchzuhalten; stets auf dem Sprung sein; Stimmungsabfall bei Inaktivität.

Affektlabilität

Gemeint ist eine instabile und unsichere Stimmung. Es besteht ein Wechsel zwischen normaler, leicht gedämpfter und leicht erregter Stimmung. Die niedergeschlagene Stimmung wird häufig als Langeweile oder Unzufriedenheit beschrieben. Die Stimmungswechsel dauern nur Stunden und selten mehr als ein, zwei Tage an. Gute Erlebnisse führen schnell zur Normalisierung der Stimmung, die Schwankungen sind also reaktiver Art.

Desorganisiertes Verhalten

Aktivitäten werden nicht angemessen geplant und organisiert. Aufgaben werden nicht zu Ende gebracht, die Patienten wechseln sprunghaft von einer Aufgabe zur Nächsten oder sie bleiben an einer Detailaufgabe kleben. Sie haben Mühe, Probleme systematisch anzugehen und sind oft unfähig, Zeitpläne und Termine einzuhalten. Vieles läuft entweder nicht oder nur hektisch ab sowie auf den letzten Drücker. ADHS-Betroffene leben nur im Hier und Jetzt. Für sie heisst später meist nie. Sie sind Spezialisten im Auf-die-lange-Bank-schieben.

Affektkontrolle

Patientinnen und Patienten sowie ihre Partner/-innen berichten von anhaltender Reizbarkeit und Wutausbrüchen, die aber nur von kurzer Dauer sind. Typisch ist eine erhöhte Reizbarkeit im Strassenverkehr. Das schlechte Funktionieren der inneren Gefühlsbremse wirkt sich nachteilig in zwischenmenschlichen Kontakten aus. Menschen mit ADHS sind grundsätzlich sehr viel emotionaler als andere Menschen, empfinden Gefühle ungebremster und sind empfindlicher für Veränderungen.

Impulsivität

Einfache Formen sind das dauernde Dazwischenreden, oder Sprechdurchfall, Ungeduld, impulsive Einkäufe, spontane und unreflektierte Entschlüsse, Handeln und erst dann Denken. Auch verbale Entgleisungen, zynische Bemerkungen und Provokationen können dazu gehören. Impulse können nicht unterdrückt werden. Oft schämen sich ADHS-betroffene Frauen und Männer, dass sie ins Fettnäpfchen treten.

Emotionale Reizbarkeit

ADHS-Betroffene können nicht angemessen mit alltäglichen Stressoren umgehen. Sie reagieren überschiessend und sind dann unangemessen niedergeschlagen, verunsichert, ängstlich oder ärgerlich. Sie beschrieben sich selbst als leicht und häufig gestresst. Sie sind auch empfindlicher für Veränderungen, etwa bei Verlust einer Bezugsperson, eines geliebten Tieres oder bei Wohnortswechsel. Ihre Reizoffenheit macht sie verletzbar.




ADHS bei Jugendlichen

Nun zu den Jugendlichen: Wenn bei ihnen die ADHS nicht erkannt, gar nicht oder nicht richtig behandelt wird, stehen sie in der Pubertät vor sehr kritischen Hürden: Auf der einen Seite haben diese Jugendlichen Mühe, sich selbst zu organisieren, sie können sich nicht an Vorsätze halten, können Lernvorhaben nicht umsetzen, sind chaotisch mit den Schulsachen und leben und lernen viel, viel ausgeprägter als andere Kindern nach dem Lustprinzip.

Auf der anderen Seite suchen sie die Freiheit, sich selbst und ihre Grenzen. Zwischen der Tatsache, dass ADHS-Jugendliche Struktur und Regeln brauchen, um nicht aus dem Ruder zu laufen, und ihrem legitimen Bedürfnis nach Autonomie entsteht ein echter Konflikt.

Bedingt durch ihre ADHS-Symptome haben alle un- oder falsch behandelten Kinder mit einer ADHS auch Probleme mit dem Lernen. Sie haben keine Geduld, können sich beim Lernen nicht lange hinsetzen, vermögen – wenn es für sie monoton wird – nicht lange zuzuhören, sind Minimalisten und in Sachen Schule immer mehr entmutigt.

Un- oder falsch behandelte Kinder mit einer ADHS und Jugendliche können also ihr geistiges Potential und ihre Begabungen nicht entfalten oder ausleben und haben nie den schulischen und später beruflichen Erfolg, der ihnen eigentlich zustehen würde. Schulischer Erfolg ist die wichtigste Quelle für die Seelennahrung eines Jugendlichen. Diese stimulierende Quelle können unbehandelte Kinder mit einer ADHS nicht anzapfen. Statt eine Lehre zu machen, absolvieren sie eine Anlehre, statt ins Gymnasium zu gehen, absolvieren sie eine Lehre.

Sie schaffen und lernen quasi immer unter ihrem Potenzial. Folge ist, dass sie nicht ausgelastet und unzufrieden sind oder dass es ihnen langweilig wird. ADHS-Jugendlichen ist definitiv nicht damit geholfen, wenn man sie unter ihrem Niveau einschult. Dazu kommt der Frust, die Verzweiflung und manchmal auch Schuldgefühle, weil man die Erwartungen der Eltern nicht erfüllen kann. Und das nicht, weil man nicht will, sondern weil man nicht kann.

Das kann dazu führen, dass Jugendliche sich anderen stimulierenden Dingen oder Tätigkeiten zuwenden. Irgendwie müssen sie sich ja selbst spüren und brauchen ein Feld, um sich selbst als autonome Person identifizieren zu können. Ganz besonders geeignet ist dazu leider alles Spezielle, Verbotene und Riskante:

Klauen, rauchen, kiffen, sich aus dem Zug lehnen, mit Unkrautvertilger Sprengkörper basteln, sich bei Facebook als Erwachsene ausgeben, Computer-Viren bauen, sich die Arme ritzen, „Pillen schmeissen“ oder Orte aufsuchen, von denen die Eltern ihnen sagten, sie sollen sie meiden.

Es ist fatal: Aber das mit Auflehnung, Trotz und Opposition verbundene Verhalten und Erleben kann ein unbehandeltes ADHS-Hirn gefährlich gut stimulieren. Und das ist verlockend. Dazu zählt auch das Flash, welches einige Mädchen oder junge Frauen mit einer ADHS erleben, wenn sie absichtlich hungern. Magersucht und ADHS gehen so häufig einher, dass Mädchen mit Anorexie heute unbedingt auch auf eine mögliche ADHS abgeklärt werden müssten.

Risiko Drogen

Unheilvoll ist, dass auch die pharmakologische Wirkung einiger Drogen gut geeignet ist, das bei ADHS-Betroffenen zu schwache Dopaminsystem zu aktivieren und damit das Minus an neuronaler Aktivität im Frontalhirnbereich auszugleichen. 1995 wurden Forschungsresultate veröffentlicht, die zeigten, dass unbehandelte Erwachsene mit ADHS ein mehrfach erhöhtes Risiko von Alkohol- und Drogenmissbrauch haben. Im gleichen Jahr wurde bekannt, dass Zigarettenrauchen bei jugendlichen und erwachsenen Patienten mit ADHS deutlich häufiger als bei Normalpersonen anzutreffen ist.

Vermutlich handelt es sich um eine Art Selbstmedikation. Von grossem Interesse sind in diesem Zusammenhang die Resultate einer 1997 durchgeführten klinischen Studie, wonach Nikotinpflaster bei Patienten mit ADHS deren Symptomatik eindeutig besserte. Länger schon ist aus amerikanischen Studien bekannt, dass – je nach Studie  – 50 Prozent der Drogensüchtigen an einer unerkannten oder unbehandelten ADHS leiden.




Dass mit einer rechtzeitigen und fachgerechten medikamentösen und psychologischen Therapie der ADHS dazu beigetragen werden kann schlimme Folgeerkrankungen – wie eben zum Beispiel Drogensucht – zu vermeiden, leuchtet allen spontan ein, die um die biochemischen Besonderheiten der ADHS wissen.

Joseph Biedermann, einer der führenden ADHS-Forscher aus Boston, hat in einer sehr bekannt gewordenen prospektiven Studie auch zeigen können, dass mit Stimulanzien behandelte ADHS-Jugendliche ein um 85 Prozent geringeres Risiko für Drogenmissbrauch zeigen als solche, die nicht behandelt wurden. Andere Risiken sind Frühschwangerschaften. Eine deutsche Studie von 2001 ermittelte bei Kindern mit einer ADHS unter 15 Jahren eine gegenüber gesunden Kindern neunfach erhöhte Verkehrsunfallgefahr.

Ausgehend von den sich 1997 in Deutschland ereigneten Verkehrsunfällen mit Jugendlichen unter 15 Jahren nimmt man an, dass 63 Prozent dieser Unfälle im Zusammenhang mit ADHS stehen. Forscher in Deutschland fordern dringend Präventivprogramme. Interessanterweise konnte bereits 1993 in einer amerikanischen Langzeitstudie gezeigt werden, dass medikamentös unbehandelte Kinder mit einer ADHS im Vergleich zu den Behandelten die höchste Unfallgefahr haben.

