Anstrengen: Das gemeinste Wort überhaupt! Jetzt sag auch ich mal was!

Marco ( = Schwester von Lorena)

Ich bin der Marco. Nachdem meine Schwester Lorena hier bereits meine halbe Lebensgeschichte rausgeplappert hat, will ich auch mal was sagen.

Sorry, aber so soft wie meine Schwester Lorena kann ich nicht schreiben. Vor allem nicht, wenn ich sauer bin. Und ich war stinksauer, als ich las, was sie geschrieben hat. Und ich bin immer noch sauer. Und werde jetzt gerade noch saurer. Und zwar weil alles in Wahrheit noch viel schlimmer ist, als meine Schwester es beschrieben hat.

Ja, auch ich habe eine ADHS. Und seit der Therapie geht es so einigermassen. Aber … ich muss es jetzt einfach loswerden. Es ist verschissen. Sorry für dieses Wort. Aber es passt zu 100% und es gibt kein Besseres.

Mehr anstrengen

Es ist einfach zum K….. Immer dachten alle, ich sei einfach zu faul. Und sagten dann, ich solle mich mehr anstrengen. Ich krieg dieses Wort fast nicht in die Tastatur getippt. So sehr hasse ich es. Es ist das gemeinste Wort überhaupt!

Ihr habt alle absolut keine Ahnung davon, dass ich mich nämlich immer angestrengt habe und das Beste gegeben habe, was ich konnte. Also genau gesagt fast immer. Wenn ich zum hundertsten Mal in einem Kraftakt eine Liste mit Vokabeln in mein Gehirn presste und dann am nächsten Tag das meiste davon einfach wieder total weg war, ja irgendwann ist dann einfach Schluss. Was soll das Ganze? Ich bin doch nicht blöd. Gewisse Dinge gehen einfach nicht auf normalem Weg in mein Gehirn hinein. Leider sind es ziemlich viele Dinge.

Und dann kommt mein Vater. Oder Frau Spielmann (meine Klassenlehrerin). Ich solle mich mehr anstrengen. Wenn nicht, würde ich in der Oberstufe nicht ins „E“ versetzt. Ich will aber unbedingt ins „E“, weil ich Chemiker werden will! Und meine Noten sind ja gut, wenn mich das Fach oder das Thema, welches gerade angesagt ist, interessiert. Kommt leider nicht so oft vor. Aber habe ich etwa dafür Schuld?



Soll ich Euch sagen, was im Bericht des Schulpsychologen stand, zu dem ich vor einem Jahr geschleppt wurde? Ja, ich habe es gelesen. Lag auf dem Küchentisch. Ich hätte eine „Anstrengungsvermeidungshaltung“, schrieb dieses … (ich schreibe das Wort wegen der Zensur besser nicht aus). Weil ich verwöhnt worden sei. So ein Vollquatsch! Etwas weiter unten hat er geschrieben, meine Mutter hätte mich durch ihr Verhalten an meiner „Autonomieentwicklung“ gehindert. Ich weiss zwar nicht genau, was das heisst. Wahrscheinlich auch nichts Gescheites. Meine Ma ist schon in Ordnung.

Liebe Ma, lieber Pa: Schickt mich meinetwegen zwei Mal pro Woche zum Bohren in eine Zahnarztpraxis. Aber zu diesem Psycho-Typen will ich nie, nie mehr. Da könnt ihr machen, was ihr wollt.

Was soll das?

Mehr anstrengen? Was soll der Schwachsinn?! Wir leben im Jahr 2014! Lehrpersonen und Eltern (sorry Ma + Pa) müssten doch echt langsam wissen, was ADHS ist. Aber anscheinend leben hier fast alle noch hinter dem Mond. Ausser Ma. Die hat es gecheckt. Und Frau Lareda ist auch okay.

Vielleicht wundert ihr Euch, warum ich hier so gute Sätze formulieren kann?* Es ist ganz einfach: Weil ich sauer bin. Mein Hirn tickt zurzeit bestens, aber nur, weil etwas los ist und weil in meinem Gehirn mächtig Dampf ist. Das ist a) immer so und b) auch logisch. Weil: Nur und nur dann, wenn etwas los ist oder wenn etwas interessant ist, kann mein Kopf normal denken. Sonst habe ich gleichzeitig alles und nichts in meiner Schüssel. Wie soll ich denn im Unterricht aufpassen können, wenn alles Wichtige und Unwichtige gleichzeitig in meinem Kopf rumschwirrt?! Soll mir doch mal jemand sagen, wie das funktionieren soll! Es ist unmöglich. Wer das nicht checkt, hat nicht begriffen, was ADHS ist. Oder will es nicht begreifen.

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* Ich höre schon meinen Vater ausrufen, falls er das hier einmal lesen sollte: „Siehst Du Marco“ wird er predigen*, „im Internet kannst Du Dir Mühe geben und gute Sätze formulieren. Streng Dich doch bitte auch im Unterricht etwas mehr an, so dass  Du zeigen kannst, was Du drauf hast! Denk immer daran: Man muss nur wollen, dann schafft man alles!

Grrrrrr …

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* Sorry Pa, streite das bitte nicht ab. Es ist doch so!

Schaut Euch auch diese Kapitel an, falls Euch meine Geschichte interessiert!

 


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Er wurde letztmals aktualisiert am 11.10.2017.
© Piero Rossi




Dumm, faul, unfähig? ADHS bei Jugendlichen, Frauen und Männern

 


Bin ich zu dumm? Oder einfach nur unfähig?
Warum Menschen mit ADHS tief sitzende Minderwertigkeitsgefühle haben. Und was man dagegen unternehmen kann. Über ADHS bei Erwachsenen (Frauen, Männer) und Jugendliche. Lesen Sie weiter!


 

Einleitung

Piero Rossi. Ergänztes Vortragsmanuskript (2002)

http://www.adhs.ch/ueber-mich/„Das ADHS-Kind wird erwachsen“. Je länger ich über diesen Titel nachgedacht habe, umso mehr fragte ich mich: Werden denn Kinder mit einer ADHS überhaupt jemals erwachsen? Klar, sie werden volljährig, bekommen einen Bart, versuchen, sich angemessen auszubilden, fahren Auto, bekommen Kinder, haben irgendwann graue Haare und werden vielleicht Grosseltern.

Aber: Werden diese Kinder aber auch seelisch erwachsen? Werden sie wirklich beziehungsfähig? Können betroffene Frauen und Männer sich beruflich ihren Begabungen und Interessen entsprechend entwickeln? Können sich ihr Selbstbewusstsein, ihre Selbsteinschätzung, ihre Selbstbeherrschung und ihre Selbststeuerung tatsächlich zu einem persönlich befriedigenden Lebensvollzug und zu reifem Denken und Handeln entwickeln?

Und vor allem: Wie kann man dazu beitragen, dass Kinder mit einer ADHS zu gesunden und glücklichen Frauen und Männern heranwachsen? Je länger ich über diese Fragen nachdachte, umso unwohler wurde mir vor allem beim Gedanken, wie lange ich wohl diesmal an dem Vortragsmanuskript sitzen würde.

ADHS bei Männern

Zuerst zu den Männern: Das nicht aus Unhöflichkeit heraus, sondern weil die ADHS bei Männern häufiger vorkommt als bei Frauen (3:1). Um nicht missverstanden zu werden, will ich betonen, dass die folgenden Beispiele dem entsprechen, was ich persönlich in meiner Arbeit als Psychotherapeut erfahre. Es gibt immer mehr Männer, Väter und Ehepartner, welche gelernt haben, mit ihrer ADHS positiv umzugehen. Das gilt im Speziellen für diejenigen Knaben und jungen Männer, deren ADHS behandelt wurde oder wird.

Trotzdem: Wenn ich höre, was mir Ehefrauen und Kinder mit einer ADHS in der Abklärung so alles über ihre ADHS-betroffenen Männer und Väter erzählen, aber auch, was diese selber mir während ihrer Untersuchung berichten, dann frage ich mich manchmal schon, wie es mit dem Erwachsenwerden der ADHS-Männer so steht.

Ich höre von diesen Männern,

  • dass sie immer auf dem Sprung sind, ständig Neues anzetteln und am liebsten drei Mal im Jahr ein neues Auto oder eine neue Kamera kaufen würden, weil ihnen das Alte schnell langweilig wird und sie immer etwas Neues haben müssen
  • dass sie generell an neuen Dingen wie Hobbys, Sport- oder Computerartikeln meist nur kurz Interesse haben, häufig Nachschub brauchen und sich fast süchtig immer wieder neuen Sachen zuwenden
  • dass sie gleichzeitig mehr Projekte am Laufen haben, als sie vertragen können und vieles anfangen – und ebenso vieles nicht zu Ende bringen
  • dass sie es im Beruf viel weiter bringen müssten, aber aus Langeweile, wegen Flüchtigkeitsfehlern oder aus Ärger mit dem Chef zu schnell und zu häufig die Stellen wechselten
  • dass sie immer wieder daran erinnert werden müssen, dass die Wohnzimmerlampe endlich höher gehängt werden und das Rasenmähermesser endlich geschliffen werden muss
  • dass das Finanzamt wegen der fehlenden Steuererklärung schon wieder nachfragte und die Männer diese und viele andere Aufgaben vor sich herschieben mit der Begründung, dass jetzt gerade Wichtigeres zu tun sei
  • dass sie impulsiv sind und vor allem auch bei Kleinigkeiten schnell in Wut geraten
  • dass sie dauernd mit den Fingern trommeln oder im Sitzen mit den Füssen wippen und eigentlich fast immer unruhig sind
  • dass sie Fingernägel kauen und ständig an den Barthaaren zupfen
  • einfach nicht wirklich geniessen können und Mühe haben, sich zu entspannen
  • dass sie immer wieder Bussen wegen Geschwindigkeitsübertretungen einfahren oder einen Strafzettel heimbringen, weil sie beim Parkplatzsuchen wie immer keine Geduld hatten und die nächstbeste Lücke besetzten




  • dass sie es immer eilig haben und im Stress sind, häufig zu spät aus dem Haus gehen, zu spät ankommen und überhaupt ein sehr schlechtes Zeitgefühl haben
  • dass sie gesellschaftlichen und familiären Anlässen wenn immer möglich ausweichen, weil sie das „Blabla“ und den Smalltalk hassen und weil sie anderen nur dann zuhören können, wenn es wirklich interessant ist
  • oder sich in Gesellschaften gern produzieren, so dass es gar nicht mehr auffällt, dass sie anderen gar nicht in Ruhe zuhören können
  • dass sie beim gemeinsamen Frühstücken mit der Partnerin gleichzeitig Zeitung lesen, Radio hören, dazwischen dauernd kurz aufstehen, durch den Vorhang sehen und kommentieren, dass der Nachbar jetzt heimkommt und trotzdem steif und fest behaupten, sie würden ihnen wirklich zuhören
  • dass sie häufig auf Achse sind oder oftmals handeln, als wären sie wie getrieben
  • dass sie gerne das Risiko suchen und am „Adrenalin-Junkie-Syndrom“ leiden
  • dass sie häufig mit Antworten herausplatzen, bevor die Frage zu Ende gestellt ist oder in Gespräche anderer hineinplatzen oder andere häufig unterbrechen
  • Und: Ich höre über Männer, dass sie wie Kinder nicht warten können

Sie merken es schon: Viele Männer mit einer ADHS zeigen in ihrem Verhalten erstaunlich viele Ähnlichkeiten mit hyperaktiven Kinder mit einer ADHS. Ob sie also wirklich erwachsen werden? Können auch Erwachsene an einer ADHS leiden?

In meinen ersten Ausführungen sprach ich mit so einer Selbstverständlichkeit von erwachsenen ADHS-Betroffenen, dass Sie vielleicht erstaunt waren. Wenn Sie das stutzig machte, ist dies verständlich: Die Tatsache nämlich, dass sich die ADHS auch ins Erwachsenenalter fortsetzen kann, ist in Europa auch unter Fachpersonen noch nicht lange bekannt. So berichtete mir die Mutter nach der Abklärung ihrer 12-jährigen Tochter, sie sei schon vorher durch die Fragebögen und Bücher darauf gestossen, dass sie selbst vielleicht auch an einer ADHS leiden könnte.

Zu viele dieser Symptome kenne sie nämlich auch selbst und dies seit ihrer Kindheit. Sie habe dann ihren Arzt, bei welchem sie wegen chronischen Depressionen in Behandlung ist, darauf angesprochen. Dieser habe ihr gesagt, sie könne sich beruhigen: „Ein POS (Psycho-organisches Syndrom / ADHS) wächst sich mit der Pubertät aus.

