ADHS bei Erwachsenen

Kurz & bündig

Alles über die ADHS im Schnelldurchgang
ADHS – Das Wichtigste auf einen Blick
Zerstreut, gereizt, leicht ablenkbar – ADHS im Erwachsenenalter
Therapie statt Ideologie

ADHS persönlich

Piero Rossi beantwortet Fragen von Ratsuchenden

Vertiefendes zum Verständnis von Erwachsenen mit einer ADHS

ADHS – Krankheit der negativen Gefühle?
Dumm, faul, unfähig? ADHS bei Jugendlichen und Erwachsenen
Positive Seiten der ADHS – Mythos oder Realität?
ADHS – Selbstwertgefühl, Dissoziation und Identität



Diagnostik der ADHS bei Erwachsenen

ADHS-Diagnostik bei Erwachsenen: Tipps für Fachpersonen
Online ADHS-Test
ADHS-Kriterien nach DSM-5: Fluch oder Segen?
ADHS – Auf dem Weg zur Lifestyle-Diagnose?
ADHS-Partnerfragebogen
Fehldiagnose ADHS? Teil 1
Fehldiagnose ADHS? Teil 2

 

ADHS & Kreativität

Flipperkugeln und Störgeräusche
Warum Menschen mit ADHS sehr kreativ sein könnten, es aber meistens nicht sind
Kreativitätskiller WhatsApp & Instagram

ADHS & Co.

(K)ein Fall von ADHS – Zur Differenzialdiagnostik der ADHS
Borderline-Persönlichkeitsstörung und Aufmerksamkeitsdefizit-/Hyperaktivitätsstörungen bei Erwachsenen (PDF)
ADHS, Angst & Panik
ADHS & Blutdruck

Therapie der ADHS bei Erwachsenen

Eckpunkte, Chancen und Stolpersteine der ADHS-Therapie bei Kindern und Erwachsenen
„Wenn-Dann-Pläne“ statt „Tyrannei des Solls“
Entspannungstechniken bei ADHS
Reizstrom-Therapie (TENS) bei ADHS?
Zwei Pfannen on the road
ADHS-Tools

Bücher über die ADHS bei Frauen und Männern

Russell A. Barkley: „Das grosse Handbuch für Erwachsene mit ADHS“
Buchbesprechung: Neurodiagnostik in der Praxis
Persönliche Buchempfehlungen für Erwachsene mit ADHS
E-Book ADHS

ADHS-Shop

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Zeitmanagement für Kinder mit ADHS
Gefühlsmonster – Bilderkarten
ADHS-Tools
Simplify your life

 

Dieser Text ist urheberrechtlich geschützt.
Er wurde letztmals aktualisiert am 11.10.2017.
© Piero Rossi




Persönliche Buchempfehlungen für Erwachsene mit ADHS

Erwachsene mit ADHS: Persönliche Buchempfehlungen

…sind bekanntlich immer so eine Sache für sich. So verschieden wir Menschen sind, so unterschiedlich ist auch unser Empfinden darüber, was ein gutes Buch ausmacht und was nicht.

http://www.adhs.ch/ueber-mich/Für mich persönlich ist entscheidend, ob die Autorinnen und Autoren wirklich wissen, worüber sie schreiben. Leider ist das nicht immer der Fall. Meine Empfehlungen beruhen also nicht nur auf den Inhalten an sich, sondern vor allem auch auf der Glaubwürdigkeit der Autorinnen und Autoren. Einige kenne ich, andere nicht. Beim Lesen Letzterer merkte ich aufgrund meiner eigenen, jahrelangen Erfahrungen mit ADHS-Beroffenen schnell, ob echtes Wissen und Verständnis dahinterstecken oder nicht. Meine Beurteilung von Ratgeberbücher für Laien beruht aber auch auf unzähligen Rückmeldungen, die ich während vieler Jahre von meinen erwachsenen ADHS-Patenten erhielt. Los gehts!

Sari Solden

Das Buch „Die Chaosprinzessin: Frauen zwischen Talent und Misserfolg“ (3. Auflage 2001) der Autorin Sari Solden ist das ADHS-Buch für Frauen schlechthin. Es gibt kein Besseres! Das Buch ist ähnlich chaotisch, wie auch die Autorin selbst. ADHS pur. Auch Männer mit ADHS vom unaufmerksamen Typus lieben dieses Buch. Leider ist es vergriffen. Es ist aber Gebraucht hier immer noch erhältlich. Tatsache ist, dass viele Oldies auf dem ADHS-Buchmark bis heute eine Referenz darstellen. Dazu gehört auf jeden Fall auch dieses Buch. Es sprüht nur so vom echten Leben und Leiden von Frauen mit ADHS. Und wirkt trotzdem aufbauend und ermutigend. 


Cordula Neuhaus

Mit ihrem Buch „Lass mich, doch verlass mich nicht: ADHS und Partnerschaft“ legt uns die bekannte Autorin und ADHS-Spezialistin Cordula Neuhaus ein Buch über die ADHS bei Erwachsenen vor. Mehr über die Autorin kann man hier nachlesen. Dieses Buch ist gut geeignet sowohl für Laien, als auch für Professionals.


Doris Ryffel-Rawak

Das Buch „ADHS bei Frauen – den Gefühlen ausgeliefert“ der Psychiaterin Doris Ryffel, erschienen 2009, gilt unter betroffenen Frauen und vielen Fachpersonen ebenfalls als Referenz.  Die Autorin beschreibt die Geschichte von 16 Frauen. Einfühlsam und kompetent. Das Buch ist sehr gut lesbar. Und es hat Tiefgang. Kein Wunder: Doris Ryffel gehört zu den Pionierinnen der Therapie von erwachsenen ADHS-Betroffenen im deutschsprachigen Raum. Sie weiss, wovon sie schreibt. Das spürt man aus jeder Zeile. Ihr Buch richtet sich an Laien, wird aber auch von Fachpersonen sehr geschätzt.

ADHS bei Erwachsenen. Betroffene berichten aus ihrem Leben“ und „Wir fühlen uns anders! Wie betroffene Erwachsene mit ADS/ADHS sich selbst und ihre Partnerschaft erleben“ sind zwei weitere und empfehlenswerte Bücher über die ADHS bei Erwachsenen. Auch sie richten sich an Laien sind bestens lesbar. Und auch in diesen Büchern ist die Nähe der Autorin zu ihren Patientinnen und Patienten aus fast jeder Zeile heraus spürbar. 

 


Eduard Hallowell / John Ratey

Zwanghaft zerstreut: oder Die Unfähigkeit, aufmerksam zu sein“ ist bereits 1999 in deutscher Übersetzung erschienen. Es ist das erste deutschsprachige populärwissenschaftliche Buch, welches benennt, dass auch bei Erwachsenen eine ADHS vorliegen kann. Hallowell ist Psychiater und schreibt, dass er selbst von ADHS betroffen ist. Sein Buch ist ein Mix aus Fallvignetten und theoretischen Exkursen. Es liest sich süffig. Viele erwachsene ADHS-Betroffene haben mir gesagt, dies sei das erste Buch in ihrem Leben, welches sie vollständig gelesen haben. Als ich dieses Buch 1999 zum ersten Mal las, dachte ich: „Typischer Ami-Kitsch-Ratgeber“ und „Der übertreibt doch!“ Bald aber realisierte ich, dass dieses Buch zum Besten gehört, was es über die ADHS bei Erwachsenen zu lesen gibt. Und das bis heute. Auch wenn ich nicht bei allen Fallvorstellungen zu den gleichen Schlussfolgerungen wie Hallowell gelangt bin, Es hat sich aus diagnostischen Gründen bewährt, Patienten mit Verdacht auf ADHS zu empfehlen, genau dieses Buch zu lesen. Menschen ohne ADHS empfinden dieses Buch nämlich eher als langweilig oder uninteressant. Die vielen Wiederholungen stören sie. Anders ADHS-Betroffene: Selbst jene, welche es bisher nie schafften, ein Buch zu Ende zu lesen, sind von den Fallvignetten und Hallowells Erläuterungen berührt. Sie schätzen seinen Schreibstil. Endlich, so hörte ich immer wieder, liefere ihnen dieses Buch Worte, welche beschreiben, was sie fühlen. Langer Rede kurzer Sinn: Um „Zwanghaft zerstreut“ führt kein Weg herum, wenn man verstehen will, was ADHS ist. Um es nicht zu vergessen: Coautor John Ratey ist der Verfasser des bekannten und sehr lesenswerten Buches „Das Schattensyndrom: Neurobiologie und leichte Formen psychischer Störungen„. Er geht dabei auf die milden Formen psychischer Störungen wie der ADHS oder autistischer Störungen ein. Das Buch richtet sich nicht nur an Fachpersonen. 

