Verursachen Helikopter-Eltern bei ihren Kindern ADHS?

Im Spiegel-Online ist wieder einmal über Helikopter-Eltern zu lesen. Ich frage mich, ob die Erziehung dieser Eltern nicht in eine A(D)HS münden kann. So überkontrollierte Kinder könnten doch innere Spannungen und vielleicht auch Versagensängste bekommen … J.L.

http://www.adhs.ch/ueber-mich/

Falls jemand noch nicht oder nicht mehr weiss, was Helilopter-Eltern sind: „Der Begriff Helikopter-Eltern ist eine populäre Bezeichnung für eine moderne Form der Überbehütung, bei der die ständige Überwachung des Kindes im Vordergrund steht. Helikopter-Eltern üben ihre Elternrolle in übertriebenem Mass aus …“ (Wikipedia).

Während meiner Praxistätigkeit hatte ich nie die Gelegenheit, Eltern von Kindern mit einer ADHS kennenzulernen, welche einen Helikopter-Eziehungsstil pflegten. Und ich glaube auch nicht, dass es diese gibt.

Helikopter-Vorwürfe an Mütter von Kindern mit ADHS

Wohl aber habe ich zahlreiche Mütter von betroffenen Kindern kennengelernt, welche dem Helikopter-Vorwurf ausgesetzt waren. Hier eine Aufzählung der beiden angeblichen schlimmsten Helikopter-Verhaltensweisen dieser Mütter.

Behinderung der Entwicklung des selbständigen Lernens

Wenn diese Mütter ständig ihren Kindern bei den Hausaufgaben helfen – und genau das tun sie unentwegt – lernen die Kinder nie, diese selbständig zu erledigen.

Kommentar
Kinder mit einer ADHS haben syndrombedingt Probleme beim Erledigen von Hausaufgaben und beim Lernen auf Prüfungen. Und das nicht wenig.

Ihr Aufmerksamkeitsnetzwerk ist im Regelfall nur dann aktiv genug, wenn neue und/oder subjektiv interessante Inputs eintreffen. Bei Hausaufgaben und Lernen handelt es sich indes meistens um repetitive und nicht eben sehr aufregende oder interessante Tätigkeiten. Bei vielen Kindern mit einer ADHS reicht dafür schlicht und einfach die mentale Energie nicht mehr aus.




Nach aussen mag es dann den Anschein machen, dem Kind fehle es Motivation. Dabei sind es die neuronalen Netzwerke, welche die Exektivfunktionen regulieren, die syndrombedingt down sind.

Hinzu kommt bei medikamentös behandelten Kindern, dass am Nachmittag die Wirkung der ADHS-Medikamente oftmals nachlassen. Für eine mehr oder weniger intakte Impulssteuerung mag es gerade noch reichen, nicht aber für höhere mentale Prozesse. Das gilt übrigens auch bei der Behandlung mit Retard-Präparaten wie Concerta. Nicht immer entspricht die versprochene Wirkdauer den Angaben im Beipackzettel. Dies vor allem dann, wenn der Arzt eine etwas zu knappe Dosierung wählte.

Würden Mütter von ADHS-betroffenen Kindern beim Erledigen von Hausaufgaben nicht unterstützend beistehen, würde das darauf hinauslaufen, ihre Kinder ins offene Messer laufen zu lassen. Zum Glück verlassen sich diese Mütter auf ihren gesunden Menschenverstand und ihr Bauchgefühl.

Behinderung der Entwicklung sozialer Kompetenzen

Begleiten diese Mütter Tag für Tag ihre Kinder in die Schule und wieder zurück, behindern sie diese an der Entwicklung sozialer Kompetenzen. 

Kommentar
Ich kenne viele Mütter, welche ihre ADHS-betroffenen Kindern zur Schule begleiteten und sie nach Schulschluss wieder abholten. Das hatte immer handfeste und bestens nachvollziehbare Gründe, welche mit einem Helikopter-Verhalten nichts zu tun hatten.

Hauptgrund waren nämlich berechtigte Befürchtungen, das Kind könnte auf dem Schulweg verunfallen. Aus Zerstreutheit kann das Kind ein herbei fahrendes Auto übersehen. Impulsives Verhalten kann dazu führen, dass diese Kinder unvermittelt zwischen parkenden Fahrzeugen auf die Strasse springen. Und schon ist es passiert.

