Der Arzt nimmt sich keine Zeit für mich und meinen Sohn | Zuerst Ritalin, jetzt Elvanse

Ich habe einen 10-jährigen Sohn mit ADHS. Er hat mit Ritalin begonnen und nimmt nun Elvanse. Dies hat sehr starke Nebenwirkungen. Er ist unterernährt und stimmungslos. Ohne Medikament schafft er die Schule nicht (riesen Druck von Schulleitung). Mit Medikament haben wir diese Nebenwirkungen. Da ich kein Arzt kenne, getraue ich mich nicht Medikamententests durchzuführen. Ich finde keinen Arzt der sich Zeit nimmt für mich und meinen Sohn. Ich wohne in XY. Können Sie uns jemand empfehlen. Vielen Dank!

http://www.adhs.ch/ueber-mich/Ich kann Ihnen niemand empfehlen. Aber die ADHS-Elternorganisation ELPOS vielleicht. Siehe hier.

Zuerst aber sollten Sie versuchen, mit dem Arzt, welcher ihrem Sohn die Medikamente verschreibt, diese so unbefriedigende Situation zu besprechen. Natürlich ohne Beisein Ihres Buben. „Der Arzt nimmt sich keine Zeit für mich und meinen Sohn | Zuerst Ritalin, jetzt Elvanse“ weiterlesen

Gastbeitrag: «Ich mag jetzt eh kein Eis….!»  | Leonie, unsere 2. Tochter | ADHS, unaufmerksamer Typus

Unsere Geschichte

Einleitend möchte ich sagen, dass mich der Beitrag über Nevio dazu angeregt hat, auch unsere Geschichte aufzuschreiben.

Andererseits ist unsere Geschichte schon fast 30 Jahre alt. Ich hoffe sehr, dass die Medizin hier Fortschritte gemacht hat und heute eine schnellere und qualifiziertere Diagnose möglich ist.

Vielleicht ist der Vergleich aber auch  interessant zwischen heute und anno dazumal. „Gastbeitrag: «Ich mag jetzt eh kein Eis….!»  | Leonie, unsere 2. Tochter | ADHS, unaufmerksamer Typus“ weiterlesen

Ritalin: Die Wirkdauer lässt deutlich nach. Was tun?

Mein Sohn ist 10 Jahre alt, hat ein ADHS mit vorwiegend einem Aufmerksamkeitsdefizit und nimmt seit einem Jahr Ritalin. Die optimale Dosis lag anfangs bei 10mg-5mg-0mg (Mo/Mi/Ab). Sowohl von der Konzentrationsfähigkeit, wie auch im Verhalten und in der Arbeitsplanung war der Effekt extrem.  Er war sozusagen kaum wieder zu erkennen. „Ritalin: Die Wirkdauer lässt deutlich nach. Was tun?“ weiterlesen

Flipperkugeln und Störgeräusche | Persönlicher Bericht von Katrin Andrist

Ein persönlicher Erfahrungsbericht über ADHS & Kreativität

Zuerst möchte ich mich kurz vorstellen. Ich bin Katrin Andrist, Mutter zweier Kinder, Lehrerin und Autorin.

Um es kurz zu machen, das bin ich:

 

Katrin Andrist ohne Therapie, sprich ohne Medikation

Mit bin ich kein anderer Mensch. Ich stehe nicht plötzlich geduldig an der Supermarktkasse, werde lethargisch und antriebslos. Aber die Lunte ist länger und den Energiestecker kann ich auch mal herausziehen am Abend.

Was ADHS ist, darauf muss und möchte ich nicht mehr im Detail eingehen, nur wo es mir im Zusammenhang mit der Kreativität nötig erscheint. Aber genauer darlegen muss ich, was ich unter Kreativität verstehe.

Kreativität ist nicht nur ein Funken

Kreativität ist für mich die Fähigkeit, ungewohnte Gedanken so miteinander zu verknüpfen, dass etwas Neues entsteht.

Kreativ bin ich, wenn ich den ausgetrampelten Pfad verlasse, mir selbst einen Weg durchs Dickicht suche. Dazu muss ich mögliche Durchgänge erkennen, sehen, dass man sich zwischen den beiden Dornenbüschen durchhangeln kann oder dass unter der Laubdecke ein Matschloch ist und ich lieber nicht darauf treten sollte.

Ich verlasse den gewohnten Weg auch auf die Gefahr hin, mich zu exponieren, nicht mit der Masse zu schwimmen. Aber massentauglich bin ich als ADHSler sowieso eher selten, da zu laut, zu schnell, zu ungeduldig zu, zu, zu….

Kreativität ist für mich weiter die Fähigkeit, wenn mir ein Fluss den Weg abschneidet, aus dem Schwemmholz am Ufer eine Brücke zu bauen. Eine kreative Lösung suchen. Schauen was da ist und damit etwas zu machen.

Kreativität zeigt sich nicht nur im künstlerischen Schaffen. Auch der Alltag mit einem ADHS-Kind verlangt neben den klaren Strukturen und Vorgaben dauernd nach kreativen Lösungen. Die Regeln genügend zu adaptieren, damit sie greifen, aber nicht zu viel, um Unruhe zu vermeiden.




Nicht nur mir, sondern vielen ADHSlern ist eine gewisse Abneigung gegen „leere Regeln“ gemeinsam. Unter „leeren Regeln“ verstehe ich Einschränkungen, die für mich nicht nachvollziehbar sind. Die Hauptbegründung lautet jeweils: Weil man es so macht. Dieses Infragestellen gesetzter Regeln und Normen ist die Grundvoraussetzung zum Verlassen des Trampelpfades. Solange ich überzeugt bin, dass das Dickicht gefährlich ist und ich mich nur auf dem Pfad bewegen darf, sehe ich auch nichts Neues.

Und als letzter Punkt ist Kreativität für mich, nicht nur tausend Ideen zu haben, die mir im Kopf explodieren, sondern auch etwas daraus zu machen. Wer tausend Ideen für ein Buch im Kopf hat, der wird nie eines schreiben und so sehr er sich wünscht, Autor zu sein, nie dazu kommen. Irrelevant hingegen ist, ob das Buch dann verlegt wird, das Bild ausgestellt, das Werk bewundert. Nicht für den Künstler, aber für die Kreativität.

Kreativer Prozess

Für mich persönlich gliedert sich ein kreativer Prozess also in:

  1. neugierige Wahrnehmung jenseits von Interpretationsmustern
  2. ungewohnte Verknüpfungen und Lösungen
  3. den ausgetrampelten Pfad verlassen / evt. gegen Regeln verstossen
  4. eine Idee soweit verfolgen, dass sie sich materialisiert

Meine POS-Diagnose

Diese erhielt ich mit 6 Jahren und bin wohl die einzige aus meiner Heilpädagogischen Sonderschule, in der ich die erste bis dritte Klasse verbracht habe, die einen Hochschulabschluss hat. Ich bekam während der ersten Schuljahre Ritalin, bis ich in die öffentliche Schule eingeschult wurde, machte dann als Jugendliche die sogenannte „Phosphat“-Diät. Daneben und dazwischen habe ich so alles Mögliche gemacht, was man so macht, bevor man das schlimme Medikament nimmt.

Von allen Arten von Therapien über Tai Chi bis zu Pulver und Duftölen hangelte ich mich durch. Ich liess mich dann als erwachsene Mutter mit 37 Jahren noch einmal diagnostizieren und nehme seit dieser Zeit Medikamente.

Wenn es um ADHS und Kreativität geht, kenne ich also den Unterschied, mit Medikation und ohne Medikation kreativ tätig zu sein. Und genau darauf möchte ich weiter eingehen. Oft wird Ritalin ja als Kreativitäts-Killer beschrieben. Ein Argument das ich bis zu einem gewissen Grad nachvollziehen kann. Etwa bis 45° Grad, was nicht viel ist, da es für das ganze Panorama immer noch 360° Grad braucht.




Von der Idee zum Werk

Am Anfang steht die Wahrnehmung. Damit ich etwas Ungewohntes verknüpfen kann, muss ich die Umwelt zuerst wahrnehmen.

Da ich als ADHSler viel reizoffener bin als andere, nehme ich automatisch mehr wahr, bzw. stürzen mehr Eindrücke auf mich ein. Ich nehme gleichzeitig den draussen vorbeirauschenden Verkehr, den übers Papier kratzende Stift, ein Räuspern, die Reflexion des Sonnenlichts auf dem Metallvorsprung am Büchergestell und den muffigen Gestank meiner Laufschuhe, das Gezwitscher des Vogels wahr.




Aber nicht nur die Wahrnehmung dessen, was von aussen auf mich zustürmt ist erschlagend, auch innen stürmen gleichzeitig alle Eindrücke auf mich ein.

Dazu gehört auch, dass tausend Ideen gleichzeitig wichtig sind. Wie ich mich gerade jetzt beim schreiben dieses Textes entscheiden muss, ob ich das Symptompiktogramm so stehen lasse oder vielleicht doch noch ein anders Bild für die überbordende Ideenflut niederschreiben sollte. Wie wär es mit dem Vergleich mit der unkontrolliert rumspickenden Flipper-Kugel? Oder vielleicht den Unterschied zwischen Kugelmikrophon und Richtmikrophon?


W. Beerwerth: Das kreative Chaos


Wühltisch

Der Wühltisch beim Ausverkauf oder doch eher die explodierenden 1-August-Heuler? Oder der Stein, der in den Teich fällt und Wellenkreise zieht, die die Kiesel am Rand überrollen, einen Forsch erschrecken, der sich doch grad eine Fliege schnappen wollte und den Boden aufwühlt, so dass die Sicht trübe wird.  Ach, hat mir nicht heute ein Schüler erzählt, dass Garnelen sich im Wasser auflösen können? Blubbert das dann? Wie eine Badebombe. So Ideen-Geblubber. Luftblasen-Einfälle. Ich glaube, ich habe mich grad im Dickicht verirrt. Können sie mir noch folgen?

Ohne Medikament existieren alle Einfälle gleichzeitig und gleichwertig nebeneinander. Alle haben unbedingt Priorität, alle sind originell, wichtig, gar einzigartig. Den Unterschied der Ideenfindung mit und ohne Medikation sieht man in nebenstehendem Piktogramm.

Ich kann entschieden, welchen Einfall ich verfolge. Ich kann Einfälle ausblenden, die mir nicht passend scheinen und auf einzelne fokussieren, ohne dass sich die anderen zu Wort melden und mich ablenken. Ich bin handlungsfähig. Und zwar ziemlich unangestrengt. Ohne 1000 Post-Its, Mindmaps mit Farben und viele andere Hilfen (gleichzeitig versteht sich, und nie ganz zu Ende angewandt).

Natürlich kann man hier sagen, die Kreativität ist gekillt, weil nicht alle 1000 Ideen, die mir durch den Kopf wirbeln, auch aufs Papier kommen. Aber ein wesentlicher Prozess in der Arbeit von der Idee zu einem Werk ist das Auswählen und Gewichten. Und das Verharren im ungefilterten Brainstorm-Modus lähmt ungemein.

Und Achtung! Hier kommt der Mikrophon-Vergleich: Ein Druckmikrophon in Form einer Kugel nimmt alle Geräusche auf, die es umgeben. Ein Richtmikrophon kann man auf eine gewisse Geräuschquelle richten. Man trifft also eine Auswahl. Nur weil das Druckmikrophon mehr Geräusche aufnimmt, gibt das noch lange nicht die schönere Symphonie.




Ich muss mich also zwingend für eine Richtung entscheiden, die ich verfolgen will. Lande ich in einer Sackgasse, kann ich eine andere wählen. Ich muss mich für eine Himmelsrichtung entschieden, wenn ich den Trampelpfad verlassen will.

Wenn von ADHS-Medikamenten gesprochen wird, wird oft von der Filterfunktion gesprochen, den diese Medikamente ausführen. Sie helfen mir zu Filtern, mich für eine Idee zu entscheiden. Sie helfen mir aber auch davor, mich vor Eindrücken zu schützen. Seien das die Kleider, die ich sonst dauernd den ganzen Tag an der Haut schabend spüre, sei es Kritik von aussen.

Ich kann so unbeirrter meinen Weg fortsetzen und ritze ich mir im Dickicht den Arm an einem Dornengestrüpp auf, so weiss ich trotzdem, dass ich weitergehen will und dass ich mich nicht aufgeritzt habe, weil hinter mir jemand vom Pfad ruft: Siehst du? Geh doch nicht! Ist viel zu gefährlich! Das macht man nicht!

Naturromatisch

Es wird gern behauptet, ADHS würde sich als Diagnose erübrigen, wenn die Umwelt, die Gesellschaft anders wären. Gewisse Experten postulieren in einer naturromantischen Art, dass einzig ein Aufenthalt auf einer Alp mit viel frischer Luft die Symptome zum Verschwinden bringen könnte. Ich finde das fast anrührend, wäre es nicht so gefährlich. Natürlich beeinflusst die Umwelt die Symptomatik. Genauso wie ein cholerischer Patient mit erhöhtem Blutdruck keinen Chef haben sollte, der ihn enorm unter Druck setzt.

Aber auf der Alp hat er immer noch erhöhten Blutdruck und Stress kommt nicht nur von aussen. Ein ADHSler auf der Alp ist zwar weniger den äusseren Ablenkungen ausgesetzt, die innere Unruhe besteht aber weiter. Unterstützende Massnahmen, die meistens besonders in den ersten drei Wochen wirken, sollten nicht mit einer umfassenden Therapie verwechselt werden. Generell bin ich skeptisch bei einfachen Lösungen auf komplexe Probleme.

Sich mit meinem kreativen Werk oder auch mit diesem Artikel hier einer gewissen Kritik auszusetzen ist einfacher, wenn ich die Reaktionen, die Eindrücke, die auf mich zu kommen, sortieren kann.

Natürlich könnte ich es auch einfach lassen, diesen Artikel zu schreiben. Sollte man vielleicht nicht, so persönlich. Wobei…

Nein. Kann ich nicht. Ich pass mich ja nicht so gern an.




Eine Idee soweit zu verfolgen, dass sie sich materialisiert, kann sehr mühsam sein.  Bei einem Gedicht nicht so sehr. Bei einem Piktogramm inzwischen auch nicht, da ich meine Bildsprache bereits gefunden habe. Bei einem Roman ist ein langer Atem unabdingbar. Ein Gedicht ist ein Sprint, ein Roman ein Marathon. Auf kurzer Strecke verirre ich mich weniger, da reicht ein Funke, eine Initialzündung und eine kleine Flamme und das Resultat ist da.

Auf langer Strecke muss ich auch gegen mich selbst kämpfen und wenn mir da dauernd ungefiltert die Einwände anderer und meine eigenen Zweifel und Ideen dazwischenfunken, wird es sehr anstrengend. Dann sind 40% meiner Energie davon absorbiert, mich aufs Wesentliche zu konzentrieren.  Und es wird fast unmöglich, etwas zu Ende zu führen. All diese Zweifel gehören natürlich dazu, die Frage ist nur das Ausmass. Lähmen sie eine Woche, einen Monat oder für immer?

Ideen umsetzen

Ich kenne so viele, die gute Ideen haben, aber an der Umsetzung scheitern. Ich bezeichnete mich selbst auch immer als „Ideenpinkler“ und bin froh, inzwischen nicht nur Ideen zu pinkeln, sondern auch etwas daraus entstehen lassen zu können. Etwas grösseres als eine Karikatur, ein Sprachspiel oder eine Szene.

Denn nach dem Ideenwurf kommt die Überarbeitung, der Feinschliff und das ist nicht immer gross befriedigend, beinhaltet nötige Routinearbeit.

Natürlich könnte ich auch ohne Medikamente kreativ sein. Natürlich bin ich auch ohne Medikamente kreativ, genauso wie ich es mit bin. Sie machen mich nicht zu einem anderen Menschen. Wie ich auch ohne Medikament auch im Supermarkt einkaufen konnte. Weil ich die Lage der Produkte, die ich brauchte, auswendig gelernt habe. Ich sah sie in dem Farben-, Geräusch- und Geruchsdurcheinander nie.

Ohne Medikamente kann ich auch überleben. Sie geben mir keine Superkräfte. Ich schreibe nicht plötzlich Bestseller und mache eine steile Karriere. Aber sie erleichtern mir die Arbeit. Insbesondere die kreative Arbeit.

Dieser Artikel erschien erstmals in „elpost“ Nr. 61, Frühling 2017.