 


Thom Hartmann

Fact ist, dass Hartmanns Buch „Eine andere Art, die Welt zu sehen: Das Aufmerksamkeits-Defizit-Syndrom“ ebenfalls  den ADHS-Oldies gehört. 2009 erschien es bereits in der 12. Auflage. Es gibt Bücher (nicht nur über die ADHS), bei welchen es schwer in Worte zu fassen ist, wieso man sie als gut empfindet. Dazu gehört für mich auch Hartmanns ADHS-Beststeller. Es hat ein „gewisses Etwas“ und wirkt auch mich sehr authentisch und glaubhaft. Der Autor, wohl auch selbst von ADHS betroffen, gehört zu jenen, welche auch die positiven Seiten der ADHS aufzeigen. Es kann sich lohnen, auch bei diesem Buch in die Kundenbewertungen bei Amazon reinzuschauen. Ich empfehle dieses Buch, auch wenn ich nicht alle Positionen des Autors teile. 


Christine Beerwerth

Suche dir Menschen, die dir guttun: Coaching für Erwachsene mit ADS“ ist geschrieben von einer Frau, welche ADHS-Betroffene coacht. Gewiss, auch dieses Buch ist nicht perfekt. Trotzdem gehört es für viele Betroffene und auch für mich zu jenen ADHS-Büchern, welche ganz vorne im Bücherregal stehen. Es enthält zahlreiche praktische Tipps, welche auch von ADHS-Betroffenen umgesetzt werden können. Das hört sich selbstverständlich an, ist es aber nicht. Die Ratschläge vieler Ratgeber für erwachsene Menschen mit einer ADHS funktionieren nur bei Menschen ohne ADHS. Es fehlt ihnen an Spezifik oder sind aus anderen Gründen untauglich (Beispiel). Beerwerts Buch gehört sicher nicht zu dieser Kategorie.

ADHS-Diagnostik Erwachsene | Empfehlungen für Experten


Wollen Sie wissen, wie aus Sicht von Experten
eine ADHS-Untersuchung abläuft? Dann lesen Sie weiter!


Vorbemerkung

  • http://www.adhs.ch/ueber-mich/Die im Folgenden formulierten Empfehlungen und Hinweise zum Workflow bei Untersuchungen von Erwachsenen mit Verdacht auf eine ADHS beruhen auf den im DSM-5 dargelegten diagnostischen Algorithmen sowie auf den langjährigen klinischen Erfahrungen des Verfassers.
  • Diese Empfehlungen verfolgen den Zweck, die Häufigkeit falsch-postiver und falsch-negativer Diagnosen und deren Folgen für Patientinnen und Patienten zu reduzieren. Sie erhebt keinen Anspruch auf Vollständigkeit. Die Hinweise ergänzen den üblichen diagnostischen Workflow, wie er im Rahmen einer klinisch-psychologischen oder psychiatrischen Untersuchung zur Anwendung kommt.
  • Die Informationen richten sich primär an Berufskolleginnen und -kollegen, welche noch über wenig Erfahrung mit Untersuchungen bei Verdacht auf ADHS verfügen.
  • Empfehlungen über den Workflow bei Untersuchungen von Kindern mit Verdacht auf ADHS sind hier zu finden.

Grundsätzliches

        • Erwachsene mit einer ADHS haben in der Regel schon seit Kindheit eine Odyssee von Scheiternserfahrungen hinter sich. Sie sind gezeichnet von Selbstzweifeln und sind ob der nicht enden wollenden Kette von Negativerfahrungen mit ihrer Umwelterschöpft und nicht selten auch traumatisiert. Scham ob ihrem subjektiv unerklärlichem Versagen in Beziehungen, Ausbildung und Beruf ist eines der dominanten Affekte erwachsener ADHS-Betroffener. Viele sind irritierbar und unsicher. Für den Diagnostiker bedeutet dies, dass diese Menschen eines besonders sorgfältigen Umgangs bedürfen. Es soll uns Fachpersonen immer bewusst bleiben, dass jeder Patient uns helfen kann, unser eigenes Verständnis für die ADHS zu vertiefen. Wir lernen immer dazu, unseren Patienten hingegen können wir nicht immer helfen. Bescheidenheit, Offenheit sowie eine gewisse Dankbarkeit haben sich um Umgang mit ADHS-Betroffenen besonders gut bewährt, haben selbstverständlich Gültigkeit im Umgang mit allen Patienten.
        • Eine Untersuchung bei Verdacht auf ADHS sollte „kurz & bündig“, also nicht über Wochen oder Monate erstreckt, erfolgen. Bewährt hat sich folgendes Zeitschema: Erstkontakt mit klinischem Interview und Befunderhebung: ca. 1,5 Std.; neuropsychologischer Status: ca. 3 Std.; Befundbesprechung und Therapieplanung: 1 – 1,5 Std. Der Untersuchungsbericht sollte zeitnah beim Patienten und dem zuweisen Arzt eintreffen (max. 10 Tage nach der Befundbesprechung). Die gesamte Untersuchung inkl. Befundbesprechung und Berichterstattung sollte innerhalb eines Monates erfolgen. Speziell ADHS-Betroffene mit ihren Störungen verschiedener Exekutivfunktionen, empfinden diese „Straffheit“ und das „Tempo“ der Untersuchung als wohltuend. Es ermöglicht ihnen, „am Ball“ zu bleiben. Das erleichtert die Untersuchung ungemein und erhöht die Zuverlässigkeit der Diagnostik erheblich.
        • Die Diagnose einer ADHS ist anspruchsvoll. Hauptgrund ist, dass die Kernsymptome, wie im DSM-5 beschrieben, für sich gesehen unspezifisch sind. Viele psychische Störungen, neurologische und andere Erkrankungen, Schlafstörungen, der Konsum psychotroper Substanzen, pathologischer Bildschirmmedienkonsum, zahlreiche psychosoziale Belastungssituationen sowie medikamentöse Therapien bei anderen Erkrankungen, können einhergehen mit kognitiven Störungen wie Konzentrationsschwächen und Vergesslichkeit sowie mit Problemen mit der Verhaltensregulation und Handlungssteuerung (Impulsivität, Überaktivität, Planungsschwächen). Daher bedeutet eine ADHS-Diagnostik für die Untersucher/-innen immer, vom ersten Patientenkontakt an auch an differenzialdiagnostische Überlegungen zu denken. Cave: Gemäss DSM-5 darf eine ADHS-Diagnose nur dann gestellt werden, wenn alle anderen Ursachen, welche die Problematik erklären können, ausgeschlossen wurden. Das ist keine Kann-, sondern eine Muss-Bedingung.




      • Mit guter wissenschaftlicher und klinischer Evidenz gilt es heute als gesichert, dass die ADHS  meistens von behandlungsbedürftigen komorbiden Störungen begleitet wird. Zu wenig Berücksichtigung findet indes die Tatsache, dass es sich bei den an eine ADHS erinnernden Symptomen auch um Epiphänomene handeln kann. Das heisst, dass die vermeintlichen ADHS-Symptome das neuropsychologische Äquivalent einer andern Psychopathologie darstellen. Das Wissen um die neuropsychologischen Aspekte verschiedenster psychischer Störungen hat sich in Fachkreisen noch nicht gross etabliert. Lesetipp:  Neuropsychologie psychischer Störungen von Stefan Lautenbacher & Siegfried Gauggel.
      • Die ADHS beruht im Kern auf neuropsychologischen Funktionsstörungen (Störungen verschiedener Aufmerksamkeits- und Exekutivfunktionen). Know-how in Neuropsychologie gehört daher zu den Kernkompetenzen von medizinischen und psychologischen Fachpersonen, welche Abklärungen bei Verdacht auf ADHS durchführen.
      • Die ADHS ist eine klinisch zu stellende Diagnose. Das heisst unter anderem, dass weder Symptomchecklisten oder „ADHS-Tests“ klinische Erfahrungen des Diagnostikers ersetzen können. Ohne breites Wissen und praktisches Können im gesamten Bereich der Psychopathologie ist es nicht möglich, eine ADHS zuverlässig zu diagnostizieren.
      • Goldstandard für eine diagnostische Beurteilung bleiben die diagnostischen Algorithmen, wie sie im DSM-5 auch für die ADHS festgeschrieben wurden. Dennoch sollten Diagnostiker auch den gesunden Menschenverstand walten lassen. Es ist nämlich durchaus möglich, dass bei Frauen trotz klarer ADHS-Anamnese und -Klinik nicht alle klinischen DSM-Kriterien  erfüllt sind. Selbstverständlich käme es einem Kunstfehler gleich, in derartigen Fällen von einer ADHS-Diagnose abzusehen.
      • In unklaren Fällen und speziell bei Patientinnen, sollte eine Untersuchung so gestaltet werden, sodass ein Teil der Abklärung durch eine weibliche, der andere Part durch eine männliche Fachperson durchgeführt wird. Fact ist, dass Kolleginnen oft über ein besseres Gespür verfügen als ihre männlichen Kollegen, was ihnen selbstverständlich auch in der Arbeit mit Patienten zugute kommen kann.

