ADHS & Kreativität

ADHS & Kreativität

Flipperkugeln und Störgeräusche | Persönlicher Bericht von Katrin Andrist

Ein persönlicher Erfahrungsbericht über ADHS & Kreativität

Zuerst möchte ich mich kurz vorstellen. Ich bin Katrin Andrist, Mutter zweier Kinder, Lehrerin und Autorin.

Um es kurz zu machen, das bin ich:

 

Katrin Andrist ohne Therapie, sprich ohne Medikation

Mit bin ich kein anderer Mensch. Ich stehe nicht plötzlich geduldig an der Supermarktkasse, werde lethargisch und antriebslos. Aber die Lunte ist länger und den Energiestecker kann ich auch mal herausziehen am Abend.

Was ADHS ist, darauf muss und möchte ich nicht mehr im Detail eingehen, nur wo es mir im Zusammenhang mit der Kreativität nötig erscheint. Aber genauer darlegen muss ich, was ich unter Kreativität verstehe.

Kreativität ist nicht nur ein Funken

Kreativität ist für mich die Fähigkeit, ungewohnte Gedanken so miteinander zu verknüpfen, dass etwas Neues entsteht.

Kreativ bin ich, wenn ich den ausgetrampelten Pfad verlasse, mir selbst einen Weg durchs Dickicht suche. Dazu muss ich mögliche Durchgänge erkennen, sehen, dass man sich zwischen den beiden Dornenbüschen durchhangeln kann oder dass unter der Laubdecke ein Matschloch ist und ich lieber nicht darauf treten sollte.

Ich verlasse den gewohnten Weg auch auf die Gefahr hin, mich zu exponieren, nicht mit der Masse zu schwimmen. Aber massentauglich bin ich als ADHSler sowieso eher selten, da zu laut, zu schnell, zu ungeduldig zu, zu, zu….

Kreativität ist für mich weiter die Fähigkeit, wenn mir ein Fluss den Weg abschneidet, aus dem Schwemmholz am Ufer eine Brücke zu bauen. Eine kreative Lösung suchen. Schauen was da ist und damit etwas zu machen.

Kreativität zeigt sich nicht nur im künstlerischen Schaffen. Auch der Alltag mit einem ADHS-Kind verlangt neben den klaren Strukturen und Vorgaben dauernd nach kreativen Lösungen. Die Regeln genügend zu adaptieren, damit sie greifen, aber nicht zu viel, um Unruhe zu vermeiden.




Nicht nur mir, sondern vielen ADHSlern ist eine gewisse Abneigung gegen „leere Regeln“ gemeinsam. Unter „leeren Regeln“ verstehe ich Einschränkungen, die für mich nicht nachvollziehbar sind. Die Hauptbegründung lautet jeweils: Weil man es so macht. Dieses Infragestellen gesetzter Regeln und Normen ist die Grundvoraussetzung zum Verlassen des Trampelpfades. Solange ich überzeugt bin, dass das Dickicht gefährlich ist und ich mich nur auf dem Pfad bewegen darf, sehe ich auch nichts Neues.

Und als letzter Punkt ist Kreativität für mich, nicht nur tausend Ideen zu haben, die mir im Kopf explodieren, sondern auch etwas daraus zu machen. Wer tausend Ideen für ein Buch im Kopf hat, der wird nie eines schreiben und so sehr er sich wünscht, Autor zu sein, nie dazu kommen. Irrelevant hingegen ist, ob das Buch dann verlegt wird, das Bild ausgestellt, das Werk bewundert. Nicht für den Künstler, aber für die Kreativität.

Kreativer Prozess

Für mich persönlich gliedert sich ein kreativer Prozess also in:

  1. neugierige Wahrnehmung jenseits von Interpretationsmustern
  2. ungewohnte Verknüpfungen und Lösungen
  3. den ausgetrampelten Pfad verlassen / evt. gegen Regeln verstossen
  4. eine Idee soweit verfolgen, dass sie sich materialisiert

Meine POS-Diagnose

Diese erhielt ich mit 6 Jahren und bin wohl die einzige aus meiner Heilpädagogischen Sonderschule, in der ich die erste bis dritte Klasse verbracht habe, die einen Hochschulabschluss hat. Ich bekam während der ersten Schuljahre Ritalin, bis ich in die öffentliche Schule eingeschult wurde, machte dann als Jugendliche die sogenannte „Phosphat“-Diät. Daneben und dazwischen habe ich so alles Mögliche gemacht, was man so macht, bevor man das schlimme Medikament nimmt.

Von allen Arten von Therapien über Tai Chi bis zu Pulver und Duftölen hangelte ich mich durch. Ich liess mich dann als erwachsene Mutter mit 37 Jahren noch einmal diagnostizieren und nehme seit dieser Zeit Medikamente.

Wenn es um ADHS und Kreativität geht, kenne ich also den Unterschied, mit Medikation und ohne Medikation kreativ tätig zu sein. Und genau darauf möchte ich weiter eingehen. Oft wird Ritalin ja als Kreativitäts-Killer beschrieben. Ein Argument das ich bis zu einem gewissen Grad nachvollziehen kann. Etwa bis 45° Grad, was nicht viel ist, da es für das ganze Panorama immer noch 360° Grad braucht.




Von der Idee zum Werk

Am Anfang steht die Wahrnehmung. Damit ich etwas Ungewohntes verknüpfen kann, muss ich die Umwelt zuerst wahrnehmen.

Da ich als ADHSler viel reizoffener bin als andere, nehme ich automatisch mehr wahr, bzw. stürzen mehr Eindrücke auf mich ein. Ich nehme gleichzeitig den draussen vorbeirauschenden Verkehr, den übers Papier kratzende Stift, ein Räuspern, die Reflexion des Sonnenlichts auf dem Metallvorsprung am Büchergestell und den muffigen Gestank meiner Laufschuhe, das Gezwitscher des Vogels wahr.




Aber nicht nur die Wahrnehmung dessen, was von aussen auf mich zustürmt ist erschlagend, auch innen stürmen gleichzeitig alle Eindrücke auf mich ein.

Dazu gehört auch, dass tausend Ideen gleichzeitig wichtig sind. Wie ich mich gerade jetzt beim schreiben dieses Textes entscheiden muss, ob ich das Symptompiktogramm so stehen lasse oder vielleicht doch noch ein anders Bild für die überbordende Ideenflut niederschreiben sollte. Wie wär es mit dem Vergleich mit der unkontrolliert rumspickenden Flipper-Kugel? Oder vielleicht den Unterschied zwischen Kugelmikrophon und Richtmikrophon?


W. Beerwerth: Das kreative Chaos


Wühltisch

Der Wühltisch beim Ausverkauf oder doch eher die explodierenden 1-August-Heuler? Oder der Stein, der in den Teich fällt und Wellenkreise zieht, die die Kiesel am Rand überrollen, einen Forsch erschrecken, der sich doch grad eine Fliege schnappen wollte und den Boden aufwühlt, so dass die Sicht trübe wird.  Ach, hat mir nicht heute ein Schüler erzählt, dass Garnelen sich im Wasser auflösen können? Blubbert das dann? Wie eine Badebombe. So Ideen-Geblubber. Luftblasen-Einfälle. Ich glaube, ich habe mich grad im Dickicht verirrt. Können sie mir noch folgen?

Ohne Medikament existieren alle Einfälle gleichzeitig und gleichwertig nebeneinander. Alle haben unbedingt Priorität, alle sind originell, wichtig, gar einzigartig. Den Unterschied der Ideenfindung mit und ohne Medikation sieht man in nebenstehendem Piktogramm.

Ich kann entschieden, welchen Einfall ich verfolge. Ich kann Einfälle ausblenden, die mir nicht passend scheinen und auf einzelne fokussieren, ohne dass sich die anderen zu Wort melden und mich ablenken. Ich bin handlungsfähig. Und zwar ziemlich unangestrengt. Ohne 1000 Post-Its, Mindmaps mit Farben und viele andere Hilfen (gleichzeitig versteht sich, und nie ganz zu Ende angewandt).

Natürlich kann man hier sagen, die Kreativität ist gekillt, weil nicht alle 1000 Ideen, die mir durch den Kopf wirbeln, auch aufs Papier kommen. Aber ein wesentlicher Prozess in der Arbeit von der Idee zu einem Werk ist das Auswählen und Gewichten. Und das Verharren im ungefilterten Brainstorm-Modus lähmt ungemein.

Und Achtung! Hier kommt der Mikrophon-Vergleich: Ein Druckmikrophon in Form einer Kugel nimmt alle Geräusche auf, die es umgeben. Ein Richtmikrophon kann man auf eine gewisse Geräuschquelle richten. Man trifft also eine Auswahl. Nur weil das Druckmikrophon mehr Geräusche aufnimmt, gibt das noch lange nicht die schönere Symphonie.




Ich muss mich also zwingend für eine Richtung entscheiden, die ich verfolgen will. Lande ich in einer Sackgasse, kann ich eine andere wählen. Ich muss mich für eine Himmelsrichtung entschieden, wenn ich den Trampelpfad verlassen will.

Wenn von ADHS-Medikamenten gesprochen wird, wird oft von der Filterfunktion gesprochen, den diese Medikamente ausführen. Sie helfen mir zu Filtern, mich für eine Idee zu entscheiden. Sie helfen mir aber auch davor, mich vor Eindrücken zu schützen. Seien das die Kleider, die ich sonst dauernd den ganzen Tag an der Haut schabend spüre, sei es Kritik von aussen.

Ich kann so unbeirrter meinen Weg fortsetzen und ritze ich mir im Dickicht den Arm an einem Dornengestrüpp auf, so weiss ich trotzdem, dass ich weitergehen will und dass ich mich nicht aufgeritzt habe, weil hinter mir jemand vom Pfad ruft: Siehst du? Geh doch nicht! Ist viel zu gefährlich! Das macht man nicht!

Naturromatisch

Es wird gern behauptet, ADHS würde sich als Diagnose erübrigen, wenn die Umwelt, die Gesellschaft anders wären. Gewisse Experten postulieren in einer naturromantischen Art, dass einzig ein Aufenthalt auf einer Alp mit viel frischer Luft die Symptome zum Verschwinden bringen könnte. Ich finde das fast anrührend, wäre es nicht so gefährlich. Natürlich beeinflusst die Umwelt die Symptomatik. Genauso wie ein cholerischer Patient mit erhöhtem Blutdruck keinen Chef haben sollte, der ihn enorm unter Druck setzt.

Aber auf der Alp hat er immer noch erhöhten Blutdruck und Stress kommt nicht nur von aussen. Ein ADHSler auf der Alp ist zwar weniger den äusseren Ablenkungen ausgesetzt, die innere Unruhe besteht aber weiter. Unterstützende Massnahmen, die meistens besonders in den ersten drei Wochen wirken, sollten nicht mit einer umfassenden Therapie verwechselt werden. Generell bin ich skeptisch bei einfachen Lösungen auf komplexe Probleme.

Sich mit meinem kreativen Werk oder auch mit diesem Artikel hier einer gewissen Kritik auszusetzen ist einfacher, wenn ich die Reaktionen, die Eindrücke, die auf mich zu kommen, sortieren kann.

Natürlich könnte ich es auch einfach lassen, diesen Artikel zu schreiben. Sollte man vielleicht nicht, so persönlich. Wobei…

Nein. Kann ich nicht. Ich pass mich ja nicht so gern an.




Eine Idee soweit zu verfolgen, dass sie sich materialisiert, kann sehr mühsam sein.  Bei einem Gedicht nicht so sehr. Bei einem Piktogramm inzwischen auch nicht, da ich meine Bildsprache bereits gefunden habe. Bei einem Roman ist ein langer Atem unabdingbar. Ein Gedicht ist ein Sprint, ein Roman ein Marathon. Auf kurzer Strecke verirre ich mich weniger, da reicht ein Funke, eine Initialzündung und eine kleine Flamme und das Resultat ist da.

Auf langer Strecke muss ich auch gegen mich selbst kämpfen und wenn mir da dauernd ungefiltert die Einwände anderer und meine eigenen Zweifel und Ideen dazwischenfunken, wird es sehr anstrengend. Dann sind 40% meiner Energie davon absorbiert, mich aufs Wesentliche zu konzentrieren.  Und es wird fast unmöglich, etwas zu Ende zu führen. All diese Zweifel gehören natürlich dazu, die Frage ist nur das Ausmass. Lähmen sie eine Woche, einen Monat oder für immer?

Ideen umsetzen

Ich kenne so viele, die gute Ideen haben, aber an der Umsetzung scheitern. Ich bezeichnete mich selbst auch immer als „Ideenpinkler“ und bin froh, inzwischen nicht nur Ideen zu pinkeln, sondern auch etwas daraus entstehen lassen zu können. Etwas grösseres als eine Karikatur, ein Sprachspiel oder eine Szene.

Denn nach dem Ideenwurf kommt die Überarbeitung, der Feinschliff und das ist nicht immer gross befriedigend, beinhaltet nötige Routinearbeit.

Natürlich könnte ich auch ohne Medikamente kreativ sein. Natürlich bin ich auch ohne Medikamente kreativ, genauso wie ich es mit bin. Sie machen mich nicht zu einem anderen Menschen. Wie ich auch ohne Medikament auch im Supermarkt einkaufen konnte. Weil ich die Lage der Produkte, die ich brauchte, auswendig gelernt habe. Ich sah sie in dem Farben-, Geräusch- und Geruchsdurcheinander nie.

Ohne Medikamente kann ich auch überleben. Sie geben mir keine Superkräfte. Ich schreibe nicht plötzlich Bestseller und mache eine steile Karriere. Aber sie erleichtern mir die Arbeit. Insbesondere die kreative Arbeit.

Dieser Artikel erschien erstmals in „elpost“ Nr. 61, Frühling 2017.


Katrin Andrist

ist Autorin des Romans „Kinderspiele„, erschienen 2016 im Verlag Muskat media, Romanshorn, 2016. ISBN: 978-3-216926-02-7; 243 Seiten, Hardcover, 29.50CHF/24€.
Dieses fadengerade geschriebene und mit schlanken und schönen Wortbildern gespickte Buch bedarf ziemlich starker Nerven. Vor allem dann, wenn es fertig gelesen ist. Also definitiv nichts für Kinder! Ich bin offenbar nicht der Einzige, welcher diesen Roman in einem Zug gelesen hat. Was mir schon lange nicht mehr passiert ist. PR


 

Kreativitätskiller WhatsApp & Instagram | Risiko oder Chance?


Bildschirmmedien wie etwa Instagram können die Kreativität bestens fördern.
Tun sie aber meistens nicht. Wieso erfahren Sie hier!


Bildschirmmedien:  Kreativitätskiller Nr. 1!

http://www.adhs.ch/ueber-mich/Gestützt auf meine Erfahrungen während der langen Jahre meiner Praxistätigkeit, sowie unter Berücksichtigung der Forschungsliteratur, steht es für mich ausser Zweifel: Vor allem bei Kindern und Jugendlichen kann ein hoher Konsum von Bildschirmmedien wie YouTube oder Instagram zu einer Verkümmerung der Kreativität führen.

Merke: Man kann nicht kreativ Bildschirmmedien konsumieren!

Wer sich stundenlang YouTube-Videos oder TV-Serien reinzieht, konsumiert völlig passiv. Bild, Ton und eine meistens sehr simple Story werden dem Gehirn in einem Guss serviert. Man muss sich beim Konsum dieser Medien selbst nichts mehr vorstellen.

Beim Lesen hingegen verhält es sich komplett anders: Der Sinn des Gelesenen erschliesst sich einem nur, wenn man sich das, was man gerade liest, auch innerlich vorstellt. Wenn das Gehirn also aktiv ist und wenn im Kopf Bilder zum Gelesenen zu einem Film verschmelzen.

Für viele mag das eine Selbstverständlichkeit sein. Für immer mehr Schülerinnen und Schüler ist es das leider nicht. Jene mit einem zu hohem Bildschirmmedienkonsum „sehen“ einfach nichts (oder immer weniger), wenn sie versuchen, zu lesen. Sie haben es schlicht und einfach nicht ausreichend lernen können, sich selbst Sachen auszudenken und sich diese vor dem inneren Auge auszumalen.

Auch der Video- oder TV-Konsum erfolgt auch das Gamen mit einer Spielkonsole oder dem Smartphone erfolgt fast ausschliesslich reaktiv. Selbst wenn das Game den Anschein macht, dass der Spieler „frei“ ist und selbst entscheiden kann, ob er den Gegner auf diese oder jene Weise vernichten will, handelt es sich in Wirklichkeit um sehr beschränkte Reaktionsoptionen, welche vom Programmierer des Spieles im Voraus festgelegt wurden.

Gamen kann – wenn es denn unbedingt sein muss – für eine oder zwei Stunden pro Woche okay sein. Was aber, wenn Kinder und Jugendliche in ihrer Freizeit stunden-, tage- und wochenlang nur passiv konsumieren und/oder nur auf externe Reize reagieren?

Zu Letzterem gehört übrigens auch das möglichst schnelle Antworten auf Benachrichtigungen von WhatsApp und anderen Messengern. Die Online-Zeit von Schweizer Jugendlichen beträgt zurzeit gemäss Angaben der Befragten täglich über 3h (James-Studie 2016).

 

Stundenlanger Medienkonsum macht Menschen jeden Altes mental und körperlich schlaff. Und er führt mittelfristig zu einer Dysregulation des motivationalen Systems. Dieses wird gestört, indem die Kinder und Jugendliche beim Gamen, TV-Serien sehen oder etwa beim blitzschnellen hin und her Chatten lernen, sich durch den Konsum dieser Medien sofort, ohne Aufwand und ohne Anstrengung, Befriedigung zu beschaffen.

Und das ohne wirklich etwas dafür zu tun. Und fast wie beim Kiffen, über welches man sofort und ohne Anstrengung zu einem guten Gefühl kommen kann.

Die mit einem schnell rückmeldenden und sehr befriedigend erlebten Medienkonsum  verbundene stundenlange Überflutung des Belohnungssystems mit dem Neurotransmitter Dopamin führt mittelfristig zu einer zunehmend grossen Intoleranz vieler Konsumenten gegenüber reizarmen, subjektiv langweiligen oder sinnlos erscheinenden Tätigkeiten.

Auch wenn der Vergleich nicht ganz korrekt ist, verhält es sich beim übermässigen Bildschirmmedienkonsum in gewisser Weise ähnlich wie bei der Diabetes:

Merke: Beim anhaltenden Konsum von zu viel Zucker versagt über kurz oder lang irgendwann die Bauchspeicheldrüse. Beim multimedialen Dauerkick ist es das normalerweise funktionierende motivationale System, welches früher oder später verkümmert.

Auswirkungen sind unter anderem, dass die betroffenen Kinder und Jugendlichen nicht mehr in der Lage sind, im Familien- und Schulalltag etwas zu tun, was ihnen keinen Spass bereitet und damit nicht sofort zu der gewohnten und sofortigen Dopaminfreisetzung und dem damit verbundenen superguten Bauchgefühl führt. Ohne Stimulation und „Kicks“ sind viele zunehmend ausserstande, Hausarbeiten zu erledigen oder sich für eine Prüfung vorzubereiten.

Kinder und Jugendliche mit einer unbehandelten ADHS (und jene mit einer nur unbefriedigend gut verlaufenden Behandlung) sind ganz speziell gefährdet, sich zu Online-Junkies zu entwickeln. Und zwar, weil ihr Dopaminsystem – wie oben dargelegt – bereits syndrombedingt dereguliert ist und sie bzw. ihr Gehirn immer nach der Suche nach (ablenkenden) Kicks und Stimulation sind.

Das hohe Tempo, welches mit dem Bildschirmmedienkonsum einhergeht, ist für ADHS-betroffene Kinder und Jugendliche auch deswegen kontraproduktiv, da sie ja bereits syndrombedingt zu schnell ticken. Ihr Gehirn lernt also durch den Gebrauch von schnellen Medien und Games, noch schneller zu reagieren. Für sie wird es immer schwieriger, sich in Ruhe einer Sache hinzugeben und eines nach dem anderen zu machen.

Merke: Man kann nicht „nicht“  lernen und je mehr etwas Spass macht, um so leichter wird es erlernt.

Fördern Messenger-Dienste wie WhatsApp die Kreativität?

Meine Hoffnung, dass sich bei Kindern und Jugendlichen in der Social-Media-Kommunikation Kreativität entfalten könnte, wurde bisher enttäuscht. Ich habe immer wieder Chat-Protokolle lesen können und musste feststellen, das Denken, Sprache und kommunikatives Handeln selbst von sehr intelligenten Kindern auf ein erschreckend tiefes Niveau absinken können.

Als Ursache vermute ich unter anderem die (zu) hochkomprimierte Form der Dialoge, die schnell ins Negative kippende Dynamik in den Chat-Gruppen sowie den impliziten Erwartungsdruck der Follower. Die Messenger-Dialoge werden auch durch den Chatjargon und den Einsatz von immer zahreicher zu Verfügung stehenden Emojis undifferenzierter und oberflächlicher. Und dies, obwohl Emojis eine Kurznachricht ja durchaus mit Gefühlen aufladen können.




Und Instagram?

Und wie steht es mit Instagram und vergleichbaren Online-Diensten zum Teilen von Fotografien (und zum Kommunizieren)? FördernInstagram & Co. diese Dienste kreatives Handeln?

Ich habe auf Instagram und ähnlichen Plattformen zahlreiche tolle Fotos gesehen. Die meisten dieser guten Fotografien stammten allerdings von professionellen oder semi-professionellen Fotografen, welche Instagram und Co. als Werbeplattform verwenden.

Aber auch zahlreiche der Instagram Fotos meiner ehemaligen Patienten oder den Teilnehmern im Atelier fotoLux halte ich für wirklich gelungen.

  • Augenscheinlich ist für mich aber auch, dass diese Originalität guter Insta-Fotos wahrscheinlich mehr auf Zufällen als auf Können beruht.
  • Reflexive, bewusste Fotografie ist heute out. Erarbeitet wird da nichts mehr. Soll auch nicht, denn „Instagram“ steht  ja wortwörtlich für die spontane (digitale) Sofortbildfotografie.
  • Auffallend zudem, wie ähnlichh der grafische Aufbau und der Look vieler Selfies auf Instagram sind.

Sofort- & Schnell-Kultur und Identitätsentwicklung

Gut, halten wir uns immer vor Augen, dass ja völlig offen ist, was Kreativität eigentlich bedeutet. Ich bin der Letzte, welcher Instagram-Usern Kreativität pauschal absprechen will. Wahrscheinlich begründet die digitale Instant-Fotografie eine neue Foto-Kultur. Immerhin wirken spontane Insta-Fotos häufig sehr authentisch.

Das Unverfälschte, Naive und Unschuldige in vielen dieser Fotos geht meinem Empfinden nach mit einer faszinierenden Magie einher. Es entsteht eine neue Kultur, die ich zwar noch nicht verstehe, welche aber mich aber interessiert und herausfordert.

 

Trotzdem: Meinen Beobachtungen nach ist es so, dass die fotografische Kultur auf Instagram und Co., welche sich primär auf digitale Sofort-Bilder stützt, zu einer für die Identitätsentwicklung von Kindern und Jugendlichen ungesunden Beschleunigung und der Masse wegen zu einer inflationären Entwicklung führen kann.

Die Halbwertzeit dieser Fotos ist erschreckend niedrig. Bei Snapchat, einem kostenlosen Instant-Messaging-Dienst, ist es möglich, Fotos zu publizieren, die nur eine bestimmte Anzahl von Sekunden sichtbar sind und sich dann von selbst löschen.

Warum aber soll die Instant- und damit Sofort- & Schnell-Kultur von Instagram & Co. zu einer Beeinträchtigung der Identitätsentwicklung von Kindern und Jugendlichen führen, werden Sie sich vielleicht fragen. Und was spricht gegen eine kurze Halbwertszeit von Fotos?

Fotografien – kollektives und individuelles Gedächtnis

Halten Sie sich vor Augen, dass Fotografien dazu dienen (oder lange dazu dienten), sich ein Bild von der Welt machen zu können. Fotos haben eine hohe Definitionsmacht. Sie bestimmen zum Beispiel, wie wir uns die Niagarafälle vorzustellen haben. Selbst wenn wir diese gar nie besucht haben. Sie definieren auch unsere Erinnerungen an die Vergangenheit. Zum Beispiel an den Morteratschgletscher, dessen Gletscherzunge vor 20 Jahren noch viel weiter reichte als heute.

Fotografien sind aber nicht nur Teil unseres kollektiven Gedächtnisses. Sie dienen auch dazu, sich ein Bild von sich selbst und seiner eigenen Geschichte machen zu können. So waren Bilder aus der eigenen Kindheit (wie etwa Klassenfotos aus der Grundschule oder Fotos von bereits verstorbenen Angehörigen) lange Zeit Erinnerungsträger mit identitätsstiftenden Effekten.


„Ja, genau so war ich als Baby“. Oder: „Das waren noch Zeiten, als ich lange Haare trug!“ Oder: „Das ist meine Nonna. Die hatte immer Zeit für mich!“


Damit eine Fotografie sich in unserem Gedächtnis Biografie- und damit Identitätsstiftend verankern kann, müssen wir die Gelegenheit, das Bild zu verschiedenen Zeitpunkten und über einen längen Zeitraum immer wieder zurückholen können.

Erst wenn wir uns das Foto wieder und wieder anschauen und dadurch auch die Gelegenheit haben, die mit dem Bild assoziierten Affekte zu aktualisieren, steigt die Zahl der für die Erinnerung zuständigen Neuronen und und die Stärke der jeweiligen Synapsen.

Mit Zurückholen von Foto-basierten Erinnerungen und dem so wichtigen Nachempfinden ist aber bald Schluss. In Schuhschachteln oder Alben aufbewahrte Fotografie-Abzüge (und die mit ihnen verbundenen Erinnerungen-konservierende Effekte) fallen seit dem Aufkommen der digitalen Fotografie, und erst Recht mit dem Aufblühen der digitalen Insta-Foto-Kultur, fast komplett weg. Extrem kommt dies bei Snapchat zu Ausdruck: Wenn die Fotos und damit die Erinnerung sich selbst automatisch zerstören, entfällt die Möglichkeit gänzlich, Erinnerungen aufzufrischen.