Katrin Andrist

ist Autorin des Romans „Kinderspiele„, erschienen 2016 im Verlag Muskat media, Romanshorn, 2016. ISBN: 978-3-216926-02-7; 243 Seiten, Hardcover, 29.50CHF/24€.
Dieses fadengerade geschriebene und mit schlanken und schönen Wortbildern gespickte Buch bedarf ziemlich starker Nerven. Vor allem dann, wenn es fertig gelesen ist. Also definitiv nichts für Kinder! Ich bin offenbar nicht der Einzige, welcher diesen Roman in einem Zug gelesen hat. Was mir schon lange nicht mehr passiert ist. PR


 

Mach endlich! Erziehungsprobleme und ihre Umfahrungsmöglichkeiten in Familien mit ADHS

Autor: Piero Rossi (2011)

Erziehungsprobleme: Alltag in ADHS-Familien

In vielen Familien mit ADHS-betroffenen Kindern prägen negative Stimmungen, Gereiztheit und zwischenmenschliche Spannungen den Alltag. Mit einem Wort: Erziehungsprobleme.

http://www.adhs.ch/ueber-mich/Der Tagesablauf ist geprägt von Streitereien zwischen den Geschwistern, der Ungewissheit darüber, in welcher Laune das Kind wohl von der Schule heimkommt, den Sorgen um den nächsten Fahrradunfall, um den heimlichen Zigarettenkonsum oder um die schulische und berufliche Zukunft des Kindes. Erziehungsprobleme und überforderte Eltern: Kein gutes Klima für Wohlsein und familiäres Zusammenleben.

Ruhige Momente sind rar. Oft beginnt der Stress schon am Vorabend: „Hoffentlich wird Debora morgen früh nicht wieder dermassen trödeln, dass sie dauernd mit ‚Mach endlich!‘ ermahnt werden muss. Wir können unseren eigenen Ausspruch nicht mehr hören!” Oder: „Mag Michi wenigstens heute einmal am Mittagstisch genügend essen?” Und: „Hoffentlich wird uns Leandras Lehrerin heute Abend beim Elterngespräch nicht wieder berichten, dass das Mädchen schon mehr leisten könnte, wenn sie sich nur mehr anstrengen würde – und uns damit nicht wieder zu verstehen geben, wir müssten noch mehr mit Leandra lernen. Dabei sitzen wir mit dem Mädchen doch schon stundenlang an den Hausaufgaben!“

Eltern von ADHS-betroffenen Kindern berichten uns von unzähligen, hartnäckigen und immer wiederkehrenden Alltagsproblemen, welche den Stresslevel in der Familie auf einem viel zu hohen Niveau verharren lässt. Dies wiederum verschärft das angespannte Klima in vielen Familien und damit auch das gereizte aufeinander Reagieren. Die Summe aller Einzelbelastungen ergibt eine Dauerbelastung, welcher vor allem die Mütter von betroffenen Kindern immer wieder an die Grenze ihrer Belastbarkeit führt.

Erziehungsprobleme – die grössten Baustellen

Im Folgenden werden – ausgehend von meinen Erfahrungen in der psychologischen Praxis – exemplarisch einige häufig vorkommende Konflikte und deren Lösungsmöglichkeiten vorgestellt.

Baustelle Nr. 1: Will sie nicht oder kann sie nicht?

„Zum Glück geht es Laura seit Beginn der medikamentösen Therapie in der Schule immer besser. Der Klassenlehrer bestätigte uns dies letzte Woche beim Elterngespräch. Trotzdem provoziert Laura beim Mittagessen immer wieder ihren jüngeren Brüder Kevin mit spitzen Bemerkungen, provozierenden Berührungen unter dem Tisch oder blitzartigem Wegziehen von Kevins Besteck. Sie ist kaum zu stoppen. Das Mädchen steigert sich jeweils total in diese Rolle hinein. Die ganze Familie ‚kocht’ dann buchstäblich – anstatt in Ruhe zu essen. Kaum kehrt Laura nachmittags von der Schule heim, geht das Theater wieder von Neuem los. Weder Belohnungspunkte noch Handy-Entzug nützten bisher. Wir können es uns kaum vorstellen, dass es im Unterricht wirklich ohne Probleme geht. Laura scheint es manchmal regelrecht zu geniessen, ihren Bruder zu plagen und die Familie zu stressen. Ist es vielleicht doch Lauras aggressiver Charakter, der sich mit zunehmendem Alter immer mehr zeigt? Zum Glück entschuldigt sich Laura jeweils im Verlauf des Nachmittags für ihr Verhalten.”

Umfahrungsmöglichkeit: Wenn es bei Laura dank der Therapie im Unterricht besser läuft, am Mittag aber trotzdem der Teufel los ist, müsste in einem ersten Schritt geprüft werden, ob es sich bei diesen Problemverhaltensweisen nicht um wieder aufflackernde ADHS-Symptome handelt, welche durch ein Nachlassen der Wirkung des Medikaments bedingt sind. Auch an einen sogenannten Rebound-Effekt ist zu denken. Gemeint ist damit ein übermässig starkes Wiederauftreten der Symptome beim Nachlassen der Wirkung der ADHS-Medikamente. Nicht immer wird berücksichtigt, dass die am häufigsten eingesetzten Stimulanzien eine Wirkdauer von nur etwa drei Stunden aufweisen. Kein Wunder also, wenn gegen die Mittagszeit und dann wieder gegen ca. 16:00 Uhr ADHS-Symptome erneut auftreten. Die behandelnde Ärztin beziehungsweise der behandelnde Arzt wird in diesen Fällen den Einsatz von länger wirkenden Stimulanzien erwägen. Sollten die Verhaltensprobleme trotz ausreichender medikamentöser Versorgung anhalten, ist das Problem mit der zuständigen psychologischen Fachperson zu lösen.


Bei Kindern mit einer ADHS, welche sich für ihr missliches Verhalten entschuldigen und welche ein mehrheitlich intaktes Sozialverhalten zeigen, ist es eher unwahrscheinlich, dass die Verhaltensstörungen Ausdruck einer charakterlichen Disposition oder einer Psychopathologie sind. Verhaltensstörungen, wie Laura sie zeigt, sowie ähnliche Probleme, weisen vielmehr darauf hin, dass es sich um ADHS-spezifische Verhaltensstörungen handelt, welchen therapeutisch noch nicht optimal begegnet werden konnte.

Baustelle Nr. 2: Anhaltende Schwierigkeiten trotz Therapien

„Wir sind verzweifelt. Andrin wird von der Kinderärztin und einem Psychologen optimal betreut. Trotzdem ist er immer noch sehr leicht ablenkbar. Auch sind die schulischen Leistungen immer noch knapp. Der Oberstufenübertritt steht vor der Tür und es ist zu befürchten, dass Andrin nicht wie vorgesehen in die Sekundar-, sondern in die Realschule versetzt wird.”

Umfahrungsmöglichkeit: Angesichts der grossen Fortschritte in der Medizin haben viele Eltern und Lehrkräfte die Erwartung, dass auch im Bereich der Psychologie und der Psychiatrie alle Probleme irgendwie lösbar sein müssen. Schliesslich gibt es Ritalin, andere ADHS-Medikamente und wissenschaftlich überprüfte verhaltenstherapeutisch ausgerichtete Behandlungen der ADHS. Trotzdem: Es ist eine Tatsache, dass trotz optimaler Therapie nicht allen Kindern mit einer ADHS gleich gut geholfen werden kann. Eltern sollten sich durch überzeichnete Machbarkeitsvorstellungen nicht zu sehr unter Druck setzen lassen. So verständlich die hohen Erwartungen an einen Behandlungserfolg der ADHS sind, so bedeutsam sind Bescheidenheit und eine Akzeptanz der Tatsache, dass nicht immer alle Probleme lösbar sind. Diese wohlwollende Einstellung kann Eltern von Kindern mit einer ADHS, welche auf die Behandlungen nicht oder nur ungenügend ansprechen, entlasten.

Baustelle Nr. 3: Wochenend–Terror mit Patrik

„Patrik geht es seit Beginn der ADHS-Therapie viel besser. An Schultagen hat ihm der Kinderarzt ein Stimulans verschrieben, welches Patrik gut verträgt. Er kommt meistens zufrieden von der Schule heim und ist furchtbar stolz, wenn er in Prüfungen gute Noten erreicht. Seine Schrift hat sich extrem verbessert. Auch ist Patrik viel ausgeglichener als vor der Therapie. Leider fällt Patrik an den Wochenenden und während den Ferien regelmässig in das alte Verhaltensmuster zurück. Er ist dann – ehrlich gesagt – unausstehlich, provoziert ständig seine Schwester, trotzt bei Aufforderungen (wie nach dem Essen beim Abräumen mitzuhelfen) und tigert den ganzen Tag ruhelos durchs Haus. Vielleicht müssen wir einmal in eine Familientherapie.”

Umfahrungsmöglichkeit: Ausgehend von der Grundhaltung, Kindern so wenig Medikamente wie möglich zu verschreiben, verordnen einige Ärztinnen und Ärzte die Einnahme der Stimulanzien nur während der Schulzeiten. Trotz guter Absicht erwies sich dieses Therapieschema in den meisten Fällen als kontraproduktiv. Warum? Stimulanzien nur in den Schulzeiten zu verabreichen heisst, sie an den Wochenenden wieder ihren Symptomen auszuliefern. Gerade die Wochenenden und Ferienzeiten bieten den Kindern ein ideales Lernfeld, um soziale Kompetenzen zu erlernen. Lernen können sie aber nur dann, wenn sie aufmerksam genug sind, um auch die leisen Töne der zwischenmenschlichen Interaktionen wahrnehmen zu können. Ausserdem bieten Wochenenden und Ferienzeiten Kindern viele Gelegenheiten, Seelennahrung aufzutanken. Dies setzt voraus, dass die Kinder sich diesen Erlebnissen – etwa einen Besuch des Spiegelgartens in Luzern mit dem Grossvater – hingeben, sie abspeichern und später daran erinnern können. Sie müssen also während des Ausflugs aufmerksam und ausreichend geduldig sein. Viele Ärztinnen und Ärzte empfehlen daher, dass die Stimulanzien also auch an Wochenenden und in den Ferien verabreicht werden sollen.

Baustelle Nr. 4: Einschlafstörungen

„Bei uns bestehen zur Einschlafzeit von Lara die grössten Konflikte. Das Mädchen kann und kann nicht einschlafen. Dieses Problem hat Lara seit dem Kleinkindalter. Immer wieder kommt sie herunter ins Wohnzimmer, um nach irgendetwas zu fragen oder weil sie Durst hat. Seit zwei Monaten hat sie zunehmend Ängste vor Gespenstern. Einschlafen geht nur dann, wenn ich oder mein Mann uns eine halbe Stunde zu Lara hinlegen. Das kann so nicht weitergehen. Wir Eltern haben den Familien-Feierabend dringend nötig, vor allem bei all dem Stress, den wir mit unseren ADHS-Kids haben.”

Umfahrungsmöglichkeit: Einschlafprobleme treten bei Kindern mit einer ADHS derart häufig auf, dass ich sie mit zu den Kernsymptomen dieses Syndroms zähle. Ich erinnere mich an kein Kind mit einer unbehandelten ADHS, welches problemlos einzuschlafen vermochte. Eigentlich auch verständlich, stellt doch die Einschlafzeit eine sehr reizarme Situation dar: Ruhe (keine akustische Stimulation), kaum Licht (keine visuelle Stimulation), kein Anfassen, kein aktives Bewegen und sich Spüren (keine taktile Stimulation). Da ADHS-Medikamente am Abend nicht mehr wirken, bedeutet das Ausbleiben von visueller, akustischer und taktiler Stimulation zur Einschlafzeit, dass die Kinder über noch weniger Reizschutz verfügen. Folge: Sie spüren alles und werden hypersensibel. Aus jedem noch so schwachen Druck auf die Blase wird ein: „Ich muss sofort aufs WC, sonst mache ich ins Bett!“, aus jedem noch so kleinen Durstgefühlchen wird ein: „Ich muss jetzt sofort etwas trinken!“, aus jedem möglicherweise Sorge erzeugenden Gedanken wird Angst und aus kaum wahrnehmbaren Schatten des Kleiderständers werden Gespenster oder Zombies. All diese Sinneseindrücke und deren Verarbeitung halten die Kinder verständlicherweise lange wach. Um es auf den Punkt zu bringen: Kinder mit einer ADHS können sich auch nicht gut auf den Schlaf konzentrieren. Tatsächlich erfordert ein Einschlafen, dass der Reizfilter aktiv ist, dass alles zurzeit Unwichtige ausgeblendet und abgeschaltet werden kann. Und genau dies können Kinder mit einer ADHS zur Einschlafzeit infolge des Stimulationsmangels sehr schlecht.




Damit Kinder sich auf den Schlaf konzentrieren können, sollte zwei Stunden vor der Einschlafzeit auf TV und Spielkonsolen verzichtet werden. Dann kann versucht werden, das Kind zur Einschlafzeit visuell (zum Beispiel durch ein sanft leuchtendes Mobilé) oder akustisch (zum Beispiel einen plätschernden Zimmerbrunnen) zu stimulieren. Nicht zu stark, aber auch nicht zu schwach. Es fokussiert sich dann auf diese Stimuli, was zu einer Aktivierung der Reizfilterung führt und dem Kind schliesslich ermöglicht, abzuschalten und einzuschlafen. Eltern beichteten uns wiederholt, dass auch eine halbe Tasse mit stimulierendem Milchkaffee Wunder wirken könne, währenddem Baldrian und andere beruhigende pflanzliche Mittel entweder gar nicht nutzten oder sogar eine gegenteilige, also aufputschende Wirkung hatten. In ganz hartnäckigen Fällen wird die verantwortliche Ärztin oder der zuständige Arzt eine kleine Dosis Stimulanzien – eingenommen 30 Minuten vor der vorgesehenen Einschlafzeit – verordnen, womit sich das Problem der fehlenden Konzentration auf den Schlaf in den meisten Fällen lösen lässt.

Baustelle Nr. 5: Unverständnis und Hilflosigkeit …

„Janik kann machen, was er will: Bei Prüfungen kann er das Gelernte nicht angemessen umsetzen. Die oft ungenügenden Noten scheinen Janik zu knicken. Wenn er nach Hause kommt, ist er entweder aggressiv oder gelähmt und manchmal sogar fast depressiv. Die ganze Familie leidet an einer Mischung aus Mitleid und Verärgerung über Janiks Verhalten. Es wird immer unerträglicher. Auch ein Gespräch mit dem Lehrer von Janik brachte keinen Erfolg. Im Gegenteil: Der Lehrer ist nicht bereit, Janik in Prüfungen mehr Zeit zu geben. Auch akzeptiert er nicht, dass Janik bei Prüfungen ein Abdeckblatt verwendet, um nicht in der Zeile zu verrutschen. Er müsse alle Kinder gleich behandeln, meinte der Lehrer. Wenn er eine Ausnahme bewillige, würde er überrannt von Ausnahmewünschen“

Umfahrungsmöglichkeit: Kinder mit einer ADHS und ihre Familien leiden nicht nur an den ADHS-Symptomen ihrer Kinder, sondern oftmals auch am fehlendem Verständnis der Umwelt. Beispiel Schule: Zwar beteuern immer mehr Lehrkräfte, um die ADHS zu wissen. Trotzdem stossen die Wünsche der Eltern bezüglich der Unterrichtsgestaltung, bei den Prüfungen oder den Hausaufgaben auf die ADHS-bedingten Handicaps des Kindes Rücksicht zu nehmen, immer wieder auf Granit. Selbst bei unkomplizierten Angelegenheiten, wie etwa das Kontrollieren des Hausaufgabenbüchleins, hören Eltern immer wieder, dass von einem Kind in diesem Alter erwartet werden dürfe, die Hausaufgaben selbstständig ins Aufgabenheft einzutragen. Gleiches gilt für Anliegen nach etwas mehr Zeit in Prüfungen, da das Kind wegen Konzentrations- oder Feinmotorik-Problemen nicht so schnell wie andere vorwärtskommt. Auch heute noch vernehmen Eltern immer wieder, dass Ausnahmen nicht drin liegen und die Lehrkraft alle Kinder gleichbehandeln müsse – als hätten alle Kinder die gleichen Voraussetzungen! Auch kommt es leider immer wieder vor, dass Lehrer sich weigern, dem Kind im Schullager die ärztlich verordneten Medikamente zu verabreichen.


Eine Umfahrungsmöglichkeit besteht darin, die Lehrkraft über die ADHS zu informieren. Dazu eignen sich die Informationsbroschüren der ADHS-Verbände oder Hinweise auf ADHS-Informationen im Internet (zum Beispiel: www.adhs.ch). Bei Bedarf kann auch ein Bericht zum Beispiel der behandelnden Psychologin oder des zuständigen Arztes dazu beitragen, dass die Lehrkraft die Probleme der Kinder mit ADHS besser versteht.