Rechtzeitig abklären

Um den beschrieben Risiken und den vielen anderen möglichen Komplikationen in der Pubertät von Jugendlichen mit einer ADHS vorbeugend entgegnen zu können, sollte frühzeitig eine fachgerechte Behandlung der ADHS erfolgen. Bei einer diagnostizierten Sehschwäche wartet man mit der Verordnung einer Brille schliesslich auch nicht so lange zu, bis es zu einem Unfall gekommen ist oder bis infolge von Schulversagen das Selbstwertgefühl des Kindes darnieder liegt.

Medikamente gegen die ADHS-Symptome dürfen in der Pubertät nicht automatisch abgesetzt werden. Manche benötigen auch als Erwachsene Stimulanzien, so wie andere Insulin brauchen um zu überleben.

Wenn Jugendliche reklamieren, die Tabletten würden sowieso nichts nützen und die Medikamenteneinnahme verweigern, darf man sich nicht auf einen Kampf einlassen: Oft haben diese Jugendlichen nämlich Recht. Bei rund 90 Prozent aller Kinder oder Jugendlichen, die mir vorgestellt werden, weil bei ihnen die Stimulanzien nicht wirken sollen, liegt der Grund darin, dass die Dosierung nicht stimmt. Meist ist die Dosierung zu niedrig oder man hat die kurze Wirkdauer nicht berücksichtigt. Wenn Stimulanzien richtig eingestellt sind, dann ist der Effekt auch für Jugendliche so eindeutig wie bei einer Brille. Und kein Teeny, der ohne Brille aufgeschmissen wäre, sucht sich die Brille als Objekt seines Trotzes.

Psychische Folgen der ADHS

In meiner Praxis werden vorwiegend Kinder, Jugendliche, Frauen und Männer mit Verdacht auf ADHS untersucht und behandelt. Ich durfte in meiner Untersuchungstätigkeit in den letzten Jahren sehr viele Frauen und Männer zwischen 18 und 63 kennen lernen, welche an einer ADHS leiden. Bei ihnen wurde die ADHS, wenn überhaupt, dann nur bis zur Pubertät behandelt. Und mit der Pubertät haben sich bei meinen Patientinnen und Patienten die ADHS-Symptome leider oftmals nicht ausgewachsen.




Sie haben sich im Gegenteil nachhaltig und behindernd auf ihren ganzen Lebensvollzug ausgewirkt. Viele dieser erwachsenen ADHS-betroffenen Frauen und Männer haben ein Leben lang gekämpft, nicht nur mit sich selbst, sondern vor allem mit ihrer Umwelt:

Viele sind gekennzeichnet von einem Schultrauma, einem Lerntrauma, einem Lehrertrauma, einem Geschwistertrauma, einem Familientrauma, einem Ausbildungstrauma, einem Arbeitsplatztrauma, Beziehungstrauma, einem Psychologentrauma, einem Kindertrauma, einem Ehemann- oder Ehefrautrauma usw.

Viele von ihnen hörten Dutzende und Aberdutzende von Malen, sie sollten sich mehr anstrengen, mehr Willen zeigen, sich endlich zusammenreissen, gefälligst innehalten und zuhören wenn man mit ihnen redet, und nicht immer zu spät kommen sowie angekündigte oder versprochene Dinge endlich einhalten. Mit einem Wort: Sie sollen das Gegenüber endlich, endlich einmal ernst nehmen. Oder sie sollen bitte, bitte aufhören, Zugesagtes vorsätzlich zu vergessen oder Sachen absichtlich fünfmal zu fragen, nur um andere zu provozieren.

Schon in der Schule bekundeten die meisten meiner erwachsenen Frauen und Männer mit ADHS  grosse Mühe, sich Dinge zu merken, der Lehrerin richtig zuzuhören, an einer angefangenen Sache in einem einigermassen vernünftigen Rahmen dranzubleiben und diese auch abzuschliessen. Der am Schulhaus mit dem Mofa vorbeifahrende Postbote, das eine etwas zu kurze Hosenbein des Lehrers oder das Zirpgeräusch beim Öffnen einer Tempo-Taschentuchpackung reichten, um die eigene Aufmerksamkeit vom gerade besprochenen Thema wegzulocken.

Lernen daheim war – wenn überhaupt Hausaufgaben erledigt wurden – ein ewiger Kampf: Und falls überhaupt für die Schule gelernt wurde, dann nur unter Überwachung der Mutter und in späteren Schuljahren entweder spät abends oder am Morgen im Zug, auf jeden Fall aber immer auf den letzten Drücker. Entweder man kapierte etwas sofort (es wurde quasi „abfotografiert“) oder man begriff es gar nicht oder dann nur mit unrealistisch hohem Aufwand. Aber selbst wenn zu Hause gelernt wurde: Viele meiner ADHS-Patienten berichteten mir von ihren leidhaften Erfahrungen, wenn mühsam erworbenes Wissen beim Aufgerufenwerden in der Klasse oder bei Prüfungen einfach nicht mehr aus dem Langzeitgedächtnis abzurufen war.

Dumm und faul

Die Folgen all dieser kleinen und grossen verletzenden Erlebnisse für alle ADHS-Betroffenen sind, dass sie rundherum in leibhaftigen und meist schmerzhaften Erfahrungen mehr oder weniger direkt gespiegelt bekommen haben, dass sie auf eine offenbar unangenehme Art anders sind als die andern, ohne aber selbst wirklich zu verstehen, wie und warum das so ist. Dann hören, spüren und schlussfolgern sie manchmal schon nach der zweiten Klasse, dass sie dumm sein müssen: Denn, wäre dem nicht so, müsste es ja besser gehen in der Schule, in der Ausbildung, in der Erziehung, bei der Organisation der Haushaltsführung oder im Berufsleben.

Wenn sie nämlich intelligent genug wären, dann könnten sie Dinge besser planen, würden nicht immer wieder unüberlegte Spontanhandlungen begehen, könnten sich Sachen besser merken, würden mehr denken, bevor sie den Mund aufmachen, wären disziplinierter und viel weniger chaotisch. Mit mehr Intelligenz würden sie sich auch weniger verzetteln oder nicht wie jetzt an unwichtigen Details hängen bleiben, würden die eigenen Kinder einigermassen normal erziehen können, auch einfache Dinge im Haushalt auf die Reihe kriegen und es auch im Beruf eindeutig weiter bringen.

Zudem bekommen ADHS-Betroffene durch ihre Erfahrungen mit dem Umwelt mehr oder weniger zurück gemeldet, dass sie faul sind: Menschen, die vieles vor sich herschieben, die schnell ins Trödeln und Träumen kommen, die morgens nicht recht wach werden, denen schnell alles zu viel wird, die sich zurückziehen und aus Überforderung heraus Arbeitspensum reduzieren müssen, welche die Schul-, Alltags- aber auch ihre Lebensaufgaben nicht zeitig anpacken, den Startknopf nie recht finden und eine lange Leitung haben und Menschen, die schon in der Schule den Ruf hatten, Minimalisten zu sein – ja, das sind dann eben die Faulen und im Grunde genommen unfähigen Menschen!




Schliesslich schlussfolgern ADHS-Betroffene durch ihre wiederholten Erfahrungen mit ihrer Umwelt, dass sie schlecht sind, denn sonst würden sie nicht immer wieder anecken, andere (weil sie sich einfach nicht genügend beherrschen können) verletzen und enttäuschen, sich in Auseinandersetzung verwickeln und Dinge sagen, die sie kurz danach wieder bereuen. Schlecht müssen sie wahrscheinlich auch deswegen sein, weil die andern ja im Grunde genommen Recht haben, wenn sie einem Unzuverlässigkeit, Unfähigkeit, Gereiztheit oder Unbeherrschtheit vorwerfen. Schliesslich ist ein guter Mensch pünktlich, erinnert sich an Verabredungen, erledigt Versprochenes termingerecht, packt an, verlegt und vergisst nicht dauernd Sachen, lässt sich nicht gleich provozieren, flippt nicht immer gleich aus, verfügt über ein Mindestmass an Geduld und kann sich vor allem beherrschen.

Gott hat mir schwarzes Blut gegeben

Ein elfjähriger ADHS-Bub sagte mir vor einiger Zeit: „Gott hat mir schwarzes Blut gegeben, sonst wäre ich nicht so böse.“ Ähnliches beichten mir Erwachsene von ihrer Kindheit – und zwar in einer Art und Betroffenheit, als wäre es gestern erst geschehen. All das kann nicht spurlos an der Seele eines Kindes, eines heranwachsenden oder eines erwachsenen Menschen vorbeigehen. Wie fühlt man sich mit „schwarzem Blut“? Und wer will schon die Erwartungen der Eltern oder des Partners enttäuschen? Wer will schon eigene Vorsätze nicht einhalten können? ADHS-Betroffene können das oft nicht und geraten in der Folge in eine Schuld sich selbst und anderen gegenüber.