 

Fotobücher, also die heutigen Fotoalben, sind eine gute Lösung. Fact ist aber, dass nur in sehr wenigen Familien Erinnerungsfotos in Fotobüchern festgehalten werden. Und dies trotz der enorm gewachsenen Anzahl an Fotos, welche täglich gemacht werden. Bilder gucken auf dem iPad geht ja auch, denken sich viele. Die Frage ist einfach, wie lange noch.

Auch die in iOS 10 (= aktuelle Version des iPhone-Betriebssystems) neu eingeführte Foto-Funktion „Andenken“, bei welcher man sich „Das Beste der letzten drei Monate“ in einem animierten Film kurz, mittel oder lang sowie in verschiedenen Stilrichtungen (Sentimental, Sanft, Chill, Heiter usw.) vorführen lassen kann, zeigt deutlich, was wir heute unter Andenken und Vergangenheit zu verstehen haben. Nach drei Monaten ist Schluss.

Aber selbst für den Fall, dass die Fotos eine Weile auf dem Smartphone oder im PC abgespeichert werden, sind sie über kurz oder lang dem Verfall preisgegeben: Wer bitte macht sich denn heute die Mühe, die Bild-Dateien auf dem Computer oder einer externen Harddisk zu sichern?

Und wie schnell gehen Handys (und die darin gespeicherten Fotos) bei Jugendlichen kaputt!  Alte Schuhschachteln voller Fotos kann man jahrelang vergessen. Verloren gehen sie trotzdem nicht. Passwörter zu Online-Speichern hingegen schon. Und weiss in 25 Jahren der Enkel noch, wo sein Opa seine Fotos speicherte?

Datenschutz und Datensicherung sind heute selbst für viele intelligente Jugendliche absolut keine Themen. Das Sichern von digitalen Fotos ist aber auch für viele Erwachsene bedeutungslos. „Zu kompliziert“ höre ich jeweils, wenn es in Gesprächen zu diesem Thema kommt.

Auch eine automatische Ablage von Fotos aus dem Smartphone in der Foto-Cloud sowie deren automatische chronologische Sortierung in einer Timeline (Zeitlinie) ändert an deren Kurzlebigkeit nur wenig. Wie leicht können Zugangsdaten zur den Online-Speicherdiensten vor DropBox oder iCloud vergessen gehen?

Was, wenn Eltern sich scheiden wollen und ein Elternteil im Streit oder aus Wut alle Fotodateien löscht? Und was, wenn mit dem Tod eines Menschen auch die Passwörter für den Online-Speicher für immer weg sind?

Sekunden reichen nicht

Damit Bilder im Gedächtnis verankert und zu identitätsstiftenden Erinnerungen werden können, müssen sie

  • einen möglichst hohen emotionalen Gehalt bzw. eine hohe persönliche (und emotionale) Bedeutung aufweisen und zudem
  • aufgefrischt, also immer einmal wieder und lang genug betrachtet werden können.

Eine persönliche emotionale Bedeutung haben sicher auch einige Instagram Fotos. Aber was nützt es, wenn die Fotos der Bilderüberflutung wegen gar nicht, nur ein-, zweimal und dazu nur ganz kurz angeschaut werden können? Digitale Instant-Fotografie heisst Massen-Fotografie, in welcher das einzelne Bild zum Nichts degradiert wird.

Und mit ihm die Erinnerung an das Ereignis und dessen affektiven Kontext. Das kollektive und persönliche Sich-wiedererkennen in „alten“ Fotografien wird über kurz oder lang verschwinden. Und damit ein Teil dessen, was wir heute unter Identität verstehen.



Wollen wir, dass Jugendliche eine geschichtsbefreite Instant-Identität entwickeln? Eine Identität, welche primär auf Illusionen und Selbsttäuschungen beruht („Ich habe beim Gamen oder beim Serien schauen echt etwas erlebt!“)?

  • Eine Identität, deren Quelle sich auf das Hier und Jetzt beschränkt?
  • Eine Identität, welche sich primär auf nur kurz anhaltende gute Gefühle (zum Beispiel nach dem Kaufen) beschränkt? Und nicht darauf, dass man sich etwas erarbeitet hat und sich dadurch weiterentwickelt?
  • Was wird das für eine Identität, wenn wir bald keine Möglichkeiten mehr haben, via Fotos unsere Erinnerungen an unsere Nonna und den Geschmack ihrer Lasagne aufzufrischen und am Leben zu erhalten?
  • Und was ist das für eine Identität, welche nicht darauf beruht, was wir erarbeitet, sondern gekauft und konsumiert haben?

Wie aber hängen die Schnell-schnell-Kultur und Kreativität zusammen?

Könnte das Verschwinden der Vergangenheit als Teil unserer neuen Identität dereinst nicht vielleicht sogar mit einer Befreiung von „Altlasten“ einhergehen und die Kreativität heutiger Jugendlicher so richtig befeuern? Müssen wir uns gar verabschieden von der Vorstellung, dass Kreativität verknüpft ist mit harter Arbeit, dem schöpferischen Erschaffen von echt Neuem und zeitlos Schönen?

Ich habe auf diese Fragen keine abschliessende Antwort. Meine Beobachtungen in der psychologischen Arbeit mit sehr vielen Jugendlichen mit ADHS zeigen mir aber deutlich, dass mit zunehmendem Konsumverhalten und dem Erstarken der Instant-Kultur (und ihrem je konkreten Einfluss auf die Individuen) die Kompetenz des Sich-etwas-erarbeiten-könnens drastisch abnimmt. Befriedigung muss jetzt sofort erfolgen.

Per Touch oder via Knopfdruck. Mit Drogen oder einem Smartphone funktioniert das. Aber nicht mit kreativem Schaffen! Folge ist, dass allfällig vorhandenes kreatives Potential brach liegen bleibt. Und ich vermute, dass dies auch bei Kindern und Jugendlichen ohne ADHS so sein könnte.




Halten wir uns noch einmal vor Augen, dass eine unbehandelte ADHS immer bedeutet, dass den Betroffenen (fast) alles viel zu lange dauert. Sie können syndrombedingt keine Geduld aufbringen.

Merke: Die Insta-Kultur ist bestens geeignet, das Schnell-Schnell-Syndom von ADHS-Betroffenen zu verstärken. Sie kann wie ein Brandbeschleuniger wirken.

Zwar befriedigt „Instant“ die Betroffenen bis zu einem gewissen Punkt. Auch weil sie – wenn es denn schnell genug geht und der Druck hoch genug ist – Erstaunliches leisten können. Dann aber versandet wieder alles. Energie, um etwas weiterzuentwickeln, ist keine mehr da.

Ich sehe das sehr eindrücklich auch im Atelier fotoLux. Und zwar bei denjenigen ADHS-Betroffenen, bei welchen die ADHS-Therapien nicht gut wirken. Instagram und Co. verführen die Betroffenen dann zu noch mehr Knipsen und Liken. Ständiges darauf achten, wie oft die eigenen Selfies geliked werden und wie sich die Anzahl der Follower entwickelt, hebt kurzzeitig den Dopaminumsatz und das Wohnsein, lenkt aber ab und lässt dadurch die wenige Energie, die sie noch haben, noch mehr verpuffen.

In diesem Teufelskreis sind Betroffene syndrombedingt immer weniger belastungs- und leistungsfähig. Das sie in der Folge für schulische Anforderungen immer weniger motiviert erscheinen, ist naheliegend.

 

Kreativitätsgefängnis

Weiter habe ich bei vielen jungen Instagram und Snapchat-Usern feststellen können, dass sie auf diesen virtuellen Plattformen fast immer nur unter Ihresgleichen weilen. Eine echte Chance, etwas für sie total Neues und vielleicht Inspirierendes zu erfahren (wie zum Beispiel bei einem Besuch im Zentrum Paul Klee oder einem Matinee in der Tonhalle Zürich), haben sie in diesen virtuellen und sogenannten „personalisierten“ Welten kaum.

Personalisiert = Filter auf diesen Online-Plattformen. Diese präsentierten den Usern als Neu immer nur das, wofür er/sie sich bereits auf Grundlage ihrer Likes interessieren oder interessieren könnten).

Like-Blasen

Gefangen in „Like-Blasen“ kann der damit verbundenen Filterung wegen, allfällig vorhandenes kreatives Potential verborgen bleiben. Kreativität ist ein bedeutsamer Faktor für die Entwicklung von Individualität und damit Baustein für die Identitätsentwicklung. „Insta“, Snapchat und YouTube können durch ihre personalisierten Welten diese wichtigen Prozesse ausbremsen.

Positives

Natürlich ist nicht alles des Teufels, was mit Computer und Bildschirmmedien zu tun hat. Im Gegenteil! Computerprogramme können sehr kreativ eingesetzt werden. Etwa bei der Bild- oder Videobearbeitung. Oder in der Musik. Schon lange existieren auch sehr kreative Computerspiele wie etwa Schachprogramme oder der bekannten Flugsimulator von Microsoft. Wer also denkt, hier schreibt ein technikfeindlicher Untergangsprophet, irrt.

 

Der Unterschied zum Konsumieren ist, dass die Benutzer (zum Beispiel beim Arbeiten mit Photoshop) eine aktive und eben nicht eine reaktive Rolle innehaben. Dadurch, dass sie fortwährend eigene und echt freie Entscheidungen fällen und ihren eigenen Weg beschreiten (und nicht blind und ohne es zu wissen den vorgegebenen Pfaden des Game-Programmierers folgen müssen), trainieren sie ihre eigene Phantasie.

Merke: Compterprogramme wie Photoshop, Videobearbeitungsprogramme, Schach usw. haben einen entschleunigenden Effekt. Und genau dies benötigen ADHS-Betroffene. Durch die aktive Rolle, das Sich-etwas-erarbeiten lernen sie, eines nach dem andern machen zu können. Ja, sie trainieren exekutive Funktionen!

 

Was tun?

    • Kinder und Jugendliche mit einer ADHS haben oftmals gar keinen Zugang zu ihrem kreativen Potential. Oft fehlt ihnen auch die innere Ruhe, sich auf den Klavierunterricht oder beispielsweise im Jugendtheater einlassen zu können. Versuchen soll man es trotzdem. Wenn nach verschiedenen Anläufen herausgefunden kann, wofür sich Kinder mit einer ADHS wirklich interessieren, ist schon ein grosser Schritt getan.
    • ADHS-betroffene Kinder und Jugendliche mit künstlerischen Begabungen und/oder einer hohen Intelligenz sollten in der Freizeit oder falls erforderlich im Rahmen einer multimodalen ADHS-Therapie in den Genuss therapeutisch-pädaogischer Fördermassnahmen kommen, welche an ihren Ressourcen ansetzen. Aus Erfahrung weiss ich, dass von diesen Massnahmen auch Kinder und Jugendliche mit Störungen aus dem autistischen Spektrum profitieren können.
    • Kreativitätsfördernde Massnahmen können eine ADHS-Basistherapie nicht ersetzen. Vielmehr ist es so, dass ein Minimum an intakten Exekutivfunktionen erforderlich ist, um von den Fördermassnahmen profitieren zu können. Wie Begabtenförderung mit ADHS-Betroffenen funktionieren kann, welche auf die medikamentöse Basistherapie nicht oder nur unbefriedigend ansprechen und ausgeprägte ADHS-Symptomatik aufweisen, weiss ich selbst noch nicht genau.
    • Kinder und Jugendliche sollen von den Eltern und den Lehrpersonen an den kreativen Umgang mit Computern, Kommunikations- und Bildschirmmedien herangeführt werden. Motto: Weniger ist mehr. Haben Sie als Eltern bitte keine Hemmungen, auch Verbote auszusprechen.
    • Reaktivieren Sie Fotoalben oder lassen Sie sich von Ihren Bildern Fotobücher herstellen. Sie tragen damit bei, das kollektive Familiengedächtnis zu erhalten und den Kindern zu ermöglichen, Erinnerungen an ihre eigene Geschichte aufzufrischen.
    • Bei ADHS-betroffenen Jugendlichen, welche suchtartig Bildschirmmedien konsumieren, ist davon auszugehen, dass die ADHS-Basistherapie nicht oder nicht genügend wirksam ist. Diese sollte dann durch die zuständige Fachperson überprüft und optimiert werden. Das problematische Konsumverhalten legt sich dann normalerweise. In sehr schwierigen Fällen könnte – Einsicht, Motivation und Einwilligung der Betroffenen vorausgesetzt – zur Einstellung der neuen Medikamente und zwecks Bildschirmmedien-Entzugsbehandlung eine stationäre Behandlung in Betracht gezogen werden.

      Lesen Sie hier weiter, wenn diese Informationen für Sie hilfreich waren.





Siehe auch:

 


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Dieser Text ist urheberrechtlich geschützt.
Er wurde letztmals aktualisiert am 11.10.2017.
© Piero Rossi




ADHS & Kreativität | Warum Menschen mit ADHS sehr kreativ sein könnten, es aber meistens nicht sind

Einleitung

http://www.adhs.ch/ueber-mich/Wer sich mit dem Thema ADHS & Kreativität auseinandersetzen will, steht vor grossen Herausforderungen. Wir wissen heute mit guter wissenschaftlicher Evidenz, was ADHS ist und was nicht. Ganz anders aber verhält es sich mit der Kreativität. Diese wird mal so, mal anders verstanden. Der durchaus lesenswerte Wikipedia-Eintrag über Kreativität gibt Interessierten einen ersten Überblick über die verschiedenen Ansätze und Theorien.

Mager schaut es aus bezüglich Wissensstand und Publikationen zum Zusammenhang von ADHS & Kreativität: Texte mit wissenschaftlichem Anspruch und empirische Untersuchungen hierzu liegen meines Wissens nur eine Hand voll vor. Und dies erst noch mit sehr widersprüchlichen Resultaten.

Wohl kann man in der ADHS-Ratgeberliteratur oder in ADHS-Internetforen immer wieder lesen, dass viele Menschen mit ADHS besonders kreativ sein sollen. Um dies zu illustrieren, werden immer wieder Albert Einstein, Amadeus Mozart und andere berühmte (Künstler-) Persönlichkeiten ins Feld geführt. Bei diesen habe eine ADHS vorgelegen, heisst es. Nachvollziehbare Begründungen bleiben uns die Autoren indes schuldig.

 

Wenig erhellend sind auch die mir bekannten Fachartikel über die ADHS von bekannten Persönlichkeiten. Wie zum Beispiel über Heinrich Hoffmann, dem Autor von „Struwwelpeter“. Wir erfahren vom renommierten ADHS-Spezialistenpaar Klaus-Henning und Johanna Krause zwar überzeugend dargelegt, dass Hoffmann wahrscheinlich unter einer ADHS litt. Hinweise zur Anatomie eines möglichen Zusammenhangs von ADHS und Kreativität bleiben uns Fachautoren aber ebenfalls schuldig.

Was heisst Kreativität?

Wir wissen also mehr oder weniger, was ADHS heisst und was sie für die von dieser Störung Betroffenen bedeutet (Zusammenfassung siehe hier). Was aber wissen wir über Kreativität? Alles und nichts? Ich denke, es liegt in der Natur der Kreativität, dass das Spektrum von Definitionen so riesig ist. Dem ist wohl auch gut so. Es wäre wohl das Ende jeglicher Kreativität, wenn diese sich messen liesse.

In diesem Artikel wird Kreativität folgendermassen verstanden:

So verstehe ich Kreativität

Originelles, unkonventionelles, schöpferisches und produktives Denken und Handeln, welches zu neuen und zeitüberdauernden Objekten führt, von welchen sich Menschen emotional positiv angesprochen fühlen und welche als sinnstiftend erlebt werden. Kreativität schlägt sich nicht nur Kunst oder bei Erfindungen nieder: Sie unterstützt uns im Ausbildungs-, Berufs- und Familienalltag ganz wesentlich bei der Lösung von alltäglichen Problemen.

Mein Bezug zum Thema ADHS & Kreativität

  • Bis Ende 2015 habe ich als Psychotherapeut mit Schwerpunkt ADHS gearbeitet. Ich habe in den letzten 20 Jahren ungefähr 2000 Kinder, Jugendliche und Erwachsene mit einer ADHS kennengelernt. Fast täglich habe ich erfahren, was eine unerkannte, eine falsch oder unbehandelte ADHS bei den Betroffenen und ihren Angehörigen Verheerendes anrichten kann. Und immerfort erlebte ich, wie die ADHS das kreative Potential der Betroffenen zu lähmen vermochte.
  • In meiner über dreissigjährigen Tätigkeit als Psychologe und Psychotherapeut und insbesondere in den letzten zwanzig Jahren, stiess ich mit den im je konkreten Fall individuell angezeigten Psychotherapiemethoden immer wieder an Grenzen: Zwar liessen sich die ADHS-Symptome meiner Patientinnen und Patienten in der Regel reduzieren, was für die Betroffenen und ihre Angehörigen zweifellos viel Entlastung bedeutete. Andererseits stellte ich immer wieder fest, dass die anerkannten Psychotherapiemethoden (und nur diese, also wissenschaftlich auf ihre Wirksamkeit überprüfte Behandlungstechniken, darf man in der Psychotherapie anwenden) immer noch zu sehr auf Symptome und Defizite fokussiert sind.




  • Die Stärken der Persönlichkeit fördern wurde und wird in der Psychotherapie zwar immer wieder postuliert, gehört aber noch nicht zum standardisierten Repertoire anerkannter psychotherapeutischer Methoden (und auch nicht zur Behandlung der ADHS).
    Meinen Patientinnen und Patienten ging es in den meisten Fällen zwar deutlich besser. So richtig befreit und glücklich wirkten bei Behandlungsabschuss indes nur wenige. Ich realisierte, dass insbesondere bei ADHS-Betroffenen, welche auf die Therapien nur unbefriedigend ansprechen, ressourcenorientierte Förderansätze eine bedeutsame, ja heilsame Rolle zukommt. Sie können ein therapeutisch sehr wertvolles Gegengewicht schaffen.
  • Aber auch bei einer erfolgreichen Behandlung können in einem gewissen Ausmass ADHS-assoziierte Probleme fortbestehen. Eine ADHS lässt sich nicht heilen wie ein Beinbruch. So halten bei Jugendlichen und Erwachsenen oftmals Identitäts- und Selbstwertprobleme  an. Diesen kann mit einem gezielten Aufbau eigener (und meistens ausserschulischer) Ressourcen wie zum Beispiel in sportlichen oder musischen Bereichen wirkungsvoll begegnet werden.
  • Idealerweise würde dieser Aufbau bereits im Rahmen der ADHS-Basistherapie erfolgen. Dazu kommt es bis heute aber nur punktuell. Einmal, weil experimentelle therapeutische Ansätze, welche in diese Richtung gehen, meines Wissens bisher nicht wissenschaftlich begleitet und evaluiert wurden, andererseits aber auch, weil die Krankenkassen ganz strikt nur die Honorare von Heilbehandlungen erstatten, nicht aber jene, welche dem Zweck der Stärkung der Persönlichkeit dienen ( = keine Heilbehandlung).
  • Auch psychotherapeutisches Handeln ist ein kreativer Prozess. Nicht umsonst heisst es, Psychotherapie ist eine Kunst. Das Handwerk, psychopathologische Symptome zu erkennen, Diagnosen zuzuordnen, zu wissen, welche Therapien sich bei welchen Störungsbildern bewährt haben sowie das gekonnte Anwenden von Psychotherapietechniken, kann man an der Universität und in der Psychotherapieausbildung lernen.
  • Um dieses Know-how im Umgang mit Patienten erfolgreich anwenden zu können, bedarf es zusätzlich an Berufserfahrung und vor allem eines „gewissen Etwas“. Nämlich der Kreativität. Psychische Probleme sind ihrem Wesen nach hochkomplex. Wissenschaftliche Algorithmen können es zwar erleichtern, menschliches Fühlen, Denken und Verhalten besser zu verstehen. Sie ersetzen aber nicht den schöpferischen Psychotherapeuten, welcher – will er Menschen und ihre Probleme wirklich verstehen und erfolgreich behandeln – die Elemente von Diagnostik und Behandlung geschickt wie ein Künstler zu einem heilenden Prozess zusammenstricken muss.
  • Das gilt auch für die Lehrerin und für Menschen in viele anderen Berufen. Erst der kreative Umgang mit dem Gelernten und Erlebten und dessen schöpferische Anwendung macht uns zu richtig guten Berufsleuten.
  • Ein zweites persönliches Standbein für mich ist seit meiner Jugend die Fotografie. Auch in diesem Bereich verhalte ich mich bisweilen kreativ. Ab und zu gelingen mir richtig gute Arbeiten.
  • Seit Anfang 2016 arbeite ich nicht mehr als Psychotherapeut, sondern als Mentor für ADHS-Betroffene und für Menschen mit Störungen aus dem autistischen Spektrum sowie im Bereich der Begabtenförderung. Medium ist die Fotografie. Mein neues Projekt ist innovativ. Es entstand aus der kreativen Weiterentwicklung meiner Tätigkeit als Psychotherapeut mit ADHS-Betroffenen.




Warum ADHS-Betroffene sehr kreativ sein könnten

Viele ADHS-Betroffene, die ich kennengelernt habe, haben ein auffallend gutes bis sehr gutes kreatives Potenzial. Daraus lässt sich aber nicht verallgemeinern, dass Menschen mit einer ADHS generell kreativer sind (oder von ihrem Potenzial her sein könnten) als andere Menschen. Der Grund liegt darin, dass ich es in meiner Privatpraxis vorwiegend mit Menschen aus den mittleren und oberen Bildungsschichten zu tun hatte.

Viele meiner jungen Patienten wurden bereits daheim schon kulturell gefördert. Aufgrund dieser Selektion darf ich nicht die Schlussfolgerung ziehen, dass Menschen mit einer ADHS per se mehr kreatives Potential als andere haben. Meines Wissen liegen zurzeit auch keine Forschungsbefunde vor, welche diesen Zusammenhang nahelegen würden.

Wer Menschen mit einer ADHS näher kennt, weiss nur zu gut um ihre Begeisterungsfähigkeit und ihre Zerstreutheit, um ihre Reizoffenheit und ihre riesige Empfänglichkeit für Neues. Aber auch um ihre Phantasie, ihren Ideenreichtum sowie um ihre Loyalität in Beziehungen zu Menschen, von denen sie sich ernst genommen fühlen.

 

Gleichzeitig wissen wir aber auch um die meistens ebenso stark ausgeprägte Unfähigkeit von ADHS-Betroffenen, ihre Wahrnehmungen und Empfindungen produktiv und sinnstiftend zu selektieren, mental zu organisieren und im realen Leben zielführend umzusetzen.

Menschen mit einer ADHS zeichnen sich aus durch eine störend starke Zerstreutheit und Vergesslichkeit. Aber vor allem auch durch die Unfähigkeit, lange genug an einer Sache dranbleiben und ihre Projekte realisieren zu können. Zu schnell langweilen sie sich. Ihr Hirn lechzt immerfort nach neuen Reizen und Kicks.

Das lenkt sie ab, führt sie von einem Nebengeleise zum nächsten Nebenkriegsschauplatz. Auf diese hyperfokussieren sie eine Weile, gelegentlich auch in exzessiver Manier. Der Kick verblasst in der Regel viel zu schnell, um ein Projekt durchziehen zu können und damit zu positiven und identitätsstiftenden Resultaten zu kommen.

Die Gründe für die zu grosse Reizoffenheit und die gravierenden Umsetzungsprobleme von Menschen mit einer ADHS liegen in der besonderen Art, wie ihr Gehirn arbeitet. Soweit wir heute wissen, sind im Gehirn von Menschen mit einer ADHS aus genetischen Gründen jene neuronalen Netzwerke, welche die Reizselektion, die Impulsregulation, das motivationale System sowie die Umsetzungsfunktionen regulieren, unteraktiviert. ADHS-Forscher erklären sich diesen Mangel folgendermassen: Der Neurotransmitter (= Nervenbotenstoff) Dopamin wird zu schnell zur nächsten Nervenzelle transportiert, verbleibt damit zu kurz im synaptischen Spalt und kann daher seine Wirkung nicht richtig entfalten.

Der Dopaminmangel hat aber auch zur Folge, dass die Reaktionen der Betroffenen auf diese Stimuli nicht angemessen reguliert und abgebremst werden können. Das erklärt die grosse Neigung zu unüberlegten, impulsiven Handlungen. Menschen mit einer ADHS nehmen also nicht nur viel zu viel auf, sondern reagieren meistens viel zu schnell und viel zu heftig auf das Wahrgenommene mit oft fatalen Folgen.

Wir wissen

… dass sich diese daraus folgende neuronale Unteraktivierung vor allem bei monotonen, reizarmen und subjektiv uninteressanten oder als sinnlos erlebten Anforderungen störend bemerkbar macht. Eine Folge dieser Unteraktivierung  ist, dass Reize nahezu ungefiltert auf die Betroffenen einstürzen und viele Assoziationen auslösen.

Eine Folge dieser Unteraktivierung  ist, dass Reize nahezu ungefiltert auf die Betroffenen einstürzen und viele Assoziationen auslösen. Der Dopaminmangel hat aber auch zur Folge, dass die Reaktionen der Betroffenen auf diese Stimuli nicht angemessen reguliert und abgebremst werden können. Dies erklärt die grosse Neigung zu impulsiven Handlungen. Menschen mit einer ADHS nehmen nicht nur viel zu viel auf, sondern reagieren meistens viel zu schnell und viel zu heftig auf das Wahrgenommene. Jeder, der ADHS-Betroffenen kennt die oft fatalen Folgen dieses impulsiven Verhaltens.

 

Neurobiologie der ADHS

Die Neurobiologie der ADHS liefert uns somit eine erste und wichtige Antwort auf die Frage, warum ADHS-Betroffene im Grunde genommen sehr kreativ sein könnten.