Baustelle Nr. 6: Kampf um die Hausaufgaben

„Wie können wir unseren hyperaktiven Sohn Marius bloss dazu bringen, endlich und ohne Verweigerung, Trotz und Getöse seine Hausaufgaben zu erledigen?“

Umfahrungsmöglichkeit: Hausaufgaben gehören für viele Kinder mit einer ADHS zu den am meisten gehassten Tätigkeiten. Sie drücken sich, versuchen, sie auf später zu verschieben, stehen – sofern sie sich überhaupt hinsetzen – ständig wieder auf und zeigen grösste Mühe, bei der Sache zu bleiben. Nicht nur das Lachen der draussen spielenden Kinder oder die Geräusche von Nachbars Rasenmäher, sondern buchstäblich jede Fliege vermag Kinder mit einer ADHS vom Erledigen der Hausaufgaben abzulenken. Einige Kinder mit ADHS – es sind vor allem Mädchen ohne Hyperaktivität – zeigen ein gegenteiliges Verhalten: Sie lernen mit übergrossem Eifer und übertriebenem zeitlichem Einsatz. Diese Kinder berichten uns, dass sie grosse Angst haben, das Gelernte schnell wieder zu vergessen und sich nur durch exzessives Lernen in der Lage sehen würden, sich dann während des Schulunterrichtes einigermassen an den Lernstoff erinnern zu können. Die Angst, am kommenden Schultag schon wieder blamiert an der Tafel zu stehen und infolge des verkürzten Arbeitsgedächtnisses einfachste Dinge wieder nicht aus dem Gedächtnis abrufen zu können, treibt diese Kinder zu übertriebenem Lernverhalten.

Warum sind Kinder mit ADHS wie sie sind?

Unruhige und impulsive Kinder mit einer ADHS zeigen die problematischen Verhaltensweisen nicht etwa, weil sie faul oder bezüglich ihrer Intelligenz überfordert sind, sondern weil sich während dem Stillsitzen die ADHS-typische Reizoffenheit noch weiter vergrössert. Sie werden dann überflutet von inneren und äusseren Eindrücken, welche mit dem Lernen meist gar nichts mehr zu tun haben und werden dadurch abgelenkt. Lernen bedeutet häufig monotones Repetieren sowie wiederholtes und langweiliges Üben. Dazu ist neben einer Grundmotivation auch eine altersentsprechend entwickelte Fähigkeit, die Aufmerksamkeit längere Zeit aufrechterhalten zu können, erforderlich. Ausserdem müssen Impulse (zum Beispiel aufzustehen) ausreichend unterdrückt werden können. Beides Eigenschaften, welche bei Kindern mit einer ADHS in subjektiv langweiligen Situationen schwach ausgeprägt sind. Üben ist für Kinder mit ADHS grundsätzlich schwierig. Sie suchen immer Neues und Interessantes und registrieren oft Nebensächlichkeiten. Gleichzeitig bekunden sie grosse Mühe, das Gelernte zu einem Ganzen zusammenzufassen. An Details vermögen sie sich zu erinnern, nicht aber an den Gesamtzusammenhang. Eltern haben dann den Eindruck, dem Kind fehle es an Motivation oder Einsicht. Viele Kinder mit einer ADHS leiden unter diesen Lernstörungen: Sie schämen sich, weil sie merken, dass sie es eigentlich kapieren müssten – es aber nicht klappt. Das lässt sie manchmal noch reizbarer und aggressiver werden. Was tun?

Weitere Umfahrungsmöglichkeiten und Tipps gegen Erziehungsprobleme

      • Vor dem Erledigen der Hausaufgaben sollte das Kind etwas essen und trinken.
      • Es muss sichergestellt sein, dass die ADHS-Medikamente auch zu den Zeiten noch wirken, in welchen die Hausaufgaben erledigt werden.
      • Bei Hausaufgaben-Problemen muss gewährleistet sein, dass neben der ADHS keine Teilleistungsstörungen (wie zum Beispiel eine nonverbale Lernstörung oder eine Legasthenie) vorliegen, welche dem Kind das Lernen zusätzlich erschweren. Falls doch, müssten diese im Gesamtherapieplan Berücksichtigung finden.
      • Konsum von Spielkonsolen und TV beeinträchtigen ganz generell die Konzentration und das Lernvermögen. Sie sollten – wenn überhaupt – erst 45 Minuten nach dem Lernen bewilligt werden (und dann für maximal eine halbe Stunde).
      • Es macht keinen Sinn, einzufordern, dass die Hausaufgaben alleine gemacht werden müssen. Alle Appelle an die Selbstständigkeit verstärken bei Kindern mit einer ADHS das meist sowieso vorhandene Überforderungsgefühl.
      • In sehr vielen Fällen können Kinder mit einer ADHS die ihnen gestellten Aufgaben nicht lösen, weil sie die Fragestellung überfliegen, anstatt sie zu lesen. Sie schreiten zur Antwort, bevor sie die Fragestellung in Ruhe gelesen haben. Daher ist es unumgänglich, die Lernenden darin zu unterstützen, solange bei der Aufgabenstellung zu verweilen, bis diese wirklich verstanden wurde.




      • Kinder mit einer ADHS müssen konkret (und am besten schriftlich) wissen, was, wie, wann und bis wann etwas von ihnen erwartet wird.
      • Da Kinder mit ADHS nicht lange still sitzen können, macht es wenig Sinn, von diesen Kindern zu erwarten, dass sie sich lange mit den Hausaufgaben herumquälen. Es empfiehlt sich, die Kinder in einem Rhythmus von maximal 15 bis 20 Minuten lernen zu lassen. Eine Küchenuhr leistet hierzu grosse Dienste. Je nach Ausprägung der Lernstörungen soll die Bezugsperson wiederholt wieder nach dem Rechten sehen und das Kind loben und ermutigen, auch den Rest der anstehenden Aufgaben zu erledigen.
      • Viele Kinder mit einer ADHS verweigern die Hausaufgaben, wenn von ihnen erwartet wird, alleine in ihrem Zimmer zu lernen. Sie halten dies schlichtweg nicht aus. Die Ruhe und der Mangel an stimulierenden Reizen führen dann zu einer unerträglichen emotionalen Anspannung und einem gänzlichen Zusammenbruch der Filterung von irrelevanten Reizen. Das Lernen wird dann vollends unmöglich. Abhilfe schafft gelegentlich ein leise im Hintergrund laufendes Radio. Paradoxerweise berichten Kinder mit ADHS immer wieder, dass sie mit Musik im Hintergrund besser lernen können und aufnahmefähiger sind. Man sollte sie gewähren lassen. Bei einem starken hyperaktiven Syndrom und der damit verbundenen Unfähigkeit, sich überhaupt hinsetzen zu können, sollte auch erlaubt werden, mit dem Buch in der Hand im Zimmer auf- und abzugehen. Auch ein Stehpult oder ein Schaukelsessel leisten mitunter gute Dienste.
      • Kinder, aber auch Erwachsene mit ADHS, bekunden immer wieder Mühe mit dem „In-Fahrt-Kommen“. Es ist, als würde der Startknopf nicht funktionieren. Eine Belohnung in Aussicht zu stellen ist meist ebenso wirkungslos, wie das Androhen von Strafe oder anderen Sanktionen. Das Zeitfenster ist bei Menschen mit ADHS zu klein, um sich eine in Aussicht gestellte Belohnung oder eine angedrohte Strafe merken zu können. Sie leben im Hier und Jetzt. Strategisch sinnvoll ist es, unmittelbar vor dem Beginn der Hausaufgaben dem Kind einen attraktiven Reiz zu bieten (Schokoriegel, kleines Geschenk, andere Überraschung). Dabei wird das Frontalhirn bereits zu Beginn der Hausaufgaben stimuliert und die Kinder sind oftmals besser in der Lage, die Hausaufgaben auszuführen.
      • Falls die Kinder sich dann tatsächlich hinsetzen und versuchen, sich den Hausaufgaben zu widmen, sollten sie gelobt werden. Das Lob soll also nicht nur für das erfolgreiche Durchführen der Hausaufgaben erfolgen, sondern bereits für den Versuch. Die Anstrengungsbereitschaft ist an sich schon lobenswert – und nicht erst das Resultat.
      • Grundsätzlich sollte die Lernsituation positiv gestaltet werden: Der Schreibtisch des Kindes darf nicht überladen und chaotisch sein. Wenn möglich sollte es im Kinderzimmer zwei Tische haben: einen Spiel- und Chaostisch sowie einen nur zum Lernen reservierten Schreibtisch mit einer guten (!) Leselampe in einer dem Kind zusagenden Farbtemperatur. Unbedingt sollten bei Umschlägen, Mappen und Ablagesystemen verschiedene Farben zum Einsatz kommen (auch diese führen zu einer neuronalen Stimulation und können mit dazu beitragen, die aktuelle Lernfähigkeit zu erhöhen).
      • Eltern beziehungsweise die für die Betreuung der Hausaufgaben verantwortliche Person müssen täglich den Schulrucksack kontrollieren. Dieser soll nach Abschluss der Hausaufgaben (und nicht erst am nächsten Morgen) wieder ordentlich bepackt werden. Im Schulrucksack soll sich nur das für die Schule notwendige Material befinden. Auch Sporttaschen, welche für den Sportunterricht des folgenden Tages gebraucht werden, sollten am besten im Anschluss an die Hausaufgaben gepackt werden.




Diese Liste von Baustellen in Familien mit Kindern mit einer ADHS liesse sich beliebig verlängern: Stress durch Geschwister oder Elternteile, bei denen ebenfalls eine noch nicht diagnostizierte und behandelte ADHS vorliegt, Stress durch die Folgen eines zu hohen Bildschirmmedienkonsums, Stress durch Falschinformationen über die ADHS oder etwa Stress durch abwesende Väter.

Gestützt auf Rückmeldungen von vielen Eltern besteht die zweitbeste Umfahrungsmöglichkeit darin, mit einer kompetenten Fachperson zusammenzuarbeiten. Auch diesbezüglich geben die Selbsthilfeverbände gerne Empfehlungen.

Die kürzeste aller Umfahrungsmöglichkeiten ist meiner Meinung nach ein Mitwirken bei der ADHS-Selbsthilfegruppe ELPOS (Schweiz) oder in anderen ADHS-Selbsthilfeorganisationen (siehe Links in der Seitenleiste). Für fast alle Alltagsprobleme in ADHS-Familien wissen andere Eltern praxisbewährte Tipps.

Lesen Sie hier weiter, wenn diese Informationen für Sie hilfreich waren.


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© Piero Rossi




Therapie statt Ideologie – Eine praxisrelevante Bestandsaufnahme zur ADHS bei Erwachsenen


Es geht um ADHS bei Erwachsenen (Symptome, Therapie,
gesellschaftliches Verständnis). 
Interessiert?
Dann lesen Sie weiter!


Piero Rossi mit Susanne Bürgi. Erschienen erstmals in Psychoscope 11/2009

ADHS bei Erwachsenen

In zahlreichen aktuellen Medienberichten wird die Aufmerksamkeitsdefizit-/Hyperaktivitätsstörung (ADHS) als unheilvolle Modeerscheinung dargestellt. Sie sei die Folge gesellschaftlicher Reizüberflutung und erzieherischer Defizite.

Immer lauter wird die medikamentöse ADHS-Therapie diskreditierend in einen Zusammenhang mit Hirndoping und Neuro-Enhancement gebracht. Besonders befremdend klingen die Positionen der anonym operierenden Organisation „ADHS-Schweiz“, welche der ADHS jegliche Evidenz absprechen. Betroffene, Angehörige und Fachpersonen sind ob der zahlreichen unsachlichen Medienberichte zur ADHS verunsichert: Sind ADHS-Verhaltensstörungen in Wahrheit Ausdruck und Folge komplexer, frühkindlicher Bindungsprobleme? Oder ist die ADHS ein typisches Produkt des „Neurokapitalismus“ (Jokeit & Hess, 2009)? Wurden wir Opfer raffinierter Marketingstrategien der Pharmaindustrie? Ist Ritalin gar ein „Verbrechen“ (Feuser, 2009)?

Was soll man glauben?

Evidenz der ADHS

Wer ADHS-betroffene Menschen persönlich kennt und ihnen psychotherapeutischen Beistand leistet, dem erscheinen die ideologischen und zum Teil fundamentalistisch anmutenden Glaubenskämpfe über die Ursachen und gesellschaftlichen Hintergründe der ADHS obsolet und fern jeglicher praktisch-therapeutischer Relevanz.

Im klinischen Alltag stehen wir vor ganz anderen Herausforderungen. Diese gelten in erster Linie einer möglichst optimalen Behandlung der betroffenen Patientinnen und Patienten: Ob die ADHS nun die typische Krankheit der Postmoderne darstellt oder ob die Gewinne der Pharmaindustrie infolge steigenden Absatzes von Stimulanzien noch höher ausfallen als sonst, interessiert im klinischen Alltag angesichts der vielfach guten therapeutischen Wirkung dieser Medikamente niemanden. Für die Betroffenen und deren Angehörige sowie für Fachpersonen, welche mit ADHS-Patientinnen und -Patienten arbeiten, kommt der ADHS dieselbe Evidenz zu wie Angststörungen und anderen psychischen Erkrankungen.




Bei Kindern, aber auch eine unbehandelte ADHS bei Erwachsenen ist eine sich in verschiedenen Lebensbereichen manifestierende, chronisch verlaufende und ernste psychische Störung. Sie hat weitreichende Konsequenzen für die Patientinnen und Patienten sowie deren Angehörige und verursacht hohe volkswirtschaftliche Kosten. Betroffen sind neben Kindern und Jugendlichen 3,7 % aller Erwachsenen beiden Geschlechts (1:1). ADHS bei Erwachsenen kommt somit keine seltene psychische Störung.

Leben mit einer ADHS

Menschen mit einer ADHS werden seit Kindheit in ihrer Entwicklung und Lebensbewältigung durch einen gemäss aktuellem Wissensstand primär neurobiologisch bedingten chronischen Mangel an Selbstbeherrschung und Konzentration behindert. Infolge ihres Unvermögens, Impulse angemessen zu hemmen und ihre Affekte situationsgemäss zu regulieren, stehen sie meist ein Leben lang im Konflikt mit Eltern, Lehrkräften und Vorgesetzten, mit den eigenen Kindern, Partner/-innen, mit sich selbst und manchmal auch mit dem Gesetz.

Ihrer Zerstreutheit und Vergesslichkeit wegen wirken viele ADHS-Betroffene unzuverlässig, was zu chronischen Scham- und Schuldgefühlen führt. Ihr Stimulationshunger lässt sie immer neue Projekte anreissen, was bei vielen in Erschöpfungsdepressionen oder ein Burnout mündet. Das alles gilt auch für Erwachsene mit ADHS.

 

Erwartungswidrige schulische Minderleistungen und deren Folgen, berufliches Versagen, Sucht und Delinquenz, Verkehrsunfälle, Scheidungen und Verschuldung stellen einige der schmerzhaften Lebensstationen vieler ADHS-Betroffenen dar. Bis in die tiefsten Schichten ihrer Seele halten sie sich meist ein Leben lang für unfähig und dumm.

Diese und andere negative Grundannahmen, ständig genährt durch alltägliche Auswirkungen fortbestehender neuro­kognitiver Funktionsstörungen, fördern eine unheilvolle Misserfolgserwartung und führen immer wieder in einen Teufelskreis, aus dem die meisten ADHS-Betroffenen ohne psychotherapeutische Hilfe nicht mehr herausfinden.

Herausforderung ADHS-Diagnostik

Noch immer durchlaufen zu viele ADHS-Betroffene eine Odyssee von Abklärungen und verschiedensten Therapien, bis ihre Kernproblematik erfasst und behandelt wird. Zahlreiche psychologische und ärztliche Kolleginnen sind sich der klinischen Relevanz der ADHS bei Erwachsenen noch nicht bewusst.




Auf der anderen Seite besteht gleichzeitig auch ein Risiko für falsch-positive ADHS-Diagnosen. Warum? Zu Konzentrationsschwächen, impulsivem Verhalten sowie Störungen der Exekutivfunktionen kommt es in unterschiedlicher Ausprägung auch bei anderen psychischen und neurologischen Störungen. Um dem damit verbundenen Verwechslungsrisiko zu begegnen, kommt der Differenzialdiagnostik ein hoher Stellenwert zu.

