Traumhaft gute ADHS-Schulen – oder Privatschulen

Lorena meldet sich zurück. Mit einem Traum.

Meine ADHS-gerechte Schule (oder Privatschulen)

Also eigentlich ist es gar kein Traum. Es geht um eine traumhaft gute Schule für Schüler/-innen mit einer ADHS. Es betrifft auch Privatschulen. Manchmal stelle ich mir einfach vor, was ich alles ändern würde, wenn ich die Schulleiterin wäre. Und wenn es Schülerinnen wie mich mit ADHS in dieser Schule hat.

Konkret

    • Schulbeginn um 9.00. Oder um 10:00.
    • Die Schulstunden würden maximal 30 Minuten dauern.
    • Im Unterricht wird nur das wirklich Wichtige gelernt. Alles Gefüllsel und alles Beigemüse soll wegbleiben.
    • Keine Doppelstunden mehr.
    • Keine Wochenpläne mehr. Oder nur für Schüler, die damit umgehen können. Für uns ADHS-Schüler/-innen ist das einfach nichts. Wir brauchen 1:1 Unterricht. Und Aufgaben, die wir von heute auf morgen erledigen müssen. Und die dann auch kontrolliert werden.
    • Wir brauchen strenge, aber gerechte Lehrerinnen und Lehrer.
    • Mindestens ein Lehrer oder eine Lehrerin sollte auch ADHS haben (besser wären zwei, nämlich ein Mann und eine Frau). So hätten wir eine oder zwei Personen, die uns helfen, wenn andere nicht verstehen, wie wir ticken. Diese Vertrauenslehrer sollten nicht im Ort oder im gleichen Stadtteil wohnen (wegen dem Geschwätz).




  • Zwischen jeder Unterrichtsstunde sollte etwas mit viel Bewegung erfolgen. Ich würde zum Beispiel 1 x pro Schultag auch 20 Minuten helfen, das Schulhaus zu putzen. Oder Kurzspaziergänge. Oder 20 Minuten Musik hören. Oder Yoga-Übungen machen. Oder mit Hanteln trainieren.
  • Von jedem Schulzimmer aus müsste eine Rutschbahn direkt ins Schwimmbad führen.
  • Alle Arbeitsblätter der Kinder werden im Internet gespeichert. So können meine Eltern sie ausdrucken, wenn wir unsere Sachen vergessen.
  • Hausaufgaben und anstehende Prüfungstermine sollten ebenfalls im Internet abrufbar sein.

Und weiter geht es!

  • In Prüfungen hat jeder so viel Zeit, wie er braucht.
  • Schüler/-innen mit ADHS sollten immer vorne sitzen dürfen, ohne das die anderen Kinder blöd tun.
  • Schüler/-innen mit ADHS sollten Kopfhörer tragen dürfen, so dass die Stimme der Lehrperson, welche über ein kleines Mikrofon und einen Sender übertragen wird, direkt ins Ohr und dann in den Kopf des Schülers geht.
  • Bei Stillarbeiten dürfen Kinder mit dem Kopfhörer Musik hören.
  • Handyverbot an der ganzen Schule. So können sich Kinder mit doofen Fotos nicht gegenseitig plagen.
  • Noten ja. Aber nicht querbeet. Benotet werden sollen die Bemühungen der Schüler und nicht das Resultat. Letztes ist total ungerecht, weil jeder Schüler und jede Schülerin andere Begabungen und andere Schwächen mit sich bringt.
  • Benotungen sollte es nicht für Fehler, sondern für die konkreten Fortschritte geben, welche die Schüler/-innen machen. Dass Kinder für Fehler oder für Nichtkönnen mit Noten bestraft werden, ist ungerecht und unlogisch.
  • Lehrpersonen sollten ADHS-Kinder blitzschnell belohnen, wenn sie sich positiv verhalten haben oder wenn etwas besser lief, als erwartet.

So, nun mache ich mal einen Punkt. Wenn Ihr weitere Ideen habt, wie für Kinder mit einer ADHS eine traumhaft gute Schule ausschauen könnte, meldet Euch hier (gilt auch für Erwachsene).


Siehe auch die anderen Lorena-Geschichten


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Er wurde letztmals aktualisiert am 11.10.2017.
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Brief der Therapeutin an die Lehrerin meines Bruders Marco

Dies ist ein Brief, den Marcos Therapeutin seiner Lehrerin geschrieben hat. Vieles gilt auch für mich.

Marco ist mein Bruder. Auch er hat ADHS. Und wie! Und auch meine Mutter. Das ist aber ein anderes Kapitel.

