Verursachen Helikopter-Eltern bei ihren Kindern ADHS?

Im Spiegel-Online ist wieder einmal über Helikopter-Eltern zu lesen. Ich frage mich, ob die Erziehung dieser Eltern nicht in eine A(D)HS münden kann. So überkontrollierte Kinder könnten doch innere Spannungen und vielleicht auch Versagensängste bekommen … J.L. „Verursachen Helikopter-Eltern bei ihren Kindern ADHS?“ weiterlesen

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Mein Name ist Erika Brandin. Natürlich heisse ich nicht wirklich so, aber ich möchte nicht erkannt werden. Ich bin die Mutter von Lorena und Marco. Ich berichte Euch von meinen Erfahrungen in der Erziehung meiner Vollblut-ADHS-Kids. Erziehen? Leicht gesagt.

ADHS-Kinder erziehen

Heute geht es um das Wichtigste. Im Grunde genommen ist es eine einfache Geschichte. Zumindest theoretisch.

Also: Erziehung funktioniert bei ADHS-Kindern (und wahrscheinlich auch bei vielen anderen) dann am besten, wenn positives Verhalten durch Aufmerksamkeitszuwendung und Komplimente, also durch Belohnungen verstärkt wird.

Zentral dabei ist, dass dasjenige konkrete Verhalten, welches zu dem positiven Resultat führte, verstärkt wird. Und nicht etwa nur das Resultat selbst. Beispiel: Ein Kind fragt beim Erledigen der Hausaufgaben bei einer Rechenaufgabe, die es nicht selbst lösen kann, von sich aus bei der Mutter nach. Diese hilft nicht nur beim Lösen der Aufgabe, sondern verstärkt das für einen Erfolg wichtige Nachfrageverhalten des Kindes:

Super! Man merkt, dass Du bald Zehn wirst! Du kommst fragen, wenn Du etwas nicht verstehst. Normalerweise machen das nur ältere Kinder.“




Das ist natürlich nicht auf meinem Mist gewachsen (der Tipp stammt von der Psychologin meiner Kinder Frau Lareda). Es wirkt prima. Man muss einfach ganz konkret dasjenige Verhalten benennen und verstärken, welches mittelfristig dazu beiträgt, dass das Kind sich besser verhält. Und zwar nicht irgendwann, sondern sofort. Sonst nützt es nichts.

Noch ein Beispiel: Marco wurde früher immer extrem schnell wütend. Als wir mit der ADHS-Therapie begannen, konnte er sich etwas besser abbremsen. Ich sagte ihm dann:

„Perfekt junger Mann! Du hast ein Recht darauf, wütend zu sein und das auch zu zeigen. Heute als Lorena Dich beim Essen stichelte, sah ich gleich, wie es in Dir langsam hochkochte. Du hast Dich gewehrt, aber diesmal hast Du einen Augenblick lang Luft geholt, bevor Du Lorena zurückgegeben hast. Das habe ich ganz klar gesehen! Klare Sache, Du konntest Dich besser beherrschen und hast Lorenas Verhalten trotzdem klipp und klar kommentiert.“


Schaut Euch auch diese Kapitel an, falls Euch meine Geschichte interessiert!


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Er wurde letztmals aktualisiert am 11.10.2017.
© Piero Rossi




Mach endlich! Erziehungsprobleme und ihre Umfahrungsmöglichkeiten in Familien mit ADHS

Autor: Piero Rossi (2011)

Erziehungsprobleme: Alltag in ADHS-Familien

In vielen Familien mit ADHS-betroffenen Kindern prägen negative Stimmungen, Gereiztheit und zwischenmenschliche Spannungen den Alltag. Mit einem Wort: Erziehungsprobleme.

http://www.adhs.ch/ueber-mich/Der Tagesablauf ist geprägt von Streitereien zwischen den Geschwistern, der Ungewissheit darüber, in welcher Laune das Kind wohl von der Schule heimkommt, den Sorgen um den nächsten Fahrradunfall, um den heimlichen Zigarettenkonsum oder um die schulische und berufliche Zukunft des Kindes. Erziehungsprobleme und überforderte Eltern: Kein gutes Klima für Wohlsein und familiäres Zusammenleben.

Ruhige Momente sind rar. Oft beginnt der Stress schon am Vorabend: „Hoffentlich wird Debora morgen früh nicht wieder dermassen trödeln, dass sie dauernd mit ‚Mach endlich!‘ ermahnt werden muss. Wir können unseren eigenen Ausspruch nicht mehr hören!” Oder: „Mag Michi wenigstens heute einmal am Mittagstisch genügend essen?” Und: „Hoffentlich wird uns Leandras Lehrerin heute Abend beim Elterngespräch nicht wieder berichten, dass das Mädchen schon mehr leisten könnte, wenn sie sich nur mehr anstrengen würde – und uns damit nicht wieder zu verstehen geben, wir müssten noch mehr mit Leandra lernen. Dabei sitzen wir mit dem Mädchen doch schon stundenlang an den Hausaufgaben!“

Eltern von ADHS-betroffenen Kindern berichten uns von unzähligen, hartnäckigen und immer wiederkehrenden Alltagsproblemen, welche den Stresslevel in der Familie auf einem viel zu hohen Niveau verharren lässt. Dies wiederum verschärft das angespannte Klima in vielen Familien und damit auch das gereizte aufeinander Reagieren. Die Summe aller Einzelbelastungen ergibt eine Dauerbelastung, welcher vor allem die Mütter von betroffenen Kindern immer wieder an die Grenze ihrer Belastbarkeit führt.

Erziehungsprobleme – die grössten Baustellen

Im Folgenden werden – ausgehend von meinen Erfahrungen in der psychologischen Praxis – exemplarisch einige häufig vorkommende Konflikte und deren Lösungsmöglichkeiten vorgestellt.

Baustelle Nr. 1: Will sie nicht oder kann sie nicht?

„Zum Glück geht es Laura seit Beginn der medikamentösen Therapie in der Schule immer besser. Der Klassenlehrer bestätigte uns dies letzte Woche beim Elterngespräch. Trotzdem provoziert Laura beim Mittagessen immer wieder ihren jüngeren Brüder Kevin mit spitzen Bemerkungen, provozierenden Berührungen unter dem Tisch oder blitzartigem Wegziehen von Kevins Besteck. Sie ist kaum zu stoppen. Das Mädchen steigert sich jeweils total in diese Rolle hinein. Die ganze Familie ‚kocht’ dann buchstäblich – anstatt in Ruhe zu essen. Kaum kehrt Laura nachmittags von der Schule heim, geht das Theater wieder von Neuem los. Weder Belohnungspunkte noch Handy-Entzug nützten bisher. Wir können es uns kaum vorstellen, dass es im Unterricht wirklich ohne Probleme geht. Laura scheint es manchmal regelrecht zu geniessen, ihren Bruder zu plagen und die Familie zu stressen. Ist es vielleicht doch Lauras aggressiver Charakter, der sich mit zunehmendem Alter immer mehr zeigt? Zum Glück entschuldigt sich Laura jeweils im Verlauf des Nachmittags für ihr Verhalten.”

Umfahrungsmöglichkeit: Wenn es bei Laura dank der Therapie im Unterricht besser läuft, am Mittag aber trotzdem der Teufel los ist, müsste in einem ersten Schritt geprüft werden, ob es sich bei diesen Problemverhaltensweisen nicht um wieder aufflackernde ADHS-Symptome handelt, welche durch ein Nachlassen der Wirkung des Medikaments bedingt sind. Auch an einen sogenannten Rebound-Effekt ist zu denken. Gemeint ist damit ein übermässig starkes Wiederauftreten der Symptome beim Nachlassen der Wirkung der ADHS-Medikamente. Nicht immer wird berücksichtigt, dass die am häufigsten eingesetzten Stimulanzien eine Wirkdauer von nur etwa drei Stunden aufweisen. Kein Wunder also, wenn gegen die Mittagszeit und dann wieder gegen ca. 16:00 Uhr ADHS-Symptome erneut auftreten. Die behandelnde Ärztin beziehungsweise der behandelnde Arzt wird in diesen Fällen den Einsatz von länger wirkenden Stimulanzien erwägen. Sollten die Verhaltensprobleme trotz ausreichender medikamentöser Versorgung anhalten, ist das Problem mit der zuständigen psychologischen Fachperson zu lösen.


Bei Kindern mit einer ADHS, welche sich für ihr missliches Verhalten entschuldigen und welche ein mehrheitlich intaktes Sozialverhalten zeigen, ist es eher unwahrscheinlich, dass die Verhaltensstörungen Ausdruck einer charakterlichen Disposition oder einer Psychopathologie sind. Verhaltensstörungen, wie Laura sie zeigt, sowie ähnliche Probleme, weisen vielmehr darauf hin, dass es sich um ADHS-spezifische Verhaltensstörungen handelt, welchen therapeutisch noch nicht optimal begegnet werden konnte.

Baustelle Nr. 2: Anhaltende Schwierigkeiten trotz Therapien

„Wir sind verzweifelt. Andrin wird von der Kinderärztin und einem Psychologen optimal betreut. Trotzdem ist er immer noch sehr leicht ablenkbar. Auch sind die schulischen Leistungen immer noch knapp. Der Oberstufenübertritt steht vor der Tür und es ist zu befürchten, dass Andrin nicht wie vorgesehen in die Sekundar-, sondern in die Realschule versetzt wird.”

Umfahrungsmöglichkeit: Angesichts der grossen Fortschritte in der Medizin haben viele Eltern und Lehrkräfte die Erwartung, dass auch im Bereich der Psychologie und der Psychiatrie alle Probleme irgendwie lösbar sein müssen. Schliesslich gibt es Ritalin, andere ADHS-Medikamente und wissenschaftlich überprüfte verhaltenstherapeutisch ausgerichtete Behandlungen der ADHS. Trotzdem: Es ist eine Tatsache, dass trotz optimaler Therapie nicht allen Kindern mit einer ADHS gleich gut geholfen werden kann. Eltern sollten sich durch überzeichnete Machbarkeitsvorstellungen nicht zu sehr unter Druck setzen lassen. So verständlich die hohen Erwartungen an einen Behandlungserfolg der ADHS sind, so bedeutsam sind Bescheidenheit und eine Akzeptanz der Tatsache, dass nicht immer alle Probleme lösbar sind. Diese wohlwollende Einstellung kann Eltern von Kindern mit einer ADHS, welche auf die Behandlungen nicht oder nur ungenügend ansprechen, entlasten.

Baustelle Nr. 3: Wochenend–Terror mit Patrik

„Patrik geht es seit Beginn der ADHS-Therapie viel besser. An Schultagen hat ihm der Kinderarzt ein Stimulans verschrieben, welches Patrik gut verträgt. Er kommt meistens zufrieden von der Schule heim und ist furchtbar stolz, wenn er in Prüfungen gute Noten erreicht. Seine Schrift hat sich extrem verbessert. Auch ist Patrik viel ausgeglichener als vor der Therapie. Leider fällt Patrik an den Wochenenden und während den Ferien regelmässig in das alte Verhaltensmuster zurück. Er ist dann – ehrlich gesagt – unausstehlich, provoziert ständig seine Schwester, trotzt bei Aufforderungen (wie nach dem Essen beim Abräumen mitzuhelfen) und tigert den ganzen Tag ruhelos durchs Haus. Vielleicht müssen wir einmal in eine Familientherapie.”