Punkt E der diagnostischen ADHS-Kriterien des Klassifikationssystems DSM-IV-TR verlangt zu Recht den Ausschluss anderer Störungen, welche mit einer ADHS verwechselt werden könnten. Erwähnung finden leider nur Differenzialdiagnosen auf entwicklungs- oder psychopathologischer Ebene. Unberücksichtigt bleiben etwa seit Kindheit bestehende neuropsychologische Funktionsstörungen, neurologische Erkrankungen oder Folgen von Hirnverletzungen, welche ebenfalls mit ADHS-ähnlichen Beschwerden einhergehen können.

Um eben diese auch erfassen und einer entsprechenden Behandlung zuführen zu können, erachten wir bei Verdacht auf ADHS – im Gegensatz zu den Empfehlungen verschiedener Leitlinien – eine die klinische Untersuchung ergänzende neuropsychologische Abklärung für unverzichtbar. Eine beweisgebende ADHS-Klassifikation ermöglicht eine neuropsychologische Untersuchung indes nicht. Die Diagnose der ADHS beruht vorläufig noch auf einer klinischen Untersuchung, einer sorgfältigen Anamneseerhebung und einer zwecks Differenzialdiagnose durchgeführten neuropsychologischen Untersuchung.

Unzuverlässige ADHS-Tests?

Anders als in einem Forschungssetting stehen wir in der Praxis nicht nur entweder ADHS-Betroffenen oder Gesunden gegenüber. Wir sind mit vielfältigen und sich überschneidenden Störungsbildern konfrontiert und erwarten von einem Test, dass dieser differenziell valide ist und eine verlässliche diagnostische Zuordnung ermöglicht. Leider finden selbst bei neueren ADHS-Tests klinische Vergleichsstichproben wenig oder keine Berücksichtigung.

Obwohl sie bezüglich Konzentrations- und Impulskontrollproblemen keine signifikanten Unterschiede gegenüber Patientengruppen mit affektiven und anderen psychischen Störungen abbilden und konstruktionsbedingt wenig spezifisch sind, kommt diesen Testbefunden im klinischen Alltag oftmals eine beweisgebende Funktion zu. Das erhöht das Risiko von falsch positiven ADHS-Diagnosen.

So wichtig die diagnostischen Kriterien der Klassifikationssysteme DSM-IV-TR und ICD-10 für die Therapieforschung und Krankenkassenentscheide auch sein mögen: Aus einer klinisch-therapeutischen Perspektive erscheinen sie in Bezug auf erwachsene Patientinnen und Patienten wenig valide. Je mehr erwachsene ADHS-Betroffene wir untersuchten und behandelten, umso deutlicher wurde, dass die ADHS-Diagnose im Sinne der gemäss DSM-IV-TR geforderten klinisch akuten Zustandsstörungen (Achse-I-Störung) nur selten vorkommt.




ADHS-Spektrum-Störung

Was uns begegnet, sind vielmehr Menschen mit chronifizierten ADHS-charakteristischen Verhaltensweisen und festgefahrenen ADHS-Persönlichkeitszügen. Wir sehen des Öfteren mehr oder weniger gut kompensierte ADHS-Kernsymptome und Vermeidungsstrategien, die von verschiedenen akuten psychopathologischen Störungsbildern wie etwa Suchtstörungen überlagert werden und die ADHS maskieren können. Auf Berührungspunkte zwischen der ADHS und der Borderline-Persönlichkeitsstörung haben Winkler und Rossi (2001) hingewiesen.

Daneben begegnen uns vor allem bei Frauen sowie bei intelligenten Patientinnen und Patienten akute, ADHS-ähnliche Beschwerdebilder, welche die diagnostischen Kriterien der Klassifikationssysteme zwar nicht erfüllen, in ihrer Gesamtheit sowie nach Würdigung sämtlicher Differenzialdiagnosen einer ADHS aber sehr nahe kommen. Wiederholt haben wir in diesem Zusammenhang beobachtet, dass Patientinnen und Patienten mit der Begründung einer zu späten Erstmanifestation (beeinträchtigende ADHS-Symptome müssen nach DSM-IV-TR vor dem siebten Lebensjahr vorliegen) eine sich später als wirksam erweisende ADHS Therapie vorenthalten blieb.

Mit der Bezeichnung ADHS-Spektrum-Störung, welche übergeordnet sowohl die ADHS gemäss DSM-IV-TR als auch atypische und subklinische Bilder umfasst, versuchen wir deshalb – bei aller diagnostischen Sorgfalt – auch solchen Patientinnen und Patienten und ihren Beschwerden klinisch- therapeutische Evidenz zukommen zu lassen.

Therapie der ADHS

Im Hinblick auf die Therapie für Erwachsene mit ADHS unterschätzen der­zeit noch zahlreiche ärztliche Kolleginnen den Stellenwert der Psychotherapie, während viele psychologische Psychotherapeutinnen die Bedeutung der medikamentösen Behandlung verkennen. Erfahrungsgemäss braucht es in der Regel beides.

Psychotherapie

Wie für andere Patientinnen und Patienten bilden auch für Erwachsene mit ADHS „Verstehen“ und „Verstanden werden“ die wichtigsten Grundpfeiler einer erfolgreichen Therapie. Auf Behandlerseite sind neben neuro­psychologischem und psychopharmakologischem Know-how auch in der Arbeit mit erwachsenen ADHS-Patientinnen und -Patienten berufliche Er­fahrungen mit Kindern mit einer ADHS relevant. Ziel einer Therapie sollte dabei die Etablierung eines angemesseneren Selbstbildes sein, welches die neurokognitiven Handicaps integriert und zu Selbstkontrolle und Handlungsfähigkeit führt.

Methodisch haben sich kognitiv-behaviorale Ansätze bewährt, wobei sich die individualisierte Anwendung einzelner Module aus ADHS-Therapiemanualen (zum Beispiel Safren 2009) als hilfreich erwiesen haben. Je nach Problemlage, Komorbiditäten und Ressourcen kommt auch anderen therapeutischen Konzepten Berechtigung zu. So gewinnen traumatherapeutische Ansätze zusehends an Bedeutung, weil zahlreiche erwachsene ADHS-Patientinnen und -Patienten durch ADHS-bedingte Lebens­erfahrungen traumatisiert sind und vereinzelt Symptome einer leichten, chronifizierten posttraumatischen Belastungsstörung zeigen.

 

Medikation

Diese stellt in vielen Fällen eine Bedingung für den Behandlungserfolg dar. So bildet das Wiedererlangen der Kernkompetenzen Selbstaufmerksamkeit, Handlungsfähigkeit, Innehalten und Zuhören können die Voraussetzung für das Ansprechen auf eine Psychotherapie. Ein sorgfältiges Ausloten und konsequentes Ausschöpfen der mit einer Medikation verbundenen therapeutischen Möglichkeiten führt denn auch zu erfreulich hohen Responderraten. Dabei stehen Methylphenidat und andere Stimulanzien sowie auch Atomoxetin zur Verfügung. In einigen Fällen ist auch eine Kombination mit noradrenerg wirkenden Antidepressiva erforderlich.

Multimodale Therapie

Von einer medikamentösen Behandlung der ADHS ohne begleitende Psychotherapie ist abzusehen. Die Medikation vermag zwar verschiedene Aufmerksamkeits- und auch einige Exekutivfunktionen zu stabilisieren, die negativen Grundannahmen und deren Auswirkungen hingegen vermag sie nicht einfach so aufzulösen. Ausserdem verbessert die Behandlung mit Stimulanzien die Selbstaufmerksamkeit und eröffnet Zugang zu Verarbeitungsprozessen, die einer psychotherapeutischen Begleitung bedürfen, wie etwa Trauerarbeit. Von einer Psychotherapie der ADHS ohne Medikamente raten wir nach einschlägigen Erfahrungen ebenfalls ab. Allfälliges Misstrauen gegenüber Medikamenten soll ernst genommen werden. Ihm kann mit Bereitstellung von Fachinformationen begegnet werden.

Anstehende Entwicklungen

In einigen Jahren werden wir mehr über das wissen, was wir heute als ADHS konzipieren. Biopsychologische Modelle werden voraussichtlich zu einem differenzierteren Störungskonzept und zu wirkungsvolleren therapeutischen Optionen führen. Wahrscheinlich werden zudem Biomarker eine zuverlässigere Diagnostik ermöglichen – hoffentlich ohne die Einzigartigkeit des Individuums zu vernachlässigen. Möglicherweise führt die Erforschung des ADHS-Endophänotyps zu einer Überwindung der Grenzen herkömmlicher Klassifikationssysteme.




Zu wünschen ist überdies, dass im Rahmen der Aktualisierung des DSM-IV Erwachsenen mit ADHS mehr Auf­merksamkeit zukommen wird, ebenso wie der neuropsychologischen Perspektive, der bisher vernachlässigten Impulsivitätproblematik sowie einer dimensionalen Sichtweise, welche auch subsyndromale Diagnosen ermöglicht.

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Literatur

Feuser, G. (2009). Ritalin ist ein Verbrechen. Weltwoche, 26/09.
Jokeit, H., & Hess, E. (2009). Neurokapitalismus. Merkur, 721, 541–545.
Rossi, P. (2001). Zerstreut, gereizt, leicht ablenkbar. Psychoscope, 3/2001, 6–9.
Safren, S.A., Perlman, C.A., Sprich, S., & Otto, M.W. (2009). Kognitive Verhaltenstherapie der ADHS des Erwachsenenalters. Berlin: Medizinisch Wissenschaftliche Verlagsgesellschaft.
Winkler, M., & Rossi, P. (2001). Borderline-Persönlichkeitsstörung und ADHS bei Erwachsenen. Persönlichkeitsstörungen, 5, 39–48.



 

Wie man einen Satz oder einen Abschnitt aus diesem Text korrekt zitiert
Rossi, Piero: „ADHS & Bildschirmmedien“. In: Internetseite: www.ADHS.ch. Stand: [Datum der letzten Aktualisierung]. Abgerufen am: [Datum der Textentnahme]. Online im Internet URL:  http://www.adhs.ch/bildschirmmedien-und-adhs/ ‎


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Dumm, faul, unfähig? ADHS bei Jugendlichen, Frauen und Männern

 


Bin ich zu dumm? Oder einfach nur unfähig?
Warum Menschen mit ADHS tief sitzende Minderwertigkeitsgefühle haben. Und was man dagegen unternehmen kann. Über ADHS bei Erwachsenen (Frauen, Männer) und Jugendliche. Lesen Sie weiter!


 

Einleitung

Piero Rossi. Ergänztes Vortragsmanuskript (2002)

http://www.adhs.ch/ueber-mich/„Das ADHS-Kind wird erwachsen“. Je länger ich über diesen Titel nachgedacht habe, umso mehr fragte ich mich: Werden denn Kinder mit einer ADHS überhaupt jemals erwachsen? Klar, sie werden volljährig, bekommen einen Bart, versuchen, sich angemessen auszubilden, fahren Auto, bekommen Kinder, haben irgendwann graue Haare und werden vielleicht Grosseltern.

Aber: Werden diese Kinder aber auch seelisch erwachsen? Werden sie wirklich beziehungsfähig? Können betroffene Frauen und Männer sich beruflich ihren Begabungen und Interessen entsprechend entwickeln? Können sich ihr Selbstbewusstsein, ihre Selbsteinschätzung, ihre Selbstbeherrschung und ihre Selbststeuerung tatsächlich zu einem persönlich befriedigenden Lebensvollzug und zu reifem Denken und Handeln entwickeln?

Und vor allem: Wie kann man dazu beitragen, dass Kinder mit einer ADHS zu gesunden und glücklichen Frauen und Männern heranwachsen? Je länger ich über diese Fragen nachdachte, umso unwohler wurde mir vor allem beim Gedanken, wie lange ich wohl diesmal an dem Vortragsmanuskript sitzen würde.

ADHS bei Männern

Zuerst zu den Männern: Das nicht aus Unhöflichkeit heraus, sondern weil die ADHS bei Männern häufiger vorkommt als bei Frauen (3:1). Um nicht missverstanden zu werden, will ich betonen, dass die folgenden Beispiele dem entsprechen, was ich persönlich in meiner Arbeit als Psychotherapeut erfahre. Es gibt immer mehr Männer, Väter und Ehepartner, welche gelernt haben, mit ihrer ADHS positiv umzugehen. Das gilt im Speziellen für diejenigen Knaben und jungen Männer, deren ADHS behandelt wurde oder wird.

Trotzdem: Wenn ich höre, was mir Ehefrauen und Kinder mit einer ADHS in der Abklärung so alles über ihre ADHS-betroffenen Männer und Väter erzählen, aber auch, was diese selber mir während ihrer Untersuchung berichten, dann frage ich mich manchmal schon, wie es mit dem Erwachsenwerden der ADHS-Männer so steht.

Ich höre von diesen Männern,

  • dass sie immer auf dem Sprung sind, ständig Neues anzetteln und am liebsten drei Mal im Jahr ein neues Auto oder eine neue Kamera kaufen würden, weil ihnen das Alte schnell langweilig wird und sie immer etwas Neues haben müssen
  • dass sie generell an neuen Dingen wie Hobbys, Sport- oder Computerartikeln meist nur kurz Interesse haben, häufig Nachschub brauchen und sich fast süchtig immer wieder neuen Sachen zuwenden
  • dass sie gleichzeitig mehr Projekte am Laufen haben, als sie vertragen können und vieles anfangen – und ebenso vieles nicht zu Ende bringen
  • dass sie es im Beruf viel weiter bringen müssten, aber aus Langeweile, wegen Flüchtigkeitsfehlern oder aus Ärger mit dem Chef zu schnell und zu häufig die Stellen wechselten
  • dass sie immer wieder daran erinnert werden müssen, dass die Wohnzimmerlampe endlich höher gehängt werden und das Rasenmähermesser endlich geschliffen werden muss
  • dass das Finanzamt wegen der fehlenden Steuererklärung schon wieder nachfragte und die Männer diese und viele andere Aufgaben vor sich herschieben mit der Begründung, dass jetzt gerade Wichtigeres zu tun sei
  • dass sie impulsiv sind und vor allem auch bei Kleinigkeiten schnell in Wut geraten
  • dass sie dauernd mit den Fingern trommeln oder im Sitzen mit den Füssen wippen und eigentlich fast immer unruhig sind
  • dass sie Fingernägel kauen und ständig an den Barthaaren zupfen
  • einfach nicht wirklich geniessen können und Mühe haben, sich zu entspannen
  • dass sie immer wieder Bussen wegen Geschwindigkeitsübertretungen einfahren oder einen Strafzettel heimbringen, weil sie beim Parkplatzsuchen wie immer keine Geduld hatten und die nächstbeste Lücke besetzten




  • dass sie es immer eilig haben und im Stress sind, häufig zu spät aus dem Haus gehen, zu spät ankommen und überhaupt ein sehr schlechtes Zeitgefühl haben
  • dass sie gesellschaftlichen und familiären Anlässen wenn immer möglich ausweichen, weil sie das „Blabla“ und den Smalltalk hassen und weil sie anderen nur dann zuhören können, wenn es wirklich interessant ist
  • oder sich in Gesellschaften gern produzieren, so dass es gar nicht mehr auffällt, dass sie anderen gar nicht in Ruhe zuhören können
  • dass sie beim gemeinsamen Frühstücken mit der Partnerin gleichzeitig Zeitung lesen, Radio hören, dazwischen dauernd kurz aufstehen, durch den Vorhang sehen und kommentieren, dass der Nachbar jetzt heimkommt und trotzdem steif und fest behaupten, sie würden ihnen wirklich zuhören
  • dass sie häufig auf Achse sind oder oftmals handeln, als wären sie wie getrieben
  • dass sie gerne das Risiko suchen und am „Adrenalin-Junkie-Syndrom“ leiden
  • dass sie häufig mit Antworten herausplatzen, bevor die Frage zu Ende gestellt ist oder in Gespräche anderer hineinplatzen oder andere häufig unterbrechen
  • Und: Ich höre über Männer, dass sie wie Kinder nicht warten können

Sie merken es schon: Viele Männer mit einer ADHS zeigen in ihrem Verhalten erstaunlich viele Ähnlichkeiten mit hyperaktiven Kinder mit einer ADHS. Ob sie also wirklich erwachsen werden? Können auch Erwachsene an einer ADHS leiden?

In meinen ersten Ausführungen sprach ich mit so einer Selbstverständlichkeit von erwachsenen ADHS-Betroffenen, dass Sie vielleicht erstaunt waren. Wenn Sie das stutzig machte, ist dies verständlich: Die Tatsache nämlich, dass sich die ADHS auch ins Erwachsenenalter fortsetzen kann, ist in Europa auch unter Fachpersonen noch nicht lange bekannt. So berichtete mir die Mutter nach der Abklärung ihrer 12-jährigen Tochter, sie sei schon vorher durch die Fragebögen und Bücher darauf gestossen, dass sie selbst vielleicht auch an einer ADHS leiden könnte.