Es kann nicht sein, dass Erwachsene POS haben.“ Ich höre das von meinen Patientinnen und Patienten immer wieder. Viele der Ratsuchenden, welche meine Praxis aufsuchen, haben eine Odyssee von Therapie zu Therapie hinter sich, bis sie endlich an eine auch mit der ADHS vertraute Fachperson geraten und sich verstanden und ernst genommen fühlen.




Häufigkeit und Verlauf

Eine Vielzahl von internationalen wissenschaftlichen Studien, die sich mit dem Verlauf und der Verbreitung der ADHS befassen, zeigen, dass bei der Hälfte der Kinder mit einer ADHS auch im Erwachsenenalter behandlungsbedürftige psychische Probleme, welche durch die ADHS-Grundproblematik aufrechterhalten werden, fortbestehen.

Rund 5 Prozent aller Kinder und circa 3 Prozent aller Erwachsenen sollen die diagnostischen Kriterien für die ADHS erfüllen. Die ADHS gilt weltweit als die häufigste kinderpsychiatrische Erkrankung. Selbst wenn nicht bei der Hälfte, sondern nur bei einem Drittel dieser Kinder die Störung im Erwachsenenalter fortbestehen sollte, so ist es naheliegend, dass die ADHS auch bei Erwachsenen sehr verbreitet sein muss. Im Hinblick auf die Geschlechterverteilung geht man heute davon aus, dass Frauen und Männer von der ADHS gleichhäufig betroffen sein können.

Modediagnose?

Leider muss ich immer wieder hören, dass das Thema ADHS bei Erwachsenen zum Teil auch von Fachpersonen nicht ernst genommen wird und auch mal als Modediagnose bezeichnet wird. Das Wissen, dass die ADHS auch im Erwachsenenalter fortbestehen kann, ist nämlich alles andere als neu: Bereits 1962 beschrieben Forscher, dass viele ehemals Hyperaktive als Erwachsene emotional impulsiv bleiben, eine niedrige Frustrationstoleranz haben und dazu neigen, in Wutanfällen, Panikattacken oder Befürchtungen zu entgleisen.

Anfang der 70er Jahre wandte sich Paul Wender, einer der bekanntesten ADHS-Forscher der USA, intensiv der Erforschung der ADHS bei Erwachsenen zu. Bereits Ende der 70er Jahre fanden bei Erwachsenen Therapieversuche mit Stimulanzien, den klassischen ADHS-Medikamenten, statt.

Sogar Sigmund Freud, der Begründer der Psychoanalyse, wusste um diese Problematik. Er analysierte bei Erwachsenen das Phänomen der Unaufmerksamkeit und Ablenkbarkeit und schrieb 1901 in seiner Schrift „Zur Psychopathologie des Alltagslebens“:

„Es gibt Menschen, die man als allgemein vergesslich bezeichnet und darum in ähnlicher Weise als entschuldigt gelten lässt wie etwa den Kurzsichtigen, wenn er auf der Strasse nicht grüsst. Diese Personen vergessen alle kleine Versprechungen, die sie gegeben, lassen alle Aufträge unausgeführt, die sie empfangen haben, erweisen sich also in kleinen Dingen als unverlässlich und erheben dabei die Forderung, dass man ihnen diese kleineren Verstösse nicht übel nehme, d.h. nicht durch ihren Charakter erklären, sondern auf organische Eigentümlichkeit zurückführen solle.“

In einem anderen Aufsatz schrieb Sigmund Freud:

„Ein bekanntes Beispiel solcher Zerstreutheit ist der Professor der fliegenden Blätter, der seinen Schirm stehen lässt und seinen Hut verwechselt, weil er an die Probleme denkt, die er in seinem nächsten Buch behandeln wird.“

Es ist schon erstaunlich, wie Sigmund Freud vor über 100 Jahren in fast hellseherischer Manier moderne wissenschaftliche Erkenntnisse vorwegnahm und indem er schrieb, dass „… Abänderungen der Blutversorgung im nervösen Zentralorgan…“ eine der Ursachen von Aufmerksamkeitsstörungen sein könnte.




Damit formulierte er vorausschauend die heutige, von den meisten Wissenschaftler/-innen anerkannte Erkenntnis, dass mit überwiegender Wahrscheinlichkeit eine genetisch bedingte reduzierte neuronale Aktivität im Stirnhirnbereich – und eben nicht Charakter- oder Erziehungsprobleme – die primäre Ursache der ADHS darstellen.

Die mehreren Hundert englischsprachigen wissenschaftlichen Publikationen zur ADHS bei Jugendlichen und Erwachsenen, wahrscheinlich handelt es sich sogar um eine vierstellige Zahl, hat man in Europa lange nicht zur Kenntnis genommen.

1998 erschien erstmalig in deutscher Sprache eine Übersetzung des Buches „Zwanghaft zerstreut“ von Edward Hallowell. Er beschreibt darin Frauen und Männer mit ADHS. Und im gleichen Jahr erschienen in deutschsprachigen Fachzeitschriften die ersten Fachartikel zur ADHS bei Erwachsenen.

Der unaufmerksame Typus der ADHS

In Europa hat man aber lange nicht nur verkannt, dass ADHS auch bei Frauen und Männern vorkommen kann. Man hat auch nahezu komplett ignoriert, dass es neben dem hyperaktiven Typus auch einen stillen, verträumten und unaufmerksamen Typus der ADHS gibt. Also die ADHS ohne „H“. Wir alle kennen den Störenfried und den Zappelphilipp – eben das so genannt typische ADHS-Kind mit hyperkinetischen Verhaltensauffälligkeiten. Der „Hans-Guck-in-die-Luft“, wie ihn der Arzt Philipp Hofmann in seinem Kinderbuch „Der Struwwelpeter“ bereits 1845 beschrieb, also das verträumte, zerstreute, unaufmerksame, vergessliche und langsame Kind, fand in Europa bisher kaum Beachtung. Vor allem bei Mädchen und Frauen kommt der ADHS vom unaufmerksamen Typus eine grosse Bedeutung zu.

 

Verhängnisvoll ist dieses Ausklammern des unaufmerksamen Typus der ADHS auch deswegen, weil unter den Betroffenen viele Mädchen sind. Mädchen und Frauen werden nicht nur im Bildungs- und Erwerbsleben benachteiligt, sondern auch in der Forschung: Viele der Studien über die ADHS wurden und werden ausschliesslich mit Knaben, Jungs oder Männer durchgeführt. Man hat Mädchen, Frauen und den unaufmerksamen Typus der ADHS lange vernachlässigt.

Eine Studie der Universität Zürich über die Tauglichkeit eines computergestützten Aufmerksamkeits-Tests bei Kindern mit einer ADHS, welche Ende 2000 veröffentlicht worden ist, wurde ausschliesslich mit Knaben durchgeführt. Mich persönlich wundert es angesichts dieser Selektionskriterien nicht, wenn auch heute noch hartnäckig daran festgehalten wird, dass die ADHS bei Knaben sehr viel häufiger vorkomme, als bei Mädchen.

 

Feldforschungen führten dazu, dass die Amerikanische Psychiatrische Gesellschaft (APA) 1980 in der dritten Version der DSM (Diagnostisches Manual und Klassifikationssystem psychischer Störungen) die Bezeichnung „Hyperkinetische Störung“ durch „ADD“ (Attention Deficit Disorder) ersetzte. Damit trugen sie den Forschungsresultaten Rechnung und setzten Probleme mit der Konzentration und Aufmerksamkeit in den Mittelpunkt dieses Störungsbildes. Ab 1980 war es also offiziell möglich, eine ADHS ohne Zeichen der Hyperaktivität oder Impulsivität zu diagnostizieren und zu behandeln. Da Mädchen beziehungsweise Frauen häufiger an der stillen Form der ADHS leiden, fielen sie lange aus dem Diagnose- und Begriffsraster.

Die heute noch gültige Version der DSM-IV von 1994 erlaubt die Diagnose von drei Typen der ADHS: nämlich den vorwiegend unaufmerksamen Typus, den vorwiegend hyperaktiven Typus und den Mischtypus. Epidemiologische Studien, welche in den USA zwischen 1995 und 1997 durchgeführt wurden, zeigten, dass die ADHS ohne Hyperaktivität kein Phantom ist, sondern quasi doppelt so häufig vorkommt, wie der meistens alleine anerkannte hyperaktive und primär männliche Typus der ADHS.

Die Auftretenshäufigkeit des unaufmerksamen Typus der ADHS beträgt zwischen 4.5 und 9 Prozent. Der kombinierte Typus hingegen liess sich bei 1.9 bis 4.8 Prozent der Bevölkerung feststellen und der hyperaktive Typus bei 1.7 bis 3.9 Prozent.




Bevor ich mit weiteren Beispielen aus meiner Praxis und Informationen zur ADHS bei Jugendlichen und Erwachsenen (Frauen und Männer) alter fortfahre, will ich jetzt einen kurzen Kameraschwenk vornehmen zu den Ursachen der ADHS.

ADHS als Schwäche der Hemmfunktionen

Aus der Vielfalt von alltäglichen Verhaltensweisen oder Erleben eines Menschen mit einer ADHS sieht man ja nicht das ADHS selbst, sondern die für einen selbst oder für andere oft schmerzhaften Folgen und Auswirkungen dieses Syndroms: Eine ADHS kann tausend Gesichter haben. Um diese unendlich vielen ADHS-typischen Verhaltensweisen oder Empfindungen wirklich verstehen und diagnostisch korrekt einordnen zu können, braucht es ein Grundwissen über das Wesen der ADHS.

Gemäss dem aktuellen Stand der Erforschung dieses Syndroms besteht das Kernmerkmal der ADHS in einer neurochemisch bedingten Schwäche relevanter Hirnfunktionen. Folgen sind Zerstreutheit, Ablenkbarkeit, Vergesslichkeit und bei einigen Betroffenen auch Impulsivität und hyperaktives Verhalten.

Man weiss heute, dass bei der ADHS bestimmte Nervenzellen untereinander nicht genügend aktiv kommunizieren, und zwar in genau denjenigen Hirnregionen, welche im Normalfall sehr flexibel die von aussen auf uns eintreffenden Reize filtern, dann sortieren und schliesslich für eine angemessene Verarbeitung und Reaktion auf diese Reize sorgen.

Gleichzeitig können bei einer ADHS innere Impulse nicht genügend reguliert, abgefedert und abgebremst werden. Es kann sich dabei um Verhaltensimpulse handeln, denen man nicht widerstehen kann oder die sich einfach automatisch ereignen. Beispiele dafür sind Bewegungsimpulse, Sprechimpulse oder ein Kaufimpuls.

Eine reduzierte Impulskontrolle kann zudem leicht zu Unfällen oder zu Ärger mit Arbeitskolleginnen und -Kollegen führen. Nicht genügend gefiltert und abgebremst werden aber auch impulsive Gedanken, innere oder äussere Stimmungen, Gefühle, Geräusche, Gerüche oder auch alles zusammen.

Es ist die fehlende Steuerung beziehungsweise die mangelhaft funktionierende Kontrolle über die Reaktionen auf die hereinbrechenden Stimuli, welche zu den ADHS-typischen und zentralen Kernproblemen mit der Selbstbeherrschung führt – mit all ihren bekannten und meist leidvollen Folgen in der Familie, in der Schule, in Beziehungen und am Arbeitsplatz. Bei der ADHS sind also die Hirnregionen, welche die innere Bremse und den Reizfilterschutz regulieren, zu wenig aktiv. Sie sind damit also nicht etwa defekt: Wer an einer ADHS leidet, hat keinen „Hirnschaden“, denn sonst könnte man sich auch bei spannenden oder interessanten Tätigkeiten nicht konzentrieren.




Um von einer ADHS zu reden, muss die innere Bremse seit Kindheit so störend unregelmässig funktionieren, dass die Betroffenen dadurch massgeblich behindert werden, ihre Persönlichkeit, ihr Potenzial und ihre Begabungen zu entwickeln und in der Folge darunter auch leiden.

Das Brems- und Filtersystem im Gehirn von ADHS-Betroffenen funktioniert leider nur dann gut, wenn diese Hirnregionen zusätzlich von aussen oder von innen angeregt und stimuliert werden: Dann erst normalisiert sich der Hirnstoffwechsel und dann erst vermag man sich gut zu konzentrieren, ist nicht von jeder Fliege abgelenkt und kann eine Sache durchziehen.