 

Anmeldung des Patienten

  • Diagnostik bei Verdacht auf eine ADHS beginnt bereits bei der Anmeldung des Patienten. ADHS-typisch sind: Oftmals kommt es zu Problemen bei der Terminvereinbarung. Zuerst eilt es sehr, dann kommt es infolge syndromtypischem Overload zu Schwierigkeiten bei Finden eines passenden Konsultationtermines. Und nachträglich zu Terminverschiebungen. Tipp: Vereinbarte Termine immer schriftlich bestätigen, Erinnerungs-SMS am Tag vor der Konsultation offerieren, Ablauf-Diagramm oder kurze und klare Informationen über den Untersuchungsablauf sowie Lageplan der Praxis beilegen.
  • Patienten mit Verdacht auf ADHS sollen im Rahmen einer Untersuchung auch aus diagnostischen Gründen so behandelt werden, als würde eine ADHS vorliegen. Liegt  diese Störung nämlich vor, sind die Betroffenen sehr dankbar für das engmaschig geführte Prozedere. Sie fühlen sich verstanden, auch wenn sie das aus Scham nicht immer direkt zum Ausdruck bringen können. Liegt hingegen keine ADHS vor, reagieren die Patienten nicht selten befremdlich, fühlen sich zu eng umsorgt und stehen den ihnen offerierten organisatorischen Hilfen distanziert, ablehnend oder zumindest sehr erstaunt gegenüber.



  • Patienten sollten bereits vor der Erstkonsultation Kopien bisheriger Untersuchungen, Behandlungen oder Klinikaufenthalten zuschicken. Bei Vorliegen einer ADHS treffen diese des öfteren nicht rechtzeitig oder unvollständig ein. So erhöht sich die Chance, dass die Untersucher/-innen wenigstens nach und nach alle nötigen Berichte erhalten.

Klinisches Interview

  • Die Diagnostiker lassen nach der spontanen Problemschilderung die Patienten verschiedene gegenwärtige und frühere sowie sehr konkrete Situationen schildern, in welchen sich (vermeintliche) ADHS-Symptomatik manifestiert haben. Dabei ist nicht nur auf die Symptome an sich, sondern auf deren (mögliche) Auswirkungen auf die Alltagsbewältigung zu achten.
  • Merke: Bei Vorliegen einer ADHS ziehen sich ADHS-Symptome in behindernd starkem Ausmass wie ein roter Faden durch das Leben der Betroffenen. Cave: Die oft einschneidenden und sehr belastenden psychischen oder psychosozialen Folgen der chronifizierten ADHS-Symptomatik können für die Betroffenen dermassen belastend sein, sodass sie die ADHS-Kernsymptome maskieren können (zum Beispiel bei Essstörungen, Burnout, Verschuldung).
  • Im klinischen Interview wird immer der psychische Befund erhoben. Dieser ist jedoch für die ADHS-Beurteilung – und ganz im Gegensatz zum Vorliegen etwa einer Depression – von sekundärer Bedeutung. Menschen mit einer ADHS zeigen bekanntlich in für sie neuen und subjektiv interessanten Situationen – und zu denen gehört (hoffentlich) auch ein klinisches Interview – des öfteren einen insgesamt eher unauffälligen Psychostatus. Trotzdem: Kennzeichnend bei Vorliegen einer ADHS sind diskrete formale Denkstörungen (Gedankenspringen, ausschweifendes Denken/Sprechen), leichte psychomotorische Auffälligkeiten (unter anderem hastiges Sprechen, neurologische Softsigns wie Beinewippen, Onychophagie), sowie Besonderheiten im Kontakt- und Interaktionsverhalten: ADHS-Betroffene sind meistens sehr offen, sagen, was sie denken und neigen (zu) spontanen, undiplomatischen oder distanzlos anmutenden Bemerkungen oder Fragen an die Untersucher/-innen.
  • Menschen mit einer ADHS haben in der Regel einen langen Leidensweg hinter sich. Meistens erfolgten schon mehrere und mehr oder weniger erfolglose Behandlungen. Und immer wieder hörte ich, wie zermürbend es für viele Betroffene war, sich vom Psychiater oder der Psychologin nicht verstanden zu fühlen. Von daher ist es naheliegend, dass Ratsuchende anfangs zurückhaltend sind und nicht immer von Beginn alles Wichtige berichten (zum Beispiel, dass sie bereits Stimulanzien, welche dem eigenen Kind verschrieben wurden, einnehmen). Dies gilt es zu respektieren.
  • Es hat sich aus diagnostischen Gründen bewährt, Patienten mit Verdacht auf ADHS zu empfehlen, einen ADHS-Ratgeber zu lesen (Zwanghaft zerstreut: oder Die Unfähigkeit, aufmerksam zu sein von Edward M. Hallowell und John Ratey). Menschen ohne ADHS empfinden dieses Buch eher als langweilig oder uninteressant. Die vielen Wiederholungen stören sie. Anders ADHS-Betroffene: Selbst jene, welche es bisher nie schafften, ein Buch zu Ende zu lesen, sind von den Fallvignetten und Hallowells Erläuterungen berührt. Sie schätzen seinen Schreibstil. Endlich, so hörte ich immer wieder, liefere ihnen dieses Buch Worte, welche beschreiben, was sie fühlen.

Anamnesen

Neben der aktuellen Anamnese, welche im klinischen Interview erhoben wird, ist es speziell bei Verdacht auf ADHS von besonderer Bedeutung, dass sehr ausführliche Anamnesen erhoben werden. Grund ist, dass bei Vorliegen einer ADHS syndromtypische Probleme sich wie ein roter Faden durch das Leben der Betroffenen ziehen. Ohne gründlichst erhobene Anamnesen ist dieser Aspekt durch den Diagnostiker nicht beurteilbar.

  • Biografische Anamnese, Sozialanamnese, Ausbildungs- und Berufsanamnese: Bewährt hat sich, wenn Patienten einen Lebensbericht verfassen, welcher auch Informationen zu den oben erwähnten Punkten liefert. In jedem Fall sollen Kopien der Schulzeugnisse (auch der Grundschule), sowie Ausbildungs- und Arbeitszeugnisse beigebracht werden. Merke: Bei Vorliegen einer ADHS zeigt sich Syndromtypisches seit Kindheit und in nahezu allen Lebensbereichen. Und dies nahezu durchgehend, also nicht phasenweise oder episodisch.
  • Krankenanamnese: Patienten sollen Kopien aller vorliegenden Berichte bisheriger Abklärungen und Behandlungen beibringen.
  • Familienanamnese: Zur Erhebung der Familienanamnese kann dem Patienten ein Vordruck zur Erstellung eines Genogramms ausgehändigt werden. Relevant bei Blutsverwandten sind Informationen zu Erkrankungen, Beruf, sozialem Status und Charakterzügen. Bewährt hat es sich, wenn die Patienten – sofern noch möglich und machbar – den Stammbaum zusammen mit den Eltern oder einem Elternteil erstellen. Das Einbeziehen alter Fotografien mit Bildern von Angehörigen erleichtert es den Eltern, sich an die verschiedenen Verwandten und deren Geschichte zu erinnern. Aufgrund der hohen familiären Häufung der ADHS ist bei ADHS-unauffälligen Familienanamnesen auch bei erhärtetem Verdacht auf ADHS besonders gut zu prüfen, ob der Problematik nicht eine andere Genese zugrunde liegt. Aus meinen Erfahrungen weisen ADHS-Betroffene in nahe zu allen Fällen eine ADHS-positive Familienanamnese auf.



  • Fremdanamnesen: Unerlässlich sind zudem Fremdanamnesen. Wenn möglich und machbar, sollen auch erwachsene Patienten ihre Mütter bitten, einen Bericht über ihre Kindheit (also jene der Patienten) zu verfassen. Wenn das nicht möglich ist, sollen Patienten die Eltern oder etwa ältere Geschwister befragen und die Angaben schriftlich festhalten. Relevant sind aber aktuelle Fremdanamnesen, etwa durch die Partnerin oder den Partner. In Einzelfällen macht es durchaus Sinn, direkte Angehörige persönlich zu interviewen. Am Besten hat sich bewährt, wenn die betreffenden Personen vom Patienten gebeten werden, einen kurzen Bericht über ihn zu verfassen (Charakterzüge, positive und negative Eigenschaften usw.).
  • Menschen mit ADHS-Problemen benötigen meist klare Anweisungen, was sie wie und bis wann zu erledigen haben. Bewährt hat sich, den Patienten während der ersten Konsultation eine Liste mit allem zu Erledigendem (plus Details) mitzugeben.

Gewohnheiten / Noxen

Selbstverständlich wird auch bei Verdacht auf eine ADHS immer sehr sorgfältig erhoben, wieviel Alkohol die Patienten gegenwärtig und früher konsumier(t)en, ob sie rauch(t)en und welche weiteren psychotropen Substanzen eine Bedeutung zukommt. Die Patienten sollen eine Liste aller Medikamente (inkl. Dosierungsschema) beibringen, welche sie aktuell und während des letzten halben Jahres eingenommen haben. Immer ist auch an einen Medikamentenabusus (und dessen kognitive Auswirkungen) zu denken.