Zu viele dieser Symptome kenne sie nämlich auch selbst und dies seit ihrer Kindheit. Sie habe dann ihren Arzt, bei welchem sie wegen chronischen Depressionen in Behandlung ist, darauf angesprochen. Dieser habe ihr gesagt, sie könne sich beruhigen: „Ein POS (Psycho-organisches Syndrom / ADHS) wächst sich mit der Pubertät aus.

Es kann nicht sein, dass Erwachsene POS haben.“ Ich höre das von meinen Patientinnen und Patienten immer wieder. Viele der Ratsuchenden, welche meine Praxis aufsuchen, haben eine Odyssee von Therapie zu Therapie hinter sich, bis sie endlich an eine auch mit der ADHS vertraute Fachperson geraten und sich verstanden und ernst genommen fühlen.




Häufigkeit und Verlauf

Eine Vielzahl von internationalen wissenschaftlichen Studien, die sich mit dem Verlauf und der Verbreitung der ADHS befassen, zeigen, dass bei der Hälfte der Kinder mit einer ADHS auch im Erwachsenenalter behandlungsbedürftige psychische Probleme, welche durch die ADHS-Grundproblematik aufrechterhalten werden, fortbestehen.

Rund 5 Prozent aller Kinder und circa 3 Prozent aller Erwachsenen sollen die diagnostischen Kriterien für die ADHS erfüllen. Die ADHS gilt weltweit als die häufigste kinderpsychiatrische Erkrankung. Selbst wenn nicht bei der Hälfte, sondern nur bei einem Drittel dieser Kinder die Störung im Erwachsenenalter fortbestehen sollte, so ist es naheliegend, dass die ADHS auch bei Erwachsenen sehr verbreitet sein muss. Im Hinblick auf die Geschlechterverteilung geht man heute davon aus, dass Frauen und Männer von der ADHS gleichhäufig betroffen sein können.

Modediagnose?

Leider muss ich immer wieder hören, dass das Thema ADHS bei Erwachsenen zum Teil auch von Fachpersonen nicht ernst genommen wird und auch mal als Modediagnose bezeichnet wird. Das Wissen, dass die ADHS auch im Erwachsenenalter fortbestehen kann, ist nämlich alles andere als neu: Bereits 1962 beschrieben Forscher, dass viele ehemals Hyperaktive als Erwachsene emotional impulsiv bleiben, eine niedrige Frustrationstoleranz haben und dazu neigen, in Wutanfällen, Panikattacken oder Befürchtungen zu entgleisen.

Anfang der 70er Jahre wandte sich Paul Wender, einer der bekanntesten ADHS-Forscher der USA, intensiv der Erforschung der ADHS bei Erwachsenen zu. Bereits Ende der 70er Jahre fanden bei Erwachsenen Therapieversuche mit Stimulanzien, den klassischen ADHS-Medikamenten, statt.

Sogar Sigmund Freud, der Begründer der Psychoanalyse, wusste um diese Problematik. Er analysierte bei Erwachsenen das Phänomen der Unaufmerksamkeit und Ablenkbarkeit und schrieb 1901 in seiner Schrift „Zur Psychopathologie des Alltagslebens“:

„Es gibt Menschen, die man als allgemein vergesslich bezeichnet und darum in ähnlicher Weise als entschuldigt gelten lässt wie etwa den Kurzsichtigen, wenn er auf der Strasse nicht grüsst. Diese Personen vergessen alle kleine Versprechungen, die sie gegeben, lassen alle Aufträge unausgeführt, die sie empfangen haben, erweisen sich also in kleinen Dingen als unverlässlich und erheben dabei die Forderung, dass man ihnen diese kleineren Verstösse nicht übel nehme, d.h. nicht durch ihren Charakter erklären, sondern auf organische Eigentümlichkeit zurückführen solle.“

In einem anderen Aufsatz schrieb Sigmund Freud:

„Ein bekanntes Beispiel solcher Zerstreutheit ist der Professor der fliegenden Blätter, der seinen Schirm stehen lässt und seinen Hut verwechselt, weil er an die Probleme denkt, die er in seinem nächsten Buch behandeln wird.“

Es ist schon erstaunlich, wie Sigmund Freud vor über 100 Jahren in fast hellseherischer Manier moderne wissenschaftliche Erkenntnisse vorwegnahm und indem er schrieb, dass „… Abänderungen der Blutversorgung im nervösen Zentralorgan…“ eine der Ursachen von Aufmerksamkeitsstörungen sein könnte.




Damit formulierte er vorausschauend die heutige, von den meisten Wissenschaftler/-innen anerkannte Erkenntnis, dass mit überwiegender Wahrscheinlichkeit eine genetisch bedingte reduzierte neuronale Aktivität im Stirnhirnbereich – und eben nicht Charakter- oder Erziehungsprobleme – die primäre Ursache der ADHS darstellen.

Die mehreren Hundert englischsprachigen wissenschaftlichen Publikationen zur ADHS bei Jugendlichen und Erwachsenen, wahrscheinlich handelt es sich sogar um eine vierstellige Zahl, hat man in Europa lange nicht zur Kenntnis genommen.

1998 erschien erstmalig in deutscher Sprache eine Übersetzung des Buches „Zwanghaft zerstreut“ von Edward Hallowell. Er beschreibt darin Frauen und Männer mit ADHS. Und im gleichen Jahr erschienen in deutschsprachigen Fachzeitschriften die ersten Fachartikel zur ADHS bei Erwachsenen.

Der unaufmerksame Typus der ADHS

In Europa hat man aber lange nicht nur verkannt, dass ADHS auch bei Frauen und Männern vorkommen kann. Man hat auch nahezu komplett ignoriert, dass es neben dem hyperaktiven Typus auch einen stillen, verträumten und unaufmerksamen Typus der ADHS gibt. Also die ADHS ohne „H“. Wir alle kennen den Störenfried und den Zappelphilipp – eben das so genannt typische ADHS-Kind mit hyperkinetischen Verhaltensauffälligkeiten. Der „Hans-Guck-in-die-Luft“, wie ihn der Arzt Philipp Hofmann in seinem Kinderbuch „Der Struwwelpeter“ bereits 1845 beschrieb, also das verträumte, zerstreute, unaufmerksame, vergessliche und langsame Kind, fand in Europa bisher kaum Beachtung. Vor allem bei Mädchen und Frauen kommt der ADHS vom unaufmerksamen Typus eine grosse Bedeutung zu.

 

Verhängnisvoll ist dieses Ausklammern des unaufmerksamen Typus der ADHS auch deswegen, weil unter den Betroffenen viele Mädchen sind. Mädchen und Frauen werden nicht nur im Bildungs- und Erwerbsleben benachteiligt, sondern auch in der Forschung: Viele der Studien über die ADHS wurden und werden ausschliesslich mit Knaben, Jungs oder Männer durchgeführt. Man hat Mädchen, Frauen und den unaufmerksamen Typus der ADHS lange vernachlässigt.

Eine Studie der Universität Zürich über die Tauglichkeit eines computergestützten Aufmerksamkeits-Tests bei Kindern mit einer ADHS, welche Ende 2000 veröffentlicht worden ist, wurde ausschliesslich mit Knaben durchgeführt. Mich persönlich wundert es angesichts dieser Selektionskriterien nicht, wenn auch heute noch hartnäckig daran festgehalten wird, dass die ADHS bei Knaben sehr viel häufiger vorkomme, als bei Mädchen.

 

Feldforschungen führten dazu, dass die Amerikanische Psychiatrische Gesellschaft (APA) 1980 in der dritten Version der DSM (Diagnostisches Manual und Klassifikationssystem psychischer Störungen) die Bezeichnung „Hyperkinetische Störung“ durch „ADD“ (Attention Deficit Disorder) ersetzte. Damit trugen sie den Forschungsresultaten Rechnung und setzten Probleme mit der Konzentration und Aufmerksamkeit in den Mittelpunkt dieses Störungsbildes. Ab 1980 war es also offiziell möglich, eine ADHS ohne Zeichen der Hyperaktivität oder Impulsivität zu diagnostizieren und zu behandeln. Da Mädchen beziehungsweise Frauen häufiger an der stillen Form der ADHS leiden, fielen sie lange aus dem Diagnose- und Begriffsraster.

Die heute noch gültige Version der DSM-IV von 1994 erlaubt die Diagnose von drei Typen der ADHS: nämlich den vorwiegend unaufmerksamen Typus, den vorwiegend hyperaktiven Typus und den Mischtypus. Epidemiologische Studien, welche in den USA zwischen 1995 und 1997 durchgeführt wurden, zeigten, dass die ADHS ohne Hyperaktivität kein Phantom ist, sondern quasi doppelt so häufig vorkommt, wie der meistens alleine anerkannte hyperaktive und primär männliche Typus der ADHS.

Die Auftretenshäufigkeit des unaufmerksamen Typus der ADHS beträgt zwischen 4.5 und 9 Prozent. Der kombinierte Typus hingegen liess sich bei 1.9 bis 4.8 Prozent der Bevölkerung feststellen und der hyperaktive Typus bei 1.7 bis 3.9 Prozent.




Bevor ich mit weiteren Beispielen aus meiner Praxis und Informationen zur ADHS bei Jugendlichen und Erwachsenen (Frauen und Männer) alter fortfahre, will ich jetzt einen kurzen Kameraschwenk vornehmen zu den Ursachen der ADHS.

ADHS als Schwäche der Hemmfunktionen

Aus der Vielfalt von alltäglichen Verhaltensweisen oder Erleben eines Menschen mit einer ADHS sieht man ja nicht das ADHS selbst, sondern die für einen selbst oder für andere oft schmerzhaften Folgen und Auswirkungen dieses Syndroms: Eine ADHS kann tausend Gesichter haben. Um diese unendlich vielen ADHS-typischen Verhaltensweisen oder Empfindungen wirklich verstehen und diagnostisch korrekt einordnen zu können, braucht es ein Grundwissen über das Wesen der ADHS.

Gemäss dem aktuellen Stand der Erforschung dieses Syndroms besteht das Kernmerkmal der ADHS in einer neurochemisch bedingten Schwäche relevanter Hirnfunktionen. Folgen sind Zerstreutheit, Ablenkbarkeit, Vergesslichkeit und bei einigen Betroffenen auch Impulsivität und hyperaktives Verhalten.

Man weiss heute, dass bei der ADHS bestimmte Nervenzellen untereinander nicht genügend aktiv kommunizieren, und zwar in genau denjenigen Hirnregionen, welche im Normalfall sehr flexibel die von aussen auf uns eintreffenden Reize filtern, dann sortieren und schliesslich für eine angemessene Verarbeitung und Reaktion auf diese Reize sorgen.

Gleichzeitig können bei einer ADHS innere Impulse nicht genügend reguliert, abgefedert und abgebremst werden. Es kann sich dabei um Verhaltensimpulse handeln, denen man nicht widerstehen kann oder die sich einfach automatisch ereignen. Beispiele dafür sind Bewegungsimpulse, Sprechimpulse oder ein Kaufimpuls.

Eine reduzierte Impulskontrolle kann zudem leicht zu Unfällen oder zu Ärger mit Arbeitskolleginnen und -Kollegen führen. Nicht genügend gefiltert und abgebremst werden aber auch impulsive Gedanken, innere oder äussere Stimmungen, Gefühle, Geräusche, Gerüche oder auch alles zusammen.

Es ist die fehlende Steuerung beziehungsweise die mangelhaft funktionierende Kontrolle über die Reaktionen auf die hereinbrechenden Stimuli, welche zu den ADHS-typischen und zentralen Kernproblemen mit der Selbstbeherrschung führt – mit all ihren bekannten und meist leidvollen Folgen in der Familie, in der Schule, in Beziehungen und am Arbeitsplatz. Bei der ADHS sind also die Hirnregionen, welche die innere Bremse und den Reizfilterschutz regulieren, zu wenig aktiv. Sie sind damit also nicht etwa defekt: Wer an einer ADHS leidet, hat keinen „Hirnschaden“, denn sonst könnte man sich auch bei spannenden oder interessanten Tätigkeiten nicht konzentrieren.




Um von einer ADHS zu reden, muss die innere Bremse seit Kindheit so störend unregelmässig funktionieren, dass die Betroffenen dadurch massgeblich behindert werden, ihre Persönlichkeit, ihr Potenzial und ihre Begabungen zu entwickeln und in der Folge darunter auch leiden.

Das Brems- und Filtersystem im Gehirn von ADHS-Betroffenen funktioniert leider nur dann gut, wenn diese Hirnregionen zusätzlich von aussen oder von innen angeregt und stimuliert werden: Dann erst normalisiert sich der Hirnstoffwechsel und dann erst vermag man sich gut zu konzentrieren, ist nicht von jeder Fliege abgelenkt und kann eine Sache durchziehen.

Frauen und Männer, Kinder und Jugendliche mit einer ADHS brauchen sehr viel Stimulation, um normal zu funktionieren. Sobald es monoton, reizarm, langweilig und uninteressant wird, versagen das Reizfiltersystem und die innere Bremse: Man wird gereizt, kann sich nicht mehr konzentrieren, Impulse brechen durch, man handelt, ohne zu denken, oder wird depressiv, oder träumt vor sich hin, oder sieht zum Fenster hinaus oder versucht, sich durch stimulierende innere Bilder, Fantasien oder Selbstgespräche Anregung zu verschaffen.

Die Schwäche der Reizverarbeitung und der Impulskontrolle erklären auch, warum viele Kinder mit einer ADHS liebend gerne Musik hören zum Aufgabenmachen oder zum Einschlafen. Geräusche aktivieren, stimulieren und normalisieren ihren Reizfilter und die innere Bremse: Die betroffenen Kinder werden ruhiger, selbstbeherrschter und konzentrierter. Meistens ernten diese Kinder aber nur Unverständnis, wenn sie darauf bestehen, dass sie sich mit Musik besser konzentrieren oder im Bett besser abschalten können und – meistens zusätzlich noch mit etwas Licht – sich auf den Schlaf konzentrieren können.

Die Reizoffenheit und die mangelnde Impulskontrolle erklären auch, warum zum Beispiel im Alltag schon kleinste Geräusche eine Orientierungsreaktion auslösen können und – um ein Beispiel zu nennen – die Aufmerksamkeit reflexartig von der Lehrerin auf einen herabfallenden Kugelschreiber umgelenkt wird. Die Reizoffenheit erklärt auch, wieso ADHS-Betroffene manchmal so ausgeprägt sensibel sind, dass sie zum Selbstschutz psychisch „dicht“ machen müssen, um nicht unterzugehen.

Und sie erklärt, wieso sie durch Aussenstimmungen so leicht negativ, aber auch positiv, beeinflussbar sind. ADHS-Betroffene regen sich auf und lassen sich irritieren und werden in Gedanken gefangen genommen von Kleinigkeiten oder Details, welche von anderen kaum wahrgenommen werden.




Wenn in der Alltagsroutine der innere Filter und die innere Bremse nicht richtig funktionieren und man viel leichter als andere Menschen schutzlos inneren und äusseren Reizen ausgeliefert ist und seine Reaktionen nicht genügend kontrollieren kann (und das ist der Kern der ADHS-Problematik), hat das Folgen für die ganze Entwicklung und den Lebensvollzug eines Menschen. Der Grund ist, dass die bei der ADHS angeborene Schwäche dieser Basisfunktionen auch die Entwicklung von anderen geistigen Funktionen in Mitleidenschaft ziehen kann.

Störungen des Arbeitsgedächtnisses

Der Arzt Russell Barkley, einer der führenden ADHS-Forscher in den USA, beschreibt eine ganze Reihe von kognitiven Grundfunktionen, welche sich bei Vorliegen einer ADHS nicht altersentsprechend entwickeln können: Dazu gehört vor allem das Arbeitsgedächtnis. Vereinfachend formuliert, funktioniert das Arbeitsgedächtnis wie eine Sortierstation. Dort werden in einem aktiven Prozess die eintreffenden Informationen entweder kurz zwischengelagert, bearbeitet oder im Langzeitgedächtnis abgelegt.

Das Arbeitsgedächtnis von ADHS-Betroffenen hat im Alltag und in Routinesituationen Kapazitätsprobleme. Die Sortierstation kann dann nicht so viel wie eigentlich erforderlich verarbeiten. Menschen mit einer ADHS geraten leicht in Stress, wenn zu viel auf sie einströmt oder wenn sie schnell Informationen aus dem Langzeitgedächtnis abrufen müssen. Sie müssen sich viel mehr anstrengen beim Lernen oder können nicht gleichzeitig dem Lehrer zuhören und sich les- und brauchbare Notizen machen. Ihre selektive Aufmerksamkeit leidet massgeblich. Das Arbeitsgedächtnis funktioniert erst dann normal, wenn man sich in einer interessanten oder stimulierenden Situation befindet. Dies erklärt, wieso die Leistungen von ADHS-Betroffenen in der Schule, aber oft auch im Berufsleben, so sehr schwanken.