Frauen und Männer, Kinder und Jugendliche mit einer ADHS brauchen sehr viel Stimulation, um normal zu funktionieren. Sobald es monoton, reizarm, langweilig und uninteressant wird, versagen das Reizfiltersystem und die innere Bremse: Man wird gereizt, kann sich nicht mehr konzentrieren, Impulse brechen durch, man handelt, ohne zu denken, oder wird depressiv, oder träumt vor sich hin, oder sieht zum Fenster hinaus oder versucht, sich durch stimulierende innere Bilder, Fantasien oder Selbstgespräche Anregung zu verschaffen.

Die Schwäche der Reizverarbeitung und der Impulskontrolle erklären auch, warum viele Kinder mit einer ADHS liebend gerne Musik hören zum Aufgabenmachen oder zum Einschlafen. Geräusche aktivieren, stimulieren und normalisieren ihren Reizfilter und die innere Bremse: Die betroffenen Kinder werden ruhiger, selbstbeherrschter und konzentrierter. Meistens ernten diese Kinder aber nur Unverständnis, wenn sie darauf bestehen, dass sie sich mit Musik besser konzentrieren oder im Bett besser abschalten können und – meistens zusätzlich noch mit etwas Licht – sich auf den Schlaf konzentrieren können.

Die Reizoffenheit und die mangelnde Impulskontrolle erklären auch, warum zum Beispiel im Alltag schon kleinste Geräusche eine Orientierungsreaktion auslösen können und – um ein Beispiel zu nennen – die Aufmerksamkeit reflexartig von der Lehrerin auf einen herabfallenden Kugelschreiber umgelenkt wird. Die Reizoffenheit erklärt auch, wieso ADHS-Betroffene manchmal so ausgeprägt sensibel sind, dass sie zum Selbstschutz psychisch „dicht“ machen müssen, um nicht unterzugehen.

Und sie erklärt, wieso sie durch Aussenstimmungen so leicht negativ, aber auch positiv, beeinflussbar sind. ADHS-Betroffene regen sich auf und lassen sich irritieren und werden in Gedanken gefangen genommen von Kleinigkeiten oder Details, welche von anderen kaum wahrgenommen werden.




Wenn in der Alltagsroutine der innere Filter und die innere Bremse nicht richtig funktionieren und man viel leichter als andere Menschen schutzlos inneren und äusseren Reizen ausgeliefert ist und seine Reaktionen nicht genügend kontrollieren kann (und das ist der Kern der ADHS-Problematik), hat das Folgen für die ganze Entwicklung und den Lebensvollzug eines Menschen. Der Grund ist, dass die bei der ADHS angeborene Schwäche dieser Basisfunktionen auch die Entwicklung von anderen geistigen Funktionen in Mitleidenschaft ziehen kann.

Störungen des Arbeitsgedächtnisses

Der Arzt Russell Barkley, einer der führenden ADHS-Forscher in den USA, beschreibt eine ganze Reihe von kognitiven Grundfunktionen, welche sich bei Vorliegen einer ADHS nicht altersentsprechend entwickeln können: Dazu gehört vor allem das Arbeitsgedächtnis. Vereinfachend formuliert, funktioniert das Arbeitsgedächtnis wie eine Sortierstation. Dort werden in einem aktiven Prozess die eintreffenden Informationen entweder kurz zwischengelagert, bearbeitet oder im Langzeitgedächtnis abgelegt.

Das Arbeitsgedächtnis von ADHS-Betroffenen hat im Alltag und in Routinesituationen Kapazitätsprobleme. Die Sortierstation kann dann nicht so viel wie eigentlich erforderlich verarbeiten. Menschen mit einer ADHS geraten leicht in Stress, wenn zu viel auf sie einströmt oder wenn sie schnell Informationen aus dem Langzeitgedächtnis abrufen müssen. Sie müssen sich viel mehr anstrengen beim Lernen oder können nicht gleichzeitig dem Lehrer zuhören und sich les- und brauchbare Notizen machen. Ihre selektive Aufmerksamkeit leidet massgeblich. Das Arbeitsgedächtnis funktioniert erst dann normal, wenn man sich in einer interessanten oder stimulierenden Situation befindet. Dies erklärt, wieso die Leistungen von ADHS-Betroffenen in der Schule, aber oft auch im Berufsleben, so sehr schwanken.

Warum das so ist, darüber gibt es mehrere Theorien. Wahrscheinlich strömen infolge der problematischen Filterung und der reduzierten Hemmung von Reizen zu viele unwichtige Informationen ins Arbeitsgedächtnis. Störungen in der Entwicklung des nonverbalen Arbeitsgedächtnisses haben zur Konsequenz, dass man unter anderem ein vermindertes Zeitgefühl hat.

Die Fähigkeit, Ereignisse im Gedächtnis zu behalten und Entscheidungen und Handlungen in der Gegenwart durch zeitliche Rückschau und Voraussicht – also überlegt und bedacht – zu vollziehen, an dieser Fähigkeit fehlt es vielen ADHS-Betroffenen: Sie handeln unüberlegt, kommen zu spät, trödeln oder hetzen und stressen andere, weil sie so im Moment leben und immer sehr auf den Augenblick fixiert sind und Sachen sofort haben und Dinge direkt sagen müssen (sie vergessen sie sonst). Russel Barkley sagt, Menschen mit ADHS sind zeitblind.

 

Russell Barkley sagt weiter, dass sich bei der ADHS auch das verbale Arbeitsgedächtnis nicht recht entwickelt. Folgen sind, dass sich ADHS-Menschen viel schlechter als andere via Selbstgespräche zu steuern vermögen.

Gemeint ist damit eine Störung in der Entwicklung der Internalisierung von an sich selbst gerichteter Rede. Beispiel: Jemand sagt zu sich: „Stopp, das reicht!“ oder „Warte noch etwas zu!“). Konsequenzen dieser Schwäche, das eigene Verhalten sprachlich zu regulieren, sind eine geringe Selbststeuerung und eine reduzierte Selbstkontrolle. Aber auch die Fähigkeit zur Selbstbefragung – und damit des sich Hinterfragens – entwickelt sich nicht richtig. Entweder man wird egozentrisch (und wirkt auf andere bisweilen narzisstisch) oder es entwickelt sich das Gegenteil: Man wird übermässig selbsthinterfragend und selbstkritisch.

Als weitere wichtige Grundfunktion, die sich bei der ADHS nicht altersgerecht entwickelt, nennt Russel Barkley die mangelnde affektive Impulskontrolle: ADHS-Betroffene bleiben oft lebenslang emotional abhängig von und beeinflussbar durch äussere Stimmungen. Sie fühlen sich emotional, oft aber auch in ihrem ganzen Lebensvollzug wie fremdbestimmt.




ADHS bei Frauen

Damit haben wir genügend theoretische Bausteine, um uns wieder den Alltagserfahrung von erwachsenen ADHS-Betroffenen zuzuwenden, diesmal den Frauen: In meiner täglichen Arbeit höre ich von jungen und reiferen Frauen mit einer ADHS,

  • dass sie sich häufig selbst nicht im Griff haben (zum Beispiel beim Reden, beim Essen, beim Geld ausgeben, beim Nägelkauen, beim Nachdenken oder einer anderen Tätigkeit)
  • dass sie beim Lesen oft neu anfangen, da sie mit offenen Augen träumen, viel zu leicht den Faden verlieren oder einfach abdriften
  • dass sie auffallend häufig beim „Halbzuhören“ – also quasi nebenbei – besser aufnahmefähig sind und mehr mitbekommen, als wenn sie sich einer Sache direkt zuwenden
  • dass sie zu häufig unpassende Sachen gerade heraus sagen, obwohl sie nicht passen, es selbst aber erst nachher merken und sich dann schämen oder ärgern, weil sie einmal mehr ihrer Voreiligkeit wegen etwas vermasselt haben (zum Beispiel aus der Wut heraus und unüberlegt den Job hinschmeissen)
  • dass sie sich nur dann wirklich entspannen können, wenn sie sich auf etwas konzentrieren können
  • dass sich ihr Leben innerlich oder äusserlich in Extremen abspielt, was sich bei einigen auch in grossen Gewichtsschwankungen niederschlägt
  • dass es ihnen schwer fällt, sich auf den Schlaf zu konzentrieren und dass sie speziell starke Schlaftabletten benötigen, da sie mit normalen Schlafmitteln noch unruhiger werden
  • dass sie chronisch mit einem inneren Chaos kämpfen und dauernd das Gefühl in sich tragen, nichts so richtig auf die Reihe zu kriegen
  • dass sie sich von eigentlich machbaren Dingen chronisch und übermässig schnell überfordert und gestresst fühlen
  • dass sie in der Hausarbeit dazu neigen, schnell den Überblick zu verlieren, sich verzetteln und dadurch in Druck und Stress geraten
  • dass sie immer grosse Unordnung haben, sich schämen, andere einzuladen und darunter leiden




  • dass sie zusätzlich zu einer Putzfrau eine Aufräumfrau bräuchten, weil sie ver-räumen statt aufzuräumen und Ordnung halten ihr wirkliches Problem ist
  • dass sie sogar ausserstande sind, selbst aufgestellte Regeln einzuhalten, und sich somit auch in der Erziehung der Kinder viel zu inkonsequent verhalten
  • dass sie übersensibel sind bei Berührungen, Geräuschen, Gerüchen, Licht oder bei Stoffen und Kleideretiketten
  • dass sie es beim Kochen nur mit grosser Mühe schaffen, dass alles gleichzeitig gar und bereit ist (oder deswegen gar nicht mehr kochen)
  • dass sie Mühe haben mit dem Einmaleins, sich deswegen dumm vorkommen, bei komplizierten Dingen aber sehr logisch denken können
  • dass sie jahrelang an ausgeprägten und unerklärlichen Stimmungsschwankungen leiden und die Gefühle wie in einem Lift hoch und runter gehen
  • dass sie sich entweder gar nicht entscheiden können oder dann zu Spontan- oder Blitzentscheidungen neigen
  • dass sie sich alles aufschreiben müssen, eine ewige Zettelwirtschaft haben und teilweise auch die eigenen Notizzettel nicht mehr finden
  • dass sie schon am Morgen trotz ausreichend Schlaf einfach nicht recht wach werden und lange haben, bis sie in Fahrt kommen
  • dass sie so zerstreut sind, dass sie in Geldautomaten schon mehrfach die Bank- oder Kreditkarte haben stecken lassen und mit Sorgen daran dachten, es könnte sich um Anzeichen der Alzheimer-Krankheit handeln
  • dass sie genau wissen, was sie vor oder zu tun haben, aber irgendwie den Startknopf nicht finden.
  • dass sie Depressionen haben oder an Ängsten leiden, welche trotz Psychotherapie und Antidepressiva nicht wirklich besser werden
  • dass sie vor oder während der Periode oder zu Beginn der Abänderung an starken Beschwerden leiden

Bei den einleitenden Beispielen von hyperaktiven ADHS-Männern sagte ich, dass ich gelegentlich zweifle, ob sie wirklich erwachsen werden. Bei Frauen mit ADHS kenne ich diesen Zweifel nicht: Ich bin immer wieder tief bewegt, wenn ich in der Sprechstunde und in persönlichen, schriftlichen Lebensberichten vernehme, was erwachsene ADHS-Frauen alles erleben und durchmachen mussten – und dann feststelle, wie gesund sie trotzdem noch sind.

Frauen mit einer ADHS sind meines Erachtens echte „Stehauffrauchen“ und ich staune immer wieder, wie gut und schnell sie sich immer wieder raufrappeln können, wie geschickt und originell sie in verzwicktesten Lebenslagen improvisieren können, wie schnell sie sich und anderen verzeihen können und wie dankbar, eifrig und konsequent sie in ihrer Emanzipation und Persönlichkeitsentwicklung sein können, wenn ihnen angemessene Hilfe zuteil kommt.

Vor allem was ADHS-betroffene Mütter zu leisten und zu ertragen vermögen, zeugt unmissverständlich davon, dass sich ADHS plus Verantwortung plus Einsatz plus Kraft nicht ausschliessen müssen: Meistens kämpfen diese Familienfrauen erstens mit den Folgen der eigenen ADHS und zweitens meist mutterseelenallein – weil der Vater keine Zeit hat – für ihre schwierigen Kinder mit einer ADHS:

Sie müssen bei der Lehrerin, dem Lehrer oder den Behörden um Verständnis ringen, dass ihr Kind bei Prüfungen halt mehr Zeit als andere benötigt und sich dann, die Zähne zusammenbeissend, anhören, dass man in der Schule schliesslich alle Kinder gleich behandeln müsse und man daher keine Sonderzüge fahren könne.

