Traumhaft gute ADHS-Schulen – oder Privatschulen

Lorena meldet sich zurück. Mit einem Traum.

Meine ADHS-gerechte Schule (oder Privatschulen)

Also eigentlich ist es gar kein Traum. Es geht um eine traumhaft gute Schule für Schüler/-innen mit einer ADHS. Es betrifft auch Privatschulen. Manchmal stelle ich mir einfach vor, was ich alles ändern würde, wenn ich die Schulleiterin wäre. Und wenn es Schülerinnen wie mich mit ADHS in dieser Schule hat.

Konkret

    • Schulbeginn um 9.00. Oder um 10:00.
    • Die Schulstunden würden maximal 30 Minuten dauern.
    • Im Unterricht wird nur das wirklich Wichtige gelernt. Alles Gefüllsel und alles Beigemüse soll wegbleiben.
    • Keine Doppelstunden mehr.
    • Keine Wochenpläne mehr. Oder nur für Schüler, die damit umgehen können. Für uns ADHS-Schüler/-innen ist das einfach nichts. Wir brauchen 1:1 Unterricht. Und Aufgaben, die wir von heute auf morgen erledigen müssen. Und die dann auch kontrolliert werden.
    • Wir brauchen strenge, aber gerechte Lehrerinnen und Lehrer.
    • Mindestens ein Lehrer oder eine Lehrerin sollte auch ADHS haben (besser wären zwei, nämlich ein Mann und eine Frau). So hätten wir eine oder zwei Personen, die uns helfen, wenn andere nicht verstehen, wie wir ticken. Diese Vertrauenslehrer sollten nicht im Ort oder im gleichen Stadtteil wohnen (wegen dem Geschwätz).




  • Zwischen jeder Unterrichtsstunde sollte etwas mit viel Bewegung erfolgen. Ich würde zum Beispiel 1 x pro Schultag auch 20 Minuten helfen, das Schulhaus zu putzen. Oder Kurzspaziergänge. Oder 20 Minuten Musik hören. Oder Yoga-Übungen machen. Oder mit Hanteln trainieren.
  • Von jedem Schulzimmer aus müsste eine Rutschbahn direkt ins Schwimmbad führen.
  • Alle Arbeitsblätter der Kinder werden im Internet gespeichert. So können meine Eltern sie ausdrucken, wenn wir unsere Sachen vergessen.
  • Hausaufgaben und anstehende Prüfungstermine sollten ebenfalls im Internet abrufbar sein.

Und weiter geht es!

  • In Prüfungen hat jeder so viel Zeit, wie er braucht.
  • Schüler/-innen mit ADHS sollten immer vorne sitzen dürfen, ohne das die anderen Kinder blöd tun.
  • Schüler/-innen mit ADHS sollten Kopfhörer tragen dürfen, so dass die Stimme der Lehrperson, welche über ein kleines Mikrofon und einen Sender übertragen wird, direkt ins Ohr und dann in den Kopf des Schülers geht.
  • Bei Stillarbeiten dürfen Kinder mit dem Kopfhörer Musik hören.
  • Handyverbot an der ganzen Schule. So können sich Kinder mit doofen Fotos nicht gegenseitig plagen.
  • Noten ja. Aber nicht querbeet. Benotet werden sollen die Bemühungen der Schüler und nicht das Resultat. Letztes ist total ungerecht, weil jeder Schüler und jede Schülerin andere Begabungen und andere Schwächen mit sich bringt.
  • Benotungen sollte es nicht für Fehler, sondern für die konkreten Fortschritte geben, welche die Schüler/-innen machen. Dass Kinder für Fehler oder für Nichtkönnen mit Noten bestraft werden, ist ungerecht und unlogisch.
  • Lehrpersonen sollten ADHS-Kinder blitzschnell belohnen, wenn sie sich positiv verhalten haben oder wenn etwas besser lief, als erwartet.

So, nun mache ich mal einen Punkt. Wenn Ihr weitere Ideen habt, wie für Kinder mit einer ADHS eine traumhaft gute Schule ausschauen könnte, meldet Euch hier (gilt auch für Erwachsene).


Siehe auch die anderen Lorena-Geschichten


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Schnellkurs in ADHS-Erziehung | Wirksam erziehen | Für Eltern

Mein Name ist Erika Brandin. Natürlich heisse ich nicht wirklich so, aber ich möchte nicht erkannt werden. Ich bin die Mutter von Lorena und Marco. Ich berichte Euch von meinen Erfahrungen in der Erziehung meiner Vollblut-ADHS-Kids. Erziehen? Leicht gesagt.

ADHS-Kinder erziehen

Heute geht es um das Wichtigste. Im Grunde genommen ist es eine einfache Geschichte. Zumindest theoretisch.

Also: Erziehung funktioniert bei ADHS-Kindern (und wahrscheinlich auch bei vielen anderen) dann am besten, wenn positives Verhalten durch Aufmerksamkeitszuwendung und Komplimente, also durch Belohnungen verstärkt wird.

Zentral dabei ist, dass dasjenige konkrete Verhalten, welches zu dem positiven Resultat führte, verstärkt wird. Und nicht etwa nur das Resultat selbst. Beispiel: Ein Kind fragt beim Erledigen der Hausaufgaben bei einer Rechenaufgabe, die es nicht selbst lösen kann, von sich aus bei der Mutter nach. Diese hilft nicht nur beim Lösen der Aufgabe, sondern verstärkt das für einen Erfolg wichtige Nachfrageverhalten des Kindes:

Super! Man merkt, dass Du bald Zehn wirst! Du kommst fragen, wenn Du etwas nicht verstehst. Normalerweise machen das nur ältere Kinder.“




Das ist natürlich nicht auf meinem Mist gewachsen (der Tipp stammt von der Psychologin meiner Kinder Frau Lareda). Es wirkt prima. Man muss einfach ganz konkret dasjenige Verhalten benennen und verstärken, welches mittelfristig dazu beiträgt, dass das Kind sich besser verhält. Und zwar nicht irgendwann, sondern sofort. Sonst nützt es nichts.

Noch ein Beispiel: Marco wurde früher immer extrem schnell wütend. Als wir mit der ADHS-Therapie begannen, konnte er sich etwas besser abbremsen. Ich sagte ihm dann:

„Perfekt junger Mann! Du hast ein Recht darauf, wütend zu sein und das auch zu zeigen. Heute als Lorena Dich beim Essen stichelte, sah ich gleich, wie es in Dir langsam hochkochte. Du hast Dich gewehrt, aber diesmal hast Du einen Augenblick lang Luft geholt, bevor Du Lorena zurückgegeben hast. Das habe ich ganz klar gesehen! Klare Sache, Du konntest Dich besser beherrschen und hast Lorenas Verhalten trotzdem klipp und klar kommentiert.“


Schaut Euch auch diese Kapitel an, falls Euch meine Geschichte interessiert!


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Hilfe Ergotherapie! Oder: Später vielleicht! | Aufschieben | Prokastination

Aufschieben? Ich?

Lange habe ich nichts mehr von mir hören lassen. Dinge aufschieben, oder besser gesagt wie ein Pflug vor mich hinschieben, kann ich ganz gut.

Sorry.

Wobei: Eigentlich muss ich mich ja nicht entschuldigen. Wer schon etwas Ahnung hat von der ADHS, sollte wissen, dass (nicht nur) Kinder mit einer ADHS beim Start eines neuen Projektes immer mit Feuer und Flamme dabei sind. Dann aber ist die Luft einfach schnell raus.

Und es gibt so viel (!) Interessantes … Bei mir war es „Lightroom“, ein Fotobearbeitungsprogramm. Hat mir den Ärmel reingezogen. Seit mein Vater es mir ein paar Mal erklärt hat, fahre ich total auf dieses Programm ab. Aus meinen iPhone-Fotos entstehen richtige kleine Kunstwerke. Die zeige ich auf „Insta“. Mich verwundert es etwas, dass ich schon ein paar Monate an diesem Projekt dranbleiben kann, ohne dass es mir wieder langweilig wurde.

 

Mir geht es gut. Schule: Läuft. Klar, ich könnte mehr Gas geben. Aber für mich es okay. Die Tabletten nehme ich immer noch. Im Herbst gab es bei der Psychologin eine Verlaufskontrolle. Ich musste einige Computer-Tests machen. An einem Tag mit und ein paar Tage später ohne Medikamente. Der Sache war schnell klar …

Eigentlich wollte ich hier über den Versuch meine Ma sprechen, mich in eine Ergotherapie zu verfrachten. Aber so interessant ist diese Geschichte nun auch wieder nicht.

Später* vielleicht mehr zu meinen Erlebnissen mit der Ergotherapie.

Tschüss und weg.

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* „Später “ heisst bei den meisten Menschen mit einer ADHS:  „Vergiss es einfach!“.

Siehe auch die anderen Lorena-Geschichten

 

 


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Meine Mutter hat auch ADHS / AD(H)S / ADS | Eltern

Meine Mutter

Ich soll nicht wieder so frech sein! Sagte gestern mein Papa.

Dabei habe ich gar nichts Schlimmes gesagt. Meine Mutter war gestern schon am Vormittag gestresst, schnauzte alle an (sogar Rocky, unser Hund, kam dran) und niemand konnte ihr etwas recht machen.

Als mich Ma vor dem Mittagessen dann noch anzischte, ich solle endlich mein Bett machen, reichte es mir (ich hatte nämlich  alles schon erledigt und sogar mein Zimmer aufgeräumt!). Ich sagte im gepfefferten Ton zu ihr: „Du hast sicher das Ritalin wieder vergessen!“ Und dann kam eben der Papa und schimpfte mit mir.

Später stellte sich raus, dass ich recht hatte …




Frau Lareda, meine Psychologin sagte mir einmal, dass es häufig vorkomme, dass bei Geschwistern, bei Vater oder Mutter, oder bei alle zusammen ADHS vorliegen könne.

Einen Vorteil hat es. Ma versteht mich. Meine Mutter und ich ticken sehr ähnlich. Sie würde mich nie für etwas bestrafen, wofür ich nichts kann. Seit dem sie weiss, dass auch sie ADHS hat, glaubt sie mir meistens. Meine Ma ist super. Sie ist halb-halb streng, aber gerecht. Zumindest, wenn sie ihre Medikamente eingenommen hat.


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Lerncamp: Totaler Mist! Die Leiterinnen waren schrecklich …

Lerncamp: Totaler Mist!

Hier ist wieder einmal Marco (= Bruder einer Nervensäge namens Lorena). Meine Mutter will, dass ich hier etwas schreibe über das Lerncamp, welches ich im Sommer 2014 besucht habe. Ich kriege dafür 8.- an Guthaben für mein Galaxy. Lieber wäre mir zwar ein iPhone 6 mit einem richtigen Abo. Natürlich mit Flatrate. Aber klar, dafür mach ich’s auch. Also, wo soll ich anfangen?

Kurz und bündig: Es war totaler Mist. Die Leiterinnen waren schrecklich (alles alte Tanten mit altmodischen Strickjäckchen). Die anderen Kinder waren Kindsköpfe. Gamen durfte man auch nicht. Und zum Essen gab es jeden Tag Suppe mit fettigen Würstchen. Auf dem Klo war es so kalt, dass man sich beim Hinsetzen eine Erfrierung holte. Die Spüle war eingefroren. Und dann regnete es Tag für Tag. Die ganze Woche. Alles war feucht, das Cheminé qualmte, so dass man keine Luft kriegte. Und meistens waren die Schuhe am nächsten Tag noch nasser als am Tag zuvor. Von dem, was nachts so alles los war, erzähle ich besser nichts. Schliesslich hielt ich es nicht mehr aus und flüchtete. Ein Bauer, dem ich begegnete, alarmierte die Rega, um die anderen Kids zu befreien. Es war purer Horror.

Hihi  😉  Reingefallen!

Okay! Nun in echt …

Und nun, wie es wirklich war: Meine Mutter hatte im Internet eine Website über ein Lerncamp gefunden. Womit es mit einer Unmenge von Diskussionen losging.  Klar, die Fotos waren okay, jedoch gab es auch hunderte von Punkten, die für mich klar dagegen sprachen. Wieso soll ich mich noch in den Ferien mit Schulstoff und Lernstrategien abkämpfen? Und dafür eine meiner wenigen Sommerferienwochen opfern? Und obendrein mit wildfremden Personen? Nein war meine erste Antwort. Selbst meine Klassenlehrerin war zurückhaltend, als meine Mam sich wohl Überredenskünste von ihrer Seite her erhoffte.

Doch meine Mam ist wie ich, wenn sie etwas im Kopf hat. Nun, ich liess mich auf den Deal ein, das Lerncamp durchzuziehen. Danach ging es dafür zwei Tage lang in den Europapark nach Rust. Das war Mams Köder.

Von den Wochen vor dem Lerncamp mag ich gar nicht all zu viel erzählen. Die reinsten Horrorgeschichten malte ich mir aus, was mich da alles erwarten könnte! Es kam dann zum Glück ganz anders:

Wir waren eine Gruppe von 12 Kids. Alle kamen unfreiwillig und mochten das Lernen überhaupt nicht. Und nun das grosse Aber: Wenn doch nur auch normale Schulwochen so schnell vorbei gehen würden. Im Lerncamp lernte ich so viel wie kaum jemals. Und ja sogar ein wenig gerne!

Die Tage im Lerncamp haben jeweils bereits gut begonnen. Bis um 9 Uhr sollten wir gefrühstückt haben . Ich konnte also trödeln soviel wie ich wollte. Gewissermassen konnte ich ausschlafen. Wenn im gleichen Haus – quasi in einem anderen Zimmer – nicht auch Kühe gewohnt hätten.  So kam es, dass ich bereits um 6.30 (!) im Pyjama unter dem Overall im Stall stand und beim Melken helfen durfte. Das war stark. Ich Marco, Bruder einer Nervensäge, mitten in der Nacht im Kuhstall.




Beim Frühstück war ich nicht der Einzige, der ADHS-Medikamente einnahm. Es hatte noch drei andere. Wir haben uns dazu ein wenig ausgetauscht. Dies tat ganz gut. Ansonsten gibt es immer grosse Diskussionen, warum dies überhaupt nötig sei usw.

Wir hatten diese Woche mein bisher schönstes Schulzimmer, nämlich unter freiem Himmel. Zu Beginn lies ich mich vom Gebimmel der Kuhglocken noch ablenken, doch schon bald repetierte ich meine Franzwörtchen dazu im Rhythmus. Könnt ihr Euch das vorstellen? Marco lernt im Takt der Kuhglocken!

Ich habe jetzt eine Ahnung, warum ich Dinge vergesse und trotzdem nicht dumm bin. Aber auch wie ich mir Ziele setze und diese auch einhalte und ich auch mal an mich glaube.

Als ich einen grösseren Durchhänger in der Repetition von typischen (und gemeinen!) Rechtschreibfallen hatte, musste ich die drei Jahre ältere Lara mit den Englisch Voci abfragen, bis die mal etwas schnallte. Da ist mein Hirn ja regelrecht fit! Dafür konnte sie am Nachmittag ihr Feuer ohne Hilfe anzünden und fragte bei unserer ersten Stallvisite auch nicht, warum man den Stier nicht melkt. Das war ja so peinlich von mir! Zum Glück war meine Schwester nicht im Lerncamp.

Oft sassen wir mittags noch lange wie eine grosse Familie am Mittagstisch und erzählten uns aus den verschiedenen Schulen und Regionen der Schweiz. Meine  Schule und Lehrer sind gar nicht so daneben, bemerkte ich gerade. Da haben es andere härter!

Ich kann mich gar nicht entscheiden, was mir als Nachmittagsprogramm am besten gefallen hat. Eigentlich war ich im ersten Moment stinksauer über den Bergführer. Er überredete mich nämlich, doch noch über die Seilbrücke zu gehen. Wahrscheinlich mussten andere auch ihren inneren Schweinehund überwinden. Denn niemand sagte etwas, als ich meine Tränen trocknete. Im Nachhinein bin ich wirklich unglaublich stolz, dass ich es geschafft habe!




Anderseits war der Nachmittag auch ganz cool. Als wir alle ein eigenes Feuer zum Brennen bringen  konnten, verbrauchte ich dazu zwar eine ganze Zündholzschachtel, doch am Ende konnte ich meine Marshmallows braten. Lecker.

Vielleicht war der beste Nachmittag jener, an welchem es aus Kübeln regnete und wir trotzdem eine Schnitzeljagd machten und dann wieder im Trockenen bei heisser Schokolade mit dem eigenen Sackmesser Wanderstöcke schnitzten.

Zuerst war ich ja überhaupt nicht begeistert, als es hiess, dass wir beim Kochen fürs Abendessen helfen müssen. Doch die selbstgebackene Rösti auf dem Holzofenherd sowie die Zubereitung der Salate haben mir so Spass gemacht, dass ich mir überlegte, vielleicht sogar zu Hause mehr in der Küche zu helfen. Dass daraus nichts wurde, könnt Ihr Euch sicher gut vorstellen.