Von meinen ADHS-Patientinnen und -Patienten weiss ich, dass sie sich auch als Erwachsene im Denken oder Handeln oftmals nicht rechtzeitig abbremsen können, sie sich nicht konzentrieren können, wenn etwas monoton und gleichförmig ist, sich nicht an eigene Vorsätze halten können, Prüfungen verpatzen, Dinge verhauen, Termine verlauern und die Lehrkräfte, die Eltern, die Vorgesetzten, ihre Freunde und ihre Ehepartner enttäuschen, welche – die positiven Möglichkeiten und das Potenzial durchaus richtig erkennend – eigentlich mehr von einem erwarten.

Weil Kinder, Frauen und Männer mit einer ADHS sich bei für sie interessanten Sachen gut zu konzentrieren vermögen, hören sie immer wieder: „Siehst du, wenn du willst, dann kannst du es auch. Also reiss dich gefälligst auch jetzt zusammen!“

Weil es bei Kindern und Erwachsenen mit ADHS aber nicht am fehlenden Willen, sondern am Nicht-Können liegt und weil das weder viele Lehrerinnen und Lehrer, noch die Psychologinnen und Psychologen, noch die Eltern, noch man selbst begreift, bleiben meistens nur Erklärungen übrig, welche tiefe Wunden in der Seele hinterlassen können: „Ich kann mich nicht beherrschen, kann Versprechen und eigene Vorsätze nicht einhalten, also bin ich schlecht.“




Da diese Menschen selbst – aber natürlich auch die Personen in ihrer Umgebung – keine Worte, keine Sprache und kein Erklärungsmuster haben, um das eigene Verhalten begreifen, verstehen und schliesslich auch verarbeiten zu können, ja was bleibt da? Es ist das „schwarze Blut“, die eigene Schlechtigkeit: Ja, da ist man wohl wirklich selber schuld.

Im Teufelskreis der ADHS-Probleme

Die Tatsache, dass die Aufnahme- und Selbststeuerungsfähigkeiten von ADHS-Betroffenen in reizarmen, monotonen oder langweiligen Alltags- und Routinesituationen aus hirnorganischen Gründen regelrecht einbrechen, bleibt – solange man die ADHS und ihre Ursachen nicht kennt – für alle Beteiligen unfassbar. In der Psychotherapie von Jugendlichen und Erwachsenen ist es deswegen zentral, dass die Patienten und Patientinnen verstehen lernen, wieso sie so sind, wie sie sind. Wissen und sich verstehen sind wichtige Voraussetzungen, um sich akzeptieren zu können.

Die ADHS-Kernmerkmale werden mit fortschreitendem Alter immer mehr von Lebenserfahrungen und sekundären psychischen Symptomen überlagert. Je älter ADHS-Betroffene werden, umso mehr leiden sie zusätzlich zu den ADHS-Grundproblemen an deren psychischen Folgen und psychosozialen Auswirkungen. Sie leiden also je länger umso mehr nicht nur an ihren aktuellen ADHS-Problemen, sondern auch an ihrer persönlichen Vergangenheit, die ihnen psychisch zu schaffen macht. So kommt es immer wieder vor, dass auf der Alltagsoberfläche nur noch Schulverweigerung, Trotzverhalten, Depressionen, Suchterkrankungen, Angststörungen oder psychosomatische Erkrankungen sichtbar sind.

Da die ADHS erwiesenermassen zu Depressionen, Suchterkrankungen, Angst- oder Zwangsstörungen führen kann, muss immer dann, wenn Patientinnen und Patienten mit diesen psychischen Erkrankungen auf herkömmliche Therapien nicht reagieren, auch an eine ADHS gedacht werden. Das gilt auch für delinquente Jugendliche. Mich wundert es bis heute, dass viele Jugendanwaltschaften das Wissen um die ADHS und ihre Folgen noch nicht aufgearbeitet haben, denn es gilt als sicher, dass unter minderjährigen Straftätern viele ADHS-Betroffene zu finden sind.

Schuldgefühle

Es ist nachvollziehbar, dass auch in wissenschaftlichen Studien gezeigt werden konnte, dass depressive Erkrankungen und Selbstzweifel mit zu den häufigsten Begleitstörungen der ADHS zählen. Schuldgefühle kennen wir schon bei diesen Kindern mit all ihren Folgen, welche sich schämen, wenn sie sich wieder nicht zusammenreissen konnten, wieder etwas umgestossen haben oder wieder eine schlechte Note nach Hause brachten.

Wie fühlt man sich, wenn man immer wieder beim plötzlichen Aufgerufenwerden in der Schule, bei einer Prüfung oder in einem Gespräch, wo schnelles Denken gefordert ist, etwas eben nicht schnell genug aus dem Langzeitgedächtnis abrufen kann? Wie fühlt man sich, wenn es stockt im Kopf? Und wenn es die andern merken, einen wartend ansehen und man – etwa im Schulunterricht – immer mehr Angst vor diesen Situationen bekommt? Nicht nur Depressionen und Selbstzweifel, nein, auch Prüfungsängste, Versagensängste, bei Erwachsenen Angststörungen generell gehören zu den häufigen Begleitstörungen der ADHS.

ADHS-betroffene Frauen und Männer leben manchmal zeitlebens in einem chronischen psychischen Zweifelzustand: Sie wissen nicht, wer und wie sie wirklich sind. Haben die andern mit ihren vernichtenden Vorwürfen vielleicht doch recht? Eine innere Stimme sagt: „Ja, du bist im Grunde schlecht, faul und unfähig und alles ist nur Bluff.“ Eine andere innere Stimme sagt: „Nein, das ist nicht logisch, das kann nicht sein“. Später, ab der Pubertät und im Erwachsenenalter, ist es dann eine innere Stimme, die einem ständig sagt: „Zusammenreissen, zusammenreissen!“ oder „Mach endlich!“ oder „Du solltest doch schon lange…!“

ADHS-Betroffenen fehlt so etwas wie ein in sich stimmiges Ich-Gefühl sowie ein seelischer Gleichlauf oder eine seelische Balance: Ständig sind sie auf der Suche nach sich selbst. Ihre Schul- und Berufskarrieren gleichen nicht selten einer Irrfahrt. Sie besuchen Esoterik-Kurse, betreiben Risikosportarten, versuchen sich im Glücksspiel oder verbeissen sich in andere Tätigkeiten, sind süchtig nach Sex und Seitensprüngen oder sie trinken zu viel.

Ihr Leben verläuft innerlich und/oder äusserlich immer so unruhig, dass sie laufend Gegensteuer geben müssen. Fast wie bei einem alten VW-Käfer, der zu viel Lenkradspiel hat, so dass man mit dem Lenkrad mal nach links, mal dann nach rechts korrigieren muss. Alles läuft in Extremen: Entweder ist die Stimmung oben oder sie ist im Keller, entweder ist Energie vorhanden oder sie fehlt.

Die meisten mir bekannten Menschen mit einer ADHS vermochten ihre persönlichen Begabungen und ihr geistiges Potenzial gar nie richtig zum Tragen bringen: Lehren wurden abgebrochen, das Gymnasium – weil man trotz guter Intelligenz nicht lange still sitzen und zuhören konnte – gar nicht erst besucht, Beziehungen werden schnell langweilig oder man wurde verlassen von der Partnerin oder vom Partner. Wirklich klar ist diesen Menschen dann oft nur eins, dass nämlich etwas Fundamentales mit ihnen nicht stimmt.

Danke für diese Infos!

Menschen mit einer ADHS suchen oftmals ideologische Ersatzidentitäten oder klammern sich an Rollen fest, die nicht wirklich die ihren sind. Im Hintergrund oder im Unterbewusstsein lauern tief sitzende Grundannahmen über sich selbst, die sich in erstaunlich vielen Fällen aus den Attributen: anders, dumm, faul, schlecht, schuldig und unfähig zusammensetzen lassen. Erstaunlich ist es nicht, dass viele der erwachsenen ADHS-Betroffenen ein Leben lang meist unbewusst dagegen ankämpfen, dass sich diese tief im eigenen Ich sitzenden vermeintlichen Grundwahrheiten über die eigene Unfähigkeit nicht eines Tages doch entdeckt werden oder sich vollständig bewahrheiten könnten.



Es ist kein Zufall, dass unter den Workaholics auch viele Männer mit dem ADHS-Syndrom zu finden sind: Sie schuften und krampfen bis zum Burnout, zum Magengeschwür, zur Ehescheidung oder zum Infarkt. In den Untersuchungsgesprächen und vor allem im Rahmen der Therapien höre ich von diesen Menschen häufig: „Ich habe nie etwas wirklich gut hingekriegt oder gekonnt, alles ist nur ermogelt oder durch Zufall zustande gekommen, bei mir ist alles nur Fassade und ich bin vor allem müde“.