Warum das so ist, darüber gibt es mehrere Theorien. Wahrscheinlich strömen infolge der problematischen Filterung und der reduzierten Hemmung von Reizen zu viele unwichtige Informationen ins Arbeitsgedächtnis. Störungen in der Entwicklung des nonverbalen Arbeitsgedächtnisses haben zur Konsequenz, dass man unter anderem ein vermindertes Zeitgefühl hat.

Die Fähigkeit, Ereignisse im Gedächtnis zu behalten und Entscheidungen und Handlungen in der Gegenwart durch zeitliche Rückschau und Voraussicht – also überlegt und bedacht – zu vollziehen, an dieser Fähigkeit fehlt es vielen ADHS-Betroffenen: Sie handeln unüberlegt, kommen zu spät, trödeln oder hetzen und stressen andere, weil sie so im Moment leben und immer sehr auf den Augenblick fixiert sind und Sachen sofort haben und Dinge direkt sagen müssen (sie vergessen sie sonst). Russel Barkley sagt, Menschen mit ADHS sind zeitblind.

 

Russell Barkley sagt weiter, dass sich bei der ADHS auch das verbale Arbeitsgedächtnis nicht recht entwickelt. Folgen sind, dass sich ADHS-Menschen viel schlechter als andere via Selbstgespräche zu steuern vermögen.

Gemeint ist damit eine Störung in der Entwicklung der Internalisierung von an sich selbst gerichteter Rede. Beispiel: Jemand sagt zu sich: „Stopp, das reicht!“ oder „Warte noch etwas zu!“). Konsequenzen dieser Schwäche, das eigene Verhalten sprachlich zu regulieren, sind eine geringe Selbststeuerung und eine reduzierte Selbstkontrolle. Aber auch die Fähigkeit zur Selbstbefragung – und damit des sich Hinterfragens – entwickelt sich nicht richtig. Entweder man wird egozentrisch (und wirkt auf andere bisweilen narzisstisch) oder es entwickelt sich das Gegenteil: Man wird übermässig selbsthinterfragend und selbstkritisch.

Als weitere wichtige Grundfunktion, die sich bei der ADHS nicht altersgerecht entwickelt, nennt Russel Barkley die mangelnde affektive Impulskontrolle: ADHS-Betroffene bleiben oft lebenslang emotional abhängig von und beeinflussbar durch äussere Stimmungen. Sie fühlen sich emotional, oft aber auch in ihrem ganzen Lebensvollzug wie fremdbestimmt.




ADHS bei Frauen

Damit haben wir genügend theoretische Bausteine, um uns wieder den Alltagserfahrung von erwachsenen ADHS-Betroffenen zuzuwenden, diesmal den Frauen: In meiner täglichen Arbeit höre ich von jungen und reiferen Frauen mit einer ADHS,

  • dass sie sich häufig selbst nicht im Griff haben (zum Beispiel beim Reden, beim Essen, beim Geld ausgeben, beim Nägelkauen, beim Nachdenken oder einer anderen Tätigkeit)
  • dass sie beim Lesen oft neu anfangen, da sie mit offenen Augen träumen, viel zu leicht den Faden verlieren oder einfach abdriften
  • dass sie auffallend häufig beim „Halbzuhören“ – also quasi nebenbei – besser aufnahmefähig sind und mehr mitbekommen, als wenn sie sich einer Sache direkt zuwenden
  • dass sie zu häufig unpassende Sachen gerade heraus sagen, obwohl sie nicht passen, es selbst aber erst nachher merken und sich dann schämen oder ärgern, weil sie einmal mehr ihrer Voreiligkeit wegen etwas vermasselt haben (zum Beispiel aus der Wut heraus und unüberlegt den Job hinschmeissen)
  • dass sie sich nur dann wirklich entspannen können, wenn sie sich auf etwas konzentrieren können
  • dass sich ihr Leben innerlich oder äusserlich in Extremen abspielt, was sich bei einigen auch in grossen Gewichtsschwankungen niederschlägt
  • dass es ihnen schwer fällt, sich auf den Schlaf zu konzentrieren und dass sie speziell starke Schlaftabletten benötigen, da sie mit normalen Schlafmitteln noch unruhiger werden
  • dass sie chronisch mit einem inneren Chaos kämpfen und dauernd das Gefühl in sich tragen, nichts so richtig auf die Reihe zu kriegen
  • dass sie sich von eigentlich machbaren Dingen chronisch und übermässig schnell überfordert und gestresst fühlen
  • dass sie in der Hausarbeit dazu neigen, schnell den Überblick zu verlieren, sich verzetteln und dadurch in Druck und Stress geraten
  • dass sie immer grosse Unordnung haben, sich schämen, andere einzuladen und darunter leiden




  • dass sie zusätzlich zu einer Putzfrau eine Aufräumfrau bräuchten, weil sie ver-räumen statt aufzuräumen und Ordnung halten ihr wirkliches Problem ist
  • dass sie sogar ausserstande sind, selbst aufgestellte Regeln einzuhalten, und sich somit auch in der Erziehung der Kinder viel zu inkonsequent verhalten
  • dass sie übersensibel sind bei Berührungen, Geräuschen, Gerüchen, Licht oder bei Stoffen und Kleideretiketten
  • dass sie es beim Kochen nur mit grosser Mühe schaffen, dass alles gleichzeitig gar und bereit ist (oder deswegen gar nicht mehr kochen)
  • dass sie Mühe haben mit dem Einmaleins, sich deswegen dumm vorkommen, bei komplizierten Dingen aber sehr logisch denken können
  • dass sie jahrelang an ausgeprägten und unerklärlichen Stimmungsschwankungen leiden und die Gefühle wie in einem Lift hoch und runter gehen
  • dass sie sich entweder gar nicht entscheiden können oder dann zu Spontan- oder Blitzentscheidungen neigen
  • dass sie sich alles aufschreiben müssen, eine ewige Zettelwirtschaft haben und teilweise auch die eigenen Notizzettel nicht mehr finden
  • dass sie schon am Morgen trotz ausreichend Schlaf einfach nicht recht wach werden und lange haben, bis sie in Fahrt kommen
  • dass sie so zerstreut sind, dass sie in Geldautomaten schon mehrfach die Bank- oder Kreditkarte haben stecken lassen und mit Sorgen daran dachten, es könnte sich um Anzeichen der Alzheimer-Krankheit handeln
  • dass sie genau wissen, was sie vor oder zu tun haben, aber irgendwie den Startknopf nicht finden.
  • dass sie Depressionen haben oder an Ängsten leiden, welche trotz Psychotherapie und Antidepressiva nicht wirklich besser werden
  • dass sie vor oder während der Periode oder zu Beginn der Abänderung an starken Beschwerden leiden

Bei den einleitenden Beispielen von hyperaktiven ADHS-Männern sagte ich, dass ich gelegentlich zweifle, ob sie wirklich erwachsen werden. Bei Frauen mit ADHS kenne ich diesen Zweifel nicht: Ich bin immer wieder tief bewegt, wenn ich in der Sprechstunde und in persönlichen, schriftlichen Lebensberichten vernehme, was erwachsene ADHS-Frauen alles erleben und durchmachen mussten – und dann feststelle, wie gesund sie trotzdem noch sind.

Frauen mit einer ADHS sind meines Erachtens echte „Stehauffrauchen“ und ich staune immer wieder, wie gut und schnell sie sich immer wieder raufrappeln können, wie geschickt und originell sie in verzwicktesten Lebenslagen improvisieren können, wie schnell sie sich und anderen verzeihen können und wie dankbar, eifrig und konsequent sie in ihrer Emanzipation und Persönlichkeitsentwicklung sein können, wenn ihnen angemessene Hilfe zuteil kommt.

Vor allem was ADHS-betroffene Mütter zu leisten und zu ertragen vermögen, zeugt unmissverständlich davon, dass sich ADHS plus Verantwortung plus Einsatz plus Kraft nicht ausschliessen müssen: Meistens kämpfen diese Familienfrauen erstens mit den Folgen der eigenen ADHS und zweitens meist mutterseelenallein – weil der Vater keine Zeit hat – für ihre schwierigen Kinder mit einer ADHS:

Sie müssen bei der Lehrerin, dem Lehrer oder den Behörden um Verständnis ringen, dass ihr Kind bei Prüfungen halt mehr Zeit als andere benötigt und sich dann, die Zähne zusammenbeissend, anhören, dass man in der Schule schliesslich alle Kinder gleich behandeln müsse und man daher keine Sonderzüge fahren könne.

Gestern erzählte mir eine selbst von ADHS betroffene Mutter, der Schulpsychologe habe sie kürzlich gefragt, ob es denn nicht reiche, dass sie Symptombekämpfung betreibe und das Kind mit Medikamenten ruhigstelle? Vom gleichen Psychologen hörte sie zwei Woche vorher, ihr Kind habe Verhaltens- oder Lernprobleme, weil sie selbst zu wenig konsequent in der Erziehung sei und weil sie die Eheprobleme nicht anpacke. Chancenlos habe sie versucht, dem Schulpsychologen zu erklären, dass die Legasthenie-Therapie auch nach anderthalb Jahren noch nichts nütze.

Viele dieser ADHS-Familienfrauen kämpfen nicht nur mit ihrer chronischen Neigung, sich in der Haushaltsführung zu verzetteln, mit ihrer ständigen Müdigkeit, der Vergesslichkeit, oft starken Menstruationsbeschwerden, den Schuldgefühlen, weil die Kinder bei anderen ständig Probleme machen oder weil sie selbst gelegentlich aus lauter Überforderung und Verzweiflung die eigenen Kinder schütteln und schlagen.

Da warten neben einem Wäscheberg ein voller Staubsaugersack, leere Flaschen, zu schnürendes Altpapier, ein ungemisteter Meerschweinchenstall, ungemähter Rasen, unerledigte Post, ein immer noch anstehendes Entschuldigungs-Telefonat mit Frau B., weil der Sohn wieder dies oder jenes anstellte, ein neuer Termin mit dem Schulpsychologen und schliesslich ein immer wieder hinausgeschobener Besuch bei der Dentalhygienikerin.




Bevor wir zu den Jugendlichen kommen, will ich Ihre Aufmerksamkeit noch kurz auf eine Zusammenstellung von Paul Wender, einem sehr bekannten und inzwischen betagten amerikanischen ADHS-Forscher lenken. Er hat in den Siebziger Jahren die so genannten UTAH-Kriterien der ADHS erarbeitet. Diese beschreiben typische ADHS-Symptome bei Erwachsenen. Wie Sie sehen werden, unterscheiden sich diese gar nicht so sehr von den Auffälligkeiten bei Kindern:

Aufmerksamkeitsstörungen

Paul Wender zählt auf: Unvermögen uninteressanten Gesprächen zu folgen; erhöhte Ablenkbarkeit; andere Reize können schlecht herausgefiltert werden; Vergesslichkeit; häufiges Verlieren von Gegenständen; Schwierigkeiten sich auf schriftliche Dinge zu konzentrieren usw. Der derzeit verwendete Begriff „Aufmerksamkeits-Defizit“ ist eigentlich eine unzutreffende, zumindest jedoch missverständliche Bezeichnung. Vielmehr sind die Betroffenen zumeist nicht unaufmerksam, sondern folgen vielmehr unfreiwillig mehreren (inneren oder äusseren) Wahrnehmungen und Gedanken gleichzeitig. Ausser bei spannenden, interessanten und somit stimulierenden Tätigkeiten haben ADHS-Betroffene Probleme beim Fokussieren (also beim zielgerichteten Lenken der Aufmerksamkeit), beim Selektieren (also beim Filtern von irrelevanten Reizen) und beim Aufrechterhalten von Ausdauer.

Paul Wender: Aufmerksamkeits- und Aktivitätsstörungen bei Kindern, Jugendlichen und Erwachsenen

Motorische Hyperaktivität

Paul Wender zählt dazu: Innere Unruhe; Nervosität; Unfähigkeit sich zu entspannen; Unfähigkeit, lange sitzende Tätigkeit durchzuhalten; stets auf dem Sprung sein; Stimmungsabfall bei Inaktivität.

Affektlabilität

Gemeint ist eine instabile und unsichere Stimmung. Es besteht ein Wechsel zwischen normaler, leicht gedämpfter und leicht erregter Stimmung. Die niedergeschlagene Stimmung wird häufig als Langeweile oder Unzufriedenheit beschrieben. Die Stimmungswechsel dauern nur Stunden und selten mehr als ein, zwei Tage an. Gute Erlebnisse führen schnell zur Normalisierung der Stimmung, die Schwankungen sind also reaktiver Art.

Desorganisiertes Verhalten

Aktivitäten werden nicht angemessen geplant und organisiert. Aufgaben werden nicht zu Ende gebracht, die Patienten wechseln sprunghaft von einer Aufgabe zur Nächsten oder sie bleiben an einer Detailaufgabe kleben. Sie haben Mühe, Probleme systematisch anzugehen und sind oft unfähig, Zeitpläne und Termine einzuhalten. Vieles läuft entweder nicht oder nur hektisch ab sowie auf den letzten Drücker. ADHS-Betroffene leben nur im Hier und Jetzt. Für sie heisst später meist nie. Sie sind Spezialisten im Auf-die-lange-Bank-schieben.

Affektkontrolle

Patientinnen und Patienten sowie ihre Partner/-innen berichten von anhaltender Reizbarkeit und Wutausbrüchen, die aber nur von kurzer Dauer sind. Typisch ist eine erhöhte Reizbarkeit im Strassenverkehr. Das schlechte Funktionieren der inneren Gefühlsbremse wirkt sich nachteilig in zwischenmenschlichen Kontakten aus. Menschen mit ADHS sind grundsätzlich sehr viel emotionaler als andere Menschen, empfinden Gefühle ungebremster und sind empfindlicher für Veränderungen.

Impulsivität

Einfache Formen sind das dauernde Dazwischenreden, oder Sprechdurchfall, Ungeduld, impulsive Einkäufe, spontane und unreflektierte Entschlüsse, Handeln und erst dann Denken. Auch verbale Entgleisungen, zynische Bemerkungen und Provokationen können dazu gehören. Impulse können nicht unterdrückt werden. Oft schämen sich ADHS-betroffene Frauen und Männer, dass sie ins Fettnäpfchen treten.

Emotionale Reizbarkeit

ADHS-Betroffene können nicht angemessen mit alltäglichen Stressoren umgehen. Sie reagieren überschiessend und sind dann unangemessen niedergeschlagen, verunsichert, ängstlich oder ärgerlich. Sie beschrieben sich selbst als leicht und häufig gestresst. Sie sind auch empfindlicher für Veränderungen, etwa bei Verlust einer Bezugsperson, eines geliebten Tieres oder bei Wohnortswechsel. Ihre Reizoffenheit macht sie verletzbar.




ADHS bei Jugendlichen

Nun zu den Jugendlichen: Wenn bei ihnen die ADHS nicht erkannt, gar nicht oder nicht richtig behandelt wird, stehen sie in der Pubertät vor sehr kritischen Hürden: Auf der einen Seite haben diese Jugendlichen Mühe, sich selbst zu organisieren, sie können sich nicht an Vorsätze halten, können Lernvorhaben nicht umsetzen, sind chaotisch mit den Schulsachen und leben und lernen viel, viel ausgeprägter als andere Kindern nach dem Lustprinzip.

Auf der anderen Seite suchen sie die Freiheit, sich selbst und ihre Grenzen. Zwischen der Tatsache, dass ADHS-Jugendliche Struktur und Regeln brauchen, um nicht aus dem Ruder zu laufen, und ihrem legitimen Bedürfnis nach Autonomie entsteht ein echter Konflikt.

Bedingt durch ihre ADHS-Symptome haben alle un- oder falsch behandelten Kinder mit einer ADHS auch Probleme mit dem Lernen. Sie haben keine Geduld, können sich beim Lernen nicht lange hinsetzen, vermögen – wenn es für sie monoton wird – nicht lange zuzuhören, sind Minimalisten und in Sachen Schule immer mehr entmutigt.

Un- oder falsch behandelte Kinder mit einer ADHS und Jugendliche können also ihr geistiges Potential und ihre Begabungen nicht entfalten oder ausleben und haben nie den schulischen und später beruflichen Erfolg, der ihnen eigentlich zustehen würde. Schulischer Erfolg ist die wichtigste Quelle für die Seelennahrung eines Jugendlichen. Diese stimulierende Quelle können unbehandelte Kinder mit einer ADHS nicht anzapfen. Statt eine Lehre zu machen, absolvieren sie eine Anlehre, statt ins Gymnasium zu gehen, absolvieren sie eine Lehre.