Das Lerncamp ist eine Weile her, seither war ich bereits wieder im Berner Oberland. Ich habe einen prima neuen Freund gefunden und ich durfte im Winter zu ihm in die Ferien.

Ob ich dieses Jahr auch wieder ins Lerncamp möchte, fragte mich neulich meine Mutter. Wenn ich es mit dem Landdienst unter einen Hut bringe, warum nicht!

Nachtrag: Danke Mam fürs Korrigieren und die 8 Fr. Handy-Guthaben!

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Anstrengen: Das gemeinste Wort überhaupt! Jetzt sag auch ich mal was!

Marco ( = Schwester von Lorena)

Ich bin der Marco. Nachdem meine Schwester Lorena hier bereits meine halbe Lebensgeschichte rausgeplappert hat, will ich auch mal was sagen.

Sorry, aber so soft wie meine Schwester Lorena kann ich nicht schreiben. Vor allem nicht, wenn ich sauer bin. Und ich war stinksauer, als ich las, was sie geschrieben hat. Und ich bin immer noch sauer. Und werde jetzt gerade noch saurer. Und zwar weil alles in Wahrheit noch viel schlimmer ist, als meine Schwester es beschrieben hat.

Ja, auch ich habe eine ADHS. Und seit der Therapie geht es so einigermassen. Aber … ich muss es jetzt einfach loswerden. Es ist verschissen. Sorry für dieses Wort. Aber es passt zu 100% und es gibt kein Besseres.

Mehr anstrengen

Es ist einfach zum K….. Immer dachten alle, ich sei einfach zu faul. Und sagten dann, ich solle mich mehr anstrengen. Ich krieg dieses Wort fast nicht in die Tastatur getippt. So sehr hasse ich es. Es ist das gemeinste Wort überhaupt!

Ihr habt alle absolut keine Ahnung davon, dass ich mich nämlich immer angestrengt habe und das Beste gegeben habe, was ich konnte. Also genau gesagt fast immer. Wenn ich zum hundertsten Mal in einem Kraftakt eine Liste mit Vokabeln in mein Gehirn presste und dann am nächsten Tag das meiste davon einfach wieder total weg war, ja irgendwann ist dann einfach Schluss. Was soll das Ganze? Ich bin doch nicht blöd. Gewisse Dinge gehen einfach nicht auf normalem Weg in mein Gehirn hinein. Leider sind es ziemlich viele Dinge.

Und dann kommt mein Vater. Oder Frau Spielmann (meine Klassenlehrerin). Ich solle mich mehr anstrengen. Wenn nicht, würde ich in der Oberstufe nicht ins „E“ versetzt. Ich will aber unbedingt ins „E“, weil ich Chemiker werden will! Und meine Noten sind ja gut, wenn mich das Fach oder das Thema, welches gerade angesagt ist, interessiert. Kommt leider nicht so oft vor. Aber habe ich etwa dafür Schuld?



Soll ich Euch sagen, was im Bericht des Schulpsychologen stand, zu dem ich vor einem Jahr geschleppt wurde? Ja, ich habe es gelesen. Lag auf dem Küchentisch. Ich hätte eine „Anstrengungsvermeidungshaltung“, schrieb dieses … (ich schreibe das Wort wegen der Zensur besser nicht aus). Weil ich verwöhnt worden sei. So ein Vollquatsch! Etwas weiter unten hat er geschrieben, meine Mutter hätte mich durch ihr Verhalten an meiner „Autonomieentwicklung“ gehindert. Ich weiss zwar nicht genau, was das heisst. Wahrscheinlich auch nichts Gescheites. Meine Ma ist schon in Ordnung.

Liebe Ma, lieber Pa: Schickt mich meinetwegen zwei Mal pro Woche zum Bohren in eine Zahnarztpraxis. Aber zu diesem Psycho-Typen will ich nie, nie mehr. Da könnt ihr machen, was ihr wollt.

Was soll das?

Mehr anstrengen? Was soll der Schwachsinn?! Wir leben im Jahr 2014! Lehrpersonen und Eltern (sorry Ma + Pa) müssten doch echt langsam wissen, was ADHS ist. Aber anscheinend leben hier fast alle noch hinter dem Mond. Ausser Ma. Die hat es gecheckt. Und Frau Lareda ist auch okay.

Vielleicht wundert ihr Euch, warum ich hier so gute Sätze formulieren kann?* Es ist ganz einfach: Weil ich sauer bin. Mein Hirn tickt zurzeit bestens, aber nur, weil etwas los ist und weil in meinem Gehirn mächtig Dampf ist. Das ist a) immer so und b) auch logisch. Weil: Nur und nur dann, wenn etwas los ist oder wenn etwas interessant ist, kann mein Kopf normal denken. Sonst habe ich gleichzeitig alles und nichts in meiner Schüssel. Wie soll ich denn im Unterricht aufpassen können, wenn alles Wichtige und Unwichtige gleichzeitig in meinem Kopf rumschwirrt?! Soll mir doch mal jemand sagen, wie das funktionieren soll! Es ist unmöglich. Wer das nicht checkt, hat nicht begriffen, was ADHS ist. Oder will es nicht begreifen.

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* Ich höre schon meinen Vater ausrufen, falls er das hier einmal lesen sollte: „Siehst Du Marco“ wird er predigen*, „im Internet kannst Du Dir Mühe geben und gute Sätze formulieren. Streng Dich doch bitte auch im Unterricht etwas mehr an, so dass  Du zeigen kannst, was Du drauf hast! Denk immer daran: Man muss nur wollen, dann schafft man alles!

Grrrrrr …

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* Sorry Pa, streite das bitte nicht ab. Es ist doch so!

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Du Idiot! | Reduzierte Impulskontrolle bei ADHS und seine Folgen

Das Wichtigste in meiner Therapie | meine Impulskontrolle

Ich bin Lorena und melde mich zurück. Und zwar will ich Euch mitteilen, was für mich das Wichtigste in meiner Therapie war. Ich meine damit, was mir am besten geholfen hat.

Wie soll ich es sagen? Es geht um ein Gefühl. Um ein sehr gutes Gefühl sogar. Frau Lareda, meine Psychologin sagte mir, es sei die Impulskontrolle, die sich bei mir normalisiert habe.

Wisst Ihr, ich habe früher viel Mist gebaut. Habe anderen schlimme Worte an den Kopf geworfen, immer wieder das iPod meines Bruders geklaut, weil ich jetzt sofort Musik hören wollte, aber nicht konnte, weil ich nicht nur mein Handy, sondern früher auch schon meinen iPod verloren habe. Manchmal habe ich meiner Mutter Geld aus dem Portemonnaie geklaut, weil ich unbedingt und sofort Süsses kaufen wollte.  Und so weiter und so fort.

Klar, das war doof. Eine Weile lang habe ich so getan, als sei es mir so was von egal, dass ich klaue. Aber es stimmte natürlich nicht. Ich habe mich geschämt. Und ich verstand einfach nicht, wieso ich doofe Sachen mache. Klar, ich war es. Und gleichzeitig wollte ich das nicht. Das war verzwickt.




Keine Sorge, ich bin nicht schizophren. Und ich habe auch noch (fast) alle Tassen im Schrank. Und trotzdem passierten mir immer wieder Dinge, die ich echt nicht wollte. Wie zum Beispiel sofort rausplatzen mit dem, was ich gerade denke.

Du Idiot!

Wenn ich zum Beispiel dachte, „Du Idiot!“, sagte mein Mund automatisch und laut ebenfalls „Du Idiot!“. Ihr könnt Euch vielleicht vorstellen, wo ich dann überall reingerasselt bin. Meine Schulkolleginnen hielten mich für eine Mega-Zicke. Es war mir unmöglich, etwas zu denken und dieses dann abgeschwächt herauszulassen. Das ging alles extrem schnell. Mein Gehirn liess mir einfach keine Zeit, um nachzudenken*.

Nicht-wollen oder Nicht-können?

Meine Ma hat irgendwann den Unterschied von Nicht-wollen und Nicht-können begriffen. Und mir das auch zu verstehen gegeben. Das tat und tut mir extrem gut. Sie schimpfte und verurteilte nicht mich, sondern mein Verhalten. Auch Frau Hofmann, meine jetzige Lehrerin, hat es begriffen.

Übrigens: Seit ich Therapie mache, funktioniert meine innere Bremse zu 70% besser. Davon schreibe ich später einmal.

* Heute weiss ich, dass bei allen Menschen mit einer ADHS die innere Bremse nicht richtig tickt.

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Brief der Therapeutin an die Lehrerin meines Bruders Marco

Dies ist ein Brief, den Marcos Therapeutin seiner Lehrerin geschrieben hat. Vieles gilt auch für mich.

Marco ist mein Bruder. Auch er hat ADHS. Und wie! Und auch meine Mutter. Das ist aber ein anderes Kapitel.

Brief der Therapeutin

Sehr geehrte Frau Hofmann

Ihnen und Ihren Mitarbeiterinnen meinen besten Dank für die informativen Angaben zu Marco. Ich bin immer froh, von den Lehrpersonen so aussagekräftige Rückmeldungen zu erhalten. Diese erleichtern es mir ungemein, ein Kind ganzheitlich einschätzen zu können und die Therapie auch mit den Erfordernissen des Schulalltags abzugleichen.

Wie Sie wissen, liegt bei Marco eine ADHS vor. Ich betreue den Knaben als Therapeutin seit Schulbeginn und musste feststellen, dass es sich um eine stark ausgeprägte ADHS handelt, welche den Knaben vor allem in der Entwicklung der Selbstkompetenzen, aber auch im Erwerb von Schulwissen bis heute massgeblich ausbremst.

Marco zeigt bis heute ausgeprägte ADHS-Symptome. Er kann nur “wach” und “am Ball” bleiben, wenn ihn etwas sehr stark interessiert. Nur dann sind seine neuronalen Netzwerke, welche seine Aufmerksamkeits- und Motivationssysteme regulieren, ausreichend stark aktiviert. Syndromtypisch ist, dass Marco bei subjektiv interessanten Themen voll dabei ist, er bei für ihn langweiligeren Themen sowie etwa beim repetitiven Lernen hingegen mental “absackt”, abschweift und anfängt, unruhig und zappelig zu werden.

Erschwert wird die Behandlung von Marco  durch den Umstand, dass er auf die sorgfältig durchgeführte medikamentöse Therapie bisher nicht wirklich gut angesprochen hat (ohne Medikamente wäre er allerdings auch bei Ihnen wahrscheinlich kaum tragbar).

Aufgrund des ausdrücklichen Wunsches von Marco nach mehr schulischem Erfolg (er möchte ins Gymnasium) haben wir die Verhaltenstherapie intensiviert. Mit dem zuständigen Arzt werden wir demnächst auch medikamentös eine Kursänderung versuchen.

Als erste Empfehlungen für den Schulunterricht mit Marco kann ich Ihnen folgende Tipps geben:

    • Marco braucht viel Herausforderungen und “Futter”. Schonen Sie ihn nicht mit Neuem.
    • Setzen Sie ihm bei (machbaren) Aufträgen kurze Zeitfristen: “Tempo machen” ist – auch wenn es sich paradox anhören mag – eine gute Medizin für viele hyperaktive ADHS-Schüler-/innen.
    • Unterstützen Sie Marco dabei, sich auch Themen hingeben zu können, welche ihn nicht interessieren. Ermutigen Sie ihn immer wieder, es zu probieren, auch wenn man weiss und anerkennt, das dies für ihn wegen seiner ADHS extrem schwierig ist. Belohnen Sie auch kleine Fortschritte mit Aufmerksamkeitszuwendung und Anerkennung.
    • Kinder mit einer ADHS müssen explizit und sehr konkret wissen, a) was genau man von ihnen erwartet, b) wie der Job erledigt werden muss und c) in welchem Zeitrahmen das alles zu erfolgen hat.
    • Erwarten Sie von Marco nicht zu viel an Selbständigkeit. Weil seine Selbststeuerungskompetenzen (wie bei allen bei ADHS-Schülern) nicht altersentsprechend entwickelt sind, benötigt er eine engmaschige Führung (“strenge, aber gerechte Lehrperson”).
    • Arbeiten an Wochenplänen stellt für viele Schüler-/innen mit einer ADHS eine Überforderung dar. Besser sind sehr konkrete Aufträge “von heute auf morgen”, auf welche bei erfolgreicher Erledigung sofort mit Anerkennung reagiert werden soll.
    • Der Unterricht sollte sich auf das Wesentliche konzentrieren. Alles Repetitive und bereits Bekannte ist für ADHS-Betroffene ein Gräuel.
    • Ruhe/Unruhe und der Lärmpegel im Unterrichtszimmer sollten von der Lehrperson  – wenn irgendwie möglich – auf einem normalem Level gehalten werden.

  • Im Idealfall sollte eine Unterrichtsstunde für Schüler/-innen mit einer ADHS nicht mehr als 20 Minuten dauern. Mit der Strategie “kurz und bündig” kann bei zahlreichen Betroffenen die ADHS-Problematik ein Stück weit ausgehebelt werden.
  • Die meisten Schüler-/innen mit einer ADHS brauchen viel innere und äussere Bewegung. Vokabeln lernen auf einem Hometrainer, einem Wackelstuhl oder Hintergrundmusik beim Lernen können helfen. Totaler Reizschutz hingegen ist meistens kontraproduktiv.
  • Behalten Sie im Auge, dass Schüler/-innen mit einer ADHS oftmals nicht können und nicht immer nicht wollen (auch wenn dies auf den ersten Blick nicht immer erkennbar ist). So ist es etwas einfacher, diesen Kindern gegenüber auch in jenen Zeiten wohlwollend zu bleiben, in welchen sie der Lehrperson “den letzten Nerv ausreissen”.
  • Denken Sie daran, dass die ADHS-Medikamente bei Marco – anders als bei vielen ADHS-Betroffenen – bisher nur eingeschränkt wirken. Sie müssen sich also mit seinen syndromtypischen Eigenheiten ein Stück weit abfinden. Das heisst natürlich nicht, alles zu “schlucken” und zu tolerieren, was Marco sich erlaubt (eine Diagnose ist eine Erklärung, aber keine Entschuldigung). Im Gegenteil:  Auch Marco braucht sehr klare Grenzen. Fast noch wichtiger für ihn aber ist Verständnis!
  • ADHS-Schüler-/innen sind nicht einfach und können nicht nur für die Mütter, sondern auch für Lehrpersonen eine sehr grosse Herausforderung darstellen. Um eine pädagogische Handlungsfähigkeit aufrechtzuerhalten sowie zwecks Burnout-Prävention sind meistens Massnahmen erforderlich: a) Weiterbildung i.S. ADHS für Lehrpersonen; b) bei Bedarf Supervision für die Lehrperson im Umgang mit schwierigen Schülern sowie c) Sicherstellen einer Zusammenarbeit mit den anderen involvierten Fachpersonen (Psychologe, Arzt usw.).
  • Informieren Sie sich über ADHS. Zum Beispiel hier: www.adhs.ch.
  • Und immer im Auge behalten: Marco ist sehr dankbar, korrekt und äusserst loyal, wenn er spürt, dass er verstanden und ernst genommen wird. Es lohnt sich also nicht nur wegen seiner hohen Intelligenz, in ihn zu „investieren“.

Soweit eine erste Rückmeldung zu Marco. Für Fragen stehe ich Ihnen gerne zur Verfügung. Wenn Sie weitere Feststellungen machen, von denen Sie annehmen, dass diese für mich und die Therapie mit Marco relevant sein könnten, bitte ich um Benachrichtigung.

Freundliche Grüsse

PS: Der Form halber muss ich Sie noch darauf hinweisen, dass die Ihnen in diesem Schreiben zugetragenen Informationen über den Gesundheitszustand von Marco streng vertraulicher Natur sind und gemäss dem medizinischen Datenschutzgesetz ohne seinem Einverständnis Dritten nicht zugänglich gemacht werden dürfen.


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Einschlafen ist doof! | Schlafstörungen bei ADHS

Lorena meldet sich zurück mit einem neuen Thema:

Einschlafen / Schlafstörungen

Einschlafen ist doof! Im Bett liegen und nichts tun ist extrem langweilig. Das war lange ein grosses Problem für mich. Statt einzuschlafen, gingen mir tausend Gedanken durch den Kopf. Gute und schlechte. Alle Geräusche hörte ich. Auch das Anspringen der Heizung im Keller (drei Etagen tiefer!). Unmöglich, mich einfach nicht auf den Schlaf zu konzentrieren. Manchmal wurde es 24:00 Uhr.

Musik hören half manchmal. Oder Lesen. Aber das durfte ich lange nicht. Irgendwann begriffen meine Eltern, dass mir Musik beim Einschlafen helfen kann.