Verrückte Ideen

Die ADHS-typische Disposition zur Impulsivität und Spontaneität, quasi die Kehrseite ihrer reduzierten Hemmprozesse, sind – ein kreatives Grundpotential vorausgesetzt – ideale Voraussetzungen für „verrückte“ Ideen und „wild“ assoziatives Gestalten derselben..

Hyperfokus & Flow

Kreativität erfordert unter anderem eine grosse Empfänglichkeit auch für Unkonventionelles, für Neues, für Details und für Besonderes, welches andere nicht auf den ersten Blick erkennen. Darin sind viele ADHS-Betroffene stark. Kreativität setzt Loslassen- und Sich-vergessen-können voraus. Erst wenn die inneren Bremsen und Hemmungen (im Sinne von zu gut wirksamen Filtern) fallen, können sich kreative Impulse entfalten

Bei Menschen mit einer ADHS ist es bekanntlich nicht so, dass sie meistens nicht in der Lage sind, sich angemessen konzentrieren zu können. Interessiert sie aber etwas wirklich, geraten sie leicht in einen Hyperfokus und können sich problemlos und teilweise auch mit riesengrossen Ausdauer in eine Tätigkeit vertiefen.




Gestützt auf Schilderungen von ehemaligen Patienten sowie auf theoretische Überlegungen gehe ich davon aus, dass das ADHS-typische hyperfokussierte Vertieftsein verwandt ist mit dem so genannten Flow-Zustand. Flow bezeichnet das völlige Aufgehen in einer Tätigkeit. Wie in einer Trance läuft alles ohne Anstrengung und wie von selbst. Das Zeitgefühl schwindet, man ist hoch konzentriert, ist oft hochproduktiv und schwebt gleichzeitig auf Wolke 7.

Im Flow können Menschen sehr kreativ und leistungsfähig sein. Viele Künstlerinnen, Sportler oder beispielsweise Schriftstellerinnen kennen diesen Zustand bestens. Und lieben ihn. Und
zwar weil das Gehirn in diesem Zustand Dopamin ausschüttet und Glücksgefühle auslöst. Diese guten Gefühle setzen Erinnerungsreize: Es war super und ich will mehr davon.


Danke für diese Infos!


Das ermöglicht es ihnen, noch weiter „abzutauchen“ und immer wieder Tätigkeiten und Situationen anzusteuern, welche ihn einen Flow ermöglichen. In diesem Zustand sind Menschen deswegen „voll bei sich“, kreativ und leistungsfähig, weil die Aktivität jener Hirnareale und neuronalen Netzwerke, welche die überkritische Selbstreflexion, Angst oder -Versagensgefühle und die negative Selbstkontrolle steuern, reduziert werden.

Das Kompetenzgefühl und die positive Selbstkontrolle hingehen bleiben im Flow bestens in Form. Auch sollen jene neuronalen Funktionskreise, welche für die Verarbeitung von sinnlichen Wahrnehmungen zuständig sind, im Flow gut aktiviert sein. ideale Voraussetzungen also für kreatives und produktives Handeln.


Merke (1)

ADHS-Betroffene verfügen aus neurobiologischen Gründen über sehr gute Voraussetzungen, ihr kreatives Potential entfalten zu können.


Warum ADHS-Betroffene kreativ sein könnten, es aber meistens nicht sind

Bei den meisten Menschen mit einer un- oder nicht wirkungsvoll behandelten ADHS sind auch zahlreiche andere für kreatives Handeln elementare wichtige kognitive Prozesse dereguliert. Unter ADHS-Forschern besteht heute weltweit Einigkeit darüber, dass eine Unteraktivierung auch bei jenen neuronalen Netzwerken vorliegt, welche die zielführende Weiterverarbeitung des Wahrgenommenen, also das Umsetzen, reguliert.

 

Vor ungefähr fünfzehn Jahren rief mich an einem Samstagnachmittag ein Kollege an. Ich soll unbedingt den Fernseher einschalten und RTL schauen. In einer Talkshow finde ein Interview mit einer ADHS-betroffenen und bekannten jungen Grafikerin statt. Leider habe ich nur noch den Schluss der Talk-Runde mitbekommen. Die Grafikerin sagte:

„Um die wirklich guten Ideen zu kreieren, benötige ich kein Ritalin. Diese aber auch umzusetzen gelingt nur mit dem Medikament“.


Merke (2)

Die ADHS manifestiert sich im Alltag in erster Linie als Umsetzungsproblem.
Man will, kann aber nicht.


Umsetzen, also zielgerichtetes Planen und Handeln, besteht unter anderem aus zahlreichen sich ergänzenden kognitiven Funktionen. Diese werden in der Neuropsychologie als Exekutivfunktionen bezeichnet. Es handelt sich um verschiedene, miteinander verknüpfte kognitive Basisprozesse. Ohne diese bleibt die weitere Verarbeitung des „kreativen Basismaterials“ in der Regel hilflos liegen oder stecken.

Um kreatives Potenzial nicht nur einmalig, sondern nachhaltig freisetzen und entwickeln zu können, sollten unter anderem folgende exekutive Funktionen intakt sein:

    • Aufmerksamkeitskontrolle: Fokussierte Aufmerksamkeit beziehungsweise Widerstandskraft gegen Ablenkungen; Aufrechterhaltung der Aufmerksamkeit bei monotonen, reizarmen und subjektiv uninteressanten Rahmenbedingungen; simultane Aufmerksamkeitsverarbeitung.
    • Kognitive Flexibilität: Gemeint ist unter anderem die Fähigkeit, sich automatisch auf Neues einlassen zu können, ohne am Alten zu haften und dadurch blockiert oder ausgebremst zu bleiben.
    • Arbeitsgedächtnis: Diese bezeichnet das aktive Kurzzeitgedächtnis, also Halten und gleichzeitiges Bearbeiten von Informationen im Kurzzeitgedächtnis. Arbeitsgedächtnisdefizite oder -störungen führen zu vielseitigen Problemen, unter anderem beim Lernen, Schlussfolgern, bei der Strategiebildung, Planen und behindern in der Folge das zielführende Handeln.




  • Kognitive Flüssigkeit: Es geht dabei a) um die Fähigkeit, auf eine Problemstellung möglichst viele verschiedene Lösungen zu kreieren und b) dabei nach Möglichkeit automatisch und spontan zielführende Strategien anzuwenden. Ersteres kann man auch als divergentes Denken bezeichnen. Das Gegenteil ist das konvergente Denken. Letzteres kommt dann zum Zug, wenn als Resultat einer Problemstellung nur eine einzige richtige Lösung in Frage kommt.
  • Dies ist beispielsweise bei einer Rechnungsaufgabe der Fall (1+1=2 und nur 2).  Divergentes Denken erfolgt immer dann, wenn zu einer Problemstellung möglichst viele verschiedene Lösungen generiert werden müssen. Ein klassisches Beispiel dafür ist ein Aufsatz, aber auch generell das kreative Suchen des richtigen Weges, um beispielsweise eine schwierige mathematische Aufgabe lösen zu können.
  • Divergentes Denken ist aber auch angesagt bei allen möglichen und unmöglichen Herausforderungen, welche sich uns im Leben stellen können. Ohne divergentes Denken kann ein Mensch seine Intelligenz nicht umsetzen. Man kann das divergente Denken auch kreatives oder fantasievolles Denken oder Ideenproduktion nennen. Ein mehr oder weniger intaktes divergentes, also kreatives und fantasievolles Denken ist eine zentrale Voraussetzung dafür, dass ein Mensch seine Intelligenz umsetzen kann.
  • Bei Menschen mit einer unbehandelten ADHS ist es so, dass sie von guten Ideen nicht selten regelrecht überflutet werden können. Der Arbeitsgedächtnisschwäche wegen können sie diese leider meistens nicht sinnvoll verknüpfen und zusammenfügen. Ihr syndrombedingt oftmals gutes laterales Denkvermögen (= Quer- und Paralleldenken) nützt ihnen daher wenig bis nichts.

Neben diesen Exekutivfunktionen, welche bei Vorliegen einer ADHS mehr oder weniger geschwächt sind, sind es zusätzlich auch die ADHS-typische Impulsivität und die Ungeduld, welche das nachhaltige Umsetzen kreativer Impulse behindert

Kreativität & Manie

Der Vollständigkeit halber möchte ich Sie etwas verwirren. Denn es ist eine Tatsache, dass auch Menschen mit grossen Defiziten im Bereich der exekutiven Funktionen sehr kreativ sein können. Das betrifft etwa Künstler mit schweren psychischen Störungen. Oder Menschen mit einer leichten geistigen Behinderung. So weiss man, dass zahlreiche weltbekannte Kunstwerke in der hypomanen Phase von Bipolaren Störungen entstanden sind.




Ritalin als Kreativitätskiller?

Sollen ADHS-Betroffene eine Chance haben, ihr allfällig vorhandenes kreatives Potential zielführend auszuschöpfen zu können, ist in vielen Fällen eine ADHS-Behandlung erforderlich. Gemäss heutigem Wissenstand (12/2016) bedarf es dazu in der Regel einer medikamentösen Basistherapie in Kombination mit weiteren psychotherapeutischen und pädagogischen Interventionen (Multimodale Therapie). Dieser Behandlung muss in jedem Fall eine gründliche Abklärung und eine sorgfältige Indikationsstellung vorausgehen.

 

Wie schon aus dem Beispiel mit der Grafikerin hervorgeht, stellt sich die Frage, inwieweit eine medikamentöse Behandlung mit Stimulanzien (zum Beispiel Ritalin) Kreativität ausbremsen könnte. Mir selbst sind nur ganz wenige Einzelfälle bekannt, bei welchen dieser bremsende Effekt zu beobachten war.

Dabei spielte eine zu hohe Dosierung der ADHS-Medikamente die Hauptrolle. Eine Frau mit ADHS berichtete mir zu diesem Thema, sie habe auch ohne Ritalin 1000 Ideen, setze aber keine um, weil da schon die nächsten 1000 anstehen.

Mit Ritalin sei sie in der Lage, vorher Ideen auszusortieren. Sie habe dann vielleicht noch 300 und zum Schluss vielleicht noch fünf Ideen, die sie dafür dann aber weiterentwickeln könne.



Im Rahmen von Verlaufskontrollen habe ich mit meinen ADHS-Patienten, welche von ihrem Arzt medikamentös behandelt wurden, unter der Wirkung von Stimulanzien nach drei und dann sechs Monaten neuropsychologische Verlaufskontrollen durchgeführt. Dabei stellte ich in nahezu allen Fällen fest, dass sich bei Ansprechen auf die Therapien die Testleistungen bei Anforderungen an verschiedene exekutive Funktionen massgeblich verbessert haben. Das gilt auch für Test, welche Aussagen über das kreative Denken erlauben.

Die Testresultate entsprachen unter der Wirkung der medikamentösen Therapie in der Regel dem Niveau, welches von der Intelligenz her zu erwarten war. Auch aus dem Schul-, Arbeits- oder Familienalltag erhielt ich nur sehr selten Rückmeldungen, wonach die medikamentöse
Behandlung die Kreativität der Betroffenen ausbremste.

Immer wieder hörte ich dagegen, dass betroffene Kinder unter der Wirkung von Stimulanzien endlich mit dem Zeichnen beginnen, dass sie fantastische Lego-Konstruktionen erfinden, bessere Aufsätze schreiben, Lieder komponieren oder auch, dass sie in Konflikten erstaunlich gute Lösungsvorschläge einbringen. Wenn Probleme fortbestanden, lag eine zentrale Ursache darin, dass die medikamentöse Therapie eine unbefriedigende Wirkung zeigte.

Trotzdem: Das Beispiel der Grafikerin, welche zur Ideenproduktion das Ritalin absetzte, sowie theoretische Überlegungen, legen nahe, dass bei ADHS betroffenen und kreativ begabten Kindern im Auge behalten werden sollte, ob die medikamentöse Behandlung allenfalls doch mit einer zu ausgeprägten Hemmung kreativer Prozesse einhergehen könnte. In diesem Fall muss die Therapie durch den behandelnden Arzt angepasst werden (zum Beispiel andere Dosierung, anderes Medikament).




Zusammenfassung

  • ADHS-Betroffene verfügen aus neurobiologischen Gründen über gute Voraussetzungen zur Entfaltung ihres kreativen Potentials. Gleichzeitig behindert eine unbehandelte ADHS die Entfaltung und Umsetzung von Kreativität.
  • Speziell bei ADHS-Betroffenen kann sich die Förderung von Kreativität als therapeutisch sehr wirksam erweisen. Damit diese Fördermassnahmen greifen können, ist es von grossem Vorteil, wenn bereits eine wirksame ADHS-Basistherapie erfolgt.
  • Lesen Sie hier weiter, wenn diese Informationen für Sie hilfreich waren.

Siehe auch:

Tippfehler entdeckt!

Wie man einen Satz oder einen Abschnitt aus diesem Text zitiert
Rossi, Piero: „ADHS & Kreativität – Warum Menschen mit ADHS sehr kreativ sein könnten, es aber meistens nicht sind“. In: Internetseite: www.adhs.ch. Stand: [Datum der letzten Aktualisierung]. Abgerufen am: [Datum der Textentnahme]. Online im Internet URL: http://www.adhs.ch/?page_id=19948


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Dieser Text ist urheberrechtlich geschützt.
Er wurde letztmals aktualisiert am 11.10.2017.
© Piero Rossi




Bildschirmmedien & ADHS: Brandbeschleuniger oder harmlos? Fallbeispiele | Lösungen


Der Konsum von Bildschirmmedien kann ADHS-Symptome verstärken.
Glauben Sie nicht? Dann lesen Sie doch weiter!


Piero Rossi (Vortragsmanuskript 2012)

Zusammenfassung

http://www.adhs.ch/ueber-mich/
Ein hoher Konsum von TV, DVD, PC-, Online- und Videogames sowie anderen Bildschirmmedien führt bei vielen ADHS-Betroffenen zu einer Verstärkung von Wahrnehmungs-, Impuls- und Konzentrationsstörungen. Aufgezeigt wird dies an konkreten Fallbeispielen aus der psychotherapeutischen Praxis des Autors. Die Neuen Medien stellen Eltern, Lehrkräfte, Psychologinnen und Psychologen und andere Fachpersonen vor grosse Herausforderungen. Die Fallbeispiele ermutigen, sich zum Wohl der Kinder vermehrt mit diesen Themen auseinanderzusetzen.

Einführung

Heute Abend berichte ich Ihnen über den Zusammenhang von Bildschirmmedienkonsum und ADHS. Zum Thema Bildschirmmedien und ADHS existieren unzählige wissenschaftliche Untersuchungen mit Tausenden von Kindern. Aber keine Angst. Ich werde Sie heute weder mit Zahlen, Tabellen noch mit statistischen Grafiken überschwemmen. Ausgangspunkt bilden vielmehr eigene Erfahrungen mit Patientinnen und Patienten aus meiner psychologischen Praxis. Auf einige wichtige Forschungsresultate zu diesem Thema gehe ich am Schluss ein. Als Erstes will ich Ihnen schildern, wie es dazu gekommen ist, dass diese Thematik für mich und meine Arbeit überhaupt so bedeutsam wurde.

Jan und Eric

Gehen wir zurück ins Jahr 2007. Ein Kinderarzt aus dem Kanton Thurgau überwies mir damals zwei Buben mit einer diagnostizierten ADHS. Beide haben auf alle bisher durchgeführten Therapien (und dazu zählte auch eine medikamentöse Therapie) nicht befriedigend angesprochen. Der Kinderarzt bat mich um eine eingehende Untersuchung beider Kinder sowie um Therapieempfehlungen. Abklärung von „ADHS-Problemfällen“ gehören zum Kern meiner Praxistätigkeit.

Wie in allen anderen Fällen begann die Untersuchung mit einem ausführlichen Gespräch mit den Eltern. Mein Ziel ist, Informationen über die aktuellen Probleme, über die bisherige Entwicklung, über das Problemverhalten des Kindes in der Schule, über familiäre Probleme und so weiter zu erhalten.

Die 11- und 13-jährigen Buben der Familie Hoffmann, nennen wir sie im folgenden Jan und Eric, zeigten seit Schulbeginn klassische Symptome einer ADHS. Sobald ihnen etwas langweilig, sinnlos oder unwichtig erschien, hatten sie grosse Mühe, sich zu konzentrieren (alle Angaben zu den Personen, von denen ich im Folgenden berichte, habe ich abgeändert; es ist in keinem Fall möglich, Rückschlüsse auf konkrete Einzelpersonen oder real existierende Familien zu ziehen).

Dies kam leider viel zu oft vor, vor allem im Schulunterricht, beim Erledigen der Hausaufgaben und im Besonderen dann, wenn die Mutter etwas von den beiden Buben wollte. Jan und Eric waren zudem sehr impulsiv. Wie bei anderen ADHS-Kindern beobachtbar, nahmen sie wegen ihrer Filterschwäche nicht nur viel zu viel auf, sondern reagierten viel zu schnell auf alle Sinneseindrücke, welche ungefiltert auf sie einprasselten.

Klassische ADHS-Symptomatik

Eric, der ältere der beiden, fiel bereits im Kindergarten durch Unruhe und Nicht-zuhören-können auf, sodass er damals nicht regulär eingeschult werden konnte, sondern die Einführungsklasse besuchen musste. Die Konzentrationsschwächen und das Nicht-warten-können waren so ausgeprägt, dass die Lehrerin bei Eric bald schon zu einer ADHS-Abklärung riet.

Bei Jan zeigten sich erst ab dem zweiten Schuljahr Probleme. Der Knabe war sehr verträumt und vergesslich. Einfach alles schien an ihm vorbei zu rauschen – Ausnahme, es war interessant.

Beide Kinder galten als intelligent. Neuen Schulstoff begriffen sie meistens sofort. Sobald es aber um das Vertiefen und Einüben ging, klinkten sie sich – wie halt fast alle Kinder mit einer ADHS – viel zu schnell aus.



Freiwillig Lesen war bei beiden Kindern kein Thema. Typisch waren auch die Hausaufgabenprobleme, welche in der Familie Hoffmann zeitweise dramatische Formen annahmen. Jan und Eric waren nur unter permanenter Überwachung der Mutter in der Lage, an den Hausaufgaben dran zu bleiben. Da beide Buben ständig Unterlagen in der Schule vergassen und es versäumten, das Hausaufgabenbüchlein zu führen, fehlte permanent irgendetwas.

Auf die vom Kinderarzt sorgfältig durchgeführte medikamentöse Behandlung hat Eric nur ansatzweise, Jan eigentlich gar nicht angesprochen. Auch ein Wechsel des Medikamentes brachte keine wesentliche Änderung. Versuche mit Kinesiologie, einer Zuckerdiät und einer Therapie mit Neurofeedback führten ebenfalls zu keinen Verbesserungen.

Frau Hoffmann wurde in der Folge von stärker werdenden Selbstzweifeln und Selbstvorwürfen geplagt. Alle Therapien brachten den Kindern nichts, also musste es an ihr liegen, dachte sie sich. Sie wurde psychisch zunehmend instabiler, sodass der Hausarzt ihr ein Antidepressivum verschrieb und zu einer Psychotherapie riet. Erwähnen möchte ich an dieser Stelle, dass ich im Erstgespräch mit den Eltern den Eindruck gewann, dass auch beim Vater eine ADHS vorliegen könnte.

 

Die Schilderungen der Eltern und der Verlauf der ADHS waren für mich als Psychologe nicht aussergewöhnlich. Auch die Tatsache, dass ADHS-Patienten auf die Therapien nicht oder nicht befriedigend ansprechen, kommt häufiger vor, als man annehmen könnte. Was mich bei dem Aufnahmegespräch stutzig machte, waren die wiederholten Äusserungen von Frau Hoffmann über den doch sehr häufigen Fernseh- und Game Boy-Konsum ihrer Kinder und deren Folgen. Auch das hörte ich damals natürlich nicht zum ersten Mal. Diesmal aber hatte es für mich eine andere Qualität.

TV, Game Boy und Nintendo DS

TV, Game Boy und Nintendo seien die einzige Möglichkeit, Eric und Jan einigermassen ruhig zu halten, berichtete Frau Hoffmann. Sie rückte schliesslich damit heraus, dass nur das morgendliche Fernsehen es ermögliche, dass die beiden Buben überhaupt vorwärts machen. Ohne TV während des Frühstücks würde rein gar nichts gehen. Ähnlich beim Hausaufgaben erledigen: TV und Game Boy vor und nach dem Hausaufgaben machen sowie während der Pausen seien die einzige Möglichkeit, um die beiden Buben irgendwie bei Laune zu halten. Ohne dieses Zückerchen herrsche quasi Krieg.

Frau Hoffmann sagte darauf hin zum wiederholten Mal, dass sie sich sehr schäme. Und man sah es ihr auch an. Sie wisse ganz genau, dass sie versagt habe. Am liebsten, so kam es schliesslich aus ihr heraus, würde sie all dies Zeugs schnurstracks zum Fenster rausschmeissen.

Im Gespräch mit den Eltern wurde dann offensichtlich, dass der Vater ebenfalls sehr viel Zeit vor dem PC und dem Fernseher verbrachte. Jeden Abend schaute er mit den beiden Buben eine Folge aus einer Serie wie „Cobra 11“ oder etwas Ähnliches. Freitag und samstags wurde neben den üblichen Serien- und Trickfilmzeiten mit den Kindern mindestens ein längerer TV-Film oder eine (oder gar mehrere) DVD angesehen. Natürlich nicht Tierfilme, sondern „James Bond“, „Spider-Man“ und andere Spielfilme. Anschliessend gab es immer ein riesengrosses Theater mit dem zu Bett gehen.

Ohne Spielkonsolen lief in der Familie Hoffmann gar nichts. Nur mit dem Nintendo-DS oder dem Game Boy waren die Buben ins Bett zu bekommen. Da die Mutter die Geräte irgendwann einziehen musste, gab es jeden Abend jeweils gegen 21:30 erneut Krach. Ruhe kehrte erst dann ein, wenn die Kinder vor lauter Streit erschöpft waren. Auch wochentags konnte es 23:00 Uhr werden, bis Nachtruhe herrschte.

ADHS-Diagnose bestätigt

Zwei Wochen nach dem Gespräch mit den Eltern untersuchte ich zuerst Jan, einen Monat später seinen Bruder Eric. Die Abklärung erfasste wie immer ein einstündiges Untersuchungsgespräch pro Kind sowie eine mehrstündige testpsychologische Untersuchung.

Über beide Knaben erhielt ich zwischenzeitlich die von mir einbestellten Berichte der Lehrpersonen. Deren Angaben bestätigten die Schilderung der Eltern. Beide Buben wurden als unkonzentriert, reizbar und ungeduldig beschrieben und bei beiden hiess es: „Könnte bessere Leistungen erbringen.“ Eric wurde zudem als aggressiv bezeichnet. Immer wieder komme es zu Handgreiflichkeiten mit Mitschülern.

Die von mir durchgeführte testpsychologische Abklärung, die Befragung der Lehrkräfte, die Auswertung der ADHS-Symptom-Checklisten, des Krankheitsverlaufs und der früheren Untersuchungen und Therapieberichte ergaben, dass ich bei beiden Buben die vom Kinderarzt gestellte ADHS-Diagnose bestätigen konnte.




Die Untersuchung ergab keine Hinweise darauf, dass noch nicht erfasste und unbehandelte Begleitprobleme wie Wahrnehmungs-, Gedächtnis- oder andere Teilleistungsstörungen vorlagen. Auch Mobbing, relevante Ehekonflikte oder andere klassische psychosoziale Belastungsfaktoren lagen nicht vor. Es blieb also vorerst unklar, wieso die beiden Buben nicht mehr Fortschritte in der Therapie machten.

Impulskontrolle

Dass Jan und Eric eine Störung der Impulskontrolle aufwiesen und auf die Therapie mit Stimulanzien nicht ausreichend ansprachen, zeigte sich nicht nur im Familien- und Schulalltag, sondern auch deutlich auf Testebene.

In einem der wichtigen Testverfahren wird geprüft, wie gut das Kind eine Reaktion auf einen unwichtigen Reiz hemmen kann, wie gut also die Impulskontrolle funktioniert. Die Patientinnen und Patienten sehen auf dem Monitor entweder ein „X“ oder ein „+“. Aufgabe des Kindes ist es, beim Erscheinen des „X“ so schnell wie möglich die Reaktionstaste zu drücken, beim Aufleuchten des Pluszeichens hingegen nichts zu machen.

 

Jan und Eric unterliefen viel zu viele falsch-positive Reaktionen: Ein erstes Pixelchen auf dem Monitor liess die Finger in einem so hohen Tempo auf die Reaktionstasten sausen, als gälte es, Rom zu erobern. Nicht einmal mit dem sonst so geliebten Computer war es den beiden Buben also möglich, sich altersentsprechend abzubremsen und eine Reaktion auf einen unwichtigen Reiz (also das „+“) hemmen zu können. Auch bei vielen anderen Tests war ein syndromtypisches Dreinschiessen zu beobachten.

Divergentes Denken

Die Abklärung ergab weiter, dass Eric und Jan bei Tests, welche das sogenannte divergente Denken prüfen, trotz guter Intelligenz schwache Leistungen erbrachten. Um zu erklären, was divergentes Denken heisst, muss ich dem Verständnis wegen zunächst einmal darlegen, was das Gegenteil, das konvergente Denken meint. Letzteres kommt immer dann zum Zug, wenn als Resultat einer Problemstellung nur eine einzige richtige Lösung infrage kommt. Dies ist beispielsweise bei Rechnungsaufgaben der Fall.

Demgegenüber liegt divergentes Denken immer dann vor, wenn jemand zu einer Problemstellung möglichst viele verschiedene Lösungen generieren muss. Ein klassisches Beispiel dafür ist ein Aufsatz, aber auch generell das Suchen nach verschiedenen Lösungswegen. Etwa bei Problemen, die sich beim Lernen, bei Prüfungen oder auch generell im Leben stellen können. Man kann dem divergenten Denken auch kreatives oder fantasievolles Denken sagen.

Intaktes divergentes, also kreatives und phantasievolles Denken ist eine zentrale Voraussetzung dafür, dass ein Mensch seine Intelligenz umsetzen kann.