Standardisierte Diagnostik

Klinik: Es liegen mittlerweile auch im deutschsprachigen Raum eine ganze Reihe diagnostischer, empirisch überprüfter ADHS-Screenings vor. Zum Beispiel die „Homburger ADHS-Skalen für Erwachsene“ (HASE). Die grosse Schwachstelle aller mir bekannten, standardisierten ADHS-Checklisten ist, dass keine klinischen Stichproben vorlagen. Es wurde also nicht überprüft, wie beispielsweise Patienten mit Depressionen oder Angststörungen diese Fragebögen beantworten. Das reduziert die Aussagekraft der geläufigen ADHS-Checklisten ganz gewaltig. In anderen Worten: Wenn tatsächlich eine ADHS vorliegt, zeigen diese „Test“ eine hohe Trefferquote. Sind die Symptome hingegen Ausdruck einer anderen Erkrankung, kann es leicht zu falsch-positiven ADHS-Diagnosen kommen. Und zwar immer dann, wenn der Diagnostiker nicht weiss, dass Screening-Instrumente zwar sehr sensitiv, aber dafür nicht spezifisch sind. Für die Absicherung eines klinischen Verdachtes auf ADHS sind Screening-Instrumente definitiv untauglich.
Aufgrund des zeitlich eng gesteckten Rahmens  von Untersuchungen können zwecks Diagnostik/Differenzialdiagnostik Tests zur Erfassung von psychopathologischen Symptomen und Persönlichkeitsaspekten zum Einsatz kommen. Für Ersteres eignet sich die SCL-90®-S, für Lezteres das TIPI.

Neuropsychologie

Zwecks Differenzialdiagnostik ist eine neuropsychologische Untersuchung unerlässlich. Zu oft kommt es immer noch vor, dass primär neuropsychologische Funktionsstörungen nicht erfasst werden. Das gilt auch für neuropsychologische Entwicklungsstörungen (Buchtipp).

 

Wie zum Beispiel eine seit der Kindheit bestehende Merkfähigkeitsschwäche oder eine nonverbale Lernstörung (Buchtipp), deren Symptome ohne neuropsychologische Tests leicht mit einer ADHS verwechselt werden können (und in der Folge falsch behandelt werden). Zudem geht es um das Erkennen von allfällig vorhandenen komorbid zur ADHS vorliegenden neuropsychologischen Störungen, welche therapeutisch relevant sein könnten.

 

Neuropsychologische Verlaufsdiagnostik

Eine neuropsychologische Untersuchung gehört auch deshalb bei Verdacht auf ADHS zur Basis-Untersuchung, weil Störungen der Impulskontollle, welche unter anderem auch für eine ADHS charakteristisch sind, testpsychologisch sehr gut objektiviert werden können (unter anderem in Go/Nogo-Tests).

Im Behandlungsverlauf ermöglichen neuropsychologische Verlaufskontrollen eine effiziente Beurteilung der Wirkung therapeutischer Massnahmen (insbesondere bei der Behandlung mit Stimulanzien). Und war bei Kindern und Erwachsenen. Stimmt die medikamentöse Therapie (Wahl des Medikamentes, Dosierung, Kombinantionsbehandlungen), so liegen die Werte des Go/Nogo-Test (sowie Tests, welche andere Exekutivfunktionen prüfen) – im Gegensatz zu den Resultaten der Eingangsuntersuchung – in den allermeisten Fällen im „grünen Bereich“. Selbstverständlich wirken die besser funktionierenden Exekutivfunktionen sich dann auch im Alltag der Patienten wohltuend aus.

Eine Testung bleibt infolge des hierzu erforderlichen Wissens und Könnens ADHS-erfahrenen Neuropsychologen vorbehalten.

Externe Diagnostik

Die Patienten sollen hausärztlich untersucht werden. Dabei sollte auch ein kursorischer Neurostatus erhoben werden, ein Routinelabor erfolgen (Blutbild, Leberwerte, Ausschluss von Funktionsstörungen der Schilddrüsen und allfälliger Mangelzustände). Da bei Vorliegen einer ADHS in der Regel eine Therapie mit Stimulanzien angezeigt ist, sollten durch den Hausarzt auch allfällige kardiologische Probleme ausgeschlossen werden. Gegebenenfalls wird der Hausarzt ein kardiologisches Konsilium einholen. Die ärztlichen Befunde finden dann auch im Untersuchungsbericht Erwähnung.

Diagnosestellung

  • Nicht immer lassen sich die Befunde und die Anamnesen eindeutig einer DSM-5 Störung zuordnen. Das kommt sogar recht häufig vor und stellt in therapeutischer Hinsicht normalerweise auch kein Problem dar. Immerhin behandeln wir Menschen mit ihren je subjektiven Beschwerden und keine abstrakten Diagnosen aus dicken Büchern. In unklaren Fällen tun Diagnostiker ihren Patienten keinen Gefallen, wenn sie die Diagnose zurechtbiegen oder „frisieren“. Vielmehr sollte auf Grundlage der Befunde die Problematik und ihre Auswirkungen bei der Alltagsbewältigung so prägnant wie möglich beschrieben werden. Eine präzise Dokumentation auch der diagnostischer Unstimmigkeiten kann es ermöglichen, dass ein anderer Untersucher zu einem späteren Zeitpunkt den „roten Faden“ einer Problematik verstehen kann.
  • Besteht eine gewisse Evidenz für eine ADHS-Diagnose kann man es auch bei einer Verdachtsdiagnose belassen.

Berichterstellung

Eine ausführliche Dokumentation der Diagnosen, der erhobenen Befunde und der Anamnesen ist auch bei Vorliegen einer ADHS selbstverständlich. Dabei ist immer zu berücksichtigen, dass präzise und differenzierte Untersuchungsberichte dereinst auch in einem anderen Zusammenhang bedeutsam werden könnten (zum Beispiel bei Fragen einer Berentung oder andern Versicherungsfragen). Ein Untersuchungsbericht ist ein wichtiges Dokument und bedarf allein daher schon bei seiner Erstellung grosser Sorgfalt.

Fallsupervision / Intervision

Heute ist es so, dass auch klinisch erfahrene Kolleginnen und Kollegen von den Möglichkeiten einer ADHS-spezifischen Fallsupervision Gebrauch machen. Eine Teilnahme an Intervisionsgruppen ist ebenfalls sehr sinnvoll, scheitert aber meistens am Fehlen derselben.




Weitere Tipps von Kolleginnen und Kollegen

Wer weitere Aspekte zu Inhalt und Ablauf einer zielführenden und effizienten Abklärung bei Verdacht auf ADHS beitragen möchte, kann sich hier melden. Ich werde dann zur gegebenen Zeit diesen Text entsprechend ergänzen.

Liste mit ADHS-Fachpersonen

Hier finden Interessierte eine Liste mit Fachpersonen, welche mit der ADHS-Problematik sehr gut vertraut sind und über mehrere Jahre Berufserfahrung verfügen. Die ADHS-Fachliste nimmt nachweislich qualifizierte ADHS-Fachpersonen aus den Bereichen Psychologie, Psychiatrie, Pädiatrie und Lerntherapie auf. Voraussetzungen für die Aufnahme in die Fachliste Psychologie / Psychiatrie /Pädiatrie: Hochschulabschluss (Medizin/Psychologie) sowie mehrjährige klinische Danke für diese Infos!Erfahrung mit ADHS-Patientinnen und -Patienten. Voraussetzungen für die Aufnahme in die Fachliste Lerntherapie: Anerkannte Lerntherapieausbildung sowie Berufserfahrungen mit ADHS-Betroffenen Kindern/Jugendlichen von wenigstens einem Jahr. Weiterbildungsnachweis bezüglich ADHS und/oder Nachweis einer AHDS-spezifischen Supervision. Voraussetzung für die Aufnahme von ADHS-Fachpersonen aus anderen Berufszweigen: Auf Anfrage. In die ADHS-Fachlisten werden auch Institutionen aufgenommen, welche nachweislich qualifiziert mit ADHS-Betroffenen arbeiten (z.B. Privatschulen). Interessierte Fachpersonen können sich hier melden: Anmeldung.


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Dieser Text ist urheberrechtlich geschützt.
Er wurde letztmals aktualisiert am 11.10.2017.
© Piero Rossi




Zerstreut, gereizt, leicht ablenkbar – ADHS im Erwachsenenalter


ADHS auch im Erwachsenenalter? Bei Erwachsenen? Welches sind die Symptome? Voran erkenne ich, ob bei mir selbst oder bei meinem Partner eine ADHS vorliegt? Was hilft wirklich? Lesen Sie weiter!


Piero Rossi. Erstmals erschienen in Psychoscope 2001.

Einleitung


http://www.adhs.ch/ueber-mich/Vom Träumerchen
zur Chaosprinzessin – vom Hans Guck-in-die-Luft zum zerstreuten Professor: Die Annahme, die Aufmerksamkeitsdefizit-/Hyperaktivitätsstörung (das frühere „POS“) betreffe nur Kinder, nicht aber Erwachsene, gilt als überholt.

Die Aufmerksamkeitsdefizit-/Hyperaktivitätsstörung (ADHS) gilt als häufigste psychische Störung des Kinder- und Jugendalters. Zentrale Merkmale sind Störungen der Aufmerksamkeit sowie fakultativ Impulsivität und Hyperaktivität. Betroffen sind rund vier Prozent aller Kinder. Seit der Einführung der medikamentösen Therapie mit Amphetaminpräparaten bei verhaltens- und lerngestörten Kindern durch das Forscher- und Erzieherehepaar Bradley im Jahre 1937 sind die mit der ADHS verknüpften Symptome und Verhaltensstörungen sowie deren Ursachen und Behandlungsmöglichkeiten bis heute Gegenstand reger wissenschaftlicher Forschungstätigkeit.