Wie es morgens lief, wenn ich erst zwischen 23:00 und 24:00 einschlafen konnte, könnt Ihr Euch sicher vorstellen: Wachwerden? Ohje! Es gab immer Ärger. Meine Mutter versuchte alles, um mich  wach zu kriegen. Und dann die Trödeleien bis ich soweit war, um in die Schule zu gehen. Logisch war ich dann auch im Unterricht hundemüde. Und konnte dann noch weniger aufpassen …

Seit etwa einem Jahr kann ich normal gut einschlafen. Meistens jedenfalls. Wollt Ihr wissen, warum?

Meine Therapeutin gab meinen Eltern den Tipp, in meinem Zimmer ein glitzerndes Mobile aufzuhängen. Nachts scheint von draussen immer etwas Licht auf das Mobile. Weil es sich ja immer etwas bewegt, schaue ich es eine Weile an – und weg bin ich. Super, gell!



Mein Bruder Marco konnte auch nie gut einschlafen. Das Mobile nützte bei ihm nicht. Auch nicht ein plätschernder Zimmerbrunnen. Er bekam einen kleinen Disco-Laser, welcher kleine und sich langsam bewegende Punkte an die Decke strahlte. Mit einem Dimmer konnte das so eingestellt werden, dass die Lichtpunkte nicht zu stark, aber nicht zu wenig leuchteten. Das nützt schon seit einem halben Jahr.

Meine Mutter hat ja auch eine ADHS. Sie bekommt vom Arzt das Medikament Melatonin. Damit kann auch sie einschlafen. Ich glaube, Melatonin kann auch bei Kindern helfen. Das sagte jedenfalls meine Mutter.


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Wie bei mir ADHS festgestellt wurde (Teil 4) | Schlussbericht

Teil 1 |Teil 2 | Teil 3 | Teil 4

Hier ist Lorena mit meinem Schlussbericht. Also, das lief folgendermassen:

Frau Lareda führte mit meinen Eltern ein Gespräch. Sie zeigte ihnen Punkt für Punkt auf, was die Untersuchung ergeben hat. Meine Eltern sagten mir, Frau Lareda hätte auch darüber gesprochen, was sonst an möglichen Ursachen in Frage kommen könnte, dass bei mir aber „der Fall klar sei“. Die Eltern erhielten einen schriftlichen Schlussbericht.




Zwei Wochen später durfte ich noch einmal zu Frau Lareda. Auf ihrem Schreibtisch herrschte ein Gewirr von Tabellen, ausgefüllten Fragebögen, Zeugniskopien, Schulheften und noch viel mehr. Sie erklärte mir, woran sie gesehen habe, dass bei mir eine ADHS vorliegt. Und sie zeigte mir auch, welche Tests ich besonders gut bewältigte. Vor allem aber sprachen wir darüber, wie es nun weitergehen soll.

Davon erzähle ich Euch später einmal.

Vielleicht.

Lesetipp für Eltern:
Reicht nicht einfach der “Ritalin-Test”? Zur Diagnostik der ADHS bei Kindern und Jugendlichen

 


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Wie bei mir ADHS festgestellt wurde (Teil 3) | Fragebogen

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Fragebogen ausfüllen

Hier bin wieder ich, Lorena. Es geht noch einmal um meine Abklärung. So kriegen andere Kinder und Jugendliche etwas Einblick, wie eine ADHS-Abklärung abläuft. Und es um einen Fragebogen. Nein um mehrere.

Frau Lareda wollte sich ein Bild machen, wie es in meinem Leben ausschaut. Ihre Praxis bezeichnete sie als „Labor“. Da sehe man vor allem, was ein Kind kann und weniger, was nicht gut geht. Für die Therapieplanung sei das wichtig, sagte sie. Nur wenn man wisse, wo die Stärken eines Kindes liegen, sei eine griffige Therapie planbar.

Die Psychologin bat meine Eltern, ihr eine Lebensgeschichte über mich zu schreiben. Und sie mussten einige Fragebögen ausfüllen und schliesslich noch einen Familienstammbaum zeichnen. Auch ich durfte einen Fragebogen ausfüllen. Nein, es waren zwei. Einer davon ging querbeet durch alles Mögliche und Unmögliche. Ob ich manchmal Kopfschmerzen habe, ob ich beim Lift fahren Angst habe und vieles mehr wollte der Fragebogen von mir wissen. Der blaue Fragebogen ging wohl um ADHS. Er enthielt viele Fragen über meine Konzentrationskraft und darüber, wie gut ich mich beherrschen konnte.

Meine Eltern mussten dann noch Kopien meiner Schulzeugnisse und der Berichte des Schulpsychologen (das war der, der meiner Mutter sagte, dass es keine ADHS gebe) an Frau Lareda weiterleiten.

Auch mit meiner Lehrerin hat Frau Lareda Kontakt aufgenommen. Auch Frau Berg musste einen Fragebogen ausfüllen.

Damit nicht genug. Meine Eltern mussten Kopien aller Prüfungen der letzten Monate zusammenstellen und an Frau Lareda übergeben. Sie wolle sehen, ob sich darin typische Fehlermuster zeigen würden und ob diese zu den Testergebnissen passen.

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Wie bei mir ADHS festgestellt wurde (Testablauf Teil 2)

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Hier nun der zweite Teil meiner Untersuchung (Testablauf ganz konkret)

Frau Lareda erklärte mir als erstes den Testablauf und den Sinn der Tests. Sie könne mir aus Zeitgründen aber nicht bei jedem Test erklären, wozu er gut sei. Ich solle fragen, wenn mich einer der Tests besonders interessiere. Das war für mich okay.

Dann wurde ich getestet, ob ich in die Nähe und die Ferne normal sehe und ob ich Farben auseinander halten kann. Ich durfte dann eine 3D-Brille anziehen und Frau Lareda zeigte mir ein Bild einer Fliege, welche voll räumlich wirkte.

Schliesslich gab es einige Tests am Computer. Einer war extrem langweilig. Frau Lareda erklärte, sie möchte herausfinden, wie gut ich mich konzentrieren kann, wenn es uninteressant und eintönig sei. Bei einem anderen Test musste ich versuchen, auf zwei Sachen gleichzeitig zu achten. Nämlich auf Töne und Kreuze. Das war vielleicht schwierig! Und dann gab es eine Aufgabe, die ich gar nicht gut konnte: Auf dem Monitor leuchtete entweder ein „X“ oder ein „+“ auf. Immer wenn das „X“ erschien, musste ich so schnell drücken, wie ich nur konnte. Beim „+“ musste ich nichts machen. Klingt einfach. Ist es aber nicht! Lacht mich nicht aus, aber mein Finger knallte auch beim „+“ immer wieder auf den Knopf. So, als würde meine innere Bremse nicht richtig funktionieren.




Na ja, verwunderlich ist es ja nicht. Denn genau das war ja lange mein grosses Problem: Ich war immer zu schnell und redete drauf los, bevor der Lehrer seine Frage zu Ende gestellt hat. Oder ich sagte „Nein“, ohne in Ruhe zuhören zu können, was mein Vater von mir wollte. Oder bei Prüfungen: Ich war oftmals zu schnell fertig. Und die Geduld, dann alles nochmals in Ruhe durchzuschauen, fehlte mir natürlich.

Dann kamen Lernaufgaben, bei denen ich Wortreihen nachplappern durfte. War etwas langweilig, aber auch okay. Und dann musste ich mir Bildchen einprägen und dann mit Holzstäbchen nachbauen. Das war lustig, weil Frau Lareda mich vor Beginn dieses Tests fragte, ob ich beide Kameras eingeschaltet habe (sie meine natürlich meine Augen) und ob mein Akku noch voll genug sei. Überhaupt war der Testablauf lustig. Wir haben viel gelacht.

An den Rest kann ich mich nicht mehr gut erinnern. Ich musste eine komische Figur abzeichen, etwas mit Würfeln nachbauen und dann noch Fragen beantworten. Zum Beispiel: „Was ist eine Bettdecke?“ oder „Sage mir mehrere Gründe, wieso Kinder rechtzeitig ins Bett gehen sollen?“ …

Lesetipp für Eltern:
Reicht nicht einfach der “Ritalin-Test”? Zur Diagnostik der ADHS bei Kindern und Jugendlichen

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Wie bei mir AD(H)S festgestellt wurde (Teil 1)

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Hallo AD(H)S!

Hier ist wieder Lorena. Heute berichte ich Euch, wie bei mir festgestellt wurde, dass ich eine AD(H)S habe.

Eigentlich sei es bei mir schon lange klar gewesen, dass ich AD(H)S habe. Sagte meine Mutter. Sie muss es ja wissen. Ersten ist sie meine Mutter (und niemand kennt mich so gut wie sie). Und zweitens hat sie selbst AD(H)S. Niemand habe ihr geglaubt. Der Schulpsychologe habe ihr gesagt, ADHS gebe es gar nicht. Und dem Kinderarzt sei in der Untersuchung nichts Spezielles aufgefallen.

Meine Mutter brachte mich dann zu einer Psychologin, welche sich mit ADHS gut auskennt. Den Tipp hat sie von der AD(H)S-Elternselbsthilfegruppe ELPOS erhalten.

Super war es, dass ich vorher im Internet ihre Praxis sehen konnte. Es hatte auch Fotos von der Psychologin. Sie sah sympathisch aus. Und sie hatte eine Katze.

AD(D)S Diagnostik konkret

Zweimal musste ich zu Frau Lareda. Einmal einen ganzen Vormittag lang. Eine Woche später ging ich dann am Mittwochnachmittag für zwei Stunden in ihre Praxis.

Eigentlich ist der Mittwochnachmittag mein freier Nachmittag. Und somit heilig. Aber es war okay.  Frau Lareda war nämlich auch okay. Sie erklärte mir als erstes kurz und bündig, wie die Untersuchung abläuft. Dann informierte sie mich über meine Rechte als Patientin. Ich habe schön gestaunt, dass auch bei Kindern Schweigepflicht besteht. Zwar habe ich keine Geheimnisse vor meinen Eltern, aber es war trotzdem super zu merken, dass ich ernst genommen werde.




Frau Lareda stellte mir gute Fragen. Sehr gute sogar. Denn zum ersten Mal bekam ich Worte geliefert für meine Gefühle, meine Lernblockaden und mein Chaos im Kopf. Vorher war es nur ein riesiger Gefühlsschwamm ohne Worte.

Fragen über Fragen

Sie fragte mich vieles. Unter anderem auch, wie ich mir selbst meine Lernprobleme und mein Dreinschiessen (also nicht mit dem Gewehr, sondern mit meinem Mund) erklären würde. Und ob es Dinge gäbe, die mir Sorgen oder Angst machen. Oder ob ich schlechte Geheimnisse habe. Oder blöde Gedanken im Kopf, gegen die ich ankämpfen würde. Und wie gut ich einschlafen kann und welche Träume ich habe.

Gut war, dass das alles schnell über die Bühne lief. Nicht weil es unangenehm war, sondern weil ich dadurch voll konzentriert sein konnte. Ja, es war sogar interessant. Als mich meine Mutter abholte und ich ihr im Auto berichtete, wie es lief, sagte sie: „Hoffentlich sagt Frau Lareda nicht dasselbe wie der Kinderarzt!“

Dann musste ich einige Tests machen. Davon erzähle ich Euch später einmal. Jetzt gehe ich Fussball spielen.

Lesetipp für Eltern

Reicht nicht einfach der “Ritalin-Test”? Zur Diagnostik der ADHS bei Kindern und Jugendlichen

 




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Ich heisse Lorena | Meine Geschichte mit ADHS | Langweilig? Ich hoffe nicht!

Meine Story

Ich heisse Lorena, habe ADHS und erzähle Euch jetzt, was das ist. Es geht um Langeweile. Aber nicht nur. Langweilig? Ich hoffe nicht.

ADHS: Diese vier Buchstaben stehen für das schwierige Wort „Aufmerksamkeitsdefizit- / Hyperaktivitätsstörung“. Erwachsene schreiben halt kompliziert. Daran muss man sich als Junior gewöhnen.

ADHS ist eine Abkürzung für eine Krankheit. Das tönt schlimm. Ist es aber nicht. Also bitte keine Panik. ADHS ist nämlich keine normale Krankheit. Denk nur an ein Kind mit einer Brille. Oder an einen Lehrer mit einem Hörgerät. Okay: Es ist schon nicht ganz normal, wenn mit den Augen oder den Ohren etwas nicht stimmt. Aber so richtig krank ist man deswegen nicht. Und genau so ist es auch mit der ADHS.

Wer ADHS hat kann sich super gut konzentrieren. Aber leider nur dann, wenn etwas neu, sehr interessant oder spannend ist. Nur dann kann ich gut aufpassen. Vieles geht dann fast automatisch in meinen Kopf hinein.

Langweilig?

Leider ist es aber oft sehr langweilig! Zum Beispiel in der Schule.

Jetzt habe ich zum Glück eine coole Lehrerin. Die erklärt uns alles zack-zack und redet nicht lange um den heissen Brei herum. Da kann ich aufpassen und ich mache im Unterricht auch mit. Das war leider nicht immer so: Der Lehrer der vierten und fünften Klasse redete immer unendlich lange. Da sind meine Gedanken immer wegwandert. Statt zuzuhören sind mir tausend andere Sachen aufgefallen. Zum Beispiel, dass Herr Berger immer wieder eine schmutzige Brille trug. Oder dass er in Jeans herumlief, bei denen ein Hosenbein kürzer war als das andere.

Sobald ich etwas wiederholen musste, wurde es mir schnell langweilig. Texte konnte ich nur einmal lesen. Dann ging nichts mehr. Wenn die Schüler im Unterricht still für sich arbeiten sollten, war es für mich besonders schlimm. Luca sass an der Schulbank hinter mir. Immer dann,  wenn er eine Packung Papiertaschentücher öffnete – und das passiert ständig – machte es „Ratsch“. Und schon war ich abgelenkt.

Auch wenn ich es gar nicht wollte. Jedes kleinste Geräusch ging in meinen Kopf hinein. Ich konnte nichts dagegen machen. So konnte ich mich natürlich nicht gut konzentrierten. Wenn etwas mich nicht interessierte, sah ich einfach immer zu viel: Sobald Lea, Melina oder Kathrin den Kopf drehten oder sich sonst irgendwie bemerkbar machten, mussten meine Augen dort hinschauen. So kam ich natürlich nicht vorwärts.

Langweilig war es mir auch zuhause. Da habe ich ständig die einfachsten Sachen vergessen. Zum Beispiel das Spülen auf der Toilette. Oder das Zähneputzen. Oder das Hausaufgabenbüchlein mit nach Hause nehmen. Oder dass ich meiner Mutter versprochen habe, ihr die Schere wieder zurückzubringen.



Wer ADHS hat, vergisst alles Normale schnell wieder. Das nervt die Eltern! Weil sie dann schimpfen und das Gleiche wieder und wieder sagen, wird es für uns Kinder manchmal echt schlimm. Ich schämte mich oft, denn irgendwie haben sie ja recht. Aber unsere Eltern checken einfach nicht, dass Kinder mit ADHS dann erst recht nicht mehr aufpassen und zuhören können. Sie meinen, wir wollen nicht.

Das stimmt manchmal schon. Aber nicht bei diesen gewöhnlichen Sachen wie dem Spülen der Toilette oder dem Zuschliessen der Hauseingangstür. Ich bin doch nicht doof!

Bis heute kann ich nicht verstehen, dass mein Vater mir nicht geglaubt hat, dass ich das WC nicht absichtlich nicht gespült oder die Haustüre ohne Absicht nicht abgeschlossen habe. Ich habe es echt immer wieder vergessen. Das war auch bei den Arbeitsblättern, die ich aus der Schule hätte mitbringen sollen. Oder dem Anmeldeformular für den Saxophon-Unterricht.

Vor lauter Wut, dass meine Eltern es mir nicht geglaubt haben, bin ich manchmal fast geplatzt. Meistens habe ich es mir nicht anmerken lassen und herunter geschluckt und dafür in der Nacht geweint. Zu letzten Mal war das vor einem Jahr, als ich mein nagelneues Handy in der S-Bahn habe liegen lassen. Das war ganz schlimm.

Bald schreibe ich Euch mehr über die ADHS. Ich hoffe es jedenfalls. Leider verspreche ich anderen Sachen, die ich manchmal lange hinauszögere. Mein Vater sagte mir deswegen schon ein paar Mal, ich sei unzuverlässig.

Das tut weh.

Siehe auch die anderen Lorena-Geschichten

Also: Falls nichts kommt … Ihr wisst schon.


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Er wurde letztmals aktualisiert am 11.10.2017.
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Bildschirmmedien & ADHS: Brandbeschleuniger oder harmlos? Fallbeispiele | Lösungen


Der Konsum von Bildschirmmedien kann ADHS-Symptome verstärken.
Glauben Sie nicht? Dann lesen Sie doch weiter!