Selbst echte Erfolge – und ADHS-Betroffene können sehr leistungsfähig sein, wenn das Drumherum stimmt – werden nicht mehr richtig bewertet. Unheilvoll ist, dass sich meine ADHS-Patientinnen und -Patienten durch die lebenslang anhaltenden Probleme auch immer wieder Situationen erschaffen oder sich in solche hineinmanövrieren, in denen diese Grundannahmen bestätigt werden.

Wann abklären?

Wenn mir beispielsweise eine erwachsene Frau mit psychischen Problemen, einer Erschöpfungsdepression und Symptomen einer möglichen aktuellen ADHS berichtet, dass…

  • sie in der Schule schon vieles verloren oder vergessen habe
  • es ihr immer schon sehr schwer fiel, der Lehrerin über längere Zeit konzentriert zuzuhören
  • sie als verträumtes Kind galt
  • sie trotz guter Intelligenz Klassen habe wiederholen müssen
  • sie in den Fächern, welche sie interessierten sehr gute, in anderen aber sehr schlechte Noten erzielte
  • es deswegen immer wieder hiess: „Du kannst ja wenn Du willst, also gib dir mehr Mühe!“ und dass es sowieso immer geheissen habe, sie sei fähig, wenn sie nur gewollt hätte
  • sie in der ganzen Schulzeit als übermässig langsam und ablenkbar galt
  • sie schon als Kind spürte, anders als die andern zu sein
  • ihre Schwatzhaftigkeit sogar in den Zeugnissen festgehalten sei
  • ihre Leistungen wohl nie ihrer Intelligenz entsprochen haben
  • der Bruder das totale Gegenteil von ihr, nämlich ein Zappelphilipp war und immer noch ist
  • sie – wenn sie ehrlich zu sich ist – auch heute noch von sich denkt, dumm zu sein und nichts wirklich richtig zu können
  • sie zeitlebens an extremen Prüfungsängsten gelitten habe und immer schon versuchte, Ordnung in ihr Leben zu bringen

…dann allerdings verdichten sich langsam aber sicher die Hinweise auf eine mögliche ADHS des unaufmerksamen Typus.

ADHS kann bei Frauen und Männern dann diagnostiziert werden, wenn ein ausgeprägter psychischer Leidensdruck da ist, die DSM-Kriterien erfüllt sind, schon in der Kindheit ADHS-Symptome die eigene Entwicklung behinderten, die Grundsymptome der ADHS sich wie ein roter Faden durchs ganze Leben ziehen, die Grundsymptome der ADHS zu einer bedeutenden Behinderung der persönlichen, also psychischen, zwischenmenschlichen und beruflichen Entfaltung führen und die Kernsymptome der ADHS chronisches psychisches Leiden erzeugen, welches durch eine andere körperliche oder psychische Erkrankung nicht besser erklärt werden kann.

Eine Abklärung auf ADHS umfasst bei Jugendlichen und Erwachsenen eine mehrstündige psychologische und neuropsychologische Untersuchung. Ergänzend zur Erhebung des Befundes und der Krankengeschichte wird mit psychologischen Tests versucht, die mit den neuropsychologischen Funktionsstörungen zusammenhängenden Alltagsprobleme zu objektivieren.




Eine ADHS-Diagnose stützt sich aber nie auf Tests ab, auch wenn die Resultate bei ADHS-Betroffenen oft sehr typisch ausfallen. Typisch heisst, dass unter anderem gezeigt werden kann, dass die Aufmerksamkeitssysteme und die Impulskontrolle nicht den Erwartungswerten entsprechen. Typisch ist auch, dass bei einfachen Testaufgaben oft mehr Fehler passieren, als in schwierigeren Testabschnitten. Typisch ist ebenfalls, dass die Intelligenz meist besser ist, als der Lebensvollzug des Betroffenen dies erwarten liesse.

Auch bei Frauen und Männern wird bei einer ADHS-Abklärung wenn immer möglich versucht, von der Mutter Informationen aus der Kindheit zu erhalten. Das geschieht meist mit Fragebögen. Auch eine noch so eindrückliche aktuelle ADHS-Problematik ist nur dann eine ADHS, wenn auch in der Kindheit massgebliche und klinisch relevante Auffälligkeiten vorlagen. Ergänzende Hinweise darauf geben manchmal auch charakteristische Vermerke in Schulzeugnissen („Schwatzhaft“ oder „Wäre zu besseren Leistungen fähig“ oder: „Zerstreuter Professor“).

Einen hundertprozentigen sicheren Beweis, dass eine ADHS vorliegt, gibt es allerdings nicht. Selbstverständlich ist in jedem Fall auch eine ärztliche Untersuchung erforderlich, welche alle Erkrankungen ausschliessen soll, die ADHS-ähnliche Symptome erzeugen können. Zu diesen Erkrankungen gehören zum Beispiel Funktionsstörungen der Schilddrüse, Epilepsien, Sehfehler oder Hörbehinderungen.

Welches sind nun die Ursachen der ADHS? Welche Konsequenzen haben diese für eine Therapie?

Die Ursachen der ADHS liegen nicht in Erziehungsfehlern oder in den sozialen Verhältnissen und sind auch nicht in Ehekonflikten der Eltern begründet. Die ADHS beruht gemäss heutigem Wissen auf einer vererbbaren neurobiologischen Disposition. Dass eine ADHS familiär gehäuft auftritt, lehrt der Augenschein, aber auch Studien zeigen immer deutlicher, dass ADHS genetisch bedingt ist. Leidet ein Elternteil an ADHS, so liegt das Erkrankungsrisiko bei den Kindern bei 50 Prozent. In Familien mit einem ADHS-Kind bestehen bei Geschwistern fünf bis sieben Mal häufiger eine ADHS als in anderen Familien.

1992 zeigten Zwillingsstudien der Universität Colorado, dass eineiige Zwillinge eines hyperaktiven Kindes 11 bis 18 Mal häufiger von der ADHS betroffen sind, als andere Geschwister. Hat eines der Zwillinge eine ADHS, entwickelt das andere es in 55 bis 92 Prozent der Fälle ebenfalls. An der Universität Oslo wurden 525 eineiige, also genetisch identische Zwillinge und 389 zweieiige Zwillinge, die sich genetisch nicht mehr gleichen als andere Geschwister, verschiedenen Alters untersucht. Sie fanden für ADHS eine Erblichkeit von 80 Prozent.

Dopaminhypothese

Hervorgerufen durch eine Grippe-Epidemie traten zwischen 1918 bis 1923 vermehrt Fälle der Encephalitis lethargica auf. Dabei zeigten sich bei Erwachsenen Parkinson-Symptome und bei Kindern gehäuft hyperaktives Verhalten und Aufmerksamkeitsstörungen. Als eine Therapievariante wurden erfolgreich Stimulanzien (Benzedrin) erprobt, welche sich bereits für die Behandlung der Narkolepsie bewährt hatten. Das Stimulans führte zu einer deutlichen Verbesserung von Stimmung, Verhalten und kognitiven Leistungen. Man vermutete, dass diese Kinder – entsprechend den Parkinson-Patienten – einen Dopaminmangel entwickelten.

Dies ist eine These, die auch heute noch ihre Gültigkeit hat. Die Dopaminhypothese ist einerseits gestützt durch die therapeutische Wirksamkeit von Amphetaminen, aber auch durch die Resultate genetischer Studien: Die bisher durchgeführten Untersuchungen über die Ursachen der ADHS legen nahe, dass eine genetisch bedingte Dysfunktion der Katecholamine im frontostriatalen System vorliegt, wobei einer Störung des dopaminergen Stoffwechsels eine zentrale Bedeutung zukommt.

Therapie der ADHS

Forscher in München und den USA haben in bildgebenden Verfahren zeigen können, dass erwachsene Frauen und Männer mit einer ADHS im Dopamin-Neurotransmittersystem eine höhere Konzentration des Dopaminrücktransporters aufweisen. Das bewirkt einen zu schnellen Abbau des wichtigen Neurotransmitters Dopamin. In München konnte vor einem Jahr – ebenfalls mit bildgebenden Verfahren – gezeigt werden, wie Ritalin den Rücktransporter hemmt und den Stoffwechsel in diesen wichtigen Hirnregionen normalisieren kann.

Eine Therapie, die bei ADHS wirksam sein soll, muss sich bei Kindern wie auch bei Erwachsenen in erster Linie gegen die Grundsymptome der ADHS richten: Aufmerksamkeit, Zeitgefühl, Handlungsplanung und Impulskontrolle sollen verbessert werden. Basistherapie der ADHS sind auch bei Erwachsenen Medikamente. Sie stimulieren, aktivieren und normalisieren diejenigen Hirnregionen, welche für das Funktionieren der Informationsverarbeitung, der In- und Outputs und der Selbststeuerung zuständig sind.