Umfahrungsmöglichkeit: Ausgehend von der Grundhaltung, Kindern so wenig Medikamente wie möglich zu verschreiben, verordnen einige Ärztinnen und Ärzte die Einnahme der Stimulanzien nur während der Schulzeiten. Trotz guter Absicht erwies sich dieses Therapieschema in den meisten Fällen als kontraproduktiv. Warum? Stimulanzien nur in den Schulzeiten zu verabreichen heisst, sie an den Wochenenden wieder ihren Symptomen auszuliefern. Gerade die Wochenenden und Ferienzeiten bieten den Kindern ein ideales Lernfeld, um soziale Kompetenzen zu erlernen. Lernen können sie aber nur dann, wenn sie aufmerksam genug sind, um auch die leisen Töne der zwischenmenschlichen Interaktionen wahrnehmen zu können. Ausserdem bieten Wochenenden und Ferienzeiten Kindern viele Gelegenheiten, Seelennahrung aufzutanken. Dies setzt voraus, dass die Kinder sich diesen Erlebnissen – etwa einen Besuch des Spiegelgartens in Luzern mit dem Grossvater – hingeben, sie abspeichern und später daran erinnern können. Sie müssen also während des Ausflugs aufmerksam und ausreichend geduldig sein. Viele Ärztinnen und Ärzte empfehlen daher, dass die Stimulanzien also auch an Wochenenden und in den Ferien verabreicht werden sollen.

Baustelle Nr. 4: Einschlafstörungen

„Bei uns bestehen zur Einschlafzeit von Lara die grössten Konflikte. Das Mädchen kann und kann nicht einschlafen. Dieses Problem hat Lara seit dem Kleinkindalter. Immer wieder kommt sie herunter ins Wohnzimmer, um nach irgendetwas zu fragen oder weil sie Durst hat. Seit zwei Monaten hat sie zunehmend Ängste vor Gespenstern. Einschlafen geht nur dann, wenn ich oder mein Mann uns eine halbe Stunde zu Lara hinlegen. Das kann so nicht weitergehen. Wir Eltern haben den Familien-Feierabend dringend nötig, vor allem bei all dem Stress, den wir mit unseren ADHS-Kids haben.”

Umfahrungsmöglichkeit: Einschlafprobleme treten bei Kindern mit einer ADHS derart häufig auf, dass ich sie mit zu den Kernsymptomen dieses Syndroms zähle. Ich erinnere mich an kein Kind mit einer unbehandelten ADHS, welches problemlos einzuschlafen vermochte. Eigentlich auch verständlich, stellt doch die Einschlafzeit eine sehr reizarme Situation dar: Ruhe (keine akustische Stimulation), kaum Licht (keine visuelle Stimulation), kein Anfassen, kein aktives Bewegen und sich Spüren (keine taktile Stimulation). Da ADHS-Medikamente am Abend nicht mehr wirken, bedeutet das Ausbleiben von visueller, akustischer und taktiler Stimulation zur Einschlafzeit, dass die Kinder über noch weniger Reizschutz verfügen. Folge: Sie spüren alles und werden hypersensibel. Aus jedem noch so schwachen Druck auf die Blase wird ein: „Ich muss sofort aufs WC, sonst mache ich ins Bett!“, aus jedem noch so kleinen Durstgefühlchen wird ein: „Ich muss jetzt sofort etwas trinken!“, aus jedem möglicherweise Sorge erzeugenden Gedanken wird Angst und aus kaum wahrnehmbaren Schatten des Kleiderständers werden Gespenster oder Zombies. All diese Sinneseindrücke und deren Verarbeitung halten die Kinder verständlicherweise lange wach. Um es auf den Punkt zu bringen: Kinder mit einer ADHS können sich auch nicht gut auf den Schlaf konzentrieren. Tatsächlich erfordert ein Einschlafen, dass der Reizfilter aktiv ist, dass alles zurzeit Unwichtige ausgeblendet und abgeschaltet werden kann. Und genau dies können Kinder mit einer ADHS zur Einschlafzeit infolge des Stimulationsmangels sehr schlecht.




Damit Kinder sich auf den Schlaf konzentrieren können, sollte zwei Stunden vor der Einschlafzeit auf TV und Spielkonsolen verzichtet werden. Dann kann versucht werden, das Kind zur Einschlafzeit visuell (zum Beispiel durch ein sanft leuchtendes Mobilé) oder akustisch (zum Beispiel einen plätschernden Zimmerbrunnen) zu stimulieren. Nicht zu stark, aber auch nicht zu schwach. Es fokussiert sich dann auf diese Stimuli, was zu einer Aktivierung der Reizfilterung führt und dem Kind schliesslich ermöglicht, abzuschalten und einzuschlafen. Eltern beichteten uns wiederholt, dass auch eine halbe Tasse mit stimulierendem Milchkaffee Wunder wirken könne, währenddem Baldrian und andere beruhigende pflanzliche Mittel entweder gar nicht nutzten oder sogar eine gegenteilige, also aufputschende Wirkung hatten. In ganz hartnäckigen Fällen wird die verantwortliche Ärztin oder der zuständige Arzt eine kleine Dosis Stimulanzien – eingenommen 30 Minuten vor der vorgesehenen Einschlafzeit – verordnen, womit sich das Problem der fehlenden Konzentration auf den Schlaf in den meisten Fällen lösen lässt.

Baustelle Nr. 5: Unverständnis und Hilflosigkeit …

„Janik kann machen, was er will: Bei Prüfungen kann er das Gelernte nicht angemessen umsetzen. Die oft ungenügenden Noten scheinen Janik zu knicken. Wenn er nach Hause kommt, ist er entweder aggressiv oder gelähmt und manchmal sogar fast depressiv. Die ganze Familie leidet an einer Mischung aus Mitleid und Verärgerung über Janiks Verhalten. Es wird immer unerträglicher. Auch ein Gespräch mit dem Lehrer von Janik brachte keinen Erfolg. Im Gegenteil: Der Lehrer ist nicht bereit, Janik in Prüfungen mehr Zeit zu geben. Auch akzeptiert er nicht, dass Janik bei Prüfungen ein Abdeckblatt verwendet, um nicht in der Zeile zu verrutschen. Er müsse alle Kinder gleich behandeln, meinte der Lehrer. Wenn er eine Ausnahme bewillige, würde er überrannt von Ausnahmewünschen“

Umfahrungsmöglichkeit: Kinder mit einer ADHS und ihre Familien leiden nicht nur an den ADHS-Symptomen ihrer Kinder, sondern oftmals auch am fehlendem Verständnis der Umwelt. Beispiel Schule: Zwar beteuern immer mehr Lehrkräfte, um die ADHS zu wissen. Trotzdem stossen die Wünsche der Eltern bezüglich der Unterrichtsgestaltung, bei den Prüfungen oder den Hausaufgaben auf die ADHS-bedingten Handicaps des Kindes Rücksicht zu nehmen, immer wieder auf Granit. Selbst bei unkomplizierten Angelegenheiten, wie etwa das Kontrollieren des Hausaufgabenbüchleins, hören Eltern immer wieder, dass von einem Kind in diesem Alter erwartet werden dürfe, die Hausaufgaben selbstständig ins Aufgabenheft einzutragen. Gleiches gilt für Anliegen nach etwas mehr Zeit in Prüfungen, da das Kind wegen Konzentrations- oder Feinmotorik-Problemen nicht so schnell wie andere vorwärtskommt. Auch heute noch vernehmen Eltern immer wieder, dass Ausnahmen nicht drin liegen und die Lehrkraft alle Kinder gleichbehandeln müsse – als hätten alle Kinder die gleichen Voraussetzungen! Auch kommt es leider immer wieder vor, dass Lehrer sich weigern, dem Kind im Schullager die ärztlich verordneten Medikamente zu verabreichen.


Eine Umfahrungsmöglichkeit besteht darin, die Lehrkraft über die ADHS zu informieren. Dazu eignen sich die Informationsbroschüren der ADHS-Verbände oder Hinweise auf ADHS-Informationen im Internet (zum Beispiel: www.adhs.ch). Bei Bedarf kann auch ein Bericht zum Beispiel der behandelnden Psychologin oder des zuständigen Arztes dazu beitragen, dass die Lehrkraft die Probleme der Kinder mit ADHS besser versteht.

Baustelle Nr. 6: Kampf um die Hausaufgaben

„Wie können wir unseren hyperaktiven Sohn Marius bloss dazu bringen, endlich und ohne Verweigerung, Trotz und Getöse seine Hausaufgaben zu erledigen?“

Umfahrungsmöglichkeit: Hausaufgaben gehören für viele Kinder mit einer ADHS zu den am meisten gehassten Tätigkeiten. Sie drücken sich, versuchen, sie auf später zu verschieben, stehen – sofern sie sich überhaupt hinsetzen – ständig wieder auf und zeigen grösste Mühe, bei der Sache zu bleiben. Nicht nur das Lachen der draussen spielenden Kinder oder die Geräusche von Nachbars Rasenmäher, sondern buchstäblich jede Fliege vermag Kinder mit einer ADHS vom Erledigen der Hausaufgaben abzulenken. Einige Kinder mit ADHS – es sind vor allem Mädchen ohne Hyperaktivität – zeigen ein gegenteiliges Verhalten: Sie lernen mit übergrossem Eifer und übertriebenem zeitlichem Einsatz. Diese Kinder berichten uns, dass sie grosse Angst haben, das Gelernte schnell wieder zu vergessen und sich nur durch exzessives Lernen in der Lage sehen würden, sich dann während des Schulunterrichtes einigermassen an den Lernstoff erinnern zu können. Die Angst, am kommenden Schultag schon wieder blamiert an der Tafel zu stehen und infolge des verkürzten Arbeitsgedächtnisses einfachste Dinge wieder nicht aus dem Gedächtnis abrufen zu können, treibt diese Kinder zu übertriebenem Lernverhalten.

Warum sind Kinder mit ADHS wie sie sind?

Unruhige und impulsive Kinder mit einer ADHS zeigen die problematischen Verhaltensweisen nicht etwa, weil sie faul oder bezüglich ihrer Intelligenz überfordert sind, sondern weil sich während dem Stillsitzen die ADHS-typische Reizoffenheit noch weiter vergrössert. Sie werden dann überflutet von inneren und äusseren Eindrücken, welche mit dem Lernen meist gar nichts mehr zu tun haben und werden dadurch abgelenkt. Lernen bedeutet häufig monotones Repetieren sowie wiederholtes und langweiliges Üben. Dazu ist neben einer Grundmotivation auch eine altersentsprechend entwickelte Fähigkeit, die Aufmerksamkeit längere Zeit aufrechterhalten zu können, erforderlich. Ausserdem müssen Impulse (zum Beispiel aufzustehen) ausreichend unterdrückt werden können. Beides Eigenschaften, welche bei Kindern mit einer ADHS in subjektiv langweiligen Situationen schwach ausgeprägt sind. Üben ist für Kinder mit ADHS grundsätzlich schwierig. Sie suchen immer Neues und Interessantes und registrieren oft Nebensächlichkeiten. Gleichzeitig bekunden sie grosse Mühe, das Gelernte zu einem Ganzen zusammenzufassen. An Details vermögen sie sich zu erinnern, nicht aber an den Gesamtzusammenhang. Eltern haben dann den Eindruck, dem Kind fehle es an Motivation oder Einsicht. Viele Kinder mit einer ADHS leiden unter diesen Lernstörungen: Sie schämen sich, weil sie merken, dass sie es eigentlich kapieren müssten – es aber nicht klappt. Das lässt sie manchmal noch reizbarer und aggressiver werden. Was tun?