Piero Rossi (Vortragsmanuskript 2012)

Zusammenfassung

http://www.adhs.ch/ueber-mich/
Ein hoher Konsum von TV, DVD, PC-, Online- und Videogames sowie anderen Bildschirmmedien führt bei vielen ADHS-Betroffenen zu einer Verstärkung von Wahrnehmungs-, Impuls- und Konzentrationsstörungen. Aufgezeigt wird dies an konkreten Fallbeispielen aus der psychotherapeutischen Praxis des Autors. Die Neuen Medien stellen Eltern, Lehrkräfte, Psychologinnen und Psychologen und andere Fachpersonen vor grosse Herausforderungen. Die Fallbeispiele ermutigen, sich zum Wohl der Kinder vermehrt mit diesen Themen auseinanderzusetzen.

Einführung

Heute Abend berichte ich Ihnen über den Zusammenhang von Bildschirmmedienkonsum und ADHS. Zum Thema Bildschirmmedien und ADHS existieren unzählige wissenschaftliche Untersuchungen mit Tausenden von Kindern. Aber keine Angst. Ich werde Sie heute weder mit Zahlen, Tabellen noch mit statistischen Grafiken überschwemmen. Ausgangspunkt bilden vielmehr eigene Erfahrungen mit Patientinnen und Patienten aus meiner psychologischen Praxis. Auf einige wichtige Forschungsresultate zu diesem Thema gehe ich am Schluss ein. Als Erstes will ich Ihnen schildern, wie es dazu gekommen ist, dass diese Thematik für mich und meine Arbeit überhaupt so bedeutsam wurde.

Jan und Eric

Gehen wir zurück ins Jahr 2007. Ein Kinderarzt aus dem Kanton Thurgau überwies mir damals zwei Buben mit einer diagnostizierten ADHS. Beide haben auf alle bisher durchgeführten Therapien (und dazu zählte auch eine medikamentöse Therapie) nicht befriedigend angesprochen. Der Kinderarzt bat mich um eine eingehende Untersuchung beider Kinder sowie um Therapieempfehlungen. Abklärung von „ADHS-Problemfällen“ gehören zum Kern meiner Praxistätigkeit.

Wie in allen anderen Fällen begann die Untersuchung mit einem ausführlichen Gespräch mit den Eltern. Mein Ziel ist, Informationen über die aktuellen Probleme, über die bisherige Entwicklung, über das Problemverhalten des Kindes in der Schule, über familiäre Probleme und so weiter zu erhalten.

Die 11- und 13-jährigen Buben der Familie Hoffmann, nennen wir sie im folgenden Jan und Eric, zeigten seit Schulbeginn klassische Symptome einer ADHS. Sobald ihnen etwas langweilig, sinnlos oder unwichtig erschien, hatten sie grosse Mühe, sich zu konzentrieren (alle Angaben zu den Personen, von denen ich im Folgenden berichte, habe ich abgeändert; es ist in keinem Fall möglich, Rückschlüsse auf konkrete Einzelpersonen oder real existierende Familien zu ziehen).

Dies kam leider viel zu oft vor, vor allem im Schulunterricht, beim Erledigen der Hausaufgaben und im Besonderen dann, wenn die Mutter etwas von den beiden Buben wollte. Jan und Eric waren zudem sehr impulsiv. Wie bei anderen ADHS-Kindern beobachtbar, nahmen sie wegen ihrer Filterschwäche nicht nur viel zu viel auf, sondern reagierten viel zu schnell auf alle Sinneseindrücke, welche ungefiltert auf sie einprasselten.

Klassische ADHS-Symptomatik

Eric, der ältere der beiden, fiel bereits im Kindergarten durch Unruhe und Nicht-zuhören-können auf, sodass er damals nicht regulär eingeschult werden konnte, sondern die Einführungsklasse besuchen musste. Die Konzentrationsschwächen und das Nicht-warten-können waren so ausgeprägt, dass die Lehrerin bei Eric bald schon zu einer ADHS-Abklärung riet.

Bei Jan zeigten sich erst ab dem zweiten Schuljahr Probleme. Der Knabe war sehr verträumt und vergesslich. Einfach alles schien an ihm vorbei zu rauschen – Ausnahme, es war interessant.

Beide Kinder galten als intelligent. Neuen Schulstoff begriffen sie meistens sofort. Sobald es aber um das Vertiefen und Einüben ging, klinkten sie sich – wie halt fast alle Kinder mit einer ADHS – viel zu schnell aus.



Freiwillig Lesen war bei beiden Kindern kein Thema. Typisch waren auch die Hausaufgabenprobleme, welche in der Familie Hoffmann zeitweise dramatische Formen annahmen. Jan und Eric waren nur unter permanenter Überwachung der Mutter in der Lage, an den Hausaufgaben dran zu bleiben. Da beide Buben ständig Unterlagen in der Schule vergassen und es versäumten, das Hausaufgabenbüchlein zu führen, fehlte permanent irgendetwas.

Auf die vom Kinderarzt sorgfältig durchgeführte medikamentöse Behandlung hat Eric nur ansatzweise, Jan eigentlich gar nicht angesprochen. Auch ein Wechsel des Medikamentes brachte keine wesentliche Änderung. Versuche mit Kinesiologie, einer Zuckerdiät und einer Therapie mit Neurofeedback führten ebenfalls zu keinen Verbesserungen.

Frau Hoffmann wurde in der Folge von stärker werdenden Selbstzweifeln und Selbstvorwürfen geplagt. Alle Therapien brachten den Kindern nichts, also musste es an ihr liegen, dachte sie sich. Sie wurde psychisch zunehmend instabiler, sodass der Hausarzt ihr ein Antidepressivum verschrieb und zu einer Psychotherapie riet. Erwähnen möchte ich an dieser Stelle, dass ich im Erstgespräch mit den Eltern den Eindruck gewann, dass auch beim Vater eine ADHS vorliegen könnte.

 

Die Schilderungen der Eltern und der Verlauf der ADHS waren für mich als Psychologe nicht aussergewöhnlich. Auch die Tatsache, dass ADHS-Patienten auf die Therapien nicht oder nicht befriedigend ansprechen, kommt häufiger vor, als man annehmen könnte. Was mich bei dem Aufnahmegespräch stutzig machte, waren die wiederholten Äusserungen von Frau Hoffmann über den doch sehr häufigen Fernseh- und Game Boy-Konsum ihrer Kinder und deren Folgen. Auch das hörte ich damals natürlich nicht zum ersten Mal. Diesmal aber hatte es für mich eine andere Qualität.

TV, Game Boy und Nintendo DS

TV, Game Boy und Nintendo seien die einzige Möglichkeit, Eric und Jan einigermassen ruhig zu halten, berichtete Frau Hoffmann. Sie rückte schliesslich damit heraus, dass nur das morgendliche Fernsehen es ermögliche, dass die beiden Buben überhaupt vorwärts machen. Ohne TV während des Frühstücks würde rein gar nichts gehen. Ähnlich beim Hausaufgaben erledigen: TV und Game Boy vor und nach dem Hausaufgaben machen sowie während der Pausen seien die einzige Möglichkeit, um die beiden Buben irgendwie bei Laune zu halten. Ohne dieses Zückerchen herrsche quasi Krieg.

Frau Hoffmann sagte darauf hin zum wiederholten Mal, dass sie sich sehr schäme. Und man sah es ihr auch an. Sie wisse ganz genau, dass sie versagt habe. Am liebsten, so kam es schliesslich aus ihr heraus, würde sie all dies Zeugs schnurstracks zum Fenster rausschmeissen.

Im Gespräch mit den Eltern wurde dann offensichtlich, dass der Vater ebenfalls sehr viel Zeit vor dem PC und dem Fernseher verbrachte. Jeden Abend schaute er mit den beiden Buben eine Folge aus einer Serie wie „Cobra 11“ oder etwas Ähnliches. Freitag und samstags wurde neben den üblichen Serien- und Trickfilmzeiten mit den Kindern mindestens ein längerer TV-Film oder eine (oder gar mehrere) DVD angesehen. Natürlich nicht Tierfilme, sondern „James Bond“, „Spider-Man“ und andere Spielfilme. Anschliessend gab es immer ein riesengrosses Theater mit dem zu Bett gehen.

Ohne Spielkonsolen lief in der Familie Hoffmann gar nichts. Nur mit dem Nintendo-DS oder dem Game Boy waren die Buben ins Bett zu bekommen. Da die Mutter die Geräte irgendwann einziehen musste, gab es jeden Abend jeweils gegen 21:30 erneut Krach. Ruhe kehrte erst dann ein, wenn die Kinder vor lauter Streit erschöpft waren. Auch wochentags konnte es 23:00 Uhr werden, bis Nachtruhe herrschte.

ADHS-Diagnose bestätigt

Zwei Wochen nach dem Gespräch mit den Eltern untersuchte ich zuerst Jan, einen Monat später seinen Bruder Eric. Die Abklärung erfasste wie immer ein einstündiges Untersuchungsgespräch pro Kind sowie eine mehrstündige testpsychologische Untersuchung.

Über beide Knaben erhielt ich zwischenzeitlich die von mir einbestellten Berichte der Lehrpersonen. Deren Angaben bestätigten die Schilderung der Eltern. Beide Buben wurden als unkonzentriert, reizbar und ungeduldig beschrieben und bei beiden hiess es: „Könnte bessere Leistungen erbringen.“ Eric wurde zudem als aggressiv bezeichnet. Immer wieder komme es zu Handgreiflichkeiten mit Mitschülern.

Die von mir durchgeführte testpsychologische Abklärung, die Befragung der Lehrkräfte, die Auswertung der ADHS-Symptom-Checklisten, des Krankheitsverlaufs und der früheren Untersuchungen und Therapieberichte ergaben, dass ich bei beiden Buben die vom Kinderarzt gestellte ADHS-Diagnose bestätigen konnte.




Die Untersuchung ergab keine Hinweise darauf, dass noch nicht erfasste und unbehandelte Begleitprobleme wie Wahrnehmungs-, Gedächtnis- oder andere Teilleistungsstörungen vorlagen. Auch Mobbing, relevante Ehekonflikte oder andere klassische psychosoziale Belastungsfaktoren lagen nicht vor. Es blieb also vorerst unklar, wieso die beiden Buben nicht mehr Fortschritte in der Therapie machten.

Impulskontrolle

Dass Jan und Eric eine Störung der Impulskontrolle aufwiesen und auf die Therapie mit Stimulanzien nicht ausreichend ansprachen, zeigte sich nicht nur im Familien- und Schulalltag, sondern auch deutlich auf Testebene.

In einem der wichtigen Testverfahren wird geprüft, wie gut das Kind eine Reaktion auf einen unwichtigen Reiz hemmen kann, wie gut also die Impulskontrolle funktioniert. Die Patientinnen und Patienten sehen auf dem Monitor entweder ein „X“ oder ein „+“. Aufgabe des Kindes ist es, beim Erscheinen des „X“ so schnell wie möglich die Reaktionstaste zu drücken, beim Aufleuchten des Pluszeichens hingegen nichts zu machen.

 

Jan und Eric unterliefen viel zu viele falsch-positive Reaktionen: Ein erstes Pixelchen auf dem Monitor liess die Finger in einem so hohen Tempo auf die Reaktionstasten sausen, als gälte es, Rom zu erobern. Nicht einmal mit dem sonst so geliebten Computer war es den beiden Buben also möglich, sich altersentsprechend abzubremsen und eine Reaktion auf einen unwichtigen Reiz (also das „+“) hemmen zu können. Auch bei vielen anderen Tests war ein syndromtypisches Dreinschiessen zu beobachten.

Divergentes Denken

Die Abklärung ergab weiter, dass Eric und Jan bei Tests, welche das sogenannte divergente Denken prüfen, trotz guter Intelligenz schwache Leistungen erbrachten. Um zu erklären, was divergentes Denken heisst, muss ich dem Verständnis wegen zunächst einmal darlegen, was das Gegenteil, das konvergente Denken meint. Letzteres kommt immer dann zum Zug, wenn als Resultat einer Problemstellung nur eine einzige richtige Lösung infrage kommt. Dies ist beispielsweise bei Rechnungsaufgaben der Fall.

Demgegenüber liegt divergentes Denken immer dann vor, wenn jemand zu einer Problemstellung möglichst viele verschiedene Lösungen generieren muss. Ein klassisches Beispiel dafür ist ein Aufsatz, aber auch generell das Suchen nach verschiedenen Lösungswegen. Etwa bei Problemen, die sich beim Lernen, bei Prüfungen oder auch generell im Leben stellen können. Man kann dem divergenten Denken auch kreatives oder fantasievolles Denken sagen.

Intaktes divergentes, also kreatives und phantasievolles Denken ist eine zentrale Voraussetzung dafür, dass ein Mensch seine Intelligenz umsetzen kann.

Ich gebe Ihnen ein Beispiel für ein klassisches neuropsychologisches Testverfahren, welcher das divergente Denken prüft: Während zweier Minuten muss ein Kind möglichst viele Worte aufzählen, welche mit dem Buchstaben „S“ beginnen. Es muss also bereits vorliegendes Wissen „auf  Knopfdruck“ hin abrufen können. Die Aufgabe tönt einfach, ist aber schwieriger, als viele denken. Im Vergleich zu den Testresultaten von gesunden Kindern erweist sich bei fast allen ADHS-Betroffenen diese Fähigkeit, sich hinzugeben, in Ruhe nachzudenken und vorhandenes Wissen abzurufen und umzusetzen als deutlich reduziert. Im Alltag macht sich dies zum Beispiel beim Versuch, Gelerntes aus dem Langzeitgedächtnis abzurufen, störend bemerkbar.

 

Nicht besser fielen bei Jan und Eric die Resultate bei der Prüfung der Daueraufmerksamkeit aus: Beide Knaben, welche die Tests motiviert und in guter Stimmung durchführten, zeigten grösste Mühe in den langweiligen Konzentrationstests. Sie vermochten nicht am Ball zu bleiben, träumten regelrecht weg, stöhnten vor sich hin und fragten mich immer wieder, wie lange es noch dauere. Dabei verpassten sie viel zu viele Ereignisse, bei denen sie hätten mit Tastendruck reagieren sollen. Schwach im Vergleich zur guten Grundintelligenz fielen bei beiden Buben die Lese- und Rechtschreibkompetenzen aus.



Wie ich vorhin ausführte, stellte die Familie Hoffmann in meiner Arbeit an und für sich keinen Sonderfall dar. Was genau es war, was mich in Sachen Bildschirmmedienkonsum bei der Abklärung dieser beiden Buben hellhörig machte, weiss ich nicht mehr. Erinnern kann ich mich aber noch daran, dass ich bei der Äusserung der Mutter, „… all das Zeugs aus dem Fenster zu schmeissen“, spontan gedacht habe: „Ja, mach das doch einfach!“

Game Boy-Diät

Bei der Befundbesprechung mit den Eltern riet ich in einem ersten Schritt zu einer Reduktion des Fernsehkonsums und zu einer Nintendo- und Game Boy-Diät. Sollten die Probleme der Kinder nach einer Zeit von drei Monaten fortbestehen, wäre ich bereit, Behandlungsversuche mit anderen Medikamenten zu unterstützen und erneut eine Verhaltenstherapie einzuleiten. Innerlich war ich mir sicher wie sonst selten, mit meinem etwas ungewöhnlichen Rat den Nagel auf den Kopf zu treffen.

Natürlich haben die Eltern nicht schlecht gestaunt, von mir als ADHS-Experten so etwas zu hören. Ich merkte, wie der Vater langsam die Arme verschränkte und die Mutter unruhig mit den Händen zu nesteln begann. Beide schauten mich fragend an. Offenbar erwarteten sie von mir mehr, als nur diese banal klingende Empfehlung.

Es gelang mir dann aber doch, die Aufmerksamkeit der Eltern für diese Thematik zu gewinnen. In einem ersten Schritt besprach ich mit ihnen, was ihre Kinder beim Gamen und beim Fernsehen lernen, wieso dies ihnen so gefällt, wenn sie stundenlang mit dem Game Boy spielen und warum sie sich darauf so gut konzentrieren können.

Ich erklärte den Eltern von Eric und Jan als Erstes, dass das menschliche Gehirn nicht „nicht lernen“ kann. Man lernt immer genau das, was man gerade macht. Lernen heisst, dass im Gehirn automatisch neuronale Verknüpfungen und Spuren gebildet oder verstärkt werden, welche für das gerade Erlebte stehen. Dass die beiden Buben Eric und Jan beim Spielen mit dem Game Boy etwas lernen sollen, löste bei den Eltern zuerst ein skeptisches „Hä?“ aus. Immerhin wurden sie etwas neugierig, was es mir ermöglichte, fortzufahren.

Lernen für den Überlebenskampf im Dschungel?

Ich zeigte den Eltern auf, dass bei den meisten Konsolen- und Computer-Games das Kind dann Erfolg hat, Punkte gewinnt und ein höheres Level erreichen kann, wenn es möglichst schnell reagiert. Um das Tempo und um blitzschnelles Reagieren dreht sich bei diesen Spielen nämlich fast alles. Nur dafür wird es belohnt. Und zwar nicht nur bei Schiessspielen, sondern auch bei Autorennen und allen anderen Games, welche schnelles Reagieren erfordern, um im Spiel weiterzukommen.