Diesen angeblichen Helikopter-Müttern ist es zu verdanken, dass die hohe Zahl von Verkehrsunfällen, in welche Kinder mit einer ADHS verwickelt sind, nicht noch höher ist.

Merke: Verkehrsunfälle sind nachweislich das höchste mit einer ADHS einhergehende vitale Risiko für Kinder.




Behinderung der Autonomieentwicklung

Wiederholt las ich in Berichten von schulpsychologischen Diensten, dass nicht nur das Verhalten der Mütter, sondern auch eine ADHS-Therapie selbst die Kinder in ihrer Autonomieentwicklung behindern würde. Wie sich die Mütter fühlten, als sie dieses vernichtende Urteil zu hören bekamen, kann sich (hoffentlich) jeder vorstellen.

Diese Schulpsychologen erklärten mir auf Nachfrage immer mehr oder weniger dasselbe: Dass nämlich eine medikamentöse ADHS-Behandlung einer riesengrossen Verwöhnung gleichkomme. So müsse der Schüler gar nicht mehr aus eigener Kraft einen Widerstand überwinden. Die Folgen seien fatal, erklärte man mir überzeugt (aber nicht überzeugend).

Eltern von ADHS-Kindern haben keine Zeit zum Helikoptern

Eingangs erwähnte ich, dass ich bisher nie Helikopter-Eltern mit ADHS-betroffenen Kindern kennengelernt habe.

Ich glaube auch nicht, dass es diese überhaupt gibt. Und wenn, dann sind es wohl echte Einzelfälle.

Und zwar, weil die mir bekannten Mütter von ADHS-betroffenen Kindern weder über Kraft, noch über die Zeit verfügten für irgendwelche Helikopter-Aktionen. Das gilt auch in Familien, deren Kinder behandelt wurden.

Viele können sich gar nicht vorstellen, wie anstrengend es für diese Mütter nur schon ist, den ganz gewöhnlichen Alltag mit ihren Kids einigermassen zu bewältigen. Abends sind sie froh, wenn sie das Gröbste einigermassen über die Runden gekriegt haben. Und wenn nicht wieder die Eltern eines Mitschülers angerufen und sich über das Verhalten des eigenen Kindes beschwert haben.

Eltern von Kindern mit ADHS versuchen, die Impulsivität ihrer Kinder und die Folgen der Aufmerksamkeitsstörungen im Zaum zu halten. Und ja, in diesen Bereichen kontrollieren sie ihre Kinder. Zum Glück tun sie dies. Mit einem überfürsorglich, verwöhnenden und kontrollierenden Erziehungsstil hat das aber echt nichts zu tun.

Den Müttern dieser Kinder fehlt es alleine schon an der Zeit für Helikopter-Aktivitäten. Denn meistens bleibt neben den meist wöchentlichen stattfindenden Psychotherapie-Sitzungen, neben den Fahrten zur Lernhilfe und zur Psychomotorik-Therapie nicht mal Zeit übrig, um andere wichtige Sachen zu erledigen.



Helikopter-Erziehung kann zu Pseudo-ADHS führen

Auch wenn mir selbst keine Fälle bekannt sind, könnte ich mir vorstellen, dass Kindern von Helikopter-Eltern ADHS-ähnliche Probleme entwickeln könnten. In diesem Sinn kann ich der Fragestellerin durchaus zustimmen.

Die hohen Erwartungen von Helikopter-Eltern könnten dazu führen, dass die betroffenen Kinder Überforderungsreaktionen und Ängste entwickeln. Dies kann bekanntermassen zu Leistungs- und Konzentrationsstörungen führen.

Die hohe und für das Kind einengende kann zu Ausbrüchen und Wutanfällen führen, welche (entfernt) vielleicht auch an eine ADHS denken lassen könnten.

Ein Verwechslungsrisiko besteht nicht. Denn das Verhalten von Helikopter-Eltern ist hoch evident. Nahezu alle Psychologen, Kinderärztinnen und Psychiater kennen das Helikopter-Verhalten bestens.


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Dieser Text ist urheberrechtlich geschützt.
Er wurde erstellt am 11.12.2017.
© Piero Rossi




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