POS, HKS, ADD, AHDS …?

In der Schweiz wurde für diese Störung lange der Begriff „frühkindliches psychoorganisches Syndrom“ (POS), in Deutschland der Terminus „hyperkinetisches Syndrom“ (HKS) verwendet. Gestützt auf die Definitionen der statistischen und diagnostischen Klassifikationssysteme psychischer Störungen (DSM-IV und ICD-10) etabliert sich in den letzten Jahren auch in deutschsprachigen wissenschaftlichen Publikationen der in den USA seit zwanzig Jahren verwendete Begriff der ADHD (Attention Deficit Hyperacitivity Disorder) oder zu Deutsch: ADHS.

ADHS auch bei Erwachsenen

In Europa gilt die ADHS als eine auf das Kindes- und Jugendalter beschränkte psychische Erkrankung. Auch in der Schweiz dominiert die Ansicht, wonach das „POS“ – konzipiert als Folgen einer minimalen Cerebralparese und eines kortikalen Reifungsmangelsyndroms – sich mit der Pubertät auswachse.

Anders ist die Situation in den USA, wo sich Wissenschaftler/-innen seit über 30 Jahren mit der ins Erwachsenenalter persistierenden ADHS befassen. Anfang der 70er Jahre wandte sich Paul Wender, einer der weltweit führenden ADHS-Spezialisten, in den USA intensiv der Erforschung der ADHS bei Erwachsenen zu. Prospektive Studien an hyperaktiven und aufmerksamkeitsgestörten Kindern ergaben, dass bei rund 50 Prozent der betroffenen Kinder klinisch relevante Symptome der ADHS auch im Erwachsenenalter fortbestanden.

Die Prävalenz der ADHS im Erwachsenenalter wird heute je nach Studie und angewandten Kriterien zwischen drei und fünf Prozent veranschlagt. Bei der ADHS des Erwachsenenalters handelt es sich somit um eine recht häufig auftretende psychische Störung. Im Hinblick auf die Geschlechterverteilung geht man heute davon, dass Frauen und Männer von der ADHS gleichermassen betroffen sein können.



Ablenkbarkeit, Vergesslichkeit

ADHS-Betroffene gelten – wie meistens schon in der Schule – in Ausbildung, im Berufs- oder Privatleben als unkonzentriert, auffallend vergesslich und unorganisiert (zerstreuter Professor). Vor allem bei einfachen Handlungen kommt es zu vielen Flüchtigkeitsfehlern. Routinetätigkeiten erfordern übermässig Anstrengung und Konzentration und werden wenn immer möglich gemieden. Vielen bereitet auch der flexible Wechsel des Aufmerksamkeitsfokus Mühe: Haben sie einmal eine Handlung begonnen, bleiben sie leicht haften und reagieren bei Störungen gereizt. Andere wiederum bekunden beim Zuhören vor allem dann grosse Mühe, wenn jemand längere Zeit von subjektiv uninteressanten Dingen berichtet.



Sie haben Schwierigkeiten, bei reizarmen, monotonen oder langweiligen Handlungen (auch beim Zuhören oder Lesen) bei der Sache zu bleiben. Sie sind leicht ablenkbar durch äussere und innere Reize. Trotz guter Intelligenz bekunden auch erwachsene ADHS-Betroffene oftmals Probleme beim Lernen: Wie schon in der Schule begreifen sie etwas entweder sofort oder gar nicht beziehungsweise nur unter grössten Anstrengungen. Bei für sie langweiligen Themen sinkt ihre Aufnahme- und Lernfähigkeit gegen Null. Folgen sind beispielsweise, dass sich Partner-/innen nicht ernst genommen fühlen („Nie hörst du mir zu!“); in Ausbildung und Arbeit werden wichtige Informationen überhört und verpasst.

Organisationsprobleme

Im Erwachsenenalter haben Frauen und Männer mit einer ADHS ein schlechtes Zeitgefühl, verspäten sich häufig oder trödeln und erledigen Dinge entweder gar nicht oder nur auf den letzten Drücker. Sie verpassen oft Termine und Zahlungsfristen. Vielfach sind sie auch sehr unordentlich und unorganisiert, beginnen Arbeiten, ohne diese zu beenden, wechseln von einer Aufgabe zur andern und wirken auf andere unzuverlässig und chaotisch. Da viele gleichzeitig mehr Projekte am Laufen haben, als sie vertragen können, leben sie meistens in einem Dauerstress. Einige ADHS-Betroffene kompensieren ihre Schwierigkeiten durch einen rigiden und zwanghaften Lebensstil.

Hyperaktivität/Impulsivität im Erwachsenenalter

Andere ADHS-Betroffene sind wie hyperaktive Kinder ständig in Bewegung, immer auf dem Sprung, trommeln häufig mit den Fingern oder wippen ständig mit den Füssen. Sie sind eigentlich fast immer unruhig und innerlich oder äusserlich überdreht, vermögen wie Kinder nicht zu warten und sitzen zu bleiben, können sich kaum entspannen, suchen Stimulation durch den Konsum grosser Mengen koffeinhaltiger Getränke und selbst in Streitereien oder gefährlichen Situationen (zum Beispiel Risikosport, Glücksspiel, schnelles Fahren mit dem Auto). Viele kauen Fingernägel, wirken nervös und sind insgesamt ungeduldig und sprunghaft.

Nicht selten leiden sie an Logorrhoe (krankhafte Geschwätzigkeit) oder fallen auf, weil sie anderen ständig ins Wort fallen. Es ist, als versage bei ihnen die innere Bremse. Auch beim Essen oder beim Nachdenken können sie oft nicht stoppen: „Es“ denkt ständig, berichten ADHS-Betroffene. Sie neigen zu Grübeleien und leiden darunter, dass sie innerlich nie Ruhe finden, ständig irgendetwas studieren müssen (was regelmässig auch mit chronischen Einschlafstörungen verbunden ist) oder sprechen vom „Lärm im Kopf“. Häufig und oft spontan wechseln ADHS-Betroffene infolge ihrer Impulsivität die Arbeitsstelle, das Hobby oder das Auto und halten es in Beziehungen nie lange aus.




Niedrige Frustrationstoleranz und emotionale Instabilität

Die bei der ADHS herabgesetzten Wahrnehmungsschwellen bewirken, dass die Betroffenen sensorisch leicht überflutet und daher oft chronisch überfordert sind, ihre Sinneseindrücke und Erlebnisse kohärent zu integrieren und umzusetzen. Sie reagieren emotional sehr empfindlich auf Umgebungsreize und tragen von Kind an ein erhöhtes Risiko für seelische Traumatisierungen. Bei Jugendlichen und Erwachsenen kann sich die eingeschränkte Reizfilterung darin zeigen, dass sie sich von eigentlich machbaren Dingen chronisch und unverhältnismässig schnell überfordert und gestresst fühlen. Andere neigen dazu, sich ständig in Kleinigkeiten oder Details zu verlieren und geraten dadurch in Druck und Stress.

Erschöpfungsdepressionen, Nebelgefühle, eine demoralisierte Stimmung und neurasthenische Störungsbilder sind vielfach Folgen dieser chronischen Reizüberflutung. Erwachsene ADHS-Patienteninnen und -Patienten sind emotional meist auffallend reizbar, zeigen eine verminderte Frustrationstoleranz, erleben Gefühle viel ungebremster als andere und zeigen häufig rasche Stimmungswechsel reaktiver Art. Zu einer wirklich euthymen Stimmungslage sind sie normalerweise nicht fähig. Die niedergeschlagene und depressive Stimmung wird als Langeweile oder Unzufriedenheit beschrieben und kann sich bis hin zu depressiven Zustandsbildern entwickeln.

Die klinische Symptomatik speziell bei Frauen

Viele der Untersuchungen zu Symptomatik und Verlauf der ADHS wurden bisher mit Knaben oder ohne Einbezug des unaufmerksamen Typus der ADHS durchgeführt. Die Feststellungen, wonach die ADHS vorwiegend das männliche Geschlecht betreffe, werden so immer wieder neu festgeschrieben. Selbstverständlich sind auch Mädchen und Frauen von der ADHS betroffen: Bei ihnen findet man häufig den unaufmerksamen Typus der ADHS. Ablenkbarkeit, starke Tagträumereien, Affektlabilität oder chronische dysphorische Stimmungen werden vielfach als Symptome der Pubertät fehlinterpretiert.

Diese typischen Merkmale der ADHS fallen bei einigen Mädchen erst mit Beginn der Pubertät oder noch später auf. Als Gründe werden sozialisationsspezifische Besonderheiten sowie ein hormoneller Einfluss des Östrogens vermutet. Ein plötzlicher Leistungseinbruch eines bis dahin strebsamen und braven Mädchens oder radikale Änderungen im Verhalten (zum Beispiel Dropout in die Drogenszene, anorektisches oder selbstverletzendes Verhalten) sollten nicht nur an sexuelle Ausbeutung, sondern auch an eine mögliche ADHS denken lassen. Als charakteristisch bei Frauen mit einer ADHS gelten unter anderem das vermehrte, ins Erwachsenenalter persistierende und teils heftige Auftreten von prämenstruellen Beschwerden oder eine mensesabhängige Migräne.