Ich gebe Ihnen ein Beispiel für ein klassisches neuropsychologisches Testverfahren, welcher das divergente Denken prüft: Während zweier Minuten muss ein Kind möglichst viele Worte aufzählen, welche mit dem Buchstaben „S“ beginnen. Es muss also bereits vorliegendes Wissen „auf  Knopfdruck“ hin abrufen können. Die Aufgabe tönt einfach, ist aber schwieriger, als viele denken. Im Vergleich zu den Testresultaten von gesunden Kindern erweist sich bei fast allen ADHS-Betroffenen diese Fähigkeit, sich hinzugeben, in Ruhe nachzudenken und vorhandenes Wissen abzurufen und umzusetzen als deutlich reduziert. Im Alltag macht sich dies zum Beispiel beim Versuch, Gelerntes aus dem Langzeitgedächtnis abzurufen, störend bemerkbar.

 

Nicht besser fielen bei Jan und Eric die Resultate bei der Prüfung der Daueraufmerksamkeit aus: Beide Knaben, welche die Tests motiviert und in guter Stimmung durchführten, zeigten grösste Mühe in den langweiligen Konzentrationstests. Sie vermochten nicht am Ball zu bleiben, träumten regelrecht weg, stöhnten vor sich hin und fragten mich immer wieder, wie lange es noch dauere. Dabei verpassten sie viel zu viele Ereignisse, bei denen sie hätten mit Tastendruck reagieren sollen. Schwach im Vergleich zur guten Grundintelligenz fielen bei beiden Buben die Lese- und Rechtschreibkompetenzen aus.



Wie ich vorhin ausführte, stellte die Familie Hoffmann in meiner Arbeit an und für sich keinen Sonderfall dar. Was genau es war, was mich in Sachen Bildschirmmedienkonsum bei der Abklärung dieser beiden Buben hellhörig machte, weiss ich nicht mehr. Erinnern kann ich mich aber noch daran, dass ich bei der Äusserung der Mutter, „… all das Zeugs aus dem Fenster zu schmeissen“, spontan gedacht habe: „Ja, mach das doch einfach!“

Game Boy-Diät

Bei der Befundbesprechung mit den Eltern riet ich in einem ersten Schritt zu einer Reduktion des Fernsehkonsums und zu einer Nintendo- und Game Boy-Diät. Sollten die Probleme der Kinder nach einer Zeit von drei Monaten fortbestehen, wäre ich bereit, Behandlungsversuche mit anderen Medikamenten zu unterstützen und erneut eine Verhaltenstherapie einzuleiten. Innerlich war ich mir sicher wie sonst selten, mit meinem etwas ungewöhnlichen Rat den Nagel auf den Kopf zu treffen.

Natürlich haben die Eltern nicht schlecht gestaunt, von mir als ADHS-Experten so etwas zu hören. Ich merkte, wie der Vater langsam die Arme verschränkte und die Mutter unruhig mit den Händen zu nesteln begann. Beide schauten mich fragend an. Offenbar erwarteten sie von mir mehr, als nur diese banal klingende Empfehlung.

Es gelang mir dann aber doch, die Aufmerksamkeit der Eltern für diese Thematik zu gewinnen. In einem ersten Schritt besprach ich mit ihnen, was ihre Kinder beim Gamen und beim Fernsehen lernen, wieso dies ihnen so gefällt, wenn sie stundenlang mit dem Game Boy spielen und warum sie sich darauf so gut konzentrieren können.

Ich erklärte den Eltern von Eric und Jan als Erstes, dass das menschliche Gehirn nicht „nicht lernen“ kann. Man lernt immer genau das, was man gerade macht. Lernen heisst, dass im Gehirn automatisch neuronale Verknüpfungen und Spuren gebildet oder verstärkt werden, welche für das gerade Erlebte stehen. Dass die beiden Buben Eric und Jan beim Spielen mit dem Game Boy etwas lernen sollen, löste bei den Eltern zuerst ein skeptisches „Hä?“ aus. Immerhin wurden sie etwas neugierig, was es mir ermöglichte, fortzufahren.

Lernen für den Überlebenskampf im Dschungel?

Ich zeigte den Eltern auf, dass bei den meisten Konsolen- und Computer-Games das Kind dann Erfolg hat, Punkte gewinnt und ein höheres Level erreichen kann, wenn es möglichst schnell reagiert. Um das Tempo und um blitzschnelles Reagieren dreht sich bei diesen Spielen nämlich fast alles. Nur dafür wird es belohnt. Und zwar nicht nur bei Schiessspielen, sondern auch bei Autorennen und allen anderen Games, welche schnelles Reagieren erfordern, um im Spiel weiterzukommen.




Und genau das ist es, was diese Kinder beim Gamen lernen: Sie trainieren hauptsächlich reflexartiges und blitzschnelles Reagieren – und dies oft über Stunden hinweg. Sie erlernen das sogar sehr gut, weil sie viel Spass daran haben. Man weiss aus der Hirnforschung, aber auch aus Alltagerfahrungen, dass man immer dann, wenn man etwas mit Freude macht, es besonders gut lernt.

Ich habe die Eltern von Eric und Jan dann gefragt, was diese Fähigkeit, extrem schnell reagieren zu können, ihren Kindern nützen könnte? Stellen wir uns doch einmal vor, wir führten unsere Besprechung mitten im Dschungel durch. Wir befinden uns in einer Baumhütte, rund 20 Meter über dem Boden. Um uns herum hat es gefährliche und hungrige Tiere. Müssen wir zu allem noch davon ausgehen, dass von oben eine giftige Schlange auf unseren Besprechungstisch fallen könnte, wäre eine hohe Kompetenz in Sachen schnelles Reagieren und Davonschnellen für mich – und allenfalls auch für Sie als Eltern – wirklich überlebenswichtig. „Nun leben wir aber nicht im Dschungel, sondern in einer Gesellschaft, in welcher man dann vorankommt, wenn man zuerst denkt und dann handelt“, schloss ich. Die Eltern nickten zustimmend.

 

Man kann sagen, dass ADHS-Kinder bei schnellen Computerspielen eine Fähigkeit lernen und perfektionieren, die sie im Grunde eh schon viel zu gut können. Einen konkreten Nutzen im Alltag bringt dies ihnen nicht, im Gegenteil, es wirkt sich eher nachteilig aus. Zum Lernen braucht es viel Geduld. Man bekommt das Ergebnis nie sofort, wie im PC-Spiel. Nein, man muss es sich vielmehr erarbeiten. Und in Prüfungen erreicht bekanntlich nicht der Schüler eine gute Note, welche die Arbeit als Erster abgibt. Nein, es sind diejenigen, welche warten und sich die von ihnen bearbeiteten Aufgaben in Ruhe nochmals durchschauen können, dabei allfällige Fehler entdecken und bei noch ungelösten Aufgaben doch noch eine Lösung finden.

Abstoppen, in Ruhe nachdenken, sich eine Weile einer Sache hingeben, sich geduldig Lösungswege ausdenken, gegeneinander abwägen, entscheiden und dann zügig handeln – das ist es, was es heute gebraucht und erwartet wird. Beim Gamen lernen und trainieren die Kinder hingegen das absolute Gegenteil. Und weil es so viel Spass macht, brennt sich das immer schnellere Reagieren im Gehirn als automatisches Verhaltensmuster regelrecht ein.

Positive Wirkungen von Video-Games?

In vielen Video- und Online-Spielen wird durch die beruhigende Bezeichnung „Strategiespiel“ suggeriert, die Kinder würden im Spiel strategisches, planerisches und intelligentes Handeln trainieren. Das ist eine Irreführung, welche einzig und allein der Verkaufsförderung dient.




Alle mir bekannten „Strategiespiele“ sind nämlich recht simpel gestrickt. Die Spieler/-innen haben nie echte Wahlfreiheit: Die wenigen Entscheidungs- beziehungsweise Handlungsoptionen wurden allesamt von den Programmierern vorgespurt. Ausserdem sind zahlreiche sogenannte Strategiespiele in Tat und Wahrheit Kriegsspiele oder Games, in denen es lediglich darum geht, sich auf Kosten anderer zu bereichern.

Als Gegenbeispiel will ich das Schachspiel erwähnen, welches den Spieler/-innen unendlich viele Möglichkeiten eröffnet, strategisch denken, planen und handeln zu können. Und man lernt das Warten, das Abwägen –, ja, echtes strategisches Denken.

Herr Hoffmann wandte daraufhin ein, dass es im Alltag doch durchaus vorteilhaft sein könne, schnell reagieren zu können sowie gleichzeitig einen „Rundum-Überblick“ zu haben. Das könne beispielsweise helfen, Unfälle im Strassenverkehr zu vermeiden. Seine Schwiegermutter sei ihm heute noch dafür dankbar, dass er eine geerbte, offenbar wertvolle Vase, die ihr Eric im Spiel so nebenbei vom Tisch fegte, im Flug aufgefangen habe und sie unbeschadet in einer höheren, für seinen damals noch kleinen Sohnemann nicht erreichbaren Ebene versorgt habe.

Die Fähigkeit, schnell reagieren zu können, ist in der Tat überlebenswichtig und somit alles andere als nutzlos. Nur: Dies müssen Kinder nicht zusätzlich am PC üben. Die Fähigkeit, in der Not schnell reagieren zu können, ist nämlich angeboren. Auf dem Spielplatz, beim Basteln, im Sportunterricht und bei tausend anderen Gelegenheiten wird dieser angeborene Reflex weiter verfeinert. Ballspiele etwa, das Herumtollen mit dem Hund oder das Jonglieren trainieren ausserdem die Reaktionsschnelligkeit des ganzen Körpers (und nicht nur diejenige des rechten Zeigefingers).

Zum Thema Unfälle im Strassenverkehr noch Folgendes: Kinder mit einer ADHS haben nachweislich ein sehr viel höheres Risiko als gesunde Kinder, an Verkehrsunfällen beteiligt zu sein. Einer der Hauptgründe ist die ADHS-typische Impulsivität, also das zu schnelle Reagieren, das Dreinschiessen. Das kann im Strassenverkehr schlimme Folgen haben.

Beim Gamen lernen die Kinder, auf einen Reiz blitzschnell zu reagieren. Und dies, ohne dass sie in einem dreidimensionalen Raum – zum Beispiel beim Überqueren einer Strasse – verschiedene andere Reize miteinrechnen müssen. Einen „Rundum-Überblick“, von dem Herr Hoffmann sprach, lernt man nicht vor dem Monitor. Im Gegenteil: Kinder, welche viel gamen und fernsehen, trainieren das schnelle Reagieren unter Ausklammerung der räumlichen Dimension. Speziell im Strassenverkehr ist das äusserst gefährlich.



Baby-TV?

Je jünger die Kinder sind und je häufiger sie fernsehen, umso problematischer sind für sie die Lernerfahrungen, die sie mit und vor dem TV gewinnen. Die vom Bildschirm vermittelten Wahrnehmungserlebnisse unterscheiden sich auch in formaler Hinsicht ganz grundsätzlich von der normalen Wahrnehmung des Kleinkindes im Alltag: Am TV haben selbst grosse Steinbrocken kein Gewicht, Rauch riecht nicht, Pizzas schmecken nicht und anfassen lässt sich rein gar nichts. Das TV-Bild ist flach und der Inhalt, verglichen mit der Realität, verarmt.

Um das Problematische beim TV-Konsum für die Entwicklung einer gesunden Wahrnehmung von Kleinkindern verstehen können, ist Folgendes wichtig: Alle Bilder und Klänge entspringen dem gleichen Ort, nämlich dem Fernseher. Beispiel: Auf der linken Bildschirmseite betritt Anna durch eine Tür ein Wohnzimmer. Auf der rechten Seite des Fernsehbildes sieht das Kleinkind einen bellenden Hund. Für das Kind vor dem TV erklingt das Bellen aber nicht etwa aus der rechten Wohnzimmerseite, es entspringt vielmehr – gemeinsam mit den anderen Bildern und Klängen – der gleichen Quelle, nämlich dem TV. Ältere Kinder und wir Erwachsene wissen natürlich, dass es der Hund ist, der dort rechts bellt. Das Kleinkind weiss das aber noch nicht.

Anders im realen Leben: Auf einem Spaziergang kommt das Bellen eines Hundes, welchen das Kleinkind „dort rechts“ hinter einem Holzzaun wahrnimmt, tatsächlich von rechts. Das Kleinkind lernt im Alltag, visuelle, akustische und räumliche Aspekte der Wahrnehmung räumlich getrennt wahrzunehmen und sinnvoll zu koordinieren. Vor dem TV passiert genau das Gegenteil.

Und je mehr Kleinkinder fernsehen, umso weniger haben sie Gelegenheit, im Spiel mit anderen oder draussen stabile Wahrnehmungsmuster zu lernen. Diese bilden dann das Fundament für eine intakte Wahrnehmungsorganisation. Kohärente Wahrnehmungsmuster lernen Kleinkinder ausschliesslich durch Stimulation in der Realität, also wenn eine Zitrone sauer, ein kleiner Schnitt schmerzhaft und das Fahrrad der grossen Schwester verflixt schwer ist.



Mit anderen Worten: Wenn Kinder stundenlang am Tag vor dem TV eine eindimensionale Form der Wahrnehmung trainieren, kann dies (neben grundsätzlich fehlenden Handlungserfahrungen) zu einer Störung der Entwicklung der sogenannten multimodalen Wahrnehmung führen. Eine normale Integration und Koordination der verschiedenen Sinnesmodalitäten ist nur dann möglich, wenn das Kleinkind regelmässige und stabile Wahrnehmungsmuster trainiert (also dass der Hund bellt und nicht der Fernseher).

Lernt das Kind hingegen, dass mal der Fernseher und mal der Hund bellt, können sich im Gehirn des Kleinkindes keine auf sich wiederholenden Ursache-Wirkungserfahrungen beruhenden stabilen Wahrnehmungsmuster entwickeln. Folgen sind Entwicklungsstörungen der räumlichen Wahrnehmung und des „Rundum-Blickes“.

Digitale Ungeduld

Es ist eines der zentralen Merkmale der Neuen Medien, dass die Zeitgebundenheit aufgehoben ist. Was heisst das? Die Kinder haben beim Konsum von schnellen Bildschirmmedien einen rasanten Ablauf von Hier- und- Jetzt-Erlebnissen. Alles präsentiert sich ihnen zeitlich hoch komprimiert. In den Stunden des Medienkonsums – und das können bei meinen Patienten gerne einmal zwanzig Stunden pro Woche und mehr werden – entgeht dem Kind die Möglichkeit, reale Erfahrungen und ein Gefühl für echte zeitliche Abläufe zu entwickeln.

Gerade für Kinder mit einer ADHS, die sowieso häufig im Hier und Jetzt leben, bedeutet der intensive Konsum von schnell ablaufenden Computerspielen, dass sie die Relation von Zeit und Aufwand noch mehr aus den Augen verlieren. Ein Buch lesen, in eine Geschichte eintauchen und dabei ein gutes Gefühl entwickeln, dauert sehr viel länger als beim Gamen, wo man den Kick sofort kriegt.

Zwanzig Minuten Hausaufgaben erledigen dauert ihren Gefühlen nach dann eine Ewigkeit. Und ganz zu schweigen vom morgendlichen Ritual In-die-Schule-gehen. Sich etwas zusammenzubauen aus Holz oder aus Teilen eines alten Rasenmähers oder das Aufziehen einer Pflanze auf dem Balkon dauert seine Zeit. Und zwar in einem von der Natur vorgegebenen Zeitrahmen. Dafür aber haben im Zeitalter der „Sofortness“ viele der medienüberfluteten Kinder definitiv keine Geduld mehr (übrigens: Forscher zeigten auf, dass auch Fastfood das Zeitgefühl massiv beeinträchtigen kann).

 

Weil in den meisten Computerspielen und auch am TV sehr vieles extrem schnell abläuft, man im Nu riesige Distanzen überwindet, Karriere macht, sich mal eben Ruckzuck ein neues Leben kaufen kann, wenn man schon wieder erschossen oder von einem Monster gefressen wird, erscheint im realen Leben alles immer langweiliger. Diese Kinder erleben dann den realen Zeitablauf als unerträglich stark verzögert und öde. Im realen Leben daheim und in der Schule geht es nämlich definitiv langsamer und mühsamer zu und her, als in der virtuellen Welt. Lehrerinnen und Lehrer haben heute einen schweren Stand: Es ist für sie angesichts der überwältigenden Erlebnisse, welche die Kinder in der Medienwelt machen, immer schwieriger, den Unterricht so zu gestalten, dass die Kinder ihn interessant finden.

Zahlreichen Kindern mit einer ADHS bleibt ein ihrer Intelligenz und ihrer Motivation entsprechender Schulerfolg vorenthalten. Ihre Identitätsentwicklung ist elementar gefährdet, weil ein stimmiger Schulerfolg die wichtigste Seelennahrung für Kinder darstellt. Auch Jan sagte seinen Eltern gegenüber wiederholt, er sei einfach nur dumm. Bleibt diesen Kindern ein ihren Möglichkeiten angemessener Schulerfolg verwehrt, entsteht hinsichtlich Identitätsentwicklung ein Vakuum.




Nur zu leicht ist heute, sich im Schnellverfahren eine andere Identität zu verschaffen oder für eine gewisse Zeit in die beruhigende und oberflächlich sinnstiftende Medienwelt abzutauchen. In Online-Spielen kann man im Schnellverfahren Karriere machen: Man wird ein weltbekannter Fussballprofi (das ist kein Witz, weltbekannte Sportartikel-Konzerne bezahlen den guten virtuellen Spielern echte Sponsorenbeiträge) oder man wird ein berüchtigter Krieger.

Schnelle Computerspiele schaden

Schnelle Computerspiele schaden sicherlich vielen Kindern mit einer ADHS. Es ist nämlich so, dass diese Kinder bereits syndrombedingt zu schnell reagieren. Sie wissen es: Ein herabfallender Bleistift im Unterricht, dass Zirp-Geräusch beim Öffnen einer Taschentuchpackung eines Schülers auf einer hinteren Bank oder ein draussen vorbeifahrendes lautes Mofa führen meistens zu unmittelbaren Orientierungsreaktionen: Das Kind wendet sich sofort dem Reiz zu und lässt sich von diesem ablenken. Oder denken Sie an den vorhin erwähnten Test zur Prüfung der Impulskontrolle mit dem „X“ und dem „+“. ADHS-Kinder schiessen überall viel zu schnell drein.

Eine Störung der Impulskontrolle zählt zu den Leitsymptomen einer ADHS. Betroffene geraten in Konflikte mit dem Pultnachbarn oder vermasseln Schularbeiten, weil sie vor dem Warten nicht abstoppen und dadurch nicht lange genug warten, innehalten und bei der Sache verweilen können.

Schnelle Computerspiele führen damit nicht nur zu einer Verstärkung der Ungeduld, sondern zu einer weiteren Verschärfung der Schwäche von ADHS-Betroffenen, Impulse angemessen hemmen zu können. Zwischenzeitlich bin ich mir sicher, dass schnelle Computerspiele die Impulskontroll- und Aufmerksamkeitsstörungen von ADHS-Betroffenen nachhaltig verstärken.

Schwachpunkt Belohnungssystem

Ich kann mich natürlich nicht mehr an den genauen Ablauf des Gespräches mit den Eltern von Jan und Eric erinnern, habe ihnen aber im Verlauf auch etwas über das sogenannte Belohnungssystem berichtet. Gemeint ist damit ein neuronales Netzwerk im Gehirn des Menschen, welches unter anderem dafür sorgt, dass wir, wenn es sein muss, auch unangenehme Dinge erledigen können.

Beispiel: Bei intaktem Belohnungssystem können Kinder auch dann Hausaufgaben machen, wenn sie keine grosse Lust dazu haben. Die Aussicht auf das gute Gefühl, welches sich nach dem Erledigen der Hausaufgaben einstellen kann, etwa das Nach-draussen-gehen und Fussball spielen, reicht im Normalfall aus, dass Kinder auch bei mässiger Motivation etwas Ungeliebtes durchziehen können.

Aus der ADHS-Forschung weiss man, dass das Belohnungs- und Motivationssystem bei ADHS-Betroffenen nicht korrekt funktioniert. Auch Eltern können ein Lied darauf singen: Eine Aussicht auf eine zukünftige Belohnung hilft diesen Kindern in keiner Weise, an etwas subjektiv Unangenehmen länger dranzubleiben. Selbst die verlockendsten Versprechungen nützen nichts oder sind nur von minimaler Wirkungsdauer.

 

Die neuronalen Netzwerke, welche das Belohnungssystem, die Motivation und die Aufmerksamkeitsfunktionen aktivieren, sind bei ADHS-Betroffenen im Ruhemodus zu wenig aktiviert. Folge ist unter anderem, dass ihre Sortierstation „Wichtig-unwichtig“ nicht genügend mit neuronaler Energie versorgt wird, was darauf hinausläuft, dass die Kinder unwichtige Reize nicht ausblenden können und zu viel aufnehmen. Sie sind dann inneren und äusseren Eindrücken ausgeliefert und nicht in der Lage, Ablenkungen zu widerstehen.

Wer Kinder mit einer ADHS kennt, weiss bestens um all die negativen Folgen dieser syndromtypischen Reizfilterschwäche.

Man geht heute davon aus, dass diese Schwächen im Belohnungssystem unter anderem mit dem bei Kindern mit einer ADHS reduzierten Dopaminstoffwechsel in Zusammenhang stehen. Dies erklärt, warum bei Kindern mit einer ADHS Belohnungen immer nur sehr kurzfristig wirken und warum diese Kinder, wenn sie intensiv stimuliert sind, für eine kurze Zeit in ihrem Verhalten völlig normal erscheinen. Erst dann, wenn „etwas geht“, wenn es interessant und spannend wird, scheint es mit dem Dopamin-Stoffwechsel einigermassen zu stimmen: Dann sind diese Kinder bei der Sache und zeigen (leider nur befristet) Ausdauer.

„Das ist ja wie bei einer Sucht!“

Es fiel mir an diesem Punkt des Gesprächs nicht mehr schwer, den Eltern von Eric und Jan dazulegen, dass schnelle Computerspiele beziehungsweise die schnellen Feedbacks zu einer verstärkten Freisetzung von Dopamin führen. Dies ist der Grund, warum Kinder mit einer ADHS das so gern machen und warum sie sich beim Gamen so hervorragend gut zu konzentrieren vermögen.




Herr Hoffmann sagte daraufhin spontan: „Das ist ja wie bei einer Sucht!“ Es klingt vielleicht verrückt, aber so falsch ist das gar nicht. Das Ganze führt nämlich dazu, dass diese Kinder sich nur noch dann positiv spüren können, wenn sie in dieser hoch stimulierenden Welt des Computerspiels und des Fernsehers drin sind.

Je mehr sie lernen, sich nur noch dann wohlzufühlen, wenn schnell viele Reize verarbeitet werden müssen, umso langweiliger und entleerter wird der Alltag und umso schwerer fällt es ihnen, wie vorhin schon dargelegt, im realen Leben am Ball dranzubleiben. Übrigens: Eine Untersuchung mit computersüchtigen Patienten ergab, dass sie ähnliche Hirnaktivierungsmuster zeigten wie Kokainkonsumenten.

Das Gehirn, so führte ich eingangs auf, kann nicht „nicht lernen“. Es lernt beim Gamen sehr schnell, dass der Computer, Nintendo-DS oder das Handy das Einzige ist, was im Leben wirklich Spass macht. Schneller kommen Kinder heute nicht an den „Kick“. Dies alles führte bei Eric und Jan, aber auch bei sehr vielen meiner ADHS-Patienten, zu noch schwächeren Schulleistungen und damit zu Frustrationen, was den Hunger nach dem Gamen schliesslich noch mehr in die Höhe trieb. Irgendwo im Leben muss man ja Erfolg haben.

Ja, es war ein echter Teufelskreis, in welchen die beiden Buben und ihre Eltern hineingeraten sind. Dass der Konsum von Bildschirmmedien generell motivationsfördernd sein soll – dies wird gelegentlich postuliert – ist also definitiv nicht der Fall. Weder bei Eric und Jan noch bei allen anderen Kindern, die ich in meiner Arbeit kennengelernt habe.

Entzugssymptome

Frau Hoffmann fragte mich dann, wie es denn mit dem TV-Konsum ausschaue. Sie habe nämlich das Gefühl, dass auch da etwas nicht stimme. Müsse sie den Fernseher abstellen – und das passiere immer im Streit, weil die Kinder am liebsten gar nichts mehr anderes machen würden – reagieren Eric und Jan ganz ähnlich, wie in Situationen, in denen sie das Gamen unterbinden müsse. „Das sind wohl die Entzugssymptome!“, warf Herr Hoffmann ein.

Frau Hoffmann wirkte in diesem Gespräch sehr präsent. Über weite Strecken schaute sie mich mit offenem Mund an und nickte immer wieder. Fast so, als würde ich das sagen, was sie schon immer dachte. Ob ich also noch etwas zum Fernsehkonsum sagen könne, wollte sie von mir wissen.

Der gefrorene Blick

Wenn das Gehirn nicht „nicht lernen“ kann, was lernt es dann beim Schauen der TV-Serie „Cobra 11“, was bei „Sponge Bob Schwammkopf“ und was bei den „Simpsons‘?“, fragte ich die Eltern. „Nichts!“, sagte daraufhin Frau Hoffmann, sie habe ja immer schon gesagt, dass der Fernseher den Kindern nicht gut tue. Darauf ich dann wieder: „Doch, doch das Gehirn des Kindes lernt – und wie! Nicht vergessen: Man kann nicht ‚nicht lernen‘! Nur was lernt das Kind?“

Also: Es lernt beispielsweise, sich entspannt und sehr wohl zu fühlen, obwohl es nichts dafür tun muss. Während der TV- oder DVD-Zeit lebt das Kind in einer anderen Welt. Es identifiziert sich mit den Protagonisten, fiebert, freut sich und leidet mit und das alles, ohne dass es dafür auch nur einen einzigen Finger krümmen muss.