Man nennt diese Medikamente deswegen Stimulanzien. Schon 1937 hat das Forscher- und Erzieherehepaar Bradley entdeckt, dass Amphetaminpräparate bei verhaltens- und lerngestörten Kindern therapeutisch sehr wirksam sein können. Danach erfolgte auf der ganzen Welt eine rege Forschungstätigkeit, welche zu zahlreichen Änderungen in der Erklärung und Bezeichnung dieses Störungsbildes führten.

Methylphenidat, also der Wirkstoff beispielsweise des Ritalin, dem bekanntesten Medikament gegen die Symptome der ADHS, wurde bereits 1944 in einem Labor der damaligen CIBA Basel entdeckt. Seit 1954, also seit bald 50 Jahren, ist Ritalin in der Schweiz und seit 1956 weltweit auf dem Markt. Unter Fachleuten und Wissenschaftler/-innen gilt Methylphenidat als das wissenschaftlich am besten untersuchte Psychopharmakon, welches Kindern verschrieben werden kann. Es gilt als therapeutisch wirksam, nebenwirkungsarm und gut verträglich.

Die klinische Erfahrung, aber auch plazebokontrollierte Studien, zeigen, dass Stimulanzien auch bei Erwachsenen wirksam sind und zwar bei etwa zwei Drittel aller Patientinnen und Patienten. Für sie gilt Ähnliches wie bei den Kindern: Sie können sich besser organisieren, können auch Gedanken besser ordnen, sind nicht so kopflos, das Nebelgefühl im Kopf kann sich abschwächen, sie können besser denken bevor sie handeln, sie nehmen soziale Signale aus der Umwelt besser wahr, ecken weniger an und das Zeitgefühl wird besser. Sie sind gelassener und können eins nach dem Anderen machen ohne in Panik zu geraten.

Psychotherapie bei ADHS

Viele erwachsene Frauen und Männer haben durch die vielen schlechten Erfahrungen mit sich und ihrer Umwelt den Glauben an sich verloren. Sie haben ein schlechtes Selbstwertgefühl, führen innerlich oder äusserlich ein chaotisches Leben und sind oft einfach sehr unglücklich. Da die Sekundärsymptome eine Eigendynamik entwickeln können und aus den ADHS-Kernproblemen (also aus Störungen verschiedener Selbststeuerungs- und Aufmerksamkeitsfunktonen) ausgeprägte Depressionen, Angst- oder Suchterkrankungen entstehen können, ist zur Therapie häufig auch eine begleitende psychologische Behandlung erforderlich.

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Er wurde letztmals aktualisiert am 11.10.2017.
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ADHS – Selbstwertgefühl, Dissoziation und Identität


Selbstwertgefühl? Wie auch?! Nicht primär Erfolge, sondern Misserfolge in der Bewältigung der Anforderungen des Lebens kennzeichnen den Weg vieler Menschen mit einer ADHS. Als Kinder schon erlebten sie Blossstellungen, Strafen, Kränkungen und Blamagen. Lesen Sie weiter!


Piero Rossi (2001)

Einleitung

http://www.adhs.ch/ueber-mich/Menschen benötigen zur erfolgreichen Bewältigung der sich im Verlaufe ihres Lebens stellenden Aufgaben und Hürden neben anderen Voraussetzungen in erster Linie eine gesunde Portion Selbstwert- und Identitätsgefühl. Oder mit anderen Worten: Ein intaktes Selbstwertgefühl.

Erfolgserlebnisse in verschiedenen Lebensbereichen sowie mehrheitlich stimmige Erfahrungen mit der sozialen Umwelt und mit sich selbst ermöglichen beim heranwachsenden Menschen die Entstehung eines relativ stabilen Selbstbildes sowie eines runden und in sich mehrheitlich schlüssigen Ich-Gefühls.

Erfolgserlebnisse gewährleisten auch eine innere Konstanz, emotionale Widerstandskraft, psychische Gesundheit, Beziehungsfähigkeit, Selbstzufriedenheit und Genussfähigkeit. Das psychisch gesunde und lebenstüchtige Kind kann sich im Verlauf seiner Lern- und Lebensgeschichte mehrheitlich als Individuum, also als einheitliches Subjekt erfahren (Individuum = das Unteilbare): Es hat ein Gesicht, einen Ruf, einen Charakter und ein Temperament. Es zeigt ein mehr oder weniger durchgängiges und stimmiges Leistungsprofil in der Schule, hat seine persönlichen Präferenzen, seine Leidenschaften, Geheimnisse und Hobbys.

Alle diese Aspekte des Daseins, welche sich im Verlaufe der Kindheit und der Jugendzeit herausbilden, verbinden sich beim psychisch mehrheitlich stabilen Heranwachsenden zu einem gefestigten Identitätsgefüge, zu einem Selbstkonzept und zu einem mehrheitlich intakten Ich-Gefühl. Dies ermöglicht es, auch widersprüchliche Erfahrungen in Beziehungen und in der Interaktion mit der Umwelt in das Selbstbild zu integrieren. So können Probleme und Schwierigkeiten im Leben angemessen bewältigt werden.

Erschwerte Identitätsentwicklung

Bei vielen Menschen mit einer ADHS sind die Erfahrungen, welche sie als Kinder und Heranwachsende mit sich und ihrer Umwelt gewonnen haben, alles andere als identitätsstiftend: Nicht primär Erfolge, sondern Misserfolge in der Bewältigung der Anforderungen des Lebens kennzeichnen ihren Weg. Als Kinder schon erlebten sie Blossstellungen, Strafen, Kränkungen und Blamagen. Sie wurden verkannt und nicht verstanden und reagierten mit Scham, Wut oder Selbsthass.




Zahlreiche dieser Betroffenen wurden infolge der ADHS-bedingten Lernstörungen irrtümlicherweise in Sonderschulen versetzt und nicht mehr ihrem Potenzial entsprechend gefördert. So erfahren sich diese Kinder anderen Menschen und Aufgaben gegenüber oftmals als fremd, als Versager/-in, als dumm, beziehungsunfähig, hysterisch, chaotisch, ungerecht oder aggressiv.

Sie spüren ihr Anderssein, nehmen es wahr, reagieren aggressiv oder ziehen sich zum Selbstschutz von zwischenmenschlichen Kontakten zurück. Viele soziale Kompetenzen können so nicht entwickelt werden und es können Schüchternheit und Ängstlichkeit daraus entstehen. Einige Betroffene entwickeln sich zu regelrechten Eigenbrötlern. Steht die Hyperaktivität im Vordergrund der ADHS, so entwickeln diese Kinder viel Trotz und Rebellion. Viele dieser Kinder leiden unter ihrem Energieüberschuss und schämen sich, wenn sie impulsiv Dinge tun, die sie eigentlich gar nicht wollen. Wie die Legasthenie oder beispielsweise die nonverbale Lernstörung, kann auch die ADHS zu reaktiven Verhaltensstörungen führen.

Scheiternserfahrungen und Versagensängste können das Selbstwertgefühl der Betroffenen – sofern es sich überhaupt ausbilden konnte – tief verletzen. Auswirkungen auf das spätere Leben sind unausweichlich: Die Angst, zu versagen oder als Hochstapler aufzufliegen, kann zum ständigen Begleiter werden. Die nicht gefestigte Identität, das nicht Umsetzen können des eigenen Leistungspotenzials, unbefriedigende Beziehungen, psychosomatische Reaktionen und teilweise handfeste reaktive psychische Störungen können für die Betroffenen und ihre Angehörigen eine schwere Bürde darstellen.



Weitwinkeloptik

Menschen mit einer ADHS zeichnen sich – bedingt durch eine neurobiologische Disposition –durch einen mehrheitlich zu breiten und zu offenen Wahrnehmungsstil aus. Zu Zerstreutheit und Konzentrationsschwächen kann es dann kommen, wenn sich in reiz- und stimulationsarmen Situationen (zum Beispiel beim Lernen, in anderen Routinesituationen oder beim Einschlafen) der Bildkreis beziehungsweise die Wahrnehmungsoptik vergrössert („Weitwinkeloptik“). In der Folge entsteht eine zu grosse Empfänglichkeit und Sensibilität für innere und äussere Reize.

Andererseits sind Menschen mit einer ADHS oft auch ausgesprochen gut in der Lage, sich zu konzentrieren: Sind sie von einer Sache begeistert, werden diejenigen neuronalen Netzwerke, welche die Aufmerksamkeitssysteme steuern, von aussen stimuliert. Die neuronale Aktivität wird unter stimulierenden Bedingungen für eine gewisse Zeit auf den Normalzustand angehoben, was – leider nur kurzfristig – zu einem regulären Funktionieren der Aufmerksamkeits- und Selbststeuerungssysteme führt.