Diagnostische Kriterien

Zur Objektivierung und Operationalisierung der Diagnostik der AHDS stellen die weltweit gültigen Klassifikationssysteme psychischer Störungen (DSM-IV und ICD-10) auch für die ADHS diagnostische Kriterien bereit, welche eine auf wissenschaftlichen Evidenzen basierende und zuverlässige Diagnostik dieses Störungsbildes ermöglichen.

Schon 1980 führten Feldforschungen dazu, dass die Amerikanische Psychiatrische Gesellschaft in der dritten Version des DSM die Bezeichnung „Hyperkinetische Störung“ durch „Attention Deficit Disorder“ ersetzte und damit Probleme mit der Konzentration und Aufmerksamkeit in den Mittelpunkt dieses Störungsbildes setzten. Epidemiologische Studien, welche in den USA zwischen 1995 und 1997 durchgeführt wurden, zeigten, dass die Prävalenz der unspektakulären und leisen Erscheinungsform des unaufmerksamen Typus der ADHS rund doppelt so häufig vorkommt, wie der gemeinhin bekannte hyperaktive Typus der ADHS.

Die heute aktuelle Version des DSM-IV von 1994 erlaubt die Diagnose von drei Subtypen der ADHS, nämlich des vorwiegend unaufmerksamen, des vorwiegend hyperaktiven sowie des Mischtypus. Zentrale Kriterien sind:

Unaufmerksamkeit

Neun DSM-IV-Kriterien beschreiben ausgeprägte kognitive Probleme bezüglich Ablenkbarkeit, der Aktivierung, Ausführung und Vollendung von Aufgaben und Arbeiten, der Beachtung von Details, Vergesslichkeit sowie Schwierigkeiten bei dem Aufrechterhalten von Handlungen, welche Daueraufmerksamkeit erfordern.

Hyperaktivität, Impulsivität

Weitere neun (für die Diagnose der ADHS jedoch fakultative) Kriterien beschreiben motorisch unruhiges, hyperaktives, ungeduldiges und impulsives Verhalten.

Die diagnostischen Kriterien des DSM-IV verlangen zudem obligat, dass einige der Symptome der Unaufmerksamkeit oder Hyperaktivität, welche Beeinträchtigungen verursachen, bereits vor dem Alter von sieben Jahren auftreten müssen. Kurz nach Publikation der DSM-IV wurde das Alterskriterium von führenden ADHS-Forschern allerdings bereits wieder in Frage gestellt: Beim unaufmerksamen Typus der ADHS, bei sehr intelligenten Kindern und bei Mädchen können sich erste Symptome der ADHS nämlich durchaus erst später manifestieren.

Weitere für eine ADHS-Diagnose obligate Kriterien sind, dass Symptome der ADHS in mehreren Lebensbereichen auftreten, die persönliche Entwicklung nachhaltig und chronisch behindern, eine klinisch relevante Beeinträchtigung darstellen und durch andere psychische Störungen nicht besser erklärt werden können.

 

Assoziierte Störungen

Durch ihren Basischarakter und den frühen Beginn können auch diskrete Störungen der Aufmerksamkeits-, Gedächtnis- und Selbstkontrollfunktionen die Entwicklung und soziale Anpassung eines Kindes nachhaltig erschweren. Um  ADHS im Erwachsenenalter zu verstehen, muss man sich vergegenwärtigen, dass die persistierenden Grundsymptome der ADHS mit fortschreitendem Alter immer mehr von Lebenserfahrungen und reaktiven psychischen Störungen überformt sein können.

Das Wechselspiel zwischen persönlichen Ressourcen, diskreten neuropsychologischen Funktionsstörungen und psychosozialen Bedingungen kann sich zu schulischem und beruflichem Versagen, psychischen Erkrankungen und zu anderen menschlichen Schicksalen hochschaukeln. Die sekundären psychischen und psychosozialen Folgen der ADHS können bei Erwachsenen derart ausgeprägt, überkompensiert, facetten- und variantenreich sein, dass sie die zugrunde liegende Grundstörung häufig regelrecht verdecken.

Schliesslich können auch die psychosozialen Folgen der ADHS ihrerseits erhebliche Belastungsfaktoren darstellen (soziale Isolation, berufliches Versagen, Verschuldung, Trennungen usw.) und einen persönlich befriedigenden Lebensvollzug der Betroffenen nachhaltig behindern.

Untersuchungen zeigen, dass bei rund drei Viertel der ADHS-Betroffenen im Erwachsenenalter komorbid psychische Störungen bestehen. Dazu gehören unter anderem affektive Störungen, Ess- und Suchtstörungen, Angst- aber auch Zwangsstörungen, Borderline-ähnliche Störungsbilder, psychosomatische Erkrankungen aber auch Fibromyalgie oder multiple Allergien. Häufig zeigen sich auch therapieresistente Schlafstörungen oder eine erhöhte Unfallneigung.




Neurobiologische Ursachen

Heute gilt es als wissenschaftlich weitgehend anerkannt, dass die ADHS primär auf einer genetisch bedingten neurochemischen Dysfunktion der Katecholamine im frontostriatalen System basiert. Einer Dysfunktion im dopaminergen Stoffwechsel kommt dabei eine zentrale Bedeutung zu. Folgen des verminderten Hirnstoffwechsels sind Störungen im Bereich der behavioralen Inhibition (Verhaltenshemmung, Impulskontrolle), der Reizwahrnehmung und -verarbeitung, der Selbststeuerung sowie der emotionalen Regulation. Bei der ADHS liegen mehr oder weniger diskrete neuropsychologische Dysfunktionen im Bereich der sogenannt Exekutivfunktionen sowie des Arbeitsgedächtnisses vor.

Damit sind grundlegende mentale Prozesse höherer Ordnung gemeint, welche unter anderem für die Aufmerksamkeit und die Aufmerksamkeitsaktivierung, das Planen, das Zeitgefühl, das Initiieren und die Hemmung von Impulsen und Handlungen, die Handlungskontrolle an sich, die Informationsanalyse und -verarbeitung, das Problemlösen, die Vigilanz/Wachheit, die emotionale Regulation sowie für weitere komplexe kognitive Funktionen verantwortlich sind. Frühere Erklärungsansätze, wonach die ADHS-Symptomatik primär auf Ernährungseinflüsse zurückgeführt wurde, konnten in kontrollierten Studien nicht bestätigt werden.

Diagnostik der ADHS

Zentral ist neben der Befundaufnahme die Erhebung einer differenzierten Entwicklungs- und Eigenanamnese. Auch bei Erwachsenen erfolgt wegen dem obligat frühen Krankheitsbeginn wenn immer möglich eine fremdanamnestische Befragung der Mutter oder von Angehörigen. Da einzelne Symptome der ADHS bei vielen anderen internistischen, neurologischen, psychischen oder posttraumatischen Störungen auftreten können und in moderater Ausprägung zum Repertoire menschlicher Verhaltensweisen schlechthin gehören, spielen sorgfältige differenzialdiagnostische Erwägungen eine besonders bedeutsame Rolle.

Die Grundsymptome der ADHS, wie sie im DSM-IV definiert sind, müssen sich wie ein roter Faden (also nicht nur periodisch, wie etwa im Zusammenhang mit depressiven Episoden) durch das ganze Leben der Betroffenen ziehen und zu einer nachhaltigen Behinderung der persönlichen, psychischen, zwischenmenschlichen und beruflichen Entfaltung führen.

Standardisierte diagnostische Fragebögen wie die „Wender Utah Rating Scale“ oder die „Brown ADD Scales“ ergänzen die Anamneseerhebung. Da die ADHS familiär gehäuft auftritt, ist immer auch eine ausführliche Familienanamnese zu erheben. Mit einer leistungs- und neuropsychologischen Diagnostik können diskrete Störungen im Bereich der Aufmerksamkeits- und Gedächtnisfunktionen oft eindrücklich objektiviert werden. Schliesslich muss eine internistische Untersuchung organische Ursachen (Funktionsstörungen der Schilddrüse, neurologische Erkrankungen usw.) ausschliessen.

 

Zur Therapie der ADHS

Bei der Behandlung Erwachsener mit einer ADHS ist wie auch bei Kindern und Jugendlichen eine individuell abgestimmte medikamentöse Therapie mit Stimulanzien das erste Mittel der Wahl. Das zeigen klinische Erfahrungen, die durch zahlreiche Placebo-kontrollierten Doppelblindstudien bestätigt werden konnten. In Europa wird in erster Linie Methylphenidat eingesetzt: Das 1944 in der Schweiz entwickelte und seit 1954 auf dem Markt befindliche Ritalin gilt als sehr gut erforschtes, wirksames und nebenwirkungsarmes Medikament.

Stimulanzien normalisieren unter anderem den dopaminergen Stoffwechsel und stabilisieren dadurch im Sinne einer „chemischen Brille“ die zerebralen Filter- und Hemmfunktionen und optimieren so die Regulations-, Reizselektions- und Aufmerksamkeitsmechanismen sowie die Selbststeuerungsfunktionen.