Gestern erzählte mir eine selbst von ADHS betroffene Mutter, der Schulpsychologe habe sie kürzlich gefragt, ob es denn nicht reiche, dass sie Symptombekämpfung betreibe und das Kind mit Medikamenten ruhigstelle? Vom gleichen Psychologen hörte sie zwei Woche vorher, ihr Kind habe Verhaltens- oder Lernprobleme, weil sie selbst zu wenig konsequent in der Erziehung sei und weil sie die Eheprobleme nicht anpacke. Chancenlos habe sie versucht, dem Schulpsychologen zu erklären, dass die Legasthenie-Therapie auch nach anderthalb Jahren noch nichts nütze.

Viele dieser ADHS-Familienfrauen kämpfen nicht nur mit ihrer chronischen Neigung, sich in der Haushaltsführung zu verzetteln, mit ihrer ständigen Müdigkeit, der Vergesslichkeit, oft starken Menstruationsbeschwerden, den Schuldgefühlen, weil die Kinder bei anderen ständig Probleme machen oder weil sie selbst gelegentlich aus lauter Überforderung und Verzweiflung die eigenen Kinder schütteln und schlagen.

Da warten neben einem Wäscheberg ein voller Staubsaugersack, leere Flaschen, zu schnürendes Altpapier, ein ungemisteter Meerschweinchenstall, ungemähter Rasen, unerledigte Post, ein immer noch anstehendes Entschuldigungs-Telefonat mit Frau B., weil der Sohn wieder dies oder jenes anstellte, ein neuer Termin mit dem Schulpsychologen und schliesslich ein immer wieder hinausgeschobener Besuch bei der Dentalhygienikerin.




Bevor wir zu den Jugendlichen kommen, will ich Ihre Aufmerksamkeit noch kurz auf eine Zusammenstellung von Paul Wender, einem sehr bekannten und inzwischen betagten amerikanischen ADHS-Forscher lenken. Er hat in den Siebziger Jahren die so genannten UTAH-Kriterien der ADHS erarbeitet. Diese beschreiben typische ADHS-Symptome bei Erwachsenen. Wie Sie sehen werden, unterscheiden sich diese gar nicht so sehr von den Auffälligkeiten bei Kindern:

Aufmerksamkeitsstörungen

Paul Wender zählt auf: Unvermögen uninteressanten Gesprächen zu folgen; erhöhte Ablenkbarkeit; andere Reize können schlecht herausgefiltert werden; Vergesslichkeit; häufiges Verlieren von Gegenständen; Schwierigkeiten sich auf schriftliche Dinge zu konzentrieren usw. Der derzeit verwendete Begriff „Aufmerksamkeits-Defizit“ ist eigentlich eine unzutreffende, zumindest jedoch missverständliche Bezeichnung. Vielmehr sind die Betroffenen zumeist nicht unaufmerksam, sondern folgen vielmehr unfreiwillig mehreren (inneren oder äusseren) Wahrnehmungen und Gedanken gleichzeitig. Ausser bei spannenden, interessanten und somit stimulierenden Tätigkeiten haben ADHS-Betroffene Probleme beim Fokussieren (also beim zielgerichteten Lenken der Aufmerksamkeit), beim Selektieren (also beim Filtern von irrelevanten Reizen) und beim Aufrechterhalten von Ausdauer.

Paul Wender: Aufmerksamkeits- und Aktivitätsstörungen bei Kindern, Jugendlichen und Erwachsenen

Motorische Hyperaktivität

Paul Wender zählt dazu: Innere Unruhe; Nervosität; Unfähigkeit sich zu entspannen; Unfähigkeit, lange sitzende Tätigkeit durchzuhalten; stets auf dem Sprung sein; Stimmungsabfall bei Inaktivität.

Affektlabilität

Gemeint ist eine instabile und unsichere Stimmung. Es besteht ein Wechsel zwischen normaler, leicht gedämpfter und leicht erregter Stimmung. Die niedergeschlagene Stimmung wird häufig als Langeweile oder Unzufriedenheit beschrieben. Die Stimmungswechsel dauern nur Stunden und selten mehr als ein, zwei Tage an. Gute Erlebnisse führen schnell zur Normalisierung der Stimmung, die Schwankungen sind also reaktiver Art.

Desorganisiertes Verhalten

Aktivitäten werden nicht angemessen geplant und organisiert. Aufgaben werden nicht zu Ende gebracht, die Patienten wechseln sprunghaft von einer Aufgabe zur Nächsten oder sie bleiben an einer Detailaufgabe kleben. Sie haben Mühe, Probleme systematisch anzugehen und sind oft unfähig, Zeitpläne und Termine einzuhalten. Vieles läuft entweder nicht oder nur hektisch ab sowie auf den letzten Drücker. ADHS-Betroffene leben nur im Hier und Jetzt. Für sie heisst später meist nie. Sie sind Spezialisten im Auf-die-lange-Bank-schieben.

Affektkontrolle

Patientinnen und Patienten sowie ihre Partner/-innen berichten von anhaltender Reizbarkeit und Wutausbrüchen, die aber nur von kurzer Dauer sind. Typisch ist eine erhöhte Reizbarkeit im Strassenverkehr. Das schlechte Funktionieren der inneren Gefühlsbremse wirkt sich nachteilig in zwischenmenschlichen Kontakten aus. Menschen mit ADHS sind grundsätzlich sehr viel emotionaler als andere Menschen, empfinden Gefühle ungebremster und sind empfindlicher für Veränderungen.

Impulsivität

Einfache Formen sind das dauernde Dazwischenreden, oder Sprechdurchfall, Ungeduld, impulsive Einkäufe, spontane und unreflektierte Entschlüsse, Handeln und erst dann Denken. Auch verbale Entgleisungen, zynische Bemerkungen und Provokationen können dazu gehören. Impulse können nicht unterdrückt werden. Oft schämen sich ADHS-betroffene Frauen und Männer, dass sie ins Fettnäpfchen treten.

Emotionale Reizbarkeit

ADHS-Betroffene können nicht angemessen mit alltäglichen Stressoren umgehen. Sie reagieren überschiessend und sind dann unangemessen niedergeschlagen, verunsichert, ängstlich oder ärgerlich. Sie beschrieben sich selbst als leicht und häufig gestresst. Sie sind auch empfindlicher für Veränderungen, etwa bei Verlust einer Bezugsperson, eines geliebten Tieres oder bei Wohnortswechsel. Ihre Reizoffenheit macht sie verletzbar.




ADHS bei Jugendlichen

Nun zu den Jugendlichen: Wenn bei ihnen die ADHS nicht erkannt, gar nicht oder nicht richtig behandelt wird, stehen sie in der Pubertät vor sehr kritischen Hürden: Auf der einen Seite haben diese Jugendlichen Mühe, sich selbst zu organisieren, sie können sich nicht an Vorsätze halten, können Lernvorhaben nicht umsetzen, sind chaotisch mit den Schulsachen und leben und lernen viel, viel ausgeprägter als andere Kindern nach dem Lustprinzip.

Auf der anderen Seite suchen sie die Freiheit, sich selbst und ihre Grenzen. Zwischen der Tatsache, dass ADHS-Jugendliche Struktur und Regeln brauchen, um nicht aus dem Ruder zu laufen, und ihrem legitimen Bedürfnis nach Autonomie entsteht ein echter Konflikt.

Bedingt durch ihre ADHS-Symptome haben alle un- oder falsch behandelten Kinder mit einer ADHS auch Probleme mit dem Lernen. Sie haben keine Geduld, können sich beim Lernen nicht lange hinsetzen, vermögen – wenn es für sie monoton wird – nicht lange zuzuhören, sind Minimalisten und in Sachen Schule immer mehr entmutigt.

Un- oder falsch behandelte Kinder mit einer ADHS und Jugendliche können also ihr geistiges Potential und ihre Begabungen nicht entfalten oder ausleben und haben nie den schulischen und später beruflichen Erfolg, der ihnen eigentlich zustehen würde. Schulischer Erfolg ist die wichtigste Quelle für die Seelennahrung eines Jugendlichen. Diese stimulierende Quelle können unbehandelte Kinder mit einer ADHS nicht anzapfen. Statt eine Lehre zu machen, absolvieren sie eine Anlehre, statt ins Gymnasium zu gehen, absolvieren sie eine Lehre.

Sie schaffen und lernen quasi immer unter ihrem Potenzial. Folge ist, dass sie nicht ausgelastet und unzufrieden sind oder dass es ihnen langweilig wird. ADHS-Jugendlichen ist definitiv nicht damit geholfen, wenn man sie unter ihrem Niveau einschult. Dazu kommt der Frust, die Verzweiflung und manchmal auch Schuldgefühle, weil man die Erwartungen der Eltern nicht erfüllen kann. Und das nicht, weil man nicht will, sondern weil man nicht kann.

Das kann dazu führen, dass Jugendliche sich anderen stimulierenden Dingen oder Tätigkeiten zuwenden. Irgendwie müssen sie sich ja selbst spüren und brauchen ein Feld, um sich selbst als autonome Person identifizieren zu können. Ganz besonders geeignet ist dazu leider alles Spezielle, Verbotene und Riskante:

Klauen, rauchen, kiffen, sich aus dem Zug lehnen, mit Unkrautvertilger Sprengkörper basteln, sich bei Facebook als Erwachsene ausgeben, Computer-Viren bauen, sich die Arme ritzen, „Pillen schmeissen“ oder Orte aufsuchen, von denen die Eltern ihnen sagten, sie sollen sie meiden.

Es ist fatal: Aber das mit Auflehnung, Trotz und Opposition verbundene Verhalten und Erleben kann ein unbehandeltes ADHS-Hirn gefährlich gut stimulieren. Und das ist verlockend. Dazu zählt auch das Flash, welches einige Mädchen oder junge Frauen mit einer ADHS erleben, wenn sie absichtlich hungern. Magersucht und ADHS gehen so häufig einher, dass Mädchen mit Anorexie heute unbedingt auch auf eine mögliche ADHS abgeklärt werden müssten.

Risiko Drogen

Unheilvoll ist, dass auch die pharmakologische Wirkung einiger Drogen gut geeignet ist, das bei ADHS-Betroffenen zu schwache Dopaminsystem zu aktivieren und damit das Minus an neuronaler Aktivität im Frontalhirnbereich auszugleichen. 1995 wurden Forschungsresultate veröffentlicht, die zeigten, dass unbehandelte Erwachsene mit ADHS ein mehrfach erhöhtes Risiko von Alkohol- und Drogenmissbrauch haben. Im gleichen Jahr wurde bekannt, dass Zigarettenrauchen bei jugendlichen und erwachsenen Patienten mit ADHS deutlich häufiger als bei Normalpersonen anzutreffen ist.

Vermutlich handelt es sich um eine Art Selbstmedikation. Von grossem Interesse sind in diesem Zusammenhang die Resultate einer 1997 durchgeführten klinischen Studie, wonach Nikotinpflaster bei Patienten mit ADHS deren Symptomatik eindeutig besserte. Länger schon ist aus amerikanischen Studien bekannt, dass – je nach Studie  – 50 Prozent der Drogensüchtigen an einer unerkannten oder unbehandelten ADHS leiden.




Dass mit einer rechtzeitigen und fachgerechten medikamentösen und psychologischen Therapie der ADHS dazu beigetragen werden kann schlimme Folgeerkrankungen – wie eben zum Beispiel Drogensucht – zu vermeiden, leuchtet allen spontan ein, die um die biochemischen Besonderheiten der ADHS wissen.

Joseph Biedermann, einer der führenden ADHS-Forscher aus Boston, hat in einer sehr bekannt gewordenen prospektiven Studie auch zeigen können, dass mit Stimulanzien behandelte ADHS-Jugendliche ein um 85 Prozent geringeres Risiko für Drogenmissbrauch zeigen als solche, die nicht behandelt wurden. Andere Risiken sind Frühschwangerschaften. Eine deutsche Studie von 2001 ermittelte bei Kindern mit einer ADHS unter 15 Jahren eine gegenüber gesunden Kindern neunfach erhöhte Verkehrsunfallgefahr.

Ausgehend von den sich 1997 in Deutschland ereigneten Verkehrsunfällen mit Jugendlichen unter 15 Jahren nimmt man an, dass 63 Prozent dieser Unfälle im Zusammenhang mit ADHS stehen. Forscher in Deutschland fordern dringend Präventivprogramme. Interessanterweise konnte bereits 1993 in einer amerikanischen Langzeitstudie gezeigt werden, dass medikamentös unbehandelte Kinder mit einer ADHS im Vergleich zu den Behandelten die höchste Unfallgefahr haben.