Multitasking, Stress

Bedingt durch die neurologischen Gegebenheiten und ihre lebensgeschichtlichen Erfahrungen haben ADHS-Betroffene oftmals auch Mühe beim Verarbeiten und in Übereinstimmung bringen von widersprüchlichen Umwelterfahrungen. Die Reizoffenheit sowie die erhöhten Multitasking-Kompetenzen machen stimmiges und einheitliches Selbst- und Umwelterleben an sich schon schwierig.

Allen Reizen und (auch den widersprüchlichen) Anforderungssituationen wird im 1:1-Modus gefolgt: Jedes Detail, jeder Teilaspekt und jede Assoziation kann unerbittlich die Aufmerksamkeit auf sich ziehen. Das Denken erfolgt zudem oft mehrkanalig und gegenwartsbezogen. Menschen mit einer ADHS agieren und reagieren demzufolge oftmals wie Gefangene des Augenblicks.

Auf mehreren Kanälen treffen innere und äussere Reize gleichzeitig im Gehirn ein und können, bedingt durch die eingeschränkten inhibitorischen Funktionen (Inhibition = Hemmung), nur ungenügend selektiert und verarbeitet werden. Die Wachsamkeit ist erhöht und jeder Reiz, jeder Gedanke, jede Erinnerung, jedes Geräusch erscheint der betroffenen Person als wichtig. Die Gedanken beginnen zu springen und hüpfen. Nichts darf verpasst werden.




Der dadurch hervorgerufene mentale Stress erzeugt und fördert Ablenkbarkeit und Zerstreutheit und verstärkt Schlaflosigkeit, Gedankenrasen, Grübeleien, Sorgen und das Grundgefühl der Irritation. Schliesslich kann das Wahrgenommene, bedingt durch die Reizüberflutung, nur selten adäquat verarbeitet werden. Folgen können sein: Desorientierung, Verwirrung, Unwirklichkeits- und Überforderungsgefühle, kurze Panikattacken oder Verzweiflung.

Auch Problemlösefertigkeiten sind deshalb in der Regel nur geringfügig ausgeprägt: Das schnelle Überflutetwerden durch parallel eintreffende und in der Weitwinkeloptik als immer gleich gross erscheinende Problempakete, lässt selbst kleine Probleme schnell einmal unbewältigbar gross erscheinen.

Selbst- und Fremdeinschätzung

Die Reizoffenheit und die von der Weitwinkeloptik beeinflusste Wahrnehmung bewirken auch, dass viele ADHS-Betroffene oftmals grosse Mühe bekunden, andere Menschen, Situationen in der Umwelt, aber auch sich selbst adäquat einzuschätzen. Es könnte schliesslich immer auch anders sein. Keiner Einzel-Wahrnehmung kann wirklich vertraut werden. Was gilt, wenn mehrere Gefühle gleichzeitig auftreten? Was ist echt? Was nicht? So gehört das Gefühl des Selbstzweifels bei vielen ADHS-Betroffenen zum dominierenden Grundaffekt.

Die Weitwinkeloptik und die damit verbundene Reizüberflutung bringen es zudem mit sich, dass der Realitätsbezug der oft parallel erfolgenden Wahrnehmungen nicht immer überprüft werden kann. Alle Gedanken und alle dadurch ausgelösten Gefühle erscheinen evident: Sie werden alle als gleichwertig wahrgenommen. Kaum wird ein Aspekt eines Gedankenganges berührt, schon springt die Aufmerksamkeit auf andere, scheinbar gleichberechtigte (da gleich gross und gleich wichtig erscheinende) Teilaspekte.

Was stimmt nun? Wer hat Recht? Was gilt? Woran kann ich mich halten? Was ist wahr? Was nicht? Dieses mentale Hypern (eine spezielle Form einer Denkstörung), von welchem viele ADHS-Betroffene berichten, sowie die damit verbundene Beschleunigung des Denkens, fördern Verunsicherung, Selbstzweifel, Erschöpfbarkeit, Irritation und Angstbereitschaft.

Wenn sich alles zuspitzt
Die übersteigerte Reizwahrnehmung und die durch sie ausgelösten Affekte können Betroffene hochgradig erregen, vermögen einige fast zur Verzweiflung zu bringen und können sie in Einzelfällen psychisch bis zum Zusammenbruch destabilisieren. Nicht selten sind selbstverletzende Handlungen die Folge. Der dadurch ausgelöste Schmerz kann zu einer kurzzeitigen Beruhigung / Entschärfung dieses subjektiv unerträglichen inneren Erregungszustands führen.

Selbstverletzungen haben einen stimulierenden Effekt, sie vermögen die kognitiven und emotionalen Funktionen für eine gewisse Zeit wieder zu normalisieren. Ist die Desorientierung gross und der Erregungszustand hoch, können so genannte dissoziative oder Trance-ähnliche-Zustände entstehen, in welchen die Betroffenen das Gefühl haben, aus ihrem Körper oder aus der Wirklichkeit herauszutreten (Depersonalisation, Derealisation). In der Folge kann es zu psychotisch anmutenden Zuständen kommen, oft kombiniert mit grossem Reizhunger und Impulsivität.




Entscheidungsschwierigkeiten

Immer wieder werden im Zusammenhang mit der Mehrkanaligkeit auch Klagen über hartnäckige Entscheidungsschwierigkeiten genannt. Ambivalenz liegt ADHS-Betroffenen grundsätzlich näher als entspanntes Denken in stimmigen Zusammenhängen. Das Widersprüchliche entspricht viel eher ihrem Multitasking-Denken. Der rote Faden hingegen bleibt oft unerkannt und unbegriffen. Menschen mit einer ADHS wirken und fühlen daher häufig recht verwirrt und bekunden meistens grosse Mühe, sich selbst oder den eigenen Lebenszusammenhang als Ganzes zu sehen und zu erleben.

Im Vordergrund stehen Zweifel, das Erinnern von tausend Details und Erlebnissen und die oft hilflosen Versuche des Verarbeitens der vielen Misserfolge, Blossstellungen und Kränkungen. Probleme in der Selbstbeurteilung beziehungsweise in der adäquaten Selbsteinschätzung können dann manifest werden, wenn die Filter- und Hemmfunktionen des Gehirns der betreffenden Person ADHS-bedingt und situationsabhängig erheblich eingeschränkt und gestört sind.

Vor allem Frauen und Männer, die infolge einer ADHS auch eine Angststörung entwickelten, nehmen durch ihre Weitwinkeloptik oftmals viel zu viel wahr. In der ängstlichen Stimmung wird nun die Umgebung, aber auch der eigene Körper, regelrecht nach Gefahrensignalen abgescannt. Gerade bei ADHS-Betroffenen mit einer ängstlich-hypochondrischen Selbstbeobachtung wird dieses Zuviel an Input offensichtlich.

Komplexe Wahrnehmungsinhalte und Gedanken können durch die Filterschwäche so diffus und verschwommen sein, dass die betreffende Person die eintreffenden Informationen gar nicht mehr ausfiltern, sortieren und angemessen auswerten kann. Festzuhalten bleibt aber, dass viele Menschen mit einer ADHS trotzdem sehr gute Selbst- und Fremdbeobachter sein können. Entscheidend ist ja, wie das Gehirn die eintreffenden Informationen verarbeitet. Vielen gelingt es, ihre Wahrnehmungen (auch über sich selbst) angemessen auszuwerten und identitätsstiftend zu integrieren. Die mit der Reizoffenheit verbundene Sensibilität kann Intuition und Empathie sogar fördern.



Vertuschen

Ein instabiles Selbstwertgefühl bei Menschen mit einer ADHS kommt auch deswegen zustande, weil die betroffenen Personen ihre kognitiven Defizite kompensieren beziehungsweise vertuschen müssen, um im sozialen Kontext nicht noch mehr aufzufallen: Immer wieder müssen sie zu Notlügen greifen oder sie erfinden etwas, um nicht aufzufallen.

So berichtete eine ADHS-Patientin, dass sie sich jeweils den ersten wichtigen Begriff eines Dialogs besonders gut einprägt, um nicht in eine peinliche Situation zu geraten, falls sie in zu langen Gesprächspassagen des Gegenübers den Faden verliert. So kann sie jeweils den Anschein aufrechterhalten, einem Gespräch gut folgen zu können. ADHS-Betroffene sind oftmals Weltmeister im Schummeln.

Dank ihrer Intelligenz sowie ihrem manchmal oft fotografisch guten Gedächtnis können sie mit der Hilfe von Schummelzetteln viele bedrohliche Situationen in der Schule oder in der Ausbildung entschärfen. Trotzdem: Die meisten ADHS-Betroffenen leiden unter ihren Notlügen und den Schummeleien. Das schlechte Gewissen plagt sie.