Weitere Umfahrungsmöglichkeiten und Tipps gegen Erziehungsprobleme

      • Vor dem Erledigen der Hausaufgaben sollte das Kind etwas essen und trinken.
      • Es muss sichergestellt sein, dass die ADHS-Medikamente auch zu den Zeiten noch wirken, in welchen die Hausaufgaben erledigt werden.
      • Bei Hausaufgaben-Problemen muss gewährleistet sein, dass neben der ADHS keine Teilleistungsstörungen (wie zum Beispiel eine nonverbale Lernstörung oder eine Legasthenie) vorliegen, welche dem Kind das Lernen zusätzlich erschweren. Falls doch, müssten diese im Gesamtherapieplan Berücksichtigung finden.
      • Konsum von Spielkonsolen und TV beeinträchtigen ganz generell die Konzentration und das Lernvermögen. Sie sollten – wenn überhaupt – erst 45 Minuten nach dem Lernen bewilligt werden (und dann für maximal eine halbe Stunde).
      • Es macht keinen Sinn, einzufordern, dass die Hausaufgaben alleine gemacht werden müssen. Alle Appelle an die Selbstständigkeit verstärken bei Kindern mit einer ADHS das meist sowieso vorhandene Überforderungsgefühl.
      • In sehr vielen Fällen können Kinder mit einer ADHS die ihnen gestellten Aufgaben nicht lösen, weil sie die Fragestellung überfliegen, anstatt sie zu lesen. Sie schreiten zur Antwort, bevor sie die Fragestellung in Ruhe gelesen haben. Daher ist es unumgänglich, die Lernenden darin zu unterstützen, solange bei der Aufgabenstellung zu verweilen, bis diese wirklich verstanden wurde.




      • Kinder mit einer ADHS müssen konkret (und am besten schriftlich) wissen, was, wie, wann und bis wann etwas von ihnen erwartet wird.
      • Da Kinder mit ADHS nicht lange still sitzen können, macht es wenig Sinn, von diesen Kindern zu erwarten, dass sie sich lange mit den Hausaufgaben herumquälen. Es empfiehlt sich, die Kinder in einem Rhythmus von maximal 15 bis 20 Minuten lernen zu lassen. Eine Küchenuhr leistet hierzu grosse Dienste. Je nach Ausprägung der Lernstörungen soll die Bezugsperson wiederholt wieder nach dem Rechten sehen und das Kind loben und ermutigen, auch den Rest der anstehenden Aufgaben zu erledigen.
      • Viele Kinder mit einer ADHS verweigern die Hausaufgaben, wenn von ihnen erwartet wird, alleine in ihrem Zimmer zu lernen. Sie halten dies schlichtweg nicht aus. Die Ruhe und der Mangel an stimulierenden Reizen führen dann zu einer unerträglichen emotionalen Anspannung und einem gänzlichen Zusammenbruch der Filterung von irrelevanten Reizen. Das Lernen wird dann vollends unmöglich. Abhilfe schafft gelegentlich ein leise im Hintergrund laufendes Radio. Paradoxerweise berichten Kinder mit ADHS immer wieder, dass sie mit Musik im Hintergrund besser lernen können und aufnahmefähiger sind. Man sollte sie gewähren lassen. Bei einem starken hyperaktiven Syndrom und der damit verbundenen Unfähigkeit, sich überhaupt hinsetzen zu können, sollte auch erlaubt werden, mit dem Buch in der Hand im Zimmer auf- und abzugehen. Auch ein Stehpult oder ein Schaukelsessel leisten mitunter gute Dienste.
      • Kinder, aber auch Erwachsene mit ADHS, bekunden immer wieder Mühe mit dem „In-Fahrt-Kommen“. Es ist, als würde der Startknopf nicht funktionieren. Eine Belohnung in Aussicht zu stellen ist meist ebenso wirkungslos, wie das Androhen von Strafe oder anderen Sanktionen. Das Zeitfenster ist bei Menschen mit ADHS zu klein, um sich eine in Aussicht gestellte Belohnung oder eine angedrohte Strafe merken zu können. Sie leben im Hier und Jetzt. Strategisch sinnvoll ist es, unmittelbar vor dem Beginn der Hausaufgaben dem Kind einen attraktiven Reiz zu bieten (Schokoriegel, kleines Geschenk, andere Überraschung). Dabei wird das Frontalhirn bereits zu Beginn der Hausaufgaben stimuliert und die Kinder sind oftmals besser in der Lage, die Hausaufgaben auszuführen.
      • Falls die Kinder sich dann tatsächlich hinsetzen und versuchen, sich den Hausaufgaben zu widmen, sollten sie gelobt werden. Das Lob soll also nicht nur für das erfolgreiche Durchführen der Hausaufgaben erfolgen, sondern bereits für den Versuch. Die Anstrengungsbereitschaft ist an sich schon lobenswert – und nicht erst das Resultat.
      • Grundsätzlich sollte die Lernsituation positiv gestaltet werden: Der Schreibtisch des Kindes darf nicht überladen und chaotisch sein. Wenn möglich sollte es im Kinderzimmer zwei Tische haben: einen Spiel- und Chaostisch sowie einen nur zum Lernen reservierten Schreibtisch mit einer guten (!) Leselampe in einer dem Kind zusagenden Farbtemperatur. Unbedingt sollten bei Umschlägen, Mappen und Ablagesystemen verschiedene Farben zum Einsatz kommen (auch diese führen zu einer neuronalen Stimulation und können mit dazu beitragen, die aktuelle Lernfähigkeit zu erhöhen).
      • Eltern beziehungsweise die für die Betreuung der Hausaufgaben verantwortliche Person müssen täglich den Schulrucksack kontrollieren. Dieser soll nach Abschluss der Hausaufgaben (und nicht erst am nächsten Morgen) wieder ordentlich bepackt werden. Im Schulrucksack soll sich nur das für die Schule notwendige Material befinden. Auch Sporttaschen, welche für den Sportunterricht des folgenden Tages gebraucht werden, sollten am besten im Anschluss an die Hausaufgaben gepackt werden.




Diese Liste von Baustellen in Familien mit Kindern mit einer ADHS liesse sich beliebig verlängern: Stress durch Geschwister oder Elternteile, bei denen ebenfalls eine noch nicht diagnostizierte und behandelte ADHS vorliegt, Stress durch die Folgen eines zu hohen Bildschirmmedienkonsums, Stress durch Falschinformationen über die ADHS oder etwa Stress durch abwesende Väter.

Gestützt auf Rückmeldungen von vielen Eltern besteht die zweitbeste Umfahrungsmöglichkeit darin, mit einer kompetenten Fachperson zusammenzuarbeiten. Auch diesbezüglich geben die Selbsthilfeverbände gerne Empfehlungen.

Die kürzeste aller Umfahrungsmöglichkeiten ist meiner Meinung nach ein Mitwirken bei der ADHS-Selbsthilfegruppe ELPOS (Schweiz) oder in anderen ADHS-Selbsthilfeorganisationen (siehe Links in der Seitenleiste). Für fast alle Alltagsprobleme in ADHS-Familien wissen andere Eltern praxisbewährte Tipps.

Lesen Sie hier weiter, wenn diese Informationen für Sie hilfreich waren.


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Erziehungsstil bei ADHS: Reden ist Silber, Handeln ist Gold | Erziehungsratgeber


Kinder mit ADHS erziehen? Na viel Spass! 
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Piero Rossi (2010)

Im Normalfall …

http://www.adhs.ch/ueber-mich/Es ist schon erstaunlich: Währendem einige Kinder sich prima entwickeln, ohne dass die Eltern bewusst erzieherisch auf das Kind einwirken müssen, stellen andere Kinder (manchmal sogar die Geschwister) die Eltern vor grösste erzieherische Herausforderungen. Ein wirksamer Erziehungsstil ist gefragt.

Ein Grossteil aller Kinder übernimmt die Regeln des Zusammenlebens und der Schule mehr oder weniger automatisch: Ein anerkennendes Lächeln der Mutter oder der Lehrkraft verstärkt und belohnt das Verhalten des Kindes, worauf die Auftretenswahrscheinlichkeit dieses Verhaltens erhöht wird. Andererseits reichen kritische nonverbale Gesten oftmals aus, um einem Kind zu zeigen, dass sein Verhalten nicht okay ist, worauf es das unerwünschte Verhalten normalerweise unterlässt.

Leider ist es so, dass nicht alle Kinder ihr Verhalten mehr oder weniger automatisch danach ausrichten können, was Eltern und Lehrkräften lieb und recht ist. Das gilt insbesondere für Kinder mit einer ADHS. Im Extremfall sprechen diese Kinder weder auf Belohnungen noch auf Bestrafungen an. Wir sprechen dann vom Wasserpistolen-Effekt. Gemeint ist damit, dass fast alle erzieherischen Massnahmen beim Kind wie Wasser abperlen. Eltern, Lehrerinnen und Lehrer fühlen sich dann dementsprechend hilflos und reagieren aus Gefühlen der Ohnmacht heraus nicht selten ungeduldig und manchmal auch aggressiv. Die folgenden Ausführungen betreffen den erzieherischen Umgang mit erziehungsresistenten Kindern, welche an „erzieherischen Lernstörungen“ leiden.

Handlungs- anstatt einsichtsorientierter Erziehungsstil

Der einsichtsorientierte Erziehungsstil ist definitiv passé. Ewige Diskussionen und einfach nur reden, reden und nochmals reden und an die Einsicht eines Kinder zu appellieren sind out: Ein oder zwei Mal die Dinge klarstellen und zu Handlungen auffordern sind o.k. Dann aber sollte nicht mehr geredet, sondern gehandelt werden (handlungsorientierter Erziehungsstil). Dazu sind folgende Voraussetzungen erforderlich:

Voraussetzung Nr. 1: Wird die ADHS behandelt?

Grundsätzlich muss sichergestellt sein, dass beim ADHS-Kind die Voraussetzungen dafür gegeben sind, so dass es aus Belohnungen und Bestrafungen und den damit verbundenen positiven und negativen Erfahrungen überhaupt lernen kann. Bei Kindern mit einer ADHS ist das alles andere als selbstverständlich! Bei jenen Kindern, welche aus ihren Erfahrungen nicht lernen können, verpuffen auch die allerbesten Erziehungsmassnahmen im Nu. Wichtig ist es daher, dass beim betreffenden Kind die grundlegenden Aufmerksamkeits- und Selbststeuerungsfunktionen therapeutisch genügend stabilisiert werden konnten. Dazu sind in vielen Fällen Medikamente erforderlich. Falls es trotz Therapie mit Medikamenten immer noch nicht stimmt, muss durch eine Fachperson überprüft werden, ob die Diagnose vollständig ist (bestehen neben einer ADHS evtl.auch Wahrnehmungsstörungen oder Teilleistungsstörungen?) und ob die mit den Medikamenten gegebenen therapeutischen Möglichkeiten wirklich ausgeschöpft wurden. Immerhin: Eine optimal eingestellte medikamentöse Therapie ist für den familiären und schulischen Lernerfolg eines Kindes das A und O. Oder liegen andere Belastungsfaktoren vor, welche das Kind ausbremsen und erziehungsresistent erscheinen lassen?