Und genau das ist es, was diese Kinder beim Gamen lernen: Sie trainieren hauptsächlich reflexartiges und blitzschnelles Reagieren – und dies oft über Stunden hinweg. Sie erlernen das sogar sehr gut, weil sie viel Spass daran haben. Man weiss aus der Hirnforschung, aber auch aus Alltagerfahrungen, dass man immer dann, wenn man etwas mit Freude macht, es besonders gut lernt.

Ich habe die Eltern von Eric und Jan dann gefragt, was diese Fähigkeit, extrem schnell reagieren zu können, ihren Kindern nützen könnte? Stellen wir uns doch einmal vor, wir führten unsere Besprechung mitten im Dschungel durch. Wir befinden uns in einer Baumhütte, rund 20 Meter über dem Boden. Um uns herum hat es gefährliche und hungrige Tiere. Müssen wir zu allem noch davon ausgehen, dass von oben eine giftige Schlange auf unseren Besprechungstisch fallen könnte, wäre eine hohe Kompetenz in Sachen schnelles Reagieren und Davonschnellen für mich – und allenfalls auch für Sie als Eltern – wirklich überlebenswichtig. „Nun leben wir aber nicht im Dschungel, sondern in einer Gesellschaft, in welcher man dann vorankommt, wenn man zuerst denkt und dann handelt“, schloss ich. Die Eltern nickten zustimmend.

 

Man kann sagen, dass ADHS-Kinder bei schnellen Computerspielen eine Fähigkeit lernen und perfektionieren, die sie im Grunde eh schon viel zu gut können. Einen konkreten Nutzen im Alltag bringt dies ihnen nicht, im Gegenteil, es wirkt sich eher nachteilig aus. Zum Lernen braucht es viel Geduld. Man bekommt das Ergebnis nie sofort, wie im PC-Spiel. Nein, man muss es sich vielmehr erarbeiten. Und in Prüfungen erreicht bekanntlich nicht der Schüler eine gute Note, welche die Arbeit als Erster abgibt. Nein, es sind diejenigen, welche warten und sich die von ihnen bearbeiteten Aufgaben in Ruhe nochmals durchschauen können, dabei allfällige Fehler entdecken und bei noch ungelösten Aufgaben doch noch eine Lösung finden.

Abstoppen, in Ruhe nachdenken, sich eine Weile einer Sache hingeben, sich geduldig Lösungswege ausdenken, gegeneinander abwägen, entscheiden und dann zügig handeln – das ist es, was es heute gebraucht und erwartet wird. Beim Gamen lernen und trainieren die Kinder hingegen das absolute Gegenteil. Und weil es so viel Spass macht, brennt sich das immer schnellere Reagieren im Gehirn als automatisches Verhaltensmuster regelrecht ein.

Positive Wirkungen von Video-Games?

In vielen Video- und Online-Spielen wird durch die beruhigende Bezeichnung „Strategiespiel“ suggeriert, die Kinder würden im Spiel strategisches, planerisches und intelligentes Handeln trainieren. Das ist eine Irreführung, welche einzig und allein der Verkaufsförderung dient.




Alle mir bekannten „Strategiespiele“ sind nämlich recht simpel gestrickt. Die Spieler/-innen haben nie echte Wahlfreiheit: Die wenigen Entscheidungs- beziehungsweise Handlungsoptionen wurden allesamt von den Programmierern vorgespurt. Ausserdem sind zahlreiche sogenannte Strategiespiele in Tat und Wahrheit Kriegsspiele oder Games, in denen es lediglich darum geht, sich auf Kosten anderer zu bereichern.

Als Gegenbeispiel will ich das Schachspiel erwähnen, welches den Spieler/-innen unendlich viele Möglichkeiten eröffnet, strategisch denken, planen und handeln zu können. Und man lernt das Warten, das Abwägen –, ja, echtes strategisches Denken.

Herr Hoffmann wandte daraufhin ein, dass es im Alltag doch durchaus vorteilhaft sein könne, schnell reagieren zu können sowie gleichzeitig einen „Rundum-Überblick“ zu haben. Das könne beispielsweise helfen, Unfälle im Strassenverkehr zu vermeiden. Seine Schwiegermutter sei ihm heute noch dafür dankbar, dass er eine geerbte, offenbar wertvolle Vase, die ihr Eric im Spiel so nebenbei vom Tisch fegte, im Flug aufgefangen habe und sie unbeschadet in einer höheren, für seinen damals noch kleinen Sohnemann nicht erreichbaren Ebene versorgt habe.

Die Fähigkeit, schnell reagieren zu können, ist in der Tat überlebenswichtig und somit alles andere als nutzlos. Nur: Dies müssen Kinder nicht zusätzlich am PC üben. Die Fähigkeit, in der Not schnell reagieren zu können, ist nämlich angeboren. Auf dem Spielplatz, beim Basteln, im Sportunterricht und bei tausend anderen Gelegenheiten wird dieser angeborene Reflex weiter verfeinert. Ballspiele etwa, das Herumtollen mit dem Hund oder das Jonglieren trainieren ausserdem die Reaktionsschnelligkeit des ganzen Körpers (und nicht nur diejenige des rechten Zeigefingers).

Zum Thema Unfälle im Strassenverkehr noch Folgendes: Kinder mit einer ADHS haben nachweislich ein sehr viel höheres Risiko als gesunde Kinder, an Verkehrsunfällen beteiligt zu sein. Einer der Hauptgründe ist die ADHS-typische Impulsivität, also das zu schnelle Reagieren, das Dreinschiessen. Das kann im Strassenverkehr schlimme Folgen haben.

Beim Gamen lernen die Kinder, auf einen Reiz blitzschnell zu reagieren. Und dies, ohne dass sie in einem dreidimensionalen Raum – zum Beispiel beim Überqueren einer Strasse – verschiedene andere Reize miteinrechnen müssen. Einen „Rundum-Überblick“, von dem Herr Hoffmann sprach, lernt man nicht vor dem Monitor. Im Gegenteil: Kinder, welche viel gamen und fernsehen, trainieren das schnelle Reagieren unter Ausklammerung der räumlichen Dimension. Speziell im Strassenverkehr ist das äusserst gefährlich.



Baby-TV?

Je jünger die Kinder sind und je häufiger sie fernsehen, umso problematischer sind für sie die Lernerfahrungen, die sie mit und vor dem TV gewinnen. Die vom Bildschirm vermittelten Wahrnehmungserlebnisse unterscheiden sich auch in formaler Hinsicht ganz grundsätzlich von der normalen Wahrnehmung des Kleinkindes im Alltag: Am TV haben selbst grosse Steinbrocken kein Gewicht, Rauch riecht nicht, Pizzas schmecken nicht und anfassen lässt sich rein gar nichts. Das TV-Bild ist flach und der Inhalt, verglichen mit der Realität, verarmt.

Um das Problematische beim TV-Konsum für die Entwicklung einer gesunden Wahrnehmung von Kleinkindern verstehen können, ist Folgendes wichtig: Alle Bilder und Klänge entspringen dem gleichen Ort, nämlich dem Fernseher. Beispiel: Auf der linken Bildschirmseite betritt Anna durch eine Tür ein Wohnzimmer. Auf der rechten Seite des Fernsehbildes sieht das Kleinkind einen bellenden Hund. Für das Kind vor dem TV erklingt das Bellen aber nicht etwa aus der rechten Wohnzimmerseite, es entspringt vielmehr – gemeinsam mit den anderen Bildern und Klängen – der gleichen Quelle, nämlich dem TV. Ältere Kinder und wir Erwachsene wissen natürlich, dass es der Hund ist, der dort rechts bellt. Das Kleinkind weiss das aber noch nicht.

Anders im realen Leben: Auf einem Spaziergang kommt das Bellen eines Hundes, welchen das Kleinkind „dort rechts“ hinter einem Holzzaun wahrnimmt, tatsächlich von rechts. Das Kleinkind lernt im Alltag, visuelle, akustische und räumliche Aspekte der Wahrnehmung räumlich getrennt wahrzunehmen und sinnvoll zu koordinieren. Vor dem TV passiert genau das Gegenteil.

Und je mehr Kleinkinder fernsehen, umso weniger haben sie Gelegenheit, im Spiel mit anderen oder draussen stabile Wahrnehmungsmuster zu lernen. Diese bilden dann das Fundament für eine intakte Wahrnehmungsorganisation. Kohärente Wahrnehmungsmuster lernen Kleinkinder ausschliesslich durch Stimulation in der Realität, also wenn eine Zitrone sauer, ein kleiner Schnitt schmerzhaft und das Fahrrad der grossen Schwester verflixt schwer ist.



Mit anderen Worten: Wenn Kinder stundenlang am Tag vor dem TV eine eindimensionale Form der Wahrnehmung trainieren, kann dies (neben grundsätzlich fehlenden Handlungserfahrungen) zu einer Störung der Entwicklung der sogenannten multimodalen Wahrnehmung führen. Eine normale Integration und Koordination der verschiedenen Sinnesmodalitäten ist nur dann möglich, wenn das Kleinkind regelmässige und stabile Wahrnehmungsmuster trainiert (also dass der Hund bellt und nicht der Fernseher).

Lernt das Kind hingegen, dass mal der Fernseher und mal der Hund bellt, können sich im Gehirn des Kleinkindes keine auf sich wiederholenden Ursache-Wirkungserfahrungen beruhenden stabilen Wahrnehmungsmuster entwickeln. Folgen sind Entwicklungsstörungen der räumlichen Wahrnehmung und des „Rundum-Blickes“.

Digitale Ungeduld

Es ist eines der zentralen Merkmale der Neuen Medien, dass die Zeitgebundenheit aufgehoben ist. Was heisst das? Die Kinder haben beim Konsum von schnellen Bildschirmmedien einen rasanten Ablauf von Hier- und- Jetzt-Erlebnissen. Alles präsentiert sich ihnen zeitlich hoch komprimiert. In den Stunden des Medienkonsums – und das können bei meinen Patienten gerne einmal zwanzig Stunden pro Woche und mehr werden – entgeht dem Kind die Möglichkeit, reale Erfahrungen und ein Gefühl für echte zeitliche Abläufe zu entwickeln.

Gerade für Kinder mit einer ADHS, die sowieso häufig im Hier und Jetzt leben, bedeutet der intensive Konsum von schnell ablaufenden Computerspielen, dass sie die Relation von Zeit und Aufwand noch mehr aus den Augen verlieren. Ein Buch lesen, in eine Geschichte eintauchen und dabei ein gutes Gefühl entwickeln, dauert sehr viel länger als beim Gamen, wo man den Kick sofort kriegt.

Zwanzig Minuten Hausaufgaben erledigen dauert ihren Gefühlen nach dann eine Ewigkeit. Und ganz zu schweigen vom morgendlichen Ritual In-die-Schule-gehen. Sich etwas zusammenzubauen aus Holz oder aus Teilen eines alten Rasenmähers oder das Aufziehen einer Pflanze auf dem Balkon dauert seine Zeit. Und zwar in einem von der Natur vorgegebenen Zeitrahmen. Dafür aber haben im Zeitalter der „Sofortness“ viele der medienüberfluteten Kinder definitiv keine Geduld mehr (übrigens: Forscher zeigten auf, dass auch Fastfood das Zeitgefühl massiv beeinträchtigen kann).

 

Weil in den meisten Computerspielen und auch am TV sehr vieles extrem schnell abläuft, man im Nu riesige Distanzen überwindet, Karriere macht, sich mal eben Ruckzuck ein neues Leben kaufen kann, wenn man schon wieder erschossen oder von einem Monster gefressen wird, erscheint im realen Leben alles immer langweiliger. Diese Kinder erleben dann den realen Zeitablauf als unerträglich stark verzögert und öde. Im realen Leben daheim und in der Schule geht es nämlich definitiv langsamer und mühsamer zu und her, als in der virtuellen Welt. Lehrerinnen und Lehrer haben heute einen schweren Stand: Es ist für sie angesichts der überwältigenden Erlebnisse, welche die Kinder in der Medienwelt machen, immer schwieriger, den Unterricht so zu gestalten, dass die Kinder ihn interessant finden.

Zahlreichen Kindern mit einer ADHS bleibt ein ihrer Intelligenz und ihrer Motivation entsprechender Schulerfolg vorenthalten. Ihre Identitätsentwicklung ist elementar gefährdet, weil ein stimmiger Schulerfolg die wichtigste Seelennahrung für Kinder darstellt. Auch Jan sagte seinen Eltern gegenüber wiederholt, er sei einfach nur dumm. Bleibt diesen Kindern ein ihren Möglichkeiten angemessener Schulerfolg verwehrt, entsteht hinsichtlich Identitätsentwicklung ein Vakuum.




Nur zu leicht ist heute, sich im Schnellverfahren eine andere Identität zu verschaffen oder für eine gewisse Zeit in die beruhigende und oberflächlich sinnstiftende Medienwelt abzutauchen. In Online-Spielen kann man im Schnellverfahren Karriere machen: Man wird ein weltbekannter Fussballprofi (das ist kein Witz, weltbekannte Sportartikel-Konzerne bezahlen den guten virtuellen Spielern echte Sponsorenbeiträge) oder man wird ein berüchtigter Krieger.

Schnelle Computerspiele schaden

Schnelle Computerspiele schaden sicherlich vielen Kindern mit einer ADHS. Es ist nämlich so, dass diese Kinder bereits syndrombedingt zu schnell reagieren. Sie wissen es: Ein herabfallender Bleistift im Unterricht, dass Zirp-Geräusch beim Öffnen einer Taschentuchpackung eines Schülers auf einer hinteren Bank oder ein draussen vorbeifahrendes lautes Mofa führen meistens zu unmittelbaren Orientierungsreaktionen: Das Kind wendet sich sofort dem Reiz zu und lässt sich von diesem ablenken. Oder denken Sie an den vorhin erwähnten Test zur Prüfung der Impulskontrolle mit dem „X“ und dem „+“. ADHS-Kinder schiessen überall viel zu schnell drein.

Eine Störung der Impulskontrolle zählt zu den Leitsymptomen einer ADHS. Betroffene geraten in Konflikte mit dem Pultnachbarn oder vermasseln Schularbeiten, weil sie vor dem Warten nicht abstoppen und dadurch nicht lange genug warten, innehalten und bei der Sache verweilen können.

Schnelle Computerspiele führen damit nicht nur zu einer Verstärkung der Ungeduld, sondern zu einer weiteren Verschärfung der Schwäche von ADHS-Betroffenen, Impulse angemessen hemmen zu können. Zwischenzeitlich bin ich mir sicher, dass schnelle Computerspiele die Impulskontroll- und Aufmerksamkeitsstörungen von ADHS-Betroffenen nachhaltig verstärken.

Schwachpunkt Belohnungssystem

Ich kann mich natürlich nicht mehr an den genauen Ablauf des Gespräches mit den Eltern von Jan und Eric erinnern, habe ihnen aber im Verlauf auch etwas über das sogenannte Belohnungssystem berichtet. Gemeint ist damit ein neuronales Netzwerk im Gehirn des Menschen, welches unter anderem dafür sorgt, dass wir, wenn es sein muss, auch unangenehme Dinge erledigen können.

Beispiel: Bei intaktem Belohnungssystem können Kinder auch dann Hausaufgaben machen, wenn sie keine grosse Lust dazu haben. Die Aussicht auf das gute Gefühl, welches sich nach dem Erledigen der Hausaufgaben einstellen kann, etwa das Nach-draussen-gehen und Fussball spielen, reicht im Normalfall aus, dass Kinder auch bei mässiger Motivation etwas Ungeliebtes durchziehen können.

Aus der ADHS-Forschung weiss man, dass das Belohnungs- und Motivationssystem bei ADHS-Betroffenen nicht korrekt funktioniert. Auch Eltern können ein Lied darauf singen: Eine Aussicht auf eine zukünftige Belohnung hilft diesen Kindern in keiner Weise, an etwas subjektiv Unangenehmen länger dranzubleiben. Selbst die verlockendsten Versprechungen nützen nichts oder sind nur von minimaler Wirkungsdauer.

 

Die neuronalen Netzwerke, welche das Belohnungssystem, die Motivation und die Aufmerksamkeitsfunktionen aktivieren, sind bei ADHS-Betroffenen im Ruhemodus zu wenig aktiviert. Folge ist unter anderem, dass ihre Sortierstation „Wichtig-unwichtig“ nicht genügend mit neuronaler Energie versorgt wird, was darauf hinausläuft, dass die Kinder unwichtige Reize nicht ausblenden können und zu viel aufnehmen. Sie sind dann inneren und äusseren Eindrücken ausgeliefert und nicht in der Lage, Ablenkungen zu widerstehen.

Wer Kinder mit einer ADHS kennt, weiss bestens um all die negativen Folgen dieser syndromtypischen Reizfilterschwäche.