Sie schaffen und lernen quasi immer unter ihrem Potenzial. Folge ist, dass sie nicht ausgelastet und unzufrieden sind oder dass es ihnen langweilig wird. ADHS-Jugendlichen ist definitiv nicht damit geholfen, wenn man sie unter ihrem Niveau einschult. Dazu kommt der Frust, die Verzweiflung und manchmal auch Schuldgefühle, weil man die Erwartungen der Eltern nicht erfüllen kann. Und das nicht, weil man nicht will, sondern weil man nicht kann.

Das kann dazu führen, dass Jugendliche sich anderen stimulierenden Dingen oder Tätigkeiten zuwenden. Irgendwie müssen sie sich ja selbst spüren und brauchen ein Feld, um sich selbst als autonome Person identifizieren zu können. Ganz besonders geeignet ist dazu leider alles Spezielle, Verbotene und Riskante:

Klauen, rauchen, kiffen, sich aus dem Zug lehnen, mit Unkrautvertilger Sprengkörper basteln, sich bei Facebook als Erwachsene ausgeben, Computer-Viren bauen, sich die Arme ritzen, „Pillen schmeissen“ oder Orte aufsuchen, von denen die Eltern ihnen sagten, sie sollen sie meiden.

Es ist fatal: Aber das mit Auflehnung, Trotz und Opposition verbundene Verhalten und Erleben kann ein unbehandeltes ADHS-Hirn gefährlich gut stimulieren. Und das ist verlockend. Dazu zählt auch das Flash, welches einige Mädchen oder junge Frauen mit einer ADHS erleben, wenn sie absichtlich hungern. Magersucht und ADHS gehen so häufig einher, dass Mädchen mit Anorexie heute unbedingt auch auf eine mögliche ADHS abgeklärt werden müssten.

Risiko Drogen

Unheilvoll ist, dass auch die pharmakologische Wirkung einiger Drogen gut geeignet ist, das bei ADHS-Betroffenen zu schwache Dopaminsystem zu aktivieren und damit das Minus an neuronaler Aktivität im Frontalhirnbereich auszugleichen. 1995 wurden Forschungsresultate veröffentlicht, die zeigten, dass unbehandelte Erwachsene mit ADHS ein mehrfach erhöhtes Risiko von Alkohol- und Drogenmissbrauch haben. Im gleichen Jahr wurde bekannt, dass Zigarettenrauchen bei jugendlichen und erwachsenen Patienten mit ADHS deutlich häufiger als bei Normalpersonen anzutreffen ist.

Vermutlich handelt es sich um eine Art Selbstmedikation. Von grossem Interesse sind in diesem Zusammenhang die Resultate einer 1997 durchgeführten klinischen Studie, wonach Nikotinpflaster bei Patienten mit ADHS deren Symptomatik eindeutig besserte. Länger schon ist aus amerikanischen Studien bekannt, dass – je nach Studie  – 50 Prozent der Drogensüchtigen an einer unerkannten oder unbehandelten ADHS leiden.




Dass mit einer rechtzeitigen und fachgerechten medikamentösen und psychologischen Therapie der ADHS dazu beigetragen werden kann schlimme Folgeerkrankungen – wie eben zum Beispiel Drogensucht – zu vermeiden, leuchtet allen spontan ein, die um die biochemischen Besonderheiten der ADHS wissen.

Joseph Biedermann, einer der führenden ADHS-Forscher aus Boston, hat in einer sehr bekannt gewordenen prospektiven Studie auch zeigen können, dass mit Stimulanzien behandelte ADHS-Jugendliche ein um 85 Prozent geringeres Risiko für Drogenmissbrauch zeigen als solche, die nicht behandelt wurden. Andere Risiken sind Frühschwangerschaften. Eine deutsche Studie von 2001 ermittelte bei Kindern mit einer ADHS unter 15 Jahren eine gegenüber gesunden Kindern neunfach erhöhte Verkehrsunfallgefahr.

Ausgehend von den sich 1997 in Deutschland ereigneten Verkehrsunfällen mit Jugendlichen unter 15 Jahren nimmt man an, dass 63 Prozent dieser Unfälle im Zusammenhang mit ADHS stehen. Forscher in Deutschland fordern dringend Präventivprogramme. Interessanterweise konnte bereits 1993 in einer amerikanischen Langzeitstudie gezeigt werden, dass medikamentös unbehandelte Kinder mit einer ADHS im Vergleich zu den Behandelten die höchste Unfallgefahr haben.

Rechtzeitig abklären

Um den beschrieben Risiken und den vielen anderen möglichen Komplikationen in der Pubertät von Jugendlichen mit einer ADHS vorbeugend entgegnen zu können, sollte frühzeitig eine fachgerechte Behandlung der ADHS erfolgen. Bei einer diagnostizierten Sehschwäche wartet man mit der Verordnung einer Brille schliesslich auch nicht so lange zu, bis es zu einem Unfall gekommen ist oder bis infolge von Schulversagen das Selbstwertgefühl des Kindes darnieder liegt.

Medikamente gegen die ADHS-Symptome dürfen in der Pubertät nicht automatisch abgesetzt werden. Manche benötigen auch als Erwachsene Stimulanzien, so wie andere Insulin brauchen um zu überleben.

Wenn Jugendliche reklamieren, die Tabletten würden sowieso nichts nützen und die Medikamenteneinnahme verweigern, darf man sich nicht auf einen Kampf einlassen: Oft haben diese Jugendlichen nämlich Recht. Bei rund 90 Prozent aller Kinder oder Jugendlichen, die mir vorgestellt werden, weil bei ihnen die Stimulanzien nicht wirken sollen, liegt der Grund darin, dass die Dosierung nicht stimmt. Meist ist die Dosierung zu niedrig oder man hat die kurze Wirkdauer nicht berücksichtigt. Wenn Stimulanzien richtig eingestellt sind, dann ist der Effekt auch für Jugendliche so eindeutig wie bei einer Brille. Und kein Teeny, der ohne Brille aufgeschmissen wäre, sucht sich die Brille als Objekt seines Trotzes.

Psychische Folgen der ADHS

In meiner Praxis werden vorwiegend Kinder, Jugendliche, Frauen und Männer mit Verdacht auf ADHS untersucht und behandelt. Ich durfte in meiner Untersuchungstätigkeit in den letzten Jahren sehr viele Frauen und Männer zwischen 18 und 63 kennen lernen, welche an einer ADHS leiden. Bei ihnen wurde die ADHS, wenn überhaupt, dann nur bis zur Pubertät behandelt. Und mit der Pubertät haben sich bei meinen Patientinnen und Patienten die ADHS-Symptome leider oftmals nicht ausgewachsen.




Sie haben sich im Gegenteil nachhaltig und behindernd auf ihren ganzen Lebensvollzug ausgewirkt. Viele dieser erwachsenen ADHS-betroffenen Frauen und Männer haben ein Leben lang gekämpft, nicht nur mit sich selbst, sondern vor allem mit ihrer Umwelt:

Viele sind gekennzeichnet von einem Schultrauma, einem Lerntrauma, einem Lehrertrauma, einem Geschwistertrauma, einem Familientrauma, einem Ausbildungstrauma, einem Arbeitsplatztrauma, Beziehungstrauma, einem Psychologentrauma, einem Kindertrauma, einem Ehemann- oder Ehefrautrauma usw.

Viele von ihnen hörten Dutzende und Aberdutzende von Malen, sie sollten sich mehr anstrengen, mehr Willen zeigen, sich endlich zusammenreissen, gefälligst innehalten und zuhören wenn man mit ihnen redet, und nicht immer zu spät kommen sowie angekündigte oder versprochene Dinge endlich einhalten. Mit einem Wort: Sie sollen das Gegenüber endlich, endlich einmal ernst nehmen. Oder sie sollen bitte, bitte aufhören, Zugesagtes vorsätzlich zu vergessen oder Sachen absichtlich fünfmal zu fragen, nur um andere zu provozieren.

Schon in der Schule bekundeten die meisten meiner erwachsenen Frauen und Männer mit ADHS  grosse Mühe, sich Dinge zu merken, der Lehrerin richtig zuzuhören, an einer angefangenen Sache in einem einigermassen vernünftigen Rahmen dranzubleiben und diese auch abzuschliessen. Der am Schulhaus mit dem Mofa vorbeifahrende Postbote, das eine etwas zu kurze Hosenbein des Lehrers oder das Zirpgeräusch beim Öffnen einer Tempo-Taschentuchpackung reichten, um die eigene Aufmerksamkeit vom gerade besprochenen Thema wegzulocken.

Lernen daheim war – wenn überhaupt Hausaufgaben erledigt wurden – ein ewiger Kampf: Und falls überhaupt für die Schule gelernt wurde, dann nur unter Überwachung der Mutter und in späteren Schuljahren entweder spät abends oder am Morgen im Zug, auf jeden Fall aber immer auf den letzten Drücker. Entweder man kapierte etwas sofort (es wurde quasi „abfotografiert“) oder man begriff es gar nicht oder dann nur mit unrealistisch hohem Aufwand. Aber selbst wenn zu Hause gelernt wurde: Viele meiner ADHS-Patienten berichteten mir von ihren leidhaften Erfahrungen, wenn mühsam erworbenes Wissen beim Aufgerufenwerden in der Klasse oder bei Prüfungen einfach nicht mehr aus dem Langzeitgedächtnis abzurufen war.

Dumm und faul

Die Folgen all dieser kleinen und grossen verletzenden Erlebnisse für alle ADHS-Betroffenen sind, dass sie rundherum in leibhaftigen und meist schmerzhaften Erfahrungen mehr oder weniger direkt gespiegelt bekommen haben, dass sie auf eine offenbar unangenehme Art anders sind als die andern, ohne aber selbst wirklich zu verstehen, wie und warum das so ist. Dann hören, spüren und schlussfolgern sie manchmal schon nach der zweiten Klasse, dass sie dumm sein müssen: Denn, wäre dem nicht so, müsste es ja besser gehen in der Schule, in der Ausbildung, in der Erziehung, bei der Organisation der Haushaltsführung oder im Berufsleben.

Wenn sie nämlich intelligent genug wären, dann könnten sie Dinge besser planen, würden nicht immer wieder unüberlegte Spontanhandlungen begehen, könnten sich Sachen besser merken, würden mehr denken, bevor sie den Mund aufmachen, wären disziplinierter und viel weniger chaotisch. Mit mehr Intelligenz würden sie sich auch weniger verzetteln oder nicht wie jetzt an unwichtigen Details hängen bleiben, würden die eigenen Kinder einigermassen normal erziehen können, auch einfache Dinge im Haushalt auf die Reihe kriegen und es auch im Beruf eindeutig weiter bringen.

Zudem bekommen ADHS-Betroffene durch ihre Erfahrungen mit dem Umwelt mehr oder weniger zurück gemeldet, dass sie faul sind: Menschen, die vieles vor sich herschieben, die schnell ins Trödeln und Träumen kommen, die morgens nicht recht wach werden, denen schnell alles zu viel wird, die sich zurückziehen und aus Überforderung heraus Arbeitspensum reduzieren müssen, welche die Schul-, Alltags- aber auch ihre Lebensaufgaben nicht zeitig anpacken, den Startknopf nie recht finden und eine lange Leitung haben und Menschen, die schon in der Schule den Ruf hatten, Minimalisten zu sein – ja, das sind dann eben die Faulen und im Grunde genommen unfähigen Menschen!




Schliesslich schlussfolgern ADHS-Betroffene durch ihre wiederholten Erfahrungen mit ihrer Umwelt, dass sie schlecht sind, denn sonst würden sie nicht immer wieder anecken, andere (weil sie sich einfach nicht genügend beherrschen können) verletzen und enttäuschen, sich in Auseinandersetzung verwickeln und Dinge sagen, die sie kurz danach wieder bereuen. Schlecht müssen sie wahrscheinlich auch deswegen sein, weil die andern ja im Grunde genommen Recht haben, wenn sie einem Unzuverlässigkeit, Unfähigkeit, Gereiztheit oder Unbeherrschtheit vorwerfen. Schliesslich ist ein guter Mensch pünktlich, erinnert sich an Verabredungen, erledigt Versprochenes termingerecht, packt an, verlegt und vergisst nicht dauernd Sachen, lässt sich nicht gleich provozieren, flippt nicht immer gleich aus, verfügt über ein Mindestmass an Geduld und kann sich vor allem beherrschen.

Gott hat mir schwarzes Blut gegeben

Ein elfjähriger ADHS-Bub sagte mir vor einiger Zeit: „Gott hat mir schwarzes Blut gegeben, sonst wäre ich nicht so böse.“ Ähnliches beichten mir Erwachsene von ihrer Kindheit – und zwar in einer Art und Betroffenheit, als wäre es gestern erst geschehen. All das kann nicht spurlos an der Seele eines Kindes, eines heranwachsenden oder eines erwachsenen Menschen vorbeigehen. Wie fühlt man sich mit „schwarzem Blut“? Und wer will schon die Erwartungen der Eltern oder des Partners enttäuschen? Wer will schon eigene Vorsätze nicht einhalten können? ADHS-Betroffene können das oft nicht und geraten in der Folge in eine Schuld sich selbst und anderen gegenüber.

Von meinen ADHS-Patientinnen und -Patienten weiss ich, dass sie sich auch als Erwachsene im Denken oder Handeln oftmals nicht rechtzeitig abbremsen können, sie sich nicht konzentrieren können, wenn etwas monoton und gleichförmig ist, sich nicht an eigene Vorsätze halten können, Prüfungen verpatzen, Dinge verhauen, Termine verlauern und die Lehrkräfte, die Eltern, die Vorgesetzten, ihre Freunde und ihre Ehepartner enttäuschen, welche – die positiven Möglichkeiten und das Potenzial durchaus richtig erkennend – eigentlich mehr von einem erwarten.

Weil Kinder, Frauen und Männer mit einer ADHS sich bei für sie interessanten Sachen gut zu konzentrieren vermögen, hören sie immer wieder: „Siehst du, wenn du willst, dann kannst du es auch. Also reiss dich gefälligst auch jetzt zusammen!“

Weil es bei Kindern und Erwachsenen mit ADHS aber nicht am fehlenden Willen, sondern am Nicht-Können liegt und weil das weder viele Lehrerinnen und Lehrer, noch die Psychologinnen und Psychologen, noch die Eltern, noch man selbst begreift, bleiben meistens nur Erklärungen übrig, welche tiefe Wunden in der Seele hinterlassen können: „Ich kann mich nicht beherrschen, kann Versprechen und eigene Vorsätze nicht einhalten, also bin ich schlecht.“




Da diese Menschen selbst – aber natürlich auch die Personen in ihrer Umgebung – keine Worte, keine Sprache und kein Erklärungsmuster haben, um das eigene Verhalten begreifen, verstehen und schliesslich auch verarbeiten zu können, ja was bleibt da? Es ist das „schwarze Blut“, die eigene Schlechtigkeit: Ja, da ist man wohl wirklich selber schuld.

Im Teufelskreis der ADHS-Probleme

Die Tatsache, dass die Aufnahme- und Selbststeuerungsfähigkeiten von ADHS-Betroffenen in reizarmen, monotonen oder langweiligen Alltags- und Routinesituationen aus hirnorganischen Gründen regelrecht einbrechen, bleibt – solange man die ADHS und ihre Ursachen nicht kennt – für alle Beteiligen unfassbar. In der Psychotherapie von Jugendlichen und Erwachsenen ist es deswegen zentral, dass die Patienten und Patientinnen verstehen lernen, wieso sie so sind, wie sie sind. Wissen und sich verstehen sind wichtige Voraussetzungen, um sich akzeptieren zu können.

Die ADHS-Kernmerkmale werden mit fortschreitendem Alter immer mehr von Lebenserfahrungen und sekundären psychischen Symptomen überlagert. Je älter ADHS-Betroffene werden, umso mehr leiden sie zusätzlich zu den ADHS-Grundproblemen an deren psychischen Folgen und psychosozialen Auswirkungen. Sie leiden also je länger umso mehr nicht nur an ihren aktuellen ADHS-Problemen, sondern auch an ihrer persönlichen Vergangenheit, die ihnen psychisch zu schaffen macht. So kommt es immer wieder vor, dass auf der Alltagsoberfläche nur noch Schulverweigerung, Trotzverhalten, Depressionen, Suchterkrankungen, Angststörungen oder psychosomatische Erkrankungen sichtbar sind.