Teilweise wird bezüglich der Behandlung mit Stimulanzien in Laienkreisen sowie von Sekten und fundamentalistische Gruppierungen immer noch eine Suchtgefahr postuliert. Alle wissenschaftlichen Untersuchungen der letzten Jahrzehnte konnten – eine korrekte Indikationsstellung und Dosierung vorausgesetzt – eine Toleranzentwicklung indes nicht bestätigen. Je nach Vorliegen und Ausprägung der komorbiden Störungen kommen im Rahmen der Therapie zusätzlich auch SSRI oder andere Antidepressiva zum Einsatz. Bei Frauen kann zudem eine hormonelle Substitionsbehandlung indiziert sein.

Zur Behandlung der psychischen Folgen der ADHS (zum Beispiel Selbstwert-, Identitäts- und Beziehungsproblematik) sowie der komorbiden Störungen sind in vielen Fällen psychotherapeutische Massnahmen indiziert. Methoden mit kognitiv-verhaltenstherapeutischem Schwerpunkt bewähren sich dabei besonders gut. Psychotherapien sind keine Alternativen zur medikamentösen Behandlung. Sie können sie ergänzen, nicht aber ersetzen.

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Literatur

  • Barkley, R. (1998). Attention-Deficit Hyperactivity Disorder: A Handbook for Diagnosis and Treatment. New York: Guildford.
  • Wender, P. (1995). Attention Deficit Hyperactivity Disorder in Adults. Oxford University Press.
  • Brown, T.E. (2000). Attention-Deficit Disorders and Comorbidities in Children, Adolescents and Adults. Washington: American Psychiatric Press.
  • Hallowell, E. M., Ratey, J. (1998). Zwanghaft zerstreut oder Die Unfähigkeit, aufmerksam zu sein. Reinbeck: Rowohlt.
  • Rossi P. & Winkler M. (2001). ADD-Online. URL: http://www.psychologie-online.ch/add. Inhalt: Beiträge zur Ätiologie, Diagnostik und Therapie der Aufmerksamkeitsdefizit-/Hyperaktivitätsstörung bei Erwachsenen, Jugendlichen und Kindern.
  • Rossi P. (2001). Aufmerksamkeitsdefizit-/Hyperaktivitätsstörung – auch bei Hochbegabten? In: Deutsche Gesellschaft für das hochbegabte Kind e.V. (Hrsg.). Im Labyrinth. Hochbegabte Kinder in Schule und Gesellschaft. Münster: Lit Verlag.

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Therapie statt Ideologie – Eine praxisrelevante Bestandsaufnahme zur ADHS bei Erwachsenen


Es geht um ADHS bei Erwachsenen (Symptome, Therapie,
gesellschaftliches Verständnis). 
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Piero Rossi mit Susanne Bürgi. Erschienen erstmals in Psychoscope 11/2009

ADHS bei Erwachsenen

In zahlreichen aktuellen Medienberichten wird die Aufmerksamkeitsdefizit-/Hyperaktivitätsstörung (ADHS) als unheilvolle Modeerscheinung dargestellt. Sie sei die Folge gesellschaftlicher Reizüberflutung und erzieherischer Defizite.

Immer lauter wird die medikamentöse ADHS-Therapie diskreditierend in einen Zusammenhang mit Hirndoping und Neuro-Enhancement gebracht. Besonders befremdend klingen die Positionen der anonym operierenden Organisation „ADHS-Schweiz“, welche der ADHS jegliche Evidenz absprechen. Betroffene, Angehörige und Fachpersonen sind ob der zahlreichen unsachlichen Medienberichte zur ADHS verunsichert: Sind ADHS-Verhaltensstörungen in Wahrheit Ausdruck und Folge komplexer, frühkindlicher Bindungsprobleme? Oder ist die ADHS ein typisches Produkt des „Neurokapitalismus“ (Jokeit & Hess, 2009)? Wurden wir Opfer raffinierter Marketingstrategien der Pharmaindustrie? Ist Ritalin gar ein „Verbrechen“ (Feuser, 2009)?

Was soll man glauben?

Evidenz der ADHS

Wer ADHS-betroffene Menschen persönlich kennt und ihnen psychotherapeutischen Beistand leistet, dem erscheinen die ideologischen und zum Teil fundamentalistisch anmutenden Glaubenskämpfe über die Ursachen und gesellschaftlichen Hintergründe der ADHS obsolet und fern jeglicher praktisch-therapeutischer Relevanz.

Im klinischen Alltag stehen wir vor ganz anderen Herausforderungen. Diese gelten in erster Linie einer möglichst optimalen Behandlung der betroffenen Patientinnen und Patienten: Ob die ADHS nun die typische Krankheit der Postmoderne darstellt oder ob die Gewinne der Pharmaindustrie infolge steigenden Absatzes von Stimulanzien noch höher ausfallen als sonst, interessiert im klinischen Alltag angesichts der vielfach guten therapeutischen Wirkung dieser Medikamente niemanden. Für die Betroffenen und deren Angehörige sowie für Fachpersonen, welche mit ADHS-Patientinnen und -Patienten arbeiten, kommt der ADHS dieselbe Evidenz zu wie Angststörungen und anderen psychischen Erkrankungen.




Bei Kindern, aber auch eine unbehandelte ADHS bei Erwachsenen ist eine sich in verschiedenen Lebensbereichen manifestierende, chronisch verlaufende und ernste psychische Störung. Sie hat weitreichende Konsequenzen für die Patientinnen und Patienten sowie deren Angehörige und verursacht hohe volkswirtschaftliche Kosten. Betroffen sind neben Kindern und Jugendlichen 3,7 % aller Erwachsenen beiden Geschlechts (1:1). ADHS bei Erwachsenen kommt somit keine seltene psychische Störung.

Leben mit einer ADHS

Menschen mit einer ADHS werden seit Kindheit in ihrer Entwicklung und Lebensbewältigung durch einen gemäss aktuellem Wissensstand primär neurobiologisch bedingten chronischen Mangel an Selbstbeherrschung und Konzentration behindert. Infolge ihres Unvermögens, Impulse angemessen zu hemmen und ihre Affekte situationsgemäss zu regulieren, stehen sie meist ein Leben lang im Konflikt mit Eltern, Lehrkräften und Vorgesetzten, mit den eigenen Kindern, Partner/-innen, mit sich selbst und manchmal auch mit dem Gesetz.

Ihrer Zerstreutheit und Vergesslichkeit wegen wirken viele ADHS-Betroffene unzuverlässig, was zu chronischen Scham- und Schuldgefühlen führt. Ihr Stimulationshunger lässt sie immer neue Projekte anreissen, was bei vielen in Erschöpfungsdepressionen oder ein Burnout mündet. Das alles gilt auch für Erwachsene mit ADHS.

 

Erwartungswidrige schulische Minderleistungen und deren Folgen, berufliches Versagen, Sucht und Delinquenz, Verkehrsunfälle, Scheidungen und Verschuldung stellen einige der schmerzhaften Lebensstationen vieler ADHS-Betroffenen dar. Bis in die tiefsten Schichten ihrer Seele halten sie sich meist ein Leben lang für unfähig und dumm.

Diese und andere negative Grundannahmen, ständig genährt durch alltägliche Auswirkungen fortbestehender neuro­kognitiver Funktionsstörungen, fördern eine unheilvolle Misserfolgserwartung und führen immer wieder in einen Teufelskreis, aus dem die meisten ADHS-Betroffenen ohne psychotherapeutische Hilfe nicht mehr herausfinden.

Herausforderung ADHS-Diagnostik

Noch immer durchlaufen zu viele ADHS-Betroffene eine Odyssee von Abklärungen und verschiedensten Therapien, bis ihre Kernproblematik erfasst und behandelt wird. Zahlreiche psychologische und ärztliche Kolleginnen sind sich der klinischen Relevanz der ADHS bei Erwachsenen noch nicht bewusst.




Auf der anderen Seite besteht gleichzeitig auch ein Risiko für falsch-positive ADHS-Diagnosen. Warum? Zu Konzentrationsschwächen, impulsivem Verhalten sowie Störungen der Exekutivfunktionen kommt es in unterschiedlicher Ausprägung auch bei anderen psychischen und neurologischen Störungen. Um dem damit verbundenen Verwechslungsrisiko zu begegnen, kommt der Differenzialdiagnostik ein hoher Stellenwert zu.

Punkt E der diagnostischen ADHS-Kriterien des Klassifikationssystems DSM-IV-TR verlangt zu Recht den Ausschluss anderer Störungen, welche mit einer ADHS verwechselt werden könnten. Erwähnung finden leider nur Differenzialdiagnosen auf entwicklungs- oder psychopathologischer Ebene. Unberücksichtigt bleiben etwa seit Kindheit bestehende neuropsychologische Funktionsstörungen, neurologische Erkrankungen oder Folgen von Hirnverletzungen, welche ebenfalls mit ADHS-ähnlichen Beschwerden einhergehen können.