Man geht heute davon aus, dass diese Schwächen im Belohnungssystem unter anderem mit dem bei Kindern mit einer ADHS reduzierten Dopaminstoffwechsel in Zusammenhang stehen. Dies erklärt, warum bei Kindern mit einer ADHS Belohnungen immer nur sehr kurzfristig wirken und warum diese Kinder, wenn sie intensiv stimuliert sind, für eine kurze Zeit in ihrem Verhalten völlig normal erscheinen. Erst dann, wenn „etwas geht“, wenn es interessant und spannend wird, scheint es mit dem Dopamin-Stoffwechsel einigermassen zu stimmen: Dann sind diese Kinder bei der Sache und zeigen (leider nur befristet) Ausdauer.

„Das ist ja wie bei einer Sucht!“

Es fiel mir an diesem Punkt des Gesprächs nicht mehr schwer, den Eltern von Eric und Jan dazulegen, dass schnelle Computerspiele beziehungsweise die schnellen Feedbacks zu einer verstärkten Freisetzung von Dopamin führen. Dies ist der Grund, warum Kinder mit einer ADHS das so gern machen und warum sie sich beim Gamen so hervorragend gut zu konzentrieren vermögen.




Herr Hoffmann sagte daraufhin spontan: „Das ist ja wie bei einer Sucht!“ Es klingt vielleicht verrückt, aber so falsch ist das gar nicht. Das Ganze führt nämlich dazu, dass diese Kinder sich nur noch dann positiv spüren können, wenn sie in dieser hoch stimulierenden Welt des Computerspiels und des Fernsehers drin sind.

Je mehr sie lernen, sich nur noch dann wohlzufühlen, wenn schnell viele Reize verarbeitet werden müssen, umso langweiliger und entleerter wird der Alltag und umso schwerer fällt es ihnen, wie vorhin schon dargelegt, im realen Leben am Ball dranzubleiben. Übrigens: Eine Untersuchung mit computersüchtigen Patienten ergab, dass sie ähnliche Hirnaktivierungsmuster zeigten wie Kokainkonsumenten.

Das Gehirn, so führte ich eingangs auf, kann nicht „nicht lernen“. Es lernt beim Gamen sehr schnell, dass der Computer, Nintendo-DS oder das Handy das Einzige ist, was im Leben wirklich Spass macht. Schneller kommen Kinder heute nicht an den „Kick“. Dies alles führte bei Eric und Jan, aber auch bei sehr vielen meiner ADHS-Patienten, zu noch schwächeren Schulleistungen und damit zu Frustrationen, was den Hunger nach dem Gamen schliesslich noch mehr in die Höhe trieb. Irgendwo im Leben muss man ja Erfolg haben.

Ja, es war ein echter Teufelskreis, in welchen die beiden Buben und ihre Eltern hineingeraten sind. Dass der Konsum von Bildschirmmedien generell motivationsfördernd sein soll – dies wird gelegentlich postuliert – ist also definitiv nicht der Fall. Weder bei Eric und Jan noch bei allen anderen Kindern, die ich in meiner Arbeit kennengelernt habe.

Entzugssymptome

Frau Hoffmann fragte mich dann, wie es denn mit dem TV-Konsum ausschaue. Sie habe nämlich das Gefühl, dass auch da etwas nicht stimme. Müsse sie den Fernseher abstellen – und das passiere immer im Streit, weil die Kinder am liebsten gar nichts mehr anderes machen würden – reagieren Eric und Jan ganz ähnlich, wie in Situationen, in denen sie das Gamen unterbinden müsse. „Das sind wohl die Entzugssymptome!“, warf Herr Hoffmann ein.

Frau Hoffmann wirkte in diesem Gespräch sehr präsent. Über weite Strecken schaute sie mich mit offenem Mund an und nickte immer wieder. Fast so, als würde ich das sagen, was sie schon immer dachte. Ob ich also noch etwas zum Fernsehkonsum sagen könne, wollte sie von mir wissen.

Der gefrorene Blick

Wenn das Gehirn nicht „nicht lernen“ kann, was lernt es dann beim Schauen der TV-Serie „Cobra 11“, was bei „Sponge Bob Schwammkopf“ und was bei den „Simpsons‘?“, fragte ich die Eltern. „Nichts!“, sagte daraufhin Frau Hoffmann, sie habe ja immer schon gesagt, dass der Fernseher den Kindern nicht gut tue. Darauf ich dann wieder: „Doch, doch das Gehirn des Kindes lernt – und wie! Nicht vergessen: Man kann nicht ‚nicht lernen‘! Nur was lernt das Kind?“

Also: Es lernt beispielsweise, sich entspannt und sehr wohl zu fühlen, obwohl es nichts dafür tun muss. Während der TV- oder DVD-Zeit lebt das Kind in einer anderen Welt. Es identifiziert sich mit den Protagonisten, fiebert, freut sich und leidet mit und das alles, ohne dass es dafür auch nur einen einzigen Finger krümmen muss.

Das Kind liegt auf dem Sofa, knabbert Chips, bewegt sich kaum und muss sich nichts kreativ ausdenken. Alles wird fixfertig serviert. Selbst beim spannendsten Krimi ist alles vorprogrammiert. Und das selbst dann, wenn uns der Regisseur quasi „auf die falsche Fährte“ schickt und uns scheinbar etwas an Nachdenken abverlangt.

 

Dass Kinder und Erwachsene den Konsum von TV so entspannend und wohltuend erleben, liegt unter anderem daran, dass der passive TV-Konsum und unser starrer, „gefrorener“ Blick auf die Mattscheibe dazu führen, dass unser Gehirn viele langsame Alphawellen produziert. Man kann sagen, das kognitive und vegetative System wird etwas „heruntergefahren“. Dies erklärt auch, warum man beim Fernsehen weniger Kalorien verbrennt, als beim Nichtstun. Und es erklärt auch, warum die Aufnahme- und Lernfähigkeit vor dem TV deutlich reduziert ist. Ein gedämpftes Hirn kann Informationen nicht aktiv verarbeiten und auch nicht gut im Langzeitgedächtnis abspeichern. Oder wissen Sie noch, was gestern das Hauptthema in der Tagesschau war?

Während Herr Hoffmann meistens schweigend zuhörte, lieferte die Mutter viele Beispiele aus dem Familienalltag, welche das von mir Ausgeführte bestätigten. Unter anderem erwähnte sie, dass ihrer Meinung nach auch ihr Mann fernsehsüchtig sei. Eigentlich, so bemerkte sie, drehe sich in ihrer Familie alles nur noch um TV, PC- und Konsolenspiele.



Fernsehen vs. Lesen

Im weiteren Gesprächsverlauf kamen wir dann auf das Thema „Lesen“ zu reden. Eric und Jan lasen nie freiwillig. Ich zeigte den Eltern auf, dass viele Kinder, welche zu viel fernsehen, an mentaler Fantasiekraft verlieren (oder diese gar nicht aufbauen können, wenn der TV-Konsum schon in der Vorschulzeit die Hauptbeschäftigung der Kinder war).

Grund dafür ist, dass am TV alles fix und fertig präsentiert wird. Bild, Ton und eine meistens sehr simple Story werden in einem Guss serviert. Das Gehirn muss nicht aktiv werden. Es wird – wie man so schön sagt – angenehm berieselt oder eben „eingelullt“.

Beim Lesen ist es komplett anders: Der Sinn des Gelesenen erschliesst sich einem nur, wenn man sich das, was man gerade liest, auch innerlich vorstellt, wenn das Gehirn also aktiv ist und Bilder zum Gelesenen produziert und diese zu einem „inneren Film“ verknüpft. Für viele von Ihnen mag dies eine Selbstverständlichkeit sein. Für immer mehr Schülerinnen und Schüler ist es das leider nicht.




Viele Kinder „sehen“ einfach nichts, wenn sie versuchen, zu lesen. Sie haben es schlicht und einfach nicht ausreichend lernen können, sich selbst Sachen auszudenken und sich diese vor dem inneren Auge auszumalen. Dies unter anderem, weil ihnen der Zeitfresser TV die Möglichkeit raubte, reale Erfahrungen mit realen Dingen und Abläufen zu gewinnen.

Beim normalen Spielen mit dem Puppenhaus, mit Lego, mit Spielzeugautos und beim Basteln mit Holz, Karton oder anderen Materialien trainieren die Kinder automatisch ihre Fantasie, also etwas nach ihren Vorstellungen entstehen zu lassen. Dabei machen sie wichtige Lernerfahrungen. Zum Beispiel, dass es mühsam sein kann, es Geduld und manchmal mehrere Anläufe braucht, um eine Burg aus Karton sauber auszuschneiden und zusammenzukleben. Beim Fernsehen hingegen lernen sie genau das nicht. Und je mehr die Kinder Bildschirmmedien konsumieren, umso weniger Zeit bleibt ihnen für diese realen, wichtigen Lernerfahrungen.

Das 24h-Diagramm

Im weiteren Gesprächsverlauf habe ich mit Frau und Herrn Hoffmann auf einem Blatt Papier zusammengetragen, mit welchen Tätigkeiten die 24 Stunden eines Wochentags bei Eric und Jan belegt sind.

Auf den Schlaf entfielen zehn Stunden, die durchschnittliche Schulzeit inklusive eines etwas längeren Schulweges schätzten die Eltern auf acht Stunden. Essenszeiten: eine Stunde. Und für An- und Ausziehen plus Körperhygiene gaben die Eltern eine halbe Stunde an. Weil beide Buben sowohl Nachhilfeunterricht als auch eine Ergotherapie besuchten, Eric zudem im Fussball-Club war und Jan zweimal pro Woche ins Judo ging, haben die Eltern diese Aktivitäten (ebenfalls inklusive Fahrzeiten) mit pauschal zwei Stunden pro Tag berechnet.

Dann wurden sorgfältig die Zeiten für den Bildschirmmedienkonsum zusammengetragen. Resultat: Eric und Jan – so die Angaben der Eltern – verbrachten rund zwei Stunden pro Tag vor dem TV, ungefähr eine Stunde mit Konsolen-Spielen sowie eine undefinierbare Zeit im Internet. Die Eltern schätzen, dass dafür noch einmal eine dreiviertel Stunde einkalkuliert werden müsse.



Ich registrierte, wie Herr Hoffmann begann, mit den Fingern die Stundenzahlen zu addieren. Prompt vermeldete er, dass da etwas nicht stimmen könne: Der Tag habe auch im Kanton Thurgau nur 24 Stunden. Daraufhin Frau Hoffmann: „Da fehlen ja noch die Zeiten für die Hausaufgaben!“ Den Eltern von Eric und Jan wurde schnell klar, dass die Bildschirmmedienzeit bei Jan und Eric einen gewaltig grossen Zeitraum beanspruchte. „Kein Wunder“, murmelte Herr Hoffmann, „dass es in der Schule nicht vorwärtsgeht. Wann sollen die Kinder da noch Hausaufgaben machen und sich auf Prüfungen vorbereiten?“

Was tun?

Bei der Besprechung der Untersuchungsbefunde geht es ja in allererster Linie darum, den Eltern konkrete Vorschläge zu unterbreiten, ihnen also mitzuteilen, was konkret sie tun können, um den Problemen der Kinder zu begegnen.

Wie vorhin gesagt, riet ich zu einer Reduktion des Fernsehkonsums und zu einer „Game Boy Diät“. Meine Ratschläge: Dreissig Minuten pro Tag TV, keine „Action“, keine „schnellen Inhalte“. Als positives Beispiel erwähnte ich die Wissenssendung „Nano“ auf dem Sender 3Sat. Und wie schon gesagt kein Game Boy und keine anderen Computer- oder Konsolenspiele. 

Ich habe den Eltern zudem geraten, sich grundsätzlich mit dem Thema Bildschirmmedienkonsum zu befassen und habe ihnen das Ratgeberbuch „Vorsicht Bildschirm“ des Arztes und Psychiaters Manfred Spitzer, seines Zeichens Direktor der Psychiatrischen Universitätsklinik in Ulm, empfohlen. Vereinbart wurde, dass ich Jan und Eric zwecks Verlaufskontrolle in drei Monaten wieder in der Sprechstunde sehe und dabei unter anderem auch eine kurze testpsychologische Nachkontrolle durchführe.

Der Schock

Was dann passierte, hat meine Arbeit mit ADHS-Betroffenen nachhaltig verändert. Es war ein kleiner Schock, wie ich ihn schon einmal vor 15 Jahren erlebte. Damals realisierte ich bei einer erwachsenen Patientin zum ersten Mal, dass sich eine ADHS mit der Pubertät nicht immer auswächst und dass auch Erwachsene von der medikamentösen Therapie mit Stimulanzien profitieren können. Was ist passiert?

Wie vorgesehen habe ich nach rund drei Monaten Frau und Herrn Hoffmann wieder in der Sprechstunde gesehen. Sie schienen wie verwandelt, strahlten beide wie Maikäfer und vermochten fast nicht zu erwarten, mir erzählen zu dürfen, was zwischenzeitlich alles lief. Folgendes ist geschehen:

Frau Hoffmann hat sich über das Thema Bildschirmmedienkonsum bei Kindern sachkundig gemacht. Ihre Freundin, eine Bibliothekarin, war ihr behilflich, an die entsprechenden Bücher und Informationen heranzukommen. Das Gespräch bei mir hätte ihr so viel Kraft gegeben, ihren Mann so lange zu bearbeiten, bis er in eine hundertprozentige TV-Diät eingewilligt habe. Fernseher und die Spielkonsolen seien an einem Freitagabend auf dem Dachboden versorgt worden. Eric und Jan seien dermassen überrascht und perplex gewesen und es sei alles so fix gegangen, dass es gar nicht zu Streit gekommen sei. Eric hätte sogar mitgeholfen und noch die Kabel des Fernsehapparates auf den Dachboden gebracht.

Am darauf folgenden Samstagnachmittag hätten der Vater und die beiden Buben zwei alte Gartenstühle und einen alten Rasenmäher in die Entsorgungsstelle der Gemeinde gebracht und dabei im Alteisencontainer ein noch gut aussehendes Fahrrad entdeckt. Man habe dies herausgefischt und nach Hause transportiert. Herr Hoffmann und seine Buben hätten dann angefangen, das alte Velo instand zu setzen. Da doch mehr zu tun war, als anfänglich gedacht, zogen sich die Arbeiten bis Donnerstag der kommenden Woche hin. Es waren aber nicht etwa Ferien, sodass die Reparatur-, Einstell- und Reinigungsarbeiten an diesem Fahrrad abends, nach dem gemeinsamen Essen, gemacht wurden.




Beide Buben arbeiteten voller Elan mit, berichteten mir die Eltern. „Keine Lust haben“ war irgendwie gar kein Thema. Es schien, als würde die frei werdende Zeit automatisch gefüllt durch das Interesse an diesem Velo und die Freude an der Zusammenarbeit mit dem Vater, berichtete Frau Hoffmann.

Die Fahrrad-Story

Weil alle Familienmitglieder bereits Fahrräder besassen, stellte sich dann bald die Frage, was mit dem reparierten Velo geschehen soll. Einer der Buben kam auf die Idee, dass es verkauft werden könnte, erzählte Herr Hoffmann.

Schliesslich entschieden Vater und die beiden Buben, das Fahrrad am Samstag bei „Ricardo“ zu versteigern, was sie dann auch gemeinsam taten. Das erforderte eine gewisse Vorbereitung, da die Familie mit Versteigerungen bei „Ricardo“ noch keine Erfahrungen hatte. Gemeinsam wurden die Bedienungsanleitung und die AGB ausgedruckt und studiert. Am darauf folgenden Samstagvormittag wurde das reparierte und herausgeputzte Fahrrad von Eric fotografiert.

Jan und sein Vater haben die Aufnahmen dann mit einem Fotobearbeitungsprogramm nachbearbeitet. Jan habe das zum ersten Mal gemacht und sei sehr begeistert gewesen. Eric habe schliesslich einen Textentwurf geschrieben, welcher dann im Team, wie Herr Hoffmann hervorhob, ergänzt und überarbeitet wurde.

Schliesslich wurde das Inserat in „Ricardo“ erfasst und die Fotos auf den Server hochgeladen. Startpreis war ein Franken. Durch diesen niedrigen Startpreis sollten möglichst viele Interessenten angelockt werden, habe Eric argumentiert.

Am gleichen Samstagnachmittag suchten Herr Hoffmann und seine beiden Buben erneut den Werkhof auf und sind im Alteisencontainer – wie erhofft – aufs Neue fündig geworden.

 

Eine Woche später war die erste Versteigerung beendet, die zweite wurde gestartet. Am Sonntag holte der Käufer sein Fahrrad ab und der Vater und seine beiden Buben haben besprochen, was mit dem Erlös – es waren 46 Franken – passieren soll. Es wurde entschieden, für einen Fahrradmontageständer zu sparen.