Das Kind liegt auf dem Sofa, knabbert Chips, bewegt sich kaum und muss sich nichts kreativ ausdenken. Alles wird fixfertig serviert. Selbst beim spannendsten Krimi ist alles vorprogrammiert. Und das selbst dann, wenn uns der Regisseur quasi „auf die falsche Fährte“ schickt und uns scheinbar etwas an Nachdenken abverlangt.

 

Dass Kinder und Erwachsene den Konsum von TV so entspannend und wohltuend erleben, liegt unter anderem daran, dass der passive TV-Konsum und unser starrer, „gefrorener“ Blick auf die Mattscheibe dazu führen, dass unser Gehirn viele langsame Alphawellen produziert. Man kann sagen, das kognitive und vegetative System wird etwas „heruntergefahren“. Dies erklärt auch, warum man beim Fernsehen weniger Kalorien verbrennt, als beim Nichtstun. Und es erklärt auch, warum die Aufnahme- und Lernfähigkeit vor dem TV deutlich reduziert ist. Ein gedämpftes Hirn kann Informationen nicht aktiv verarbeiten und auch nicht gut im Langzeitgedächtnis abspeichern. Oder wissen Sie noch, was gestern das Hauptthema in der Tagesschau war?

Während Herr Hoffmann meistens schweigend zuhörte, lieferte die Mutter viele Beispiele aus dem Familienalltag, welche das von mir Ausgeführte bestätigten. Unter anderem erwähnte sie, dass ihrer Meinung nach auch ihr Mann fernsehsüchtig sei. Eigentlich, so bemerkte sie, drehe sich in ihrer Familie alles nur noch um TV, PC- und Konsolenspiele.



Fernsehen vs. Lesen

Im weiteren Gesprächsverlauf kamen wir dann auf das Thema „Lesen“ zu reden. Eric und Jan lasen nie freiwillig. Ich zeigte den Eltern auf, dass viele Kinder, welche zu viel fernsehen, an mentaler Fantasiekraft verlieren (oder diese gar nicht aufbauen können, wenn der TV-Konsum schon in der Vorschulzeit die Hauptbeschäftigung der Kinder war).

Grund dafür ist, dass am TV alles fix und fertig präsentiert wird. Bild, Ton und eine meistens sehr simple Story werden in einem Guss serviert. Das Gehirn muss nicht aktiv werden. Es wird – wie man so schön sagt – angenehm berieselt oder eben „eingelullt“.

Beim Lesen ist es komplett anders: Der Sinn des Gelesenen erschliesst sich einem nur, wenn man sich das, was man gerade liest, auch innerlich vorstellt, wenn das Gehirn also aktiv ist und Bilder zum Gelesenen produziert und diese zu einem „inneren Film“ verknüpft. Für viele von Ihnen mag dies eine Selbstverständlichkeit sein. Für immer mehr Schülerinnen und Schüler ist es das leider nicht.




Viele Kinder „sehen“ einfach nichts, wenn sie versuchen, zu lesen. Sie haben es schlicht und einfach nicht ausreichend lernen können, sich selbst Sachen auszudenken und sich diese vor dem inneren Auge auszumalen. Dies unter anderem, weil ihnen der Zeitfresser TV die Möglichkeit raubte, reale Erfahrungen mit realen Dingen und Abläufen zu gewinnen.

Beim normalen Spielen mit dem Puppenhaus, mit Lego, mit Spielzeugautos und beim Basteln mit Holz, Karton oder anderen Materialien trainieren die Kinder automatisch ihre Fantasie, also etwas nach ihren Vorstellungen entstehen zu lassen. Dabei machen sie wichtige Lernerfahrungen. Zum Beispiel, dass es mühsam sein kann, es Geduld und manchmal mehrere Anläufe braucht, um eine Burg aus Karton sauber auszuschneiden und zusammenzukleben. Beim Fernsehen hingegen lernen sie genau das nicht. Und je mehr die Kinder Bildschirmmedien konsumieren, umso weniger Zeit bleibt ihnen für diese realen, wichtigen Lernerfahrungen.

Das 24h-Diagramm

Im weiteren Gesprächsverlauf habe ich mit Frau und Herrn Hoffmann auf einem Blatt Papier zusammengetragen, mit welchen Tätigkeiten die 24 Stunden eines Wochentags bei Eric und Jan belegt sind.

Auf den Schlaf entfielen zehn Stunden, die durchschnittliche Schulzeit inklusive eines etwas längeren Schulweges schätzten die Eltern auf acht Stunden. Essenszeiten: eine Stunde. Und für An- und Ausziehen plus Körperhygiene gaben die Eltern eine halbe Stunde an. Weil beide Buben sowohl Nachhilfeunterricht als auch eine Ergotherapie besuchten, Eric zudem im Fussball-Club war und Jan zweimal pro Woche ins Judo ging, haben die Eltern diese Aktivitäten (ebenfalls inklusive Fahrzeiten) mit pauschal zwei Stunden pro Tag berechnet.

Dann wurden sorgfältig die Zeiten für den Bildschirmmedienkonsum zusammengetragen. Resultat: Eric und Jan – so die Angaben der Eltern – verbrachten rund zwei Stunden pro Tag vor dem TV, ungefähr eine Stunde mit Konsolen-Spielen sowie eine undefinierbare Zeit im Internet. Die Eltern schätzen, dass dafür noch einmal eine dreiviertel Stunde einkalkuliert werden müsse.



Ich registrierte, wie Herr Hoffmann begann, mit den Fingern die Stundenzahlen zu addieren. Prompt vermeldete er, dass da etwas nicht stimmen könne: Der Tag habe auch im Kanton Thurgau nur 24 Stunden. Daraufhin Frau Hoffmann: „Da fehlen ja noch die Zeiten für die Hausaufgaben!“ Den Eltern von Eric und Jan wurde schnell klar, dass die Bildschirmmedienzeit bei Jan und Eric einen gewaltig grossen Zeitraum beanspruchte. „Kein Wunder“, murmelte Herr Hoffmann, „dass es in der Schule nicht vorwärtsgeht. Wann sollen die Kinder da noch Hausaufgaben machen und sich auf Prüfungen vorbereiten?“

Was tun?

Bei der Besprechung der Untersuchungsbefunde geht es ja in allererster Linie darum, den Eltern konkrete Vorschläge zu unterbreiten, ihnen also mitzuteilen, was konkret sie tun können, um den Problemen der Kinder zu begegnen.

Wie vorhin gesagt, riet ich zu einer Reduktion des Fernsehkonsums und zu einer „Game Boy Diät“. Meine Ratschläge: Dreissig Minuten pro Tag TV, keine „Action“, keine „schnellen Inhalte“. Als positives Beispiel erwähnte ich die Wissenssendung „Nano“ auf dem Sender 3Sat. Und wie schon gesagt kein Game Boy und keine anderen Computer- oder Konsolenspiele. 

Ich habe den Eltern zudem geraten, sich grundsätzlich mit dem Thema Bildschirmmedienkonsum zu befassen und habe ihnen das Ratgeberbuch „Vorsicht Bildschirm“ des Arztes und Psychiaters Manfred Spitzer, seines Zeichens Direktor der Psychiatrischen Universitätsklinik in Ulm, empfohlen. Vereinbart wurde, dass ich Jan und Eric zwecks Verlaufskontrolle in drei Monaten wieder in der Sprechstunde sehe und dabei unter anderem auch eine kurze testpsychologische Nachkontrolle durchführe.

Der Schock

Was dann passierte, hat meine Arbeit mit ADHS-Betroffenen nachhaltig verändert. Es war ein kleiner Schock, wie ich ihn schon einmal vor 15 Jahren erlebte. Damals realisierte ich bei einer erwachsenen Patientin zum ersten Mal, dass sich eine ADHS mit der Pubertät nicht immer auswächst und dass auch Erwachsene von der medikamentösen Therapie mit Stimulanzien profitieren können. Was ist passiert?

Wie vorgesehen habe ich nach rund drei Monaten Frau und Herrn Hoffmann wieder in der Sprechstunde gesehen. Sie schienen wie verwandelt, strahlten beide wie Maikäfer und vermochten fast nicht zu erwarten, mir erzählen zu dürfen, was zwischenzeitlich alles lief. Folgendes ist geschehen:

Frau Hoffmann hat sich über das Thema Bildschirmmedienkonsum bei Kindern sachkundig gemacht. Ihre Freundin, eine Bibliothekarin, war ihr behilflich, an die entsprechenden Bücher und Informationen heranzukommen. Das Gespräch bei mir hätte ihr so viel Kraft gegeben, ihren Mann so lange zu bearbeiten, bis er in eine hundertprozentige TV-Diät eingewilligt habe. Fernseher und die Spielkonsolen seien an einem Freitagabend auf dem Dachboden versorgt worden. Eric und Jan seien dermassen überrascht und perplex gewesen und es sei alles so fix gegangen, dass es gar nicht zu Streit gekommen sei. Eric hätte sogar mitgeholfen und noch die Kabel des Fernsehapparates auf den Dachboden gebracht.

Am darauf folgenden Samstagnachmittag hätten der Vater und die beiden Buben zwei alte Gartenstühle und einen alten Rasenmäher in die Entsorgungsstelle der Gemeinde gebracht und dabei im Alteisencontainer ein noch gut aussehendes Fahrrad entdeckt. Man habe dies herausgefischt und nach Hause transportiert. Herr Hoffmann und seine Buben hätten dann angefangen, das alte Velo instand zu setzen. Da doch mehr zu tun war, als anfänglich gedacht, zogen sich die Arbeiten bis Donnerstag der kommenden Woche hin. Es waren aber nicht etwa Ferien, sodass die Reparatur-, Einstell- und Reinigungsarbeiten an diesem Fahrrad abends, nach dem gemeinsamen Essen, gemacht wurden.




Beide Buben arbeiteten voller Elan mit, berichteten mir die Eltern. „Keine Lust haben“ war irgendwie gar kein Thema. Es schien, als würde die frei werdende Zeit automatisch gefüllt durch das Interesse an diesem Velo und die Freude an der Zusammenarbeit mit dem Vater, berichtete Frau Hoffmann.

Die Fahrrad-Story

Weil alle Familienmitglieder bereits Fahrräder besassen, stellte sich dann bald die Frage, was mit dem reparierten Velo geschehen soll. Einer der Buben kam auf die Idee, dass es verkauft werden könnte, erzählte Herr Hoffmann.

Schliesslich entschieden Vater und die beiden Buben, das Fahrrad am Samstag bei „Ricardo“ zu versteigern, was sie dann auch gemeinsam taten. Das erforderte eine gewisse Vorbereitung, da die Familie mit Versteigerungen bei „Ricardo“ noch keine Erfahrungen hatte. Gemeinsam wurden die Bedienungsanleitung und die AGB ausgedruckt und studiert. Am darauf folgenden Samstagvormittag wurde das reparierte und herausgeputzte Fahrrad von Eric fotografiert.

Jan und sein Vater haben die Aufnahmen dann mit einem Fotobearbeitungsprogramm nachbearbeitet. Jan habe das zum ersten Mal gemacht und sei sehr begeistert gewesen. Eric habe schliesslich einen Textentwurf geschrieben, welcher dann im Team, wie Herr Hoffmann hervorhob, ergänzt und überarbeitet wurde.

Schliesslich wurde das Inserat in „Ricardo“ erfasst und die Fotos auf den Server hochgeladen. Startpreis war ein Franken. Durch diesen niedrigen Startpreis sollten möglichst viele Interessenten angelockt werden, habe Eric argumentiert.

Am gleichen Samstagnachmittag suchten Herr Hoffmann und seine beiden Buben erneut den Werkhof auf und sind im Alteisencontainer – wie erhofft – aufs Neue fündig geworden.

 

Eine Woche später war die erste Versteigerung beendet, die zweite wurde gestartet. Am Sonntag holte der Käufer sein Fahrrad ab und der Vater und seine beiden Buben haben besprochen, was mit dem Erlös – es waren 46 Franken – passieren soll. Es wurde entschieden, für einen Fahrradmontageständer zu sparen.

Wie es weiter lief, können Sie sich vorstellen. Jeden Abend wurde im Internet bei „Ricardo“ nachgesehen, wie der Stand der Dinge ist. Gemeinsam mit dem Vater wurden allfällige Fragen von Interessenten zuerst besprochen und dann per Internet beantwortet. Zwischenzeitlich seien sie schon recht gut ausgerüstet und mit dem Verkaufserlös würde das Taschengeld der Kinder mitfinanziert. Auch habe man mit dem Erlös neue Werkzeuge kaufen können.

Jan sei ein richtiger Profi in Sachen Bildbearbeitung geworden. Er bediene zwischenzeitlich das Programm „Photoshop Elements“, als hätte er nie etwas anderes gemacht. Und Eric habe vor – auch wenn er noch nicht vierzehn Jahre alt sei – in den nächsten Ferien eine Schnupperlehre als Zweiradmechaniker zu absolvieren. Er möchte zwar diesen Beruf nicht erlernen, erhoffe sich aber, Knowhow zu gewinnen, um die Fahrräder noch besser reparieren zu können.

Auch wenn die beiden Buben nach wie vor Mühe beim Erledigen der Hausaufgaben bekundeten, schien sich die gesamte ADHS-Problematik doch ganz erheblich entschärft zu haben. Frau Hoffmann erzählte, dass Jan von sich aus begonnen habe, Bücher zu lesen. Es sei gar kein Thema gewesen, der Knabe habe einfach so damit begonnen.

Die Stimmung in der Familie sei entspannter und von den Lehrpersonen beider Buben sind positive Rückmeldung gekommen. Herr Hoffmann berichtete stolz, wie schnell Eric begriffen habe, einen Lenkervorbau anzupassen und wie gut Jan schon den Gangwechsel bei einem Fahrrad mit Kettenschaltung einstellen könne. Schliesslich sagte Frau Hoffmann, dass auch das Eheleben eine erfreuliche Wendung zum Guten genommen habe.

Aufgrund der sehr positiven Entwicklung wurde auf eine Verlaufskontrolle mit den Buben verzichtet. Wir sind so verblieben, dass sich Herr und Frau Hoffmann wieder bei mir melden, falls erneut Probleme auftauchen. Ich hörte nichts mehr. Einen Monat später erhielt ich noch eine E-Mail der Arbeitskollegin der Mutter, deren Tochter ebenfalls an einer ADHS litt. Beeindruckt durch die positive Veränderung habe auch sie in ihrer Familie einschneidende Umstellungen in Sachen TV und Computer vorgenommen, was sich extrem positiv ausgewirkt habe.




TV weg – Veloprojekt her – ADHS weg?

So erfreulich der Verlauf für diese Familie war, mir hat die ganze Geschichte sehr viel zu denken gegeben. Immerhin war ich mir ja sicher, dass eine ADHS vorliegt. Ich wäre auch bereit gewesen, einen Behandlungsversuch mit einem anderen Medikament zu unterstützen. Und nun? „TV weg – Veloprojekt her – ADHS weg?“, fragte ich mich. Kann das überhaupt sein? Ich musste mich regelrecht kneifen, um meine Gedanken einigermassen vernünftig sortieren zu können.

Den Eltern und vor allem den Vätern empfehle ich ja seit jeher (und leider vielfach relativ erfolglos), mehr Zeit mit ihren Kindern für aktive Freizeitaktivitäten aufzuwenden. Die neue Qualität bestand darin, einen noch bewussteren Umgang mit den Bildschirmmedien anzustreben, was bei Patientinnen und Patienten aus meiner Praxis bisher immer darauf hinauslief, diesen radikal zu reduzieren.

An einem gab es nichts zu rütteln: In der Familie Hoffmann führte diese Veränderung im Konsumverhalten von Bildschirmmedien zu einer massgeblichen Reduktion der ADHS-Problematik. Und dies in einem Ausmass, von dem ich als Psychotherapeut normalerweise nur träumen kann.

Genauer hinsehen

Nach der Erfahrung mit der Familie Hoffmann habe ich begonnen, mich intensiver auch theoretisch mit diesem Thema zu befassen und bei allen künftigen Abklärungen eingehend auch das Bildschirmmedienkonsumverhalten und deren Folgen zu erfassen. Ich war erstaunt, dass schon dermassen viele empirische Untersuchungen zu diesem Thema vorlagen.

Ich habe einen Fragebogen verfasst, welchen die Eltern bei Abklärungen ihrer Kinder ausfüllen. Erfragt wird unter anderem, was genau und von wann bis wann das Kind in den letzten Tagen ferngesehen hat. Weitere Fragen betreffen Computer- und Konsolenspiele (also was und wie viel), den Internetkonsum, ob die Kinder Fernsehen oder Computer im Zimmer haben, seit wann sie ein Handy besitzen und andere relevante Fragen. Die Eltern haben zudem die Gelegenheit, anzugeben, zu welchen positiven und welchen negativen Auswirkungen der Bildschirmmedienkonsum bei ihrem Kind führt.

Zwischenzeitlich habe ich mehrere Hundert dieser Fragebögen gesichtet. Leider fehlt mir die Zeit, diese Angaben zum Medienkonsumverhalten und der mögliche Zusammenhang mit der Art und dem Verlauf der Probleme des Kindes statistisch auszuwerten.

Zusammenfassend kann ich aber Folgendes festhalten:

Die TV- und DVD-Zeiten meiner jungen Patientinnen und Patienten sind fast ausnahmslos hoch. Es gibt natürlich grosse Schwankungen nach oben und nach unten, aber die überwiegende Zahl der Kinder in meiner Praxis sieht rund zwei Stunden pro Tag fern. Bei Kindern aus meiner Praxis, welche älter als 13 Jahre alt sind, kommt es nicht selten vor, dass drei und mehr Stunden pro Tag ferngesehen wird. An Wochenenden heisst im Fragebogen häufig: vier oder fünf Stunden. Und immer wieder einmal steht einfach nur „ganzer Tag“ geschrieben.

Nun könnte man dem entgegenhalten, dies sei heute normal und alles andere als übertrieben. Und tatsächlich: Aktuelle Studien aus Deutschland ermittelten bei Jugendlichen eine durchschnittliche TV-Zeit von 110 Minuten pro Tag und ein Internet-Tageskonsum von durchschnittlich 135 Minuten aus. Durchschnittswerte hin oder her: Zwei, drei oder mehr Stunden Bildschirmmedienkonsum pro Tag sind definitiv zu viel. Das sagt alleine schon der gesunde Menschenverstand.

Bei der Frage nach den Sendungen, die die Kinder ansehen, erwähnen die Eltern oft Filme, welche nach 20:00 Uhr gezeigt werden. Dazu gehören auch die Standardkrimis. Diese werden oft schon von Neunjährigen gesehen. Immer wieder lese ich in diesen Fragebögen, dass die Kinder auch morgens vor der Schule und über Mittag fernsehen. Erstaunlich ist der doch sehr hohe Konsum von Bildschirmmedien und die folgenlose Risikoeinschätzung insofern, da wir in unserer Praxis mehrheitlich Familien betreuen, welche aus der Mittelschicht kommen.

„… macht aggressiv!“

Bei der Aufzählung der Konsole- und Online-Games erschrecke ich immer wieder, was den Kindern alles erlaubt wird. Bezüglich dem DVD- und Spielkonsum von Jugendlichen stelle ich immer wieder fest, dass die Eltern zwar ungefähr benennen können, womit die Kinder gamen, inhaltlich aber gar keine Ahnung haben, was sich an Brutalität in vielen dieser Spiele und Filme abspielt.

Bei der Frage nach den positiven und negativen Auswirkungen schildern mir die Eltern im Fragebogen kaum positive, aber umso häufiger negative Auswirkungen. Am meisten lese ich: „Macht aggressiv!“ Oder: „Kann sich nachher nicht konzentrieren“. Das ist schon sehr erstaunlich, da diese Feststellungen ja eigentlich dazu führen müssten, dass Eltern den Konsum von Bildschirmmedien ihrer Kinder ändern. Dies ist aber nicht der Fall.

Diese Feststellung mache nicht nur ich in meiner Praxis, sie wurden auch in Untersuchungen bestätigt. So fanden im Jahr 2010 in einer repräsentativen Studie zum Bildschirmmedienkonsumverhalten in Deutschland 80 % der Eltern, dass der Internetkonsum gefährlich ist. Nur ein Bruchteil aber verwendet Schutzfiltersoftware, welche ungeeignete Inhalte automatisch ausfiltern.



Man liest und hört ja immer wieder, dass den Kindern ermöglicht werden soll, sogenannte Bildschirmmedien-Kompetenzen zu erwerben. Ich bin davon abgekommen. Wer Bildschirmmedien-Kompetenzen benötigt, sind die Eltern.

Zuerst Bildschirmmedien-Entzug, dann Ritalin

Ich erwähnte vorhin, dass mich die Erfahrungen mit der Familie Hoffmann sehr verunsichert haben. Seit dieser Zeit rate ich in all jenen Fällen, in welcher ein hoher Bildschirmmedienkonsum evident ist, vor einem definitiven Entscheid für einen medikamentösen Behandlungsversuch zu einem vorgängigen dreimonatigen Absetzen von TV und schnellen Computerspielen.

Von vielen dieser Familien habe ich gar nichts mehr gehört, was natürlich nicht zwingend bedeutet, dass mit der Veränderung des Konsums von Bildschirmmedien tatsächlich die Probleme reduziert werden konnten. Ich habe allerdings auch keinen Anlass, das Gegenteil anzunehmen. Und immerhin kommt es doch immer einmal wieder vor, dass ich von den Familien oder den zuweisenden Ärzten positive Rückmeldungen erhalte.

Verursacht Bildschirmmedienkonsum ADHS?

Heisst das alles nun eigentlich, dass ADHS in der Folge eines überhöhten Bildschirmmedienkonsums entsteht? Einiges deutet tatsächlich darauf hin. Auch wissenschaftliche Studien weisen in diese Richtung. Trotzdem: Ich habe in meiner Arbeit bisher keine Beobachtungen machen können, welche auf einen zwingenden Kausalzusammenhang zwischen ADHS und Bildschirmmedienkonsum hinweisen könnten.

So behandelte ich beispielsweise eine ganze Reihe von Kindern mit einer ADHS, deren Eltern eine Landwirtschaft betreiben. Diese Kinder sind oft draussen, haben vielen Kontakt mit der Natur, schauen kaum fern – und leiden trotzdem an einer ADHS. Ausserdem stelle ich immer wieder fest, dass sich bei meinen jungen Patientinnen und Patienten relevante ADHS-Symptome schon sehr früh in der Kindheit manifestierten, zu einem Zeitpunkt also, an welchem Bildschirmmedien noch gar keine Wirkung entfalten konnten.

 

Ich weiss aber zwischenzeitlich aus meinen Erfahrungen in der psychotherapeutischen Arbeit mit ADHS-Betroffenen, dass ein problematischer Konsum von Bildschirmmedien die ADHS-Problematik eines Kindes massgeblich verschärfen kann. Und ich bin mir heute sicher, dass positive Veränderungen im Bildschirmmedienkonsumverhalten bei sehr vielen Kindern den Therapieverlauf positiv beeinflussen können.

Dabei geht es nicht um ein Entweder-Oder (also „Velo-Projekt“ statt Ritalin), sondern darum, dass eine Behandlung von Kindern mit einer ADHS massgeblich optimiert werden kann, wenn die leider häufig vorliegende Medienkonsum-Problematik mit reflektiert und modifiziert wird.

Neue Herausforderungen

Seit 2007 und den Erfahrungen mit der Familie Hoffmann ist in Sachen Bildschirmmedienkonsum in meiner Praxis einiges gelaufen. Meinen jungen Patientinnen und Patienten, deren Eltern, und auch mir stellen sich komplett neue Probleme. Zwei von unzähligen Beispielen:

Cyber-Mobbing

Anlässlich eines therapeutischen Elterngespräches legte mir der Vater von Vanessa, einer 13-jährigen ADHS-Patientin, einen Brief eines Rechtsanwaltes vor. Es ging um sogenanntes Cyber-Mobbing. Der Brief enthielt einen mehrseitigen Ausdruck mehrerer nächtlicher MSN-Chat-Dialoge, in welchem Vanessa auf primitivste Art und Weise und gemeinsam mit anderen ein Mädchen aus der Klasse fertig machte. Sie verwendete dabei einen „Jugo-Slang“ und sparte auch nicht mit üblen sexistischen Erniedrigungen.




Speziell an der Angelegenheit war, dass Vanessa von der Psychotherapie und der Therapie mit Medikamenten gut zu profitieren vermochte. Sie wurde zwischenzeitlich auch eine gute Schülerin. Das Mädchen stammt aus gutem Hause, die therapeutische Zusammenarbeit klappte auch mit den Eltern gut. Konflikte gab es eigentlich nur noch zu Hause und wenn, dann im Zusammenhang mit dem iPhone oder dem Internet-Konsum.

Die Eltern fanden unter anderem heraus, dass sich Vanessa bei Freundinnen einen neuen Facebook-Account eröffnete (dies war ihr zu Hause wegen früherer Vorfälle verboten worden) und sich von da aus mit wildfremden Leuten auch über Sex unterhielt, wobei es mehr um eine gegenseitige primitive sexuelle Anmache ging.

Die Eltern, und ehrlich gesagt auch ich, waren schockiert. Dass das Mädchen nachts das iPhone der Mutter klaute, konnte ich mir schon irgendwie noch vorstellen. Dass dieses intelligente und freundliche Mädchen aber dermassen unter der Gürtellinie auf andere losging und sich dabei einer derart primitiven Sprache bediente, hätte ich mir nie und nimmer gedacht. Der Konsum dieser Medien scheint die Menschen zu verändern und sie zu Verhaltensweisen zu animieren, welche in keiner Weise ihrem Charakter entsprechen.

Cyber-Trauerarbeit

Vorfälle dieser Art begegneten mir in den letzten Jahren immer wieder. Ich könnte Ihnen jetzt Dutzende von Beispielen aufzählen. Ich beschränke mich auf ein Erlebnis mit der damals 16-jährigen Anja, welche zu diesem Zeitpunkt schon seit drei Jahren von mir behandelt wurde.