Tief in ihrem Inneren denken viele, sie seien im Grunde genommen Versager/-innen oder Hochstapler/-innen und hätten das Erreichte gar nicht wirklich verdient. Ihre Leistungen erleben sie als unecht, was insoweit durchaus adäquat sein kann, da viele ADHS-Betroffene beruflich nie ein Niveau erreichen, welches ihrem Potenzial entsprechen würde. Übrig bleiben Schuldgefühle und ein schlechtes Gewissen.

Beziehungsverhalten

Auch im Beziehungsbereich zeigen sich die negativen Folgen der Mehrkanaligkeit auf das Selbstwertgefühl: ADHS-Betroffene suchen nämlich oft viel Nähe und Halt bei ihren Bezugspersonen. Das Gegenüber soll helfen, die eigene Orientierungslosigkeit zu kompensieren. Das Beziehungsverhalten von Menschen mit einer ADHS mutet oftmals symbiotisch an: Viele Kinder mit einer ADHS können sich kaum von ihren Müttern trennen.

Der Besuch eines Kindergartens stellt für viele von ihnen eine traumatisierende Erfahrung dar. Der Trennungsschmerz ist für sie unerträglich. Alleine zu sein heisst für diese Kinder, die Orientierung und damit sich selbst zu verlieren. Es handelt sich in diesen Fällen also nicht um gewöhnliche Trennungsängste, sondern um Folgen ADHS-bedingter Wahrnehmungsstörungen.

 

Erwachsene Menschen mit einer ADHS erwarten oft absolute Offenheit in der Zweierbeziehung. Durch ihr bedrängendes und impulsives Verhalten erfahren sie jedoch auch Zurückweisungen und Verletzungen. Auch zeigen sie Mühe beim sich Abgrenzen und beim Nein-Sagen-können. Das niedrige Selbstwertgefühl zeigt sich auch in der verstärkten Neigung zu Eifersucht, unter welcher viele ADHS-Betroffene leiden. Durch die Mehrkanaligkeit ist in der Regel auch die Empfindsamkeit hoch.

Betroffene erleben sich als leicht verletzbar, sie spüren oftmals auch die Schmerzen anderer und sind ausgesprochen intuitiv. Das kann auch Ängste auslösen. Viel zu vieles beziehen sie auf sich selbst. Sie sind schnell beleidigt und eingeschnappt. Alles in allem: Sie haben nicht selten das Gefühl, in ihrer Beziehung alles falsch zu machen und erleben sich mehrheitlich als beziehungsunfähig.

Das Herausbilden von Selbstwertgefühl und Ichbewusstsein setzt auch voraus, dass man sich an identitätsstiftende Erlebnisse in der eigenen Biografie erinnern kann. Der Effekt des sich Erinnerns und des Widererkennens ermöglicht es, dass Menschen sich in einem zeitlichen Kontinuum erleben und lokalisieren können und um ihre eigene Geschichte wissen: Es zählen nicht nur die Gegenwart, sondern auch die Vergangenheit und die Zukunft. Erst das Wissen um diese drei Dimensionen und die daraus resultierenden Gefühle machen Menschen ein Stück weit immun und unabhängig gegenüber den Wirren des Alltags.




Menschen mit ausgeprägten ADHS-Symptomen sind dem gegenüber übermässig stark verhaftet in der Gegenwart. Da ihr Ich-Gefühl aufgrund der starken Stimulusgebundenheit, der Vergesslichkeit sowie der vielen negativen Erfahrungen nur mangelhaft ausgebildet ist, können sich viele ADHS-Betroffene innerlich nicht an ein ausreichend starkes inneres Selbst anlehnen. Sie finden in sich selbst keine Seelennahrung. Die Reizoffenheit beziehungsweise die Mehrkanaligkeit bringen es mit sich, dass für das aktuelle Befinden primär der Augenblick und die Gegenwart zählen.

Gefühle von Identität und Selbstbewusstsein bleiben deswegen so instabil, weil sie beinahe täglich neu gebildet werden müssen: Erfolgserlebnisse vermögen kurzfristig die Stimmung zu heben, Enttäuschungen können diese blitzschnell wieder in den Keller sausen lassen.

Menschen mit einer ausgeprägten ADHS leben vorwiegend im Hier und Jetzt. Sie sind deswegen selbst durch jene Erlebnisse verletzbar, welche von anderen Menschen viel leichter weggesteckt werden können. In der klinischen Praxis kann in diesem Zusammenhang immer wieder beobachtet werden, dass sie sich primär an negative und traumatisierende Erlebnisse erinnern. Nur massive Erlebnisse – leider meistens negativer Art – vermögen bei ihnen Spuren im Gedächtnis zu hinterlassen. Fatalerweise sind es dann in erster Linie diese schmerzhaften Erinnerungen, welche das Grundgerüst des (negativen) Selbstbildes bilden.

Resistent zu sein gegen die alltäglichen Widrigkeiten des Lebens erfordert auch, sich in einem ausgewogen positiven Sinnzusammenhang in die Zukunft projizieren zu können. Auch dies fällt vielen Menschen mit einer ADHS ausgesprochen schwer. Ursachen dafür sind nicht nur die vielen Entmutigungen, sondern auch das ADHS-bedingte kognitive Unvermögen, sich in Ruhe solche vernünftig-optimistischen zukunftsbezogenen Szenarien vorstellen zu können.

Dies erklärt auch, dass die Zukunft für viele Menschen mit einer ADHS – sofern sie subjektiv überhaupt evident ist und ins Auge gefasst werden kann – meistens mit Angst und Sorgen besetzt ist. Das Eingebundensein im Hier und Jetzt kann immer wieder zu unangenehmen Situationen und Peinlichkeiten führen. Die Auswirkungen auf das Selbstwertgefühl sind mitunter erheblich.

Solche Erfahrungen bewirken nämlich, dass die Grundannahmen vieler ADHS-Betroffener, etwa grundsätzlich fehl am Platz zu sein, immer wieder aufs Neue bestätigt werden. Immer wieder erleben sie sich als unfähig, als Versager/-in, als sprunghaft, als unzuverlässig, als inkonsequent und als unecht. Auch diese Erfahrungen können Selbstvorwürfe, Dissoziationen und Depressionen auslösen.




Folgen der zu hohen Impulsivität auf das Selbstwertgefühl

Auch die Folgen der Impulsivität können sich negativ auf das Selbstbild auswirken: Viele ADHS-Betroffene leiden darunter, dass sie immer wieder ins Fettnäpfchen treten, was zu Scham- und Schuldgefühlen führt. Ferner sind bei vielen erhebliche Schwierigkeiten im Umgang mit Geld zu beobachten. Die Störungen der Impulskontrolle, welche zum Beispiel in emotionalen Ausbrüchen, in Essstörungen, bei Suchtstörungen (Spielsucht) oder bei vorsätzlichen Selbstverletzungen evident werden können, zeigen sich insbesondere auch im Umgang mit Geld. Hinzu kommt, dass es ADHS-Betroffenen oft ausgesprochen schwer fällt, mit den Ressourcen haushälterisch umzugehen. Viele leben seelisch und materiell buchstäblich von der Hand in den Mund.

Die eingeschränkten Planungskompetenzen und die unzureichende Verhaltensregulation können sich in diesen Bereichen besonders störend bemerkbar machen. Viele Menschen mit einer ADHS klagen denn auch über anhaltende Existenzängste. Es fehlen das mehrheitlich stabile Gefühl von Sicherheit sowie die materiellen Grundlagen: Der impulsive und unstetige Lebensvollzug verhindert oft nicht nur ein reguläres Einkommen, sondern auch das Auskommen mit den zur Verfügung stehenden finanziellen Mitteln. Andere wiederum sind beinahe zwanghaft bemüht, ihr inneres Chaos zu kompensieren, indem sie übermässig sparsam sind und ein äusserst spartanisches Leben führen.

Als eines der wesentlichen Kennzeichen der ADHS gilt eine mangelhafte Selbststeuerung. Nicht nur Kindern mit einer ADHS fällt es oft schwer, ihr eigenes Verhalten zu steuern. Auch erwachsene Betroffene bekunden oft grosse Mühe, wenn es darum geht, das eigene Verhalten, beispielsweise durch Selbstanweisungen, adäquat zu regulieren. An handlungsbegleitenden kognitiven Prüfprozessen (beispielweise das Überdenken eines beabsichtigter Spontankaufes) fehlt es meistens.

 

Depressive Reaktionen

Ein stabiles Ich-Erleben setzt weiter voraus, dass Menschen auch emotional mehr oder weniger folgerichtig und stimmig funktionieren. Falls die ADHS einen starken negativen Einfluss auf den Lebensvollzug eines Menschen hat, führt dies regelmässig in eine Affektlabilität. Da die Kognitionen, welche den Emotionen vorausgehen, ADHS-bedingt hüpfen, unkoordiniert und oft spontan ablaufen, sind diese ausgesprochen situationsabhängig. Dies bedeutet unter anderem, dass kleinste Veränderungen in der Umwelt grössere emotionale Wellen aufwerfen können. Keine guten Voraussetzungen, um ein angemessen gutes Selbstwertgefühl aufbauen zu können.