Brief der Therapeutin

Sehr geehrte Frau Hofmann

Ihnen und Ihren Mitarbeiterinnen meinen besten Dank für die informativen Angaben zu Marco. Ich bin immer froh, von den Lehrpersonen so aussagekräftige Rückmeldungen zu erhalten. Diese erleichtern es mir ungemein, ein Kind ganzheitlich einschätzen zu können und die Therapie auch mit den Erfordernissen des Schulalltags abzugleichen.

Wie Sie wissen, liegt bei Marco eine ADHS vor. Ich betreue den Knaben als Therapeutin seit Schulbeginn und musste feststellen, dass es sich um eine stark ausgeprägte ADHS handelt, welche den Knaben vor allem in der Entwicklung der Selbstkompetenzen, aber auch im Erwerb von Schulwissen bis heute massgeblich ausbremst.

Marco zeigt bis heute ausgeprägte ADHS-Symptome. Er kann nur “wach” und “am Ball” bleiben, wenn ihn etwas sehr stark interessiert. Nur dann sind seine neuronalen Netzwerke, welche seine Aufmerksamkeits- und Motivationssysteme regulieren, ausreichend stark aktiviert. Syndromtypisch ist, dass Marco bei subjektiv interessanten Themen voll dabei ist, er bei für ihn langweiligeren Themen sowie etwa beim repetitiven Lernen hingegen mental “absackt”, abschweift und anfängt, unruhig und zappelig zu werden.

Erschwert wird die Behandlung von Marco  durch den Umstand, dass er auf die sorgfältig durchgeführte medikamentöse Therapie bisher nicht wirklich gut angesprochen hat (ohne Medikamente wäre er allerdings auch bei Ihnen wahrscheinlich kaum tragbar).

Aufgrund des ausdrücklichen Wunsches von Marco nach mehr schulischem Erfolg (er möchte ins Gymnasium) haben wir die Verhaltenstherapie intensiviert. Mit dem zuständigen Arzt werden wir demnächst auch medikamentös eine Kursänderung versuchen.

Als erste Empfehlungen für den Schulunterricht mit Marco kann ich Ihnen folgende Tipps geben:

    • Marco braucht viel Herausforderungen und “Futter”. Schonen Sie ihn nicht mit Neuem.
    • Setzen Sie ihm bei (machbaren) Aufträgen kurze Zeitfristen: “Tempo machen” ist – auch wenn es sich paradox anhören mag – eine gute Medizin für viele hyperaktive ADHS-Schüler-/innen.
    • Unterstützen Sie Marco dabei, sich auch Themen hingeben zu können, welche ihn nicht interessieren. Ermutigen Sie ihn immer wieder, es zu probieren, auch wenn man weiss und anerkennt, das dies für ihn wegen seiner ADHS extrem schwierig ist. Belohnen Sie auch kleine Fortschritte mit Aufmerksamkeitszuwendung und Anerkennung.
    • Kinder mit einer ADHS müssen explizit und sehr konkret wissen, a) was genau man von ihnen erwartet, b) wie der Job erledigt werden muss und c) in welchem Zeitrahmen das alles zu erfolgen hat.
    • Erwarten Sie von Marco nicht zu viel an Selbständigkeit. Weil seine Selbststeuerungskompetenzen (wie bei allen bei ADHS-Schülern) nicht altersentsprechend entwickelt sind, benötigt er eine engmaschige Führung (“strenge, aber gerechte Lehrperson”).
    • Arbeiten an Wochenplänen stellt für viele Schüler-/innen mit einer ADHS eine Überforderung dar. Besser sind sehr konkrete Aufträge “von heute auf morgen”, auf welche bei erfolgreicher Erledigung sofort mit Anerkennung reagiert werden soll.
    • Der Unterricht sollte sich auf das Wesentliche konzentrieren. Alles Repetitive und bereits Bekannte ist für ADHS-Betroffene ein Gräuel.
    • Ruhe/Unruhe und der Lärmpegel im Unterrichtszimmer sollten von der Lehrperson  – wenn irgendwie möglich – auf einem normalem Level gehalten werden.