Anja war schwer hyperaktiv. Trotz medikamentöser Behandlung und anderen therapeutischen Massnahmen waren ihre Fingernägel immer extrem weit abgekaut und sicherlich ein Finger blutete jedes Mal, wenn ich das Mädchen in der Sprechstunde sah. Anja war zudem hochbegabt, was dazu führte, dass sie von Schulbeginn an und zusätzlich zu der ADHS eine Sonderrolle einnahm. Sie zeigt auch gewisse autistische Züge. Schulisch ging es Anja zwischenzeitlich ordentlich gut. Sie besucht mit ordentlich guten schulischen Erfolgen ein privates Gymnasium. Ich sah sie nur noch sporadisch zur Kontrolle in der Sprechstunde.

Die Mutter von Anja rief mich also an und teilte mit, dass es ihrer Tochter psychisch sehr schlecht gehe. Es könnte sich um eine Depression handeln. Sie spreche davon, nicht mehr leben zu wollen.

Anja berichtete mir dann in der Sprechstunde weinend, dass ihr Freund gestorben sei. Es habe einen Fahrradunfall gegeben. Da mir neu war, dass Anja einen Freund hatte, fragte ich nach. Sie erzählte mir ausführlich von dem Jungen, mit welchem sie seit einem dreiviertel Jahr zusammen sei, und zeigte mir auf einem USB-Stick auch ein Foto von Loris.

 

Ob die Möglichkeit bestehe, dass sie zur Beerdigung gehe, fragte ich Anja. Sie schüttelte den Kopf. Loris sei aus Deutschland. „Und?“, fragte ich. „Deine Eltern fahren dich sicher zur Beerdigung.“ Sie wisse nicht, wo Loris wohne, sagte Anja. Ich stutzte. Schliesslich kam heraus, dass es sich um eine virtuelle Freundschaft handelte. Anja hatte diesen Jungen nie persönlich getroffen und nie mit ihm gesprochen. Sie hatten nur via MSN und später via Facebook Kontakt miteinander. Vom Tod von Loris erfuhr Anja durch einen seiner (möglicherweise ebenfalls virtuellen) Kollegen, welche in Anjas MSN-Kontaktliste aufgeführt waren.

Anja ging es psychisch wirklich schlecht. Sie machte sich Vorwürfe, am Tod des Jungen mitschuldig zu sein. Sie habe ihm kurz vor seinem Tod von ihren Problemen erzählt. Er sei der einzige Mensch gewesen, welcher ihr Vertrauen gehabt habe. Loris habe sich immer viel Sorgen um sie gemacht und habe wahrscheinlich deswegen beim Velo fahren nicht richtig aufgepasst.

Anjas Fantasien schossen ins Unermessliche. Sie hatte im virtuellen Raum keine Chancen, ihre Vorstellungen zu überprüfen und damit zu korrigieren. Sie konnte auch nicht die Mutter des Jungen anrufen und fragen, was wirklich los war. Der Kollege, welche Anja den Tod von Loris meldete, war nicht mehr auffindbar.

Mit so einer Situation war ich in meiner Praxis noch nie konfrontiert. Die Grenzen des Virtuellen zum Realen schienen zu verschwimmen. Mein Gehirn arbeitete auf Hochtouren. Aufgrund der doch sehr konkreten Suizidgedanken stand ich kurz davor, das Mädchen in die stationäre Kinderpsychiatrie einzuweisen. Aufgrund des doch guten therapeutischen Kontaktes und einem spontanen Einfall gelang es mir aber doch, Anja psychisch aufzufangen.

Wir sassen am nächsten Tag zusammen vor dem PC und googelten nach einem Online-Friedhof, um Loris virtuell beerdigen zu können. Zum Glück las ich vor einer Weile, dass es so etwas gibt. Wir vereinbarten für den Folgetag einen weiteren Sprechstundentermin, an welchem auch ihre Mutter anwesend war.

Anja hatte zwischenzeitlich auf dem Online-Friedhof ein virtuelles Grab vorbereitet. Es handelte sich quasi um eine erweiterte und multimediale Online-Todesanzeige. Anja suchte sich die passende Musik aus und wählte diejenigen grafischen Gestaltungselemente, welche ihrer Meinung nach zu Loris passten. Sie schrieb auch einen Abschiedstext.

Zusammen mit der Mutter, welche den Ernst der Lage glücklicherweise sofort begriff, hat Anja dann das virtuelle Grab per Mausklick aktiviert, so dass es im Internet für alle sichtbar wurde. Zum Glück gelang es mir, Anja davon abzubringen, ein Foto von Loris zu veröffentlichen. Immerhin wussten wir ja weder, ob Loris tatsächlich Loris war, noch ob er lebte oder wirklich tot war.

Anja hat sich dann aufgefangen. Falls Berufskolleginnen oder -kollegen unter Ihnen sind, welche jetzt den Kopf schütteln, will ich noch erwähnen, dass Remo keine Anzeichen einer Psychose zeigte. Es handelte sich tatsächlich um eine intensive Trauerreaktion.




Völlig neue Herausforderungen

Vielleicht fragen Sie sich, warum ich Ihnen nach der Geschichte der Familie Hoffmann noch von Vanessa und Anja berichte. Ich will Ihnen damit verdeutlichen, dass nicht nur Sie als Eltern, sondern dass auch wir Psychotherapeuten, Lehrkräfte und andere durch die medialen Umwälzungen vor völlig neue Herausforderungen gestellt werden. Die Entwicklung der Neuen Medien geht dermassen schnell vor sich, dass wir Erwachsenen gar nicht wirklich mithalten können. Was bleibt ist, dass Sie als Eltern und wir uns als Fachpersonen auf den Weg machen müssen, um zu begreifen, was da so schnell passiert.

Fundamentalismus?

Vielleicht mag der oder die Eine oder Andere unter Ihnen denken, ich gehöre zu einer Sekte oder zu einer Gruppierung fundamentalistischer und medienkonservativer Fachleute, welche die Neuen Medien pauschal verteufelt und darin nur alles Negative sieht.

Ich kann Sie beruhigen. Den Neuen Medien stehe ich prinzipiell positiv gegenüber. Denken wir beispielsweise an all das Wissen, welches durch das Internet für jeden zugänglich wurde. Früher musste man privilegierten Schichten angehören, um Zugang zu Wissen zu erhalten. Ganz anders heute. So habe ich auf meinen Reisen in die Sahara Nomadenschulen kennengelernt, in welchen das Internet vor allem für Mädchen der Schlüssel zur Welt darstellt.

 

Und Sie wissen es bestens: Mit einem Gewehr kann man jagen und jemanden erschiessen. Und mit einem Computer kann man Langstreckenraketen steuern und robotergestützte chirurgische Eingriffe durchführen. Es ist also nie eine fundamentalistische Frage, die auf radikales „Richtig / Falsch“  oder „Gut / Böse“ hinausläuft. Es ist immer die Frage, wie und wofür etwas gut oder schlecht sein soll.

Die wichtigsten Forschungsresultate

Bevor ich zum Abschluss und einer Zusammenstellung mit konkreten Tipps komme, möchte ich Ihnen einige Schlussfolgerungen aus der empirischen Forschung über den Zusammenhang von ADHS und Bildschirmmedienkonsum vorstellen.

Festhalten kann ich, dass unter Fachleuten unterschiedliche Positionen vertreten werden. Es ist wie beim Thema ADHS oder beim Klima, wo sich bis heute immer wieder Experten finden lassen, welche den vom Menschen erzeugten Klimawandel oder die Existenz der ADHS bezweifeln oder gar explizit verneinen. Ihnen als Eltern kann ich empfehlen, sich vor allem an den gesunden Menschenverstand zu halten und Ihren eigenen Wahrnehmungen zu trauen.

Soweit ich es bis jetzt beurteilen kann, gelten folgende Feststellungen als gesichert – und zwar gesichert in dem Sinne, dass es sich nicht einfach um persönliche Meinungen handelt, sondern um Resultate von empirischen und teils über viele Jahre fortlaufenden wissenschaftliche Untersuchungen.

Erwähnen möchte ich an dieser Stelle, dass in wissenschaftlichen Untersuchungen statistische Zusammenhänge aufgezeigt werden. Ein signifikanter Zusammenhang zwischen zwei Ereignissen bedeutet dabei nicht, dass die Ursache X bei der Person Y zwingend zu diesem oder jenem Verhalten führt.

Beispiel: Etwa 9000 Personen sterben in der Schweiz jedes Jahr an den Folgen des Tabakkonsums. Das sind fast 20-mal mehr als bei Verkehrsunfällen. Rauchen ist also nachweislich sehr, sehr gefährlich. Und trotzdem werden einige wenige Raucher 90, 95 Jahre alt (oder noch älter). Also für den Einzelfall sagen Statistiken nichts aus.

Zu den Resultaten:

  • In Studien mit Tausenden von Kindern wurde nachgewiesen, dass ein TV-Konsum die kognitive Entwicklung sowie die Gesundheit von Kindern nachhaltig beeinträchtigen kann.
  • Je früher Kinder fernsehen und je länger sie dies tun, umso ausgeprägter können Störungen verschiedener Wahrnehmungs- und Aufmerksamkeitsfunktionen ausfallen.
  • Tägliche Fernsehnutzung geht statistisch einher mit Störungen im Schriftspracherwerb, mit Schlafproblemen und aggressivem Verhalten.
  • Je mehr Zeit Schülerinnen und Schüler mit Medienkonsum verbringen und je brutaler dessen Inhalte sind, desto schlechter fallen die Schulnoten aus.
  • Je mehr TV die Kinder sehen, umso geringer ist ihre Lesemotivation.




  • TV- und PC- und Videogame-Konsum verstärken ADHS-Symptome.
  • Studien zeigen, dass von einer ADHS betroffene Kinder und Jugendliche aufgrund der neuropsychologischen Gegebenheiten dieses Störungsbildes anfällig sind für die Entwicklung einer Computerspielsucht.
  • Gewaltdarstellung in Medien erzeugen Reaktions- und Verhaltensmuster, welche unter bestimmten Rahmenbedingungen in manifeste Aggressionen münden können.

Meiner persönlichen Beurteilung nach decken sich die Forschungsresultate der letzten Jahrzehnte mit meinen eigenen Beobachtungen. Sie bestätigten mir quasi im Nachhinein das, was ich selbst bei Hunderten von Kindern mit einer ADHS beobachtet habe.

Empfehlungen

Abschliessend zu meinen konkreten Empfehlungen. Behalten Sie bitte im Auge, dass jede Familie ihren eigenen Weg finden muss, um mit den neuen multimedialen Hausforderungen irgendwie zurechtzukommen. Fertige Rezepte habe auch ich nicht.

Berücksichtigen Sie bitte ausserdem, dass es Zeit braucht, klare Regeln zum Bildschirmkonsum in der Familie aufzustellen. Und vergessen Sie nicht, dass Sie diese Regeln dann auch durchsetzen müssen. Also bitte keine Schnellschüsse.

Und ganz wichtig: Mutter und Vater müssen sich auch bezüglich Bildschirmkonsum eine „Unitè du Doctrine“ ( einen gemeinsamen und konsequenten Erziehungsstil) erarbeiten. Wenn nicht beide Elternteile am selben Strick ziehen, gehen die Chancen gegen Null, der multimedialen Übermacht eine Portion Vernunft und gesunden Menschenverstand entgegenzuhalten.

Gerade bei etwas älteren Kindern ist es wichtig, dass die Eltern ihre Massnahmen begründen können. Sie müssen vor allem selbst daran glauben, dass Ihre Haltung richtig ist. Dazu ist zu empfehlen, dass sich die Eltern sachkundig machen.



Zu den Tipps

    • Meine Ausführungen sind geeignet, Schuldgefühle von Müttern mit ADHS-Kindern zu verstärken. Immerhin ist es Realität, dass TV, Nintendo und Handy-Games für Mütter zahlreicher Kinder mit einer unbehandelten ADHS die einzige Möglichkeit darstellt, um selbst einen Moment zur Ruhe zu kommen. Naheliegend, wenn diese Mütter nach meinen Ausführungen die Schlussfolgerung ziehen könnten, in der Erziehung definitiv versagt zu haben und halt doch schuldig für die Probleme des Kindes zu sein.
      Der erste Tipp lautet daher wie folgt: Statt in Schuldgefühlen zu versinken, welche eh nur lähmen und niemandem wirklich nützen, sollten Eltern jetzt und in Zukunft Verantwortung für das Thema Bildschirmmedienkonsum übernehmen – und handeln. Da liegt Potential drin (und nicht beim Grübeln über all die Fehler und alles Versäumte in der Vergangenheit). Positive Entwicklungen sind selbst nach katastrophalen Zuständen in Sachen Bildschirmkonsum möglich. Das sah ich nicht nur bei der Familie Hoffmann.
    • Kinder mit oder ohne ADHS sollten meiner persönlichen Meinung nach so wenig wie möglich fernsehen. Am besten gar nicht.
    • Falls die Eltern auf TV nicht verzichten möchten: Pro Tag nicht mehr als 30 Minuten Bildschirmmedienkonsum (also TV + DVD + Internet zusammengefasst). Und das alles erst ab dem Schulalter.
    • Eltern sollen nicht nur die Zeit begrenzen, sondern auch die Inhalte der konsumierten Bildschirmmedien bestimmen. Dazu kommen Eltern nicht umhin, sich Zeit zu nehmen und sich damit auseinanderzusetzen, womit die Kinder genau spielen.
      Versuchen Sie ruhig auch einmal, sich einen der Horror-Videos anzusehen, welche Jugendliche konsumieren, als wäre es ein harmloser Trickfilm. Sie sollten dies aber nicht alleine tun und sich vorgängig Möglichkeiten für eine psychologische Unterstützung organisieren. Manche der Horrorfilme sind derart brutal, dass nicht nur Kinder, sondern auch Erwachsene traumatisiert werden können.
    • Bei der Beurteilung der Inhalte lade ich Sie ein, auf die angegebenen Alterslimite zu pfeifen. Diese werden nämlich weder von einer Ethikkommission oder von Elternorganisationen, sondern von der Spielindustrie definiert. Deren Interesse gilt ausschliesslich einem hohen Profit. Nur Sie als Mutter oder Vater sollen entscheiden, was Sie Ihrem Kind zumuten wollen.
    • Mütter: Verlasst Euch auf den gesunden Menschenverstand. Wenn Ihr nicht wollt, dass eure Kinder Baller-Games spielen und Krimis schauen, setzt euch durch!
    • Während auf TV auch ganz verzichtet werden kann, stellen Computer und Internet eine wertvolle Möglichkeit dar, sich sozial besser zu vernetzen und sich Wissen anzueignen.  Auch Computerspiele haben durchaus ihre Berechtigung, die Frage ist nur welche. Meine Empfehlung: Beschränken Sie sich auf Computerspiele, bei welchen die Kinder mit Punkten oder einem höheren Level belohnt werden, wenn sie nachdenken und nicht nur dann, wenn sie blitzschnell reagieren.
      Leider ist die Auswahl an Spielen, bei welchen wirklich kreativ gedacht werden muss, erschreckend klein. Kinder ab 10, 11 Jahren können aber in Begleitung eines Elternteils lernen, den Flugsimulator von Microsoft zu bedienen. Dieses Simulationsspiel gibt es seit 30 Jahren und wurde immer weiter entwickelt. Ein anderes Beispiel sind Schachprogramme oder einfache Bildbearbeitungsprogramme. Wichtig ist, dass die Kinder nicht einfach vor den PC gesetzt werden, sondern dass sich der Vater oder die Mutter die notwendige Zeit nimmt, das Kind wenigstens zeitweise bei seinen Ausflügen in die virtuelle Welt zu begleiten.
    • Vertrauen ist gut, Kontrolle besser. Kontrollieren Sie, was Ihr Kind im Internet konsumiert. Sie können das mit geeigneten Filterprogrammen machen, welche auf dem PC installiert werden können.
    • Kontrollieren Sie auch regelmässig das Handy Ihres Kindes. Haben Sie keine Angst, es stellt keinen Eingriff in die Privatsphäre dar, sondern zählt zu den vorsorglichen Massnahmen, für welche die Eltern verantwortlich sind. Konkret schlage ich jeweils Folgendes vor: Das Kind soll eine erwachsene Person Ihres Vertrauens vorschlagen, welche alle zwei Wochen das Handy und deren Inhalte kontrolliert. Diese Person sichert dem Kind zu, persönliche Inhalte nicht weiterzutragen. Das Kind muss ganz genau wissen, was nicht drin liegt. Für die meisten Familien sind das das Bild- und Videomaterial mit sexuellen oder gewalttätigen Inhalten, keine Mobbing-Filmchen, keine Kontaktpflege mit unbekannten Personen.
    • Spielen ist ein wichtiges Element der Kindheit. Kinder lernen viele Dinge spielerisch und spielend erfahren Kinder ihre Umwelt. Auch in der digitalen Welt hat das Spielen für Kinder einen hohen Stellenwert. Computer spielen ist für Kinder eine der häufigsten Nutzungsformen des Computers. Geben Sie Ihren Kindern aber besser die Gelegenheit zum echten Spiel und zu echten sinnlichen Wahrnehmungen. Also nicht nur zweidimensionale Welten, welche die Entwicklung eines gesunden Wahrnehmungssystems behindern, sondern hauptsächlich 3-dimensionale Erlebnisse, die das Wahrnehmungsvermögen des ganzen Körpers und vor allem aller Sinne ansprechen.




  • Auch wenn es vielen Eltern nicht passt: Gleichaltrige, sogenannte Peergruppen, haben ab einem bestimmten Alter einfach mehr Einfluss auf Kinder als die Eltern. Kinder wollen irgendwann durch Gleichaltrige anerkannt werden. Sie wollen „ankommen“ und im Mainstream mitschwimmen. Im Klartext heisst das leider oft, dass ein Kind, welches nicht dieses oder jenes PC-Spiel hat oder spielen darf oder diesen oder jenen Film nicht gesehen hat, von der Gruppe ausgelacht oder gar ausgeschlossen wird. Ich habe in der Praxis immer wieder Kinder, welche massiv darunter leiden.
    Trotzdem: Würde Ihr Kind mit Gleichaltrigen kiffen oder Bier trinken, wäre es sonnenklar, dass Sie sofort intervenieren würden. Soziale Anerkennung durch Gleichaltrige hin oder her. Tun Sie das bitte auch hinsichtlich Bildschirmmedien. Die Folgen eines zu hohen Konsums von Bildschirmmedien können schlimmer sein, als ein ein- oder zweimaliges Ausprobieren von Cannabis.

Wie schon gesagt: Jede Familie muss ihren eigenen Weg finden, um mit all diesen Herausforderungen zurechtzukommen. Die Nutzung des Computers und des Internets ist aus dem heutigen Leben nicht mehr wegzudenken und auch der völlige Verzicht darauf bringt die ADHS-Symptome nicht zum Verschwinden. Sie als Eltern können aber durch eine aktive, massvolle und kritische Regulierung des Konsums Neuer Medien durchaus dazu beitragen, dass verschiedene ADHS-Symptome gemildert und abgeschwächt werden können und somit – ergänzend zu Massnahmen und Therapien – eine wichtige Hilfe für Ihr Kind darstellen.

Danke für Ihre Aufmerksamkeit!


 

Wie man einen Satz oder einen Abschnitt aus diesem Text korrekt zitiert
Rossi, Piero: „ADHS & Bildschirmmedien“. In: Internetseite: www.ADHS.ch. Stand: [Datum der letzten Aktualisierung]. Abgerufen am: [Datum der Textentnahme]. Online im Internet URL:  http://www.adhs.ch/bildschirmmedien-und-adhs/ ‎


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Dieser Text ist urheberrechtlich geschützt.
Er wurde letztmals aktualisiert am 11.10.2017.
© Piero Rossi




Eckpunkte, Chancen und Stolpersteine der ADHS Therapie bei Kindern und Erwachsenen

Einleitung

http://www.adhs.ch/ueber-mich/Was alles gehört zu einer erfolgreichen Therapie einer ADHS?
Wie sind die gesellschaftlichen Rahmenbedingungen?
Welches ist die richtige Therapie?
Wie ist der Ablauf einer Behandlung?

Autor: Piero Rossi (2011)

Im Folgenden werden Eckpunkte, Chancen und Stolpersteine einer ADHS-Therapie dargelegt.

Gesellschaft und Therapie

Wir müssen uns bewusst sein, dass sich Fragen und Stellungnahmen zur Therapie der ADHS nicht losgelöst von den gesellschaftlichen Rahmenbedingungen stellen und beantworten lassen. Schauen wir den Tatsachen ins Auge: In unserer Konsum- und Nonstop-Gesellschaft dreht sich vieles immer schneller und schneller.

Ein immer höheres Arbeitstempo, immer rasantere Konsolespiele, ein immer schnellerer Austausch von Arbeitsstellen, Beziehungen, Handys, Autos, Hobbies und persönlichen Vorlieben und der zunehmende Konsumrausch führen bei vielen zu einer fortschreitenden Entwertung vieler Lebensbereiche. Dies erzeugt oder verstärkt bei Kindern und Erwachsenen Rastlosigkeit, Überforderungsgefühle, innere Leere, Unzufriedenheit, Angst etwas zu verpassen und ein immer hektischeres Lebensgefühl.

Für die meisten von uns wird Multitasking, also gleichzeitiges Beachten und Bearbeiten von Informationen, nicht nur in der Arbeit und der Freizeit, sondern zunehmend auch im Privat- und Innenleben zum vorherrschenden Modus.

Reizüberflutungen und hohes Tempo führen bei immer mehr Individuen zu einem Verlust der Fähigkeit, sich in Ruhe einer Sache hinzugeben, sich nur darauf zu konzentrieren, den Augenblick wahrzunehmen und zu geniessen. Geduld, sich selbst und anderen Zeit zu lassen, innezuhalten und zuzuwarten, werden für zahlreiche Menschen zu immer abstrakteren Begriffen.

Evident ist auch, dass die Erwartungen der gesellschaftlichen Institutionen an die Kinder höher und höher werden. Das gilt vor allem für die Schule. Immer früher wird von den Kindern Selbstständigkeit erwartet. Immer grösser werden Druck und Unsicherheit bezüglich des richtigen Oberstufenübertrittes, unter welchen sich Eltern und Kinder manchmal schon in der dritten Klasse gesetzt fühlen.




Kinder erhalten heute kaum mehr Zeit und Raum, sich individuell und ihren Stärken und Schwächen entsprechend entwickeln zu können.

Kranke Gesellschaft – kranke Kinder?

Diese und andere einschneidenden gesellschaftlichen Veränderungen bedeuten nun aber nicht, dass allein darin die Ursachen für eine ADHS zu suchen wären. Die schon seit Jahrzehnten und auf allen Kontinenten mehr oder weniger konstante Auftretenshäufigkeit der ADHS, die auffallend hohe familiäre Häufung und damit die genetische Bedingtheit dieses Syndroms belegen mit hoher Evidenz, dass gesellschaftliche Faktoren als Ursachen der ADHS eine sekundäre Bedeutung spielen.

Nichtsdestotrotz kommen den gesellschaftliche Rahmenbedingungen bezüglich der Entwicklung unserer Kinder und der Entstehung von psychischen Störungen eine eminent wichtige Rolle zu. Dies gilt selbstredend auch hinsichtlich der ADHS-Therapie. Es stellen sich viele Fragen: Kann ein Kind in einer kranken Gesellschaft überhaupt gesund werden?

Und: Was heisst überhaupt Gesundheit in einer Gesellschaft, welche ihre Kinder von klein auf medial überschwemmt und in erster Linie zu willigen Konsumentinnen und Konsumenten erzieht? Oder: Kann es überhaupt ein Ziel sein, Kinder mittels therapeutischer Interventionen dahingehend zu beeinflussen, sich den gesellschaftlichen Anforderungen einfach nur anzupassen? Und: Verwechseln wir nicht Gesundheit mit gesellschaftlicher Anpassung?

Schliesslich: Kann Gesundheit heissen, einfach nur zu funktionieren? Und überhaupt: Gäbe es mehr Hypersensible, mehr störrische Neinsager/-innen, mehr Nonkonformisten und mehr Gerechtigkeitsfanatiker/-innen – sähe unsere Welt dann nicht viel positiver aus?

Machbarkeitswahn vs. Recht auf Krankheit und Behinderung

Berichte über ständige Fortschritte in der Medizin bestärken bei vielen Menschen die Erwartung, dass auch im Bereich der Psychologie und der Psychiatrie alle Probleme irgendwie lösbar sein müssen. Schliesslich gibt es heutzutage moderne Medikamente und wissenschaftlich überprüfte Behandlungen gegen beinahe alle Leiden.

Dem ist aber nicht so. Im Gegenteil: Zahlreichen somatischen, aber auch seelischen und zwischenmenschlichen Problemen stehen auch Fachleute bis heute hilflos gegenüber. Nicht immer kann abschliessend geklärt werden, was in der Seele eines Menschen vor sich geht, welche Motive seinem Verhalten zugrunde liegen und wieso die Entwicklung eines Kindes diesen oder jenen Verlauf genommen hat. Und nicht immer kann den psychischen Beschwerden eines Menschen eine Diagnose zugeordnet werden.




Es gehört wahrscheinlich zur menschlichen Natur schlechthin, dass nicht alles versteh- und von aussen veränderbar ist. Auch hinsichtlich der Behandlung einer ADHS gilt es zu akzeptieren, dass selbst der optimalste Einsatz therapeutischer Interventionen nicht immer dazu führt, dass ein von der ADHS betroffener Mensch Linderung seiner Beschwerden erfährt.

Psychologische und ärztliche Psychotherapeutinnen und Psychotherapeuten behandeln Menschen, also unvollkommene und verletzliche Individuen und keine Symptome oder abstrakte Diagnosen.

So verständlich die hohen Erwartungen an einen Behandlungserfolg der ADHS sind, so bedeutsam sind Bescheidenheit und eine Akzeptanz der Tatsache, dass auch ein chronisch krankes oder behindertes Individuum mit all seinen Ecken und Macken eine Daseinsberechtigung hat. Das gilt auch für unscheinbarere Behinderungen wie eine ADHS oder beispielsweise eine Legasthenie.