Um eben diese auch erfassen und einer entsprechenden Behandlung zuführen zu können, erachten wir bei Verdacht auf ADHS – im Gegensatz zu den Empfehlungen verschiedener Leitlinien – eine die klinische Untersuchung ergänzende neuropsychologische Abklärung für unverzichtbar. Eine beweisgebende ADHS-Klassifikation ermöglicht eine neuropsychologische Untersuchung indes nicht. Die Diagnose der ADHS beruht vorläufig noch auf einer klinischen Untersuchung, einer sorgfältigen Anamneseerhebung und einer zwecks Differenzialdiagnose durchgeführten neuropsychologischen Untersuchung.

Unzuverlässige ADHS-Tests?

Anders als in einem Forschungssetting stehen wir in der Praxis nicht nur entweder ADHS-Betroffenen oder Gesunden gegenüber. Wir sind mit vielfältigen und sich überschneidenden Störungsbildern konfrontiert und erwarten von einem Test, dass dieser differenziell valide ist und eine verlässliche diagnostische Zuordnung ermöglicht. Leider finden selbst bei neueren ADHS-Tests klinische Vergleichsstichproben wenig oder keine Berücksichtigung.

Obwohl sie bezüglich Konzentrations- und Impulskontrollproblemen keine signifikanten Unterschiede gegenüber Patientengruppen mit affektiven und anderen psychischen Störungen abbilden und konstruktionsbedingt wenig spezifisch sind, kommt diesen Testbefunden im klinischen Alltag oftmals eine beweisgebende Funktion zu. Das erhöht das Risiko von falsch positiven ADHS-Diagnosen.

So wichtig die diagnostischen Kriterien der Klassifikationssysteme DSM-IV-TR und ICD-10 für die Therapieforschung und Krankenkassenentscheide auch sein mögen: Aus einer klinisch-therapeutischen Perspektive erscheinen sie in Bezug auf erwachsene Patientinnen und Patienten wenig valide. Je mehr erwachsene ADHS-Betroffene wir untersuchten und behandelten, umso deutlicher wurde, dass die ADHS-Diagnose im Sinne der gemäss DSM-IV-TR geforderten klinisch akuten Zustandsstörungen (Achse-I-Störung) nur selten vorkommt.




ADHS-Spektrum-Störung

Was uns begegnet, sind vielmehr Menschen mit chronifizierten ADHS-charakteristischen Verhaltensweisen und festgefahrenen ADHS-Persönlichkeitszügen. Wir sehen des Öfteren mehr oder weniger gut kompensierte ADHS-Kernsymptome und Vermeidungsstrategien, die von verschiedenen akuten psychopathologischen Störungsbildern wie etwa Suchtstörungen überlagert werden und die ADHS maskieren können. Auf Berührungspunkte zwischen der ADHS und der Borderline-Persönlichkeitsstörung haben Winkler und Rossi (2001) hingewiesen.

Daneben begegnen uns vor allem bei Frauen sowie bei intelligenten Patientinnen und Patienten akute, ADHS-ähnliche Beschwerdebilder, welche die diagnostischen Kriterien der Klassifikationssysteme zwar nicht erfüllen, in ihrer Gesamtheit sowie nach Würdigung sämtlicher Differenzialdiagnosen einer ADHS aber sehr nahe kommen. Wiederholt haben wir in diesem Zusammenhang beobachtet, dass Patientinnen und Patienten mit der Begründung einer zu späten Erstmanifestation (beeinträchtigende ADHS-Symptome müssen nach DSM-IV-TR vor dem siebten Lebensjahr vorliegen) eine sich später als wirksam erweisende ADHS Therapie vorenthalten blieb.

Mit der Bezeichnung ADHS-Spektrum-Störung, welche übergeordnet sowohl die ADHS gemäss DSM-IV-TR als auch atypische und subklinische Bilder umfasst, versuchen wir deshalb – bei aller diagnostischen Sorgfalt – auch solchen Patientinnen und Patienten und ihren Beschwerden klinisch- therapeutische Evidenz zukommen zu lassen.

Therapie der ADHS

Im Hinblick auf die Therapie für Erwachsene mit ADHS unterschätzen der­zeit noch zahlreiche ärztliche Kolleginnen den Stellenwert der Psychotherapie, während viele psychologische Psychotherapeutinnen die Bedeutung der medikamentösen Behandlung verkennen. Erfahrungsgemäss braucht es in der Regel beides.

Psychotherapie

Wie für andere Patientinnen und Patienten bilden auch für Erwachsene mit ADHS „Verstehen“ und „Verstanden werden“ die wichtigsten Grundpfeiler einer erfolgreichen Therapie. Auf Behandlerseite sind neben neuro­psychologischem und psychopharmakologischem Know-how auch in der Arbeit mit erwachsenen ADHS-Patientinnen und -Patienten berufliche Er­fahrungen mit Kindern mit einer ADHS relevant. Ziel einer Therapie sollte dabei die Etablierung eines angemesseneren Selbstbildes sein, welches die neurokognitiven Handicaps integriert und zu Selbstkontrolle und Handlungsfähigkeit führt.

Methodisch haben sich kognitiv-behaviorale Ansätze bewährt, wobei sich die individualisierte Anwendung einzelner Module aus ADHS-Therapiemanualen (zum Beispiel Safren 2009) als hilfreich erwiesen haben. Je nach Problemlage, Komorbiditäten und Ressourcen kommt auch anderen therapeutischen Konzepten Berechtigung zu. So gewinnen traumatherapeutische Ansätze zusehends an Bedeutung, weil zahlreiche erwachsene ADHS-Patientinnen und -Patienten durch ADHS-bedingte Lebens­erfahrungen traumatisiert sind und vereinzelt Symptome einer leichten, chronifizierten posttraumatischen Belastungsstörung zeigen.

 

Medikation

Diese stellt in vielen Fällen eine Bedingung für den Behandlungserfolg dar. So bildet das Wiedererlangen der Kernkompetenzen Selbstaufmerksamkeit, Handlungsfähigkeit, Innehalten und Zuhören können die Voraussetzung für das Ansprechen auf eine Psychotherapie. Ein sorgfältiges Ausloten und konsequentes Ausschöpfen der mit einer Medikation verbundenen therapeutischen Möglichkeiten führt denn auch zu erfreulich hohen Responderraten. Dabei stehen Methylphenidat und andere Stimulanzien sowie auch Atomoxetin zur Verfügung. In einigen Fällen ist auch eine Kombination mit noradrenerg wirkenden Antidepressiva erforderlich.

Multimodale Therapie

Von einer medikamentösen Behandlung der ADHS ohne begleitende Psychotherapie ist abzusehen. Die Medikation vermag zwar verschiedene Aufmerksamkeits- und auch einige Exekutivfunktionen zu stabilisieren, die negativen Grundannahmen und deren Auswirkungen hingegen vermag sie nicht einfach so aufzulösen. Ausserdem verbessert die Behandlung mit Stimulanzien die Selbstaufmerksamkeit und eröffnet Zugang zu Verarbeitungsprozessen, die einer psychotherapeutischen Begleitung bedürfen, wie etwa Trauerarbeit. Von einer Psychotherapie der ADHS ohne Medikamente raten wir nach einschlägigen Erfahrungen ebenfalls ab. Allfälliges Misstrauen gegenüber Medikamenten soll ernst genommen werden. Ihm kann mit Bereitstellung von Fachinformationen begegnet werden.

Anstehende Entwicklungen

In einigen Jahren werden wir mehr über das wissen, was wir heute als ADHS konzipieren. Biopsychologische Modelle werden voraussichtlich zu einem differenzierteren Störungskonzept und zu wirkungsvolleren therapeutischen Optionen führen. Wahrscheinlich werden zudem Biomarker eine zuverlässigere Diagnostik ermöglichen – hoffentlich ohne die Einzigartigkeit des Individuums zu vernachlässigen. Möglicherweise führt die Erforschung des ADHS-Endophänotyps zu einer Überwindung der Grenzen herkömmlicher Klassifikationssysteme.




Zu wünschen ist überdies, dass im Rahmen der Aktualisierung des DSM-IV Erwachsenen mit ADHS mehr Auf­merksamkeit zukommen wird, ebenso wie der neuropsychologischen Perspektive, der bisher vernachlässigten Impulsivitätproblematik sowie einer dimensionalen Sichtweise, welche auch subsyndromale Diagnosen ermöglicht.

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Literatur

Feuser, G. (2009). Ritalin ist ein Verbrechen. Weltwoche, 26/09.
Jokeit, H., & Hess, E. (2009). Neurokapitalismus. Merkur, 721, 541–545.
Rossi, P. (2001). Zerstreut, gereizt, leicht ablenkbar. Psychoscope, 3/2001, 6–9.
Safren, S.A., Perlman, C.A., Sprich, S., & Otto, M.W. (2009). Kognitive Verhaltenstherapie der ADHS des Erwachsenenalters. Berlin: Medizinisch Wissenschaftliche Verlagsgesellschaft.
Winkler, M., & Rossi, P. (2001). Borderline-Persönlichkeitsstörung und ADHS bei Erwachsenen. Persönlichkeitsstörungen, 5, 39–48.



 

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Rossi, Piero: „ADHS & Bildschirmmedien“. In: Internetseite: www.ADHS.ch. Stand: [Datum der letzten Aktualisierung]. Abgerufen am: [Datum der Textentnahme]. Online im Internet URL:  http://www.adhs.ch/bildschirmmedien-und-adhs/ ‎


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