  • Im Idealfall sollte eine Unterrichtsstunde für Schüler/-innen mit einer ADHS nicht mehr als 20 Minuten dauern. Mit der Strategie “kurz und bündig” kann bei zahlreichen Betroffenen die ADHS-Problematik ein Stück weit ausgehebelt werden.
  • Die meisten Schüler-/innen mit einer ADHS brauchen viel innere und äussere Bewegung. Vokabeln lernen auf einem Hometrainer, einem Wackelstuhl oder Hintergrundmusik beim Lernen können helfen. Totaler Reizschutz hingegen ist meistens kontraproduktiv.
  • Behalten Sie im Auge, dass Schüler/-innen mit einer ADHS oftmals nicht können und nicht immer nicht wollen (auch wenn dies auf den ersten Blick nicht immer erkennbar ist). So ist es etwas einfacher, diesen Kindern gegenüber auch in jenen Zeiten wohlwollend zu bleiben, in welchen sie der Lehrperson “den letzten Nerv ausreissen”.
  • Denken Sie daran, dass die ADHS-Medikamente bei Marco – anders als bei vielen ADHS-Betroffenen – bisher nur eingeschränkt wirken. Sie müssen sich also mit seinen syndromtypischen Eigenheiten ein Stück weit abfinden. Das heisst natürlich nicht, alles zu “schlucken” und zu tolerieren, was Marco sich erlaubt (eine Diagnose ist eine Erklärung, aber keine Entschuldigung). Im Gegenteil:  Auch Marco braucht sehr klare Grenzen. Fast noch wichtiger für ihn aber ist Verständnis!
  • ADHS-Schüler-/innen sind nicht einfach und können nicht nur für die Mütter, sondern auch für Lehrpersonen eine sehr grosse Herausforderung darstellen. Um eine pädagogische Handlungsfähigkeit aufrechtzuerhalten sowie zwecks Burnout-Prävention sind meistens Massnahmen erforderlich: a) Weiterbildung i.S. ADHS für Lehrpersonen; b) bei Bedarf Supervision für die Lehrperson im Umgang mit schwierigen Schülern sowie c) Sicherstellen einer Zusammenarbeit mit den anderen involvierten Fachpersonen (Psychologe, Arzt usw.).
  • Informieren Sie sich über ADHS. Zum Beispiel hier: www.adhs.ch.
  • Und immer im Auge behalten: Marco ist sehr dankbar, korrekt und äusserst loyal, wenn er spürt, dass er verstanden und ernst genommen wird. Es lohnt sich also nicht nur wegen seiner hohen Intelligenz, in ihn zu „investieren“.

Soweit eine erste Rückmeldung zu Marco. Für Fragen stehe ich Ihnen gerne zur Verfügung. Wenn Sie weitere Feststellungen machen, von denen Sie annehmen, dass diese für mich und die Therapie mit Marco relevant sein könnten, bitte ich um Benachrichtigung.

Freundliche Grüsse

PS: Der Form halber muss ich Sie noch darauf hinweisen, dass die Ihnen in diesem Schreiben zugetragenen Informationen über den Gesundheitszustand von Marco streng vertraulicher Natur sind und gemäss dem medizinischen Datenschutzgesetz ohne seinem Einverständnis Dritten nicht zugänglich gemacht werden dürfen.


Schaut Euch auch diese Kapitel an, falls Euch meine Geschichte interessiert!


Danke für diese Infos!


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© Piero Rossi




Anna Katharina Krattiger-Kamber, PRIVATSCHULE OLTEN, 4600 Olten

Anna Katharina Krattiger-Kamber

Ich heisse Anna Katharina Krattiger-Kamber und bin Leiterin der PRIVATSCHULE OLTEN in Olten. Unsere staatlich bewilligte Privatschule bietet auf der Primarschulstufe eine 5. und eine 6. Klasse an. Darüber hinaus führen wir, gemäss der aktuellen solothurnischen Schulreform, eine Sek E und Sek P ab dem 7. Schuljahr und ein 10. Schuljahr.

Unsere Schule verfügt über langjährige Erfahrungen in der Begleitung von ADH(S) betroffenen Kindern und Jugendlichen. Wir fördern sie in ihrer Entwicklung der Kernkompetenzen Empathie, Konzentration, Geduld und Durchhaltevermögen und legen ebenso grossen Wert darauf, dass sie ihre Spontanität und Kreativität in unserem Umfeld weiter entwickeln können.

Zudem bieten wir an unserer Schule den Förderclub für Jugendliche mit hohen Begabungen an. Der Förderclub versteht sich als Anreicherung und nicht als Zusatz zum alltäglichen Schulunterricht. In unserem Förderclub besteht die Möglichkeit ein eigenständiges Projekt, möglichst kreativ und auf anspruchsvollem Niveau, zu einem gewählten Thema zu erarbeiten. Die Jugendlichen sollen die Möglichkeit haben Glücksgefühle zu erfahren, wenn sie an ihrem Thema, im Bereich ihrer Stärke und an ihrer Leistungsgrenze arbeiten können. Dies wirkt für die hellen Köpfe motivierend und lässt sie Brücken schlagen zu Schulfächern, in denen sie nicht so leicht lernen und Wissen abrufen können.

Weitere Informationen zu uns und unseren Schulen finden Sie auf unserer Website.