Viele Fachpersonen stehen in diesem Zusammenhang zunehmend vor der Herausforderung, ein ADHS-Kind in seinem Anderssein gegenüber dem gesellschaftlichen Anpassungsdruck zu verteidigen.

Mein Plädoyer, ADHS-Betroffene als Individuen anzunehmen und sie in ihrer Andersartigkeit zu akzeptieren, richtet sich an Väter, Lehrkräfte und gesellschaftliche Institutionen, nicht aber an die Mütter dieser Kinder. Für diese ist es aus meiner Erfahrung selbstverständlich, ihr Kind trotz aller Probleme anzunehmen (womit ich natürlich nicht zum Ausdruck bringen will, dass Mütter die ADHS bedingten Verhaltensstörungen ihrer Kinder einfach nur schlucken müssen).

Zum Wohl des Kindes

Auch ich weiss für viele der oben aufgeworfenen Fragen keine befriedigenden Antworten. Wichtig erscheint es mir aber, dass Fachleute, Eltern (also Mütter und Väter) sowie auch erwachsene Betroffene sich mit diesen gesellschaftlichen Fragen aktiv auseinander setzen und nicht müde werden, „Wieso?“ zu fragen.




Relevant erscheint mir dies deshalb, weil bei der Therapieplanung sonst möglicherweise primär gesellschaftskonforme Therapieziele etabliert werden, welche dem Individuum und seinen grundlegenden Entwicklungsbedürfnissen entgegenlaufen, ja, ihnen zum Teil sogar widersprechen könnten. Bei der Erarbeitung von massgeschneiderten Therapiezielen ist daher immer besonders gut darauf zu achten, dass der Einzigartigkeit des Individuums, seiner Bedürfnisse und Entwicklungsmöglichkeiten Rechnung getragen wird.

 

Können störendes Verhalten und Konzentrationsschwächen während einer Behandlung reduziert werden, ist das sicher wünschenswert und auch erfreulich. Viel wichtiger aber ist es, dass ein Kind dank einer Therapie befähigt werden kann, sich seinen Möglichkeiten entsprechend zu entwickeln und so zu sein beziehungsweise so zu werden, wie es wirklich ist.

Therapie kann nicht bedeuten, einfach nur störende Symptome zu eliminieren und ein Kind an die Umweltbedingungen anzupassen. So wird kein Kind gesund. In zahlreichen Fällen müssen sich zum Wohl eines Kindes Schule und Eltern den speziellen Bedürfnissen des Kindes anpassen (und nicht immer nur umgekehrt). Das heisst auch, dass es nicht zwingend ist, es nur in Richtung gesellschaftskonformen Verhaltens zu therapieren.

Zu einem Therapieplan eines ADHS-Kindes gehören also meistens auch Veränderungen seitens der Umwelt (Unterricht, Familienklima, Erziehungsstile usw.).




Bei den Stärken ansetzen

Ich habe in meiner Arbeit in den letzten 15 Jahren rund 1500 Betroffene mit ADHS-Symptomatik kennengelernt und dabei feststellen können, dass viele meiner Patientinnen und Patienten trotz ausgeprägten ADHS-Symptomen und den damit verbundenen Entwicklungsbehinderungen so krank gar nicht waren:

Täglich begegnen mir in meiner Arbeit Menschen mit einer ADHS, welche durch langjährige und vielfältige Scheiternserfahrungen gekränkt und teilweise seelisch erheblich verletzt, im Kern ihres Wesens aber trotzdem gesund geblieben sind. Immer wieder beeindruckten mich die Ehrlichkeit von ADHS-betroffenen Kindern und Erwachsenen:

Da sie sich nicht zurückhalten können, meistens viel zu spontan handeln sowie verbal und nonverbal meistens ohne Umweg zum Ausdruck bringen, was sie gerade denken und fühlen, wirken diese Menschen sehr authentisch und präsent. Dies steht ganz im Gegensatz zu vielen zu gut sozialisierten Individuen, welche gelernt haben, Nein zu denken und Ja zu sagen und in einer ihnen von den Eltern und der Gesellschaft zugedachten und vielfach krankmachenden Rolle oft ein Leben lang gefangen bleiben.

Jede erfolgreiche Therapie der ADHS orientiert sich nicht nur an der Pathologie, sondern auch an den gesunden Anteilen eines von dieser Störung betroffenen Menschen. Dies erfordert in erster Linie eine tragende therapeutische Beziehung zwischen Therapeutinnen / Therapeuten mit den Patientinnen / Patienten und deren Eltern.

Kinder, die von einer ADHS betroffen sind, spüren ihrer Reizoffenheit wegen sofort, ob das Gegenüber sie wahr- und ernst nimmt, ob also der zuständige Arzt oder die behandelnde Psychotherapeutin sich in der Gestaltung der therapeutischen Beziehung auch auf die Ressourcen dieser Kinder abstützt oder nicht.

Konzentriert sich eine Therapie nur auf die Eliminierung von Symptomen und nicht auf die Betroffenen als Ganzes, kommt kein tragendes therapeutisches Bündnis zustande. Die jungen Patientinnen und Patienten brechen die Therapie dann meistens schnell ab.

Anrecht auf eine optimale Therapie

Menschen mit Krankheiten oder Entwicklungsstörungen haben ein Anrecht auf eine optimale Therapie. Gemeint ist damit eine bei vielen Patientinnen und Patienten nachweislich wirksame Behandlung, welche die Betroffenen so wenig wie möglich belastet.

So genannt evidenzbasierte, also unter wissenschaftlichen Gesichtspunkten erarbeitete und kontinuierlich überprüfte Diagnose- und Behandlungsleitlinien, stecken dabei den Rahmen ab, innerhalb dessen eine fachgerechte und dem aktuellen Wissensstand entsprechende Untersuchung und Therapie zu erfolgen hat. Das gilt auch bei der ADHS.




Selbstverständlich spielen in der Diagnostik und der Behandlung der ADHS auch Berufserfahrungen und Intuition des Psychotherapeuten oder der behandelnden Psychiaterin eine wichtige Rolle. Dennoch: Heute ist es weder Ansichtssache noch eine Meinungsfrage, welche Therapien bei welchen Erkrankungen oder Entwicklungsstörungen zur Anwendung kommen sollen.

Der Stand der Wirksamkeitsforschung von Behandlungen ist auch bei der ADHS weit fortgeschritten, so dass die Resultate der Therapieforschung heute in der Planung jeder seriösen Behandlung zwingend berücksichtigt werden müssen. Fachpersonen, welche ihre therapeutischen Ratschläge oder Entscheidungen nicht mit wissenschaftlich begründeten Nachweisen, sondern primär mit Hinweisen wie: „Wir haben gute Erfahrungen gemacht mit…“ zu legitimieren versuchen, handeln nicht fachgerecht.

Beachte: Nachzufragen – und zwar vor Behandlungsbeginn – kann sich lohnen. Patientinnen und Patienten und ihre Eltern dürfen und sollen sich bei ihren Fachpersonen erkundigen, wie diese die Wahl der vorgeschlagenen Therapien begründen: Warum diese und keine andere Therapien? Was weiss man über Behandlungserfolge und Risiken der Behandlung?

Für Eltern von Kindern mit einer ADHS und den von diesem Syndrom betroffenen Erwachsenen ist es von grundlegender Bedeutung, dass nicht irgendeine wohlklingende und angeblich nebenwirkungsfreie, sondern die bewährtesten und sichersten Behandlungen zur Anwendung kommen. Weil es bei der ADHS meistens auch einer medikamentösen Behandlung bedarf, kann und soll im Zweifelsfall eine Zweitmeinung eingeholt werden.

Multimodale Therapie

Praxiserfahrungen und Studien zu Kurz- und Langzeiteffekten von ADHS-Therapien zeigen, dass es sich bei einer möglichst erfolgreichen Behandlung der ADHS nicht um eine Mono-, sondern um eine Kombinationsbehandlung handelt. Diese so genannte multimodale Therapie ist erforderlich, weil die Therapieziele auf verschiedenen Ebenen liegen:

  • Direkte Behandlung der ADHS-Symptome sowie von allfällig komorbid vorliegenden Störungen
  • Verbesserung des sozialen Funktionierens in Familie, Beziehungen, Schule, Ausbildung und Beruf durch therapeutische Massnahmen im Umfeld
  • Sicherstellung einer langfristigen Behandlung, da es sich bei ADHS um eine chronische Erkrankung handelt, welche nicht geheilt, sondern nur gelindert werden kann

Säulen der multimodalen Therapie

Psychoedukation

Ein grundlegendes Verständnis dafür, was die ADHS ist, welche Auswirkungen sie auf die Betroffenen hat und wie den durch sie hervorgerufenen Problemen begegnet werden kann, ist elementarer Bestandteil jeder (ADHS-) Therapie. Patientinnen und Patienten, Eltern, nahe Angehörige (und bei Kindern deren Lehrkräfte) werden eingehend über die ADHS informiert und aufgeklärt.

Auch Kindern wird ihrem Entwicklungsalter entsprechend Basiswissen über die ADHS vermittelt. Dies ermöglicht es ihnen, ihre Probleme zu identifizieren, anstatt sich pauschal für dumm und unfähig zu halten.




Trotz Vorliegen bewährter Konzepte für die Psychoedukation erweist sich dieser Grundpfeiler der multimodalen Therapie der ADHS in der Praxis als grosse Schwachstelle. Gründe sind unter anderem: ADHS-Fachpersonen stossen bereits mit der Versorgung von basalen therapeutischen Dienstleistungen an die Kapazitätsgrenze (lange Wartezeiten, Personalmangel in Praxen und öffentlichen Diensten).

Vielen Fachpersonen fehlt schlicht die Zeit für ausführliche Gespräche mit Lehrkräften und anderen involvierten Bezugspersonen. Ein weiterer Grund liegt darin, dass die Krankenkassen nur für Heilbehandlungen aufkommen, nicht aber für die Psychoedukation von Bezugspersonen.

Personenzentrierte Interventionen

Bei der Behandlung der ADHS spielt die medikamentöse Behandlung die „erste Geige“. Dies wissen nicht nur Praktiker/-innen. Auch in Studien konnte das sehr gut belegt werden. Ergänzt wird diese Behandlung durch eine verhaltenstherapeutisch orientierte Psychotherapie. Diese umfasst unter anderem eine Selbstmanagement-Therapie (Ziele: verbesserte Affekt- und Verhaltenssteuerung, verbessertes Selbstbild) und bei Bedarf ein soziales Kompetenzenztraining.

Ebenfalls zu den verhaltenstherapeutischen Interventionen zählt die Neurofeedback-Therapie, deren Wirksamkeit vor allem beim unaufmerksamen Typus der ADHS als gut belegt gilt. Gestützt auf aktuelle Forschungsresultate scheinen ausgewählten Diät-Behandlungen bei ADHS wieder mehr Bedeutung zuzukommen (Eliminationsdiäten).

Zahlreiche Kinder mit einer ADHS profitieren nachweislich auch von spezifischen neuropsychologischen Behandlungen, wie einem therapeutischen und meistens computergestützten Konzentrations- und Impulskontrolltraining.

Wie so oft schaut es in der Praxis anders aus als in der Theorie: Währenddem der medikamentöse Therapieansatz zwischenzeitlich gut etabliert ist, kommen erst wenige ADHS-Betroffene in den Genuss qualifizierter verhaltenstherapeutischer oder neuropsychologischer Behandlungen. Der Hauptgrund liegt darin, dass es viel zu wenig verhaltenstherapeutisch ausgebildete Psychotherapeutinnen und Psychotherapeuten und ADHS-erfahrene Neuropsychologinnen und Neuropsychologen gibt.




Gleiches gilt für eine Neurofeedback-Therapie, welche nur von sehr wenigen Fachpersonen durchgeführt wird. Auch ohne wissenschaftlich begründeten Nachweis erweist sich bei Kindern mit einer ADHS die Ergotherapie in zahlreichen Fällen als wirksam. Der Grund liegt darin, dass in der Ergotherapie auch verhaltenstherapeutische und neuropsychologische Therapieansätze zur Anwendung kommen.

Elternzentrierte Interventionen

Da in Familien mit ADHS-Betroffenen meistens negative Eltern-Kind-Interaktionen dominieren, welche die Beziehungen untereinander zusätzlich belasten, ist zur fachgerechten Behandlung in den meisten Fällen auch eine verhaltenstherapeutisch orientierte Erziehungsberatung erforderlich. Die Wirksamkeit dieser als Eltern-Training bezeichneten Therapien gilt in der Forschung und im klinischen Alltag als gut belegt.

Leider werden auch diese elternzentrierten Behandlungen viel zu selten durchgeführt. Die Gründe liegen wiederum im Mangel an qualifizierten Fachpersonen sowie in den Versicherungsbedingungen der Krankenkassen, welche keine Finanzierung elternzentrierter Therapien vorsehen.

Wie sicher ist die Therapie?

In der Behandlungskette der ADHS spielen Medikamente eine zentrale Rolle. Man könnte nun einwenden, dass eine alternative Behandlung – etwa mit Omega-3-Fettsäuren – für die Patientinnen und Patienten ein kleineres Risiko darstellt als eine medikamentöse Therapie mit Stimulanzien. Immerhin, so könnte man argumentieren, wird mit einer medikamentösen Therapie bei einem Kind, dessen Gehirn noch nicht ausgereift ist, direkt in den zerebralen Stoffwechsel eingegriffen.




Kann das überhaupt gut gehen? Ist das nicht mit zu grossen Risiken behaftet? Man könnte zudem geltend machen, dass keine unabhängigen und zuverlässigen Langzeitstudien vorliegen, welche die komplette Unbedenklichkeit dieser chemischen Therapien belegen. Diese Einwände haben zweifellos ihre Berechtigung. Nur darf Folgendes nicht ausser Acht gelassen werden:

  • Bis heute liegen keine ernstzunehmenden Hinweise vor, dass die Behandlung von Kindern mit Stimulanzien zu Erkrankungen, Verhaltensstörungen oder Persönlichkeitsveränderungen führt. Wie bei allen wirksamen Medikamenten können auch bei der Therapie mit Stimulanzien unerwünschte Arzneimittelwirkungen auftreten. Diesen kann in den meisten Fällen durch eine Dosisanpassung oder einen Wechsel des Präparates wirkungsvoll begegnet werden.
  • Dass ADHS-Medikamente abhängig machen sollen, wird von Sekten und anderen fundamentalistischen Gruppierungen immer wieder einmal postuliert, entbehrt aber jeglicher empirischen Grundlage. Rechtzeitig mit Stimulanzien behandelte Kinder mit einer ADHS haben im Vergleich mit den Unbehandelten ein niedriges Risiko, später eine Sucht zu entwickeln. Selbst ein Absetzen der ADHS-Medikamente ist jederzeit möglich.
  • Bei der unbehandelten ADHS handelt es sich nachweislich um eine für das betroffene Individuum mit grossen Risiken verbundene Störung. Beispiel: Bedingt durch ihre Zerstreutheit und ihr impulsives Dreinschiessen sind Kinder mit einer ADHS nachweislich viel häufiger in Verkehrsunfälle verwickelt als gesunde Kinder.

Merke!

Jeder Zeitverlust, der als Folge einer eventuell unwirksamen Therapie entstehen kann, stellt somit ein ernstes Risiko für das betroffene Kind dar. Gleiches gilt auch für die Schule: Ein halbes Jahr herumexperimentieren mit einer ungeprüften Therapieform kann mit unzähligen und möglicherweise vermeidbaren schulischen Misserfolgserlebnissen und Enttäuschungen einhergehen, welche dem betroffenen Kind weitere psychische Schäden zufügen können.

Psychologinnen und Psychologen, welche Erwachsene mit einer ADHS behandeln, wissen um die unendlich vielen seelischen Verletzungen, welche mit einer rechtzeitigen und fachgerechten Behandlung wahrscheinlich hätten vermieden oder reduziert werden können. Um mögliche Folgeschäden zu vermeiden, sollte eine ADHS daher möglichst frühzeitig behandelt werden. Darin sind sich ADHS-Fachpersonen weltweit einig.




Diagnostik als Voraussetzung für eine erfolgreiche Behandlung

Grundlegender Bestandteil jeder fachgerecht durchgeführten Therapie der ADHS ist eine sorgfältige Diagnostik. An diesem Punkt unterscheiden sich seriöse von unseriösen Behandlungsformen. Letztere verkaufen ihre Therapien ohne vorausgehende individuelle Abklärung, ohne Indikationsstellung und ohne Therapieplan.

Sorgfältige Indikationsstellung

Eine spezifische und gezielt auf die Behandlung einer ADHS und deren Begleitprobleme ausgerichtete Therapie ist nur dann gerechtfertigt, wenn sich die Beschwerden und Probleme eines Menschen nach Beurteilung durch eine Fachperson mit der Diagnose einer ADHS vereinbaren lassen.

 

Entscheidend ist dabei nicht alleine das Vorhandensein der in den diagnostischen Klassifikationssystemen aufgezählten Symptome an sich, sondern vielmehr das Ausmass, in welchem diese Beschwerden die Entwicklung des Kindes behindern.

Ich betone dies, da wir in der Praxis immer häufiger Patientinnen und Patienten mit Verhaltens- und psychischen Problemen sehen, welche medikamentös mit Stimulanzien behandelt werden, ohne dass jemals eine gründliche Abklärung erfolgte und ohne, dass eine Behandlung gerechtfertigt wäre.

Kein ADHS-Test

Bei der ADHS handelt es sich um eine klinisch zu stellende Diagnose. Relevant ist also, was ganz konkret die Patientinnen und Patienten im Familien- und Schulalltag an Beschwerden und Verhaltensauffälligkeiten aufweisen. Bis heute existiert kein Test, mit welchem ausreichend sicher auf das Vorliegen oder nicht Vorliegen einer ADHS geschlossen werden kann.

Das heisst aber nicht, dass es bei Abklärungen auf ADHS Tests bedarf. Diagnostisch entscheidend sind Art und Weise, wie die Betroffenen mit den Anforderungen, die sich ihnen in Schule, Familie und Beruf stellen, langfristig umzugehen vermögen. Bei ADHS-Betroffenen ziehen sich Konzentrationsschwächen, Zerstreutheit, Vergesslichkeit und Impulsivität wie ein roter Faden durch das ganze Leben.




Sie verhindern es, dass diese Menschen eine ihrem Potenzial gegebene schulische und berufliche Entwicklung durchlaufen können und führen dazu, dass sie ständig hinter ihren Möglichkeiten zurückbleiben und immer mehr Selbstzweifel, Verunsicherungen über die eigene Identität und bisweilen auch Selbsthass entwickeln.

Die Abklärung ganz konkret

Bei Verdacht auf eine ADHS umfasst eine Untersuchung bei Patientinnen und Patienten aller Altersgruppen eine mehrstündige Abklärung (vier bis acht Stunden). Diese Untersuchung wird von Fachpsychologinnen, Kinderpsychiatern und spezialisierten Kinderärztinnen durchgeführt. Ergänzend zu den Untersuchungsgesprächen mit den Patientinnen und Patienten und deren Angehörigen (Eltern, Partner/-in) kommen auch standardisierte Checklisten und Fragebögen zur Anwendung.

Diese haben den Zweck, möglichst viele Facetten einer eventuell von der ADHS betroffene Personen zu erfassen, um diese dann einer eingehenden Untersuchung zuzuführen. Diese Screening-Tests sind allerdings nicht geeignet, um eine ADHS-Symptomatik zuverlässig von den Folgen anderer Störungsbilder, die ebenfalls mit Konzentrationsproblemen und Impulsivität einhergehen können, abzugrenzen. Eine Diagnose darf sich also nicht alleine auf die Resultate dieser Screening-Checklisten abstützen. Zu viele bekämen sonst fälschlicherweise eine ADHS-Diagnose und eine Fehlbehandlung.

Bei Verdacht auf Vorliegen einer ADHS werden nicht nur die Patientinnen und Patienten selbst untersucht. Auch das Umfeld wird mit einbezogen. Bei Kindern werden neben den Eltern auch die Lehrkräfte zum Verhalten des Kindes befragt. Bei erwachsenen ADHS-Betroffenen werden bei Lebenspartnern/-innen detaillierte Informationen über die Charaktereigenschaften und das Verhalten des oder der Betroffenen eingeholt. Zudem werden bei Erwachsenen – wenn möglich – auch die Eltern zur Kindheit des oder der Betroffenen befragt.

Ergänzt wird die Diagnostik durch eine sorgfältige Familienanamnese. In den meisten Fällen erweist es sich nämlich, dass Geschwister, Vater, Mutter, Onkel, Tanten, Grosseltern oder Cousinen und Cousins ebenfalls von der ADHS betroffen sind. Zeigen sich bei Blutsverwandten keine ADHS oder ADHS-ähnliche psychische Probleme, so muss ganz besonders sorgsam geprüft werden, ob es sich tatsächlich um eine ADHS handelt oder ob nicht doch eine andere Kernproblematik vorliegt.

Elementarer Bestandteil jeder Diagnostik ist die so genannte Differenzialdiagnostik. Darunter versteht man die Gesamtheit aller möglichen Diagnosen, welche alternativ als Erklärung für die Beschwerden eines Menschen infrage kommen könnten. Gerade bei einer Problematik wie der ADHS, deren Kernsymptome für sich gesehen auch bei sehr vielen weiteren psychiatrischen und neurologischen Störungen vorkommen können, kommt sorgfältigen differenzialdiagnostischen Überlegungen eine grosse Bedeutung zu.




Teilleistungsstörungen erfassen

Um kognitive Funktionsstörungen oder Teilleistungsschwächen auszuschliessen, welche zu einer der ADHS ähnlichen Symptomatik führen können, wird auch eine testpsychologische Untersuchung durchgeführt. Diese erfüllt den Zweck, allfällige neuropsychologische Störungen, die zusätzlich zu einer ADHS vorliegen, zu erfassen (sogenannte Komorbiditäten, also eigenständige Störungsbilder, welche parallel zur ADHS vorliegen).

Eine sorgfältige Untersuchung verfolgt also immer auch die Absicht, therapierelevante Begleitprobleme zu erfassen. Immerhin leiden rund drei Viertel aller ADHS-Betroffenen unter so genannt komorbiden Störungen. Würde man nur die ADHS, nicht aber allfällig vorliegende Begleitprobleme behandeln, würden Therapieerfolge lange auf sich warten lassen. Eine ganzheitliche Therapie kann also nur dann erfolgen, wenn vorgängig eine ganzheitliche Abklärung durchgeführt wurde.

Therapie auch bei unklarer Diagnose

Selbstverständlich kann bei hohem Leidensdruck eine ADHS-spezifische Behandlung auch dann durchgeführt werden, wenn keine gesicherte ADHS vorliegt. Bei komplexen Störungsbildern kann es nämlich durchaus vorkommen, dass trotz sorgfältig durchgeführter Untersuchung nicht abschliessend geklärt werden kann, welche Diagnose therapeutisch Priorität hat. Das kommt so selten gar nicht vor.

Gerade bei Erwachsenen mit mehreren Komorbiditäten (gleichzeitig vorliegende psychische Störungen), bei Mädchen und Frauen und/oder bei Vorliegen einer hohen Intelligenz ist es oftmals schwierig zu beurteilen, welche Ursachen der Impulsivität, der Zerstreutheit, der Vergesslichkeit und den Selbstmanagementproblemen tatsächlich zugrunde liegen.

Bei ausgeprägten Beschwerden und unter der Voraussetzung, dass bereits in der Kindheit mit überwiegender Wahrscheinlichkeit beeinträchtigende ADHS-Beschwerden vorlagen, ist ein kontrollierter medikamentöser Behandlungsversuch mit Stimulanzien selbst bei vager Verdachtsdiagnose und fehlenden Alternativdiagnosen durchaus in Erwägung zu ziehen.

Spricht eine Patientin oder ein Patient auf die Behandlung mit einem Stimulans an, so gilt die ADHS-Diagnose indirekt als bestätigt. Demgegenüber ist der Umkehrschluss, dass also ein Nichtansprechen auf Stimulanzien eine ADHS ausschliesst, nicht zulässig. Grund ist der Umstand, dass nicht alle ADHS-Patientinnen und -Patienten auf eine Behandlung mit Stimulanzien ansprechen.




ADHS-Therapie konkret

Der Therapieplan

Zur Einleitung therapeutischer Massnahmen wird die zuständige Fachperson mit den Patientinnen und Patienten und bei Kindern mit deren Eltern einen Gesamttherapieplan erstellen. Dieser definiert die Behandlungsziele und die notwendigen therapeutischen Interventionen, welche zur Erreichung der Therapieziele erforderlich sind.

Dabei setzen sich die Patientinnen und Patienten (oder deren Eltern) mit der Frage auseinander, woran sie ganz konkret erkennen würden, dass die angezeigte Verhaltenstherapie oder eine Behandlung mit Stimulanzien eine positive Wirkung zeigen würden.

Beispiel: „In welchen Situationen würde sich mein Kind wie verhalten, falls es auf das ADHS-Medikament richtig gut anspricht? Was würde konkret anders laufen?“

Bei der Zieldefinition geht es nicht um das Endziel als solches (zum Beispiel Schulnoten über 4), sondern um geeignete Verhaltensweisen, welche dazu führen können, die formulierten Ziele in absehbarer Zeit zu erreichen.

Relevant ist es, dass diese Kinder befähigt werden, sich beim Erledigen der Hausaufgaben mehr Zeit zu lassen, beim Thema zu bleiben, nachzudenken und bei Bedarf nachzufragen, wenn sie etwas trotz Überlegen nicht verstanden haben. Oder dass sie in die Lage versetzt werden, das Geschriebene in Ruhe noch einmal auf mögliche Fehler hin durchzusehen.

Die konkreten Antworten auf die Frage, woran ganz konkret man einen Therapieerfolg erkennen würde, werden schriftlich festgehalten. Dies dient der fortlaufenden Beurteilung des angestrebten Therapieerfolges. Den Therapiezielen kommen selbst eine gewisse therapeutische Wirkung zu: Die Patientinnen und Patienten und/oder deren Eltern konzentrieren sich auf die erwünschten, neuen und positiven Verhaltensweisen.