Voraussetzung Nr. 2: Kinder mit ADHS verstehen (will es nicht oder kann es nicht?)

Wenn ein ADHS-Kind sich nicht richtig verhält, liegt es nicht immer daran, dass es nicht will oder dass es einfach trotzen, dominieren und unbewusst Macht über andere erlangen möchte. Gerade bei Kindern mit einer ADHS kann es wegen den syndrombedingten Impulskontroll- oder Aufmerksamkeitsschwächen sehr gut sein, dass sie nicht können, selbst wenn sie wollen. Ein Kind für etwas bestrafen, wofür es nichts kann, ist unmenschlich. Bei diesen Kindern muss man sich also bei Verhaltensproblemen immer die Frage stellen: „Will es nicht oder kann es nicht?“. Aufgabe der Erzieher/-innen (Eltern, Lehrkräfte) ist es, den Kindern wie auch immer einen Weg vorzubereiten und quasi ein Lernterrain zu eröffnen, um ihnen damit zu ermöglichen, aus ihren Erziehungserfahrungen lernen können. Nur dann nämlich lernen diese Kinder, sich anders zu verhalten. Appelle, sich zusammenzureissen und „es endlich doch mal einzusehen“, reichen bei Kindern mit einer ADHS nie und nimmer.



Voraussetzung Nr. 3: Belohnen / Verstärken

Erziehung von Kindern mit einer ADHS funktioniert am besten durch konkrete Einflussnahme auf erwünschtes Verhalten durch Förderung (Belohnen) des positiven Verhaltens (positives Verstärken). Beispiel: „Wenn du es schaffst, dass Deine Hausaufgaben in fünfzehn Minuten erledigt sind, lade ich dich auf ein Eis ein“. Also: Nicht drohen, dem Kind etwas, was es gern hat, wegzunehmen, wenn es nicht das tut, was es soll, sondern eine kurzfristig erreichbare Belohnung in Aussicht stellen.

Voraussetzung Nr. 4: Die Bemühungen belohnen, nicht erst das erreichte Ziel

Entscheidend dabei ist, dass nicht primär das Erreichen eines Zieles belohnt wird (zum Beispiel eine gute Schulnote), sondern die einzelnen und konkreten Verhaltensschritte, welche dazu geeignet sind, das anvisierte Ziel zu erreichen. Beispiele: Das Kind fragt bei den Eltern nach, wenn es bei den Hausaufgaben etwas nicht versteht. Oder: Das Kind prüft die erledigten Hausaufgaben, bevor die Schulunterlagen wieder im Schulrucksack verstaut werden. Diese Verhaltensweisen sollen gelobt werden.

Voraussetzung Nr. 5: Bildschmirmmedienkonsum im Griff?

Die Zeiten ändern sich – auch wenn es unserer Generation nicht immer passt. Dinge bei Kindern und Jugendlichen durchzusetzen ist heute ungleich schwieriger als noch vor zehn Jahren. Die Einflüsse der Bildschirmmedien und der Gleichaltrigen sind gewaltig. Konsequenz: Andere Erziehungskräfte im Auge behalten (was genau schauen sich die Kinder am TV an und vor allem wie lange? Womit gamen sie? Welche DVDs tauschen sie mit Kollegen aus? Welche YouTube-Videoclips schauen Sie sich an?). Und ganz wichtig, welche Freunde haben sie? Kenne ich sie, kenne ich deren Eltern, deren Zuhause?

 

 Voraussetzung Nr. 6: Ruhe bewahren

Auch wenn sich Kinder heftig daneben benehmen: Ruhe bewahren. Wenn Eltern dann selbst die Nerven verlieren, sinkt die Chance, dass das Kind lernen kann, wie es sich richtig verhalten soll, rapide gegen Null.

Voraussetzung Nr. 7: Klare Erwartungen formulieren

Kinder müssen kindgerecht vermittelt bekommen, was die Eltern für Erwartungen an sie haben. Kindgerecht heisst aus entwicklungspsychologischer Sicht, dass berücksichtigt wird, dass das Aufmerksamkeits- und Wahrnehmungssystem sowie die Merkfähigkeit bei Kindern nicht denjenigen von Erwachsenen entsprechen. Das gilt im Speziellen für Kinder mit einer ADHS. Die Botschaften und Aufträge müssen plakativ und einfach gehalten werden. Eltern müssen sich immer vergewissern, ob die Kinder auch wirklich verstanden haben, was man von ihnen erwartet. Merkkarten im Format A6 eignen sich dazu besonders gut, da sie nicht zu gross sind und auf der Rückseite Bonuspunkte vermerkt werden können, falls das Kind den Auftrag erfolgreich ausgeführt hat.

Voraussetzung Nr. 8: Regeln

Kinder brauchen kindgerechte Regeln, welche berücksichtigen, dass ihre Selbststeuerungskompetenzen, also die Fähigkeit, sich selbst zu managen, noch nicht denjenigen von Jugendlichen oder Erwachsenen entspricht.

Beispiel: Kein Kind hat eine so hoch entwickelte Selbstkontrolle, dass es immer das tut, was es tun sollte (zum Beispiel selbständig nach 30 Minuten den TV ausschalten). Dies von einem Kind zu erwarten führt unweigerlich ins Desaster. Bei Kindern mit einer ADHS ist das noch ausgeprägter: Appelle an die Eigenverantwortung stellen oftmals auch bei Fünfzehnjährigen noch eine Überforderung dar. Beim TV-Konsum etwa ist und bleibt es in der Verantwortung der Eltern, die Dauer zu limitieren.

Voraussetzung Nr. 9: Loben

Loben und strafen Sie Verhaltensweisen und nicht das Kind an sich. Beispiel: Bei Komplimenten immer möglichst präzise beschreiben und hervorheben, welche konkrete Verhaltensweise das Kind gut (oder schon besser als beim letzten Mal) gemacht hat. Bei unerwünschtem Verhalten soll dem Kind wiederholt gesagt und gezeigt werden, welches konkrete Verhalten nicht in Ordnung war. Dem Kind muss, selbst wenn es viele Anläufe braucht, immer wieder in Ruhe gezeigt werden, wie es sich richtig verhalten muss. Bei theoretischen Vorträgen über richtiges Verhalten hören Kinder mit einer ADHS nicht zu. Übrigens: Vor allem Belohnungen (aber auch Strafen), wirken am besten, wenn sie originell, phantasievoll und überraschend daherkommen.




Führungsinstrument: Hausregeln

Hausregeln stellen ein wichtiges Instrument dar, um innerhalb der Familie Verhaltensweisen, welche von den Kindern nicht automatisch übernommen werden, zu regeln. Sie sind das A & O im neuen Erziehungsstil. Hausregeln entsprechen einem Pflichtenheft an einer Arbeitsstelle. Dieses Führungsinstrument regelt, wer welche Aufgaben, Rechte und Pflichten hat, wer wann was macht und wer, wann und welche Informationsbring- und Holpflichten hat. Bezüglich vieler alltäglicher Gegebenheiten, welche zu Auseinandersetzungen führen, sollte nicht erst im täglichen Vollzug (das ist zu spät und führt meistens zu Streit), sondern bereits vorher, also in der Planungsphase, Klarheit geschaffen werden. Wer erst im Konfliktfall über die Spielregeln verhandelt, hat von vornherein verloren.

Bestandteile wirksamer Hausregeln

Griffige und schlanke Hausregeln setzen sich aus drei Elementen zusammen, welche sich auf maximal einer A4-Seite festhalten lassen:

  • Konkrete Regeln
  • Bussenverzeichnis
  • Ämtli-Plan (welche Aufgaben im Haushalt hat das Kind)

Grundsätzliches zu Hausregeln

Hausregeln müssen so aufgebaut sein, dass sie die 1:1-Kontrollfunktion der Mutter (und des Vaters) reduzieren. Genau das ist ja der Sinn von Hausregeln. Es ist wie im Strassenverkehr: Bei Geschwindigkeitsübertretungen müssen wir nicht erst lange mit dem Polizeibeamten diskutieren. Wir wissen, dass wir eine Regel übertreten haben und nun zur Kasse gebeten werden. Der Polizeibeamte vollzieht einen schon im Voraus feststehenden Akt der Bestrafung (Busszettel). Dies macht das Handling sehr viel einfacher. Stellen Sie sich nur vor, der Polizeibeamte müsste mit jedem Verkehrssünder stundenlange Diskussionen über Sinn oder Unsinn der Strafe führen. Ohne klare und verbindliche Regeln lassen sich viele Eltern in viel zu lange Diskussionen hineinziehen. Hausregeln müssen also so gestaltet werden, dass durch sie die Kontrollfunktion der Mutter reduziert wird und sie aus der unseligen Rolle der Polizistin wenigstens ein Stück weit befreit wird. Regelwerke, welche darauf hinauslaufen, dass die Mutter das Verhalten des Kindes noch mehr kontrollieren muss, sind definitiv kontraproduktiv und damit untauglich.

 

Hausregeln ermöglichen den Blick aufs Positive

Klare Regeln und Sanktionen bieten den Eltern die grosse Chance, den Kindern und Jugendlichen mehr positive Feedbacks zu geben und generell mehr Raum für positive Interaktionen entstehen zu lassen. Die Eltern verfügen dank griffigen Hausregeln über mehr Aufmerksamkeitsenergie für das erwünschte positive Verhalten eines Kindes (selbst dann, wenn es sich erst in kleinen Ansätzen zeigt).

Hausregeln fördern die Selbstverantwortung des Kindes

Hausregeln müssen geeignet sein, die Selbstverantwortung des Kindes zu fördern. Das ein wichtiger Punkt im neuen Erziehungsstil. Sie müssen inhaltlich so strukturiert sein, dass das Kind fast zwingend Erfolgserlebnisse machen muss. So erfährt es automatisch, dass es sich lohnt, sich an gemeinsam getroffene Vereinbarung zu halten. Konkret: Eltern erarbeiten sich niederschwellige Zwischenziele, so dass es dem Kind gelingen muss, Erfolg zu haben. Hiervon hängt der Erfolg nahezu aller Erziehungsmassnahmen ab. Im weitesten Sinne soll mit diesen Führungsinstrumenten (Hausregeln, Bussenverzeichnis und Ämtli-Plan) erreicht werden, dass die Auftretenswahrscheinlichkeit des positiven Verhaltens gefördert wird und dass mehr Raum für Positives entsteht.