Wie es weiter lief, können Sie sich vorstellen. Jeden Abend wurde im Internet bei „Ricardo“ nachgesehen, wie der Stand der Dinge ist. Gemeinsam mit dem Vater wurden allfällige Fragen von Interessenten zuerst besprochen und dann per Internet beantwortet. Zwischenzeitlich seien sie schon recht gut ausgerüstet und mit dem Verkaufserlös würde das Taschengeld der Kinder mitfinanziert. Auch habe man mit dem Erlös neue Werkzeuge kaufen können.

Jan sei ein richtiger Profi in Sachen Bildbearbeitung geworden. Er bediene zwischenzeitlich das Programm „Photoshop Elements“, als hätte er nie etwas anderes gemacht. Und Eric habe vor – auch wenn er noch nicht vierzehn Jahre alt sei – in den nächsten Ferien eine Schnupperlehre als Zweiradmechaniker zu absolvieren. Er möchte zwar diesen Beruf nicht erlernen, erhoffe sich aber, Knowhow zu gewinnen, um die Fahrräder noch besser reparieren zu können.

Auch wenn die beiden Buben nach wie vor Mühe beim Erledigen der Hausaufgaben bekundeten, schien sich die gesamte ADHS-Problematik doch ganz erheblich entschärft zu haben. Frau Hoffmann erzählte, dass Jan von sich aus begonnen habe, Bücher zu lesen. Es sei gar kein Thema gewesen, der Knabe habe einfach so damit begonnen.

Die Stimmung in der Familie sei entspannter und von den Lehrpersonen beider Buben sind positive Rückmeldung gekommen. Herr Hoffmann berichtete stolz, wie schnell Eric begriffen habe, einen Lenkervorbau anzupassen und wie gut Jan schon den Gangwechsel bei einem Fahrrad mit Kettenschaltung einstellen könne. Schliesslich sagte Frau Hoffmann, dass auch das Eheleben eine erfreuliche Wendung zum Guten genommen habe.

Aufgrund der sehr positiven Entwicklung wurde auf eine Verlaufskontrolle mit den Buben verzichtet. Wir sind so verblieben, dass sich Herr und Frau Hoffmann wieder bei mir melden, falls erneut Probleme auftauchen. Ich hörte nichts mehr. Einen Monat später erhielt ich noch eine E-Mail der Arbeitskollegin der Mutter, deren Tochter ebenfalls an einer ADHS litt. Beeindruckt durch die positive Veränderung habe auch sie in ihrer Familie einschneidende Umstellungen in Sachen TV und Computer vorgenommen, was sich extrem positiv ausgewirkt habe.




TV weg – Veloprojekt her – ADHS weg?

So erfreulich der Verlauf für diese Familie war, mir hat die ganze Geschichte sehr viel zu denken gegeben. Immerhin war ich mir ja sicher, dass eine ADHS vorliegt. Ich wäre auch bereit gewesen, einen Behandlungsversuch mit einem anderen Medikament zu unterstützen. Und nun? „TV weg – Veloprojekt her – ADHS weg?“, fragte ich mich. Kann das überhaupt sein? Ich musste mich regelrecht kneifen, um meine Gedanken einigermassen vernünftig sortieren zu können.

Den Eltern und vor allem den Vätern empfehle ich ja seit jeher (und leider vielfach relativ erfolglos), mehr Zeit mit ihren Kindern für aktive Freizeitaktivitäten aufzuwenden. Die neue Qualität bestand darin, einen noch bewussteren Umgang mit den Bildschirmmedien anzustreben, was bei Patientinnen und Patienten aus meiner Praxis bisher immer darauf hinauslief, diesen radikal zu reduzieren.

An einem gab es nichts zu rütteln: In der Familie Hoffmann führte diese Veränderung im Konsumverhalten von Bildschirmmedien zu einer massgeblichen Reduktion der ADHS-Problematik. Und dies in einem Ausmass, von dem ich als Psychotherapeut normalerweise nur träumen kann.

Genauer hinsehen

Nach der Erfahrung mit der Familie Hoffmann habe ich begonnen, mich intensiver auch theoretisch mit diesem Thema zu befassen und bei allen künftigen Abklärungen eingehend auch das Bildschirmmedienkonsumverhalten und deren Folgen zu erfassen. Ich war erstaunt, dass schon dermassen viele empirische Untersuchungen zu diesem Thema vorlagen.

Ich habe einen Fragebogen verfasst, welchen die Eltern bei Abklärungen ihrer Kinder ausfüllen. Erfragt wird unter anderem, was genau und von wann bis wann das Kind in den letzten Tagen ferngesehen hat. Weitere Fragen betreffen Computer- und Konsolenspiele (also was und wie viel), den Internetkonsum, ob die Kinder Fernsehen oder Computer im Zimmer haben, seit wann sie ein Handy besitzen und andere relevante Fragen. Die Eltern haben zudem die Gelegenheit, anzugeben, zu welchen positiven und welchen negativen Auswirkungen der Bildschirmmedienkonsum bei ihrem Kind führt.

Zwischenzeitlich habe ich mehrere Hundert dieser Fragebögen gesichtet. Leider fehlt mir die Zeit, diese Angaben zum Medienkonsumverhalten und der mögliche Zusammenhang mit der Art und dem Verlauf der Probleme des Kindes statistisch auszuwerten.

Zusammenfassend kann ich aber Folgendes festhalten:

Die TV- und DVD-Zeiten meiner jungen Patientinnen und Patienten sind fast ausnahmslos hoch. Es gibt natürlich grosse Schwankungen nach oben und nach unten, aber die überwiegende Zahl der Kinder in meiner Praxis sieht rund zwei Stunden pro Tag fern. Bei Kindern aus meiner Praxis, welche älter als 13 Jahre alt sind, kommt es nicht selten vor, dass drei und mehr Stunden pro Tag ferngesehen wird. An Wochenenden heisst im Fragebogen häufig: vier oder fünf Stunden. Und immer wieder einmal steht einfach nur „ganzer Tag“ geschrieben.

Nun könnte man dem entgegenhalten, dies sei heute normal und alles andere als übertrieben. Und tatsächlich: Aktuelle Studien aus Deutschland ermittelten bei Jugendlichen eine durchschnittliche TV-Zeit von 110 Minuten pro Tag und ein Internet-Tageskonsum von durchschnittlich 135 Minuten aus. Durchschnittswerte hin oder her: Zwei, drei oder mehr Stunden Bildschirmmedienkonsum pro Tag sind definitiv zu viel. Das sagt alleine schon der gesunde Menschenverstand.

Bei der Frage nach den Sendungen, die die Kinder ansehen, erwähnen die Eltern oft Filme, welche nach 20:00 Uhr gezeigt werden. Dazu gehören auch die Standardkrimis. Diese werden oft schon von Neunjährigen gesehen. Immer wieder lese ich in diesen Fragebögen, dass die Kinder auch morgens vor der Schule und über Mittag fernsehen. Erstaunlich ist der doch sehr hohe Konsum von Bildschirmmedien und die folgenlose Risikoeinschätzung insofern, da wir in unserer Praxis mehrheitlich Familien betreuen, welche aus der Mittelschicht kommen.

„… macht aggressiv!“

Bei der Aufzählung der Konsole- und Online-Games erschrecke ich immer wieder, was den Kindern alles erlaubt wird. Bezüglich dem DVD- und Spielkonsum von Jugendlichen stelle ich immer wieder fest, dass die Eltern zwar ungefähr benennen können, womit die Kinder gamen, inhaltlich aber gar keine Ahnung haben, was sich an Brutalität in vielen dieser Spiele und Filme abspielt.

Bei der Frage nach den positiven und negativen Auswirkungen schildern mir die Eltern im Fragebogen kaum positive, aber umso häufiger negative Auswirkungen. Am meisten lese ich: „Macht aggressiv!“ Oder: „Kann sich nachher nicht konzentrieren“. Das ist schon sehr erstaunlich, da diese Feststellungen ja eigentlich dazu führen müssten, dass Eltern den Konsum von Bildschirmmedien ihrer Kinder ändern. Dies ist aber nicht der Fall.

Diese Feststellung mache nicht nur ich in meiner Praxis, sie wurden auch in Untersuchungen bestätigt. So fanden im Jahr 2010 in einer repräsentativen Studie zum Bildschirmmedienkonsumverhalten in Deutschland 80 % der Eltern, dass der Internetkonsum gefährlich ist. Nur ein Bruchteil aber verwendet Schutzfiltersoftware, welche ungeeignete Inhalte automatisch ausfiltern.



Man liest und hört ja immer wieder, dass den Kindern ermöglicht werden soll, sogenannte Bildschirmmedien-Kompetenzen zu erwerben. Ich bin davon abgekommen. Wer Bildschirmmedien-Kompetenzen benötigt, sind die Eltern.

Zuerst Bildschirmmedien-Entzug, dann Ritalin

Ich erwähnte vorhin, dass mich die Erfahrungen mit der Familie Hoffmann sehr verunsichert haben. Seit dieser Zeit rate ich in all jenen Fällen, in welcher ein hoher Bildschirmmedienkonsum evident ist, vor einem definitiven Entscheid für einen medikamentösen Behandlungsversuch zu einem vorgängigen dreimonatigen Absetzen von TV und schnellen Computerspielen.

Von vielen dieser Familien habe ich gar nichts mehr gehört, was natürlich nicht zwingend bedeutet, dass mit der Veränderung des Konsums von Bildschirmmedien tatsächlich die Probleme reduziert werden konnten. Ich habe allerdings auch keinen Anlass, das Gegenteil anzunehmen. Und immerhin kommt es doch immer einmal wieder vor, dass ich von den Familien oder den zuweisenden Ärzten positive Rückmeldungen erhalte.

Verursacht Bildschirmmedienkonsum ADHS?

Heisst das alles nun eigentlich, dass ADHS in der Folge eines überhöhten Bildschirmmedienkonsums entsteht? Einiges deutet tatsächlich darauf hin. Auch wissenschaftliche Studien weisen in diese Richtung. Trotzdem: Ich habe in meiner Arbeit bisher keine Beobachtungen machen können, welche auf einen zwingenden Kausalzusammenhang zwischen ADHS und Bildschirmmedienkonsum hinweisen könnten.

So behandelte ich beispielsweise eine ganze Reihe von Kindern mit einer ADHS, deren Eltern eine Landwirtschaft betreiben. Diese Kinder sind oft draussen, haben vielen Kontakt mit der Natur, schauen kaum fern – und leiden trotzdem an einer ADHS. Ausserdem stelle ich immer wieder fest, dass sich bei meinen jungen Patientinnen und Patienten relevante ADHS-Symptome schon sehr früh in der Kindheit manifestierten, zu einem Zeitpunkt also, an welchem Bildschirmmedien noch gar keine Wirkung entfalten konnten.

 

Ich weiss aber zwischenzeitlich aus meinen Erfahrungen in der psychotherapeutischen Arbeit mit ADHS-Betroffenen, dass ein problematischer Konsum von Bildschirmmedien die ADHS-Problematik eines Kindes massgeblich verschärfen kann. Und ich bin mir heute sicher, dass positive Veränderungen im Bildschirmmedienkonsumverhalten bei sehr vielen Kindern den Therapieverlauf positiv beeinflussen können.

Dabei geht es nicht um ein Entweder-Oder (also „Velo-Projekt“ statt Ritalin), sondern darum, dass eine Behandlung von Kindern mit einer ADHS massgeblich optimiert werden kann, wenn die leider häufig vorliegende Medienkonsum-Problematik mit reflektiert und modifiziert wird.

Neue Herausforderungen

Seit 2007 und den Erfahrungen mit der Familie Hoffmann ist in Sachen Bildschirmmedienkonsum in meiner Praxis einiges gelaufen. Meinen jungen Patientinnen und Patienten, deren Eltern, und auch mir stellen sich komplett neue Probleme. Zwei von unzähligen Beispielen:

Cyber-Mobbing

Anlässlich eines therapeutischen Elterngespräches legte mir der Vater von Vanessa, einer 13-jährigen ADHS-Patientin, einen Brief eines Rechtsanwaltes vor. Es ging um sogenanntes Cyber-Mobbing. Der Brief enthielt einen mehrseitigen Ausdruck mehrerer nächtlicher MSN-Chat-Dialoge, in welchem Vanessa auf primitivste Art und Weise und gemeinsam mit anderen ein Mädchen aus der Klasse fertig machte. Sie verwendete dabei einen „Jugo-Slang“ und sparte auch nicht mit üblen sexistischen Erniedrigungen.




Speziell an der Angelegenheit war, dass Vanessa von der Psychotherapie und der Therapie mit Medikamenten gut zu profitieren vermochte. Sie wurde zwischenzeitlich auch eine gute Schülerin. Das Mädchen stammt aus gutem Hause, die therapeutische Zusammenarbeit klappte auch mit den Eltern gut. Konflikte gab es eigentlich nur noch zu Hause und wenn, dann im Zusammenhang mit dem iPhone oder dem Internet-Konsum.

Die Eltern fanden unter anderem heraus, dass sich Vanessa bei Freundinnen einen neuen Facebook-Account eröffnete (dies war ihr zu Hause wegen früherer Vorfälle verboten worden) und sich von da aus mit wildfremden Leuten auch über Sex unterhielt, wobei es mehr um eine gegenseitige primitive sexuelle Anmache ging.

Die Eltern, und ehrlich gesagt auch ich, waren schockiert. Dass das Mädchen nachts das iPhone der Mutter klaute, konnte ich mir schon irgendwie noch vorstellen. Dass dieses intelligente und freundliche Mädchen aber dermassen unter der Gürtellinie auf andere losging und sich dabei einer derart primitiven Sprache bediente, hätte ich mir nie und nimmer gedacht. Der Konsum dieser Medien scheint die Menschen zu verändern und sie zu Verhaltensweisen zu animieren, welche in keiner Weise ihrem Charakter entsprechen.

Cyber-Trauerarbeit

Vorfälle dieser Art begegneten mir in den letzten Jahren immer wieder. Ich könnte Ihnen jetzt Dutzende von Beispielen aufzählen. Ich beschränke mich auf ein Erlebnis mit der damals 16-jährigen Anja, welche zu diesem Zeitpunkt schon seit drei Jahren von mir behandelt wurde.



Anja war schwer hyperaktiv. Trotz medikamentöser Behandlung und anderen therapeutischen Massnahmen waren ihre Fingernägel immer extrem weit abgekaut und sicherlich ein Finger blutete jedes Mal, wenn ich das Mädchen in der Sprechstunde sah. Anja war zudem hochbegabt, was dazu führte, dass sie von Schulbeginn an und zusätzlich zu der ADHS eine Sonderrolle einnahm. Sie zeigt auch gewisse autistische Züge. Schulisch ging es Anja zwischenzeitlich ordentlich gut. Sie besucht mit ordentlich guten schulischen Erfolgen ein privates Gymnasium. Ich sah sie nur noch sporadisch zur Kontrolle in der Sprechstunde.

Die Mutter von Anja rief mich also an und teilte mit, dass es ihrer Tochter psychisch sehr schlecht gehe. Es könnte sich um eine Depression handeln. Sie spreche davon, nicht mehr leben zu wollen.

Anja berichtete mir dann in der Sprechstunde weinend, dass ihr Freund gestorben sei. Es habe einen Fahrradunfall gegeben. Da mir neu war, dass Anja einen Freund hatte, fragte ich nach. Sie erzählte mir ausführlich von dem Jungen, mit welchem sie seit einem dreiviertel Jahr zusammen sei, und zeigte mir auf einem USB-Stick auch ein Foto von Loris.

 

Ob die Möglichkeit bestehe, dass sie zur Beerdigung gehe, fragte ich Anja. Sie schüttelte den Kopf. Loris sei aus Deutschland. „Und?“, fragte ich. „Deine Eltern fahren dich sicher zur Beerdigung.“ Sie wisse nicht, wo Loris wohne, sagte Anja. Ich stutzte. Schliesslich kam heraus, dass es sich um eine virtuelle Freundschaft handelte. Anja hatte diesen Jungen nie persönlich getroffen und nie mit ihm gesprochen. Sie hatten nur via MSN und später via Facebook Kontakt miteinander. Vom Tod von Loris erfuhr Anja durch einen seiner (möglicherweise ebenfalls virtuellen) Kollegen, welche in Anjas MSN-Kontaktliste aufgeführt waren.

Anja ging es psychisch wirklich schlecht. Sie machte sich Vorwürfe, am Tod des Jungen mitschuldig zu sein. Sie habe ihm kurz vor seinem Tod von ihren Problemen erzählt. Er sei der einzige Mensch gewesen, welcher ihr Vertrauen gehabt habe. Loris habe sich immer viel Sorgen um sie gemacht und habe wahrscheinlich deswegen beim Velo fahren nicht richtig aufgepasst.

Anjas Fantasien schossen ins Unermessliche. Sie hatte im virtuellen Raum keine Chancen, ihre Vorstellungen zu überprüfen und damit zu korrigieren. Sie konnte auch nicht die Mutter des Jungen anrufen und fragen, was wirklich los war. Der Kollege, welche Anja den Tod von Loris meldete, war nicht mehr auffindbar.