Dies ermöglicht eine lösungsorientierte mentale Ausrichtung, verstärkt positives Verhalten und fördert eine positive Interaktion mit dem beziehungsweise den Betroffenen.




Medizinische Vorabklärungen

Einer Therapie mit Stimulanzien, welche bei Vorliegen einer ADHS in den meisten Fällen erforderlich ist, geht eine gründliche internistische Untersuchung bei einer Ärztin oder einem Arzt voraus. Dabei werden unter anderem Leber- und Nierenfunktionen und die Schilddrüsenparameter geprüft.

Auch werden Mangelzustände ausgeschlossen (Eisen, Magnesium). Um allfällig vorliegende Herzerkrankungen erfassen zu können, wird meistens ein EKG (Elektrokardiogramm zur Aufzeichnung der Herzmuskelaktivitäten) durchgeführt. Ein EEG (Elektroenzephalografie, eine Methode zur Messung der summierten elektrischen Aktivität des Gehirns) ist dann erforderlich, wenn ein Verdacht auf eine Epilepsie oder eine andere akute zerebrale Pathologie vorliegt oder wenn bei nahen Verwandten neurologische Erkrankungen bestehen.

Medikamente: So wenig wie möglich – so viel wie nötig

Eine Therapie mit Stimulanzien muss individuell abgestimmt erfolgen. Es existiert keine Standard-Dosierung. Die ärztliche Fachperson wird mit einer sehr niedrigen Dosierung beginnen, da einige Patientinnen und Patienten bereits auf kleine Mengen dieser Substanzen ansprechen. Dies gilt insbesondere für Erwachsene.

Grundsätzlich gilt wie bei allen Behandlungen auch bei der medikamentösen Therapie mit Stimulanzien das Motto: So wenig wie möglich, so viel wie nötig. Stimulanzien eignen sich nicht zur Selbstdispensation. Die Wahl des Medikamentes sowie die Festlegung von Dosierungshöhe und Einnahmezeiten obliegen der verantwortlichen ärztlichen Fachperson.

Einmal Psychopharmaka – immer Psychopharmaka

Auch wenn es sich bei der Therapie mit Stimulanzien immer um eine mehrjährige Behandlung handelt, heisst das noch lange nicht, dass sie ein Leben lang andauern muss: Bei rund der Hälfte der Patientinnen und Patienten lassen die ADHS-Symptome nämlich gegen Ende der Pubertät nach, so dass eine Fortsetzung der Therapie nicht mehr erforderlich ist.

Andere wiederum schliessen die Behandlung erst im frühen Erwachsenenalter oder noch später ab. Entscheidend ist, dass die Behandlung kontrolliert erfolgt, was unter anderem bedeutet, dass regelmässig geprüft wird, ob die medikamentöse Therapie noch erforderlich ist. Bewährt haben sich ärztlich verordnete und kontrollierte Auslassversuche, welche in der Regel einmal pro Jahr durchgeführt werden.

Medikamentöse Basistherapie

Stimulanzien bewirken während ihrer Wirkdauer eine Aktivierung und Normalisierung des Stoffwechsels derjenigen neuronalen Netzwerke des Gehirns, welche für die Reizselektion, die Reaktionsunterdrückung (Impulskontrolle), verschiedene Aufmerksamkeitsfunktionen sowie das Belohnungssystem (ermöglicht Handeln ohne sofortige Bestätigung) zuständig sind.

Bei der Einstellung der Stimulanzien und zur Klärung, ob die Patientinnen und Patienten überhaupt auf Stimulanzien ansprechen, kommen Standard-Präparate in vorerst niedriger Dosierung zur Anwendung. Modernere Langzeitpräparate werden – sofern sie erforderlich sind – erst zu einem späteren Zeitpunkt eingesetzt.

Die kurzzeitig wirkenden Stimulanzien haben eine Wirkdauer von drei bis dreieinhalb Stunden. Dies hat den Vorteil, dass recht einfach beurteilt werden kann, wie gut bei der jeweils aktuellen Dosis die Wirkung ausfällt. Wenn die Erhaltungsdosis ermittelt wurde (diese kann sehr niedrig oder auch sehr hoch ausfallen), wird ersichtlich, wie lange die Wirkung anhält.

Leider ermöglicht es die Standard-Formulierung der Stimulanzien mit kurzer Wirkdauer meistens nicht, dass mit einer Einnahme des Stimulans nach dem Frühstück der ganze Vormittag abgedeckt ist. Deswegen muss bei Schülern/-innen meistens auf Langzeitpräparate umgestellt werden.

Diese wirken in der Regel bis in den Nachmittag, teils auch in den frühen Abend hinein. In Ausnahmefällen wird die Ärztin oder der Arzt verordnen, dass das Langzeitpräparat morgens und mittags eingenommen werden muss.

Nicht immer wirken diese Medikamente nämlich so lange, wie es der Beipackzettel verspricht. Häufiger ist es erforderlich, dass die Wirkung des Medikamentes am Nachmittag durch die Einnahme einer nicht-retardierten und damit kürzer wirkenden Form des Stimulans verlängert wird.




Therapeutische Wirkungen von Stimulanzien

Unter der Wirkung von Stimulanzien zeigen viele ADHS-Betroffene neben besserer Selbstbeherrschung und mehr Widerstandskraft gegen Ablenkungen auch ein kreativeres, spontaneres und flexibleres Problemlöseverhalten. Gemeint ist damit die Fähigkeit, bei offenen Problemstellungen möglichst viele verschiedene Lösungsansätze zur generieren (sogenanntes divergentes Denken).

Als Beispiel dafür folgendes Problem:

Björn bleibt beim Lösen der Hausaufgaben stecken. Er sieht keinen Lösungsweg, reagiert frustriert, klappt genervt das Mathe-Buch zu und schnappt sich das Handy, um nach neuen Facebook-Einträgen zu sehen. Idealerweise würde Björn beim Steckenbleiben mehr oder weniger geduldig verschiedene Lösungsmöglichkeiten suchen, statt frustriert zum Handy zu greifen. Die Wahrscheinlichkeit, dass er eine seiner Intelligenz angemessene Lösung der Mathe-Aufgabe finden könnte, wäre eindeutig höher. Auch erschiene Björn Aussenstehenden viel geduldiger.

Ohne flüssiges, kreatives oder eben divergentes Denken hilft auch eine hohe Grundintelligenz wenig bei der Lösung komplexer Problemstellungen, wie sie sich einem Individuum im Alltag fortwährend stellen. Um kreativ und divergent denken zu können, muss die betreffende Person unter anderem über mehrheitlich intakte Arbeitsgedächtnisfunktionen verfügen.

Diese ermöglichen es einem Menschen, verschiedene Informationen im Kurzzeitgedächtnis aktiv zu bearbeiten. Normal entwickelte Arbeitsgedächtnisfunktionen stellen auch einen funktionierenden Transfer in das Langzeitgedächtnis und einen Abgleich mit diesem sicher. Dies, verbunden mit einer gesunden Portion an Impulskontrolle, stellt eine zentrale Voraussetzung dar, um im weitesten Sinne vernünftig denken und handeln zu können.

ADHS-Betroffene vermögen also mit einer wirksamen medikamentösen Basistherapie im Denken und im Handeln besser bei der Sache zu bleiben.

 

Zu sich finden – bei sich bleiben

Den meisten ADHS-Patientinnen und -Patienten gelingt es unabhängig vom Alter erst unter der therapeutischen Wirkung von Stimulanzien, in Ruhe über sich selbst, ihre Gefühle und ihr Verhalten nachzudenken. Auch Selbstreflexion, eine für jede Psychotherapie basale Basiskompetenz, wird bei ADHS-Betroffenen in zahlreichen Fällen erst durch den Einsatz von Stimulanzien ermöglicht.

Sie entsteht durch mehr Selbstaufmerksamkeit: Mit Stimulanzien behandelte Patientinnen und Patienten sind oft besser in der Lage, sich selbst wahrzunehmen und zu spüren, währenddem sie ohne Medikamente und teilweise trotz längerer Psychotherapie wenig Gefühl für und wenig Sicht auf sich selbst haben. Medikamentös behandelte ADHS-Patientinnen und -Patienten spüren leichter, was sie wirklich wollen und was nicht.




Sie handeln konsequenter und lassen sich durch schnelle, aber oftmals faule Kompromisse weniger rasch vom Kurs abbringen.

Ohne die unterstützende Wirkung der Stimulanzien, also ohne eine mehr oder weniger intakte Sortierstation Wichtig-Unwichtig, sind Menschen mit einer ADHS ihren Gefühlen, Fantasien, Erinnerungen, Gedanken und vor allem ihren Impulsen zu sehr ausgeliefert. Nicht nur das Lernen für die Schule, sondern auch geduldiges und differenziertes Nachdenken und Sprechen über sich selbst kostet sie unheimlich viel Energie.

Auch sind ADHS-Betroffene ohne Medikamente vielfach zu unruhig, um sich selbst, einem Thema, einem Buch, einer Hausaufgabe oder einem Gegenüber aufmerksam und in Ruhe hingeben zu können.

Die Fähigkeit, sich auch etwas subjektiv nicht so Interessantem widmen zu können, ist eines der Hauptziele jeder ADHS-Therapie. Wenn ein Kind mit einer ADHS dies einigermassen gut beherrscht, kann es beispielsweise einer Lehrerin auch dann noch zuhören, wenn es weniger interessant klingt, kann an den Hausaufgaben auch dann dranbleiben, wenn das Kind im zu lernenden Stoff keinen Sinn erkennen mag und hört der Mutter auch dann einigermassen gut zu, wenn es sich um einen subjektiv unangenehmen Auftrag handelt wie zum Beispiel das Bündeln von Altpapier.

Therapieverlauf: Phase I

Man muss sich bewusst sein, dass eine sorgfältige Einstellung der Therapie mit Stimulanzien für den Erfolg einer Gesamtbehandlung einer ADHS von entscheidender Bedeutung ist. Das belegen jahrzehntelange Erfahrungen von psychologischen und ärztlichen Fachpersonen, welche jahrein jahraus mit ADHS-Betroffenen arbeiten sowie die Resultate zahlreicher internationaler Untersuchungen zur Therapie der ADHS.

In der Regel werden für die Einstellphase (Therapiephase I) drei Monate vorgesehen. In der Anfangszeit stehen die Patientinnen und Patienten (und bei Kindern deren Eltern) täglich persönlich, telefonisch und/oder per Email in Kontakt mit der behandelnden ärztlichen Fachperson. Aufgrund der Rückmeldungen erhöht die Ärztin oder der Arzt alle zwei, drei Tage in kleinen Schritten die Dosierung bis zum Wirkungseintritt, bricht den Therapieversuch aber auch ab, wenn es sich abzeichnet, dass eine Wirkung ausbleibt.

Patientinnen und Patienten, deren Eltern und die zuständigen Ärztinnen und Ärzte orientieren sich bei der Beurteilung der Wirksamkeit der Therapie an den vor Behandlungsbeginn festgelegten konkreten Verhaltensänderungen. Um die anvisierten Behandlungserfolge evaluieren zu können, kontaktiert die Fachperson, also der verantwortliche Psychotherapeut oder die zuständige Ärztin beziehungsweise der zuständige Arzt, nach Absprache mit den Eltern vor und während der Behandlung von Kindern die Lehrkraft, um auch von ihr zu erfahren, ob sich bereits erste Verhaltensänderungen abzeichnen.




Ausserdem werden zur Beurteilung der Wirkung der Stimulanzien bei Patientinnen und Patienten aller Altersgruppen auch neuropsychologische Tests eingesetzt. Durch die bei der Eingangsuntersuchung erfolgte neuropsychologische Abklärung liegt eine Baseline vor. Eine unter der Wirkung der Stimulanzien zu erfolgende kurze Nachtestung der relevanten Aufmerksamkeits- und Exekutivfunktionen (Daueraufmerksamkeit, Widerstandskraft gegen Ablenkungen, Impulskontrolle/Reaktionsunterdrückung usw.) ergibt bei positivem Ansprechen auf die medikamentöse Therapie meistens markant bessere Testleistungen.

Die Resultate bei Anforderungen an kognitive Basisfunktionen liegen im Gegensatz zur Eingangsuntersuchung, welche ohne Medikamente erfolgte, bei guter medikamentöser Einstellung üblicherweise im Norm- beziehungsweise Erwartungsbereich (sofern nicht komorbid vorliegende Teilleistungsstörungen die Testresultate beeinflussen).

Nach Ablauf der rund dreimonatigen Einstellphase erfolgt eine Bilanzsitzung. Auch wenn die in dieser Zeit erfolgten Konsultationen und Gespräche bereits eine unspezifische therapeutische Wirkung entfalteten, kann die Indikationsstellung für eine gezielte Psychotherapie oder eine andere therapeutische Massnahme erst im Anschluss an die Einstellphase erfolgen. Dann erst wird deutlich, wie gut eine ADHS-Patientin oder ein ADHS-Patient auf die medikamentöse Behandlung anspricht. Und dann erst wird ersichtlich, was an behandlungsbedürftigen Problemen übrig bleibt (zum Beispiel Lernstörungen, welche einer Lerntherapie bedürfen).

Spätestens im Verlauf der ersten Therapiephase von Kindern und Jugendlichen mit einer ADHS zeigt es sich, ob und wenn ja welche weiteren Familienangehörigen von diesem Störungsbild betroffen sind. Betrifft dies Angehörige aus dem engeren Familienkreis (Eltern, Geschwister) erfolgt in der Regel eine Untersuchung und Therapieeinleitung auch dieser Personen.

Das Erziehungsverhalten von Eltern mit einer unerkannten und unbehandelten ADHS kann eine erfolgreiche Therapie erschweren und in Einzelfällen sogar verhindern (impulsive, chaotische Erziehungsstile, ADHS bedingte Ehekonflikte usw.). Auch das Verhalten von Geschwistern mit einer unbehandelten ADHS kann den Therapieverlauf eines Kindes mit einer ADHS ausbremsen (etwa durch fortdauerndes Sticheln und Provozieren).




Therapieverlauf Phase II (Kinder/Jugendliche)

Bei Kindern aus sozial und familiär intakten und zwischenmenschlich wohlwollenden Verhältnissen kommt es gelegentlich vor, dass eine gut eingestellte und engmaschig überprüfte medikamentöse Behandlung ausreicht, so dass beim betroffenen Kind keine weiteren therapeutischen Massnahmen angezeigt sind. Meistens aber sind eine Reihe verhaltenstherapeutisch orientierter Therapiesitzungen erforderlich.

Was in dieser Altersgruppe regelmässig vorkommt, ist die Notwendigkeit, allfällig vorliegende komorbide Störungen einer Behandlung zuzuführen. Selbstverständlich heilt eine Therapie mit Stimulanzien weder eine Lese- und Rechtschreibstörung, eine nonverbale Lernstörung oder eine andere Teilleistungsstörung. Erforderlich sind dann Lern-, Ergo-, Legasthenie- oder Psychomotorik-Therapien.

Während sich die Behandlung bei Kindern mit einer ADHS primär auf die medikamentöse Therapie abstützt und ergänzt wird durch gezielte und verhaltenstherapeutische Interventionen beim Kind, ist es in den meisten Fällen unabdingbar, mit den Eltern intensiver therapeutisch zu arbeiten. Dabei geht es in erster Linie darum, dass Väter und Mütter von Kindern mit einer ADHS lernen, durch geschickte erzieherische Massnahmen beim betroffenen Kind die Auftretenswahrscheinlichkeit des erwünschten Verhaltens zu erhöhen.

Dabei werden vor allem auch die Väter durch Beratungsgespräche ermutigt, mehr Verantwortung in der Kindererziehung zu übernehmen. Die therapeutische Begleitung der Eltern umfasst normalerweise zwischen sechs und acht Konsultationen, kann sich in Einzelfällen aber auch aufwändiger gestalten. Die psychotherapeutische Arbeit mit Kindern und Jugendlichen umfasst teils wenige, teils aber auch bis zu zwanzig und mehr Konsultationen und erstreckt sich über einen längeren Zeitraum.

Therapieverlauf Phase II (Erwachsene)

Bei Erwachsenen mit einer ADHS ist es – im Gegensatz zur Behandlung von Kindern und Jugendlichen – unabdingbar, dass von Beginn der medikamentösen Therapie an eine psychotherapeutische Begleitung erfolgt. Die Gründe hierfür sind vielfältig. Durch jahrelange Scheiternserfahrungen leiden die meisten erwachsenen ADHS-Betroffenen unter schweren Minderwertigkeitsgefühlen.

Im Kern ihres Wesens fühlen sie sich dumm und unfähig, gleichzeitig auch unverstanden und – bedingt durch die Reaktionen anderer – oftmals seelisch zutiefst verletzt. Teilweise haben sich aus der ADHS-Kernproblematik depressive Erkrankungen, Suchtstörungen oder andere psychische Erkrankungen und/oder psychosoziale Belastungsfaktoren (zum Beispiel wiederkehrende Arbeitslosigkeit, Schulden) entwickelt.

Diese Folgeprobleme einer ADHS, welche sich im Verlauf der Jahre oder Jahrzehnte summiert haben, lösen sich selbst bei einem guten Ansprechen auf die Therapie mit Stimulanzien nicht einfach in Luft aus. Negative Grundannahmen über sich selbst und einseitige kognitive Bewertungsmuster können sehr hartnäckig sein.




Auch für erfahrene Psychotherapeutinnen und Psychotherapeuten kann die Behandlung dieser festgefahrenen Grundannahmen eine grosse Herausforderung darstellen – und in Einzelfällen sogar bei Patientinnen und Patienten, welche auf die Behandlung mit Stimulanzien gut ansprechen. Die meisten Erwachsenen mit einer ADHS waren sich lange Zeit nicht bewusst, was mit ihnen wirklich los ist.

Nachdem sie sich notgedrungen jahrelang an eine „Negativ-Identität“ klammern mussten, stehen sie mit Beginn einer ADHS-Therapie vor der Herausforderung, ihre eigene Geschichte neu zu schreiben, um psychisch Halt in sich finden zu können. Dies erfordert in den meisten Fällen eine professionelle psychotherapeutische Begleitung.

Dank der durch die medikamentöse Behandlung verbesserten Selbstaufmerksamkeit und der Fähigkeit, länger und gradliniger über sich selbst nachzudenken, gelingt es vielen dieser Patientinnen und Patienten, sich auch vergangenen, vielfach belastenden und leidvollen Erlebnissen konzentriert zuzuwenden. Meistens erstmalig in ihrem Leben ermöglicht ihnen dies, belastende Erfahrungen gründlich zu verarbeiten.

Dies ist umso eindrücklicher, da zahlreiche Erwachsene mit einer (unerkannten) ADHS bereits eine oder mehrere und teilweise langjährige Psychotherapien hinter sich haben. Erst die Fähigkeit, sich dank der verbesserten Selbstaufmerksamkeit der eigenen Geschichte hingeben zu können, setzt bei diesen Menschen heilsame Kräfte frei und macht sie zugänglich für das Erlernen von Bewältigungsstrategien.

Währenddem vor der Therapie mit Stimulanzien die Gedanken mehrheitlich hüpften und tausend andere Einfälle vom Kernthema wegführten, wird nun eine grundlegende Arbeit an sich möglich.

ADHS-Coaching?

In der ADHS-Literatur ist immer wieder davon zu lesen, dass erwachsene ADHS-Betroffene von der Begleitung eines ADHS-Coachs profitieren können. Da in Europa aber kaum qualifizierte ADHS-Coachs arbeiten und die Ausbildung zum ADHS-Coach bisher keine einheitlichen und anerkannten Richtlinien kennt, blieb dieser Ansatz bis heute weitgehend Theorie. Hinzu kommt, dass ein ADHS-Coaching nicht als Heilbehandlung gilt und die Kosten nicht von den Krankenkassen, sondern von den Patientinnen und Patienten selbst getragen werden müssten.

Therapieverlauf Phase III (alle Altersgruppen)

ADHS-Therapien stellen immer mehrjährige Behandlungen dar. Unverzichtbarer Aspekt jeder ADHS-Behandlung sind regelmässige Verlaufskontrollen. Auch bei gutem Behandlungsverlauf sollten pro Jahr zwei oder drei Konsultationen und einmal jährlich eine Standortbestimmung erfolgen. Diese wird in der Regel mit einem Medikamenten-Auslassversuch verknüpft.

Dabei wird mittels Befragung der Patientinnen und Patienten, deren Eltern und Lehrkräften und bei Erwachsenen der Partner/-innen geklärt, wie der Entwicklungsstand ist, ob die medikamentöse Therapie und die anderen Behandlungen noch fortgesetzt werden müssen, ob die aktuelle Medikation noch angemessen ist oder gegebenenfalls angepasst werden müsste. Teilweise werden zur Verlaufskontrolle auch neuropsychologische Testverfahren eingesetzt.




Bei den Standortbestimmungen wird immer auch geprüft, ob der oder die ADHS-Betroffene ihre Ressourcen ausreichend gut auszuschöpfen vermag. Bei den Eingangsuntersuchungen werden auch die Potenziale der Betroffenen erfasst. Wie oben dargelegt, erfordert eine erfolgreiche Behandlung einer ADHS, dass nicht nur defizit-, sondern auch ressourcenorientiert vorgegangen wird.

Konkret bedeutet dies, dass der Therapieplan auch Massnahmen umfasst, um gezielt die eigenen intellektuellen, kreativen und persönlichen Potenziale zu fördern. Gesundheit bedeutet mehr, als nur die Abwesenheit von Krankheitssymptomen. Für die therapeutisch bedeutsame Identitätsentwicklung von ADHS-Betroffenen reichen defizitorientierte Therapiemassnahmen allein also nicht aus.

Danke für diese Infos!Eigene und die Erfahrungen vieler Kolleginnen und Kollegen zeigten immer wieder, wie wichtig vor allem in der Behandlung von Kindern mit einer ADHS die Vernetzung der involvierten Bezugs- und Fachpersonen ist. Wenn immer möglich, sollten nicht nur zu Behandlungsbeginn, sondern auch während der Therapie wenigstens einmal pro Jahr gemeinsame Standortgespräche erfolgen können.

Grundsätzliches zu alternativen Behandlungsformen der ADHS

Selbst bei korrekter Durchführung einer bewährten Therapie sprechen nicht immer alle Menschen auf eine Behandlung an. In diesen Fällen kommt auch denjenigen Behandlungsansätzen Bedeutung zu, deren Wirksamkeitsnachweis nicht oder noch nicht erbracht werden konnte.

Es empfiehlt sich, zuerst immer die bewährtesten und sichersten Behandlungen anzuwenden und erst bei Nichtansprechen oder bei unbefriedigender Wirkung auf alternative Therapien umzusteigen.

Schwachstelle: Versorgung

Die ADHS ist im Vergleich zu anderen psychischen Erkrankungen eine relativ einfach zu behandelnde psychische Störung mit guter Prognose. Und dies, obwohl eine ursächliche Heilung nicht möglich ist. Das eigentliche Problem liegt in der bis heute mangelhaften Versorgung: Immer noch arbeiten in kinderpsychologischen und kinderpsychiatrischen Einrichtungen viel zu wenig Fachpersonen, welche sich eingehend mit der Diagnostik und Therapie der ADHS auseinandergesetzt haben.




Die optimale ADHS-Therapie

Eine perfekte Therapie der ADHS existiert nicht. Es gibt aber bewährte und in ihrer Wirksamkeit bestätigte Behandlungsansätze. Optimal ist eine ADHS-Therapie dann,

  • wenn Menschen und nicht Symptome behandelt werden
  • wenn sie im Rahmen einer tragenden, vertrauensvollen und längerfristigen Beziehung zur verantwortlichen Fachperson erfolgt
  • wenn sie sich nicht nur auf die medikamentöse Therapie beschränkt
  • wenn sie einfach und überschaubar bleibt
  • wenn sie massgeschneidert ist und sich an den jeweils individuellen Ausgangsbedingungen und Entwicklungsmöglichkeiten der Patientinnen und Patienten orientiert
  • wenn sichergestellt ist, dass mit den therapeutischen Massnahmen keine vermeidbaren Risiken eingegangen werden
  • wenn ihre Wirksamkeit regelmässig überprüft und bei Bedarf individuell angepasst wird
  • wenn sie sich nicht nur auf das betroffene Kind allein konzentriert, sondern auch das Umfeld einbezieht
  • wenn die Patientinnen und Patienten möglichst bald und nachhaltig Linderung ihrer Beschwerden erfahren, mehr Erfolge in Familie, Beziehung, Schule, Ausbildung und Beruf haben, zu mehr Selbstachtung und Wohlsein finden
  • wenn schliesslich das Kind auch bei ausbleibenden Behandlungserfolgen von allen Involvierten (Eltern, Fachpersonen, Lehrkräfte) akzeptiert, getragen und gefördert wird

 

Mögen diese Ausführungen dazu beitragen, dass Menschen mit einer ADHS mehr Verständnis, mehr Entwicklungschancen und mehr Therapiemöglichkeiten entgegengebracht werden.

Ein langer Text. Ich weiss. Danke für Ihre Aufmerksamkeit.


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Er wurde letztmals aktualisiert am 11.10.2017.
© Piero Rossi




Piero Rossi | fotoLux | ADHS | Mentorat | Staufen bei Lenzburg (CH)

PR3Was
fotolux | Mentorat | Begabtenförderung im Bereich Fotografie | Beratung

Für wen
Hochbe­gabte, ADHS-Betroffene, Menschen mit Autismus-Spektrum-Störungen, intelligente Kinder mit schulischen Minderleistungen sowie andere Interessierte im Schul- und Ausbildungsalter.

Wie
Projektarbeit im Atelier fotoLux. Porträt-, Objekt- und Landschafts­fotografie. Fotografisches Sehen, Bildkomposition, Lichtsetzung, Aufnahmetechniken, Bildbearbeitung  und Print. Einzel- und Zweier-Sessions. Gespräche, auch über Persönliches. Besuche von Foto-Ausstellungen. Fotografie-Exkursionen.

Ich
Psy­chologe und Psychotherapeut (1984 bis Ende 2015) | Foto­graf

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