Da die ADHS erwiesenermassen zu Depressionen, Suchterkrankungen, Angst- oder Zwangsstörungen führen kann, muss immer dann, wenn Patientinnen und Patienten mit diesen psychischen Erkrankungen auf herkömmliche Therapien nicht reagieren, auch an eine ADHS gedacht werden. Das gilt auch für delinquente Jugendliche. Mich wundert es bis heute, dass viele Jugendanwaltschaften das Wissen um die ADHS und ihre Folgen noch nicht aufgearbeitet haben, denn es gilt als sicher, dass unter minderjährigen Straftätern viele ADHS-Betroffene zu finden sind.

Schuldgefühle

Es ist nachvollziehbar, dass auch in wissenschaftlichen Studien gezeigt werden konnte, dass depressive Erkrankungen und Selbstzweifel mit zu den häufigsten Begleitstörungen der ADHS zählen. Schuldgefühle kennen wir schon bei diesen Kindern mit all ihren Folgen, welche sich schämen, wenn sie sich wieder nicht zusammenreissen konnten, wieder etwas umgestossen haben oder wieder eine schlechte Note nach Hause brachten.

Wie fühlt man sich, wenn man immer wieder beim plötzlichen Aufgerufenwerden in der Schule, bei einer Prüfung oder in einem Gespräch, wo schnelles Denken gefordert ist, etwas eben nicht schnell genug aus dem Langzeitgedächtnis abrufen kann? Wie fühlt man sich, wenn es stockt im Kopf? Und wenn es die andern merken, einen wartend ansehen und man – etwa im Schulunterricht – immer mehr Angst vor diesen Situationen bekommt? Nicht nur Depressionen und Selbstzweifel, nein, auch Prüfungsängste, Versagensängste, bei Erwachsenen Angststörungen generell gehören zu den häufigen Begleitstörungen der ADHS.

ADHS-betroffene Frauen und Männer leben manchmal zeitlebens in einem chronischen psychischen Zweifelzustand: Sie wissen nicht, wer und wie sie wirklich sind. Haben die andern mit ihren vernichtenden Vorwürfen vielleicht doch recht? Eine innere Stimme sagt: „Ja, du bist im Grunde schlecht, faul und unfähig und alles ist nur Bluff.“ Eine andere innere Stimme sagt: „Nein, das ist nicht logisch, das kann nicht sein“. Später, ab der Pubertät und im Erwachsenenalter, ist es dann eine innere Stimme, die einem ständig sagt: „Zusammenreissen, zusammenreissen!“ oder „Mach endlich!“ oder „Du solltest doch schon lange…!“

ADHS-Betroffenen fehlt so etwas wie ein in sich stimmiges Ich-Gefühl sowie ein seelischer Gleichlauf oder eine seelische Balance: Ständig sind sie auf der Suche nach sich selbst. Ihre Schul- und Berufskarrieren gleichen nicht selten einer Irrfahrt. Sie besuchen Esoterik-Kurse, betreiben Risikosportarten, versuchen sich im Glücksspiel oder verbeissen sich in andere Tätigkeiten, sind süchtig nach Sex und Seitensprüngen oder sie trinken zu viel.

Ihr Leben verläuft innerlich und/oder äusserlich immer so unruhig, dass sie laufend Gegensteuer geben müssen. Fast wie bei einem alten VW-Käfer, der zu viel Lenkradspiel hat, so dass man mit dem Lenkrad mal nach links, mal dann nach rechts korrigieren muss. Alles läuft in Extremen: Entweder ist die Stimmung oben oder sie ist im Keller, entweder ist Energie vorhanden oder sie fehlt.

Die meisten mir bekannten Menschen mit einer ADHS vermochten ihre persönlichen Begabungen und ihr geistiges Potenzial gar nie richtig zum Tragen bringen: Lehren wurden abgebrochen, das Gymnasium – weil man trotz guter Intelligenz nicht lange still sitzen und zuhören konnte – gar nicht erst besucht, Beziehungen werden schnell langweilig oder man wurde verlassen von der Partnerin oder vom Partner. Wirklich klar ist diesen Menschen dann oft nur eins, dass nämlich etwas Fundamentales mit ihnen nicht stimmt.

Danke für diese Infos!

Menschen mit einer ADHS suchen oftmals ideologische Ersatzidentitäten oder klammern sich an Rollen fest, die nicht wirklich die ihren sind. Im Hintergrund oder im Unterbewusstsein lauern tief sitzende Grundannahmen über sich selbst, die sich in erstaunlich vielen Fällen aus den Attributen: anders, dumm, faul, schlecht, schuldig und unfähig zusammensetzen lassen. Erstaunlich ist es nicht, dass viele der erwachsenen ADHS-Betroffenen ein Leben lang meist unbewusst dagegen ankämpfen, dass sich diese tief im eigenen Ich sitzenden vermeintlichen Grundwahrheiten über die eigene Unfähigkeit nicht eines Tages doch entdeckt werden oder sich vollständig bewahrheiten könnten.



Es ist kein Zufall, dass unter den Workaholics auch viele Männer mit dem ADHS-Syndrom zu finden sind: Sie schuften und krampfen bis zum Burnout, zum Magengeschwür, zur Ehescheidung oder zum Infarkt. In den Untersuchungsgesprächen und vor allem im Rahmen der Therapien höre ich von diesen Menschen häufig: „Ich habe nie etwas wirklich gut hingekriegt oder gekonnt, alles ist nur ermogelt oder durch Zufall zustande gekommen, bei mir ist alles nur Fassade und ich bin vor allem müde“.

Selbst echte Erfolge – und ADHS-Betroffene können sehr leistungsfähig sein, wenn das Drumherum stimmt – werden nicht mehr richtig bewertet. Unheilvoll ist, dass sich meine ADHS-Patientinnen und -Patienten durch die lebenslang anhaltenden Probleme auch immer wieder Situationen erschaffen oder sich in solche hineinmanövrieren, in denen diese Grundannahmen bestätigt werden.

Wann abklären?

Wenn mir beispielsweise eine erwachsene Frau mit psychischen Problemen, einer Erschöpfungsdepression und Symptomen einer möglichen aktuellen ADHS berichtet, dass…

  • sie in der Schule schon vieles verloren oder vergessen habe
  • es ihr immer schon sehr schwer fiel, der Lehrerin über längere Zeit konzentriert zuzuhören
  • sie als verträumtes Kind galt
  • sie trotz guter Intelligenz Klassen habe wiederholen müssen
  • sie in den Fächern, welche sie interessierten sehr gute, in anderen aber sehr schlechte Noten erzielte
  • es deswegen immer wieder hiess: „Du kannst ja wenn Du willst, also gib dir mehr Mühe!“ und dass es sowieso immer geheissen habe, sie sei fähig, wenn sie nur gewollt hätte
  • sie in der ganzen Schulzeit als übermässig langsam und ablenkbar galt
  • sie schon als Kind spürte, anders als die andern zu sein
  • ihre Schwatzhaftigkeit sogar in den Zeugnissen festgehalten sei
  • ihre Leistungen wohl nie ihrer Intelligenz entsprochen haben
  • der Bruder das totale Gegenteil von ihr, nämlich ein Zappelphilipp war und immer noch ist
  • sie – wenn sie ehrlich zu sich ist – auch heute noch von sich denkt, dumm zu sein und nichts wirklich richtig zu können
  • sie zeitlebens an extremen Prüfungsängsten gelitten habe und immer schon versuchte, Ordnung in ihr Leben zu bringen

…dann allerdings verdichten sich langsam aber sicher die Hinweise auf eine mögliche ADHS des unaufmerksamen Typus.

ADHS kann bei Frauen und Männern dann diagnostiziert werden, wenn ein ausgeprägter psychischer Leidensdruck da ist, die DSM-Kriterien erfüllt sind, schon in der Kindheit ADHS-Symptome die eigene Entwicklung behinderten, die Grundsymptome der ADHS sich wie ein roter Faden durchs ganze Leben ziehen, die Grundsymptome der ADHS zu einer bedeutenden Behinderung der persönlichen, also psychischen, zwischenmenschlichen und beruflichen Entfaltung führen und die Kernsymptome der ADHS chronisches psychisches Leiden erzeugen, welches durch eine andere körperliche oder psychische Erkrankung nicht besser erklärt werden kann.

Eine Abklärung auf ADHS umfasst bei Jugendlichen und Erwachsenen eine mehrstündige psychologische und neuropsychologische Untersuchung. Ergänzend zur Erhebung des Befundes und der Krankengeschichte wird mit psychologischen Tests versucht, die mit den neuropsychologischen Funktionsstörungen zusammenhängenden Alltagsprobleme zu objektivieren.




Eine ADHS-Diagnose stützt sich aber nie auf Tests ab, auch wenn die Resultate bei ADHS-Betroffenen oft sehr typisch ausfallen. Typisch heisst, dass unter anderem gezeigt werden kann, dass die Aufmerksamkeitssysteme und die Impulskontrolle nicht den Erwartungswerten entsprechen. Typisch ist auch, dass bei einfachen Testaufgaben oft mehr Fehler passieren, als in schwierigeren Testabschnitten. Typisch ist ebenfalls, dass die Intelligenz meist besser ist, als der Lebensvollzug des Betroffenen dies erwarten liesse.

Auch bei Frauen und Männern wird bei einer ADHS-Abklärung wenn immer möglich versucht, von der Mutter Informationen aus der Kindheit zu erhalten. Das geschieht meist mit Fragebögen. Auch eine noch so eindrückliche aktuelle ADHS-Problematik ist nur dann eine ADHS, wenn auch in der Kindheit massgebliche und klinisch relevante Auffälligkeiten vorlagen. Ergänzende Hinweise darauf geben manchmal auch charakteristische Vermerke in Schulzeugnissen („Schwatzhaft“ oder „Wäre zu besseren Leistungen fähig“ oder: „Zerstreuter Professor“).

Einen hundertprozentigen sicheren Beweis, dass eine ADHS vorliegt, gibt es allerdings nicht. Selbstverständlich ist in jedem Fall auch eine ärztliche Untersuchung erforderlich, welche alle Erkrankungen ausschliessen soll, die ADHS-ähnliche Symptome erzeugen können. Zu diesen Erkrankungen gehören zum Beispiel Funktionsstörungen der Schilddrüse, Epilepsien, Sehfehler oder Hörbehinderungen.

Welches sind nun die Ursachen der ADHS? Welche Konsequenzen haben diese für eine Therapie?

Die Ursachen der ADHS liegen nicht in Erziehungsfehlern oder in den sozialen Verhältnissen und sind auch nicht in Ehekonflikten der Eltern begründet. Die ADHS beruht gemäss heutigem Wissen auf einer vererbbaren neurobiologischen Disposition. Dass eine ADHS familiär gehäuft auftritt, lehrt der Augenschein, aber auch Studien zeigen immer deutlicher, dass ADHS genetisch bedingt ist. Leidet ein Elternteil an ADHS, so liegt das Erkrankungsrisiko bei den Kindern bei 50 Prozent. In Familien mit einem ADHS-Kind bestehen bei Geschwistern fünf bis sieben Mal häufiger eine ADHS als in anderen Familien.

1992 zeigten Zwillingsstudien der Universität Colorado, dass eineiige Zwillinge eines hyperaktiven Kindes 11 bis 18 Mal häufiger von der ADHS betroffen sind, als andere Geschwister. Hat eines der Zwillinge eine ADHS, entwickelt das andere es in 55 bis 92 Prozent der Fälle ebenfalls. An der Universität Oslo wurden 525 eineiige, also genetisch identische Zwillinge und 389 zweieiige Zwillinge, die sich genetisch nicht mehr gleichen als andere Geschwister, verschiedenen Alters untersucht. Sie fanden für ADHS eine Erblichkeit von 80 Prozent.

Dopaminhypothese

Hervorgerufen durch eine Grippe-Epidemie traten zwischen 1918 bis 1923 vermehrt Fälle der Encephalitis lethargica auf. Dabei zeigten sich bei Erwachsenen Parkinson-Symptome und bei Kindern gehäuft hyperaktives Verhalten und Aufmerksamkeitsstörungen. Als eine Therapievariante wurden erfolgreich Stimulanzien (Benzedrin) erprobt, welche sich bereits für die Behandlung der Narkolepsie bewährt hatten. Das Stimulans führte zu einer deutlichen Verbesserung von Stimmung, Verhalten und kognitiven Leistungen. Man vermutete, dass diese Kinder – entsprechend den Parkinson-Patienten – einen Dopaminmangel entwickelten.

Dies ist eine These, die auch heute noch ihre Gültigkeit hat. Die Dopaminhypothese ist einerseits gestützt durch die therapeutische Wirksamkeit von Amphetaminen, aber auch durch die Resultate genetischer Studien: Die bisher durchgeführten Untersuchungen über die Ursachen der ADHS legen nahe, dass eine genetisch bedingte Dysfunktion der Katecholamine im frontostriatalen System vorliegt, wobei einer Störung des dopaminergen Stoffwechsels eine zentrale Bedeutung zukommt.

Therapie der ADHS

Forscher in München und den USA haben in bildgebenden Verfahren zeigen können, dass erwachsene Frauen und Männer mit einer ADHS im Dopamin-Neurotransmittersystem eine höhere Konzentration des Dopaminrücktransporters aufweisen. Das bewirkt einen zu schnellen Abbau des wichtigen Neurotransmitters Dopamin. In München konnte vor einem Jahr – ebenfalls mit bildgebenden Verfahren – gezeigt werden, wie Ritalin den Rücktransporter hemmt und den Stoffwechsel in diesen wichtigen Hirnregionen normalisieren kann.

Eine Therapie, die bei ADHS wirksam sein soll, muss sich bei Kindern wie auch bei Erwachsenen in erster Linie gegen die Grundsymptome der ADHS richten: Aufmerksamkeit, Zeitgefühl, Handlungsplanung und Impulskontrolle sollen verbessert werden. Basistherapie der ADHS sind auch bei Erwachsenen Medikamente. Sie stimulieren, aktivieren und normalisieren diejenigen Hirnregionen, welche für das Funktionieren der Informationsverarbeitung, der In- und Outputs und der Selbststeuerung zuständig sind.




Man nennt diese Medikamente deswegen Stimulanzien. Schon 1937 hat das Forscher- und Erzieherehepaar Bradley entdeckt, dass Amphetaminpräparate bei verhaltens- und lerngestörten Kindern therapeutisch sehr wirksam sein können. Danach erfolgte auf der ganzen Welt eine rege Forschungstätigkeit, welche zu zahlreichen Änderungen in der Erklärung und Bezeichnung dieses Störungsbildes führten.

Methylphenidat, also der Wirkstoff beispielsweise des Ritalin, dem bekanntesten Medikament gegen die Symptome der ADHS, wurde bereits 1944 in einem Labor der damaligen CIBA Basel entdeckt. Seit 1954, also seit bald 50 Jahren, ist Ritalin in der Schweiz und seit 1956 weltweit auf dem Markt. Unter Fachleuten und Wissenschaftler/-innen gilt Methylphenidat als das wissenschaftlich am besten untersuchte Psychopharmakon, welches Kindern verschrieben werden kann. Es gilt als therapeutisch wirksam, nebenwirkungsarm und gut verträglich.

Die klinische Erfahrung, aber auch plazebokontrollierte Studien, zeigen, dass Stimulanzien auch bei Erwachsenen wirksam sind und zwar bei etwa zwei Drittel aller Patientinnen und Patienten. Für sie gilt Ähnliches wie bei den Kindern: Sie können sich besser organisieren, können auch Gedanken besser ordnen, sind nicht so kopflos, das Nebelgefühl im Kopf kann sich abschwächen, sie können besser denken bevor sie handeln, sie nehmen soziale Signale aus der Umwelt besser wahr, ecken weniger an und das Zeitgefühl wird besser. Sie sind gelassener und können eins nach dem Anderen machen ohne in Panik zu geraten.

Psychotherapie bei ADHS

Viele erwachsene Frauen und Männer haben durch die vielen schlechten Erfahrungen mit sich und ihrer Umwelt den Glauben an sich verloren. Sie haben ein schlechtes Selbstwertgefühl, führen innerlich oder äusserlich ein chaotisches Leben und sind oft einfach sehr unglücklich. Da die Sekundärsymptome eine Eigendynamik entwickeln können und aus den ADHS-Kernproblemen (also aus Störungen verschiedener Selbststeuerungs- und Aufmerksamkeitsfunktonen) ausgeprägte Depressionen, Angst- oder Suchterkrankungen entstehen können, ist zur Therapie häufig auch eine begleitende psychologische Behandlung erforderlich.

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Er wurde letztmals aktualisiert am 11.10.2017.
© Piero Rossi




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