Mit so einer Situation war ich in meiner Praxis noch nie konfrontiert. Die Grenzen des Virtuellen zum Realen schienen zu verschwimmen. Mein Gehirn arbeitete auf Hochtouren. Aufgrund der doch sehr konkreten Suizidgedanken stand ich kurz davor, das Mädchen in die stationäre Kinderpsychiatrie einzuweisen. Aufgrund des doch guten therapeutischen Kontaktes und einem spontanen Einfall gelang es mir aber doch, Anja psychisch aufzufangen.

Wir sassen am nächsten Tag zusammen vor dem PC und googelten nach einem Online-Friedhof, um Loris virtuell beerdigen zu können. Zum Glück las ich vor einer Weile, dass es so etwas gibt. Wir vereinbarten für den Folgetag einen weiteren Sprechstundentermin, an welchem auch ihre Mutter anwesend war.

Anja hatte zwischenzeitlich auf dem Online-Friedhof ein virtuelles Grab vorbereitet. Es handelte sich quasi um eine erweiterte und multimediale Online-Todesanzeige. Anja suchte sich die passende Musik aus und wählte diejenigen grafischen Gestaltungselemente, welche ihrer Meinung nach zu Loris passten. Sie schrieb auch einen Abschiedstext.

Zusammen mit der Mutter, welche den Ernst der Lage glücklicherweise sofort begriff, hat Anja dann das virtuelle Grab per Mausklick aktiviert, so dass es im Internet für alle sichtbar wurde. Zum Glück gelang es mir, Anja davon abzubringen, ein Foto von Loris zu veröffentlichen. Immerhin wussten wir ja weder, ob Loris tatsächlich Loris war, noch ob er lebte oder wirklich tot war.

Anja hat sich dann aufgefangen. Falls Berufskolleginnen oder -kollegen unter Ihnen sind, welche jetzt den Kopf schütteln, will ich noch erwähnen, dass Remo keine Anzeichen einer Psychose zeigte. Es handelte sich tatsächlich um eine intensive Trauerreaktion.




Völlig neue Herausforderungen

Vielleicht fragen Sie sich, warum ich Ihnen nach der Geschichte der Familie Hoffmann noch von Vanessa und Anja berichte. Ich will Ihnen damit verdeutlichen, dass nicht nur Sie als Eltern, sondern dass auch wir Psychotherapeuten, Lehrkräfte und andere durch die medialen Umwälzungen vor völlig neue Herausforderungen gestellt werden. Die Entwicklung der Neuen Medien geht dermassen schnell vor sich, dass wir Erwachsenen gar nicht wirklich mithalten können. Was bleibt ist, dass Sie als Eltern und wir uns als Fachpersonen auf den Weg machen müssen, um zu begreifen, was da so schnell passiert.

Fundamentalismus?

Vielleicht mag der oder die Eine oder Andere unter Ihnen denken, ich gehöre zu einer Sekte oder zu einer Gruppierung fundamentalistischer und medienkonservativer Fachleute, welche die Neuen Medien pauschal verteufelt und darin nur alles Negative sieht.

Ich kann Sie beruhigen. Den Neuen Medien stehe ich prinzipiell positiv gegenüber. Denken wir beispielsweise an all das Wissen, welches durch das Internet für jeden zugänglich wurde. Früher musste man privilegierten Schichten angehören, um Zugang zu Wissen zu erhalten. Ganz anders heute. So habe ich auf meinen Reisen in die Sahara Nomadenschulen kennengelernt, in welchen das Internet vor allem für Mädchen der Schlüssel zur Welt darstellt.

 

Und Sie wissen es bestens: Mit einem Gewehr kann man jagen und jemanden erschiessen. Und mit einem Computer kann man Langstreckenraketen steuern und robotergestützte chirurgische Eingriffe durchführen. Es ist also nie eine fundamentalistische Frage, die auf radikales „Richtig / Falsch“  oder „Gut / Böse“ hinausläuft. Es ist immer die Frage, wie und wofür etwas gut oder schlecht sein soll.

Die wichtigsten Forschungsresultate

Bevor ich zum Abschluss und einer Zusammenstellung mit konkreten Tipps komme, möchte ich Ihnen einige Schlussfolgerungen aus der empirischen Forschung über den Zusammenhang von ADHS und Bildschirmmedienkonsum vorstellen.

Festhalten kann ich, dass unter Fachleuten unterschiedliche Positionen vertreten werden. Es ist wie beim Thema ADHS oder beim Klima, wo sich bis heute immer wieder Experten finden lassen, welche den vom Menschen erzeugten Klimawandel oder die Existenz der ADHS bezweifeln oder gar explizit verneinen. Ihnen als Eltern kann ich empfehlen, sich vor allem an den gesunden Menschenverstand zu halten und Ihren eigenen Wahrnehmungen zu trauen.

Soweit ich es bis jetzt beurteilen kann, gelten folgende Feststellungen als gesichert – und zwar gesichert in dem Sinne, dass es sich nicht einfach um persönliche Meinungen handelt, sondern um Resultate von empirischen und teils über viele Jahre fortlaufenden wissenschaftliche Untersuchungen.

Erwähnen möchte ich an dieser Stelle, dass in wissenschaftlichen Untersuchungen statistische Zusammenhänge aufgezeigt werden. Ein signifikanter Zusammenhang zwischen zwei Ereignissen bedeutet dabei nicht, dass die Ursache X bei der Person Y zwingend zu diesem oder jenem Verhalten führt.

Beispiel: Etwa 9000 Personen sterben in der Schweiz jedes Jahr an den Folgen des Tabakkonsums. Das sind fast 20-mal mehr als bei Verkehrsunfällen. Rauchen ist also nachweislich sehr, sehr gefährlich. Und trotzdem werden einige wenige Raucher 90, 95 Jahre alt (oder noch älter). Also für den Einzelfall sagen Statistiken nichts aus.

Zu den Resultaten:

  • In Studien mit Tausenden von Kindern wurde nachgewiesen, dass ein TV-Konsum die kognitive Entwicklung sowie die Gesundheit von Kindern nachhaltig beeinträchtigen kann.
  • Je früher Kinder fernsehen und je länger sie dies tun, umso ausgeprägter können Störungen verschiedener Wahrnehmungs- und Aufmerksamkeitsfunktionen ausfallen.
  • Tägliche Fernsehnutzung geht statistisch einher mit Störungen im Schriftspracherwerb, mit Schlafproblemen und aggressivem Verhalten.
  • Je mehr Zeit Schülerinnen und Schüler mit Medienkonsum verbringen und je brutaler dessen Inhalte sind, desto schlechter fallen die Schulnoten aus.
  • Je mehr TV die Kinder sehen, umso geringer ist ihre Lesemotivation.




  • TV- und PC- und Videogame-Konsum verstärken ADHS-Symptome.
  • Studien zeigen, dass von einer ADHS betroffene Kinder und Jugendliche aufgrund der neuropsychologischen Gegebenheiten dieses Störungsbildes anfällig sind für die Entwicklung einer Computerspielsucht.
  • Gewaltdarstellung in Medien erzeugen Reaktions- und Verhaltensmuster, welche unter bestimmten Rahmenbedingungen in manifeste Aggressionen münden können.

Meiner persönlichen Beurteilung nach decken sich die Forschungsresultate der letzten Jahrzehnte mit meinen eigenen Beobachtungen. Sie bestätigten mir quasi im Nachhinein das, was ich selbst bei Hunderten von Kindern mit einer ADHS beobachtet habe.

Empfehlungen

Abschliessend zu meinen konkreten Empfehlungen. Behalten Sie bitte im Auge, dass jede Familie ihren eigenen Weg finden muss, um mit den neuen multimedialen Hausforderungen irgendwie zurechtzukommen. Fertige Rezepte habe auch ich nicht.

Berücksichtigen Sie bitte ausserdem, dass es Zeit braucht, klare Regeln zum Bildschirmkonsum in der Familie aufzustellen. Und vergessen Sie nicht, dass Sie diese Regeln dann auch durchsetzen müssen. Also bitte keine Schnellschüsse.

Und ganz wichtig: Mutter und Vater müssen sich auch bezüglich Bildschirmkonsum eine „Unitè du Doctrine“ ( einen gemeinsamen und konsequenten Erziehungsstil) erarbeiten. Wenn nicht beide Elternteile am selben Strick ziehen, gehen die Chancen gegen Null, der multimedialen Übermacht eine Portion Vernunft und gesunden Menschenverstand entgegenzuhalten.

Gerade bei etwas älteren Kindern ist es wichtig, dass die Eltern ihre Massnahmen begründen können. Sie müssen vor allem selbst daran glauben, dass Ihre Haltung richtig ist. Dazu ist zu empfehlen, dass sich die Eltern sachkundig machen.



Zu den Tipps

    • Meine Ausführungen sind geeignet, Schuldgefühle von Müttern mit ADHS-Kindern zu verstärken. Immerhin ist es Realität, dass TV, Nintendo und Handy-Games für Mütter zahlreicher Kinder mit einer unbehandelten ADHS die einzige Möglichkeit darstellt, um selbst einen Moment zur Ruhe zu kommen. Naheliegend, wenn diese Mütter nach meinen Ausführungen die Schlussfolgerung ziehen könnten, in der Erziehung definitiv versagt zu haben und halt doch schuldig für die Probleme des Kindes zu sein.
      Der erste Tipp lautet daher wie folgt: Statt in Schuldgefühlen zu versinken, welche eh nur lähmen und niemandem wirklich nützen, sollten Eltern jetzt und in Zukunft Verantwortung für das Thema Bildschirmmedienkonsum übernehmen – und handeln. Da liegt Potential drin (und nicht beim Grübeln über all die Fehler und alles Versäumte in der Vergangenheit). Positive Entwicklungen sind selbst nach katastrophalen Zuständen in Sachen Bildschirmkonsum möglich. Das sah ich nicht nur bei der Familie Hoffmann.
    • Kinder mit oder ohne ADHS sollten meiner persönlichen Meinung nach so wenig wie möglich fernsehen. Am besten gar nicht.
    • Falls die Eltern auf TV nicht verzichten möchten: Pro Tag nicht mehr als 30 Minuten Bildschirmmedienkonsum (also TV + DVD + Internet zusammengefasst). Und das alles erst ab dem Schulalter.
    • Eltern sollen nicht nur die Zeit begrenzen, sondern auch die Inhalte der konsumierten Bildschirmmedien bestimmen. Dazu kommen Eltern nicht umhin, sich Zeit zu nehmen und sich damit auseinanderzusetzen, womit die Kinder genau spielen.
      Versuchen Sie ruhig auch einmal, sich einen der Horror-Videos anzusehen, welche Jugendliche konsumieren, als wäre es ein harmloser Trickfilm. Sie sollten dies aber nicht alleine tun und sich vorgängig Möglichkeiten für eine psychologische Unterstützung organisieren. Manche der Horrorfilme sind derart brutal, dass nicht nur Kinder, sondern auch Erwachsene traumatisiert werden können.
    • Bei der Beurteilung der Inhalte lade ich Sie ein, auf die angegebenen Alterslimite zu pfeifen. Diese werden nämlich weder von einer Ethikkommission oder von Elternorganisationen, sondern von der Spielindustrie definiert. Deren Interesse gilt ausschliesslich einem hohen Profit. Nur Sie als Mutter oder Vater sollen entscheiden, was Sie Ihrem Kind zumuten wollen.
    • Mütter: Verlasst Euch auf den gesunden Menschenverstand. Wenn Ihr nicht wollt, dass eure Kinder Baller-Games spielen und Krimis schauen, setzt euch durch!
    • Während auf TV auch ganz verzichtet werden kann, stellen Computer und Internet eine wertvolle Möglichkeit dar, sich sozial besser zu vernetzen und sich Wissen anzueignen.  Auch Computerspiele haben durchaus ihre Berechtigung, die Frage ist nur welche. Meine Empfehlung: Beschränken Sie sich auf Computerspiele, bei welchen die Kinder mit Punkten oder einem höheren Level belohnt werden, wenn sie nachdenken und nicht nur dann, wenn sie blitzschnell reagieren.
      Leider ist die Auswahl an Spielen, bei welchen wirklich kreativ gedacht werden muss, erschreckend klein. Kinder ab 10, 11 Jahren können aber in Begleitung eines Elternteils lernen, den Flugsimulator von Microsoft zu bedienen. Dieses Simulationsspiel gibt es seit 30 Jahren und wurde immer weiter entwickelt. Ein anderes Beispiel sind Schachprogramme oder einfache Bildbearbeitungsprogramme. Wichtig ist, dass die Kinder nicht einfach vor den PC gesetzt werden, sondern dass sich der Vater oder die Mutter die notwendige Zeit nimmt, das Kind wenigstens zeitweise bei seinen Ausflügen in die virtuelle Welt zu begleiten.
    • Vertrauen ist gut, Kontrolle besser. Kontrollieren Sie, was Ihr Kind im Internet konsumiert. Sie können das mit geeigneten Filterprogrammen machen, welche auf dem PC installiert werden können.
    • Kontrollieren Sie auch regelmässig das Handy Ihres Kindes. Haben Sie keine Angst, es stellt keinen Eingriff in die Privatsphäre dar, sondern zählt zu den vorsorglichen Massnahmen, für welche die Eltern verantwortlich sind. Konkret schlage ich jeweils Folgendes vor: Das Kind soll eine erwachsene Person Ihres Vertrauens vorschlagen, welche alle zwei Wochen das Handy und deren Inhalte kontrolliert. Diese Person sichert dem Kind zu, persönliche Inhalte nicht weiterzutragen. Das Kind muss ganz genau wissen, was nicht drin liegt. Für die meisten Familien sind das das Bild- und Videomaterial mit sexuellen oder gewalttätigen Inhalten, keine Mobbing-Filmchen, keine Kontaktpflege mit unbekannten Personen.
    • Spielen ist ein wichtiges Element der Kindheit. Kinder lernen viele Dinge spielerisch und spielend erfahren Kinder ihre Umwelt. Auch in der digitalen Welt hat das Spielen für Kinder einen hohen Stellenwert. Computer spielen ist für Kinder eine der häufigsten Nutzungsformen des Computers. Geben Sie Ihren Kindern aber besser die Gelegenheit zum echten Spiel und zu echten sinnlichen Wahrnehmungen. Also nicht nur zweidimensionale Welten, welche die Entwicklung eines gesunden Wahrnehmungssystems behindern, sondern hauptsächlich 3-dimensionale Erlebnisse, die das Wahrnehmungsvermögen des ganzen Körpers und vor allem aller Sinne ansprechen.




  • Auch wenn es vielen Eltern nicht passt: Gleichaltrige, sogenannte Peergruppen, haben ab einem bestimmten Alter einfach mehr Einfluss auf Kinder als die Eltern. Kinder wollen irgendwann durch Gleichaltrige anerkannt werden. Sie wollen „ankommen“ und im Mainstream mitschwimmen. Im Klartext heisst das leider oft, dass ein Kind, welches nicht dieses oder jenes PC-Spiel hat oder spielen darf oder diesen oder jenen Film nicht gesehen hat, von der Gruppe ausgelacht oder gar ausgeschlossen wird. Ich habe in der Praxis immer wieder Kinder, welche massiv darunter leiden.
    Trotzdem: Würde Ihr Kind mit Gleichaltrigen kiffen oder Bier trinken, wäre es sonnenklar, dass Sie sofort intervenieren würden. Soziale Anerkennung durch Gleichaltrige hin oder her. Tun Sie das bitte auch hinsichtlich Bildschirmmedien. Die Folgen eines zu hohen Konsums von Bildschirmmedien können schlimmer sein, als ein ein- oder zweimaliges Ausprobieren von Cannabis.

Wie schon gesagt: Jede Familie muss ihren eigenen Weg finden, um mit all diesen Herausforderungen zurechtzukommen. Die Nutzung des Computers und des Internets ist aus dem heutigen Leben nicht mehr wegzudenken und auch der völlige Verzicht darauf bringt die ADHS-Symptome nicht zum Verschwinden. Sie als Eltern können aber durch eine aktive, massvolle und kritische Regulierung des Konsums Neuer Medien durchaus dazu beitragen, dass verschiedene ADHS-Symptome gemildert und abgeschwächt werden können und somit – ergänzend zu Massnahmen und Therapien – eine wichtige Hilfe für Ihr Kind darstellen.

Danke für Ihre Aufmerksamkeit!


 

Wie man einen Satz oder einen Abschnitt aus diesem Text korrekt zitiert
Rossi, Piero: „ADHS & Bildschirmmedien“. In: Internetseite: www.ADHS.ch. Stand: [Datum der letzten Aktualisierung]. Abgerufen am: [Datum der Textentnahme]. Online im Internet URL:  http://www.adhs.ch/bildschirmmedien-und-adhs/ ‎


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Er wurde letztmals aktualisiert am 11.10.2017.
© Piero Rossi