Hausregeln müssen umsetzbar sein

Hausregeln müssen einfach umsetz- und kontrollierbar sein. Immer daran denken, dass das Einhalten der Regeln überprüft und das Nichteinhalten bei Bedarf sanktioniert werden muss. Ziel von Hausregeln ist es ja nicht, dass man innerhalb einer Familie wegen der Umsetzung oder Einhaltung von neuen Regeln noch mehr Ärger hat als zuvor. Die Regeln sollen möglichst sachlich sein, ähnlich wie im Strassenverkehr, wo man ja nicht wirklich sauer auf den Polizisten ist, bloss weil er einem in extrem ungerechter Manier eine Busse aufgebrummt hat. Wenn, dann sind wir sauer auf die doofe Geschwindigkeitsregelung, aber nicht auf die Polizeibeamten. Deswegen auch der Bussenkatalog, welcher konkret definierte Übertretungen bezeichnet und angibt, welche Strafe es bei welchem Verhalten absetzt (zum Beispiel bei verbalen Angriffen, bei Handgreiflichkeiten, bei Entwenden von Eigentum anderer Familienmitglieder).

Punktepläne und Belohnungssysteme?

Immer wieder hören wir von Eltern, dass sie eine Weile und meistens ohne anhaltenden Erfolg versucht haben, mit Punkteplänen auf das Verhalten eines Kindes mit einer ADHS einzuwirken. Punktepläne funktionieren schon, nur müssen sie sparsam dosiert, pfiffig aufgemacht, konsequent durchgeführt und rechtzeitig beendet werden. Meistens bedarf es dazu der therapeutischen Unterstützung durch eine Fachperson.

Hausregeln in der Praxis

In einem ersten wichtigen Schritt müssen sich die Eltern grundsätzlich klar werden, was sie eigentlich erwarten. Was ist ihnen im familiären Zusammenleben wirklich wichtig? Welche Verhaltensweisen wollen sie auf gar keinen Fall mehr erleben? Motto: Weniger ist mehr. Also ein schlankes und griffiges Regelwerk erschaffen. Entscheidend ist, dass sich Vater und Mutter auf eine gemeinsame Unité du doctrine beziehungsweise Basis der Regeln einigen. Konkret heisst das, dass die Ausarbeitung von Hausregeln zwischen Vater und Mutter erfolgt (die Kinder werden erst später miteinbezogen). Die Regierung bestimmt, wo es langgeht. Selbstverständlich sind Hausregeln nur dann wirksam, wenn auch Väter an deren Erarbeitung und Durchsetzung aktiv mitwirken. Und: Eltern müssen nicht in allen Punkten einig sein, um gemeinsam für die Hausregeln einzustehen (zwischen den Eltern gilt grundsätzlich das Kollegialitätsprinzip). In einem nächsten Schritt können dann die Familiengesetze dem Kinder-Parlament zur Diskussion vorgelegt werden, bevor sie verabschiedet werden und für eine im Voraus definierte Zeit (zum Beispiel für drei Monate) in Kraft treten.

Das konkrete Umsetzen von Hausregeln

Hausregeln wirken besser, wenn man sie zusammen mit dem Kind einübt. Beispiel: Die Regel „Montag, Mittwoch und Samstag Duschen und Haare waschen“ könnte dem Kind vermittelt werden, indem der Vater eine Weile lange mit dem Sohn an diesen Tagen zusammen duscht (ideal auch für Aufklärungsgespräche Vater-Sohn).

Wenn immer möglich sollte auf technische Hilfsmittel zurückgegriffen werden (zum Beispiel bei den TV- oder PC-Zeitgrenzen). Beispiel: Zu verlangen, dass ein Kind die TV-Zeit selbständig auf eine Stunde pro Tag beschränkt, bringt nur Ärger, da die Mutter das dann jeden Tag kontrollieren muss und dadurch noch mehr in eine negativ besetzte Rolle gerät. Besser sind da technische Hilfsmittel, welche die Benutzung der Bildschirmmedien automatisch limitieren (moderne Systeme lassen sich von den Kindern nicht knacken). Positive und negative Konsequenzen müssen schnell erfolgen, wenn sie das Verhalten des Kindes beeinflussen sollen. Schlechtes Beispiel: „Wenn es einen Monat lang geklappt hat, gibt’s einen Kinobesuch.“ Das kann nicht funktionieren.




Einige Regeln müssen zwecks Umsetzhilfe visualisiert werden. Beispiel: „Duschtuch aufhängen und Waschlappen ausdrücken“. Das hört sich gut an. Papier ist geduldig. Für Worte aus dem Mund der Eltern sind Kinder / Jugendliche leider nicht eben sehr empfänglich, da die meisten Eltern ihre Kinder viel häufiger dann ansprechen, wenn sie etwas nicht gut gemacht haben. Hinter allem und jedem hören die Kinder dann nur noch ein Geschimpfe. Läuft es mal gut, atmen die Eltern auf und lehnen sich zurück, anstatt ihre Aufmerksamkeit auf das positive Verhalten des Kindes zu richten. Die Regel „Duschtuch aufhängen und Waschlappen ausdrücken“ muss daher ergänzt werden durch eine Visualisierung. So könnte zur Erinnerung im Badezimmer ein Foto eines ausgedrückten Lappens und eines ordentlich aufgehängten Duschtuches aufgenommen, auf ein A5-Blatt ausgedruckt, dann laminiert und schliesslich im Badezimmer aufgehängt werden. Oder: „Direkt nach dem Heimkommen Jacken aufhängen, Schuhe hinstellen…“. Das alleine wird nicht klappen (zur Erinnerung: Von einem einsichtsorientierten Erziehungsstil sollte Abschied genommen werden). Unterstützt werden kann diese Regel, indem eine Weile lang an dem Ort, wo die Jacke hingehängt und die Schuhe hingestellt werden sollen, blinkende LED-Lämpchen aus dem Fahrradzubehör angebracht werden. Kinder mit einer ADHS richten ihre Aufmerksamkeit so viel besser auf die der Mutter so wichtige Stelle.

Erziehungskurse

Wer ein Mofa lenken will, benötigt einen Führerschein, muss also Lernen und eine Prüfung bestehen. Die Fähigkeit zum Erziehen der Kinder hingegen scheint eine angeborene Eigenschaft zu sein, welche nicht erlernt werden muss. Wenigstens für Väter und Mütter mit schwierigen Kindern wäre es ein Segen, bestünde die Möglichkeit, Erziehungskurse zu absolvieren. Leider werden diese nur vereinzelt und meistens ohne Qualitätssicherung angeboten.

Professionelle Erziehungsberatung

Es ist kein Zeichen des Versagens, wenn sich Eltern durch eine professionelle Erziehungsberatungsstelle unterstützen lassen. Viele Eltern profitieren von den Tipps und Ratschlägen der Erziehungsberater/-innen. Und lernen einen wirksamen Erziehungsstil.

Lesen Sie hier weiter, wenn diese Informationen für Sie hilfreich waren.


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Mach endlich! Erziehungsprobleme und ihre Umfahrungsmöglichkeiten in Familien mit ADHS | Immer nur ich! Kinder mit einer ADHS und ihre Geschwister im Streit


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Er wurde letztmals aktualisiert am 11.10.2017.
© Piero Rossi




Immer nur ich! Kinder mit einer ADHS und ihre Geschwister im Streit – Was tun?


Es geht um Streit zwischen Geschwistern.
Und darum, wie man dem begegnen kann.
Interessiert? Weiterlesen!


Piero Rossi. Vortragsmanuskript 2002

Einführung

http://www.adhs.ch/ueber-mich/Zum Thema von heute Abend: Das Problem einer wirklich krankhaften Geschwisterrivalität spielt eigentlich nur in wenigen Familien unserer jungen Patienten mit ADHS eine zentrale und vorherrschende Rolle. Aber auch wenn Streit unter Geschwistern bei unseren Patienten nicht Thema Nummer eins ist: Davon betroffen, damit belastet und durch die Streitereien genervt sind so gut wie alle ADHS-Familien.

Streit bis hin zu tätlichen Aggressionen

In einigen ADHS-Familien wird nicht einfach nur heftig gestritten. Nein, was mir Eltern berichten, macht mich teils sehr betroffen. Ich erspare Ihnen das Aufzählen von Details. Vor allem die Hartnäckigkeit, dass Sich-Verbeissen, die Heftigkeit, die im Streit oftmals geäusserten schlimmen Drohungen oder gar die tätlichen aggressiven Ausbrüche erschrecken mich immer wieder. Ich musste zudem zur Kenntnis nehmen, dass diese Probleme wiederholt selbst dann bestehen bleiben, wenn Eltern Ratgeber zum Thema Eifersucht und Geschwisterrivalität gelesen haben oder Erziehungskurse besucht haben.

Wieso aber haben Kinder mit einer ADHS mehr Probleme im sozialen Umgang mit anderen? Wieso entsteht mehr Streit mit den Geschwistern? Wie und warum kann eine ADHS den Streit unter Geschwistern verschärfen? Und vor allem: Was bitte hilft dagegen?

Ich habe mir für heute Abend eigentlich vorgenommen, die Krankengeschichten meiner jungen ADHS-Patientinnen und -Patienten der letzten Jahre durchzugehen und nachzusehen, bei welchen Kindern die Problematik einer übermässigen Geschwisterrivalität und Eifersucht sehr ausgeprägt vorhanden war. Und ich hatte mir vorgenommen, zusammenzutragen, welches die zentralen Gründe dafür waren und dann aufzulisten, was genau dann grundlegend geholfen hat, dass wieder Ruhe in die Familie einkehrte und diese Probleme gelindert werden konnten. Ich habe dann bald eingesehen, dass ich meine Praxis einen Monat hätte schliessen müssen, um mit diesem Projekt fertig zu werden. Aber auch wenn ich nur einen Teil meiner Krankengeschichten habe durchgehen können, bin ich doch zu Ergebnissen gekommen, die mich in ihrer Eindeutigkeit und Klarheit haben aufhorchen lassen.



In meiner Arbeit staune ich immer wieder darüber, wie gut es viele Mütter von Kindern mit einer ADHS schaffen, neben allem Ungemach auch noch mit übermässigem Geschwisterstreit souverän umzugehen. Eigentlich sollten Mütter von betroffenen Kindern über dieses Thema referieren und nicht ich. Sie wissen aus der tagtäglichen Erfahrung am besten, was hilft und was nicht. Mit meinen Beobachtungen und Schlussfolgerungen kann ich ihre Erfahrungen vielleicht ergänzen, aber sicher nicht ersetzen.

Die Ursachen

Ich ging also bei meinen Vorbereitungen für heute Abend der Frage nach, unter welchen Bedingungen in den mir bekannten ADHS-Familien Geschwisterstreit eine besonders belastende Rolle spielte. Wann traten die Probleme besonders gehäuft auf? Und was half? Ich habe sechs Kernpunkte ausgemacht.

Ursache für Streit Nr. 1: Fehlende Akzeptanz und fehlendes Wissen

Ich stelle immer wieder fest, dass belastende Geschwisterstreitereien immer dann gehäuft vorkommen, wenn in der Familie nicht wirklich akzeptiert wird, dass bei dem betreffenden Familienmitglied eine ADHS vorliegt. Diejenigen unter Ihnen, die selbst Kinder mit einer ADHS haben, wissen wahrscheinlich aus eigener Erfahrung nur zu gut, dass es von der Mitteilung bis zum wirklichen Akzeptieren, dass das eigene Kind an einer ADHS leidet, ein langer Weg ist. Es wird nicht akzeptiert, dass Kinder mit einer ADHS anders funktionieren als ihre Geschwister. Wie schon in der Gesellschaft wird auch in vielen Familien diesen Kindern nicht wirklich zugestanden, anders zu reagieren, anders zu lernen, anders zu empfinden und einfach anders zu sein als andere.