Rechtzeitig abklären

Um den beschrieben Risiken und den vielen anderen möglichen Komplikationen in der Pubertät von Jugendlichen mit einer ADHS vorbeugend entgegnen zu können, sollte frühzeitig eine fachgerechte Behandlung der ADHS erfolgen. Bei einer diagnostizierten Sehschwäche wartet man mit der Verordnung einer Brille schliesslich auch nicht so lange zu, bis es zu einem Unfall gekommen ist oder bis infolge von Schulversagen das Selbstwertgefühl des Kindes darnieder liegt.

Medikamente gegen die ADHS-Symptome dürfen in der Pubertät nicht automatisch abgesetzt werden. Manche benötigen auch als Erwachsene Stimulanzien, so wie andere Insulin brauchen um zu überleben.

Wenn Jugendliche reklamieren, die Tabletten würden sowieso nichts nützen und die Medikamenteneinnahme verweigern, darf man sich nicht auf einen Kampf einlassen: Oft haben diese Jugendlichen nämlich Recht. Bei rund 90 Prozent aller Kinder oder Jugendlichen, die mir vorgestellt werden, weil bei ihnen die Stimulanzien nicht wirken sollen, liegt der Grund darin, dass die Dosierung nicht stimmt. Meist ist die Dosierung zu niedrig oder man hat die kurze Wirkdauer nicht berücksichtigt. Wenn Stimulanzien richtig eingestellt sind, dann ist der Effekt auch für Jugendliche so eindeutig wie bei einer Brille. Und kein Teeny, der ohne Brille aufgeschmissen wäre, sucht sich die Brille als Objekt seines Trotzes.

Psychische Folgen der ADHS

In meiner Praxis werden vorwiegend Kinder, Jugendliche, Frauen und Männer mit Verdacht auf ADHS untersucht und behandelt. Ich durfte in meiner Untersuchungstätigkeit in den letzten Jahren sehr viele Frauen und Männer zwischen 18 und 63 kennen lernen, welche an einer ADHS leiden. Bei ihnen wurde die ADHS, wenn überhaupt, dann nur bis zur Pubertät behandelt. Und mit der Pubertät haben sich bei meinen Patientinnen und Patienten die ADHS-Symptome leider oftmals nicht ausgewachsen.




Sie haben sich im Gegenteil nachhaltig und behindernd auf ihren ganzen Lebensvollzug ausgewirkt. Viele dieser erwachsenen ADHS-betroffenen Frauen und Männer haben ein Leben lang gekämpft, nicht nur mit sich selbst, sondern vor allem mit ihrer Umwelt:

Viele sind gekennzeichnet von einem Schultrauma, einem Lerntrauma, einem Lehrertrauma, einem Geschwistertrauma, einem Familientrauma, einem Ausbildungstrauma, einem Arbeitsplatztrauma, Beziehungstrauma, einem Psychologentrauma, einem Kindertrauma, einem Ehemann- oder Ehefrautrauma usw.

Viele von ihnen hörten Dutzende und Aberdutzende von Malen, sie sollten sich mehr anstrengen, mehr Willen zeigen, sich endlich zusammenreissen, gefälligst innehalten und zuhören wenn man mit ihnen redet, und nicht immer zu spät kommen sowie angekündigte oder versprochene Dinge endlich einhalten. Mit einem Wort: Sie sollen das Gegenüber endlich, endlich einmal ernst nehmen. Oder sie sollen bitte, bitte aufhören, Zugesagtes vorsätzlich zu vergessen oder Sachen absichtlich fünfmal zu fragen, nur um andere zu provozieren.

Schon in der Schule bekundeten die meisten meiner erwachsenen Frauen und Männer mit ADHS  grosse Mühe, sich Dinge zu merken, der Lehrerin richtig zuzuhören, an einer angefangenen Sache in einem einigermassen vernünftigen Rahmen dranzubleiben und diese auch abzuschliessen. Der am Schulhaus mit dem Mofa vorbeifahrende Postbote, das eine etwas zu kurze Hosenbein des Lehrers oder das Zirpgeräusch beim Öffnen einer Tempo-Taschentuchpackung reichten, um die eigene Aufmerksamkeit vom gerade besprochenen Thema wegzulocken.

Lernen daheim war – wenn überhaupt Hausaufgaben erledigt wurden – ein ewiger Kampf: Und falls überhaupt für die Schule gelernt wurde, dann nur unter Überwachung der Mutter und in späteren Schuljahren entweder spät abends oder am Morgen im Zug, auf jeden Fall aber immer auf den letzten Drücker. Entweder man kapierte etwas sofort (es wurde quasi „abfotografiert“) oder man begriff es gar nicht oder dann nur mit unrealistisch hohem Aufwand. Aber selbst wenn zu Hause gelernt wurde: Viele meiner ADHS-Patienten berichteten mir von ihren leidhaften Erfahrungen, wenn mühsam erworbenes Wissen beim Aufgerufenwerden in der Klasse oder bei Prüfungen einfach nicht mehr aus dem Langzeitgedächtnis abzurufen war.

Dumm und faul

Die Folgen all dieser kleinen und grossen verletzenden Erlebnisse für alle ADHS-Betroffenen sind, dass sie rundherum in leibhaftigen und meist schmerzhaften Erfahrungen mehr oder weniger direkt gespiegelt bekommen haben, dass sie auf eine offenbar unangenehme Art anders sind als die andern, ohne aber selbst wirklich zu verstehen, wie und warum das so ist. Dann hören, spüren und schlussfolgern sie manchmal schon nach der zweiten Klasse, dass sie dumm sein müssen: Denn, wäre dem nicht so, müsste es ja besser gehen in der Schule, in der Ausbildung, in der Erziehung, bei der Organisation der Haushaltsführung oder im Berufsleben.

Wenn sie nämlich intelligent genug wären, dann könnten sie Dinge besser planen, würden nicht immer wieder unüberlegte Spontanhandlungen begehen, könnten sich Sachen besser merken, würden mehr denken, bevor sie den Mund aufmachen, wären disziplinierter und viel weniger chaotisch. Mit mehr Intelligenz würden sie sich auch weniger verzetteln oder nicht wie jetzt an unwichtigen Details hängen bleiben, würden die eigenen Kinder einigermassen normal erziehen können, auch einfache Dinge im Haushalt auf die Reihe kriegen und es auch im Beruf eindeutig weiter bringen.

Zudem bekommen ADHS-Betroffene durch ihre Erfahrungen mit dem Umwelt mehr oder weniger zurück gemeldet, dass sie faul sind: Menschen, die vieles vor sich herschieben, die schnell ins Trödeln und Träumen kommen, die morgens nicht recht wach werden, denen schnell alles zu viel wird, die sich zurückziehen und aus Überforderung heraus Arbeitspensum reduzieren müssen, welche die Schul-, Alltags- aber auch ihre Lebensaufgaben nicht zeitig anpacken, den Startknopf nie recht finden und eine lange Leitung haben und Menschen, die schon in der Schule den Ruf hatten, Minimalisten zu sein – ja, das sind dann eben die Faulen und im Grunde genommen unfähigen Menschen!




Schliesslich schlussfolgern ADHS-Betroffene durch ihre wiederholten Erfahrungen mit ihrer Umwelt, dass sie schlecht sind, denn sonst würden sie nicht immer wieder anecken, andere (weil sie sich einfach nicht genügend beherrschen können) verletzen und enttäuschen, sich in Auseinandersetzung verwickeln und Dinge sagen, die sie kurz danach wieder bereuen. Schlecht müssen sie wahrscheinlich auch deswegen sein, weil die andern ja im Grunde genommen Recht haben, wenn sie einem Unzuverlässigkeit, Unfähigkeit, Gereiztheit oder Unbeherrschtheit vorwerfen. Schliesslich ist ein guter Mensch pünktlich, erinnert sich an Verabredungen, erledigt Versprochenes termingerecht, packt an, verlegt und vergisst nicht dauernd Sachen, lässt sich nicht gleich provozieren, flippt nicht immer gleich aus, verfügt über ein Mindestmass an Geduld und kann sich vor allem beherrschen.

Gott hat mir schwarzes Blut gegeben

Ein elfjähriger ADHS-Bub sagte mir vor einiger Zeit: „Gott hat mir schwarzes Blut gegeben, sonst wäre ich nicht so böse.“ Ähnliches beichten mir Erwachsene von ihrer Kindheit – und zwar in einer Art und Betroffenheit, als wäre es gestern erst geschehen. All das kann nicht spurlos an der Seele eines Kindes, eines heranwachsenden oder eines erwachsenen Menschen vorbeigehen. Wie fühlt man sich mit „schwarzem Blut“? Und wer will schon die Erwartungen der Eltern oder des Partners enttäuschen? Wer will schon eigene Vorsätze nicht einhalten können? ADHS-Betroffene können das oft nicht und geraten in der Folge in eine Schuld sich selbst und anderen gegenüber.

Von meinen ADHS-Patientinnen und -Patienten weiss ich, dass sie sich auch als Erwachsene im Denken oder Handeln oftmals nicht rechtzeitig abbremsen können, sie sich nicht konzentrieren können, wenn etwas monoton und gleichförmig ist, sich nicht an eigene Vorsätze halten können, Prüfungen verpatzen, Dinge verhauen, Termine verlauern und die Lehrkräfte, die Eltern, die Vorgesetzten, ihre Freunde und ihre Ehepartner enttäuschen, welche – die positiven Möglichkeiten und das Potenzial durchaus richtig erkennend – eigentlich mehr von einem erwarten.

Weil Kinder, Frauen und Männer mit einer ADHS sich bei für sie interessanten Sachen gut zu konzentrieren vermögen, hören sie immer wieder: „Siehst du, wenn du willst, dann kannst du es auch. Also reiss dich gefälligst auch jetzt zusammen!“

Weil es bei Kindern und Erwachsenen mit ADHS aber nicht am fehlenden Willen, sondern am Nicht-Können liegt und weil das weder viele Lehrerinnen und Lehrer, noch die Psychologinnen und Psychologen, noch die Eltern, noch man selbst begreift, bleiben meistens nur Erklärungen übrig, welche tiefe Wunden in der Seele hinterlassen können: „Ich kann mich nicht beherrschen, kann Versprechen und eigene Vorsätze nicht einhalten, also bin ich schlecht.“




Da diese Menschen selbst – aber natürlich auch die Personen in ihrer Umgebung – keine Worte, keine Sprache und kein Erklärungsmuster haben, um das eigene Verhalten begreifen, verstehen und schliesslich auch verarbeiten zu können, ja was bleibt da? Es ist das „schwarze Blut“, die eigene Schlechtigkeit: Ja, da ist man wohl wirklich selber schuld.

Im Teufelskreis der ADHS-Probleme

Die Tatsache, dass die Aufnahme- und Selbststeuerungsfähigkeiten von ADHS-Betroffenen in reizarmen, monotonen oder langweiligen Alltags- und Routinesituationen aus hirnorganischen Gründen regelrecht einbrechen, bleibt – solange man die ADHS und ihre Ursachen nicht kennt – für alle Beteiligen unfassbar. In der Psychotherapie von Jugendlichen und Erwachsenen ist es deswegen zentral, dass die Patienten und Patientinnen verstehen lernen, wieso sie so sind, wie sie sind. Wissen und sich verstehen sind wichtige Voraussetzungen, um sich akzeptieren zu können.

Die ADHS-Kernmerkmale werden mit fortschreitendem Alter immer mehr von Lebenserfahrungen und sekundären psychischen Symptomen überlagert. Je älter ADHS-Betroffene werden, umso mehr leiden sie zusätzlich zu den ADHS-Grundproblemen an deren psychischen Folgen und psychosozialen Auswirkungen. Sie leiden also je länger umso mehr nicht nur an ihren aktuellen ADHS-Problemen, sondern auch an ihrer persönlichen Vergangenheit, die ihnen psychisch zu schaffen macht. So kommt es immer wieder vor, dass auf der Alltagsoberfläche nur noch Schulverweigerung, Trotzverhalten, Depressionen, Suchterkrankungen, Angststörungen oder psychosomatische Erkrankungen sichtbar sind.

Da die ADHS erwiesenermassen zu Depressionen, Suchterkrankungen, Angst- oder Zwangsstörungen führen kann, muss immer dann, wenn Patientinnen und Patienten mit diesen psychischen Erkrankungen auf herkömmliche Therapien nicht reagieren, auch an eine ADHS gedacht werden. Das gilt auch für delinquente Jugendliche. Mich wundert es bis heute, dass viele Jugendanwaltschaften das Wissen um die ADHS und ihre Folgen noch nicht aufgearbeitet haben, denn es gilt als sicher, dass unter minderjährigen Straftätern viele ADHS-Betroffene zu finden sind.