Das daraufhin folgende Gefühl basiert dann erstens auf der Bewertung des aktuell Vorgefallenen und zweitens auf dem im Lauf des Lebens zu Grundannahmen geronnenen Selbst- und Weltbildes. Dass es bei der ADHS neben den depressiven Reaktionen aber gehäuft auch zu primären Depressionen im Sinne einer echten Komorbidität kommen kann, ist bekannt.




Aktivitätsregulation

Menschen mit einer ADHS zeigen nie ein durchschnittlich normales und ausgewogenes Aktivitäts-, Motivations- oder Energieniveau. Sie sind entweder über- oder untererregt. Ursache ist eine syndromtypisch mangelhafte zentrale Aktivitätsregulation: Der Aktivierungspegel ist bei Interesse hoch, bei fehlender Stimulation hingegen über ein normales Mass hinaus niedrig. Diese Menschen sind daher leicht erregbar, können aber ebenso zu missmutigen Stimmungslagen, Antriebslosigkeit oder zu Startverzögerungen neigen.

Kennzeichnend ist in vielen Fällen eine ausgesprochene Stimmungslabilität. Im Gegensatz zu depressiven Störungen sind diese Stimmungsschwankungen jedoch stark stimulusgebunden und weniger stark von anhaltenden Selbstvorwürfen begleitet.

Anders als bei echten Depressionen ist auch der zeitliche Verlauf: ADHS-bedingte depressive Verstimmungen dauern in der Regel nur kurz an. Die Stimmung kann sich oftmals schnell wieder verbessern und die Betroffenen sind ausgelassen und fröhlich. Dieses Auf und Ab im Emotionalen, welches manchmal an eine Zyklothymia (psychische Störung, welche durch eine dauerhafte Instabilität der Stimmung gekennzeichnet ist) erinnert, ist aber oftmals nicht nur für die Betroffenen eine Belastung.

Auch die Angehörigen werden durch diese Stimmungsschwankungen irritiert und wissen dann nicht, woran sie beim Gegenüber gerade sind. Schnell kann dies in ausgeprägte Beziehungskonflikte münden.

Strategien von ADHS-Mädchen

In der psychotherapeutischen Praxis kann immer wieder festgestellt werden, dass ADHS-Betroffene versuchen, ihre kognitiven Defizite zu kompensieren. Sie leiden ja nicht an einem Motivations- sondern einem Umsetzungsdefizit. Gerade Mädchen neigen während der Schulzeit dazu, die Störungen der Aufmerksamkeitsfunktionen mit besonders eifrigem Lernverhalten wettzumachen. Vor lauter Angst, etwas zu vergessen, zu verpassen oder zu überhören und dann dumm dazustehen, lernen diese Mädchen oftmals übertrieben intensiv.



Das ausgeprägte visuelle Gedächtnis vieler Menschen mit einer ADHS ermöglicht es ihnen, vom Gesehenen ein fotografisches Abbild zu erzeugen. Sie geben dann an, auswendig zu lernen. Dieser Vorgang ist natürlich sehr anstrengend, störungsanfällig und absorbiert das Kind in hohem Masse.

Diese Lernmethode scheitert meist spätestens beim Eintritt ins Gymnasium. Intelligente Kinder vermögen die ADHS-bedingten Defizite lange zu kompensieren. Spätestens wenn die Anforderungen in der Schule steigen, kommen die Konzentrationsstörungen schmerzhaft zum Tragen. Durch das zeitliche Zusammentreffen mit der Pubertät kann so eine Problemkarriere ihren Anfang nehmen.

Diese Kinder wissen dann überhaupt nicht mehr, wer sie eigentlich sind. In der Grundschule galten sie als leistungsfähig und intelligent und nun erfolgt plötzlich ein Einbruch der Leistungen. Die damit einhergehende Irritation und Kränkung ist häufig so gross, dass der Griff zu Suchtmitteln oder anderen stimulierenden Aktionen (zum Beispiel Delinquenz) vorgezeichnet erscheint. Und: Wie soll da Selbstwertgefühl entstehen?

Zwänge

In der psychotherapeutischen Praxis können bei ADHS-Betroffenen immer wieder auch atypische Bilder von Zwangsstörungen beobachtet werden. Atypisch deswegen, weil die Zwangsgedanken und Zwangshandlungen nicht oder nicht immer an die sonst obligaten Angstgefühle gekoppelt sind, der Zwang also nicht der Angstvermeidung gilt. ADHS-Betroffene können meistens ohne grosse Mühe von diesen zwanghaft anmutenden Handlungen absehen, ohne dass dies in ihnen Ängste reaktiviert.

Die Ursachen liegen wo anders: Die ADHS-bedingten kognitiven Defizite erzeugen in vielen Menschen ein ausgeprägtes Bedürfnis nach Sicherheit. Durch den Versuch, Ordnung und Struktur in der Lebensführung und im Alltag zu schaffen und aufrecht zu erhalten, können sich auch zwanghafte Charakterzüge entwickeln. Es kommt nicht selten vor, dass im Laufe des Lebens ein Wechsel von einem impulsiven und chaotischen Leben hin zu einer überangepassten und zwanghaften Lebensführung erfolgt.

Familiäre Häufung

Klinische Erfahrungen und epidemiologische Untersuchungen zeigen, dass es sich bei der ADHS um eine familiär gehäuft auftretende Erkrankung handelt. Das bedeutet, dass ein oder beide Elternteile an einer ADHS leiden können. Dies kann zur Folge haben, dass der elterliche Erziehungsstil widersprüchlich war (oder ist). Väter und Mütter mit einer ADHS fühlen sich leicht überfordert, sind oft ungeduldig und inkonsequent.

Kinder von ADHS-Eltern haben es deshalb häufig schwer, auch wenn sie selbst keine ADHS haben, denn es fehlt ihnen vielfach an einem formal stabilen Bezugsrahmen. Meinen eigenen Beobachtungen zufolge kommt es aber in Familien mit ADHS-Eltern nur sehr selten zu elementaren Bindungsstörungen. Die Unruhe bleibt oberflächlich, tief im Inneren spürt das Kind, dass die Mutter es innigst liebt, selbst wenn diese ihrer Impulsivität und der Überforderung wegen oft ungeduldig, unwirsch oder kurz angebunden reagiert.




Dennoch: Durch das oftmals unstimmige Erziehungs- und Beziehungsverhalten der Eltern können die Kinder ihre Wahrnehmungen nicht kontinuierlich an Konsequenzen und Gefühle binden. Das kann negative Gedanken, Fantasien und Ängste begünstigen, da Kinder ihre Kognitionen dann nur schwer an Realität überprüfen können.

Es entsteht gelegentlich ein Nebeneinander von Sprache, Beziehungserleben und Emotionen. Eltern mit einer ausgeprägten und schlecht kompensierten ADHS sind ihren Kindern auch bezüglich Identität und Selbstwerterleben nicht immer ein gutes Vorbild. Dies heisst natürlich nicht, das Mütter oder Väter mit einer ADHS prinzipiell schlechte Eltern sind: Sie erziehen ihre Kinder so gut oder so schlecht wie andere auch.

Psychotherapie

In der Psychotherapie lernen Menschen mit einer ADHS, ihre Zerstreutheit und Widersprüchlichkeit anzuerkennen. Das Aufarbeiten der eigenen Geschichte ermöglicht es ihnen, sich neu kennen und verstehen zu lernen. Ferner werden in einem psychotherapeutischen Prozess fehlende Kompetenzen in zwischenmenschlichen Bereichen eingeübt. Das Selbstwertgefühl kann sich normalisieren.

Sollten komorbide Störungen vorliegen (beispielsweise Depressionen oder Angsterkrankungen), so werden auch diese Probleme spezifisch behandelt. Psychotherapie bei der ADHS hat immer zum Ziel, ADHS-Betroffene zu befähigen, ihre Selbstwahrnehmung und Selbststeuerung zu optimieren. Dazu können verhaltenstherapeutische Methoden, aber auch Techniken aus der kognitiven Psychotherapie Anwendung finden.

Durch den Mangel an Identitätsgefühl (aber auch von Selbstwertgefühl) haben Betroffene oftmals eine überhöhte Vorstellung von Ganzheit und psychischer Gesundheit. Jeder Zwiespalt, jedes Gefühl von Ambivalenz und jeder Zweifel lösen als Signale bei den Betroffenen tief sitzende existenzielle Ängste aus. Von daher können Menschen mit einer ADHS in einer Psychotherapie lernen, sich selbst trotz Widersprüchlichkeiten annehmen und lieben zu lernen.

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Er wurde letztmals aktualisiert am 11.10.2017.
© Piero Rossi