Vor allem zahlreiche Väter verstehen nicht, was es für ihre Kinder (und deren Müttern) heisst, an einer ADHS zu leiden. Sie erwarten von ihren betroffenen Kindern vor allem in Sachen Schule dasselbe wie von den gesunden Kindern. Und sie vergleichen entweder ganz direkt oder durch indirekte Äusserungen das Verhalten daheim und die Leistungen in der Schule immer wieder mit denen der gesunden Geschwister. Beispielweise dann, wenn es zum Anreiz für alle Kinder pro Prüfungsnote über 4.5 einen Batzen gibt, wenn also die Anerkennung von einem für alle gleichen Massstab ausgeht.

Belastende, also über das Normale hinausgehende Geschwisterstreitereien kamen in den Familien meiner Patientinnen und Patienten dann gehäuft vor, wenn daheim wie in der Schule getan wird, als hätten die Kinder mit einer ADHS die gleichen Chancen wie ihre gesunden Geschwister und die Schulkolleginnen und Schulkollegen. Es wird nicht akzeptiert, dass Kinder mit einer ADHS ganz andere Voraussetzungen mitbringen als gesunde Kinder. Wie sonst kämen die Väter auf die Idee, Äpfel mit Birnen zu vergleichen? Das gilt selbst für echt gut gemeinte und tröstende Bemerkungen wie: „Schau Dir Julia an, auch sie hatte früher schlechte Noten. Nun hat sie sich angestrengt und jeden Tag eine halbe Stunde gelernt. Das kannst Du auch erreichen, wenn Du nur willst. Wenn man will, schafft man alles …!“




Was meinen Sie, passiert in solchen Momenten in der Seele eines ADHS-Kindes? Wie zurückgesetzt muss sich ein Kind fühlen, welches nicht nicht will, sondern nicht kann, sich das alles selbst nicht erklären kann und sich dann vielleicht noch schuldig fühlt? Wie muss sich ein ADHS-Kind fühlen, wenn es ihm wiederholt vorgehalten oder mit Blicken und Gesten zu verstehen gegeben wird, dass es wieder einmal viel länger als andere hat, um den gleichen Stoff zu lernen, und dass es dann das Gelernte nicht wieder so schnell vergessen und deswegen heute wirklich einmal mehr aufpassen soll? Das erzeugt Versagensängste und Schuldgefühle. Aber auch Angst, die Erwartungen der anderen nicht erfüllen zu können. Eine erhöhte Grundangst spielt bei Kindern mit einer ADHS eine grosse Rolle. Angst setzt unter anderem Adrenalin frei, welches auch zu aggressivem Verhalten führen kann.

Was passiert in der Seele eines zappeligen, unruhigen und impulsiven Kindes, wenn ihm von den Eltern oder Grosseltern wiederholt mehr oder weniger direkt zu verstehen gegeben wird, man erwarte jetzt schon langsam, dass es lerne, sich wie andere zu beherrschen und zu benehmen? Und was passiert in einem ADHS-Kind, wenn es die leise Enttäuschung der Eltern spürt, dass es in Mathe das Sortenumwandeln immer noch nicht begriffen hat? Und wie geht es ihm, wenn es an die nächste Probe denkt oder das Aufgerufen werden, wenn es wieder einmal das Gelernte nicht schnell genug aus dem Langzeitgedächtnis abrufen kann? Oder wenn es bei jedem Übungsdiktat daheim mehr Fehler macht, sich von der entnervten Mutter anhören muss, es soll sich endlich zusammenreissen, und dann das jüngere Geschwisterkind lachend heimkommt und dem stolzen Vater mit Schwung ein fast fehlerfreies Diktat präsentiert und mit spitzem Blick in Richtung ADHS-Geschwisterkind eine Belohnung kassiert. Was dann bald eine Etage höher passieren wird, können Sie sich vorstellen …

Gott hat mir schwarzes Blut gegeben

Das Vergleichen von Äpfeln mit Birnen in einer Familie ist der Nährboden schlechthin für Rivalität und Eifersucht. Kinder mit einer ADHS machen doch schon in der Schule genug oft Erfahrungen, aus denen sie die Schlussfolgerungen ziehen, dumm, ungeschickt, ungeliebt und schlecht zu sein. Und Kinder vergleichen sich selbst schon genug untereinander: Kinder mit einer ADHS realisieren sehr wohl, dass sie nicht so konzentriert wie das Geschwisterkind an den Aufgaben sitzen bleiben können oder länger dafür benötigen. Oder wenn der kleine Bruder aus der Küche die Lösung für eine dem ADHS-Kind von der Mutter gestellte Multiplikations-Aufgabe ruft, an welcher der 5.-Klässler beschämt schon eine halbe Ewigkeit herum studiert. Und wenn dann der Vater dem Kleinen stolz zuruft: „Super!“. Ja – dann hat es in der Seele des ADHS-Kindes einen Stich und damit eine weitere offene Wunde mehr. Wie bei Kindern mit einem unerkannten oder unbehandelten Seh- oder Hörfehler haben auch Kinder mit einer ADHS ganz andere Voraussetzungen, um zu lernen und sich die Welt anzueignen. Diese Kinder haben sowieso eine „Zwei auf dem Rücken“. Sie haben viel mehr Mühe beim Lernen und haben es viel schwerer Freundschaften aufzubauen.




Bei unseren Abklärungen frage ich die Kinder immer wieder, wie sie sich denn selbst ihre Probleme erklären: Sie glauben mir nicht, wie häufig mir schon 3.-Klässler leise und teils beschämt sagen, es liege an ihrer Faulheit. Auf die Frage, woher sie das wissen, sagen sie meisten von ihnen spontan: „Vom Vater!“. Ein elfjähriger hyperaktiver und hochbegabter Bube, der von fast allen wegen seinem unmöglichen Verhalten gemieden wird, sagte mir vor einiger Zeit:

„Gott hat mir schwarzes Blut gegeben, sonst wäre ich nicht so schlecht.“

Also: Belastende Geschwister­streitereien in ADHS-Familien kommen aus meiner Erfahrung heraus dann gehäuft vor, wenn in einer Familie das ADHS-Kind immer wieder direkt oder indirekt mit den gesunden Geschwistern verglichen wird, wenn also nicht akzeptiert wird, dass es andere Voraussetzungen mitbringt und anders funktioniert.

Anmerkung: Kinder mit einer ADHS und ihre Geschwister sollten nicht zusammen Aufgaben machen. Wenn ein jüngeres und gesundes Geschwisterkind dem oder der älteren ADHS-Betroffenen leistungsmässig immer näher rückt oder durch Repetitionen sogar in der gleichen Klasse beschult werden soll, muss eine andere Schullösung gesucht werden. Nie die Kinder über Noten vergleichen, das ist brutal. Nie Noten belohnen, sondern individuelle Fortschritte im Lernverhalten und bei den Lernbemühungen – also nicht das Ergebnis.

Nun ist ja die von mir immer wieder festgestellte fehlende Akzeptanz gegenüber den Kindern mit einer ADHS keine Charakterfrage der Eltern oder keine bewusst verkehrte Haltung. Woran liegt es aber dann? Akzeptieren kommt von Verstehen und verstehen kommt von Begreifen und begreifen kann man etwas Erlebtes, sofern wir Begriffe und Worte dafür haben.




Ich stellte fest, dass eine fehlende Akzeptanz die direkte Folge von fehlendem Wissen über die ADHS war. Mir werden von Ärztinnen und Ärzten sowie Schulpsychologinnen und Schulpsychologen nicht nur junge Patientinnen und Patienten zugewiesen, die erstmalig abgeklärt werden sollen, sondern auch Kinder oder Jugendliche, bei denen bereits eine andere Fachstelle eine ADHS beziehungsweise ein POS diagnostiziert und behandelt hat. Es handelt sich in diesen Fällen um Kinder, bei denen trotz Therapien keine wirklichen Verbesserungen festzustellen waren und in der Schule und daheim einschneidende und für die ganze Familie belastende Verhaltens- und Lernprobleme fortbestehen. Viele dieser Eltern, aber auch die Geschwister und sogar die jungen Patientinnen und Patienten selbst, kannten die ADHS gar nicht oder wurden zu wenig über die ADHS informiert. Sie machten die Rechnung ohne den Wirt namens ADHS und konnten daher ihre Massnahmen nicht auf die Möglichkeiten und Grenzen eines ADHS-Kindes abstützen. Wissen ist die Voraussetzung, um etwas verstehen und schliesslich auch akzeptieren zu können. Erst wenn ich die Kernpunkte der ADHS begriffen habe, kann ich an ein ADHS-Kind angemessene Erwartungen herantragen, es also weder über- noch unterfordern.

Geschwister- und Familienstreitereien

Diese schaukeln sich dann auf, wenn alle Beteiligten, das, was der andere tut oder nicht tut, sagt oder nicht sagt, spontan auf sich persönlich beziehen, sich persönlich attackiert fühlen und entsprechend zurückgeben. Anstatt das Problemverhalten des Kindes als ADHS-Verhaltensschwäche zu erkennen, zu akzeptieren und mehr oder weniger logisch-vernünftig damit umzugehen, wird es als Provokation und Angriff missverstanden. Erst mit Wissen um die ADHS und deren Hintergründe kann es gelingen, nicht mehr alles auf sich selbst zu beziehen und gereizt zu reagieren. Gegen die fehlende oder ungenügende Akzeptanz des ADHS-Kindes und damit auch gegen extreme Geschwisterrivalitäten hat sich als hochwirksame Therapie herausgestellt, wenn ADHS-Betroffene, ihre Geschwister und Eltern angeleitet werden, sich Wissen über die ADHS anzueignen. Um die ADHS zu begreifen muss man nicht zehn Bücher studiert haben. Ich empfehle bevorzugt die Bücher meiner Kollegin Cordula Neuhaus (zum Beispiel „Kinder mit ADHS“).

Ich werde jetzt kurz das Wichtigste über die ADHS zusammenfassen. Anschliessend stelle ich Ihnen die restlichen fünf Ursachen von Geschwisterstreitereien in ADHS-Familien vor.

Exkurs: Das Wichtigste über die ADHS

Gemäss dem heute international anerkannten Stand der Erforschung dieses Syndroms, besteht das Kernmerkmal der ADHS in einer neurochemisch bedingten Schwäche der Hemmfunktionen unseres Gehirns. Man weiss heute, dass bei der ADHS bestimmte Nervenzellen untereinander nicht genügend aktiv kommunizieren, und zwar in denjenigen Hirnregionen, welche im Normalfall flexibel die von aussen auf uns eintreffenden Reize filtern, dann sortieren und schliesslich für eine angemessene Verarbeitung und Reaktion auf diese Reize sorgen sollten. Die Sortierschwäche und die durch sie bedingte zu grosse Reizempfänglichkeit erklären unter anderem, warum im Alltag schon kleine Geräusche eine Orientierungsreaktion auslösen können und die Aufmerksamkeit reflexartig beispielsweise vom Schulheft auf den (interessanten) Rasenmäher des Nachbarn umgelenkt werden kann. Die Reizoffenheit erklärt auch, wieso ADHS-Betroffene manchmal dermassen sensibel sind, dass sie zum Selbstschutz psychisch „dicht“ machen müssen, um nicht unterzugehen. Und sie erklärt, wieso Betroffene durch Stimulationen von aussen so leicht negativ, aber auch positiv beeinflussbar sind. Menschen mit einer ADHS regen sich auf, lassen sich irritieren und werden in Gedanken gefangen genommen von Kleinigkeiten oder Details, welche von anderen kaum wahrgenommen werden.