Schuldgefühle

Es ist nachvollziehbar, dass auch in wissenschaftlichen Studien gezeigt werden konnte, dass depressive Erkrankungen und Selbstzweifel mit zu den häufigsten Begleitstörungen der ADHS zählen. Schuldgefühle kennen wir schon bei diesen Kindern mit all ihren Folgen, welche sich schämen, wenn sie sich wieder nicht zusammenreissen konnten, wieder etwas umgestossen haben oder wieder eine schlechte Note nach Hause brachten.

Wie fühlt man sich, wenn man immer wieder beim plötzlichen Aufgerufenwerden in der Schule, bei einer Prüfung oder in einem Gespräch, wo schnelles Denken gefordert ist, etwas eben nicht schnell genug aus dem Langzeitgedächtnis abrufen kann? Wie fühlt man sich, wenn es stockt im Kopf? Und wenn es die andern merken, einen wartend ansehen und man – etwa im Schulunterricht – immer mehr Angst vor diesen Situationen bekommt? Nicht nur Depressionen und Selbstzweifel, nein, auch Prüfungsängste, Versagensängste, bei Erwachsenen Angststörungen generell gehören zu den häufigen Begleitstörungen der ADHS.

ADHS-betroffene Frauen und Männer leben manchmal zeitlebens in einem chronischen psychischen Zweifelzustand: Sie wissen nicht, wer und wie sie wirklich sind. Haben die andern mit ihren vernichtenden Vorwürfen vielleicht doch recht? Eine innere Stimme sagt: „Ja, du bist im Grunde schlecht, faul und unfähig und alles ist nur Bluff.“ Eine andere innere Stimme sagt: „Nein, das ist nicht logisch, das kann nicht sein“. Später, ab der Pubertät und im Erwachsenenalter, ist es dann eine innere Stimme, die einem ständig sagt: „Zusammenreissen, zusammenreissen!“ oder „Mach endlich!“ oder „Du solltest doch schon lange…!“

ADHS-Betroffenen fehlt so etwas wie ein in sich stimmiges Ich-Gefühl sowie ein seelischer Gleichlauf oder eine seelische Balance: Ständig sind sie auf der Suche nach sich selbst. Ihre Schul- und Berufskarrieren gleichen nicht selten einer Irrfahrt. Sie besuchen Esoterik-Kurse, betreiben Risikosportarten, versuchen sich im Glücksspiel oder verbeissen sich in andere Tätigkeiten, sind süchtig nach Sex und Seitensprüngen oder sie trinken zu viel.

Ihr Leben verläuft innerlich und/oder äusserlich immer so unruhig, dass sie laufend Gegensteuer geben müssen. Fast wie bei einem alten VW-Käfer, der zu viel Lenkradspiel hat, so dass man mit dem Lenkrad mal nach links, mal dann nach rechts korrigieren muss. Alles läuft in Extremen: Entweder ist die Stimmung oben oder sie ist im Keller, entweder ist Energie vorhanden oder sie fehlt.

Die meisten mir bekannten Menschen mit einer ADHS vermochten ihre persönlichen Begabungen und ihr geistiges Potenzial gar nie richtig zum Tragen bringen: Lehren wurden abgebrochen, das Gymnasium – weil man trotz guter Intelligenz nicht lange still sitzen und zuhören konnte – gar nicht erst besucht, Beziehungen werden schnell langweilig oder man wurde verlassen von der Partnerin oder vom Partner. Wirklich klar ist diesen Menschen dann oft nur eins, dass nämlich etwas Fundamentales mit ihnen nicht stimmt.

Danke für diese Infos!

Menschen mit einer ADHS suchen oftmals ideologische Ersatzidentitäten oder klammern sich an Rollen fest, die nicht wirklich die ihren sind. Im Hintergrund oder im Unterbewusstsein lauern tief sitzende Grundannahmen über sich selbst, die sich in erstaunlich vielen Fällen aus den Attributen: anders, dumm, faul, schlecht, schuldig und unfähig zusammensetzen lassen. Erstaunlich ist es nicht, dass viele der erwachsenen ADHS-Betroffenen ein Leben lang meist unbewusst dagegen ankämpfen, dass sich diese tief im eigenen Ich sitzenden vermeintlichen Grundwahrheiten über die eigene Unfähigkeit nicht eines Tages doch entdeckt werden oder sich vollständig bewahrheiten könnten.



Es ist kein Zufall, dass unter den Workaholics auch viele Männer mit dem ADHS-Syndrom zu finden sind: Sie schuften und krampfen bis zum Burnout, zum Magengeschwür, zur Ehescheidung oder zum Infarkt. In den Untersuchungsgesprächen und vor allem im Rahmen der Therapien höre ich von diesen Menschen häufig: „Ich habe nie etwas wirklich gut hingekriegt oder gekonnt, alles ist nur ermogelt oder durch Zufall zustande gekommen, bei mir ist alles nur Fassade und ich bin vor allem müde“.

Selbst echte Erfolge – und ADHS-Betroffene können sehr leistungsfähig sein, wenn das Drumherum stimmt – werden nicht mehr richtig bewertet. Unheilvoll ist, dass sich meine ADHS-Patientinnen und -Patienten durch die lebenslang anhaltenden Probleme auch immer wieder Situationen erschaffen oder sich in solche hineinmanövrieren, in denen diese Grundannahmen bestätigt werden.

Wann abklären?

Wenn mir beispielsweise eine erwachsene Frau mit psychischen Problemen, einer Erschöpfungsdepression und Symptomen einer möglichen aktuellen ADHS berichtet, dass…

  • sie in der Schule schon vieles verloren oder vergessen habe
  • es ihr immer schon sehr schwer fiel, der Lehrerin über längere Zeit konzentriert zuzuhören
  • sie als verträumtes Kind galt
  • sie trotz guter Intelligenz Klassen habe wiederholen müssen
  • sie in den Fächern, welche sie interessierten sehr gute, in anderen aber sehr schlechte Noten erzielte
  • es deswegen immer wieder hiess: „Du kannst ja wenn Du willst, also gib dir mehr Mühe!“ und dass es sowieso immer geheissen habe, sie sei fähig, wenn sie nur gewollt hätte
  • sie in der ganzen Schulzeit als übermässig langsam und ablenkbar galt
  • sie schon als Kind spürte, anders als die andern zu sein
  • ihre Schwatzhaftigkeit sogar in den Zeugnissen festgehalten sei
  • ihre Leistungen wohl nie ihrer Intelligenz entsprochen haben
  • der Bruder das totale Gegenteil von ihr, nämlich ein Zappelphilipp war und immer noch ist
  • sie – wenn sie ehrlich zu sich ist – auch heute noch von sich denkt, dumm zu sein und nichts wirklich richtig zu können
  • sie zeitlebens an extremen Prüfungsängsten gelitten habe und immer schon versuchte, Ordnung in ihr Leben zu bringen

…dann allerdings verdichten sich langsam aber sicher die Hinweise auf eine mögliche ADHS des unaufmerksamen Typus.

ADHS kann bei Frauen und Männern dann diagnostiziert werden, wenn ein ausgeprägter psychischer Leidensdruck da ist, die DSM-Kriterien erfüllt sind, schon in der Kindheit ADHS-Symptome die eigene Entwicklung behinderten, die Grundsymptome der ADHS sich wie ein roter Faden durchs ganze Leben ziehen, die Grundsymptome der ADHS zu einer bedeutenden Behinderung der persönlichen, also psychischen, zwischenmenschlichen und beruflichen Entfaltung führen und die Kernsymptome der ADHS chronisches psychisches Leiden erzeugen, welches durch eine andere körperliche oder psychische Erkrankung nicht besser erklärt werden kann.

Eine Abklärung auf ADHS umfasst bei Jugendlichen und Erwachsenen eine mehrstündige psychologische und neuropsychologische Untersuchung. Ergänzend zur Erhebung des Befundes und der Krankengeschichte wird mit psychologischen Tests versucht, die mit den neuropsychologischen Funktionsstörungen zusammenhängenden Alltagsprobleme zu objektivieren.




Eine ADHS-Diagnose stützt sich aber nie auf Tests ab, auch wenn die Resultate bei ADHS-Betroffenen oft sehr typisch ausfallen. Typisch heisst, dass unter anderem gezeigt werden kann, dass die Aufmerksamkeitssysteme und die Impulskontrolle nicht den Erwartungswerten entsprechen. Typisch ist auch, dass bei einfachen Testaufgaben oft mehr Fehler passieren, als in schwierigeren Testabschnitten. Typisch ist ebenfalls, dass die Intelligenz meist besser ist, als der Lebensvollzug des Betroffenen dies erwarten liesse.

Auch bei Frauen und Männern wird bei einer ADHS-Abklärung wenn immer möglich versucht, von der Mutter Informationen aus der Kindheit zu erhalten. Das geschieht meist mit Fragebögen. Auch eine noch so eindrückliche aktuelle ADHS-Problematik ist nur dann eine ADHS, wenn auch in der Kindheit massgebliche und klinisch relevante Auffälligkeiten vorlagen. Ergänzende Hinweise darauf geben manchmal auch charakteristische Vermerke in Schulzeugnissen („Schwatzhaft“ oder „Wäre zu besseren Leistungen fähig“ oder: „Zerstreuter Professor“).

Einen hundertprozentigen sicheren Beweis, dass eine ADHS vorliegt, gibt es allerdings nicht. Selbstverständlich ist in jedem Fall auch eine ärztliche Untersuchung erforderlich, welche alle Erkrankungen ausschliessen soll, die ADHS-ähnliche Symptome erzeugen können. Zu diesen Erkrankungen gehören zum Beispiel Funktionsstörungen der Schilddrüse, Epilepsien, Sehfehler oder Hörbehinderungen.

Welches sind nun die Ursachen der ADHS? Welche Konsequenzen haben diese für eine Therapie?

Die Ursachen der ADHS liegen nicht in Erziehungsfehlern oder in den sozialen Verhältnissen und sind auch nicht in Ehekonflikten der Eltern begründet. Die ADHS beruht gemäss heutigem Wissen auf einer vererbbaren neurobiologischen Disposition. Dass eine ADHS familiär gehäuft auftritt, lehrt der Augenschein, aber auch Studien zeigen immer deutlicher, dass ADHS genetisch bedingt ist. Leidet ein Elternteil an ADHS, so liegt das Erkrankungsrisiko bei den Kindern bei 50 Prozent. In Familien mit einem ADHS-Kind bestehen bei Geschwistern fünf bis sieben Mal häufiger eine ADHS als in anderen Familien.

1992 zeigten Zwillingsstudien der Universität Colorado, dass eineiige Zwillinge eines hyperaktiven Kindes 11 bis 18 Mal häufiger von der ADHS betroffen sind, als andere Geschwister. Hat eines der Zwillinge eine ADHS, entwickelt das andere es in 55 bis 92 Prozent der Fälle ebenfalls. An der Universität Oslo wurden 525 eineiige, also genetisch identische Zwillinge und 389 zweieiige Zwillinge, die sich genetisch nicht mehr gleichen als andere Geschwister, verschiedenen Alters untersucht. Sie fanden für ADHS eine Erblichkeit von 80 Prozent.

Dopaminhypothese

Hervorgerufen durch eine Grippe-Epidemie traten zwischen 1918 bis 1923 vermehrt Fälle der Encephalitis lethargica auf. Dabei zeigten sich bei Erwachsenen Parkinson-Symptome und bei Kindern gehäuft hyperaktives Verhalten und Aufmerksamkeitsstörungen. Als eine Therapievariante wurden erfolgreich Stimulanzien (Benzedrin) erprobt, welche sich bereits für die Behandlung der Narkolepsie bewährt hatten. Das Stimulans führte zu einer deutlichen Verbesserung von Stimmung, Verhalten und kognitiven Leistungen. Man vermutete, dass diese Kinder – entsprechend den Parkinson-Patienten – einen Dopaminmangel entwickelten.

Dies ist eine These, die auch heute noch ihre Gültigkeit hat. Die Dopaminhypothese ist einerseits gestützt durch die therapeutische Wirksamkeit von Amphetaminen, aber auch durch die Resultate genetischer Studien: Die bisher durchgeführten Untersuchungen über die Ursachen der ADHS legen nahe, dass eine genetisch bedingte Dysfunktion der Katecholamine im frontostriatalen System vorliegt, wobei einer Störung des dopaminergen Stoffwechsels eine zentrale Bedeutung zukommt.