Bei der ADHS führt die zu grosse Reizoffenheit immer zu einer Superempfindlichkeit. Das zeigt sich nicht nur beim Essen oder bei der Wahl, wer zu einem passt und wer nicht. Das hypersensible ADHS-Kind (und nicht selten auch der Erwachsene mit einer ADHS) bezieht immer alles auf sich. Oft reichen eine Grimasse eines Geschwisterkindes oder die Geräusche des Besteckes beim Essen, um einen Streit vom Zaun zu brechen. Kinder mit einer ADHS sind wegen ihrer biologischen Filterschwäche viel leichter provozierbar als andere Kinder.

Reizfilter zu wenig aktiv

Weil bei ADHS die Reizfilterung nicht aktiv genug ist, nehmen betroffene Kinder immer zu viel auf einmal auf. Folge ist, dass sie grosse Mühe haben, sich auf nur eine Sache zu konzentrieren und an etwas dranzubleiben. Vor allem, wenn es sie nicht interessiert, können sie nicht mehr zuhören und das, was Lehrkräfte oder Eltern sagen, nicht mehr aufnehmen und im Gedächtnis einspeichern. Kinder mit einer ADHS sind deswegen so vergesslich, weil sie einen viel zu flüchtigen und schnellen Wahrnehmungsstil haben. Es ist wie beim Fotografieren: Wenn die Belichtungszeit zu kurz ist, fällt zu wenig Licht auf den Film. Und der Film entspricht dann dem Gedächtnis. Kinder mit einer ADHS haben selten echte Gedächtnisprobleme. Die Schwäche besteht vorher, nämlich beim Wahrnehmen.

Das ADHS-Kind kann oft nicht zuhören, es bekommt einfach nicht alles mit. Und das nicht nur in der Schule: Es übersieht und vergisst, dass die Schwester gestern abgewaschen hat und es richtig wäre, dass es heute dran ist. Und es vergisst, dass der Vater letztes Mal mit ihm in der Autowaschanlage war und dass diesmal der Bruder dran ist. Oder es vergisst eine bei der letzten Familienkonferenz vereinbarte Abmachung und behauptet, dass dies nie so gesagt worden wäre. Weil die Kinder mit einer ADHS es oft wirklich nicht mehr wissen und ihnen das niemand glaubt, fangen sie an, sich zu verteidigen und zu kämpfen. Deswegen: Abmachungen und Regeln immer aufschreiben und sichtbar für alle aufhängen.

 

Eingeschränktes Arbeitsgedächtnis

Weil sich das Arbeitszeitgedächtnis (also das aktive Kurzzeitgedächtnis) bei Kindern mit einer ADHS anders entwickelt als bei gesunden Kindern, sie Dinge vergessen und ein ganz anderes Zeitempfinden haben, leben sie oft nur im Augenblick, im Hier und Jetzt. In Kombination mit ihrem oft extremen Gerechtigkeitsempfinden, kann dies zu den verbissensten Streitereien führen. Etwa bis zum zwölften Lebensjahr sehen alle Kinder die Welt nur in ihrer eigenen Perspektive. Bis in diese Zeit hinein vermögen sie noch nicht sich in die Position eines anderen hinein zu versetzen. Einige Kinder mit einer ADHS scheinen das erst sehr viel später zu lernen. Sie haben es oft noch sehr viel schwieriger als andere, den eigenen Anteil an einem Streit zu sehen. Durch ihr Hier-und-Jetzt-Empfinden fühlen sie sich im Streit nur noch als Opfer und immer nur als der- oder diejenige, welche den anderen aus­geliefert ist. Sich selbst – quasi aus der Sicht des anderen – nehmen sie nicht wahr.

Das „Immer nur ich“ – Denken

… ist oftmals der Startpunkt eines Ge­schwisterstreits. Es hält bei ADHS-Betroffenen oft zeitlebens an. Bei allem verteidigen sie sich ständig, legen sich mit der Schwester, der Mutter, der Lehrerin, später mit dem Lehrmeister, dem Chef beziehungsweise der Partnerin oder dem Partner an. Mit dem „Immer nur ich“ – Denken geht einher, dass Kinder mit einer ADHS, aber oft auch Jugendliche und Erwachsene, immer alles auf sich beziehen. Weil die Aufmerksamkeitsfunktionen nicht gut genug entwickelt sind, gehen sie immer nur von sich aus und können manchmal ein Leben lang egozentrisch bleiben. Geschwister, welche eifersüchtig werden, weil das Problemkind sehr viel Aufmerksamkeit bekommt, finden dann blitzschnell raus, wo beim ADHS-Kind die reizbaren Punkte liegen.

Aufmerksamkeitsfokus

ADHS-Menschen haben generell Mühe sich umzustellen, den Aufmerksamkeitsfokus flexibel zu wechseln. Ihre Aufmerksamkeitsenergie reicht gewöhnlich gerade mal dazu, um das Nötigste, was gerade vor ihnen liegt, zu bewältigen. Manchmal können sich Kinder mit einer ADHS, wenn sie einmal an einer Sache dran sind, sehr wohl konzentrieren. Wehe aber, sie müssen unfreiwillig schnell umschalten und in einem Kameraschwenk den Aufmerksamkeitsfokus verschieben. Beispielsweise, wenn etwa die Schwester plötzlich ins Zimmer trampelt oder wenn sie auf die Schnelle der Mutter beim Hochtragen des Wäschekorbs helfen sollen. Für das schnelle und flexible Wechseln des Aufmerksamkeitskegels reicht dann die Energie nicht mehr. Sie fühlen sich gestresst, gestört, werden stinksauer, explodieren und rufen aus. Sie schaffen es nicht, innerlich auf den Pausenknopf zu drücken, der Mutter die Wäsche hoch zu tragen und dann dort weiterzulernen, wo sie aufgehört haben.

Impulsregulation

Hinzu kommt, dass bei ADHS-Betroffenen innere Impulse, nicht genügend reguliert und abgebremst werden können. Viele Kinder mit einer ADHS zeigen als Folge dieser Bremsschwäche einen flüchtigen und impulsiven Arbeitsstil. Diese Kinder schreiben, bevor sie die Fragen gelesen haben. Und sie reden, bevor die Lehrerin oder der Vater eine Frage fertig aussprechen konnte und handeln häufig, ohne vorher zu denken. Sie haben sich nicht im Griff, können ihr Erregungsniveau nicht angemessen regulieren, können nicht bremsen und schiessen deswegen regelmässig (und mit allen negativen Konsequenzen) übers Ziel hinaus.

Ich höre immer wieder, dass Kinder mir sagen: „Ich will schon sitzen bleiben und lernen, oder nicht streiten, aber es geht nicht. Und niemand glaubt mir, dass ich das gar nicht will, wenn ich der Mutter im Streit ‚Du A…‘ sage. Es kommt einfach aus mir heraus.“ Kinder mit einer ADHS sind auch ihren Emotionen und Bedürfnissen viel mehr als andere ausgeliefert: „Jetzt ich habe Lust auf Musik und jetzt will ich die neue CD meiner Schwester hören“ und schon ist es passiert: Der Sound der CD der Schwester erklingt laut aus dem eigenen Zimmer. Diese reisst wutschnaubend die Tür auf – den Rest können Sie sich denken!




Kinder mit einer ADHS handeln wegen ihrer biologisch bedingten Hemmschwäche also oftmals super spontan, sehr impulsiv und leider oft ohne vorher nachzudenken. Die ADHS-Impulskontrollschwäche betrifft also auch die eigenen Bedürfnisse, die dann nicht angemessen reguliert und unterdrückt werden. Einige dieser Kinder wirken wie echte Egoisten. Dabei können sie nicht anders. Das ist keine Entschuldigung, sondern eine Erklärung.

Zusammenfassung Neurobiologie der ADHS

Also: Bei der ADHS sind im Gehirn diejenigen neuronalen Netzwerke, welche die innere Bremse und den Reizfilterschutz regulieren, zu wenig aktiv. Aber nicht immer und nicht durchgehend. Begeben sich diese Kinder in für sie neue, frische, interessante oder anregende Situationen, dann vermögen sie sich oft erstaunlich gut zu konzentrieren und zusammenzureissen. Das Brems- und Filtersystem im Gehirn von ADHS-Betroffenen funktioniert (leider) nur dann gut, wenn diese Hirnregionen zusätzlich von aussen oder von innen angeregt und stimuliert werden. Dann erst normalisiert sich der Hirnstoffwechsel für kurze Zeit und dann erst vermag man sich gut zu konzentrieren, ist nicht von jeder Fliege abgelenkt und kann eine Sache durchziehen. Menschen mit einer ADHS brauchen daher sehr viel mehr Stimulation, um das neuronale Gleichgewicht aufrechtzuerhalten und um normal funktionieren zu können. Sobald es monoton, reizarm, langweilig und uninteressant wird, versagen das Reizfiltersystem und die innere Bremse. Vor allem beim Lernen ist das ein echtes Problem: Ist das Fach interessant, stimmt die Chemie mit der Lehrkraft und hat man bereits etwas Erfolg, dann geht es einigermassen. Muss man sich jedoch länger hinsetzen und lernen und üben – und das lässt sich im Schulalter bekanntlich nicht vermeiden – versagen Konzentration und Selbstbeherrschung.

Kinder mit einer ADHS sind Spontanlerner: Sie lernen etwas entweder sofort, oder gar nicht oder nur mit viel, viel Mühe. Lernen bedeutet ja wiederholen, einen Text also zwei-, dreimal lesen, im Rechnen Reihen üben und üben. Die damit verbundene Gleichförmigkeit ist für Kinder mit einer ADHS mehr als einfach nur unangenehm. Alles sich Wiederholende ist für ADHS-Menschen – also auch für Erwachsene mit diesem Syndrom – ein absoluter Gräuel, verbunden mit einem Zustand unerträglicher innerer Leere. Sie vermeiden alles Gleichförmige wo und wie immer nur möglich. In den Berichten der Schulpsychologinnen und Schulpsychologen heisst es dann bezeichnenderweise, das Kind zeige eine Anstrengungsvermeidungshaltung. In dieser Leere wird das ADHS-Kind schnell unruhig und gereizt, kann sich nicht mehr konzentrieren, Impulse brechen durch, man handelt, ohne zu denken oder man verreist in Gedanken, oder träumt vor sich hin, sieht zum Fenster hinaus oder versucht, sich durch stimulierende innere Bilder oder Fantasien oder über Selbstgespräche Anregung zu verschaffen. Andere Kinder mit einer ADHS beginnen, ihre Geschwister zu sticheln, die Mutter zu reizen oder den Lehrer zu provozieren. Auch das ist keine Entschuldigung, sondern eine Erklärung.