Therapie der ADHS

Forscher in München und den USA haben in bildgebenden Verfahren zeigen können, dass erwachsene Frauen und Männer mit einer ADHS im Dopamin-Neurotransmittersystem eine höhere Konzentration des Dopaminrücktransporters aufweisen. Das bewirkt einen zu schnellen Abbau des wichtigen Neurotransmitters Dopamin. In München konnte vor einem Jahr – ebenfalls mit bildgebenden Verfahren – gezeigt werden, wie Ritalin den Rücktransporter hemmt und den Stoffwechsel in diesen wichtigen Hirnregionen normalisieren kann.

Eine Therapie, die bei ADHS wirksam sein soll, muss sich bei Kindern wie auch bei Erwachsenen in erster Linie gegen die Grundsymptome der ADHS richten: Aufmerksamkeit, Zeitgefühl, Handlungsplanung und Impulskontrolle sollen verbessert werden. Basistherapie der ADHS sind auch bei Erwachsenen Medikamente. Sie stimulieren, aktivieren und normalisieren diejenigen Hirnregionen, welche für das Funktionieren der Informationsverarbeitung, der In- und Outputs und der Selbststeuerung zuständig sind.




Man nennt diese Medikamente deswegen Stimulanzien. Schon 1937 hat das Forscher- und Erzieherehepaar Bradley entdeckt, dass Amphetaminpräparate bei verhaltens- und lerngestörten Kindern therapeutisch sehr wirksam sein können. Danach erfolgte auf der ganzen Welt eine rege Forschungstätigkeit, welche zu zahlreichen Änderungen in der Erklärung und Bezeichnung dieses Störungsbildes führten.

Methylphenidat, also der Wirkstoff beispielsweise des Ritalin, dem bekanntesten Medikament gegen die Symptome der ADHS, wurde bereits 1944 in einem Labor der damaligen CIBA Basel entdeckt. Seit 1954, also seit bald 50 Jahren, ist Ritalin in der Schweiz und seit 1956 weltweit auf dem Markt. Unter Fachleuten und Wissenschaftler/-innen gilt Methylphenidat als das wissenschaftlich am besten untersuchte Psychopharmakon, welches Kindern verschrieben werden kann. Es gilt als therapeutisch wirksam, nebenwirkungsarm und gut verträglich.

Die klinische Erfahrung, aber auch plazebokontrollierte Studien, zeigen, dass Stimulanzien auch bei Erwachsenen wirksam sind und zwar bei etwa zwei Drittel aller Patientinnen und Patienten. Für sie gilt Ähnliches wie bei den Kindern: Sie können sich besser organisieren, können auch Gedanken besser ordnen, sind nicht so kopflos, das Nebelgefühl im Kopf kann sich abschwächen, sie können besser denken bevor sie handeln, sie nehmen soziale Signale aus der Umwelt besser wahr, ecken weniger an und das Zeitgefühl wird besser. Sie sind gelassener und können eins nach dem Anderen machen ohne in Panik zu geraten.

Psychotherapie bei ADHS

Viele erwachsene Frauen und Männer haben durch die vielen schlechten Erfahrungen mit sich und ihrer Umwelt den Glauben an sich verloren. Sie haben ein schlechtes Selbstwertgefühl, führen innerlich oder äusserlich ein chaotisches Leben und sind oft einfach sehr unglücklich. Da die Sekundärsymptome eine Eigendynamik entwickeln können und aus den ADHS-Kernproblemen (also aus Störungen verschiedener Selbststeuerungs- und Aufmerksamkeitsfunktonen) ausgeprägte Depressionen, Angst- oder Suchterkrankungen entstehen können, ist zur Therapie häufig auch eine begleitende psychologische Behandlung erforderlich.

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Er wurde letztmals aktualisiert am 11.10.2017.
© Piero Rossi




ADHS – Krankheit der negativen Gefühle?

 


ADHS: Für viele Betroffene eine Via dolorosa.
Schmerzende Gefühle sind die Regel, nicht die Ausnahme.
Wieso? Lesen Sie weiter!


Piero Rossi mit Susanne Bürgi. Erschienen erstmals in: ELPOST 40/2010. Leicht überarbeitet.

Einleitung

Wer Kinder mit einer ADHS kennt, denkt spontan an ungenügende Schulleistungen, vergessene Schulunterlagen oder Tränen und Wut beim Hausaufgaben erledigen. Oder an Eifersuchtsszenen, Hyperempfindlichkeit, ein lautes „Nein!“ nach dem anderen, Dramen beim Zubettgehen, an schulische Versagensängste oder etwa an Streit beim gemeinsamen Essen.

Wer an Jugendliche mit einer ADHS denkt, dem kommen Stimmungsschwankungen, Selbstzweifel, depressiv anmutende Gemütszustände oder aggressive Ausbrüche in den Sinn.

Und wer schliesslich erwachsene Frauen und Männer mit einer ADHS vor Augen hat, denkt vor allem an Menschen, die demoralisiert und gezeichnet sind von ständigen Misserfolgen und Minderwertigkeitsgefühlen: Menschen voller Schuldgefühle, weil sie ständig vieles versprechen, immer Neues anreissen und syndrombedingt nur weniges einzuhalten und durchzuziehen vermögen. Allen negativen Erfahrungen stehen aber auch positive Emotionen gegenüber.

Dazu gehört unter anderem ein starkes Gerechtigkeitsempfinden – auch wenn dieses ob der so feinfühlig wahrgenommenen Ungerechtigkeiten meist allzu schnell wieder in Verbitterung umschlägt. Auch das Gefühl des Stolzes oder des Glücks, wenn einmal etwas gelingt, kann bei ADHS-Betroffenen überaus herzlich ausfallen.

 

Leben mit ADHS – eine Via dolorosa

ADHS-Betroffene werden seit Kindheit durch einen neurobiologisch bedingten chronischen Mangel an Selbstbeherrschung und Konzentrationsvermögen in ihrer Entwicklung und Lebensbewältigung beeinträchtigend stark ausgebremst. Infolge ihres Unvermögens, Impulse angemessen zu hemmen, reizarme Situationen auszuhalten und ihre Affekte angemessen zu regulieren, stehen sie – sofern die ADHS nicht behandelt wird – ein Leben lang im Dauerkonflikt mit sich selbst, mit den Menschen um sie herum und nicht selten auch mit dem Gesetz.

Hypersensibel und unfähig zur Entspannung entwickeln einige von ihnen psychosomatische Krankheiten oder Suchtprobleme. Chronischer Stimulationshunger und Überaktivität führen zu Erschöpfungsdepressionen und Burnout. Den meisten wegen ihrer Zerstreutheit sehr vergesslichen und lerngeschwächten ADHS-Patientinnen und -Patienten bleibt eine ihrem Potenzial entsprechende Schul- und Berufskarriere vorenthalten.

Viele nagen in der Folge ein Leben lang an Selbstzweifeln, Ängsten, Unzufriedenheits- und Minderwertigkeitsgefühlen. Auch Scham- und Schuldgefühle sind häufige Begleiter von Betroffenen mit ihrem ewigen Ruf der Unzuverlässigkeit.

Negative Erfahrungen führen zu negativen Gefühlen

Ob ihrer vielfältigen Scheiternserfahrungen sind ADHS-Betroffene oftmals demoralisiert und haben mit grossen Identitätsproblemen zu kämpfen. Viele halten sich von klein auf und meist ein Leben lang für dumm und unfähig. Diese und andere negative Grundannahmen, ständig genährt durch alltägliche Auswirkungen ihrer Handicaps, fördern eine unheilvolle Misserfolgserwartung und führen damit in einen Teufelskreis, aus welchem die meisten ADHS-Betroffenen ohne psychotherapeutische Hilfe nicht mehr herausfinden.





Tatsächlich erscheint die ADHS im Erleben der Betroffenen, aber auch aus der Perspektive der Eltern, Geschwister, Angehörigen oder Lehrer/-innen als die emotionale Störung schlechthin. Manchmal sind die emotionalen Auswirkungen der ADHS derart stark ausgeprägt, dass die zugrunde liegende neurologische Kernproblematik – also die ADHS – maskiert wird. Dies kann dazu führen, dass Psychiater/-innen und Psychologinnen und Psychologen die ADHS als eine emotionale Störung verkennen und wirkungslose Therapien durchführen.

Was sagt uns die Hirnforschung?

Trotz intensiver Forschungsbemühungen sind wir noch weit davon entfernt zu verstehen, was in unserem Gehirn wirklich vor sich geht. Verbindliche Aussagen darüber, durch welche zerebralen Prozesse die ADHS mit Emotionen verbunden ist und was wirklich passiert, wenn ein betroffenes Kind weint oder wütend wird, sind bisher nicht möglich.

Wir verfügen bestenfalls über Erklärungsmodelle. Eines hat sich aber in den vielen Jahren der Erforschung dieses Syndroms doch deutlich herauskristallisiert: Sehr viele für die Verarbeitung von Emotionen relevante neuroanatomische Strukturen sind auch bei der ADHS beteiligt – und umgekehrt.

Motivationsregulation

Wollen wir die Regulation der Emotionen bei ADHS-Betroffenen besser verstehen, müssen wir uns in erster Linie den Gefühlen des Motiviert- und Nicht-Motiviertseins zuwenden. Wie bereits in den 70er-Jahren vom bekannten ADHS-Forscher Paul Wender postuliert, stellen heute für viele Wissenschaftler neben den klassischen Kernsymptomen Hyperaktivität, Impulsivität und Aufmerksamkeitsstörung vor allem auch Störungen der Motivationsregulation einen zentralen Mechanismus der ADHS dar.



Schneller Lust- und Motivationsabfall – Kernproblem bei der ADHS

Wer ADHS-Betroffene kennt, weiss aus Erfahrung, dass ihnen im Normalfall die Geduld fehlt, lange genug an einer subjektiv uninteressanten Sache dran bleiben zu können. Die Motivationskraft bricht ein, sobald ihnen die aktuelle Tätigkeit nicht mehr passt oder keinen Spass mehr macht. Gemacht wird, was gerade interessant ist und nicht das, was angesagt ist. Eine altersentsprechende Belohnungsverzögerung liegt nicht drin.

„Delay-Aversion-Modell“

Professor Edmund Sonuga-Barke beschrieb diesen Motivationseinbruch bereits 1994 in seinem „Delay-Aversion-Modell“ (gemeint ist eine Abneigung gegenüber Zeitverzögerungen beziehungsweise Wartephasen).

Nicht-ADHS-Betroffene können – wenn sie wollen – an einer Sache altersentsprechend lange dran bleiben. Dies auch dann, wenn sie keine Lust dazu haben. Die Aussicht auf ein gutes Gefühl nach dem Beendigen einer Aufgabe lässt sie auch Unangenehmeres mehr oder weniger motiviert durchziehen (Beispiel Hausaufgaben: „Nachher bin ich endlich frei und kann spielen gehen“).

 

Ganz anders bei ADHS-Betroffenen: Selbst wenn sie wollen, können sie nicht am Ball bleiben. Sie werden unruhig, reagieren innerlich immer gereizter und brechen die Übung schliesslich ab. Die Geometrieaufgabe wird mit links zur Seite geschoben, während die andere Hand flink zum Handy greift, um schnell noch eine SMS zu verschicken.

Erstaunlich ist es nicht, dass Forscher in einem Experiment zeigen konnten, dass ADHS-Betroffene eine kleine, dafür schnell zu erreichende einer grösseren, später erst zu realisierenden Belohnung vorziehen. Auch ist es nicht verwunderlich, dass Professor Terje Sagvolden und sein Team 2005 in einer Untersuchung feststellten, dass bei ADHS-Betroffenen die Wirksamkeit einer Belohnung mit wachsender zeitlicher Distanz zwischen Verhalten und erfolgter Belohnung unverhältnismässig stark abnahm.

Merke: Belohnungen für positives Verhalten müssen also schnell erfolgen, wenn sie wirken sollen.

 

Hilflosigkeit und Aggressionen

Wenn weder eine in Aussicht gestellte Bestrafung („Wenn du jetzt nicht fertig machst, darfst du heute nicht fernsehen!“), noch eine in Aussicht gestellte Belohnung („Wenn du das in einer Stunde schaffst, gehen wir zu McDonalds‘!“) auf das Verhalten von ADHS-Betroffenen einen steuernden Einfluss haben, erleben sich Eltern und Lehrkräfte oftmals hilflos:

Ihre pädagogischen Bemühungen scheinen bei diesen Kindern wirkungslos abzuperlen. Leicht können dann aus Ohnmachtsgefühlen Aggressionen entstehen, so dass sich Erzieher/-innen und Kinder mit einer ADHS emotional gegenseitig aufschaukeln. Nicht selten endet das in Tränen, Verzweiflung und leider immer wieder auch in handfester Gewalt.

Schwachstelle Belohnungssystem

ADHS-Betroffene benötigen im Grunde genommen zuerst eine Belohnung, um das erwünschte Verhalten zu zeigen. Warum? Belohnungen (zum Beispiel ein Kompliment) wirken als positive Verstärker: Sie steuern unser Verhalten – oft ohne dass wir uns dessen bewusst sind – und fördern durch selbst- oder fremd gesetzte Handlungsanreize unsere Motivation.





Eine angemessene Reaktion auf lohnende Anreize ist eine wichtige Voraussetzung für Entscheidungen und zielgerichtetes und vernünftiges Verhalten (zum Beispiel Nein sagen können bei ablenkenden Reizen). Genau das aber scheint bei ADHS-Betroffenen nicht zu funktionieren: Die Selbststeuerung via Motivation klappt nur bei viel Spass und/oder in hochgradig interessanten Situationen.

Grund dafür ist ein im Standby-Modus zu schwach stimuliertes Belohnungssystem, das ADHS-Betroffene mit einer Zuwendung auf subjektiv Interessantes, durch Stören, übermässigem Essen, einem Computergame oder mit Drogen zu kompensieren versuchen. Dies alles führt im Belohnungssystem zu einem kurzfristigen Anstieg der bei der ADHS zu niedrigen Dopamin-Konzentration und hilft den Betroffenen, eine Weile lang konzentriert bei der Sache zu bleiben (wenn auch leider oft bei der falschen).

Wirkung der Stimulanzien

An diesem Punkt entfalten Stimulanzien ihre Wirkung: Sie führen dazu, dass der zu niedrige Dopaminspiegel unter anderem auch in den Hirnregionen des Belohnungssystems auf ein ausreichendes Niveau steigt und der Transmitterstoffwechsel damit länger stabil gehalten werden kann. Spricht ein betroffenes Kind auf die Therapie an, hat es mehr Geduld, ist nicht mehr von jeder Fliege abgelenkt, kann am Wesentlichen besser dran bleiben und vermag auch Langweiligeres zu erledigen – und dies ohne eine Belohnung im Voraus zu erhalten.

Zuständig ist das Dopaminsystem

Die wichtigsten Hirnregionen, welche das Belohnungssystem steuern, sind das ventrale Striatum, der orbito-frontale Kortex sowie der Mandelkern (Amygdala). Für deren Zusammenspiel ist die chemische Signalübermittlung im Dopaminsystem verantwortlich. Eine zentrale Rolle kommt dabei dem Nucleus accumbens zu.

Diese Hirnstruktur ist für alles Positive, das Neugier-, aber auch für das Suchtverhalten zuständig. Sobald etwas Spannendes oder Interessantes vorliegt, wird der Nucleus accumbens aktiviert. Dies kommt bei ADHS-Betroffenen im Schul- und Familienalltag indes nur selten vor.

Umso aktiver scheint dafür der Mandelkern zu sein, welcher vor allem in die Verarbeitung negativer Gefühle eingebunden ist. Das im subjektiv langweiligen Alltag schnelle Absinken des Dopaminspiegels führt bisweilen zu regelrechten Entzugssymptomen wie Gereiztheit, Ärger und Wut.

Verständlich also, dass ADHS-Betroffene mit Langeweile nicht umgehen können, von schlechten Gefühlen und Stimmungen schnell gefangen werden und auf frustrierende Ereignisse oft besonders massiv reagieren. Das Problem bei der ADHS liegt also in der Art der Reaktion auf Belohnungen und damit auf die Art, wie wir entscheiden, was wir tun.




Mehr „sozio“ und weniger „neuro“ bitte

Um zu erklären, wieso ADHS-Betroffene oft in emotional so instabiler Verfassung sind, wird in den letzten Jahren immer häufiger auf gestörte Hirnfunktionen und Ungleichgewichte in Neurotransmittersystemen verwiesen. Diese wissenschaftlichen Erkenntnisse sind für die Erforschung neuer Therapien zweifellos wichtig und interessant.

Dennoch: Der in jüngster Zeit immer einseitigere Fokus auf die neurowissenschaftlichen Erklärungsansätze verdeckt den Blick auf das Naheliegende und Wesentliche immer mehr. Um zu verstehen, warum sich Kinder mit einer ADHS oft unverstanden, alleine und schuldig fühlen und um zu begreifen, wieso diese Kinder so empfindsam sind und so gereizt reagieren können, müssen wir nämlich weder neuronale Regelkreise noch frontostriatale Dysfunktionen bemühen.

Zwei, drei Blicke in das konkrete Leben dieser Kinder und der von ADHS betroffenen Jugendlichen und Erwachsenen reichen aus, um ihre seelischen Nöte, ihre Sorgen, Ängste, Minderwertigkeits- und Schuldgefühle zu verstehen. Es ist nicht der gestörte Dopamin-Stoffwechsel, welcher Schmerzen und Leid verursacht.

Es sind vielmehr Reaktionen anderer Menschen, gesellschaftliche Normvorstellungen und institutionelle Rahmenbedingungen (besonders auch der Schule), welche zu den seelischen Verletzungen und deren emotionalen Auswirkungen führen.



Nicht die Konzentrationsprobleme schmerzen

Nie haben wir von einem langsamen und verträumten Mädchen gehört, dass ihm sein schwaches Aufmerksamkeitssystem weh macht. Es ist vielmehr das hämische Gelächter anderer, wenn es durch einen Aufruf des Lehrers aus seinen Träumereien herausgerissen wird, nicht weiss, was gerade besprochen wird und aus der Not heraus irgendetwas vor sich hin stottert.

Und noch nie berichtete uns ein hyperaktiver Knabe, dass ihn seine Impulsivität schmerzt. Weil Hyperaktive ihre Kraft schlecht dosieren können und dreinschiessen, ecken sie an. Es ist das darauffolgende Gemiedenwerden, welches dem Kind weh tut. Auch ist es in all den Jahren, in denen wir mit ADHS-Betroffenen arbeiten, noch nie vorgekommen, dass uns ein Kind berichtete, es leide an seiner Vergesslichkeit.

Es sind fast immer die Erwartungen und Reaktionen anderer, welche beim Kind Scham- und Schuldgefühle erzeugen: Dinge wie Vergessens-Striche im Elternheft oder Vorwürfe, man würde sich nicht genügend anstrengen oder es gar extra machen, sind es, welche die sensiblen Seelen der betroffenen Kinder verletzen und zu heftigen, nach innen oder aussen gerichteten emotionalen Reaktionen führen.

Nicht können oder nicht nicht wollen?

Was wohl in solchen Momenten in der Seele eines Kindes mit einer ADHS passiert? Wie zurückgesetzt muss sich ein Kind fühlen, welches nicht nicht will, sondern nicht kann, welches für das alles selbst keine Erklärung hat und sich dann vielleicht noch schuldig fühlt? Wie muss sich ein solches Kind fühlen, wenn ihm wiederholt vorgehalten oder mit Blicken und Gesten zu verstehen gegeben wird, dass es wieder einmal viel länger als andere hat, um den gleichen Stoff zu lernen?





Und dass es das Gelernte nicht wieder so schnell vergessen und deshalb heute wirklich einmal besser aufpassen soll? Was passiert in der Seele eines zappeligen, unruhigen und impulsiven Kindes, wenn ihm von den Eltern oder Grosseltern wiederholt mehr oder weniger direkt zu verstehen gegeben wird, man erwarte jetzt schon langsam, dass es lerne, sich wie andere zu beherrschen und zu benehmen? Und was geschieht mit einem Kind, wenn es die leise Enttäuschung der Eltern spürt, dass es in Mathematik das Sortenumwandeln immer noch nicht begriffen hat?

Danke für diese Infos!

Traumatisierende Erfahrungen

Klinische Erfahrungen zeigen, dass ADHS-Betroffene, bedingt durch ihre Reizoffenheit, Abwertungen („Du Schnecke“), Vorwürfen („Du bist einfach nur faul!“) und anderen negativen Erlebnissen viel schutzloser ausgeliefert sind als andere. Erlebnisse dieser Art können die psychische Belastungsgrenze der Betroffenen übersteigen.

Eine adäquate Verarbeitung des Erlebten bleibt oftmals aus. Folge ist, dass diese Erfahrungen traumatisierend wirken, was zu chronischem Stress, psychosomatischen Symptomen und anderen Belastungsreaktionen führen kann.

Verbitterung durch mangelndes Verständnis und fehlende Akzeptanz

Bis heute wird allzu häufig nicht akzeptiert, dass Kinder mit einer ADHS ganz andere Voraussetzungen mitbringen als nicht-betroffene Kinder.

Beispiel Schule

Wochenpläne, Prüfungen unter Zeitdruck, der Zwang zum Schönschreiben, still Sitzen und geduldig Zuhören sowie Strafen infolge Vergessens oder Verlierens von Schulmaterialien sind einige der unzähligen Hürden, an welchen die meisten ADHS-Betroffenen im Schulalltag scheitern. Wenn wir einen Lehrer bitten, einem Kind unter Berücksichtigung seiner Konzentrationsschwächen und seiner graphomotorischen Probleme bei Prüfungen mehr Zeit einzuräumen und dieser Lehrer uns dann mitteilt, dies sei nicht möglich, schliesslich müsse er alle Kinder gleich behandeln, stockt selbst uns manchmal der Atem.

Als ob alle Kinder die gleichen Voraussetzungen hätten!

Beispiel Väter

Viele Väter verstehen nicht (oder wollen nicht verstehen), was es heisst, an einer ADHS zu leiden. Sie erwarten von ihren betroffenen Kindern vor allem in Sachen Schule dasselbe wie von deren gesunden Geschwistern. Und dies erst recht, wenn das Kind Medikamente bekommt. Dann sollte es ja wieder normal funktionieren können.

Sie belohnen ihre Kinder pro Prüfungsnote über einer 5 (bzw. 2 in Deutschland) mit einem Geldbatzen, machen also ihre Anerkennung von einer für alle gleiche Note abhängig. Ungerecht und verletzend sind selbst gut gemeinte und tröstende Bemerkungen wie: „Schau dir Julia an, auch sie hatte früher schlechte Noten. Nun hat sie sich angestrengt und konsequent jeden Tag eine halbe Stunde gelernt. Das kannst du auch erreichen, wenn du nur willst. Wenn man wirklich will, schafft man alles.“



Beispiel Gesellschaft

Auf eine Anerkennung, wie sie Hör-, Sprach- oder Körperbehinderte erfahren haben, warten ADHS-Betroffene und ihre Eltern noch immer. Die nicht gerechtfertigten Erwartungen an ein normales Funktionieren erzeugen bei Betroffenen und ihren Angehörigen Ohnmacht und Hilflosigkeit, aber auch Aggressionen.

Wenn Eltern in Drogeriemagazinen und Familienzeitschriften schliesslich einmal mehr lesen, dass die ADHS in Wirklichkeit gar nicht existiert, sondern Ausdruck von Verwöhnung oder anderem erzieherischen Fehlverhalten ist, gesellen sich vor allem bei den Müttern zu der ganzen Verzweiflung noch Scham- und Schuldgefühle hinzu.

Konsequenzen für den Alltag

Wenn der Alltag von betroffenen Kindern trotz Therapien durch zu starke nach innen oder aussen gerichtete Emotionen geprägt ist, ist dies meistens ein Anzeichen dafür, dass die ADHS noch nicht befriedigend behandelt wird oder dass neben der ADHS andere, ebenfalls behandlungsbedürftige Teilleistungsstörungen, psychische oder psychosoziale Belastungsfaktoren vorliegen.

Die für die Behandlung zuständige Fachperson kann die nötigen Abklärungen durchführen und die erforderlichen Korrekturen im Therapieplan einleiten. Auch kann ein Roundtable-Gespräch, an welchem auch die Lehrkraft des Kindes teilnehmen soll, einberufen werden. Entscheidend ist, dass etwas passiert. Und zwar nicht nur auf der therapeutischen, sondern auch auf der schulischen Ebene.

ADHS-Probleme lösen sich nicht von alleine. Es liegt an uns Erwachsenen, Verantwortung zu übernehmen, diese Kinder zu schützen und ihnen Entwicklungsbedingungen zu gewähren, welche es ihnen ermöglichen, trotz der ADHS ihr Potenzial umzusetzen, ein gesundes Selbstwertgefühl aufzubauen und ihren eigenen Weg zu gehen.

Lesen Sie hier weiter, wenn diese Informationen für Sie hilfreich waren.


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Er wurde letztmals aktualisiert am 11.10.2017.
© Piero Rossi