Ursache Nr. 2: Nicht die richtige Therapie

Eine weitere zentrale Ursache für übermässigen Geschwisterstreit in ADHS-Familien liegt nach meiner Erfahrung darin, dass viele Kinder mit einer ADHS nicht gemäss dem heutigen Wissensstand behandelt werden. Grosse wissenschaftliche Untersuchungen zeigen, dass bei ADHS eine Therapie mit Medikamenten genauso wichtig ist, wie die Brille bei einem sehschwachen Kind. Auch bei den Patientinnen und Patienten aus meiner Praxis zeigte es sich eindeutig, dass bei jenen Kindern, welche eine medikamentöse Basistherapie erhielten, Danke für diese Infos!Geschwisterkonflikte sich in einem normalen Rahmen hielten. Mit gut eingestellten Medikamenten und ergänzt durch weitere therapeutische Massnahmen konnten sich rund vier von fünf jungen ADHS-Patientinnen und -Patienten unserer Praxis besser beherrschen, besser zuhören und besser mitmachen. Dies führte leider nicht bei allen, aber doch bei eindrücklich vielen Familien zu einer wohltuenden Beruhigung. Der zentrale Stellenwert von Medikamenten in der Behandlungskette der ADHS darf aber nicht dazu verleiten, andere Elemente einer ADHS-Therapie zu vernachlässigen. Ohne Informationsvermittlung, ohne verhaltenstherapeutische Massnahmen, ohne Erziehungsberatung, ohne Einbezug der Lehrkräfte und ohne schulische Fördermassnahmen bleiben nachhaltige Behandlungserfolge aus.

Ursache Nr. 3. Die Therapie ist nicht optimal abgestimmt

Streit gibt es in vielen ADHS-Familien entweder früh am Morgen, zur Mittagszeit und gegen Abend. Just in diesen Zeiten wirken die Stimulanzien oft noch nicht oder nicht mehr. Man muss wissen, dass Stimulanzien nur wenige Stunden wirken. Es ist daher erforderlich, mit der zuständigen Ärztin oder dem zuständigen Arzt die Dosierung so einzustellen, dass die wichtige Mittagszeit und der Abend auch abgedeckt sind. Eine 10mg Tablette Ritalin am Morgen und eine am Mittag führen infolge der kurzen Wirkdauer (ca. drei Stunden) zu einem Auf und Ab, fast so, als wäre die Brille mal scharf, mal unscharf. Positive Erlebnisse an Familienabenden und Wochenenden sind für die psychische Entwicklung des Kindes sowie für eine positive Gesamtstimmung in der Familie elementar. Gute Erlebnisse wie etwa ein friedlicher Besuch im Zoo mit den Grosseltern sind nur dann Seelennahrung für Kinder, wenn diese das Schöne auch aufnehmen und abspeichern können. Kindern, welche auf Stimulanzien angewiesen sind, das Medikament an den Wochenenden oder an den schulfreien Nachmittagen generell vorzuenthalten, ist unlogisch und meiner Ansicht nach ein Kunstfehler.

Ursache Nr. 4. Geschwisterkind hat eine unerkannte ADHS

Bei meiner Durchsicht nach massiven Geschwisterkonflikten sah ich, dass die Abklärungen ergaben, dass oftmals auch bei einem Geschwisterkind eine bisher unerkannte ADHS vorlag. Mich wundert das nicht: Die Erforschung der Ursachen der ADHS hat nämlich ergeben, dass dieses Syndrom wesentlich durch genetische Faktoren bedingt ist. Auch ich stelle bei Abklärungen häufig fest, dass auch bei Blutsverwandten oft eine ADHS vorliegt. Zwillings- und Adoptionsstudien haben gezeigt, dass bei der ADHS eine hohe Erblichkeit vorliegt. Eine Abklärung und Behandlung auch des Geschwisterkindes bewirkte, dass sich die Geschwisterkonflikte in vielen Fällen normalisierten.

Ursache Nr. 5. Mutter oder Vater leiden ebenfalls an einer ADHS

Wenn Eltern selbst immer schon impulsiv und leicht reizbar waren und sind und sich selbst nicht an Regeln halten können, spielt dies natürlich für das ganze Familienklima und das gegenseitige Aufeinanderreagieren eine immens grosse Rolle. Ich hatte schon wiederholt Familien in Behandlung, die wegen ewigen Streitereien längere Zeit und ohne Erfolg in einer Familientherapie waren. Eine echte Beruhigung gab es erst dann, als diese Eltern auch ihre eigene ADHS begriffen. Jeder soll lernen, sein Problem individuell für sich wahrzunehmen und anzugehen. Sonst wird dem ADHS-Kind die Verantwortung für alle Probleme aufgebürdet. Es kommt sich sonst noch mehr vor, als trüge es selbst die Schuld für alles.




Ursache Nr. 6. Diagnose stimmt nicht oder ist unvollständig

Bei Kindern, die von anderen Stellen abgeklärt wurden, bereits Medikamente bekamen und wegen fortbestehenden Problemen im Sozialverhalten sowie in der Schule zu mir überwiesen wurden, stelle ich immer mal wieder fest, dass die Diagnose nicht stimmt oder dass neben der ADHS andere grundlegende Probleme nicht erkannt und behandelt wurden. Immerhin beruhen längst nicht alle Konzentrationsstörungen automatisch auf einer ADHS. Dazu gehören emotionale Störungen oder auch Teilleistungsstörungen wie etwa eine Dyskalkulie, welche meistens mit Störungen in der Raumverarbeitung einhergehen und mit Ritalin natürlich nicht geheilt werden können. Das erfordert dann andere Therapien. Nur Medikamente abzugeben, hat sich meiner Erfahrung nach sowieso nicht bewährt.

Vorschläge

Zum Schluss doch noch einige konkrete Ratschläge und Massnahmen, welche auch gegen übermässigen Geschwisterstreit helfen können:

Familienregeln

Erarbeiten Sie sich in einer Familienkonferenz neben einem Ämtli-Plan auch eine oder zwei wichtige Familienregeln. Es sollen einfache, sehr konkrete und relevante Verhaltensregeln sein, wie sie von der Bedeutung her zum Beispiel im Fussball oder im Verkehr eine grosse Rolle spielen. Also: Wenige, gut überlegte und klare Regeln sind gefragt. Später können mehr dazu kommen. Bei störendem Geschwisterstreit formulieren Sie nicht: „Lieb sein zum Geschwisterkind!“. Das ist eine zu diffuse Regel. Fangen Sie am besten damit an: „Niemand nimmt ohne zu fragen anderen etwas weg“ oder „Verbotene Worte sind: Ar.ch“, usw.

Regeln Sie mit Ihrem Ehepartner und danach in einer Familienkonferenz auch die in Frage kommenden Sanktionen („Bussenkatalog“). Arbeiten Sie auch mit roten Karten. Wichtig ist, dass die Kinder vorher wissen, was passiert, wenn eine Regel übertreten wird. Das „Strafreglement“ sollte von den Eltern erarbeitet, an der Familienkonferenz eingeführt, schriftlich festgehalten werden und an einem gut einsehbaren Ort hängen. Aber Achtung: Sie müssen diese Regeln auch überwachen können und vor allem reagieren, wenn sie gebrochen werden. Überlegen Sie es sich also gut, was wie geregelt werden soll! Und beschränken Sie sich auf die wesentlichen Punkte. Nur so führt dieses Vorgehen zum Erfolg.

Loben, loben, loben

Loben Sie das Kind (oder die Kinder) beim Abendessen, falls die Regeln heute eingehalten wurden. Loben Sie sie also dann, wenn anderen nichts ungefragt weggenommen wurde und wenn die Kinder sich nicht handgreiflich stritten. Schenken Sie ihnen vor allem dann Aufmerksamkeit, wenn das positive Verhalten eingetreten ist – und nicht vor allem dann, wenn es kracht. Auch wenn für Sie selbst der Zustand des Nichtstreitens oder des Nichtwegnehmens selbstverständlich ist, belohnen Sie streitfreie Nachmittage mit einem Extradessert oder einem anderen Bonus.

Verstärkerplan

Hilft das nicht, müssen Sie systematisch und mit Hilfe einer Fachperson einen Verstärkerplan aufstellen. Auch dabei soll die Wahrscheinlichkeit, dass das erwünschte Verhalten eines Kindes öfters eintritt, durch den Einsatz einer positiven Konsequenz gefördert werden. Nur diesmal mit System, also einem hierarchischen Aufbau und einem durchdachten Punkte-Belohnungssystem. Eine Anleitung dazu findet man in diesem Buch: „Wackelpeter und Trotzkopf“ von Manfred Döpfner. Bei hartnäckigen Problemen muss ein Verhaltenstherapeut oder eine Verhaltenstherapeutin hinzugezogen werden.




Ohne Strafen geht es nicht

Leider gibt es immer wieder Situationen, welche sofortiges Eingreifen erforderlich machen. Dabei gilt folgender Grundsatz: Man soll das unerwünschte Verhalten sanktionieren und nicht die Person an sich. Kinder mit einer ADHS haben sowieso schon ein schlechtes Gewissen, weil sie so unbeherrscht sind und immer anecken, in der Schule ungenügende Leistungen erbringen und sich dumm vorkommen. Wenn ein schlimmer Streit im Aufziehen ist und Sie lediglich rufen: „Jetzt ist Schluss, hört endlich auf“ und das dann nicht durchsetzen können, verlieren Sie Ihre Glaubwürdigkeit. Wenn, dann sollte man möglichst wirkungsvolle signalartige Aufforderungen geben. Dazu muss man sich aber Gehör verschaffen. Ziehen Sie die gelbe Karte und geben Sie klare Botschaften! Und: Drohen Sie nicht mit späteren Sanktionen. Negative Konsequenzen müssen sofort erfolgen.

 

Wenn es bereits zu massiven Tätlichkeiten gekommen ist: Zuerst Luft holen, dann für sich leise bis Zwölf zählen und dann ruhig und entschlossen dazwischen gehen. Trennen Sie die Kinder, jedes muss für zehn Minuten in sein Zimmer. Ein Time-out ist angesagt. Stellen Sie einen Wecker in das Zimmer, damit das Kind sieht, wann die „Strafzeit“ abgelaufen ist (Kinder mit einer ADHS haben ein schlechtes Zeitgefühl, können sich in schlimmste Aggressionen hineinsteigern, weil sie meinen, eine Strafe dauere eine halbe Ewigkeit). Gehen Sie anschliessend einzeln zu den Kindern und reden Sie alleine mit ihnen. Nutzen Sie die Technik des aktiven Zuhörens: Spiegeln Sie die Gefühle des Kindes. So kann es lernen, Gefühle zu verbalisieren, statt sie auszuagieren.

Ich fasse zusammen

Wissen um die ADHS, echte Akzeptanz des Anderssein, eine individuell zugeschnittene Therapie und klare Familienregeln können helfen, die Gratwanderung rund um die Erziehung von Kindern mit einer ADHS besser zu bewältigen.

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Er wurde letztmals aktualisiert am 11.10.2017.
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